Feierabende: Lustige und finstere Geschichten

Part 26

Chapter 263,804 wordsPublic domain

Er ging sinnend über die hohe Heide hin, ging durch Wälder und über kahlen, felsigen Grund, wo der Wind allen Schnee weggefegt hatte, und wo auch jetzt eine scharfe Luft ihm Eisnadeln in’s Gesicht säete, daß er kaum im Stande war, die Augen offen zu halten. Endlich war er vor dem großen Kreuze, welches an der Grenze stand, so daß Christus seinen ausgespannten rechten Arm im Gebiete der Amster, den linken im Bereiche der Seegrub hatte. Der Mond war hoch gestiegen und licht wie Silberblick geworden; so sah er über die alten Bäume her auf das Crucifix, mild und ernst, als wollte er sagen: Ich weiß noch eine Zeit, da du hier nicht standest, eine Zeit, da die Erde nichts wußte von einem gekreuzigten Gott. Wenn du heute zusammenbrichst, morscher Holzstamm, so werden sie dich morgen wieder aufrichten -- ob eine Zeit kommen wird, daß sie dich, du hehres Bild göttlicher Selbstopferung, nicht mehr erhöhen werden? Und da die Menschheit so tief gesunken sein wird, daß sie das Sinnbild der Aufopferung nicht mehr erfaßt, oder so hoch gestiegen, daß sie seiner nicht mehr bedarf? -- Wolfgang, der über das Scharren seiner Säge hinaus bisweilen gern auf den Zeitgeist horchte, hatte häufig ähnliche Gedanken, und so kam es auch, daß er nun, vom Bergkreuze abwärts, im Sinnen über Allerlei den halbverwehten Fußpfad verlor und über die Schneegründe weglos dahinging. Aus dem Thale herauf hörte er schon das Rauschen des Rabenbaches, welcher hoch in den Felsen entsprang und in mehrfachen Stürzen niederbrauste von Hang zu Hang, bis er unten sich als stattlicher Fluß in den Seegruber-See ergoß.

Da Wolfgang seine Richtung genau kannte, so achtete er nicht auf den Fußpfad, sondern eilte flink weiter, um ehestens das Mütterlein zu sehen. Er rüstete sich in Gedanken für alle Fälle, so wie es ja seine Gewohnheit war, das Beste zu hoffen und auf das Schlimmste gefaßt zu sein. Diese Regel ist das gesundeste Kraut gegen den Uebermuth und die Verzweiflung; es wächst auch auf steinigem Boden und mitten im Schnee.

Plötzlich der Tod da. Ein Schritt noch, und der Wolfgang wäre in denselben hineingesprungen. Ein tiefer Abgrund lag vor ihm, er stand an dem äußersten Rande eines Felsens. Umkehren und den ausgetretenen und doch wieder verwehten Fußpfad suchen? Nein. Bei einiger Vorsicht ist im Gehänge der Abstieg leicht zu finden. Er kletterte am Gefelse hinab, rutschte mehrmals im Schnee, schlug dann mit den Füßen etliche Eiszapfen los, wie sie an Abenden von sonnigen Tagen gewachsen waren, wand sich an erstarrten Gesträuchen hin, bisweilen die Ruthe eines Haselnußbusches oder Erlstrauches als Strickleiter benützend; dann stand er auf sicherem Boden still, um zu ruhen. Da wurde er auf ein dumpfes Dröhnen aufmerksam, welches aus dem Gewände zu kommen schien, das ihn umgab. Anfangs glaubte er, es fahre irgendwo eine Schneelawine los, und er suchte sich unter einem Vorsprunge zu schützen. Aber das Dröhnen währte gleichmäßig fort, und Wolfgang bildete sich ein, es bebe davor der Boden. Rathsam fand er es eigentlich nicht, hier so hinunter zu steigen, ohne den Abgrund zu kennen, der wie ein „graues Nichts“ heraufgähnte. Aber, sollte er denn wieder aufwärts klettern mit Lebensgefahr, und im besten Falle den Weg zur kranken Mutter um mehrere Stunden verlängern? -- Er stemmte sich auf den Stock und fuhr niederwärts. Im Gerölle ging das Rutschen nicht, wie sonst zur Sommerszeit, da der Boden, auf welchem der Waller steht, sanft vor sich hingleitet; die Steinchen waren fest aneinandergefroren. Um so fröhlicher ging’s über die Schneelehnen. Auf einer solchen ließ sich Wolfgang rasch und mit der kühnen Geschicklichkeit des Aelplers hinabfahren. Als er in eine Mulde kam, wo das Schneefeld sich zu einer kleinen Thalung ausschweifte, fuhr der gute Wolfgang geradeaus in den Boden hinein -- und war von der mondbeschienenen Erdoberfläche verschwunden.

Unter der Schneedecke war der Sägemeister in tiefer Finsterniß noch eine Weile über Stein und Sand dahingerutscht, bis ihn ein Felsstück aufhielt. Für den ersten Augenblick konnte er sich nur noch denken: Jetzt hat mich die Erde verschlungen! -- Dann war er betäubt.

Allmählich weckte ihn das erschütternde Tosen und der Wasserstaub, welcher aus der Tiefe drang. Er erkannte seine Lage, er hing in der Rabenschlucht über dem großen Wasserfalle des Rabenbaches, welcher zu dieser Zeit hoch oben mit Schnee und Eis eingewölbt war. Sein fahrender Körper hatte das Gewölbe durchbrochen und nun drang der Schimmer der Mondnacht hernieder und zeigte ihm die zuckenden, quirlenden, gischtenden Silberlichter des zu seinen Füßen rasenden Wassers.

„Jetzt heißt’s Obacht geben, Wolfgang, sonst wirst waschnaß!“ sagte er zu sich selber und rückte sich auf seinem Felsenstuhle ein wenig zurecht, daß er nicht weiter rollen konnte, denn hier war das Gerölle nicht gefroren, sondern rieselte fortwährend nieder. Dann überlegte er, wie er diesen durchaus unbehaglichen Verhältnissen wieder entkommen könne, und dabei faßte ihn das Grauen. Emporwärts zu kommen die steile finstere Kluft war nicht möglich, und aus der brausenden Tiefe griffen tausend Arme des Todes herauf. Wolfgang saß still und lehnte sich an die rauhe, triefende Wand und murmelte: Das hätt’ ich nicht gedacht, daß ich die heutige Sylvesternacht beim Wasser zubringen sollte; Andere sitzen beim Wein.

Dann versuchte er’s doch mit dem Aufwärtsklettern; aber er sah, daß er dabei immer tiefer kam, anstatt höher, weil sich um ihn Schnee und Steine lösten. So trachtete er nur wieder mit starkem Arm seinen Felsvorsprung zu erreichen und meinte hernach in seiner Weise: „’s ist überall gut, aber hier ist’s am besten. Will ich halt da sitzen bleiben, bis das neue Jahr kommt; das neue Jahr bringt einen Auswärts (Frühling) mit, der schmilzt mir mein Dach weg; nachher will ich schon hinauskommen. -- Nur, daß die Mutter ein Eichtl hart warten wird in Seegrub unten, und die Agatha in Amsterdorf drüben. -- O ’s ist hell zum Lachen, daß ich so dumm bin in die Falle ’gangen!“ Es war doch ein Ausruf der Verzweiflung. ’s ist hell zum Lachen, wie ein Mensch auf so schreckbare Art zugrunde gehen kann!

Dann sagte er wieder: „Zugrund’ gehen? Von dem ist ja gar keine Red’. Ich sitz’ da, was fehlt mir denn? Ich rast’ mich aus. Und besinn’ mich. In der Neujahrsnacht macht man sich ja gern ein wenig abseits von den Leuten und denkt nach über Vergangenes und Kommendes. Hätt’ ich nur ein bissel leichter Zeit zum Simuliren; vor mir ist eine sterbende Mutter, hinter mir ein gebärendes Weib. Und der Lump sitzt in der Rabenschlucht und laßt sich’s gut gehen. -- Herrgott, rette mich!“

Das Wort schrie er wild in die Felswand hinein; das Tosen des Wassersturzes überbrauste es. Aber der Herrgott hörte es und schickte einen Gesellen. Der guckte mit hellem Auge durch die Oeffnung nieder. Der Mond war’s. Der hüllte mit seinem Dämmerlichte die Schrecknisse erst auf. Die Höhle war wild zerklüftet, aus einer ungeheuren Spalte brach die Wasserfluth in schwarzen, üppigen Wuchten, dann stürzte sie nieder und zerschellte an den Felskanten zu tausend funkelnden Scherben, welche mit neuer Lebendigkeit und Gewalt abwärts schossen in die Untiefe. Von der Höhe hingen abenteuerliche Gestalten in Schneemassen und Eisgebilden nieder und im Nebelstaube schimmerten wunderbar zarte Regenbogenfarben.

„Man sieht was Neues,“ sagte sich Wolfgang. „Nur, daß mich kein Mensch hören kann, wenn sich um Kameradschaft schrei’. Im Traum wär’s mir nicht eingefallen, daß Unsereinem das alte und das neue Jahr in der Rabenschlucht zusammenkommen sollten. Hab’ oftmals das Wort gehört vom Zeitenstrom, jetzt sitz’ ich da und seh’ ihn hinunterstürzen, und mich durchnäßt er mit seinem Thau, bis ich im Frost erstarrt mit hinunterpurzle in’s Wasser. Wenn das der Pfarrer von Amsterdorf thät wissen, das wär’ ihm ein gefundenes Gleichniß auf das menschliche Leben für die morgige Predigt. -- Daß nur die zwei närrischen Weiber nicht auf mich thäten warten.“

Noch einmal versuchte er es mit dem Hinanklettern -- ohne Erfolg; ein Schneestück fiel von der Wölbung, das ihn schier in den Abgrund geworfen hätte. Er saß wieder auf seinem Stein und drückte sich fröstelnd an die Wand und dachte: „Jetzt wäre für mich die passendste Zeit zum Verzweifeln -- es kommt nicht leicht eine bessere mehr. Ich stürz’ mich da hinunter und der Rabenbach tragt mich von selber hinaus zum Seegrub-See. -- O, Wolfgang,“ rief er dann, „hast du denn heute deine Morgenandacht unterlassen, daß dir solche Gedanken kommen? Wer wird sich denn umbringen, wenn er so gute Aussicht hat, daß es ohnehin bald vorbei ist! -- O Gott, mein Gott im Himmel, allerweg hab’ ich auf Dich Vertrauen gehabt. ’s schaut ganz unmöglich aus, aber Du hast dem Daniel Rath gewußt, wie er in der Löwengrub’ ist gesessen. Wenn Du nur willst, o, Vater unser, der Du bist in dem Himmel!“

Heiße Thränen stürzten ihm aus den Augen, daß er sterben müsse in so jungen Jahren, ohne sein Kind gesehen zu haben.

Da erbarmte sich Gott -- jener Gott, den heute die Welt nicht mehr nennen will, weil sie glaubt, daß dessenstatt „Schicksal“, „Zufall“ besser klinge, der aber in dem Herzen und Leben des Volkes noch göttlich waltet, straft und rettet. Dieser Gott des Volkes mit seinen menschlichen Eigenschaften im Superlativ sah in unserer Neujahrsnacht von der Seegrub drei Männer heraufsteigen zur Rabenschlucht. Sie hatten Hauen und Stricke bei sich, denn sie hatten von jeher gehört, daß in der Rabenschlucht ein großer Schatz verborgen sei, der nur in einer Neujahrsnacht, in welche der Vollmond fällt, gehoben werden könne.

Und da dachte Gott: drei Schatzgräber? Die kommen mir just recht mit ihren Werkzeugen, daß sie mir meinen elegisch-humoristischen Sägemeister aus der Rabenschlucht ziehen.

Sie stiegen empor zur felsigen Stelle, deren Ungründe mit Schnee verweht waren, und hörten das Tosen des Wasserfalls. Da sie sich behutsam vorwagten, sahen sie auch das Loch, durch welches der Wolfgang hinabgefahren war, und hörten aus der Tiefe empor die menschliche Stimme. Der erste Gedanke war natürlich: Gespenster! Gespenster sind sonst immer ein Wunder, aber in einer Sylvesternacht an der Rabenschlucht, wo ein Schatz verborgen liegt, sind sie gar kein Wunder. Ein knurrender schwarzer Hund, eine klägliche Stimme, die um Hilfe ruft, oder dergleichen -- das ist selbstverständlich. Die Hauptsache ist, sich von derlei nicht abschrecken zu lassen.

Bei näherer Untersuchung jedoch flüsterte einer der Männer: „Keinen Schuhnagel verwett’ ich, da unten steckt schon ein Schatzgräber, der uns zuvor ist kommen.“

„Das wär’ schon der Höllsakra!“ fluchte der Zweite. Aber der Dritte sagte: „Mir scheint eher, da unten ist Einer in der Klemm’, und wollt’ den Schatz gern ungehoben lassen, wenn er selber gehoben wär’!“

Sie redeten eine Weile hin und her, dann rief Einer hinab: „Alle guten Geister loben Gott, aber wenn es ein Mensch ist, so soll er’s sagen.“

Wolfgang sah die Schatten der Köpfe gespenstisch an den mondblassen Wänden gaukeln, verstand aber in dem mächtigen Brausen des Wassers die Worte nicht.

„Probiren wir’s und lassen einmal den Strick hinab,“ rieth Einer von den Dreien, „hängt sich kein Mensch an, so hängt sich der Schatz an.“

„Es kann sich aber auch der Teufel anhängen!“ gab der Zweite zu bedenken.

„Ich glaub’ an keinen Teufel!“ sagte der Eine.

„So?! Hast keine Religion und willst schatzgraben?“

Der Dritte sagte: „Ich glaub’ schon an einen, aber fürchten thu’ ich mich nicht vor ihm. Davor trag’ ich den Gertrudissegen in meine Pfaid genäht.“

So ließen sie den Strick hinab, und da sie merkten, daß unten etwas angelte, stemmten sie sich am festen Boden, daß sie nicht etwa durch den Schnee brächen -- und zogen den Sägemeister Wolfgang von Amsterdorf aus der schreckbaren Schlucht.

Als der Wolfgang sah, er wäre befreit, sprang er viele Schritte weit vom Loch hintan und lachte.

Die Anderen fragten ihn, ob er den Schatz habe und bedeuteten, daß er in diesem Falle mit ihnen theilen müsse.

Es brauchte eine gute Weile, bis sie sich verständigten. Der Wolfgang war in der ganzen Gegend als ein gescheiter, respectirlicher Mann bekannt; sie glaubten seiner Darlegung, wie es ihm nicht eingefallen sei, eines Schatzes wegen in die Rabenschlucht zu steigen, sondern wie er sich auf dem Wege in die Seegrub dahin verirrt habe und hinabgestürzt sei. Und nun that einer der drei Männer das herrliche Wort: „Ein braver Mann ist auch ein Schatz, den haben wir gehoben, und jetzt gehen wir heim.“

Sie reichten ihm Schnaps, daß er sich erwärme; sie huben mit ihm auf mondbeschienener Weide ein Ringen an, daß er sich bewege und wieder ordentlich belebe. Dann suchten sie den rechten Weg zur Seegrub hinab und fanden ihn bald. Unterwegs fragte der Wolfgang nach, wie es mit seiner Mutter stände. -- Das Weiblein sei im Bett -- sonst wüßten sie nichts.

Als Wolfgang zu ihrem Häuschen kam und an’s lichtlose Fenster klopfte, rief drinnen eine Stimme: „Bist Du’s, Wolfl? Ich bin schon wach; steig’ beim Dachthürl herein, die Hausthür’ ist heut’ versperrt, will Dir’s nachher schon sagen, warum.“

Er war gar herzensfroh, daß er sein Mütterchen im gewöhnlichen Zustande fand -- zwar mühselig, aber stets heiter.

„Wirst Dir’s nicht denken,“ sagte sie, als er an ihrem Bette saß und beim Aemplein ihr weißes Antlitz mit dem Schlafhäubchen ansah, „wesweg’ ich Dich in der heutigen Nacht herübergeplagt hab’. -- Ja, ich muß Dir was sagen, Wolfl -- aber gelt, die Agatha ist noch in der Ordnung?“

„Sie laßt Euch grüßen, und weil ich sehe, daß es Euch insoweit gut geht, Mutterl, so will ich wohl gleich wieder heimzu laufen. Lang’ wird’s nicht mehr dauern mit der Agatha.“

„Schau, das hab’ ich mir auch gedacht, und da hab’ ich kein Stündl länger wollen warten mit dem, was ich Dir sagen muß. Wirst sehen, mein Wolfl, was ich Dir für eine falsche Person bin! Weiß recht gut, daß Du das Lotteriesetzen nicht leiden kannst, und so hab ich’s heimlich gethan. Geh’, geh’, die alten Weiber,“ setzte sie bei, „’s ist ein’s wie’s andere. Nu, lachen muß ich auch.“

Und sie lachte und kicherte. Der Wolfgang meinte, daß es für sie wohl gescheiter wäre, sich bisweilen ein stärkend’ Gläschen Wein zu gönnen, anstatt die blutigen Kreuzer in die Collectur zu tragen.

„Und jetzt,“ fuhr sie kichernd fort, „hab’ ich gestern närrischerweis’ einen Terno gemacht.“

Da horchte der Wolfgang auf.

„Hab’ zuerst hell gemeint, der Amtmann foppt mich, wie er mir’s sagt -- und richtig ist’s: neunhundert Gulden und noch was dazu. Da d’rin im Bettstroh ist das Geld. -- Du zitterst ja frei, Wolfl, hat’s Dich so geschreckt?“

Der Fieberfrost war da. Die Magd wurde geweckt, daß sie eine heiße Brühe bereite. Der Mann trank sie mit Behagen und sagte nichts, wovon der Frost herrühre.

„Jetzt, das ist ein Glück!“ sagte die Alte, „und ich hab’s nimmer ausgehalten und hinübersteigen kann ich auch nicht mehr zu Euch, so habe ich Dich halt kommen lassen. Das Geld nimmst mit; na, Du, das nimmst mit! Was thät’ denn ich’s brauchen, Du Kindisch! -- Es ist das Taufgeschenk für Dein Kindel. Du, Wolfl, aber gleich steckst es ein. Das wär’! Thät’st mich bitter kränken. -- Und jetzt, wenn Du meinst, daß es daheim nicht mehr lang’ dauern wird, so mach’ Dich wieder auf und thu mir sie grüßen!“

O Mutterherz! mit Dir fängt dein Wolfgang das neue Jahr an. In der Seegrub verließ er Dich, in Amsterdorf fand er Dich. Und als der blasse Mond niedersank und die helle Sonne emporstieg, gesegnet mit einem jungen, blüthenreichen und fruchtbaren Jahre -- da drückte der Vater seinen ersten Knaben an’s Herz.

Mein einziger Sohn.

Diese Geschichte ist entnommen den Aufzeichnungen eines vielgeprüften Mannes. Sie erzählt von dem Niedergange eines zweifachen Menschenglückes, giebt aber Kunde von dem Siege des Herzens und weist uns schließlich mit wenigen schlichten Worten eine große That der Selbstaufopferung, die uns versöhnt. -- In den Papieren eines Gutsbesitzers steht Folgendes zu lesen:

Ich hätte studiren und mich dem Richteramte widmen sollen. Aber ich habe es vorgezogen, ein einfacher Landmann zu bleiben. Ein stilles, arbeitsames Leben zu führen, war mein Sinn. Ich wollte nicht Menschen richten und nimmer von Menschen gerichtet werden. Der Landmann lebt und wirkt an den Stufen des Thrones Gottes, und geradewegs von Gottes Hand empfängt er den Lohn oder die Züchtigung.

Ich erwarb mir ein Gut auf stillem Gelände und führte viele Jahre lang ein glückliches Leben. Ich hatte ein einziges Kind -- einen Sohn, und ich war in dem Knaben selbst wieder ein Kind. Es ist wunderbar zu fühlen, wenn man sich ein zweitesmal selbst wieder heranreifen sieht zur Welt, zum Leben, zu all’ den großen Freuden, hinter denen aber die Enttäuschungen schlummern, wie die dürren Blätter des Vorjahres unter dem blühenden Rosenstrauche des Lenzes. Das Kind sieht nicht die dürren Blätter, es sieht nur die hellen Rosen.

Mein Sohn Alfred besaß einen lichten Kopf und ein gutes Herz; will nicht verlangen, daß man es mir, dem Vater, zuversichtlich glaube -- aber Alle, die den Knaben kannten, haben es auch gesagt. Sie hatten ihn lieb und hießen ihn einen prächtigen Burschen.

Ich ließ ihn studiren. Er wählte die Technik, die heutzutage die Welt beherrscht, weil ihr der Geist der Wissenschaften ein treuer Diener ist. Alfred war mit Leib und Seele seinem Gegenstande ergeben. Dabei besaß er großen Ehrgeiz, der -- wie wohlthätig dieser Charakterzug auch bei jungen Leuten wirken mag -- mir doch bei meinem Sohne fast zu überwiegend schien. Jahrelang war mir zu den Vacanzen der Junge mit den glänzendsten Vorzugsclassen nach Hause gekommen, und ich sah Freude in seinen Augen.

Einmal aber, als die Schulzeit schon vorbei war, kam er nicht. Es ging eine Woche vorüber, es ging eine zweite Woche vorüber -- Alfred kam nicht nach Hause. In der dritten Woche erst erhielten wir seinen Brief, der folgendermaßen beginnt:

„Liebe Eltern!

Eure etwaige Besorgniß um mich zu zerstreuen, theile ich Euch mit, daß ich diese Zeit in meiner Studirkammer zubringe, um die zwei Vorzugsclassen zu erlangen, die diesmals meinem Semesterzeugnisse entgangen sind u. s. w.“

Der kindische Bursche! Unseres Dorfbaders Sohn hatte nicht Eine Vorzugsclasse in seinem Bogen, noch weniger -- dünkt mich -- in seinem Kopf, und er war doch heimgekommen zu Muttern und genoß durchaus vergnügliche Vacanzen. -- Will damit aber nichts Mißgönniges gegen den Nachbar sagen.

Als Alfred das neunzehnte Jahr erreicht hatte, und vor Vollendung seiner Studien nach Hause kam, da ging unser Unglück an.

Der Gerichtsschreiber unseres Kreisstädtchens hatte eine Tochter, ein hübsches -- ja ein schönes Mädchen, wohl ein klein Theil älter als mein Alfred -- aber ein bißchen leichtsinnig. Bei Frauen ist Leichtsinn ein noch größerer Fehler als bei Männern.

Von Natur aus war sie ein herzensgutes Mädchen; aber bei den kümmerlichen Verhältnissen ihres Vaters hatte sie keine Erziehung genossen, keine Arbeit gelernt -- war keine Häuslichkeit inne geworden. Als des Gerichtsschreibers Tochter wußte sie, daß sie zu der ~haute volée~ des Städtchens gehöre; sie war den Vergnügungen ergeben und fehlte auf keinem Balle. Rosa hieß sie; Rosabella wurde sie geheißen. Sie wurde gar viel umschmeichelt, von lockeren Gesellen umworben, aber redliche Freier fanden sich unter ihren Verehrern nicht viel.

Einer jedoch war, ein braver, redlicher Mensch; es war mein Sohn. Alfred war in das junge Weib vernarrt bis zum Scheitel seines Lockenhauptes. Er vergaß in den steten Gedanken an sie die Freuden der Vacanzen, die er sonst so unbefangen und glücklich zu genießen pflegte. Wie ein Träumer ging er herum. Und von Rosa hörte ich, sie zöge sich zurück von ihren Anbetern und wäre kleinlaut und blasser als sonst. Und wenn zufällig von Alfred Baumgartner die Rede sei, so werde sie roth wie ein Hagenröslein; ihr Schlaf wäre fieberhaft, in ihren Träumen rufe sie ungezähltemale den Namen Alfred aus.

Mit meinem Sohne war’s nicht viel anders. Ich sah die Gefahr, die da aufstieg, und warnte den Burschen mit tiefem Ernste.

„Warum?“ rief Alfred einmal, „soll es nicht sein, weil sie eines armen Beamten Kind, oder weil sie um etliche Monate älter, als ich, oder weil ich noch keine Stellung habe, um zu heiraten?“

„Mein Sohn,“ sagte ich, „zu fragen hat der Vater. Ich bin Dir keine Begründung meiner väterlichen Fürsorge schuldig. Ich verstehe die Dinge besser als Du, das kannst mir getrost glauben. Ob Du es für nöthig erachtest, schon an einen eigenen Hausstand zu denken, das ist Deine Sache. Die Tochter des Gerichtsschreibers aber ist kein Weib für Dich.“

Alfred entgegnete kein Wort und ging davon.

Er ging von nun an noch einsamer und träumerischer umher.

Mich dauerte er sehr, der arme Junge; ich kann mir’s zum Theile denken, wie es sein mag, wenn man befangen ist in Liebeswahn, und das junge Blut wogt wie ein Alpensee im Frühlingsföhn, wenn die Lawinen stürzen, und man ist nicht mehr Herr seines Herzens, und hat kein Anrecht in seinem eigenen Haupte -- am Steuerrade der Vernunft.

Auf dem Wege in das Kreisstädtchen wurde Alfred oft gesehen.

Und eines Tages kam er nicht zurück in unser Haus. Verschwunden war er aus der Gegend, und verschwunden mit ihm die Tochter des Gerichtsschreibers.

Ein Brief ohne Poststempel kam mir zu; der lautete, wie folgt:

„Mein lieber, guter Vater!

Ich bin stets ein gehorsamer Sohn gewesen, und Euch Ehre zu machen, war mein Bestreben. So soll es auch in Zukunft sein. Aber ich bin erwachsen, und ich glaube das Dichterwort: Des Herzens Neigung ist des Schicksals Stimme. Was da kommen mag, ich muß dieser Stimme folgen. Euch, mein Vater, entbinde ich jeglicher Verantwortlichkeit. Ich verbleibe immerdar Euer dankbarer Sohn

Alfred.“

Mir zitterten die Glieder, mir vergingen die Augen; ich riß den Brief mitten auseinander. -- Wer hat Dich so sehr verführt, Du armes, Du gutes Kind? -- Und kennst Du nicht auch ein zweites Dichterwort: Der Mensch ist seines Schicksals Schmied? -- Und mich, den Vater, willst Du der Verantwortlichkeit entbinden? Alberner Bursche! -- Es kann hier nicht gefragt werden, ob Du großjährig bist oder nicht; das aber sei versichert: Du hast einen Vater, der wird Dich vor Verderben bewahren, so lange es möglich!

Sogleich eilte ich, umfassende Anstalten zu treffen, daß den Flüchtlingen nachgestellt werde. Ohne Erfolg; die jungen Leute waren verschwunden. Der Gerichtsschreiber wußte so wenig Auskunft und Rath, als ich. Meine Gattin wurde bitterlich krank; ich hielt mich aufrecht, aber in meinem Kopfe ging’s wirr um. Das einzige Kind verlieren, auf solche Art verlieren, das ist ein Schlag!

Ich konnte das Beginnen meines Sohnes nimmer begreifen. Und hätte er sich auch für den Augenblick von jugendlicher Leidenschaft hinreißen lassen -- nicht einmal dieses hätte ich ihm zugetraut -- so müßten sein gutes Herz und sein vernünftiger Kopf denn doch endlich die Oberhand gewonnen haben. Es dünkte mich gar nicht möglich, daß der Junge, sonst voll Anhänglichkeit und Liebe zu seinen Eltern, nun plötzlich von uns fortrasen sollte und in sein Verderben. Es geht eine Sage von „gehexter Lieb’“, schier hätte ich daran geglaubt, nur um die Zuversicht an mein Kind zu retten.

Dann wieder dachte ich, Alfred werde das leichtfertige Mädchen längst von sich gewiesen haben, und nur Trotz und Scham würden ihn noch abhalten, heimzukehren. Aber auch Rosa blieb verschwunden. -- Es vergingen Monate; sie kehrten nicht heim und blieben verschollen.

Das Ungemach kommt nie zu einzeln; es folgte ein zweites, freilich bei weitem linder, als das erste, aber ich erschrak doch davor. Ich wurde um jene Zeit zu den Geschwornen gezogen. Meine Angst vor dem Richterstuhle, und sollte ich auch selbst darauf sitzen, war nicht geschwunden, war sonderbarerweise noch gewachsen. Aber das Gesetz, das mich rief, war einmal da.