Feierabende: Lustige und finstere Geschichten
Part 24
Sie sank an seinen Leib, er schob sie von sich und wollte davon; sie hielt aber fest an seinem Arm und rief: „Die Brust reiß’ mir auf und schau’ in mein Herz! -- Einzig lieb bist mir, sonst sag’ ich nichts.“
„Will auch nichts hören, aber sehen will ich’s. Beweisen sollst mir’s +einmal+, was Du mir tausendmal hast gesagt.“
„Wenn Du wissen könntest, mein Flori!“ sagte sie, und ihr feuchter Augenstern wuchs, daß er das Weiße fast verdeckte. „Meinetwegen wollt’ ich Dir Ja sagen, was liegt an mir! Bist mein, ich frag’ nach keiner Jugend und keiner Tugend. Ohne Dich bin ich mir doch nichts werth. Wenn Du Dich aber heut’ mit einer eisernen Ketten an mich bindest, so gehört morgen Dein Leben und Dein Glück nimmer Dir.“
„+Dir+ gehört’s und ich werde Dich nehmen.“
„Du +wirst+ mich nehmen, das glaube ich von Dir gleichwohl, aber ich werd’ nicht wissen, ist’s aus Lieb’ oder aus Muß. +Ganz+ frei sollst Du sein, wenn Du mir vor dem Altar die Hand reichst.“
„Ganz frei, Vrona, das kann gar nicht sein. Vierzehn Tage vor der Hochzeit macht man das Versprechen; das gilt und bindet ehrenhafte Leut’ so fest wie die geweihte Stola. Heut’ ist dieser Tag und heut’, Vrona, mach’ ich Dir mein Versprechen für Zeit und Ewigkeit.“
„Und meinst, Flori, daß Du in vierzehn Tagen mit mir Hochzeit haben kannst?“
„Möcht’ wissen, wer mir das wollt’ verbieten!“ rief der Bursche.
Sie antwortete: „Wer Dir’s wollt’ verbieten! Niemand Anderer als der Kaiser.“
„Wieso der Kaiser?“
„Ich weiß recht gut, daß Du einundzwanzig Jahre alt bist und in drei Wochen mit den Rekruten gehen wirst.“
„Wer sagt das? Kein Mensch hat Recht auf mich. Du weißt, ich bin der einzige Sohn auf dem Schwandhof, meine Eltern sind alt und gebrechlich, die Wirthschaft ist groß -- so bin ich frei vom Soldatendienst.“
„Frei bist?“ rief das Mädchen aus -- es war ein Jubelruf.
„Und so frei, daß ich Dich noch einmal frag’, ob’s Dir recht ist, wenn wir Hochzeit halten?!“
Ihr war’s recht, sie sagte nicht mehr nein.
Und als sie vom jungen Getanne hinaustraten in den Sommertag, der blendend licht in ihr Auge fiel, war der Bund geschlossen und der Schlüssel in den bodenlosen Abgrund geschleudert.
* * * * *
Was da geschehen, es lag nicht in der richtigen Reihenfolge und verschob nun das Herz und den Frieden der Menschen.
Der Schwandhof war eines der vornehmsten Bauerngüter im Gau.
Der alte, trotzige Schwandhofer war einstmals hoch und stramm dagestanden wie die Wetterfichte hinter seinem Hause. Vor nichts hatte er sich gebeugt als vor seinem siebzigsten Jahr, vor diesem stand er gedrückt, auf den Stock gestützt, und seine Hand zitterte. Sein Wille stand noch aufrecht und schwang sich wie ein Herrscherstab und wie eine Ruthe über den Hof und die Gründe. Sein Weib war ihm angemessen. Mit vierzig Jahren hatte er die Zwanzigjährige geheiratet und sie getragen und erzogen und geliebt wie ein Kind.
Jetzt schien es bisweilen, als wäre sie der Mann und er das Kind geworden; er wollte es lange nicht glauben, aber sie überzeugte ihn, und ein Glück war’s, daß sich ihr Wille an dem seinen stark gewachsen hatte, daß sie im Ganzen so dachte und schuf, wie es ihr Mann gewohnt war -- und so stand der alte Doppelmensch trotz Manchem ungebeugt da. Die meisten Leute behaupteten, die Schwandhoferischen besäßen Geld; Etliche aber sagten: sie wären vom Geld besessen. Nun ja, der Neid!
Sie thaten nichts Schlechtes.
Von besonderer Herzenswärme, aus welcher sonst so viel Lust und so viel Schmerz emporkeimt, wußten sie nichts. Ihr Gemüth, sonst etwa im Augenglanze des eigenen Kindes sich wieder erweichend, hatte sich gefestigt und verknorrt, bis -- in seinem fünfzigsten, in ihrem dreißigsten Jahre der Sohn kam. Sie begrüßten den lange erwünschten Stammhalter mit berechnender Freude, hatten des Weiteren aber nicht viel Liebe geboten und nicht viel Liebe geweckt. Der Junge war kernig im Charakter und ehrsam wie die Eltern, auch selbstbewußt und trotzig wie sie.
Der alte Schwandhofer hätte wahrlich noch nicht daran gedacht, das Gut an seinen Sohn zu übergeben; mit dem Gute übergiebt der Bauer nur allzu oft auch seinen Freistand, er wird Knecht -- der Knecht seines Kindes, wird bisweilen sogar Bettler, der die Brotkrumen erflehen muß von dem Tische, den er selbst so reich und üppig gedeckt hat. Der Flori ist auch noch viel zu jung; solche Leute, wenn sie in die Wirthschaft gesetzt werden, leben flott in den Tag hinein, denken an nichts, als daß sie „Herr“ sind, zeigen auch den Herrn und blasen ihn noch auf, so gut das Zeug hält, und das Vermögen verrinnt gemach in den Sand.
Das bedenkt der Schwandhofer.
Aber der Dorfrichter giebt ihm noch was Anderes zu bedenken. Der Flori ist seinem Alter nach stellungspflichtig: wie der prächtige Kerl dasteht, so behalten sie ihn auf der Stelle zu den Kürassieren. Will der Schwandhofer den Burschen losbringen, so muß er ihm Haus und Hof verschreiben. Für die Bäuerin ist das arg. Haus und Hof will sie nicht lassen und den Flori auch nicht. Ihr Mann sagt: zwei Wege seien schlechter als einer, daher müsse man einen davon rasch aufgeben. Er will den Burschen auf Haus und Hof schreiben lassen, aber dem Flori zu verstehen geben, daß Herrenschrift und Bauernwille nicht Ein Ding sei!
So war es veranstaltet an jenem Tage, als der Flori von dem Stelldichein mit der Vrona nach Hause kam. Fest faßte er die Thürklinke, stolz trat er auf die frisch gescheuerte Diele -- seit kurzer Zeit fühlte er sich ganz Mann. Er kannte in weiter Runde keinen Herrn. Doch mit dem Vater verlangt’s ihn heute zu sprechen, nur weiß er nicht recht, will er dem Alten einen Befehl geben oder von demselben einen empfangen.
Sie sitzen jetzt in ihrem Extra-Stübel, ihrem kleinen Rathssaale, in welchem die Gesetze für den Schwandhof gemacht werden. Er sitzt im massigen Armstuhl, hat einen Polster unter dem Leder, sie auf der Ofenbank; sie ist ein seltsames Weib: sie ist still, wenn er spricht, und läßt ihn allemal ausreden, ehe sie ihre Meinung abgiebt. Es ereignet sich wohl bisweilen, daß die Meinungen der Beiden so weit auseinander stehen wie Ja und Nein; in solchen Fällen rückt zuerst sie ein Weniges, dann rückt er ein Weniges -- sind noch nicht beisammen; sie beginnen wieder zu wenden und zu winden, und endlich stehen sie richtig dort, wo ein braves Ehepaar zu stehen hat: in der Einigkeit. Geht’s an einem Tage nicht, so wird darauf geschlafen, am nächsten Tage geht’s spielend. Und so halten sie zusammen seit dreißig Jahren und bestehen Alles und sind verwunderlich gestiegen an Macht und Ansehen.
Nun tritt ihr Sohn, der Flori, in das Stübchen. Er hatte bisher wohl seinen Sitz im hohen Rath -- auf dem Schemel neben dem Wandschrank, auf dem die Stockuhr mit dem Glaskasten steht -- aber er hatte keine Stimme. Heute setzt er sich nicht auf den Schemel, heute lehnt er sich mit dem Rücken an die Tischkante, kreuzt die Arme über die Brust und schickt sich an, als wollte er reden.
Der Schwandhofer schaut den Burschen so etwas über die Achsel hin an und stellt ihm ein paar gleichgiltige Fragen über die Wirthschaft.
Da macht der Flori den Mund auf und sagt kernhaft: „Werden wir’s halt angehen!“
Der Alte wendet bis zur Hälfte sein Gesicht, läßt die Augenlider zufallen, als wenn er schläfrig wäre, und murmelt: „Was meinst, Flori?“
„Wenn ich auf’s Haus geschrieben werde,“ meint der Bursche, „so kann ich nicht allein stehen.“
„Setz’ Dich nieder,“ lallte der Alte.
„Ich will heiraten!“ sagte der Flori.
„So!“ antwortete die Mutter in einem merkwürdig kühlen Tone.
„Ich weiß Eine,“ fuhr der junge Mann fort, „und will nicht lange umziehen. In vierzehn Tagen kann Alles vorbei sein.“
Der Alte trommelte mit seinen steifen Fingern auf der Armstütze des Sessels. Endlich versetzte er, noch immer mit schläfriger Miene: „Darf man fragen, wer es ist?“
„Die Vrona. Die Stegbrunnerische Vrona.“
„So!“ sagte nun auch der Alte. Beide schwiegen und der Sohn begann nun seine Wahl mit kurzen Worten zu begründen, die Nothwendigkeit derselben klarzustellen, und der Gründe waren so triftige, daß er den eigentlichen, triftigsten gar nicht einmal anzuführen brauchte.
Die Mutter hatte dabei mehrmals mit dem Kopfe und mit der Hand gezuckt, als wollte sie Fliegen abwehren. Der Vater war starr, wie aus Lärchenholz geschnitzt, dagesessen, und als nun der Sohn ausgeredet hatte und sich anschickte, die Stube zu verlassen, sagte der Alte: „Bleib’ noch ein paar Augenblicke da bei uns, die Sache ist noch nicht ganz in der Richtigkeit.“ Dann stand er schwerfällig auf, stellte sich vor den Burschen, indem er sich auf den Sessel stützte, und begann nun Folgendes zu sagen:
„Mein lieber Flori! Du hast da etwas gesprochen, aber greif’ mit der Hand in die Luft hinein, ob das Wort noch wo herumfliegt. Wirst nichts mehr finden; ich find’ auch nichts. Ich will’s nicht gehört haben und hab’s nicht gehört. Solltest Du einmal heiraten wollen, so weißt, wen Du zuerst zu fragen hast. Deine Eltern, das brauchst nicht zu glauben, weil Du ’s lange schon erfahren hast, wollen Dein Bestes und werden Dir nicht just Die auferlegen, die Du am wenigsten magst, und Du bist gescheit und wirst nicht gerade die Eine aussuchen, die Deinen Eltern am wenigsten ansteht. -- Jetzt kannst schon gehen, Flori.“
Der Flori ging aber nicht, sein Auge war wild und sein bebender Mund murmelte: „Soll das eine Antwort sein, Vater?“
„Frag’ wird’s keine sein!“ sagte der Alte.
Nun hub auch die Mutter an.
„Bist denn närrisch worden, Flori!“ rief sie; „Du könntest im Gau und im Kärntnerischen d’rüben keine Unrechtere finden. Die hat Alles beisammen, was für Dich nicht paßt. Sei still und red’ nicht, Lecker! Sie hat die Stegbrunnerische Hoffart an sich. Hättest um etliche Jahre früher wohl können erfahren, dieweil solche Leut’ noch Geld haben g’habt, wie ein Bidelmann (Freier) aus der Bauernschaft dort aufgenommen ist; sie haben nicht mich und nicht Deinen Vater angeschaut, in Sammt und Seiden sind sie daherstolzirt, und bei allen Leuten der Hahn im Korb sein, das war ihr Begehren. Jetzt, weil sie ihren Wirthskeller und ihren Kaufmannsladen verhaust haben und so viel als wie Bettler sind worden, jetzt glaub’ ich’s gern, daß ihnen der reich’ Bauersohn gut genug wär’. Auf die Schönheit gehst? Möcht’ schon wissen, wo an Der die Schönheit steckt, und ich rath’ Dir, Flori, such’ sie nicht an der unrechten Stell’! Wie Du heut’ dastehst, denk’, wen Du kriegst und wen Du brauchst! Das möcht’ eine Wirthschaft sein, Du heilige Mutter Gottes! Das Verschwenden und das Feine-Frau-Spielen hat sie gelernt; von einer braven Haushaltung weiß sie nicht so viel, als meine Unterdirn im kleinen Finger hat. Nimm eine Dienstbotin, wenn sie arbeiten kann und hausen, aber Eine, die reich gewesen und arm geworden ist, stellst mir nit auf den Schwandhof, dafür bin ich und der Vater da!“
Der Alte, der sich wieder auf seinen Sessel niedergelassen, nickte beistimmend und kühl, als ob er weiter der Sache nicht genug Wichtigkeit beilegte, um sich darüber zu ereifern. Dem Flori war nun auch ein scharfes Wort aus dem heftig schlagenden Herzen auf die Zunge gestiegen, aber -- wie die Weiber schon sind -- seine Mutter hub noch einmal an und brachte allerlei gegen die Vrona vor, übertrieb, was das Zeug hielt, und als sie nichts Neues mehr vorzubringen wußte, wiederholte sie das Alte und wurde immer hitziger dabei, bis ihr der Alte zuwinkte: „Geh’, hör’ auf, Hanna, und laß das Traumauslegen sein!“
Da stampfte der Flori mit dem Fuße in den Boden und schrie: „Verflucht! Gegen die Vrona laß ich nichts sagen! Die wird mein Weib!“
Jetzt schlug der Alte sein Auge auf, es war grau und nebelig.
„Du ungeberdiger Laff’,“ sagte er, „zum Schreien und Fluchen ist das freie Feld draußen weit genug. Kannst gleich schauen, daß heute der Schafdung auf den Rübenacker kommt; wie es mir in dem Arm zuckt, glaub’ ich, daß wir Regenwetter kriegen.“
„Vater,“ entgegnete hierauf der Bursche, indem er seine Aufregung niederzuhalten suchte, „seit ich Hand und Fuß rühren kann, habt Ihr mich zur Arbeit gestoßen. Oft manche Stimm’ hab’ ich gehört, wie ich, der einzige Sohn auf dem großen Hof, der Narr sein kunnt’ und ließ mich hin- und herschummeln wie ein Knecht, früh und spat, jahraus, jahrein. Ich hab’ mich nicht anfechten lassen, bin willig und fleißig gewesen -- wegen Vaters willen. Wer mich aber jetzt auch noch will unter den Füßen haben, daß ich nicht einmal im Weiben mein Herr sein sollt’, mit dem red’ ich aus einem andern Ton.“
„Hast ganz recht, Flori,“ höhnte der Alte.
„Dem sag’ ich, daß mich kein Gott und kein Teufel von meiner Sach’ abbringt!“
„Herrein!“ schnarrte der Schwandhofer auf ein Klopfen an der Thür.
Der Gerichtsdiener war’s. Ein Papier entfaltete er; um Unterschrift hatte er zu bitten.
„Was habt Ihr denn schon wieder?“ murmelte der Alte.
„Nichts Unangenehmes diesmal,“ antwortete der Bote und las:
„Laut Gesetz vom (Datum, Paragraph und Zahl genau angegeben) kann dem Gesuche des Lorenz Pürgher, derzeitigen Besitzers des ~vulgo~ Schwandhofes im Gau und seiner Ehegenossin Katharina Pürgher, Mitbesitzerin auf genannter Realität, Beide gegenwärtig zur selbsteigenen Verwaltung und Führung der Wirthschaft nicht mehr befähigt, wegen gänzlicher Befreiung ihres einzigen Sohnes Florian Pürgher von der Militärpflicht hiergerichts entsprochen werden und hat außer genannten Bittstellern das obwaltende Gemeindeamt die oben als Begründung des Gesuches angeführte Thatsache ordnungsmäßig zu bescheinigen.
Das k. k. Kreisgericht.
N.“
„Was soll mir das?“ fragte der Schwandhofer. „Da steht eine Unwahrheit, die ich nicht unterschreibe. Ich bin gottlob wieder gesund und stark genug für mein Haus. Ich brauch’ Keinen. Gieb her, Bote, +das+ will ich aufschreiben...“
Der Flori fiel dem Alten in die Hand.
„Ist recht,“ sagte der Bauer, „so schreib Du’s auf: Ich nehme mein Gesuch zurück, bleib’ Herr in meinem Haus und laß’ die Stellungscommission mit meinem Sohn machen, was sie will. Na, schreib’, schreib’!“
„Das ist ja Alles nicht nöthig,“ meinte der Amtsbote, „fehlt die Unterschrift, so ist der Wisch ohnehin ungiltig.“
„Dann sind wir fertig!“
„Gefreut mich recht, daß wir in unseren alten Tagen noch so rüstig sind!“ sagte der Bote nicht ohne Spott und verließ die Stube.
Flori war blaß bis in den Mund hinein, sein Auge rollte wild; die Adern seiner Stirne schwollen an, seine Hände ballten sich zur Faust. Aber es geschah nichts, als daß die dumpfen Worte gesagt wurden: „Ich brauch’ Euch nicht. Gebe Gott, daß auch Ihr mich nicht braucht!“
Und Flori trat zu dieser Stunde das letztemal aus der Thüre seines Vaterhauses.
In wenigen Wochen war er Soldat. Ein halbes Jahr später stand er auf der Wacht inmitten der heißen Steinberge der Herzegowina.
Die alten Leute auf dem Schwandhof waren mürrisch und hinfällig. Eines Tages wurden ihnen zwei Dinge in’s Haus getragen: ein schwarzgesiegelter Brief und ein kleines Kind -- ersterer kam aus Mostar von der Militärbehörde, letzteres vom Krankenbette der Stegbrunnerischen Vrona.
Beides blieb im Schwandhofe -- es war ein Ende und ein Anfang.
Am Fenster der Liebsten.
Die Jagd war unglücklich ausgefallen. Der Fürst hatte einem Treiber die rechte Hand durchschossen. Der Treiber aber hatte Weib und Kind, sonst aber nichts für sich und seine Familie, als diese Hand; er war Waldarbeiter, und bei solchem Geschäfte muß die Rechte allemal wissen, was die Linke thut, weil sie derselben in Allem beizustehen hat.
Gut war noch das Eine, daß der Fürst es gewesen, der in Unacht den bösen Schuß gethan hatte, und die Leute sagten: „Sei froh, Thoma, jetzt bist versorgt für alle Tage, die Dir Gott vom Himmel giebt!“
Und Gott gab ihm noch manchen Tag vom Himmel, nahm ihm hingegen sein Weib -- da stand er, der Krüppel, mit seinem Kinde, einer heranwachsenden Tochter, allein. --
In einem Thale jenes Gebirges steht das Schloß Hollerstein. Es ist ein großes, altes Gebäude, der Sage nach einst von Raubrittern gegründet, von Templern erobert und bewohnt, durch die Türken zerstört und als Jagdschloß für den Fürsten wieder erbaut. Die längste Zeit des Jahres stand Hollerstein leer und wurde nur von einem Vogte bewacht, einem Invaliden aus dem Franzosenkriege. Als nun der eine Invalid starb, kam der andere dran -- der Thoma mit der durchschossenen Hand. Der bekam im Schlosse zwei große Stuben und ein kleines Gemach, und darin wohnte er nun und war der alten Mauern und dem blühenden Kinde treuer Wart. Die grauen Steine sind leicht zu hüten, aber ein hübsches Mädchen, das zwischen dem Kinde und der Jungfrau in der Schwebe ist, wie ein Blüthenreis in der Nacht zwischen April und Maien, ist Gefahren ausgesetzt, von welchen der alte Thoma selbst nicht viel Ahnung hatte. Es ist scheinbar eine kühle oder laue, ruhige Nacht, aber es ist dunkel und das Mädchen ahnt, bangt in das Ungewisse hinein. Es fühlt wohl, daß ihm ein anderes Leben kommen müsse -- es fiebert leise zwischen Frost und Sonnengluth...
Julina hieß sie. Julina ging nun in das achtzehnte Jahr. -- Ich wollte, ich könnte malen, ich würde dem freundlichen Leser ein Bildchen schenken, das er aufstellen sollte an dem trautesten Platze seines Heim. Im rauhen Gemäuer des Schlosses ein Fenster, dessen offene Flügel mit den klaren, sechseckigen Zellenscheiben in der Morgenluft leise fächeln. Das Fenster ist einen Stock hoch in der Mauer, aber die Ranken des Epheu sind doch hinangeklettert und umkränzen die Rahmen und schwingen und schlingen sich über das Gesimse hinein und möchten am liebsten auch das holdsame Mädchen umschlingen, das mit seinen goldfarbigen Locken am Fenster steht und just mit zarter Hand ein Dornröslein befestigt an der blüthenweißen, schmiegsamen Pfaid seines Busens. Sein Lippenpaar ist auch so ein Dornröschen, so knospend, so frisch; und wer ihm in’s große, helle Auge schaut, der kann ein Vöglein d’rin sehen -- es ist das winzige Spiegelbild einer Schwalbe, die heiter zwitschernd auf einem Zweige wiegt und dann lustig um den Thurm des Schlosses kreist.
Ja, ihr Närrchen! Wenn schon der immergrüne Epheu und die lose Schwalbe um das Mädchen minnen, wie erst die warmlebigen Burschen des Thales! -- Es ist ja so wunderbar, so närrisch, so göttlich auf dieser Welt! -- Am Abend, wenn die Schwalbe schon längst in ihrem Neste hockt und den stillen, süßen Freuden des Familienlebens obliegt, und wenn über den steinigen Höhen des Tauern der Mond aufsteigt, schamrothen Antlitzes zuerst wie ein Junge, der das erstemal minnt, doch helleren, keckeren Auges bald die Mauern des Schlosses bescheinend und im Gemache einen scharfen Schatten schneidend aus dem Köpfchen der jungen Maid, die wiederum am Fester steht -- zu solcher Abendstunde mögt ihr heimlichen Lauscher wohl einen wunderlichen Gesang hören unten im Haselgesträuche. Anfangs ist es nur eine Entschuldigung:
„Meine Schuh, die ih trag, Sein vom Fuchsleder g’macht, Sie schlafen beim Tag Und geh’n aus bei der Nacht.“
Gleich darauf mag schon das Geständniß kommen, das Geständniß von warmer Neigung oder einer heißen Herzenssehnsucht; es kann ein glühend Verlangen werden, gemildert nur durch die anmuthig schalkhafte Liebesform, in welche schon die Alten ihre trotzigen Wünsche zu kleiden gewußt haben. Auch den Jungen nun ist ganz dasselbe mundgerecht.
Nicht abhold sind die Mädchen solchem Cultus der Liebe und Julina sang mit ihrer weichen Stimme manche Antwort gegen das Haselgebüsch hinab -- bald Gegenneigung, bald Ablehnung, bald Gewährung, bald Spott verkündend. Da knisterte es wohl zuweilen im Strauchwerk, da strebte wohl mancher rüstige Fuß über die rollenden Schuttsteinchen dem Gemäuer zu; aber die Wand war glatt, und gleichwohl man sagt, die Liebe hebe den Menschen in höhere Regionen, hier an der Mauer von Hollerstein vermochte sie nicht einen einzigen der Minnenden bis zu Julina’s Fenstergesimse zu heben.
Nur Oswald, der zweiundzwanzigjährige Sohn des Forstmeisters, vermuthete, daß hier eine Leiter mit zwölf Sprossen bessere Dienste leisten dürfte, als die begehrendsten Liebesliedchen. Von Heim mitbringen konnte er die Leiter allerdings nicht, denn das Försterhaus stand drei Stunden tiefer im Gebirge, und dem Burschen, schlank und glatt und fein, zart und männlich dabei, frisch und heiter -- der Abgott aller jungen Weiber, die ihn sahen -- dem stand es nicht an, anstatt der Flinte eine Holzleiter zu schleppen auf seiner Achsel dem Schlosse Hollerstein zu. So zimmerte denn Oswald eines Tages im Haselgebüsch unter dem Schlosse die Leiter. Der harmlose Thomas hatte ihm Axt und Bohrer dazu geborgt, denn so eine Leiter -- meinte er -- sei freilich wohl nöthig für den jungen Jäger, um die schroffe Falkenwand jenseits des Baches zu erklimmen. Und Oswald, der herlebige Junge, hatte selten noch eine Arbeit mit solcher Passion verrichtet, als nun, da er die Sprossen in die Leiter bohrte; von Sprosse zu Sprosse wurde ihm wärmer und als er die letzte, die oberste in’s Holz schlug, murmelte er: „So! meine Mutter hat mir alleweil gesagt, der Mensch soll sich seine Staffel in den Himmel selber bauen. Meine sind fertig.“
* * * * *
Nicht gar weit vom Schlosse steht das Sensenwerk, in welchem zu dieser Zeit der Hammer-Wend Essemeister war. Der Hammer-Wend ist in der Gegend noch heute als ein Mann bekannt, der so hart, spröde und schwarz wie rohes Eisen war, und wenn Der glühte, da stoben die Funken. Es war ein finsterer, rachgieriger Geselle, ein kerniger Arbeiter gleichwohl, aber ein wüthender Raufer und Würger, wurde er gereizt. Keinem war so gefährlich Kleider machen, als diesem, Keiner gab so gutes Trinkgeld, wenn ihm was saß, aber Keiner wetterte auch so wild, wenn im Gewand ein kleiner Fehler war. Indeß diente es als Empfehlung, wenn es hieß: Der arbeitet auch für den Hammer-Wend. Er war über die Dreißiger hinaus in Liebessachen kalt geblieben. Ueber den Wein, die Spielkarten und über die Wilderei hatte er das Weib vergessen.
Als nun aber in der Nähe des Sensenwerkes des Schloßwarts Töchterlein erblühte und selbes in allen jungen Männern des Thales Liebessehnsucht weckte, da fing der Wend plötzlich Feuer und glühte und sprühte schauderlicher, als all’ seine Essen zusammen. Eines Sonntags im Schloßhag, wo Julina just zwei zahme Rehe fütterte, machte er ihr seine Liebeserklärung. Seine Worte waren wie eherne Hammerschläge, wie lodernde Eisenklumpen. Das Mädchen erschrak vor solcher Leidenschaft, wortlos senkte es das Haupt und zitterte wie eine Taube unter dem niederschwirrenden Adler. Das Nahen des Vaters rettete sie. Der Hammer-Wend schritt fürbaß und hielt sich das Mädchen für erobert.
Auch er war nun manche Nacht im Haselgebüsch gekauert, doch sang er nur selten ein Lied, weil seine Minnetöne vom Fenster her nie eine Antwort erfuhren. Er lauerte auf eine Gelegenheit, dem Mädchen zu nahen, und sich dessen Gegenliebe zu versichern. Da fand er eines Abends im Gebüsche den Försterssohn lehnen an einem Steine, süße Lieder singend und süße Antwort empfahend. Vor Wuth bebte der Wend; sein Feind, der ihn schon einmal wegen Wilderei vor Gericht ziehen ließ, sein Feind stand nun zwischen ihm und diesem jungen Weibe. Erst als Oswald mit drei Fingern einen Kuß gegen das Fenster sandte: „Gute Nacht, gute Nacht, mein Schatz!“ huschte auch der Wend davon. Und mit Zähneknirschen schwur er’s, in den nächsten Tagen wieder auf Jagd zu gehen, und zwar mit seinem sichersten Kugelstutzen, und Stände zu suchen, nicht wo der Rehbock springen konnte, sondern wo der Försterssohn vorübergehen mußte.
Julina trillerte noch ein heiteres Schnadahüpfel und legte sich schlafen. So sang sie stets ihren Abendsegen und meinte in ihrer Schalkheit, vielleicht gefalle dem lieben Herrgott das Singen besser als das Beten, denn seinen Vöglein in den Lüften habe er nicht das Beten, wohl aber das Singen gelehrt. -- Ein Blitzmädchen war’s!