Feierabende: Lustige und finstere Geschichten

Part 25

Chapter 253,868 wordsPublic domain

Und siehe, während im Herzen des Kindes so die Liebe waltete, grub in der durchschossenen Hand des Vaters die Gicht. Die Salben aller alten Weiber der Umgegend waren längst versucht und verflucht; so entschloß sich nun der Alte einmal, einen entfernten berühmten Arzt aufzusuchen, um Linderung seines Leidens zu erlangen. Er ging davon und Julina blieb allein im großen Schlosse, allein bei Tage und bei Nacht.

„Das ist die rechte Zeit,“ sagte der wilde Hammer-Wend zu sich. Und des Abends spät, da Wolken die Sterne des Himmels verdeckten, ging er dem Schlosse zu. Er sann auf Mittel, die hohe Mauer zu überwinden, da fand er im Haselgebüsche die Leiter. Er grinste, er ahnte bald, von wem sie bereitet und wozu sie bestimmt war. Sein Blut glühte, theils aus Liebes-, theils aus Rachbegier. Er lehnte die Leiter an die Mauer und kletterte vorsichtig hinan. Er lauerte, das Fenster war geschlossen; er horchte, im Gemach war es still; er klopfte, das Klopfen war vergebens.

Sollte sie nicht daheim sein? Sollte sie in einer anderen Stube schlafen? Oder gar bei den Ziegen im Stalle? Denn Weiber gehen, wenn sie sich vor Menschen fürchten, gern zu den Thieren. -- Schon wollte der Wend wieder zur Erde steigen, da hörte er im Gebüsch ein Rascheln. Er stieg nun nicht hinab; behendig wie eine Katze kletterte er von der Leitersprosse auf einen Mauervorsprung hinaus, schmiegte sich in eine mit wilden Ranken umwucherte Nische, die hart neben dem Fenster war und lauerte.

Unten wurde ein Vierzeiliges gesungen:

„’s Vögerl am See Schwingt hin und schwingt he Schwingt auf und schwingt nieder Und mein blauäugigs Dirndl, Heut komm’ ich Dir wieder.“

Oswald’s Stimme.

Der Wend griff mit behender Hand nach dem Messer, das in der Ledertasche seines Beinkleides stak. „Mein Stoßeisen, Du! Sollst mir heute gut sein!“ so murmelte er knirschend. „Und das schwör’ ich Dir, Jüngling, in dem Augenblick, wo Du ihren Mund anrührst, grab’ ich Dir das Messer ein!“

Hätte Oswald emporgeblickt, er würde zwei Augen haben funkeln gesehen im Geranke. Aber dem arglosen Burschen fiel es nicht einmal auf, wieso die Leiter schon am Fenster lehnte; oder er hielt das als ein Zeichen des Entgegenkommens von Julinen. Zwar hatte sie heute bisher sein Liedchen nicht entgegnet; doch, sie mußte ja vorsichtiger sein als sonst, wenn der Vater daheim, und einem Mädchen, das sich einsam fühlt, vergeht das Singen. -- Leichten Blutes stieg Oswald die Leiter hinan. Mehrmals mußte er an den Scheiben klopfen und Julinens Namen flüstern, bis der Fensterflügel sich aufthat.

„Julina! Wachest Du? Ich bin’s.“

„Oswald,“ lispelte das Mädchen und zog die Pfaid über die Brust hinauf bis zum Kinn.

„Ja,“ sagte er.

„Oswald, heute hättest Du nicht kommen sollen.“

Er setzte sich an’s Fenstergesimse, schlang den linken Arm um eine Rankenstange, die zugleich als Gitter diente, und streckte die Rechte dem Mädchen zum Gruße hinein. Sie hielten sich an der Hand, sie flüsterten und der Bursche umschmiegte immer fester ihre weichen Fingerchen.

„Julchen,“ sagte er plötzlich, „wie Du siehst, bin ich hier auf dem Gesimse in keiner geringen Gefahr. Wenn die Ranke bricht, so lieg’ ich unten.“

„Warum soll die Ranke denn brechen?“

„Weil sie Deinen ganzen Burschen halten muß. Und just den Geringsten hast Du Dir nicht ausgesucht. Willst mich wägen?“

„Nach dem Gewicht kauf’ ich nicht,“ spottete sie.

„Ah, Ihr Weibsleut’ schaut’s nur auf das Maß; und allemal, es wäre schad’ um den Deinigen, wenn die Ranke jählings brechen sollt’.“

„Ein bissel wär’s halt freilich schad’,“ lispelte sie und zog seine Hand ein wenig näher an ihre Brust.

„Wenn Du’s meinst, so thätest wohl doch ein christlich Werk, wenn Du mich aus der Gefahr wolltest befreien.“

„Wüßt’ nit, wie Eins das müßt’ angehen.“

„Ich wüßt’ schon, Julina, wie Eins das müßt’ angehen. Da weg vom Fenster sollst mich heißen -- zu Dir in’s Stübel hinein.“

„Kunnt mir im Schlaf nit einfallen,“ meinte sie.

„Schlafst ja nit,“ sagte er, „Warum sollte ich nicht ein Eichtl neben Dir sitzen, daß wir über Eins und das Andere plauderten und uns mit einander die Zeit vertrieben?“

Jetzt war im Gestrüppe neben dem Fenster ein leichtes Rascheln.

„Hörst es!“ sagte Oswald, „die Fledermäuse, oder was mir da zusetzt. Nein, lieb’ Dirndl, ich kunnt’s nit verantworten, daß ich Dich in diesem alten G’schloß allein ließe die heutige Nacht. Möcht’s nit auf mich nehmen.“

„Jetzt ist Schlafenszeit,“ sagte sie.

„Magst schlafen so viel Du willst; ich sitz’ daneben und bleib’ schon munter.“

„Gescheiter wird’s sein,“ meinte sie nun, „ich verlaß mich für diese Nacht auf den heiligen Schutzengel, als auf Dich.“

„Das ist gewiß auch; aber Dein Schutzengel, der schickt mich ja her zu Dir. Geh’, lang’ zu Dein Köpfel, ich will Dir was in’s Ohr sagen.“

„Sag’s nur, ich höre es schon,“ entgegnete sie und hielt das Köpfchen zurück.

„Schatz,“ flüsterte er, „hättest wirklich eine so schlechte Meinung von mir, daß Du glauben kunnt’st, ich ging Dir heut’ ohne Bussel fort?!“

„Du Bübel, Du keckes!“ drohte Julina halb im Spaß, halb im Ernst. „Meine Mutter hat gern gesagt: Das Bussel hat einen langen Faden, da hängt allerhand dran und da verzappelt man sich hinein, wie die Mucken in das Spinnenweb. -- Hättest nur erst den Arm um meinem Hals, wär’ Dir’s ein Leichtes, in’s Stübel zu rucken; und auf der harten Bank sitzen, das kunnt’ Dir leicht nit lang’ taugen. Flugs ist die Gnad’ Gottes weg und wir kunnten uns von einander nicht erwehren. Und morgen thät’s uns gereuen. Oswald sei gescheit und geh’ heim.“

Da hub es dem Burschen in allen Adern an zu kochen. Des Mädchens innige Worte waren nur Oel in’s Feuer. Er konnte es in dunkler Nacht nicht sehen, wie nahe an ihm das scharfe Messer blitzte. Schon schickte er sich an, durch das Fenster zu steigen, aber die Jungfrau rief den Namen Gottes an und hielt ihn mit zitternden Händen zurück: „Oswald, überwinde Dich! nur heut’ überwinde Dich. Ich hab’s dem Vater versprochen, daß ich tugendsam bin, dieweilen er aus ist. Und mußt auch bedenken, daß heut’ Maria-Namenstag ist, wo vor einem Jahr an diesem Tage Deine Mutter ist gestorben --“

Sie sprach nicht weiter und so wies sie ihn hin, den lieben Burschen, den sie am liebsten mit beiden Armen an ihr Herz gezogen hätte. Mit einem tiefen Athemzuge ließ Oswald ab. Eine Weile saß er noch stumm auf dem Fensterbrett, dann sagte er traurig: „Gute Nacht, Julina!“ stieg rasch die Leiter hinab, warf diese in das Dickicht und eilte davon.

Der Hammer-Wend in seiner Mauernische ließ verblüfft das Messer in die Scheide gleiten. Mit einer Art von Wollust hatte er in seinem Racherausch den angeschworenen Moment zum Stoße erwartet. Jetzt war das Opfer plötzlich davon, er wußte kaum wie. Nun im Grunde, dachte er, um so besser....

Mit einem Satze war der wilde Essemeister auf dem Fenstergesimse. Ein Schreckruf des Mädchens; sie schlägt das Fenster zu. Er stößt es wieder auf; sie erkennt den Hammer-Wend, ein Stoß mit beiden Armen nach seiner Brust -- er taumelt zurück, stürzt nieder in’s Strauchwerk.

* * * * *

Den Essemeister Wendelin haben sie in’s Krankenhaus getragen. Der alte Schloßwart ist mit frischen Salben von einem Arzte zurückgekommen und hofft wohl, daß seine Hand sich wieder insoweit stärken wird, um damit den seither in Anwartschaft stehenden Enkel schaukeln zu können; denn Oswald, der junge Förster, hat um Julinen geworben. Und der Epheu rankt fort und fort, und die Vöglein umkreisen lustig schmetternd, kosend, geheimnißvoll lugend und flüsternd das Fenster der Liebsten.

Was der Franz Schlager für ein Wildpret schoß.

Anfangs fing er Schmetterlinge und steckte sie an die Nadel. Dann fing er Spatzen und Finken mit Leimspindeln. Dann fing er Marder und Füchse mit dem Schnappeisen. Dann schoß er einen Hühnergeier aus der Luft. Dann schoß er ein paar Hasen; dann schoß er Rehe und Hirsche, dann schoß er --

Die Geschichte ist schwer wie Blei.

In einem Hochthale des Reichensteinstockes hatte Franz Schlager ein Bauerngütchen. Franz war jung und frisch, und hatte ein prächtiges, herzenstreues Weibchen voll Lieb’ und Gemüth, voll fraulichen Adels der Natur. Bei seiner Arbeitskraft und bei ihrer Häuslichkeit hätten sie vollauf zu leben gehabt, und ihre Hütte war wie gemacht für „ein glücklich liebend Paar“. Aber just in die wärmsten und wonnigsten Nester legt der Teufel am liebsten sein Ei hinein. -- Für schlechte Leute, sagte der Franz, habe er sich den Kugelstutzen beigelegt; man wisse doch nicht, was sich in einer so einsamen Gegend Alles zutragen könne. -- Ei freilich weiß man das nicht, Du armer Franz Schlager, sonst hättest Du das Schießgewehr gewiß nicht in Dein Haus getragen.

Als er im Oberschachen den ersten Hasen schoß, hörte der Revierwart den Knall, errieth auch den Schützen, da er aber sonst den Franz wohl leiden mochte, so ließ er die Sache verhallen. Als der Franz Schlager sah, das Ding ginge so leicht ab, schoß er das nächstemal einen Rehbock nieder, schleppte denselben mitten in einem Sturmwetter in sein Haus und rief: „Theres, der da gehört Dein, zum Namenstag!“

Selbstgefällig schmunzelnd blickte er sein Weib an und erwartete freudigen Dank. Aber sein Weib begann zu schluchzen: „Das schmerzt mich, Franz, das schmerzt mich hart. Mit einer Blum’ vom Feld, mit einem Stein von der Straßen hättest mir Freude gemacht, wär’ es mir zu Lieb’ vermeint gewesen. Aber eine gestohlene Sach’ schenkst Du mir, so viel bin ich Dir werth....“

Es war zum Erbarmen; so bitterlich hatte er sie noch niemals weinen gesehen. Er schwieg eine Weile.

„Theres,“ sagte er endlich und stellte sich keck vor sie hin: „Mit Fleiß willst mich jetzt kränken, weißt gleichwohl, daß ich’s gut hab’ gemeint.“

„Franz,“ sagte sie, „das weiß ich gleichwohl und schau’, ich +lach’+ schon wieder, Du giebst mir heut’ ja noch ein ordentliches Bindband (Angebinde). Versprich’ mir’s, mein Franzl, wildern willst nimmer!“

Er nickte mit dem Kopf. Sie umfing ihn mit beiden Armen und lächelte mit feuchtem Auge.

Nicht lange darnach ist dem Paare ein Kindlein gekommen.

Ein Kindlein! -- Bin sonst nicht nervenschwach, aber wenn ich dieses Wort schreibe, so zittert mir immer die Hand. Ein Kindlein! Ich denke an die Vaterfreuden, an das Mutterglück. Mit jedem Menschenkinde wird der Erlöser neu geboren, unnennbare Seligkeit guten Elternherzen spendend. Therese ging fast in Mutterliebe auf; sie fühlte kein Herz mehr in ihrer Brust, sie fühlte es vor sich liegen in der Wiege.

Franz arbeitete mit neuem Muth und blickte mit hellerem Auge in die Welt hinaus. -- Da sah er hier einen Hasen kauern, dort ein Reh huschen; da hub ihm das Blut zu wallen an, wie lauter glühende Bleikugeln heiß. -- Und der jungen blassen Mutter müsse ein frischer Braten gar sonderlich wohl bekommen.

Als Theres wieder todtes Wildpret im Hause sah, zerrte sie den Gatten von der Wiege des Kindes, wo er eben gestanden war, führte ihn in einen Winkel des Vorgemachs und sagte:

„Unser Sohn soll das Wort nicht hören: Franz, Du bist ein Wildschütz’ -- ein Dieb!“

Sie ließ ihn stehen und stürzte davon und brach an der Stätte des Kindes zusammen.

„Und Du!“ rief Franz zur Stube hinein, „Du bist ein überspanntes Ding. Thun es Andere auch; wenn Jeder deshalb schon ein Dieb wär’! Der Herrgott hat die Thiere des Waldes für Alle erschaffen!“

„Darauf laß ich mich nicht ein,“ sagte sie, „Du willst das letzte Wort haben; Du weißt so gut, wie ich, was unrecht ist.“ Bald aber erhob sie sich, trat ihm einige Schritte entgegen, faltete zitternd die Hände in einander: „Franz, bös’ hab’ ich’s nicht gemeint. Und wenn Du schon das +Unrecht+ nicht willst sehen, so denk’, es könnt’ einmal zu Deinem Unglück sein. Geh’, mein lieber, mein guter Mann, laß’ das Wildern bleiben!“

„Ich weiß ja, Du willst mir keine Freude gönnen!“ rief er unmuthig und ging davon.

Da hatte sie kein Wort mehr, als den heißen Thränenstrom, der auf das Bettlein des Kindes niederrann. -- „Er hat keine Freude. Da ist sein Kind und da ist sein Weib, und er geht in den Wald hinaus und sucht sich eine Freude....“

Was kann mir denn geschehen? dachte Franz; jetzt ist schon gar keine Gefahr -- ist ja der Jäger krank und der neue Gehilfe ist noch nicht angekommen. Jetzt ist die Zeit dazu.

Und er nahm wieder das Gewehr unter den Wollenmantel und er ging davon.

Theres bat ihn noch einmal, hielt ihm das Kind entgegen: „Franzele, bitt’ auch Du Deinen Vater! Halt’ ihm das Händlein hin, streichle ihm die Wange; -- ’s ist ja Dein lieber, braver Vater, und er bleibt gewiß daheim, bei seinem kleinen Bübel.“

Das Knäblein lächelte, zupfte an dem Bart des Mannes und wollte nicht auslassen.

„Nu, nu,“ schmunzelte Franz, „ich komme ja bald wieder. Nur einen Habicht will ich heut’ aus der Luft brennen, er frißt uns ja sonst die Hühner auf. So Raubthiere muß man austilgen.“

Und er ging pfeifend hinaus in den herbstlichen Wald. Er sah sich nicht mehr um, denn er wußte wohl, Therese stehe noch vor dem Hause mit dem Kleinen und blicke ihm nach mit weinendem Auge.

Und als er in den Wald kam und sein Späherblick die Thierlein sah, die kriechenden, die fliegenden, die springenden -- so hub seine Begier gewaltig an zu glühen...

Theres nahm den Kleinen mit auf den Acker und grub Kartoffeln aus der Erde, und war emsig und unermüdlich dabei. Wenn man Herzweh hat, so muß man brav arbeiten, dann wird’s gut.

Heute wollte es aber nicht gut werden. Heute kam eine ganz besondere Angst über das arme Weib, als ob etwas Arges nahe wäre. Sie betete in Gedanken um Schutz für ihren Mann. Dabei kam ihr in den Sinn: Wie kann denn der gerechte Gott Diebe beim Stehlen beschützen! -- Aber sie betete: „Du, sein heiliger Schutzengel, beschirme sein Herz, beschirme es vor sündhafter Begier. Er ist ja sonst ein guter Mensch, thut Niemandem was zu Leid und ist gar ein braver Gatte und Vater. Du lieber Gott, das kann ich Dir wohl mit Freuden sagen!“ -- Sie schluchzte dabei und grub und grub die Erde auf und grub in Gedanken oft tiefer ein, als die Früchte lagen. Das Knäblein -- es war ein halbes Jahr kaum alt -- jauchzte hell und verlangte nach der Mutterbrust. Sie vernahm es heute kaum, und als sie den Spaten fahren ließ und zum Kinde kam, war dieses eingeschlummert.

Es ging gegen Abend. Das Gevögel schwieg, die Hühner saßen auf ihren Stangen. -- Franz war noch nicht zurück.

Theres hatte lange in’s Weite geblickt; ihre Unruhe war heute wilder Natur. Und als jetzt der späte Abend kam, harrte sie nicht mehr länger. Sie nahm das schlummernde Kind auf den Arm, hüllte es ein mit des Vaters brauner Joppe, verschloß das Haus und ging dem Walde zu.

Kein Ast und kein Baumwipfel rührte sich. Die langen Schatten der Bäume lagen da, junge, wachsende Kinder der Nacht. Theres ging an einer Schlucht hin. Das rauschende Wasser that ihr weh, denn ihr war, als müsse sie diese unheimlich zischenden Stimmen verstehen, und sie verstand sie doch nicht. Sie stieg die Lehne hinan und war sorglich, daß sie das Kind nicht wecke. Neben Büschen von Enzian setzte sie sich auf einen Stein und horchte. Alles schwieg und war im Frieden. -- Und wenn ein wildleidenschaftlich Herz pochte im Walde, man müßte es hören von Weitem in dieser reinen Abendruh’. -- Die blauen Glocken der Enziane wiegten sich sanft, und es ging doch kein Lufthauch; sie läuteten und man hörte das ewige Klingen der Stille.

Jetzt erwachte das Knäblein. Die Mutter reichte ihm die Brust. Es trank mit Lust. Und das Weib strengte sein Ohr an und meinte einen Laut, einen Schritt ihres Mannes zu hören -- und sie hörte doch nichts.

Dann blickte sie die blauen Blumen an, die wie Flämmchen noch leuchteten, da es schon dunkel war. -- Irrlichter sollen auch zuweilen in blauen Flammen leuchten. Aber Blumen sind keine Irrlichter; Blumen sind Augen Gottes -- so hat’s oftmals die Ahne gesagt. -- Und jetzt, Franzele, jetzt blickt uns Gott an mit seinen blauen Augen. Schau, er hat uns lieb; -- Gottes Auge wacht auch über dem Vater...

Ein Knall -- -- da war ein heißer Blitz durch den Busen des Weibes gegangen.

Sie stieß einen lauten Schrei aus -- sie preßte das Kind an sich.

Franz Schlager hatte den Schrei gehört, nachdem er die Kugel abgesandt nach dem braunen zuckenden Punkte zwischen den Büschen jenseits der Schlucht -- vermeinend ein eben früher aufgestöbertes Reh zu erlegen. Er hörte den menschlichen Ruf und eilte und sprang über Stock und Gestein, die Tiefe hinab, den Hang hinan -- und fand sein sterbendes Weib.

Das Kind sog noch an der Mutterbrust, über welche vielarmig die Bächlein des Blutes rieselten. Das Weib war mit matten Bewegungen noch bemüht, das strömende Blut so zu wenden, daß es sich nicht vermische mit der Muttermilch, deren sich das liebe Kind zu dieser Stunde das letztemal erfreute.

Mit wildem Gestöhne stürzte Franz hin, mit bebenden Armen riß er ihr sinkendes Haupt empor. Sie hob noch das Augenlid und sagte leise: „Mein Franz -- gelt -- das Wildern -- laßt sein?“

Er that einen rasenden Schwur, er ließe es sein.

Sie sagte nichts mehr. Noch ein Blick gegen ihr Kind -- ein zitterndes Tröpflein in ihrem Auge -- -- dann war es starr und öde auf dem lieben, trautsamen Antlitz.

Die Enziane läutete still in der ruhsamen Nacht... Auf der Erde war sie nicht gehört, aber in den Himmeln hat diese Sterbeglocke geklungen.

Der Gang zur Mutter.

Die Säge stand still, das letzte Brett glitt über die Rutschbalken nieder. Es war Feierabend -- Feierabend des Tages und Jahres -- Sylvesterabend.

Wolfgang, der junge Sägemeister, stieg langsam von seiner Werkstatt nieder, und sah auf die weißen Bretter hin, auf welchen noch der Staub der Sägespäne lag, und dachte daran, was man Alles daraus machen könne: Tisch und Schrank, Bettstatt und Bank, Wiege und Schrein. -- Wiege und Schrein! Am Sylvesterabend denkt sich so etwas gern, besonders, wenn man ein sinniger Kopf ist, wie der Wolfgang, ein altes mühseliges Mütterchen hat drüben in der Seegrub, und daheim ein süßes Weibchen, das der Herr gesegnet hat in den Tagen des Lenzes, als das erste Schwalbenpaar sich einheimste im Dachgiebel des kleinen Hauses an der Amster.

Zu diesem Weibchen schritt nun Wolfgang heim, daß er mit ihm ein glückseliges Jahr schließe und ein neues glückselig beginne. Agatha saß bei ihrem Nähtisch, nähte aber nicht, sondern legte die Hände in den Schoß und blickte träumend auf das Nadelkissen. Aber nicht das Nadelkissen sah ihr geistig Auge, sondern -- -- o, lieber Leser, wie könntest du verlangen, daß ich wisse, was ein junges Weib, zur Seherin geworden, in solcher Stunde schaut!

Ihr eigener Mann mußte sie wecken, da er die Hand auf ihre Achsel legte, und fragte: „Wie so, Agatha, daß Du mich heute gar nicht gewahrst, wenn ich bei der Thür’ hereinpoltere? Du schläfst ja wie ein Hase -- mit offenen Augen!“

Sie ermannte sich rasch aus ihren Träumen, blickte treuherzig zum Manne auf und lächelte.

„’s mag wohl sein, daß das neue Jahr gut anhebt,“ sagte sie dann, und ihre Wangen schimmerten rosig, wie draußen der Schnee im Abendroth.

Es wird ein Kuß gewesen sein, den jetzt der junge Gatte auf die Lippen seines Weibes gedrückt, ein absonderlicher Kuß, dem neuen Jahre vermeint, der Zukunft -- dem Kinde.

Und zur Stunde trippelte das alte Zwick-Schusterlein in die Stube; das hatte voran über der Brust das Werkzeugtrühelchen hängen, und hinten über dem Höcker eine große klappernde Traube von Leisten verschiedener Größe und Form -- in Holz geschnitzt die Füße der Einwohner von Amsterdorf und Seegrub. Gar Mancher, der auf eigenem Fuße stehen und leben konnte, hatte sich für seinen Fuß eben eigene Leisten anfertigen lassen, und es war daher beim Zwick-Schusterlein nicht richtig, daß es alle Stiefel nach +einem+ Leisten schlage. Aber das harte Tragen! Es war leicht zu errathen, wo diesen Mann der Schuh drückte: hinten auf dem Höcker.

Nun wohl, so rasselte der kleine Alte mit seiner Last zur Thür’ herein, und sagte: „Gewiß Gott zum Feierabend, miteinander! Ich komm’ von der Seegrub herüber, hab’ nur eine Post auszurichten und geh’ gleich wieder. Die alt’ Mutter drüben laßt bitten, wenn’s dem Wolfgang nicht gar zu unhandsam thät sein, daß er heut’ noch ein bissel wollt’ zu ihr hinübergehen.“

Die Eheleute erschraken und fragten gleichzeitig, ob was geschehen wäre, ob sie nicht doch gar krank wäre, die Mutter!

„Auf das kann ich nichts sagen, Sie hat mich durch den Pechölbuben bitten lassen, daß ich’s bei Euch ausricht’. Möcht’ sich nicht schicken, daß ich eine Weil’ nachgefragt hätt’, wegen was, oder warum. Jetzt hab’ ich meine Sach’ ausgerichtet; vergunn’ Euch ein glückseliges Neujahr miteinand und sag’ gute Nacht, Leutel.“

Kaum die letzten Leisten des Schusters zur Thür’ hinausgeklappert waren, sagte der Wolfgang: „Was wird’s jetzt geben? Muß schon was Wichtiges sein, daß sie mich hinüberruft den weiten, schlechten Weg in der Nacht, und in so einer Nacht. Die Mutter verlangt nicht dergleichen ansonst. Arg krank geworden muß sie sein, anders kunnt ich mir’s nicht auslegen. Daß es nur +heut’+ nicht wär’!“

„Da müßt doch eine alte Kuh lachen, wenn der Wolfgang sich in der Sylvesternacht vor Gespenstern wollt’ fürchten!“ rief das Weib.

„Du bist aber schon gar, Agatha, daß Dir so was kann einfallen. In der Todtenkammer will ich schlafen die heutige Nacht, der Gespenster wegen. Kugelscheiben mit den Todtenschädeln, Gott verzeih’s! -- Aber +Dich+ mag ich nicht allein lassen, die heutige Nacht -- von wegen dem, was Du vorhin hast gesagt.“

Sie lachte. Damit hätt’s noch lange Zeit. Bis in die Seegrub wäre es nicht ganz drei Stunden, da könnte er leichtlich nach Mitternacht wieder zurück sein; wäre aber nicht vonnöthen, möge sich friedsam ausschlafen in der Seegrub und morgen bei Sonnenschein wohlgetrost nach Hause gehen.

So gut verstand sie das Zureden, daß der Wolfgang den Lodenmantel anzog, den Stock zur Hand nahm und ging.

Es war schon dunkel, als er emporstieg den bewaldeten Bergzug, welcher das Amsterthal und die Gegend der Seegrub scheidet. Das rothe Rad des Mondes ging auf; der Wolfgang warf einen langen Schatten über das Schneefeld hin, und unter seinen Füßen knarrte der Pfad.

-- Was es nur geben wird drüben bei der Mutter? Fünfundsiebzig Jahre alt sein, ist eine gefährliche Krankheit. Da rücken sie so an, eins um’s andere, morgen kommt wieder ein neues und man hat seinen Spaß dabei. So Jahre sind wie der Hüttenrauch (Arsenik), den der Roß-Wasti so gern ißt: in rechtem Maße genossen, macht er schön und stark, zu viel bringt Einen um. Die Jahre sind auch so ein Gift.

Als er zur ersten Anhöhe gekommen war, blickte er auf das Dorf hinab, dessen Kirchthurm schon in das Mondlicht emporstand. Die Säge am Bach und das Haus mit der Agatha lag noch im Schatten. Sechzehn Stunden dauert es um diese Jahreszeit, bis die Sonne wieder kommt. Da kann dieweilen viel geschehen im Finstern. Wolfgang, wenn Einer, während Du hinüber zur Mutter gehst, zu Deiner Frau kommt?! Sie ist jung und hübsch, sie wird ihn herzen und küssen, wird ihn lieber haben, als Dich! Du bist zwar noch gar nicht alt, aber etwan kann er noch um ein Erkleckliches jünger sein, als Du, und wenn Du nach Hause kehrst, so wird sie ihn nicht mehr von ihrer Seite lassen, wird ihn an ihre Brust drücken Tag und Nacht..... Du lächelst, Wolfgang, und meinst, das könne schon sein -- hättest aber nichts dagegen. Und lieb haben, nicht zu sagen, wie liebhaben wolltest Du den kecken Nebenbuhler, und ihm Alles sein und geben, was an Dir ist, was Du hast und geben kannst. -- So eile denn, daß Du bald wieder zurück bist.