Feierabende: Lustige und finstere Geschichten
Part 22
Jetzt, mein Leser, ist es noch früh genug, daß Du diese Blätter ungelesen wendest. Denn die Geschichte trifft grob und Mancher wird fluchen über die Menschen, über Gott und über den Erzähler. Daß es keine Dichtung ist, das entschuldigt wohl den Erzähler, aber sonst Niemanden.
An einem jener Tage war es, da die Menschen des Dorfes nicht arbeiten wollten, aber auch nicht ruhen -- der Tag zum Beten und Sündigen.
Der Küsterssohn Anasti, ein kräftiger, gebräunter, rabenlockiger Mann von sechsundzwanzig Jahren, liegt hingestreckt auf dem Rasen, im Schatten des Obstgartens. Aus seinen Augen funkelt die Gluth, die in ihm loht, der schwarze Bart auf seiner trotzig geschärften Oberlippe ist wie eine Warnungstafel: Weiber mit Feuer sollen nicht zu nahe kommen.
Doch nein, jetzund wird nicht mehr gesündigt. Anasti hat eine Braut, in kurzen Wochen ein Weib. In der Kirche zum heiligen Wolfgang sind sie heute das erstemal aufgeboten worden, er und die schöne Gratina, die einzige Tochter des reichen Spornthalers. Das Glück ist doppelt und dreifach herrlich, weil er weiß, daß ihn Alles darum beneidet. Aber von der Gratina ist es nicht zu verwundern, daß sie eben gerade den Anasti erwählt hat: er ist zwar der Küsterssohn, aber er ist ein Mann. Seine Kraft dient nur seinem Willen und sein Wille entspringt wie ein elektrischer Funke aus den heißen Nervenströmen seines kühnen, stolzgebauten Körpers. So ist Einheit in seinem Wesen und jene rücksichtslose Entschlossenheit, welche die Weiber an den Männern mehr lieben, als die edelsten Eigenschaften der Seele.
Auch Gratina besitzt alles das, was ein Weib dem Manne so sehr wünschenswerth macht -- und so steht hier ein Leben zuvor, wie sich’s der dem Teufel Verschriebene nicht vollendeter bestellen könnte und in welchem man nebstbei noch Ehrenmann sein kann. Ein Windhauch bläst die Blüthen der Apfelbäume wie rosige Schneeflocken nieder auf den Ruhenden, der im Gedanken an die Zukunft schwelgt, so gut das eben bei einem Manne gehen mag, der nicht durch Schwärmerei zu lieben gewohnt ist.
„Anasti!“
Der Mann hebt sein Haupt und sieht zwischen Buschwerk des Gartenzauns ein blondes Mädchenköpfchen wiegen.
Suschen! Das schöne Kind des bestverachteten Mannes in St. Wolfgang. Ihr Vater ist zwar ein ehrlicher Mann, sein Gewerbe ist zwar keine Schande, aber ein Spott -- er schafft die verendeten Thiere abseits. Das müssen schon die Großherzigeren sein, welche sich herbeilassen, diesen im Gemeindewesen unangenehmsten Dienst zu leisten. Meister Gottlieb war auch gar nicht gedrückt darüber. Er waltete seines Amtes und lebte. Seine zwanzigjährige Tochter Susanna besorgte ihm den Haushalt; +sie+ stand recht gut in dem Ansehen der Leute, obwohl die Männer, denen sie gefiel, nicht recht mit ihr anzubinden wagten, sie wußten selbst nicht warum. „Die ist zu heiß!“ sagte Einer und der Andere. --
„Anasti!“ flüsterte sie jetzt über den Gartenzaun.
„Was willst denn?“ fragte sie der Küsterssohn.
„Dich will ich,“ antwortete sie.
„Warst Du heute nicht in der Kirche?“
„Freilich wohl.“
„So solltest Du’s wissen, daß meine Sach’ mit der Spornthaler-Tochter richtig ist.“
„Deine wäre schon richtig, Anasti, aber meine nicht. Steh’ nur auf und komme zum Zaun her; wirst Dich doch nicht fürchten vor mir?“
Er that einen Lacher und ging zum Zaun.
„Wirst doch nicht schon vergessen haben, daß Du mich auf dem Weg bei der Antlistanne so gern gehabt hast?“ sagte sie.
„Dummheiten.“
„Vorgestern ist’s gerade zwei Monat gewesen, Anasti.“
„Mag ja sein, wer wird denn so was aufmerken.“
„Ihr Männer freilich nicht; wir Weibsleute haben halt einen Kalender nach dem Mondschein. Und Mondschein ist dazumal gewesen, das wirst wissen.“
„Das weiß ich.“
„Seither hat er nimmer gescheint, und es ist schon zwei Monate vorbei.“
„Geh’ heim und rede nicht so albern.“
„Nein, Anasti, ich geh’ jetzt nicht heim und Du bist nicht so dumm, daß Du nicht auch das alberne Reden verstehen solltest.“
„Du fängst mir wieder selber an!“
„Ich verlang’ heute nichts von Dir, ich melde mich nur. Und wenn Ihr gleichwohl vergessen habt auf die Susi, sie wird doch zur Hochzeit kommen, aber +vor+ der Copulation.“
„Susi!“ rief er aus.
„Ja,“ gab sie zur Antwort.
„So bist Du mir?! Jetzt kenne ich Dich! Hab’ +ich+ Dich verführt? Wie eine Schlange bist Du mir nachgeschlichen am Ostersonntag durch den Wald. Hab’ +ich+ Dich angesprochen? Wer hat sich denn an jenem Abend an mich gehängt, weil er sich allein nicht durch den Wald zu gehen getraut? Wem ist denn so um’s Rasten gewesen bei der Antlistanne?“
„Das weiß ich nimmer,“ antwortete sie, „das Rasten ist auch nichts Unrechtes, wenn man müd’ ist.“
„Es hat sich aber gewiesen, daß Du gar nicht müde gewesen bist!“
„Bist ja Du auch nicht müde gewesen und hast Dich doch auch gesetzt und weit näher zu mir, als es hätte sein müssen. Das ist eine Schmach für Dich, daß Du jetzt so unschuldig thust.“
„Ich thu’ nicht unschuldig, aber ich weiß auch, daß Du mir vormachen kannst, was Dir beliebt; Du mußt erst sehen, ob ich Dir’s glauben will oder nicht, daß es ich allein bin, zu dem Du das Vertrauen gehabt hast, daß er Dich durch den Wald nach Hause führt.“
„Ob Du es glauben willst oder nicht, mein lieber Anasti, das ist mir gleichviel, wenn’s nur die Andern glauben.“
„Susi!“ Er stieß mit der Brust an die Bretter und krampfte nach ihr die Finger, sie trat zwei Schritte vom Zaun zurück.
„Schau, wilder Bursche, so bist Du immer,“ sagte sie, „ob Du Eine gern hast, oder umbringen möchtest, gleich allemal mit ganzer Gewalt. Ich sehe, daß heute mit Dir nicht zu reden ist und es hat auch Zeit. Ich gebe Dir’s nur zu bedenken, Anasti, ob Du selber bei den Spornthaler-Leuten absagen willst, oder ob ich es thun soll. Bilde Dir nur nicht ein, mein Lieber, daß ich zurückstehe!“
„Kannst mich zwingen, Schinderdirn’, daß ich Dich heirate?“
„Das nicht. Ich will nur, daß Dich auch die Andere nicht soll haben. Und wie ich den Spornthaler und seine Tochter kenne, wird’s mir gar nicht schwer, daß ich meine Sach’ durchsetze. Behüt’ Dich Gott, Anasti!“
Sie ging davon. Er sah ihr knirschend nach. -- Das ist der Teufel von einem Weibe! --
Dann vergingen die nächsten Tage. Ueberall wurden Vorbereitungen getroffen zur großen Hochzeit. Gratina lebte in stillem Glücke. Sie hätte den feinen Verwalterssohn von Oberlahn heiraten sollen. Lange hatten Ehrgeiz und Liebe in ihr gekämpft, endlich hatte letztere gesiegt und sie entschloß sich für den armen Küsterssohn, dessen Herzhaftigkeit sie bestochen hatte, von dessen Liebe sie überzeugt war, auf dessen Treue sie schwor. Ihr Vater ließ ihr in der Angelegenheit freien Willen und war überzeugt, daß seine vernünftige Tochter einen vernünftigen Schluß fassen werde.
In diesen Tagen leitete der Anasti das Gespräch mit ihr einmal auf die Unbeständigkeit in der Liebe, wie solche so häufig vorkäme. Da erfuhr er denn allsogleich, wie seine Braut über dieses Capitel dachte: sie verdammte die Treulosigkeit des Weibes und sie verdammte die Falschheit des Mannes. Sie würde lieber sterben, als untreu sein; und einen treulosen Mann würde sie nicht erst zur Rede stellen, sie würde sich sofort von ihm scheiden lassen. Daher nehme sie Einen, der +vor+ ihr noch kein Verhältniß gehabt, von dem sie die Ueberzeugung haben könne, daß sie seine erste und seine letzte Liebe sei.
Der Anasti machte sonst nicht gern Worte, aber hier sagte er, daß es doch auch viele Weiber geben solle, deren Liebe zum Ehemanne so groß wäre, daß sie manchmal schier lieber durch die Finger sehen, als an eine Trennung dächten.
„Freund!“ antwortete sie darauf, „solltest Du auch +mich+ zu diesen zählen, so könntest Du Dich grob täuschen. Ich will mit Leib und Seele dazuthun, daß Du ein rechtes Weib hast; und so verlange auch ich es von Dir.“
Das war recht klar gesprochen.
Und die Tage vergingen, die Hochzeit war kaum eine Woche mehr fern. So wußte Anasti in einem Winkel von St. Wolfgang wieder einmal das Suschen zu treffen. Er hatte sich vorgenommen, sie beim Herzen zu packen.
„Hast Du mich noch ein wenig lieb, so wirf mir kein Hinderniß in den Weg!“
Sie lachte ihm in’s Gesicht: „Eben deswegen, weil ich Dich zu gern habe, lasse ich Dich keiner Andern. Vielleicht daß Du das Kunststück verstehst: die Eine gern haben und die Andere heiraten -- ich nicht.“
„Liebelei ist bei Euch Weibsleuten das Erste und das Letzte und Ihr meint, sonst gäb’s an nichts mehr zu denken.“
„Bei Euch kommt zur Liebelei noch die Falschheit dazu, da braucht man freilich einen Kopf.“
„Nach unserem Kopf fragt Ihr gewiß nicht, schon eher nach unserer Hand, die Euch das Brot erwerben soll; aber ganz gewiß und allemal und auf alle Weise sucht Ihr Das an uns, von dem Ihr nicht sprechen könnt, weil Ihr kein Wort wißt, das groß genug wäre, dies Euer Erstes und Letztes zu nennen.“
„Da gebe ich Dir schon Recht. Euch geht das, was Du meinst, blutwenig an, nur daß für Euch der Spaß dabei ist. Aber unser Glück und Unglück ist daran und was Ihr Lust habt, das müssen wir tausendfach leiden. Die Sünde, die an Euch hängt, müssen +wir+ büßen mit Verderben und Sterben.“
„Glaub’s ja, glaub’s ja,“ beschwichtigte Anasti, „nur können wir nichts dafür. Ich verhoffe, Susi, daß Du mich nicht in’s Unglück stürzen wirst. Wenn es der Straßen an der Antlistanne wegen ist, so bist dabei Du so gut zu Theil gekommen, als wie ich.“
„Oh, viel besser noch!“ rief sie, „und just deswegen bist Du mein.“
„Was ich an Geld thun kann, deß will ich mich ja nicht entschlagen.“
„So!“ sagte sie, „eine Solche bin ich Dir? Oh nein, mein junger Mann, um Geld verkaufe ich Dich nicht. Zwar schätze ich Dich heute lange nicht mehr so hoch, wie einstmals, wo ich mich selber für Dich habe ausgespielt. Aber feil bist mir nicht. Von mir, mein Bübchen, kommst leicht nimmer los!“
„Du bist mir tausendmal verhaßt!“ schrie er.
„Das glaube ich! Wir wollen nur sehen, wer diesmal stärker ist, ich oder Du. Hast Du gemeint, ich wäre so Eine, wie die meisten Anderen -- Du wirst gewiß Viele kennen -- so bist in einem Irrthum. Haben +will+ ich Dich einmal; ob ich Dich mit meinem Umarmen für mich lebendig mach’ oder erwürgen muß, das ist mir jetzt schon alleins.“
„Untersteh’ Dich, Dirn! Du kennst mich nicht!“ rief er, blaß im Gesicht und mit funkelndem Blick.
„Zwei Tage laß ich Dir noch Zeit, Anasti. Heute ist Mittwoch, am Freitag um zwölf Uhr Mittags melde ich mich im Spornthalerhof.“
„Kannst es thun,“ sagte er mit umflorter Stimme, „nur rathe ich Dir, daß Du früher beichten gehst.“
„Wie meinst das?“
„Man kann nicht wissen, was geschieht.“
Am nächsten Tage schrieb Anasti einen Brief an Suschen, er bitte sie um Leben und Sterben, sie solle ihn nicht zum Aeußersten treiben, denn das möge sie wissen, bevor er sich von der Spornthalerheirat abbringen lasse, geschehe ein Unglück.
Es kam auf diese Zeilen keine Antwort.
* * * * *
Am Freitag früh sah er Susi in der Kirche. Sie war wirklich am Beichtstuhl gekniet und nun stand sie lange und unbeweglich vor dem Hochaltare. Sie schien sehr andächtig zu beten; man sah es ihr nicht an, welche Bosheit sie im Herzen trug. Vielleicht jedoch hatte sie sich besonnen, oder bat jetzt um Gnade, ihre Leidenschaft überwinden, ihm zu Liebe der Rache entsagen zu können.
So dachte Anasti, der es sich gar nicht vorstellen konnte, daß nicht die ganze Welt sich um das Glück seiner Person drehen sollte. -- Daß dort in der Gestalt des blonden Mädchens ein unlöschbares Anrecht, eine ewige Forderung stand an sein Leben und an sein Himmelreich, das kam seiner selbstsüchtigen Natur nicht zu Sinne.
„Heute bist Du schon gar ein Andächtiger, Anasti!“ lispelte ihm plötzlich eine Stimme zu und eine Hand legte sich auf seine Achsel, „Du kannst Dein Auge ja vom Altare gar nicht wenden!“
Gratina, seine Braut, stand neben ihm.
Er ging mit ihr aus der Kirche. Sie kehrten im Wirthshause zu, denn Anasti ließ sich neben dem schönen Mädchen aus dem Großbauernhofe gern sehen; und gleichwohl Alles in der Leute Mund kreiste, was an Scheelsucht zu kreisen hat, wenn ein beneidenswerthes Paar zusammenheiratet, so genoß Anasti doch schon jetzt all’ jene Ehren, die ihm ja in wenigen Tagen als dem vielvermögenden Spornthaler gebühren werden. Und einem Menschen wie dem Küsterssohn, der nicht viel wohlhabender war, als wie die Mäuse seiner Kirche, thun derlei Auszeichnungen über alle Maßen wohl.
Nach dem Wirthshause begleitete der Anasti seine Braut hinauf zu ihrem Hofe. Derselbe stand eine Stunde weit im Hochthale oben und der Weg dahin war gut gepflegt, nur menschenleer und ein bischen romantisch. An einer schattenreichen Waldhänge stieg er hinan und in der Tiefe brauste der Scharnbach. Dort, wo hinten das Thal sich zu breiten und das Besitzthum des Spornthalerhofes sich zu dehnen beginnt, ist ein förmliches Felsenthor. Die Schlucht mit dem Bergbache gähnt finster zwischen dem fast senkrecht aufsteigenden Gefelse; der Weg ist in die Wand eingegraben und ein massiges Holzgeländer schützt vor dem Sturz in die Tiefe. Ueber dem Wege prangt ein Bild der Mutter Gottes, deren Herz von einem Schwerte durchstochen ist. Nach diesem Bilde heißt der Punkt an der wilden Schlucht „zur schmerzhaften Mutter“.
Als sie zu dieser Stelle kamen, sagte Gratina: „Da mag der junge Spornthaler auch gleich was anwenden lassen. Wie ich sehe, wird das Geländer schon morsch. Früher ist viel geschehen bei der schmerzhaften Mutter; aber während meines Vaters Zeiten hat sich kein Unglück zugetragen.“
„Freilich muß was angewendet werden,“ antwortete Anasti, „und jetzt schauen wir, daß wir weiter kommen.“
Sie hätte dort an den Haselbüschen gern gerastet. Sie bat ihren Bräutigam, daß er ihr einen Haselstock schneide; sie wolle ein Andenken haben an das heutige Nachhausegehen mit ihm. Er that’s mit Eile und mit einem einzigen Schnitte war der schönste, schlankste Stab gelöst.
„Vor Allem, das sehe ich schon, muß ich Dir einen bequemeren Taschenveitel kaufen,“ bemerkte sie, „Du tragst ja gar ein ungeschicktes Messer bei Dir.“
„Bisweilen kann man’s schon brauchen,“ antwortete er und sie gingen weiter.
Im Hofe war große Beschau. Der Jungbauer wurde in den Ställen, Scheuern, Vorrathskammern herumgeführt; Alles strotzte vor Fülle. Schließlich ließ ihn Gratina durch die nur ein paar Finger breit geöffnete Thür in’s Schlafgemach blicken. Es war völlig fertig. Er wollte einen Schritt hinein thun, um Alles bequem sehen zu können; allein sie zog schalkhaft die Thür zu.
Als es zum Mittagessen kam, entschuldigte sich Anasti, er könne bei demselben heute nicht bleiben. Er habe noch wesentliche Vorbereitungen zum Hochzeitstage zu besorgen, komme vielleicht am Nachmittage wieder.
Er ging, aber nicht um Vorbereitungen zu treffen, sondern vielmehr um ein Hinderniß zu beseitigen, wenn es nöthig sein sollte.
Wenn sie Wort hält und kommt, so ist +jetzt+ die Zeit dazu. --
Er ging hinab gegen die Thalenge der „schmerzhaften Mutter“. Hier müßte sie kommen. -- Hier vorbei darf sie nicht und wenn ich sie auf den Armen nach Wolfgang zurückschleppen muß. Ich will es noch einmal mit Güte probiren. Ist sie eine Schlange, so muß sie mit Verheißungen beschworen werden; ist sie ein Stein, so muß sie mit jener Gluth geschmolzen werden, der kein Weib widersteht. Ich setz’ Alles dran, daß sie still bleibt. Es ist schon fast Mittag vorbei; sie hat sich doch wohl besonnen. Sie ist besser, als sie thut: so wird sie auch für ihr Leben einen Freund an mir haben. --
In der Felsennische unter dem Bilde setzte er sich auf einen Haufen von geschlagenen Steinen. Er starrte hinüber in das jenseitige graue Gefelse, an welchem der Wasserstaub emporthaute von den Wellen des Scharnbaches, die unten zwischen den Wänden und Blöcken hin und her geworfen wurden.
Plötzlich schritt Suschen heran.
Er erhob sich rasch und vertrat ihr den Weg. So blieb sie stehen und blickte ihn höhnisch an.
„Das habe ich mir gedacht, daß dahier Einer auf mich warten wird,“ sagte sie. „Ich rathe Dir gut, Anasti, laß’ mich meinen Weg gehen!“
„Wenn Du zum Hof willst, so ist das +Dein+ Weg nimmer!“
„Das will ich sehen!“ rief sie und hob eine Pistole.
Er wich einen Augenblick zurück. „So willst Du mir?“ zischte er und fiel wüthend über das Mädchen her. Der Schuß krachte. „Mein lieb’ Dirndl!“ schnaufte er und rang mit ihr.
„Stich mich nieder!“ stöhnte sie.
„Das brauch’ ich nicht. So ist’s besser!“ Und schleuderte sie mit einem wilden Satze über das Geländer.
Ein einziger Schlag unten im Gestein -- und das Wasser brauste fort und fort. --
Anasti lief wegabwärts und dann den Hang hinan in’s Dickicht. Zwei Bauern schritten rasch heran.
„Da ist der Schuß gefallen und da ist Einer in’s Gebüsch gesprungen.“
„Blutspuren seh’ ich auch. Es ist was geschehen. Wir müssen den Wicht fangen.“
Anasti entkam. Sein Halstuch wand er um die blutende Hand, die der Schuß gestreift hatte, damit die rothen Tropfen seinen Pfad nicht verriethen. Aber er sah, daß Alles aus sei.
Im Waldhäuschen einer alten Muhme sprach er zu, schrie ihr einige Worte des Schreckens in’s Ohr, trennte mit einem Schnitte das Tragband von dem Holzkorbe der Alten -- eilte damit davon.
An demselben Tage noch fand ihn ein wanderndes Weib aus dem Allgäu im Geäste der Antlistanne leblos.
Und auf dem weißen Splint des Stammes standen die Worte, die noch heute nicht verwaschen sind:
„Hier auf dieser Straßen Hat mich Gott verlassen.“
Es reigt in Lust ein Liebespaar.
Hier will ich die Geschichte erzählen, warum der Hammerl-Hans, der alte, lustige Hammerl-Hans, mit dem erloschenen Pfeifchen im Munde, am Sandhause im Koberwald so still, so gebückt und gedrückt vorbeischleicht.
Der Hammerl-Hans ist ein fahrender Musikant; er spielt durch kleine Hämmerchen ein schier wunderliches Instrument. Es ist eine Art Hackbrett mit hölzernen Saiten. Da liegen auf Strohriegeln etliche dreißig Holzwälzchen, etwa einen Zoll dick und von verschiedener Länge; sie sind so neben und zwischen einander gelegt, daß sie durch Hämmerchen, wie die Saiten eines Hackbrettes gespielt werden können.
Der Hans ist vormalen in den Freisohlergräben Ziegenhirt gewesen. Dort hat er oft den Blockriesen der Holzknechte zugesehen, wie die zerschnittenen und entschälten Baumstämme die Mulden und Rinnen herniederrollen und mit klingendem Schalle in die Kohlstatt fliegen. Und da war dem Hans aufgefallen, daß diese Holzstücke je nach ihrer Größe und Länge einen verschiedenen Klang hatten. Je kürzer das Stück, desto höher und greller das Klingen, je länger der Schaft, desto tiefer und summender das Tönen.
Ein Freund der Tonkunst war der „Gaishalter-Hansl“ von jeher gewesen, und das Ideal seines Lebens: pfeifenblasen oder geigen zu lernen und unter den Dorfmusikanten auf dem Kirchenchor oder im Wirthshause Gott zu loben und die Menschen zu erfreuen. Aber das Instrument kostet Geld, der Schulmeister kostet Geld, das Lernen kostet Zeit, und so hat sich der arme Hansel mit seinem Naturgesang und mit dem Meckern der Ziegen zufrieden geben müssen. Wohl hatte er sich mehrere Pfeifen aus Rohr geschnitten, hatte Blätter von Enzian über die Lippen gespannt und durch das Blasen Töne erzeugt; doch waren ihm derlei Instrumente nicht vollkommen genug.
Als ihm nun aber das vielfältige Schallen der entschälten Holzblöcke auffiel, kam ihm plötzlich der Gedanke: so ein Werkzeug aus Holz, daß man darauf Musik machen könnte! Mit den großen Blöcken ließ sich allerdings nichts anfangen, die gehörten auch nicht sein; aber im Kleinen aus Fichten-Holzstücken ein Spiel einrichten!
Er hat’s versucht, hat lange, lange Zeit damit herumgearbeitet, und so ist allmählich jenes oben beschriebene Instrument entstanden. Mit zwei Hämmerchen hat er es geschlagen, bald auf das eine, bald auf das andere der Stäbchen klopfend, und siehe, es haben dabei die Hunde geheult. Darüber war der Hans entzückt, denn Hunde heulen immer, wenn Musik gemacht wird -- so war es denn Musik.
Viele Jahre lang hat es freilich gebraucht, bis das Instrument eine solche Vollkommenheit und der Hans darauf eine solche Fertigkeit erlangte, daß er vor aller Leute Ohren spielen konnte. Dafür thäten sich nun aber die Ohren um so schärfer spitzen. Man hatte wohl schon gehört, wie auf Glöcklein oder auf einer Reihe von Trinkgläsern allerlei Weisen hervorgebracht wurden, aber daß gar die Holzblöckchen, die wild aufgewachsen waren im Walde, musikalisch sein sollten, das war gar aus aller Weise. Sechsunddreißig Stäbchen, von dem kürzesten bis zum längsten, gaben sechsunddreißig Töne, die ganz kunstgerecht mit einander harmonirten. Und jetzt hämmerte der Hans den Leuten vor, was sie wollten: steierische Tänze und wienerische Walzer, heitere Lieder und frische Soldatenmärsche, auch Alpenjodler und Kirchengesänge, was eben die Leute verlangten und -- bezahlten.
Da war’s mit dem Ziegenhalten vorbei. Da ging der Hans mit seinem Spielwerk thalauf, thalab, von einem Dorf zum andern, auch zuweilen über die Berge hin in ein anderes Thal, und an der Landstraße weiter auf Märkte, in die Städte; kehrte aber stets wieder bald in seine heimatliche Gegend zurück. Man gab ihm den Rath, er sollt’s versuchen, sollt’ in die Residenz reisen, sollt’ in der weiten Welt sein Glück probiren, er käme nach Jahren gewiß als reicher Mann zurück.
Der Hans that’s aber nicht und er wußte gut, warum.
Wenn er drüben hinter den Bergen war, in einem andern Thal, oder in der Gaustadt draußen, da hatte er, außer in den Stunden, wo er spielte, keine gute Zeit. -- „Thut mir halt allerweg ein bissel ant, wenn ich nit daheim bin,“ sagte er einmal im Vertrauen; ging er aber wieder zurück in’s Thal, wo er geboren worden, wo er die Ziegen geweidet, wo er sein Holzinstrument erfunden, so fand er eigentlich doch nichts vor. Heimweh und keine Heimat! Keine Handbreit Erde war sein. Wozu auch braucht er Erde, der Bettelmusikant, er gehört zu jenen Leichtfertigen und Glücklichen, die bei der Theilung der Erde zu spät gekommen. Von seinen Blutsverwandten lebte Keines mehr. Aber die Leute hatte er alle lieb, die in der Gegend der Freisohlergräben und des Koberwaldes lebten. Den Einen hatte er einst die Ziegen gehütet, den Anderen was vorgespielt; die hatten ihn satt gefüttert, wieder andere hatten ihm gute Schuhe machen lassen. Ferner hatten sie bei seiner Musik viel getanzt und gesungen und hatten gesagt: „Wer wollt’ ihm’s ansehen, dem Lappen da, daß er ein solches Kreuzköpfel ist und das ganze Spielwerk selber erfunden hat. So ein Mensch ist hell eine Ehr’ für die ganze Gemein!“ Etliche waren freilich auch, die seine „Holzklemper“ verspotteten -- aber gut und in irgend welchem Verhältniß stand er zu Allen; auch sagten Alle „Du“ zu ihm, und hatten stets ein drolliges Wort für ihn wenn er kam, und mancher Gönner der Kunst verehrte ihm ein Pfeiflein Tabak -- und das Alles zusammen und vielleicht noch Anderes mit machte es, daß er hinter den Bergen draußen jenes Gefühl hatte, welches wir Heimweh nennen.
Vor Allem hatte er die Kinder lieb, gesellte sich gern zu ihnen, und sie hüpften und schlugen Purzelbäume bei seinem Spiele.
Ein kleines Mädchen wohnte im Hagerhause am Eingang in die Freisohlergräben, dem ging der Hans, wenn er von seinen Wanderungen zurückkehrte, gern zu und immer begrüßte er es mit den Worten: „Schau zum Wachsen, Frieda, Dein Bräutigam trägt schon spannlange Schuh!“
Anfangs hatte sich das Mädchen auf solche Anrede kichernd davongetrollt, später hatte es ausgerufen: „Ja, ich hab’ noch gar keinen Bräutigam!“ und endlich, wie es schon schlank geworden, entgegnete es gar nichts mehr auf die Anrede, sondern blickte auf die Erde nieder. Und da dachte sich der alte Hans: Freilich, freilich, der Mensch, ob klein, ob groß, braucht seine spannlangen Schuh! Und der Frieda seh’ ich’s an, sie hat jetzt einen Bräutigam. --