Feierabende: Lustige und finstere Geschichten

Part 27

Chapter 273,825 wordsPublic domain

Der Mensch richte nicht über den Mitmenschen! So richte Gott! Des Volkes Stimme aber ist Gottes Stimme! -- Nach diesem Grundsatze hat der Gerichtshof die gewaltige Verantwortlichkeit von sich ab- und auf die Schultern des Volkes gewälzt.

Andererseits jedoch war es mir erwünscht, daß mich mein Los auf mehrere Wochen von der Gegend fortrief in die ferne Hauptstadt. Eine Zerstreuung, wie ich sie bedurfte, konnte nur in der Erfüllung einer ernsten, schweren Amtspflicht zu finden sein. Auch hatte ich des Bedauerns und Mitleids der Leute genug; derlei Theilnahme war mir endlich fast so lästig, wie die halbversteckte Schadenfreude Anderer, daß ich reicher Mann mit der gepachteten Moral, wie sie sagten, einen Lumpen zum Sohne und keinen Erben hätte.

Der erste Fall, über den wir Geschworne den Wahrspruch zu fällen hatten, war gleich von seltsamer Natur. Ein junger Mann, von dem vorläufig nichts zu erfahren gewesen war, als daß er Otto Hofer heiße, hatte seine Geliebte ermordet. Es sollen viele mildernde Umstände vorliegen, hieß es, und der Fall gehöre eigentlich in das Bereich der Selbstmorde.

Die Morde und Selbstmorde mehren sich heutzutage in wahrhaft erschreckender Weise; ich war entschlossen, ein schweres Schuldig zu fällen. Wohl kam mir in den Sinn: Sei milde! kennst Du doch die Wege nicht, die Dein eigener Sohn wandelt: -- das war nicht Gottes Stimme, denn Gott, der Vater aller Wesen, richtet nach strenger Gerechtigkeit seine entarteten Kinder. Freilich hätte schließlich selbst Gott nicht das Recht, zu richten, denn seine Geschöpfe sind so, wie er sie geartet hat, und seine Allweisheit, die in die Zukunft sieht, hätte den Fall des schwachen Wesens voraussehen müssen, noch ehe dieses erschaffen war.

So spricht in uns das Schuldbewußtsein. Hätte ich nicht den elenden Sohn im Herzen getragen, ich hätte so gottlos gewiß nicht gedacht. So war ich gleichsam jetzt der Mitschuldige aller Missethäter, da ich nicht sowohl diesen, als vielmehr Gott die Schuld gab an ihrer bösen That; denn ich vertheidigte sie ja im Gedanken und klagte den Herrn an. Und ich sollte auf dem Richterstuhle sitzen?!

Ich zitterte wie ein Verbrecher vor dem Eintritt in den Gerichtssaal.

Da kam mir in der letzten Stunde vor dem Beginne der Schlußverhandlung die Weisung zu, ich sei in diesem Straffalle als Geschworner abgelehnt -- abgelehnt von dem Angeklagten selbst.

Ich war überrascht und sann nach, ob das Rücksicht oder Mißtrauen sei, und was den Mörder nur veranlassen konnte, gerade auf mich zu verzichten. Wie ich harmlos war!

Da aber mein Interesse für den Fall schon einmal erweckt war, so ging ich doch in den Gerichtssaal und setzte mich unter das zahlreiche Publicum.

Alles war gespannt und flüsterte, erging sich in Vermuthungen und Behauptungen, und man verfluchte den Mörder, noch ehe man ihn sah. Besonders die anwesenden Frauen urtheilten strenge. -- „Die Geliebte zu ermorden!“ sagte Eine in lebhafter Entrüstung, „die eigene Geliebte! Entmenschteres kann es nicht mehr geben!“ Die so sprach, war dieselbe Frau, welche ich einige Abende früher im Schauspielhause bei „Romeo und Julie“ bitterlich schluchzen gesehen hatte.

Eine zweite Dame meinte: zu einer That, wie die von dem heutigen Angeklagten begangene, könne nur die reinste und glühendste Liebe fähig sein, die Vereinigung im Tode finden will, wenn solche im Leben vergeblich gesucht werde.

„Na, wir sind ja nicht im Theater,“ antwortete eine streng sittliche Nachbarin ärgerlich, „wo kämen wir hin auf der lieben Welt, wenn die Leut’ solche Ansichten hätten!“

Ich meinte schier dasselbe, enthielt mich aber jeder Aeußerung.

Endlich wurde der Angeklagte mit geschlossenen Händen von zwei bewaffneten Gerichtsdienern vorgeführt. Mir verging das Augenlicht.

Der Angeklagte war mein Sohn. -- -- --

Er war blaß, gedrückt, aber ruhig. Er hatte in einer kurzen Wendung sein Angesicht gegen den Zuschauerraum gerichtet; ein Blick seines mattleuchtenden Auges war auf mich gefallen. Ein leises Zucken -- ich merkte es wohl -- ging durch seine Gestalt; dann aber war er wieder gelassen und wendete sein Angesicht nicht mehr in die Richtung gegen mich. -- Ich weiß heute noch nicht, wie es mir möglich war, mich zu sammeln. So sah ich mein Kind wieder. Doch, das konnte ja nicht der des schweren Verbrechens Angeklagte sein; der Mörder hieß anders. Oder hatte er den falschen Namen gewählt; um mich zu schonen? Wie sollte das nützen! In der Stadt -- gleichwohl diese ziemlich weit von meinem Gute entfernt lag -- war er ja doch nicht unbekannt. Die amtlichen Erhebungen waren rasch vollzogen worden und der Staatsanwalt nannte laut -- daß mir der Grund des Herzens erbebte -- den Namen Alfred Baumgartner: angeklagt des Mordes im Gasthause zum „Pelikan“ am Morgen des 18. Mai 18.. an einem zwanzigjährigen Mädchen, Namens Rosa Weching, durch einen Schuß verübt, nachdem er Letztere als seine Geliebte aus ihrem Elternhause zu Lehnbrück entführt hatte.

Meine Nebensitzenden, die mich kannten, wollten mich hinausführen, da mir unwohl sein müsse. Ich dankte und trocknete mir die Stirne mit dem kühlen Sacktuche. Und ich habe der Verhandlung beigewohnt. Es war das Schrecklichste in meinem Leben. Gewiß, die blutige That wurde doppelt gesühnt -- an ihm, an mir.

Die Verhandlung verlief rasch; Alfred war in Allem geständig. Der Staatsanwalt trug ein „Schuldig zum Tode“ an. Mehrere der Geschwornen sah ich mit dem Kopfe nicken.

Der Angeklagte saß bewegungslos wie ein Steinbild auf der Bank. Der Richter fragte ihn, ob er etwas zu bemerken habe, oder ob er jegliche Verantwortung dem Vertheidiger überlassen wolle.

Da erhob sich Alfred von der Armensünderbank und hub an zu sprechen.

Ich kann kein Wort davon vergessen.

„Ihr Herren Richter,“ hub er an, „ich will nicht rechten um mein Leben; das -- ich wußte es -- war verfallen, ehe ich in dieses Haus geführt wurde. Das Leben ist mir die größte Last, und was mein Vertheidiger zu meinen Gunsten auch sagen mag, Ihr gerechten Richter, ich bitte Euch, verurtheilt mich zum Leben nicht! Die Schuld ist ja der Uebel größtes und ich bin schuldig geworden; -- so endet meine Qual! -- Aber auf meinen Vater werfet keinen Stein, er hat’s echt mit mir gemeint -- ich hab’s früh genug erkannt. Doch, wer vermag seinem Verhängnisse zu entgehen?“

„Pah, Verhängniß!“ unterbrach ihn Einer der Geschworenen, „der Glaube an das Verhängniß ist ein unselig’ Ding und -- eine leichtfertige Ausrede.“

„Ihr Alle säßet da in tiefer Schuld!“ fuhr der Angeklagte fort, „hätten Euch das Temperament und äußere Verhältnisse so mitgespielt, wie mir. -- Ich wußte, meine Liebe zu Rosa würde den Frieden meines Hauses zerstören; +sie+ wieder wußte, daß sie für meine Verhältnisse keine Hausfrau sein könne. Und wir mußten uns doch lieben. Außer uns ist Niemand dadurch zu Schaden gekommen. Und schließlich: auch wir selber nicht. Wir haben das kurze Glück einem langen, freudenlosen Leben vorgezogen. Soll ich sagen, daß unsere Liebe wahr und heiß gewesen? Ich mag keine Rührscene geben, denn Thränen sind hier nicht am Platz, aber fragen möchte ich Euch Alle: gab es für uns einen andern Ausweg, als den Tod? -- Ihr wißt es ja, daß wir, ich und sie, beschlossen, miteinander zu sterben. Ihr habt es in den Briefen gelesen, die wir vor der That an die Unsern noch geschrieben. Wir haben sie versiegelt auf den Tisch gelegt; wir haben mit Ueberlegung und Ruhe gehandelt und leichten Herzens. Das Leben ist der Güter höchstes nicht!“

„Die Gerichtsstube ist kein Declamationssaal!“ rief ein Herr von der Tribüne.

„Ihr staunt und meint, der dem Tode Geweihte habe noch Lust zu Phrasen. Unsere Liebe war groß genug, das Wort zu begreifen. -- O, hätte ich doch mit ihr sterben können! Wer mich daran gehindert, der hat mich in den Jammer gestoßen. -- Wißt es noch, wie es war. -- An meiner Brust liegt ihr Haupt; sie lächelt, sie mahnt, sie bittet, sie fleht mich an, den Entschluß auszuführen. Eine Minute +vor+ ihr wäre ich gern gestorben; doch dünkte mir das zu feige, zu rücksichtslos für meine Braut. Ich will kurz sein, wie die That kurz war, und Euch gern verschonen mit der Beschreibung der letzten Augenblicke -- die mir die größten meines Lebens waren. Rasch sende ich die Kugel aus der Doppelpistole in ihr Herz. Sie sinkt lautlos hin, während ich die Waffe gegen +meinen+ Leib richte. Da versagt der Schuß, und mittlerweile eilen die Leute herbei und führen mich davon. -- Und jetzt nannten es die Leute einen Mord und mich rissen sie vom Tode weg, um dem Tode mich zuzuführen. Wohlan, sie haben recht; das aber sage ich laut: Die durch mich fiel, aus Liebe habe ich sie getödtet. Jetzt, Ihr gerechten Richter, thut an mir desgleichen.“

Die Hände gefaltet, sank er nach diesen gebrochenen Sätzen zurück auf die Bank.

Darauf erhob sich der Vertheidiger, und seiner langen Rede kurzer Sinn war der:

Der unglückliche junge Mann gehöre nicht in das Criminal, sondern in das Irrenhaus.

Nach all’ dem verließen die Richter und Geschwornen ihre Sitze und gingen in ein Nebengemach, um zu berathen. Ich erhob mich auch und ging hinaus.

Am Thore hörte ich eine Stimme: „Das ist sein Vater, der Tyrann, auf den fällt das Blut!“

Ich sah nicht um; an der Treppe brach ich zusammen.

Als ich wieder zum Bewußtsein kam, waren viele Leute um mich, und Mehrere riefen mir zu, ich solle getrost sein, mein Sohn sei freigesprochen worden.

Daß sie ihn dem Irrenarzt übergaben, das erzählten sie mir nicht.

Ich erfuhr es bald, und ohne ihn noch einmal zu sehen, fuhr ich auf mein Landgut zurück. Das geschwätzige Zeitungsblatt, welches gleichzeitig mit mir zu Hause anlangte, vernichtete ich, ehe es meiner Gattin zu Gesicht kam. Und jetzt bewachte ich meine gute Hausfrau, daß kein fremder Schritt und keine fremde Zunge in’s Haus drang, um ihr das schwere Unglück laut zu machen. Ich hätte gern meine Qual an ihrem trauten Herzen ausgeweint -- aber ich wagte es nicht, in ihr zartes, reines Gemüth die ganze Fülle des Jammers zu gießen. Allstündlich blickte sie zum Fenster aus, hoffend, das Nahen ihres einzigen Kindes zu sehen. Mich hat sie mit schwermuthsvollen Augen oft angeblickt; -- aber kein Wort der Klage und der Hoffnung hat sie mir gesprochen. Und ihre Haare begannen rasch zu bleichen.

Da habe ich mich wohl oft zurückgezogen in den einsamsten Ort unseres Gehöftes und habe bitterlich geweint. Geweint über das liebe verlorene Kind; geweint über die unendliche Pein, die ein irrendes Kind dem Elternherzen bereiten mag....

* * * * *

Nach mehreren Monaten erhielten wir folgendes Schreiben aus der Hauptstadt:

„Liebste, allerliebste Eltern!

Sie haben mich aus der Anstalt entlassen und behaupten, ich wäre geheilt. Ich weiß nicht, wovon. Da ich leben muß, so will ich zu leben neu anfangen und in einem neuen Lande. Den Heimatsboden kann ich nicht mehr betreten. Meine Eltern, ich flehe Euch an, kommet auf einen Tag zu mir in die Stadt. Mein Vater, meine Mutter, es sehnt sich Euch zu sehen Euer Sohn

Alfred.“

Und als ich nun meinem Weibe Alles mittheilen wollte, sagte sie leise, sie habe ja längst Alles gewußt.

Wir haben ihn aufgesucht, er war völlig stumpfsinnig, aber unter einem heißen Thränenstrom hat er um Verzeihung gefleht für die Kümmerniß, die er uns angethan.

Gott weiß es -- wir haben ihm verziehen.

Ferner bat uns Alfred, wenn wir noch einige Liebe gegen ihn haben könnten, um dieser Liebe willen ein jüngeres, noch nicht erwachsenes Schwesterchen der armen Rosa erziehen zu lassen oder selbst zu erziehen. -- Wir haben ihm auch diese Bitte gewährt; es ist gewiß sein Gewissen dadurch erleichtert worden.

Dann hat unser einziger Sohn von uns Abschied genommen und wir sind allein mit unseren grauen Haaren heimgekehrt in das stille Landhaus.

Das kleine Mädchen des Gerichtsschreibers haben wir als unser Kind angenommen. Wir hegen und pflegen dieses Kind mit dem ernstesten Streben, es vor Leichtsinn zu wahren, es vor allen Leidenschaften des Herzens zu hüten und eine echte, schöne Frauenseele in ihm heranzubilden.

Es ist unser einziges Kind.

Alfred war in’s Ausland gezogen. Bei einer Flußregulirung hatte er Arbeit gefunden. Nicht lange darnach war er bei einem Floßunglück, wobei er zwei Menschenleben rettete, zugrunde gegangen.

Der Sündensteg.

„Du Kleiner, dort! Den Crispin mein’ ich.“

Der Katechet rief’s, der kleine Crispin erhob sich.

„Du bist ein braver Bub’, geh’, sag’ mir einmal: was ist die Todsünde?“

„Die Todsünde ist eine schwere Uebertretung des göttlichen Gesetzes.“

„Und was bewirkt sie?“

„Durch die Todsünde wird die Seele des geistigen Lebens, das ist der heiligmachenden Gnade Gottes beraubt, und der Sünder wird des ewigen Todes schuldig.“

„Schön!“ sagte der Katechet, „das geht, wie das Vaterunser. Komm’, Crispinus, hol’ Dir Deinen Fleißzettel. Ich weiß, Du kannst mir auch die sieben Hauptsünden, die vier himmelschreienden und die neun fremden --“

„Alle kann ich, Herr Katechet.“

„Recht brav. Nun merket es wohl, meine lieben Kinder: wer in der Gnade Gottes stirbt, der kommt in den Himmel, und wer in der Todsünde stirbt, der fährt in die --“

„Hölle!“ ergänzen die Kinder.

Etliche sind dabei, die nehmen sich vor, in der Gnade zu sterben, denn in die Hölle kommen mögen sie nicht. Und der Crispin schon gar nicht, der kennt das Feuer von seiner Mutter Kochherd, und den Teufel vom Herrn Katecheten; deswegen der Crispin schon gar nicht.

Das Julchen sitzt ebenfalls in der Schulbank, das reckt zwei Finger empor.

„Ja, Juliana, kannst Du auch was?“

Das Mädchen erhebt sich und sagt: „Meine Mutter, die meint halt, wer mit dem lieben Gott gut ist, der braucht sich vor dem -- vor dem --“

„Teufel --“

„Nicht zu fürchten.“

Das Mädchen spricht lieber von Gott, als vom -- Andern. --

So in der Schulbank. Und später? Später begiebt sich eine grauenhafte Geschichte.

Die klein waren, wurden groß. Der Crispin besonders groß und stark. Er hat eine gute Erziehung genossen, das sieht man schon von weitem. Er kann ein „Betbüchel“ brauchen, und den Katechismus weiß er auswendig. -- Was Gott erschaffen, das ist gut und wünschenswerth, sagt er; und das Weibervolk hat auch Gott erschaffen. Und giebt es schon närrisch ein sechstes Gebot, so giebt es auch ein Sakrament der Buße, und im Himmel ist mehr Freude über einen Sünder, der Buße thut, als wie -- kurz, er hat was gelernt.

Dem Julchen, das ja ebenfalls groß und schön und auch gut geworden war, erzählte er eines Tages unter dem Hollunderstrauch die Geschichte von der Magdalena.

„Geh’,“ gab ihm das Mädchen zur Antwort, „schlecht werden und dann wieder brav werden? Da bleibt Eins doch lieber vom Anfang weg brav.“ Und lief davon.

Unterwegs begegnete ihr Franz, der junge Wachszieher. Mit dem schwätzte sie schon länger. Der war fein, pflückte ein Vergißmeinnicht ab, steckte ihr’s an den Busen: „Sollst auf mich denken.“

„Wesweg’?“

„Schau’, weil ich Dich gern hab’; glaubst mir’s, oder nicht, zum Fressen gern.“

„Das kunnt Jeder sagen.“

„Freilich, sagen kann’s Jeder; und wenn Du bei mir im Zweifel bist, so kommt’s nur auf’s Probiren an.“

„Probiren thun die Frötter, geräth’s, so thun sie’s öfter.“

„Bei so einer ernsthaften Sach’ kunnt’st auch gescheiter reden, Juliana. Gottswahr, ich hab’ Dich gern! Schau’, ich heb’ meinen Finger gegen Himmel.“

„Jesses, Franz, was hebst denn an!“ schrie das Mädchen erschrocken und drückte ihm den gehobenen Arm niederwärts. „Jetzt will er Gott anrufen zu einer Sünd’!“

„Dich lieb haben, ist denn das eine Sünd’?“

„Zwischen uns Zwei’n wohl, weil ich weiß, wie Du’s meinst.“

„Wie mein’ ich’s denn, möcht’ ich wissen! Heiraten will ich Dich.“

„Na, eben d’rum. Und das thät’ die Sünd’ sein. Ich hab’ nichts, und ich denk’, Du hast auch nicht viel mehr. Auf den Bettelstab heiraten!“

„Ich hab’ mein Handwerk gelernt und weiß von keinem Bettelstab.“

„Wie der Will! Aber kein Jurament leg’ mir nicht ab, wo Du noch nicht weißt, was Du halten kannst. Magst ja sagen, was Du willst, nur den Herrgott mach’ Dir nicht zum Feind!“

„Wär’ doch kein rechtes Jurament gewesen,“ meinte der Bursche, „dazu gehören Kerzenlichter und ein Crucifix.“

„Freilich, die Kerzenlichter sind dem Wachszieher allemal das Wichtigste. Ich bin halt anderer Meinung: Ein Wort gehört dazu und ein Crucifix. Das Crucifix, mußt wissen, Franz, das hast nicht weit zu suchen. Dort steht ein Tannenbaum, schau’ ihn an, er steht schnurgerad’ zum Himmel auf und reckt die Arm’ kreuzweis auseinander. Willst noch ein Licht dazu, dort brennt schon ein Sternlein am Firmament.“

„Dirndl, Du bist aber schon gar!“

„Hast mich gleich gern, Du herzensguter Bub’, so rufe desweg’ nicht Gott an; er hört es schnell und schreibt Dein Wort ’leicht mit dem Blitzstrahl an’s Firmament. Wer löscht es aus?“

„Stehen soll’s bleiben!“

„Ja, wenn der Mensch allemal Herr wär’ über sich selber! Ihr Mannsleut’ seid es am wenigsten. -- Franz, nur den Herrgott mach’ Dir nicht zum Feind!“

Nach einem Weilchen entgegnete der Bursche: „Bringst es denn über’s Herz, Juliana, daß Du mich so in den Erdboden hinein predigen kannst?“

„Du wachst mir schon wieder heraus!“ lachte das Mädchen. „Mach’ nur kein so hantiges Gesicht. Geh’, gieb mir die Hand! -- So. Bist halt doch mein lieber Narr. Behüt’ Dich Gott! Und jetzt geh’ heim.“

Dann gingen sie auseinander.

* * * * *

Als Julchen auf ihren Hof zurückkam, hob wieder Einer den Arm, aber nicht zum Jurament, sondern zum Schlage. Der Bauer war’s, der Steghofer, bei dem das Mädchen diente. Sie war ein Viertelstündchen über die Zeit ausgeblieben.

Der Steghofer -- die Leute kannten ihn ja und wissen es noch heute recht gut wie er’s trieb -- war ein roher, jähzorniger Mensch; das hat selbst Crispin, das einzige Kind des Hauses, erfahren. Der Himmel hatte dem Manne die größte Gnade versagt; Crispin war nur ein „angenommenes“, ein Stiefkind. Indeß war es allbekannt, daß Crispin der eigentliche Herr des Hofes sei, daß er nach Verzichtleistung oder nach dem Ableben des Alten die Wirthschaft ganz und gar übernehmen werde. Wenn der Bursche trotzdem von dem Steghofer behandelt wurde, wie der niedrigste und verhaßteste Knecht, so lag die Ursache dafür einzig nur in der zuwideren Wildheit des Bauers, der stets was zu verfluchen und zu prügeln haben mußte. Die Mutter war todt. Leser, in dieser einen Nachricht hast Du den Ursprung zu suchen des Schrecklichen, das geschehen wird.

Die Mutter war todt. Die Güte und die Liebe war aus dem Hause getragen, die stets Schlichtende, Versöhnende, willig Duldende war aus dem Hause getragen, noch ehe der Knabe ihren fraulichen Einfluß auf ihn erfahren hatte. Die Willkür, die Leidenschaftlichkeit und Rohheit seines Stiefvaters war sein Elend und sein Vorbild geworden. Aber schlauer war der Junge, als wie der Alte. Er wußte, was der Alte wollte -- der Alte wollte viel! Er sah, was der Alte erreichte -- der Alte erreichte nichts. Mit Poltern und Schlagen geht es also nicht; man muß es daher viel feiner machen....

Der Alte verfluchte den Jungen laut; dieser jenen still. Letzteres ist gefährlich. Anfangs vertraute Crispin seine Bitterkeit dem Julchen. Dieses sagte, zu ändern wäre es nicht, so solle er darin seinen Mann zeigen, daß er gelassen ertrage, was zu ertragen sei.

„Auch die Prügel?“

„Die halte Dir vom Hals, aber gieb sie nicht zurück; Crispin, nur das nicht. Dieselbe Hand, die den Vater, die Mutter schlägt, hat Gott in Ewigkeit gegen sich.“

„Du hast recht, Julchen, schlagen werde ich nicht.“

Die Jahre waren da und der Crispin wurde Soldat. Draußen in der Welt giebt es viel zu sehen und zu hören, und Menschen aller Gattungen laufen durcheinander und sagen ihre Gedanken, ihre Gesinnungen.

„Luderleben genießen!“ schreit der Eine, „im Himmel giebt’s lauter Betschwestern, da mag ich nicht sein, in der Höll’ finde ich alle lustigen Kameraden wieder.“

„Himmel! Hölle!“ ruft ein Anderer, „lauter Geschwätz. Hin ist hin.“

Was nützt’s, wenn ein Dritter predigt: „Auf Himmel und Hölle bauen nur gemeine, selbstsüchtige Creaturen. Das Gute ist gut, auch wenn es keinen Lohn findet; seiner -- des Guten selbst willen -- wird der echte und edle Mensch dasselbe üben, und seinen Lohn nur in dem Bewußtsein suchen, Gutes gethan zu haben.“

Gut gemeint vom Dritten auf jeden Fall. Aber was nützt’s einem Menschen wie dem Crispin?

Der Crispin, als er das gehört hatte -- bei einer Feierlichkeit, vom Festredner war es gesagt worden, die Militärbande hatte hierauf Musik gemacht, der Crispin das Clarinett geblasen -- der Crispin also dachte und blies es in sein Instrument hinein: „Schau’, da hat’s wieder Einer gesagt, das man sich herausnehmen kann: es giebt nichts auf der andern Seiten. Ist schon recht, weiß ich, was ich auf +dieser+ zu thun hab’.“

Jetzt trifft die Nachricht ein, der Steghofer sei schwer erkrankt. Vor Freuden darüber bewirthet der Crispin den Boten bis auf seinen letzten Pfennig. Nun wird er bald Herr im Steghofe sein. Die Dienstzeit vergeht.

Wie der Crispin heimkommt nach Altendorf, findet er Verdruß; sein Stiefvater ist wieder gesund, ist trotziger als vor und eh’.

Als der Bursche das saure Gesicht macht, fährt der Alte auf ihn ein: „Dir ist Einer zuviel im Steghof!“

„Das will ich nicht leugnen,“ erwidert trotzig der Soldat.

„Ja!“ lacht der Bauer -- seine Stimme ist aber doch schon heiser -- „der Bader hat den Geistlichen schon angeredet, wegen meiner letzten Oelung, der Todtengräber hat schon nach dem Maß gefragt. Hin worden bin ich +nicht+. Schon Deinetweg’ nicht, Du schlechter Lump! Dir weich ich nicht, gleichwohl Du schon lang’ Deine Kuh auf meinem Grabwasen möchtest weiden.“

Crispin ging dem Alten aus dem Wege. Er knirschte, bohrte die Nägel seiner Finger in das eigene Fleisch. -- Soll er denn sein Leben verwarten und Knecht sein, wo doch das Anrecht da ist, auf Haus und Hof! -- Er möchte heiraten: er möchte Herr sein. Er wird sich selber helfen.

Der Wachszieher-Franz war Crispin’s Kamerad von Jugend auf. Die Beiden waren recht ungleich, aber just das zog sie zusammen.

„Freund,“ sagte eines Tages Crispin zu Franz, „jetzt schau’ mich an, wie ich da steh’. Vom Fuß bis zum Kopf ein armer Teufel. Keinen Kreuzer Geld. Ich will aber doch ein paar Säcke von meinem Korn verkaufen.“

„Wo hast denn Du Dein Korn?“

„In meiner Tenne, im Steghof, wo denn sonst! Hilf mir die heutige Nacht, daß wir es davontragen. Sollst es nicht umsonst thun.“

„Crispin!“ entgegnete der Franz mit feierlicher Stimme, „Stehlen ist Sünd’, kommst in die Höll’!“

„Bist auch so ein Narr! Hörst, die Höll’ ist letzt’ Jahr abgebrannt; ist nicht assecurirt gewesen!“

„Geh’, Du bist ein Heid’ geworden,“ sagte der Franz.

„Und Du bist ein Christ geblieben und kannst Deine Sünd’ ja wieder beichten. Ist aber keine Sünd’, weil das Korn mein Eigenthum ist.“

Der Franz ließ sich wenden. Der Franz war recht gottselig, grübelte bisweilen gern in religiösen Schriften; im Leben hingegen war er denkfaul und begab sich stets in Allem der Führung seines Freundes. So schlichen sie zur Nachtszeit in den Steghof und trugen Korn davon.

Und an den Sonntagen waren sie im Wirthshaus und lebten in Lust und in Freuden.

* * * * *

Das wohl, ei ja, das wohl! Zog der Franz fleißig Wachskerzen für die Heiligen, die auf der Kirchenwand hingen. Dabei kamen ihm aber einmal Gedanken, denn er fabricirte auch Sterbekerzen: Wenn du gach mit Tod abgehst, Franz! Die schwersten Brocken könntest wohl abladen. Nur, daß halt der Beichtstuhl von einem gesunden Mann so viel strenge Buß verlangt. -- Später und Alles auf einmal, wird gescheiter sein.

Und sie trugen nächtlich manchen Scheffel Korn aus dem Steghof.

Und auf einmal, da wurde es laut: der Crispin stehle seinem Vater das Korn. Jetzt war der Teufel los, der Crispin mochte an einen glauben oder nicht. -- Einsperren ließ der Alte den Jungen nicht, aber noch ärger bedrücken, noch ärger mißhandeln! Sie trugen einen Haß in sich, stark genug, einander zu zerfleischen.

Das Laster geht geraden Weg.