Feierabende: Lustige und finstere Geschichten
Part 18
Es war auch so. Die Walpa wollte fort; aber sie stak in den Kleidern der Pfarrersköchin, denn die ihren waren noch nicht getrocknet. Eine große Unruhe war in ihr, aber sie mußte aushalten und für den Abend wollte man zur Feier der Heldenthat eine Unterhaltung anstellen -- und dem Müller wollte man es schon zu wissen thun, wo sein braves Weib heute stecke und daß für den Abend auch er selbst in’s Wirthshaus komme.
Da berichtete Einer, der Seizmüller wäre heute gar nicht daheim und dem lauten Klappern nach ginge auch die Mühle schon den ganzen Vormittag leer.
„Ja, sind denn sonst keine Leute auf der Mühl’?“ fragte man.
Der Mühlbursche sei vorgestern davon und die Anderen wüßten nicht Bescheid. Auch könne man gar nicht in die Mühle hinein, sie sei versperrt und es würde doch nöthig sein, daß die Müllerin auf ein halbes Stündchen nach Hause gehe.
Als Walpa gegen die Mühle kam, eilte ihr eine Magd entgegen: „Sie solle doch nicht gar zu hart erschrecken um des lieben Gottes willen, in der Mühle sei heut’ was geschehen.“
Wortlos, aber festen Schrittes ging Walpa weiter. Die Thür der Mühle war bereits weit offen, das Räderwerk war gestillt. Nachbarsleute standen herum, sprachen viel hin und her, und als nun die Walpa nahte, stellten sie sich bei Seite und redeten nichts. Nur Einer trat ihr entgegen: „Müllerin, dieweilen Ihr heut’ so wacker seid gewesen, ist daheim schlecht gehaust worden. Kein Mensch weiß, was ihm widerfahren.“
Er führte sie in die Mühle und deutete im Dunkeln hinter der Thür zu Boden. Dort lag hart am Pfosten der Seizmüller starr und todt.
Die Leute hatten sich herangedrängt, um zu sehen, wie sich das Weib bei dem todten Gatten geberden werde. Jetzt blickten sie sich gegenseitig an. Walpa stand an der Leiche ohne ein Zeichen des Schmerzes, ohne ein Wort der Klage. Nicht einmal Ueberraschung war an ihr zu merken. In grauenhafter Ruhe stand sie vor dem Todten.
„Da kann er nicht liegen bleiben,“ sagte sie endlich, „die Leute sollen ihn in’s Haus hineintragen.“
„Nein,“ versetzte einer der Männer, „das darf nicht geschehen; wir müssen ihn liegen lassen, bis der Arzt und die Herren vom Bezirksgericht da sind.“
„Was wollen denn die?“ sagte die Walpa kalt, „daß er todt ist, das seht Ihr auch, und so hat man nichts weiter zu thun, als ihn zu begraben.“
Die Leute stutzten.
„Der liegt schon lang’ da hinter der Thür,“ bemerkte ein Bauer, „vielleicht seit Früh, da die Müllerin selber noch in der Mühl’ gewesen ist!“
„’leicht sieht sie ihren todten Mann jetzt nicht das erstemal,“ sagte ein Anderer.
„Das schaut seltsam aus.“
„Die zwei Leut’ sollen sich ja spinnefeind gewesen sein.“
„’s geht nicht recht her.“
„Am Ende hat sie ihn umgebracht,“ warf Einer ein.
Sie konnte es gehört haben, that aber nichts desgleichen.
Da stellte sich Einer vor sie hin und rief: „Du, Müllerin, viel wett’ ich nicht, Du hast was angestellt!“
„Ich?“ versetzte sie mit den Augen zuckend, „was kann ich denn angestellt haben?“
„Wird sich weisen!“
Spät Abends kamen Aerzte und Herren vom Gericht. Sie sahen zuerst die Leiche des Müllers und beschrieben, wie sie lag hinter der Thür. Sie sagten: „Es läßt sich ziemlich sicher constatiren, daß er eines natürlichen Todes nicht gestorben ist.“ Die Herren vom Gericht gaben Weisung, daß sofort das Haus bewacht werden solle, so daß Niemand dasselbe verlassen könne. Hierauf stellten sie eine Bank mitten in der Mühle auf, legten die Leiche auf dieselbe hin und ließen mehrere Spanlunten anzünden. Frisch mit dem Messer machten sie sich daran. Ziemlich wortkarg ging die Arbeit vor sich, nur manchmal ein kurzes Gemurmel, ein verständnißvoller Blick.
Nach kaum einer Stunde war der zerrissene Körper mit einem weißen Tuche bedeckt.
Die Herren begaben sich -- es war schon Mitternacht -- in die Stube der Müllerin. Diese lag angekleidet auf dem Bette und barg ihr Gesicht in das Kissen. Man rüttelte sie auf. Sie strich sich mit Hast die Haare aus der Stirne und starrte den fremden Männern in’s Gesicht.
Einer von diesen erhob seine scharfe Stimme und sagte: „Euer Mann, der Seizmüller, ist durch Arsenik vergiftet worden.“
„So?“ antwortete sie, „dann hat er Rattengift gegessen.“
„Man hat ihm das Gift in den Kaffee gethan!“
„Wer wird ihm denn das Gift in den Kaffee gethan haben?“ sagte sie dumpf.
„Es ist Alles bewiesen. Hier ist der Rest in der Kaffeeschale, die Ihr ihm selbst vorgesetzt habt. Euch hilft gar nichts mehr, Seizmüllerin, gesteht es nur, Ihr habt Euren Mann umgebracht.“
Da fuhr die Walpa zusammen, ein wilder Krampf schien durch ihr ganzes Wesen zu toben. Die Männer standen bewegungslos da und blickten sie an. Nun löste sich allmählich die grauenhafte Starrniß, ihre Arme sanken auf den Schoß und sie hauchte: „Da -- da bin ich. Hab’s ja gewußt diese Ehe bringt mich noch an den Galgen.“
Am nächstfolgenden Tage ist sie dem Gerichte überliefert worden.
* * * * *
Lange ließ man die Seizmüllerin nicht in ihrem Gefängnisse. Wozu soll der Staat ein solches Wesen noch füttern? hieß es.
Eine Woche vor dem Allerheiligenfeste, zur Zeit, da in der Gegend die lautlustigen Kirchweihen abgehalten wurden, führte man die Walpa in den Gerichtssaal. Da stand sie vor dem grünen Tische, auf dem das Crucifix und zwei rothe Kerzen ragten. Hinter dem Tische saßen die Richter. Links davon auf einer Doppelbank waren zwölf Männer, theils in städtischer, theils ländlicher Kleidung. Walpa sah Bekannte darunter. Da war der Thorhofbauer, der ihr einst zur Heirat mit dem Seizmüller gerathen, da war der Erlsberger, der ihr auch nicht abgeredet hatte. Neben diesem saß der Kaufmann von Salgstein, der ihr das Rattengift verkauft hatte; nicht weit von diesem der Hammerschmied, welcher ihr mehrmals, sie bedauernd, zu verstehen gegeben, der wilde Seizmüller würde sie noch eines Tages todtschlagen, so wie er sein erstes Weib todtgeschlagen habe. Und endlich saß noch Einer unter den ernsthaft dreinschauenden Männern, bei dessen Anblick der armen Walpa das Herz weinte. Es war der einstige Postillon, der Blasius Steiger -- nun schon glücklich verheiratet -- es war der Mann, an den sie liebend so oft gedacht hatte. -- Das waren jetzt ihre Richter, die Geschwornen.
Rechts vom grünen Tisch, vor einem Pulte, saß auch ein Bekannter. Es war jener Herr, den die Walpa schon zweimal gesehen hatte. Das erstemal vor etlichen Jahren, noch im Wiesenwirthshause; das zweitemal später oben auf dem Zinken bei der Capelle und bei den Zirben. Er hatte damals Manches zu ihr gesprochen, woran sie seither oft und oft gedacht, er hatte ihr ja einen ganz neuen Lebensweg vorgeschlagen -- „er hätte es gewißlich gut mit ihr gemeint“.
Heute trug er einen schwarzen Frack, dessen Aufschläge mit silbernen Borten und Knöpfen geziert waren. Er warf nur ein paar kurze Blicke auf die Angeklagte hin, blätterte dann eifrig in den Schriften und Büchern, die vor ihm lagen und schrieb zuweilen mit dem Bleistift etwas auf ein Blatt.
Nicht weit von der Sünderbank der Walpa, neben welcher zwei Gendarmen standen, wieder an einem eigenen Tischchen, saß endlich ein ganz fremder schwarzgekleideter Mann mit dunklem Vollbarte und blassem Gesicht. Auch der hatte ein Buch vor sich liegen, doch stützte er sein Haupt in die Hand und starrte vor sich in das Leere.
Walpa sah nicht um, merkte aber leicht, daß hinter ihr eine große Menschenmenge versammelt war. Diese flüsterte und war unruhig und konnte den Beginn der Verhandlung kaum erwarten. Endlich begann das Verhör. Der Richter fragte die Angeklagte, was sie veranlaßt habe, ihren Mann aus dem Leben zu schaffen?
„Ich habe mir nicht anders zu helfen gewußt,“ antwortete die Walpa.
Hierauf wurde Punkt für Punkt erörtert, von der Werbung des Seizmüllers bis zu dessen Tode, die Mißhandlungen und Rohheiten, die sie zu erdulden gehabt, ihre Versuche, von ihm loszukommen, der keimende und wachsende Gedanke endlich, sich durch das letzte Mittel von ihrem Peiniger zu befreien.
Walpa gab auf die Fragen, die ihr gestellt wurden, kurze, aber entschiedene Antworten. Eine besondere Aufregung war an ihr nicht zu merken, und als sie der Richter fragte, ob sie denn keine Reue empfinde, die That begangen zu haben, die ihr Lebensglück, vielleicht ihr Leben vernichtet habe, antwortete sie: „Es ist nicht möglich, daß es noch schlechter mit mir wird, als es gewesen ist.“
Nach all dem und Anderem begann sich der Mann zu rühren, der rechts vom Richtertisch bei seinen Schriften saß und während des Verhörs immer in seinem Buche geblättert hatte. Er erhob sich nun, und derselbe, der seinerzeit im Gebirge zu Walpa gesagt hatte: dieser Seizmüller, von dem mußt Du Dich befreien, -- begann nun eine Rede zu halten, in welcher er die Gattenmörderin mit den schärfsten Worten anklagte und jeden Erschwerungsgrund angelegentlichst hervorhob. Und seine Rede schloß er mit folgenden Worten: „Sie sehen also, meine Herren, daß hier ein langgeplanter, zielbewußter, meuchlerischer Gattenmord vorliegt. Das schwärzeste Blatt in den Verbrecherannalen heißt Gattenmord. Dieses Verbrechen richtet die Familie zu Grunde und erschüttert dadurch die Grundfesten des Staates. Sie müssen erwägen, wie tief verdorben ein Weib sein muß, das im Stande ist, gerade jenen Mann auf die grausamste Weise zu tödten, der sie als die Liebste erkoren, dem sie ewige Treue gelobt, der sie zur geachteten Stellung der Frau erhoben hat, der ihr Ernährer und Beschützer war. Sie haben gesehen, wie die Angeklagte gerade in der größten Verlegenheit eines zerrütteten Hauswesens, ich möchte sagen: als Betteldirne von dem Seizmüller aufgenommen worden ist, wie der Seizmüller ihren Vater gewissermaßen vor dem Untergange gerettet hat. Wer solche Wohlthaten mit dem Giftbecher lohnt, der verdient das Leben nicht. -- Ich habe mich sehr nach Milderungsgründen umgesehen, denn der Staat, welchen hier zu vertreten ich die Ehre habe, kennt keine härtere Aufgabe, als einen seiner Angehörigen vom Leben zum Tode bringen zu müssen. Es mögen in den Fall allerdings Umstände hineinspielen, welche Sie, meine Herren, zur Milde stimmen könnten; aber prüfen Sie strenge! Selbst ein Mann, der Brot entwendet, weil seine Kinder hungern, wird verurtheilt. Was hier vor uns liegt, ist ein kaltberechneter Gattenmord, und die vollständige Reulosigkeit, welche Sie auf dem Gesichte der Angeklagten lesen, sie gelte Ihnen mehr, als alle Erschwerungsgründe, sie mahne Sie, durch ein gerechtes Urtheil weitere Verbrechen zu verhüten. -- Was Ihnen etwa noch gesagt werden mag von Menschlichkeit und Milde, so bedenken Sie, meine Herren Richter aus dem Volke, daß Sie nicht geschworen haben, hier Verbrechen zu verzeihen, sondern dieselben nach Gerechtigkeit zu richten. Lassen Sie sich durch falsche Gefühle zu einem milden Urtheile bestimmen, wohlan, so geben Sie allen Ehefrauen, auch den Ihren, meine Herren, das Anrecht, sich ihrer etwa unbequemen Gatten durch ein übelgewürztes Frühstück zu entledigen. Ich verliere weiter kein Wort, ich verlange für die Gattenmörderin Walpurga Wiesamer den Tod durch den Strang!“
Nach diesen Worten ließ sich der Staatsanwalt mit fast gleichgiltiger Miene nieder auf seinen Sitz und ergriff eine Bleifeder, um damit zu spielen. Walpa richtete ihr großes Auge auf diesen Mann, der, wie sie sah, da war, um sie zu verderben. Sie bewahrte auch jetzt noch ihre Ruhe, nur fuhr sie sich mit dem Aermel einmal über die Stirne. Sie erwartete nun von dem Richter das Urtheil. Dieser aber sagte kalten Tones: „Der Herr Vertheidiger.“
Sofort erhob sich der schlanke, blasse Mann, welcher in der Nähe der Angeklagten seinen Platz hatte, und blickte zuerst mit bekümmerter Geberde die Richter und dann die Geschwornen an. Plötzlich nun schoß ein Leuchten aus seinen Augen und er begann anfangs in etwas beißender, dann in warmer Betonung so zu sprechen:
„Meine Herren Richter!
Der Herr Staatsanwalt hat sich Mühe gegeben, mir, dem Sie um Milde und Menschlichkeit Bittenden, Ihre Herzen zu verriegeln. Ich jedoch erkläre, daß ich gefühlvoller Herzen gar nicht bedarf, daß ich in diesem heutigen Falle nur Ihre Vernunft anzurufen brauche, um eine Unglückliche zu retten, die erbarmungslos in den Tod gestürzt werden soll, weil sie in der Nothwehr ihren größten Feind getödtet hat. -- Nie noch ist mir mein Fürsprecheramt leichter geworden, als heute, da die Verhandlung so klar und deutlich gezeigt hat, daß weder Böswilligkeit noch schmutziger Eigennutz, noch ein anderer Zug eines schlechten Charakters die begangene That verursacht hat. Lediglich die Liebe zum nackten Leben hat dieses Weib auf die Sünderbank gestoßen. Und wer, meine Herren Geschwornen, wer wollte nicht leben! Lebenwollen ist ein Naturgesetz, dessen sich selbst der hinfällige Greis nicht entschlagen kann, geschweige denn ein warmes Blut von siebenundzwanzig Jahren. Sie haben ja gehört, wie entsetzlich der Seizmüller sein Weib gequält hat, wie er sie beispielsweise wochenlang in einer finstern Kammer gefangen hielt, wie er sie schlug und der Untreue und Unredlichkeit zieh, während er gewissenlos alle Rechte der Frau mit Füßen trat. Sie finden in dem Charakter des Mannes nicht +einen+ lichten Punkt; er war ein ganz schlechter Mensch, dessen empörende Rohheiten durch nichts zu entschuldigen, die für ihn selbst zwecklos waren und sogar für den Psychologen abstoßend und völlig interesselos sind. Sie haben gehört, wie dieser Wütherich seinem sanftmüthigen Weibe wiederholt mit dem Todtschlagen gedroht. Der Seizmüller hätte sein Wort gehalten. Hätte die Walpurga, nachdem Alles vergebens gewesen, sich von ihrem Folterknechte freizumachen, das Los ihrer Vorgängerin theilen sollen? Oder, im besten Falle, meine Herren, sagen Sie selbst, ob es für ein junges, lebensheiteres Weib möglich ist, neben einem Menschen, wie dieser Seizmüller war, zu existiren? Und die Freunde, an die sie sich gewendet in der Noth, haben sie verlassen, ja, haben ihr selbst vielleicht den Gedanken des einzigen, letzten Mittels beigebracht. Lag es doch offen da: diese beiden Menschen mußten geschieden werden. Sie waren ja nicht vor Gott, sondern nur vor den Menschen vermählt. Walpurga hatte den Müller nicht geliebt und nicht erwählt; nur ein Opfer war ihr Entschluß, den Mann zu nehmen; dieses Opfer hat sie ihrem verzweifelten Vater gebracht. Aus einer Tugend, aus der Kindesliebe, ist die That entsprungen, die vor der Welt nun als Verbrechen gelten soll. Sie haben bei der Untersuchung gesehen, meine Herren Geschwornen, welche Kämpfe das arme, einsame Frauenherz durchgerungen hat, bis es dem Dämon der Natur unterlegen ist. Wie unsagbar sie, die wohlerzogene und gesittete Frau, gelitten haben mag, das läßt sich freilich in einer Untersuchung nimmer zeigen. Ich sage absichtlich, die wohlerzogene, gesittete Frau, denn im vorliegenden Falle hat der Vertheidiger wahrlich nicht nöthig, auf die beliebten Milderungsgründe einer schlechten Erziehung hinzuweisen. Auch Unzurechnungsfähigkeit und Irrsinn mag ich gern entbehren, denn meine Clientin hat logisch und so gehandelt, wie sie handeln mußte. Allerdings, wäre die Angeklagte mit größerer Intelligenz oder mit weniger Ehrlichkeit begabt, sie wäre nicht in’s Criminal gekommen, sie hätte leicht Mittel gefunden, den Verdacht eines Mordes von sich abzulenken; und der Seizmüller wäre vor den Augen der Welt eines jähen Todes gestorben, wie auch dessen erstes Weib eines jähen Todes gestorben sein soll. Daß aber die Angeklagte ihre That nicht einen Augenblick geleugnet hat, daß sie selbst in dieser Stunde noch ruhigen Gemüthes dasteht, das beweist: ihr Gewissen klagt sie +nicht+ an, der strengste Richter in der eigenen Brust klagt sie +nicht+ an! -- Und fällt es Ihnen nicht auf, meine Herren Geschwornen, daß die Vorsehung durch einen Zufall dem armen Weibe, wenn nicht ihre Beistimmung, so doch ihre Gnade geoffenbart hat? Walpurga hat in derselben Stunde, da ihr Peiniger zur Ruhe ging, einem andern hoffnungsvollen Menschen das Leben gerettet. Wollen Sie, meine Herren Richter, den Tod mit dem Tode bestrafen, so müssen Sie auch das Leben mit dem Leben belohnen. -- Wenn mein geehrter Herr Vorredner behauptet hat, Sie gäben durch ein mildes Urtheil Ihren Frauen das Anrecht auf eine gleiche That, so sage ich: das, was Sie an dieser Frau +strafen+, verschulden Sie in demselben Augenblicke in einem viel höheren Grade. Verurtheilen Sie die Angeklagte, so schwören Sie moralisch zur Tyrannenherrschaft des Ehemannes und begehen einen Verrath an den Frauen. Ja, um es kurz zu sagen, Sie begehen einen Verrath an sich selbst, an der Menschheit und Menschlichkeit, wenn Sie nach dem starren Buchstaben ein bedrängtes Herz mit dem Tode richten, das den Tod nicht verdient. Und wenn Sie, meine Herren aus dem Volke, im Pharisäerstolze das Schuldig fällen, dann steige mit der armen Walpurga Wiesamer auch noch manch’ Anderer mit hinauf zum Schaffot, dann sprechen Sie ein Schuldig über Alle, die mit ihrer ganzen Kraft um’s liebe Dasein kämpfen. -- Nein, meine Herren, Sie stiegen aus dem Herzen des Volkes empor zum Richterstuhle, und Ihre Stimme ist Gottes Stimme. Gott ist gerecht und gütig und barmherzig -- seien Sie es auch, und lassen Sie dieses Weib, das bisher nichts vom Glücke der Erde genossen, das mit heißer Lebenssehnsucht im Auge stumm Sie anfleht -- lassen Sie es leben!“
Erschöpft war der Sprecher zurückgesunken auf den Stuhl. Auch die Walpa ließ sich nieder auf ihre Bank. In ihrem Auge stand eine schwere Thräne.
Der Vorsitzende fragte die Angeklagte, ob sie irgend noch was zu bemerken habe. Sie verneinte mit einem Schütteln des Hauptes. So erhoben sich nun die Geschwornen und schritten in einer langen, ernsten Reihe aus dem Saale in das Nebengemach.
Und nun herrschten im Gerichtssaale jene für das Publicum so aufregenden, für den Angeklagten so gräßlichen Minuten des Schwankens zwischen Freiheit und Kerker, zwischen Leben und Sterben. Staatsanwalt und Vertheidiger saßen anscheinend ruhig auf ihren Plätzen, ihrer Worte Frucht gewärtigend. Der Richter saß zurück in seinen Sessel gelehnt und schloß halb die Augen. Die Angeklagte kauerte auf ihrer Bank und bewegte sich nur ein wenig, so oft sie tiefen Athem schöpfte aus ihrer Brust. Ihre Züge waren wie die Wand so blaß. Einen umflorten Blick that sie gegen das Fenster hin, zum hellen Sonnenschein. Dieses liebe goldene Licht -- oder die ewige Nacht! -- Welches soll nach menschlicher Satzung nun ihr Antheil sein? --
Endlich ging die Thür auf und in einer ernsten Reihe, wie sie hinausgeschritten waren, schritten die zwölf Geschwornen wieder in den Saal und nahmen Platz in ihren Bänken.
Dann wurde das Verdict der Geschwornen verkündet: Auf den Antrag, schuldig zum Tode durch den Strang, hatten eilf Stimmen mit Ja, eine mit Nein geantwortet.
Walpa hatte es gehört. Sie richtete sich auf und mit fester Stimme sagte sie: „Ich bitte nur um Eins. Laßt mir’s wissen, welcher hat mir das Nein geschenkt?“
Keine Antwort. Finster blickten Richter und Geschworne drein. Nur Blasius Steiger, der einstige Bursche mit dem Posthorn, schlug sein Auge nieder und wurde roth und blaß.
Walpa sah es und aufathmend, hell wie im Jauchzen, rief sie das Wort: „Ich hab’s gewußt, er kann mich nicht verdammen. Nun habe ich gelebt, nun will ich sterben!“
Die guldene Grethe.
„Es begeben sich in den Stand der heiligen Ehe: Der Bräutigam Michael Rehling, katholisch, großjährig, Besitzer des ~vulgo~ Seesteinerhofes in hiesiger Pfarre. Die Braut Maria Haldegger, katholisch, minderjährig, derzeit in Dienst beim Bauer an der Wand. Dieses Brautpaar wird heute zur Aufdeckung eines allfälligen Ehehindernisses öffentlich verkündet zum erstenmal.“
So las es der Pfarrer von der Seeau auf der Kanzel aus einem großen Papierbogen der Gemeinde vor.
Es war das Fest der heiligen drei Könige.
Die Gemeinde war im Festkleid und in Festfreude versammelt, und vor dem mit frischen Tannenzweigen umgebenen „Krippel“ -- der bildlichen Darstellung von unseres Heilandes Geburt -- brannten zwei Wachskerzen, die heute nicht, wie sonst gern, nach einer Seite hin abrannen, da es sehr kalt war und das Wachs gefror ganz nahe an der Flamme.
Wenn plötzlich die Thür aufgegangen wäre in allen Angeln, und die heiligen drei Könige mitsammt ihren goldenen Kronen und Schätzen, und ihren Mohren und Kameelen und mit ihrem Stern hochfeierlich durch die Kirche gezogen wären, und hin zum Krippel, es hätte kaum so viel Aufsehen gemacht unter den Leuten, als die Verkündigung der Heirat des jungen Seesteiners und der Maria Haldegger. Der Seesteiner, ein Bursche stramm und frisch, hoch und stolz wie ein junger Tannenbaum, dem der größte Hof gehörte jenseits des Sees. Sein Hof stand da wie ein Schloß, und seine Waldungen waren so groß und weit, daß wenn neun Jäger in demselben zu gleicher Stunde ihre Gewehre abschossen, einer von dem anderen keinen Schuß hörte und keinen Hall. Vorwitzige Leute nannten den Seesteiner den Gaugrafen, weil ihm schier Alles unterthan war weit und breit. Wenn Dich in der Gegend ein böses Wetter überraschte, und Du stelltest Dich unter eine buschige Tanne, so standest Du unter einem Seesteiner’schen Schirmbaum; und wäre auf dem Seesteinergrunde keine Quelle aufgeronnen, die ganze Pfarre hätte verdursten müssen, und die hunderttausend Forellen im See dazu.
Das Altarbild der Seeauer Kirche stellte den heiligen Erzengel Michael dar; aber gar viele Seeauer und Seeauerinnen, wenn sie davor ihre Andacht verrichteten, dachten dabei schier gottlos an den Michael Rehling; der war es eigentlich, was das Altarbild vorstellte: der Schutzengel, der Erzengel, der Patron der Gemeinde.
Und Maria Haldegger war die blutarme Dienstmagd, im Sommer auf der Alm, wie hundert Andere, im Winter beim Bauer an der Wand, bei dem ein Festtag war, wenn sie sich einmal an der Haferbrotsuppe satt essen konnten. Kein Mensch, außer vielleicht ein armer, pechiger Waldteufel, hätte sich um die Maria Haldegger gekümmert, wenn im letzten Sommer mit ihr nicht etwas vorgefallen wäre, was eben nicht gar oft vorfällt.
Ein Prinz, der einen so klingenden Namen hat, daß sie ihn in der halben Welt hören, war auf der Jagd dagewesen, hatte die Maria Haldegger auf der Alm gesehen, hatte sich schauerlich in sie verliebt, und hatte ihr einen Ring geben wollen, der zweimal so viel werth war, wie das ganze Bauernhaus an der Wand. -- Die Maria Haldegger aber hatte gesagt: „Nichts für ungut, Herr Prinz, ich bitt’, aber für Guld und Geld und alle Herrlichkeit der Welt ist eine ehrliche Magd nicht zu kaufen. Wollt Ihr’s aber redlich meinen, so fragt bei meinem Pathen an; ich kann nichts versprechen.“ Der Prinz hat sich zufrieden gegeben und die Maria Haldegger nur noch ersucht, daß sie ihm für mehrere Stunden möge Unterstand gewähren auf ihrem Heuboden, da schon die Nacht käme. Aber die junge Magd hat ihm’s rundweg abgeschlagen, und der Prinz ist zornig davon gegangen bis zur nächsten Almhütte.
Zwei alte Seesteiner’sche Jäger, die hinter der Hütte gestanden, haben den Vorgang belauscht und haben ihn erzählt im Wirthshause der Seeau, und jenseits des Wassers, und überall, wo Schick war zum Erzählen.
Da hat denn Alles weit und breit von der Maria Haldegger gesprochen, und der Bauer an der Wand hat nur so lächelnd mit dem Kopf genickt, wie seine wackere Magd im Herbst von der Alm zurückgekommen ist und Rechenschaft abgelegt hat über Alles was sie auf der Alm zu verwalten gehabt.
Es kam der kalte Winter, es fiel klaftertiefer Schnee, es fror der See. Es war stetiges Jagen im Wald, der junge Seesteiner ging oft mit der Flinte am Dorf vorüber, und ging gegen die kleinen Bauerngüter hinaus, und stieg die Holzleiter der Loserwand hinan gegen die Waldhöhen. Zu Weihnachten war großes Eisschießen auf dem See, und jetzt zu Heiligendreikönig wurde, unerwartet wie ein Blitz, vom Himmel im Eismonat, die Neuigkeit von der Kanzel verkündet.