Feierabende: Lustige und finstere Geschichten
Part 20
Endlich zog das Gefährte hinaus auf die Fläche; die Fackeln loderten nach rückwärts, wie blutrothe Fähnchen.
Eine Weile stand die Dirne still, wie eine Säule, dann sprang sie einige Schritte auf den See hinaus und breitete die Arme und that einen heiseren Schrei. -- --
Die Fackeln eilten weiter und blickten zurück wie zwei Augen. Wie seine Augen.
Die Greth lief durch die Dorfgasse und rief: „Eilet, eilet zu Hilf’, das Eis bricht ein!“ Sie lief zur Kirchenpforte, der Glockenthurm war gesperrt. Leute eilten zusammen und wußten nicht, was das zu bedeuten. „Kein Mensch holt sie mehr ein!“ schrie das Mädchen und schlug sich in’s Gesicht, und raste wieder hinab gegen den See. Weit draußen schwebten die zwei glühenden Aeuglein.
Sie sah hin. Sie preßte die Hände auf die Brust und that einen fiebernden Athemzug. Ist denn kein Mittel, sie zurückzurufen? Plötzlich fuhr sie sich gegen die Stirn. Rasch holte sie ihr Feuerzeug hervor, eilte, watete im Schnee gegen die Dorfwiese; dort war früher ein Heuschober gestanden. Aber er war eingeheimst. Die Grethe kehrte um. Immer den Blick auf den See gerichtet, lief sie gegen das obere Ende des Dorfes. Die letzte einzeln stehende Hütte, das war ihr Haus und Heim. Sie erreichte es, im Nu hatte sie ein Flämmchen und fuhr damit unter das Strohdach.
Wie ein freigelassenes Vöglein hüpfte die Flamme weiter, knisterte, leuchtete.
Bald war die helle Lohe da, das Dorf glühte im Feuerschein, das Gewände oben war ganz roth, auf der Seefläche spiegelten sich die Flammen.
Während die Leute herbeieilten, und die Achseln schüttelten, weil nichts mehr zu retten war, und nur ihre eigene Habe wahrten, irrte die Greth draußen auf dem See. Sie sah noch die zwei Lichtlein, sie standen auf der Fläche nächst der Hirschwand und waren völlig im Erlöschen. Jeden Augenblick konnten sie erblinden, versinken.
Was da hinter ihr vorging in der Noth des Feuers, in der Verwirrung des Dorfes, das achtete sie nicht; ihr Blick bewachte mit unsäglicher Angst die zwei Aeuglein auf dem See. -- Und siehe, endlich leuchteten sie heller, wurden frischer, größer, kamen näher. Da johlte die Greth auf, und das war das lustigste Jauchzen an diesem Hochzeitstage.
Sie waren gerettet.
Das Mädchen zog ihnen entgegen über die Fläche. Sie sah schon das Sausen des Windes in den heranschwebenden Fackeln. Sie fiel den Pferden in die Zügel. „Was ist’s, wo brennt’s?“ rief der Seesteiner aus dem Schlitten. Da stürzte ihm das Mädchen wortlos an die Brust, sank zurück auf den kalten Eisboden, und das Gefährte glitt weiter.
„+Das+ ist ein Hochzeitstag! Seid Ihr auch wieder zurück!“ sagte ein Mann, als der Seesteiner aus dem Schlitten sprang und seinem jungen Weibe den Arm zum Aussteigen gab.
„Nu, Gott sei Lob und Dank, die Gefahr ist wohl vorüber, der Gstettnerin ihr Häusel ist halt niedergebrannt. -- Eine Närrische haben wir auch im Dorfe. Ist’s denn wahr, daß auf dem See das Eis einbricht?“
Die Brautleute sahen sich an, und sagten kein Wort. -- Das Eis bricht ein auf dem See! -- Man konnte in der Dunkelheit nicht sehen, wie sie erbleichten.
Die alte Gstettnerin hatten sie in’s Wirthshaus zurückgebracht; sie verlor kein Wort über ihr zerstörtes Heim, nur ihre Tochter rief sie mit kläglicher Stimme.
Ihre Tochter aber saß an der Brandstätte und wärmte sich. Sie saß zwischen den glühenden Balken und rief ein- über das andermal: „Das Eis bricht ein!“ Und dann lächelte sie. Flämmchen wollten emporhüpfen in ihr goldiges Haar. Es war ihr aber kühl, ach, die Welt war für sie so kalt. Dort stand der kleine Feuerherd -- jetzt dachlos in der Nacht; die Grethe kletterte über kohlende Trümmer zu ihm hin.
Da kam von seinem Umweg der alte Fischer vorüber, der wollte sie von der rauchenden Brandstätte entfernen.
„Gehet, gehet Eures Weges,“ rief sie ihm zu, „und wollet Ihr zum Seesteinerhof hinüber, so fahret über Land, auf dem See bricht das Eis. -- Ich habe geschwind das Feuer gemacht, daß sie umgekehrt sind.“ Sie sagte ihm noch ein Wort, darob der Alte das Haupt schüttelte. Er eilte zum Wirthshaus und rief schon zur Thür hinein: „Gebt, Leute helft mir die Greth von der Brandstelle wegbringen, sie ist von Sinnen!“
Als sie zu den rauchenden Trümmern kamen, fanden sie das Mädchen am Herde kauern -- erstickt und verbrannt.
* * * * *
An dem Tage, als die arme Grethe begraben wurde, schnalzte und krachte es hin über den ganzen weiten See. Unzählige Sprünge zuckten hin und her, und der Reihe nach brachen die Schollen durch in das dunkle Gewässer. An der Hirschwand waren sie zwei Tage früher durchgebrochen.
Auf dem stundenlangen Landweg verkehrte das Dorf mit dem Seesteinerhofe, bis sich die schwimmenden Schollen im Wasser zerrieben und gelöst hatten. Auf dem Landwege wurde die alte Gstettnerin in das Gehöfte gebracht, wo ihr für ihre letzten, einsamen Tage eine gesicherte, warme Stube bereitet war. Auf dem Landwege ging der Pfarrer in den Seesteinerhof, daß er sich umsehe nach dem jungen Ehepaar, und wie es die heitersten Tage des Lebens begehe.
Aber im schaukelnden Kahn rudert der alte Fischer an einem schönen sonnigen und lebendigen Frühlingsmorgen nach Seeau herüber. Er schritt, ein hölzernes Kreuz auf der Schulter, die Dorfgasse hinan, in den kleinen Kirchhof hinein und zu einem graskeimenden Hügel am Heckenzaun.
Heute noch steht dort das hölzerne Kreuz, und folgende Worte sind darauf geschrieben:
„Hier ruht die guldene Grethe, Geläutert hat sie erst der Tod; Sie starb in Lieb’ und Feuersnoth Gedenk’ an sie und bete!“
Der Waldbrand.
Am südlichen Abhange des Grübnergehölzes brennt der Wald. Er brennt schon tagelang und im engen Gebirgskessel liegt so dichter Rauch, daß man von einem Berg kaum auf den andern sehen kann. Stechender Brandgeruch erfüllt das Thal; die Sonne ist eine rothe Scheibe und man vermag sie den ganzen Tag anzusehen. Schon von Weitem hört man das Schnalzen und Knistern der brennenden Bäume und das dumpfe Dröhnen der fallenden Stämme; das sprüht dann zeitweise durch die dunkelbläulichen Rauchwolken hochauf, bis die Flammen und Funken in neuem, frischem Geäste wieder Nahrung finden. Dazwischen hört man das Schreien und Fluchen der Männer, welche da sind, um dem Brande Einhalt zu thun. Die Leute aus der ganzen Gegend sind beisammen, denn es droht ein fürchterliches Unglück.
Der Wald ist groß, er gehört theilweise einzelnen Bauern, die aus Holzkohlen ihren einzigen Erwerb ziehen; theilweise ist er Gemeingut des Dorfes, das davon alle Gemeindekosten bestreitet. Weit zieht sich das herrliche, dunkelbraune Gehölz hin über Hänge und Höhen bis gegen das stattliche Dorf hinein, welches auf der Breitebene liegt, und seine silberweißen Schindeldächer und sein zinnblechernes Kirchthurmdach weit in die Gegend hinausschimmern läßt. Anfangs hatten die Einwohner vor dem Feuer das Gestrüpp und Gesträuch weggeräumt, aber die Flammen griffen höher, sie griffen zu den dichtbemoosten Stämmen und deren Kronen empor, welche die glühende Sonne schon seit Monaten getrocknet und gedörrt hatte. Da machten sich die Leute wohl an das Fällen und Abstocken, aber das Feuer folgte ihnen auf dem Fuße, und Rauch und Hitze zwangen sie zum Einhalten.
„Wenn bis übermorgen kein Regen kommt, so ist der ganze Wald und auch das Dorf verloren!“ jammerten Viele und man war rathlos.
Der Greßbacher war der Einzige, der nicht den Kopf verlor. „Den Grübnerwald müssen wir aufgeben,“ rief er, „aber das Dorfholz ist noch zu retten. Dort vom Ankogel hinab müssen wir abgrenzen. In zwei Tagen haben wir einen mehrere Klafter breiten Strich entstockt, und vor dieser Zeit kommt das Feuer wohl nicht dort hinüber!“
Und so ließen sie im Grübnerwalde den Gluthen und Flammen freien Lauf und arbeiteten nun am Ankogel. Der Grübner, der unten im Thale jenseits des Baches sein Haus hatte, war ein rasender Mann. Er steht am Zaun und muß zusehen, wie dort oben sein ganzer Wohlstand zu Grunde geht. Und wie der Mann so dasteht, derb, rauh und knorrig von oben bis unten, gleich einer der wilden riesigen Hochwaldfichten, die dort drüben brennen, da kann man es in seinen Augen und Zügen sehen, daß auch der Grübner ein brennender Baum, der aber inwendig glüht und lodert, wie wenn der Blitz in ihn gefahren.
Vor vier Tagen war es gewesen, am Samstag spät Abends. Der Bauer schlief schon und Alles war ruhig im Hofe. Da schlägt es plötzlich an’s Fenster, daß die Scheiben klirren, und ein Knecht, der alte Gregor, ruft herein: „Bauer, Bauer, der Wald brennt!“
Der Grübner fährt auf -- das ist ja wie am helllichten Morgen! und wie er seine schlaftrunkenen Augen durch das Fenster gegen den Wald wendet, da muß er sie niederschlagen, so grell loht es auf drüben im Gehölze. Sie gingen zu retten, aber da zog ein heißer Luftstrom durch die Bäume, und als am Morgen die Sonne kam, war sie nur eine glanzlose Scheibe. Seitdem brennt es und seitdem hat der Grübner keinen Bissen zu sich genommen. Gearbeitet hat er mit den Anderen Tag und Nacht und dem Feuer geboten: „Du mußt auslöschen!“ Aber das Feuer erlosch nicht. Das waren nicht dieselben Flammen, die daheim auf dem Herde knisterten und ihm Wärme und nahrhaftes Brot bereiteten, das waren böse, unheilvolle Feuerfluthen, aus der Hölle hervorgebrochen, um ihn, den Grübner, zum Bettler zu machen. Und als gar die Leute ihre Arme sinken ließen und nur an den Gemeindewald dachten, da fluchte er über die Menschen und raufte sich die grauen struppigen Haare, als wollte er damit das Moos von den Bäumen zausen -- und er schlug sich die Faust in’s Gesicht, daß das Blut niederfloß aus Nase und Mund. „Wenn nur Gott retten kann,“ schrie er auf, „warum thut er es nicht, warum läßt er mich, den fleißigen, arbeitsamen Grübner, jetzt zum Bettler werden?! -- Bub’!“ rief er seinem zwölfjährigen Sohne in’s Ohr, „so ist dieser Gott und so sind diese Leute, jetzt siehst Du’s, so sind sie!“
Der Pfarrer war gekommen und wies ihn ob solchen Frevels derb zurecht.
„Wo ist der Gregor?“ rief der Bauer.
Der Gregor war beim Feuer, und als sonst kein Mensch mehr dabei arbeitete, hackte er noch die Aeste von den Stämmen und schleppte sie abseits. Rastlos eilte er durch Gestrüpp und Rauch. Seinen Lodenspenser hatten die Funken bereits durchlöchert und seine langen weißen Haare waren gekraust und roth geworden. Vorgestern war er in seiner Noth beim Caplan zur Beichte und seitdem geht er nicht mehr weg von der Brandstätte, bis das Feuer gelöscht ist.
„Und wenn mein Wald hin sein muß, so soll auch das Gemeindeholz brennen und das Dorf und die ganze Welt!“ schrie der Grübner. Er lachte, als gegen Abend ein starker Luftzug kam und als gar einzelne Windstöße das Feuer doppelt auffachten und die flammenden Reiser hoch über die Wipfel dahintrugen gegen den Gemeindewald und das Dorf. Die Sonne sah man nicht mehr und im Thale war es ganz dunkel geworden. Nur die grellen Flammen leuchteten noch, aber das war heute kein ruhiger Schein, wie in den früheren Nächten, es war ein Flackern und Wogen, und über die Felder und Auen flogen die finsteren Schatten des gepeitschten Rauches dahin. Wild toste der Sturm, die Gebäude ächzten und das Prasseln der Flammen war schrecklich zu hören. Jetzt ließen die Arbeiter ihre Aexte fallen und eilten dem Dorfe zu, um dort zu retten, was noch zu retten war. In wenigen Stunden schon konnte sich das Flammenmeer über den ganzen Wald ergossen haben und an die Dächer des Dorfes schlagen.
Da loderte aus dem schwarzen Abendhimmel ein Blitzstrahl und diesem folgte ein erschütternder Donnerschlag und ein heftiger Regenstrom. Das rauschte nieder wie ein Wolkenbruch, und bald schossen Gießbäche den Thalweg entlang und brausten um Haus und Stall und hinab über den Hang. Um Mitternacht war Alles ruhig und heiter, und der Vollmond schien in das Thal, und aus den Schluchten stiegen schneeweiße Nebel auf. Aller Rauch und Brandgeruch war fort und der Waldbrand war gelöscht. Am Morgen lagen im Grübnerwald zwischen den schwarzen Strünken nur dampfende Brände, und über den ganzen weiten Hang hin lohte keine einzige Flamme mehr. Freilich waren über zwanzig Joch des herrlichsten Stammholzes verloren, aber noch mehr war dem Grübner wider Erwarten davon erhalten geblieben. Und weil das nun einmal so war, so ergab sich der Bauer drein, ließ sich wieder seine Morgensuppe schmecken und machte dabei Pläne, was mit dem ausgebrannten Waldgrund nun weiter zu thun sei.
Genovefa, die Stallmagd, schaffte in der Futterkammer, fütterte die Kalben, molk die Kühe und trieb sie endlich aus und aufwärts gegen das Hochfeld zur Weide. Die Magd war unstet und blickte rechts und links hin, und als sie zur Höhe kam, stieg sie auf die Kreuzwand, blickte ringsumher und horchte. „Gregor!“ rief sie dann. Aber das gab heute keinen lustigen Widerhall vom Walde herüber wie sonst, wenn sie ein Lied sang und die Kühe bei ihren Namen rief; jetzt steht ja kein einziger lebendiger Baum mehr drüben -- Alles verdorben. „Gregor!“ schrie sie wieder. Nein, es wird ihm doch nichts geschehen sein; jetzt ist er schon seit zwei Tagen nicht mehr im Hause gewesen, ein ordentlicher Dienstbot’ muß ja immer da sein, ich werd’ ihm das schon sagen -- aber er weiß ja sonst selbst, was ein ordentlicher Dienstbot’ zu thun hat. So dachte die Magd bei sich und ging dann wieder in den Hof hinab.
Der Bauer war in der Wagenhütte und stellte die Schlarpfen -- ein Fahrzeug, halb Wagen, halb Schlitten, zum Transport des Holzes von den Hängen -- zusammen. Er wollte nun die Brände und Strünke seines verbrannten Waldes zu der Kohlstatt hinausführen und sehen, ob daraus noch Kohlen zu gewinnen seien, die an das große Stahlwerk draußen in der Ebene gut zu verwerthen sind. Den Brandgrund wollte er dann reinigen, entstocken, umpflügen und zu einem Acker machen, denn Bäume wachsen auf solch’ einem ausgebrannten Boden sobald nicht wieder. Der Bauer dachte daran und steckte eben ein Rad an die Schlarpfe, als Genovefa vor ihm stand und fragte:
„Aber, Bauer, wo ist denn der Gregor alleweil?“
„Der Gregor? Nu, wenn er nicht auf dem Eschenbaum ist und für die Schafe Aeste herabhackt, dann weiß ich’s nicht.“
„Ja, er ist aber schon zwei Tage nicht mehr da gewesen, es wird ihm doch nicht wo was geschehen sein, Bauer?“
„Ei, nu, und +wenn+ ihm was geschehen wär’, was geht denn das Dich an? Ich bin Bauer und ich hätt’ den Schaden, wenn er sich ein Bein gebrochen, oder den Hals; ich hab’ ihm den Lohn zu geben für’s ganze Jahr, und nicht Du! -- -- Wird halt bei den Löschern gewesen sein und heut’ Nacht drüben im Dorf geholfen haben -- was weiß ich!“
Der Mann schlug den Nagel an die Radachse, daß es klirrte, und er sprach kein Wort mehr.
Genovefa ging traurig in den Stall an ihre Arbeit. Sie war durchaus nicht mehr jung, doch bei ihrem Geschäft noch ganz rüstig; heute aber -- heute ging’s nicht. Sie lehnte die Streugabel an die Wand und ging fort. Sie war an den Werktagen noch nie so fortgegangen von ihrer Arbeit, aber heute +mußte+ sie, und sie wußte doch nicht, wer es ihr gebot. Sie eilte über den Bach und jenseits des Thales aufwärts gegen das Gebrände. Da glühte es noch unter den Bränden und Aschen, und die Magd mußte einen weiten Umweg machen, um gegen den Dorfwald zu kommen. Sie wollte in das Dorf hinüber und den Gregor suchen. Aber als sie an die Grenzen des Brandgrundes kam, wo der grüne, frische Wald beginnt, da lag der Gregor auf dem versengten Boden. Er hielt eine Hand tief in das Moos gebohrt. Das Kleid seines linken Fußes war ihm förmlich vom Beine gebrannt, und die Haut war dunkelblau angelaufen und blutete an einzelnen Stellen.
„Jesus -- aber Gregor!“ schrie Genovefa.
Der Greis schlug die Augen auf und sagte: „Das ist die Vefa, gelt?“
„Ja, was machst Du denn da? Du hast ja eine fürchterliche Brandwunde; heiliger Gott, ich geh’ schnell um Leute.“
„Das hilft nichts, Vefa, bleib’ nur da und lege kaltes Moos auf das Bein; schau, ich hab’s nicht können in die Erde bringen, die Erde kühlt so was recht ab. -- Sag’ mir, wenn Du da vom Weg herauf gegangen bist, brennt es noch wo?“
Die Magd antwortete nicht, sie weinte, legte Moos und Erde auf die Brandwunden und schlug ihr Kopftuch um dieselben.
„Das ist ein großer Schaden für den Grübner, gelt?“ sagte der Mann.
„Nein, wie ist Dir denn das geschehen, Gregor?“
„Das da? Ich war ungeschickt, Vefa, und so ist beim Arbeiten ein brennender Ast auf mich gefallen. Zuerst hab’ ich gemeint, ich muß schreien vor Schmerz, und es ist mir heiß und kalt durch den Leib gegangen. Hab’ auch schon geglaubt, ich muß verbrennen hier, weil ich nicht weiter gehen hab’ können; aber da ist der Regen gekommen und hat das Feuer gedämpft. Vefa, dieser Regen war wohl gut, sonst wär’ der ganze Wald und das Dorf und Alles hin gewesen.“
„Gieb mir doch die Hand, Gregor, ich richte Dich auf und führe Dich heim.“
„Nein, laß die Hand da drin, das ist so kühl -- hab’ mir sie ein bißchen stark verbrannt.“
„Aber so mußt Du sterben hier, Gregor!“
„Meinst Du? -- Ach nein, wegen so was stirbt man nicht. Schau, sonst bin ich noch stark. Es freut mich auch, daß Du gekommen bist, Vefa. Du bist mir der liebste Mensch auf dieser Welt. Aber jetzt -- heute ist es mir erst recht, daß wir nicht geheiratet haben; wenn es geschehen wäre, so wärst Du jetzt eine Bettlerin. -- Ei, laß mich, es ist mir so heiß in der Brust -- Vefa, wenn ich +doch+ sterben müßte! -- Bauer, wenn ich jetzt stürbe, das wäre bös für uns Beide. Schau, ich will Dir jetzt dienen, zehn, zwanzig Jahre, so lang’ ich lebe, und Du sollst mir keinen Kreuzer lohnen, bin schon so auch fleißig. Tag und Nacht werd’ ich arbeiten und Sonntags geh’ ich betteln vor die Kirchthür, daß Du mir auch keine Nahrung zu geben brauchst. Meine Hand darauf, Bauer!“
„Hilf uns die liebe Frau! Gregor, der Bauer ist ja gar nicht da!“
„Nicht? Aber brennen wird’s schon wieder. O lieber Gott, es ist mir nur so heiß. Das macht das dumme Liegen da, hilf mir auf, Vefa, ich weiß nicht, daß ich heute gar so schwach bin.“
Genovefa richtete den Kranken ein wenig auf und betete in Gedanken zu der Jungfrau Maria, auf daß doch Jemand komme und ihr helfe in dieser Noth.
„Hab’ ich Dir das Andere schon erzählt, Vefa? Nicht? So muß ich es aber doch gleich thun. Aber Du mußt mir versprechen, daß Du es Niemand sagst, so lang’ ich lebe. Wenn ich heut’ oder morgen schon sterben muß, und es kann wohl sein, weil mir der Brand zum Herzen kommt, so kannst Du es heut’ oder morgen schon sagen; und wenn ich noch fortlebe, so mußt Du all die Tage das Geheimniß in Dir tragen, sonst sperren sie mich ein, und dann kann ich gar nichts mehr gut machen. -- Leg’ mir jetzt Moos auf die Stirn und auf die Wunden da, daß ich denken und sprechen kann. So. Und jetzt mußt Du auch nicht erschrecken, Genovefa; und zuerst mußt Du mir auch noch versprechen, daß Du mir’s glaubst, daß ich nicht schlecht bin; wirst mir’s aber nicht glauben wollen, Vefa, daß ich den Wald angezündet hab’!“
„Jesus Maria! -- Gregor!“ schrie die Magd auf, deckte ihr Gesicht mit der Schürze zu und zitterte.
„Ei ja, das hab’ ich mir gedacht, Ihr Weiber seid Alle so, daß Ihr Alles gleich in die Welt hinausschreit. Hätt’ ich’s wohl auch thun mögen, als es brannte, aber was hätt’s genützt? Sollst Dir doch denken, daß es nicht blos Bosheit giebt, sondern auch Unglück, und so eins ist uns jetzt halt auch begegnet. -- Am Samstag zum Feierabend bin ich in das Dorf hinüber zum Segen gegangen, um zu beten, daß es regne -- das weißt Du. Ist rechtschaffen weit hinüber für Unsereinen, und auf dem Rückweg da bin ich auf einmal so müde geworden mitten im Wald -- nu, Du weißt, Vefa, wenn man alt wird -- das Korntragen war auch schwer den ganzen Tag. Da hab’ ich mich halt ein wenig hingesetzt auf einen Stein und hab’ mir gedacht: Ein Stücklein Brot wäre jetzt wohl gut. Aber weil du kein Brot hast, Gregor, so zünd’ dir ein Pfeiflein an, das stärkt auch. Hab’ mir darauf das Zündholzkästl aus der Tasch’ genommen, aber die Hölzlein werden bei dem vielen Schweiß einmal zu feucht, sie zünden wohl, löschen aber wieder aus, und keines hat mir brennen wollen. Nehme mir da ein wenig Moos und dürre Reiser, wie sie um mich genug herum liegen, und damit geht’s. Ja, ich glaub’, so beiläufig muß es gewesen sein, ich weiß das nicht mehr recht; ich bin dann noch sitzen geblieben und hab’ ein wenig geschlafen. Als ich wach geworden, hat Alles gebrannt, das Moos, die Reiser, Alles, und an den nahen Baumstämmen ist das Feuer hinaufgestiegen und ist oben auf den Aesten herumgeflogen wie ein Vogel mit goldenen Flügeln. Jesus Maria! denk’ ich, jetzt brennt der Wald! Auf die Reiser bin ich getreten, hab’ meinen Hut und Rock auf die Flammen geworfen, auf die Bäume hab’ ich wollen und das Feuer tödten, ersticken mit den Händen, mit meiner Brust, bin zurück gefallen auf den Boden und wäre zuletzt selber bald mit verbrannt. Das kann ein großes Unglück werden, denk’ ich noch, und lauf’ heim, was ich laufen kann, und weck’ die Leut’... weißt es ja so, Vefa. -- Wenn doch nur wieder ein Regen käm’, da -- da drinnen brennt’s so wild fort und das kann kein Mensch dämpfen.“
„Aber jetzt geh’ ich, Gregor, und werde den Bauer bitten, daß er sogleich um den Arzt fährt.“
„Nein, aber wenn Du mir den Caplan holst, so ist’s mir schon recht. Ich schlaf’ da derweil, mußt aber bald kommen, Vefa!“
Da lief die Magd fort und lief, was sie konnte, gegen das Haus und dachte unterwegs: Heiliger Gott, jetzt hat der den Wald angezündet!
Als sie zum Grübner kam, rief sie ihm beinahe athemlos zu: „Bauer, ich bitt’ Euch um Gotteswillen, fahrt geschwind zum Bader und zum Pfarrer, der Gregor liegt drüben im Wald, er hat sich völlig verbrannt!“
Der Mann horchte auf. „Verbrannt hat er sich? Was geht denn der Narr zum Feuer! Nu, wegen mir magst in’s Dorf gehen, hab’ nichts dagegen wegen ein, zwei Stunden, aber fahren kann ich nicht, das Roß ist auf der Weid’.“
Dabei nahm der Bauer Stein und Schwamm heraus und schlug sich Feuer.
Die Pfeife zwischen den Vorderzähnen, fragte er dann die rathlose Magd: „Wo liegt er denn?“
Diese schluchzte in die Schürze und entgegnete: „Dort, wo das Feuer ausgeloschen ist.“ Dann trocknete sie sich die Augen und eilte gegen das Dorf.
Im Dorfe war noch große Verwirrung. Da standen im Freien Kästen, Schränke und anderes Geräthe, und die Leute gingen zwischen den Dingen hin und her und sprachen laut und schnell mit einander und lachten. Sie schafften nun die Sachen wieder in die Häuser; die Feuersgefahr war ja vorüber.
Als der Arzt und Caplan im Chorrocke durch den Wald hinabstiegen und Genovefa mit dem Licht in der Laterne vorausging, kam ihnen Gertraud, die Dienstgefährtin der Genovefa, entgegen. Sie hatte den Verunglückten gesucht, aber nicht gefunden und schloß sich nun den drei Menschen an. Als sie schon eine Weile durch den hohen, finsteren Wald hinab gegangen waren und nun gegen die Lichtung kamen, wo das Gebrände anfing, blieb Genovefa stehen und war im Begriffe, ihrer Gefährtin die Laterne zu geben, aber sie schloß den Henkel fester in die Hand und ging noch einige Schritte weiter.
Plötzlich standen sie vor dem alten Knecht. Aber er war todt. Er lag auf dem Angesichte und um ihn herum war das Moos aufgewühlt.
Der Arzt untersuchte die Leiche und sagte dann halblaut zum Priester: „Der Mann hat viel gelitten!“ Dann gingen die zwei Männer wieder durch den Wald hinauf gegen das Dorf.
Genovefa und Gertraud hatten lange vor dem Todten gekniet und gebetet. Die Mittagssonne blitzte durch die hohen Baumkronen nieder und von Zeit zu Zeit hörte man einen Vogel zwitschern. Endlich flochten die Mägde zwei Aeste ineinander, legten den Gregor darauf und trugen ihn gegen den Grübnerhof.
Der Bauer stand an der Thür, hatte die Arme über die Brust geschlagen und rauchte seine Pfeife. Als sie mit dem Todten herankamen, trat er einen Schritt bei Seite, nahm die Pfeife aus dem Munde und winkte gegen die Wand, wo die Bodenstiege war.