Feierabende: Lustige und finstere Geschichten
Part 17
Blutend und betäubt liegt sie im Brombeergebüsch und der Müller, an den Lippen noch den Schaum der Wuth, steht hohnlachend vor ihr. -- Leicht hätte man es sehen mögen, daß es ihm zur Lust und Leidenschaft geworden -- vielleicht zu seinem höchsten Lebensgenuß -- sein armes, hilfloses Weib zu peinigen. Darum hatte er sie verfolgt mit heißer, verlangender Gluth, darum brachte er sie nun tief befriedigt zurück in sein Haus.
Von dieser Zeit an hatte man die Walpa tagelang nicht mehr gesehen. Der Müller klagte es mit bekümmerter Miene den Leuten, sein Weib sei krank und es mache sich in ihr etwas wie eine Geistesstörung bemerkbar. Wohl sei sie bisweilen launenhaft, auch tückisch und trotzig gewesen, aber er habe doch stets die Nachsicht und Liebe mit ihr gehabt, die einem Ehemanne ziemt. Nun aber, wahrscheinlich von einem unruhigen Gewissen gequält, oder vielleicht auch durch andere Zustände verwirrt, litte sie am Verfolgungswahn. So sei sie vor einiger Zeit mitten in der Nacht aus der Mühle davon und in den Scharnwald hinüber, wo sie sich in’s Wasser stürzen wollte. Just daß er -- der geängstigte Gatte -- noch zu rechter Zeit nachgekommen sei und sie gerettet habe. Seitdem müsse er die Arme bewachen, er hoffe aber, daß durch eine richtige Behandlung sich die Sache wieder schlichten werde.
Walpa war eingesperrt in eine Kammer rückwärts der Mühle, wo der Müller Kornspreu und verdorbenes Getreide gelagert hielt. Auf dem Spreuhaufen lag sie und wühlte die Körner hervor, die sie gierig verschlang. Durch ein vergittertes Fenster starrte eine kahle Felswand herein, und das ewige Rauschen des Fluders betäubte das Ohr.
„Jetzt sehe ich es klar,“ murmelte sie, „Gott sei Dank, daß ich es endlich sehe. Alle Stege sind gebrochen. Nur ein einziger liegt noch da -- nur noch ein einziger. Walpa, das ist ein schwindelnder Steg! -- Mein junges Leben, Du bist das Einzige, was ich noch hab’, Dich halte ich fest. -- Ob ihn das Gericht verurtheilen thät’, wenn es wissen könnt’, wie er mich martert? Das +kann’s+ aber nicht wissen, er sagt’s nicht und man kann es nicht sagen, weil es nicht zu sagen ist. Gott, der’s weiß, verurtheilt ihn gewiß.“
Aus tiefen Träumen fuhr sie manchmal empor und sagte: „Es ist keine Sünde und die Kathrina Schmachegger hat sich auch geholfen.“ -- Dann wieder betete sie ein Vaterunser um das andere und in die Worte: „Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Uebel“, legte sie ihr ganzes Herz.
Von draußen hörte sie zuweilen das Poltern und Fluchen des Müllers. Dann wieder in den Nächten vernahm sie neben und über sich das Unwesen der Mäuse und Ratten, und oft that sie einen Schrei des Grauens, wenn so ein Thier über ihren Körper lief. Dann des Morgens, wenn die alte, taube Magd mit angstvoller Geberde das spärliche Brot brachte, stellte sich die Walpa schlafend oder starrte in die Finsterniß hinein. -- Man wird sie doch wieder freilassen, man muß ja, sonst würden die Nachbarn kommen und die kranke Müllerin sehen wollen. Dann will sie ihre Erlösung vollenden.
+Was+ will sie? So weit hätte sie ihn schon zurückgelegt, den Weg des Leidens, der Schmach, der Anfechtung, der Hölle, daß sie jetzt auf der letzten Station steht? Wiesenwirthstochter! Du, mit Deinem guten, liebevollen Weibesherzen, eine Einzige aus Millionen, die das vollbringt? --
Endlich war die alte Magd einmal davon gegangen, ohne die Thüre der Kammer zu verschließen. Die Walpa blieb noch. Sie sah einem Spiele zu. Nein, es ist nur dem Menschenauge Spiel -- dem Thiere ist es Arbeit und Streben nach seinem Lebensziele. Von der morschenden Decke, von der bei jeder Erschütterung in der Mühle der Moder niederstaubte, ging ein feiner Faden herab bis gegen die Füße der Walpa. An diesem Faden strebte eine Kreuzspinne empor.
Jetzt, das soll mir das Zeichen sein und der Richterspruch, dachte Walpa und starrte auf das Thier. Kann es nicht hinauf bis zur Decke oder bricht der Faden, so gehe ich und werfe mich in den Räderdumpf. Kommt die Spinne hinauf, so bringe ich ihn um. --
Das Thier krabbelte träge und langsam und mußte oft rasten. Es war schwer, es war noch weit unten und der Faden schien sich bisweilen zu dehnen. Dann wieder nahm die Spinne einen raschen Lauf, und dann wieder stand sie lange still auf einer und derselben Stelle. Es war ein gespenstig Wesen und das weiße Kreuz auf seinem Rücken -- ein Grabkreuz -- wem galt es, ihr oder ihm?
Endlich, die Spinne war noch eine gute Elle von der Decke entfernt, wollte sie nicht mehr weiter, ja kehrte sich ein paarmal um, und war dann wieder bewegungslos.
Walpa zitterte, schier stockte ihr der Athem. Das Thier blickte mit seinen vielen großen Augen gegen den Boden hinab. -- Soll +sie+ in’s Grab? Ist auch bei diesem Gethier, das kein Gesetz kennt, das tödtet, wenn es nicht selber getödtet werden will, kein Erbarmen?
Plötzlich nahm die Spinne eine Wendung und lief hastig den ganzen Faden empor bis zum Holzmoder, wo sie herfiel über eine im Netze gefangene Fliege.
„Es ist gut,“ sagte die Walpa laut.
„Was ist gut?“ rief der Müller scharf zur Thüre herein, „willst noch trotzen? Heraus geh’!“
Sie ging zu ihm heraus. „Jetzt ist mir schon wieder besser,“ sagte sie heiter, „jetzt, Mann, will ich recht fleißig sein, daß ich die Zeit wieder einbring’, in der ich krank gewesen bin.“
„Ja, möcht’ mich gefreuen!“
„Aber die vielen Ratten in der Mühl’, die muß man doch abfüttern.“
„Die Ratten allein fressen mein Gut nicht auf,“ gab er zur Antwort.
Ihr Gesicht blieb freundlich. Sie ging an ihre Arbeit. Sie stäubte mit Sorge die Kleider ihres Mannes aus, sie überzog sein Bett mit frischer Leinwand, sie setzte ihm das bestgekochte Essen vor und hatte dazu ein gütiges Wort. Und auf all’ seine Rohheiten schwieg sie still.
Am nächsten Sonntag sagte sie: „Hast nichts dagegen, Mann, so wollt’ ich heute gern eine Kirchfahrt verrichten zu Dank für die wiedererlangte Gesundheit. Wolltest mitgehen?“
„Ja, ja, häng’ Dich dem Herrgott nur recht an die Zehen, Du Betschwester, und verscherg’ (verschwärze) mich bei ihm, verschergst mich ja so gern.“
Sie ging hinaus gegen den Markt Salgstein. Sie suchte die ödesten Wege, wo die wenigsten Kirchengänger wandelten. Sie hatte Angst, sie werde sich durch ihre Miene verrathen beim Kaufmann, wenn sie Rattengift verlange. Das mußte sie gut machen, sie mußte sich üben. In einem verlassenen Waldschachen stellte sie sich zuerst vor einen fahlen Baumstrunk, dann vor einen grünen Strauch, endlich wendete sie sich gegen ein Eichhörnchen in den Zweigen, hielt gesittig das Sacktuch in den Händen vor der Brust und sagte halblaut, wie sich Bäuerinnen in Kaufmannsgewölben gern stellen: „Hätt’ auch gern ein wenig was. -- Aber das sind saubere Seidentücheln, die kosten gewiß recht viel. Schön sind sie. Ja, daß ich sag, ein Hüttenrauch zum Rattenfutter hätt’ ich gern.“ Sie war aber nicht ganz zufrieden. Ob sie vom Rattenfutter lieber gar nichts sagen sollte? Wenn man Hüttenrauch kauft, so versteht sich’s ja von selbst, daß man es als Rattengift braucht.
Im Kaufladen zu Salgstein waren nach dem Gottesdienste viele Leute beisammen. Walpa verlangte zwei Ellen blaue Hemdschnüre, um fünf Kreuzer Neugewürz und um drei Zehner Hüttenrauch.
„Wozu braucht Ihr den Hüttenrauch?“ fragte der Kaufmann.
„Wir haben so viele Ratten in der Mühle.“
„Da müßt Ihr Euch wohl ausweisen, wer Ihr seid, meine Liebe, sonst darf ich kein Arsenik hergeben.“
„Na, na,“ rief Einer aus der Menge, „bei Der ist’s nicht so gefährlich, das ist die Seizmüllerin in der Transau.“
„Nachher hat’s keinen Umstand,“ sagte der Kaufmann. „Thut das Ding nur gut verwahren, ’s ist ein wildes Gift.“
Als die Walpa auf dem Heimweg an dem Salgsteiner Armenhause vorbeiging, saßen davor etliche Pfründner. Ihr Herz war heute so zum Wohlthun aufgelegt, daß sie alles Geld, welches sie bei sich trug, an die armen Leute verschenkte. Dann eilte sie der Transau zu. Wer sie heute so gehen gesehen, die schöne Frauengestalt, im einfachen Sonntagsstaate, an welchem nicht Eitelkeit, wohl aber guter Geschmack zu spüren war! Tausend rohe Worte hatte sie darüber erdulden müssen, aber die gewohnte Art, sich zu kleiden, hatte sie den Launen ihres Mannes endlich doch nicht zum Opfer gebracht. Ihr Antlitz war in seiner Blässe nur noch schöner; doch wehte heute über ihre Wangen zuweilen ein rosiger Hauch. Ihr Auge leuchtete in lebensvoller Klarheit, als sie hinaufblickte zu den sangumjauchzten Wipfeln des Waldes und zum Himmelsblau. -- Ihr war wohl, wie einer wiedergeborenen Seele. -- Man hat nur ein einzig Leben, und das soll man sich wahren, von dem soll man Alles fernhalten, was häßlich ist und verderblich, um das soll man Alles sammeln, was Freude weckt. So auch hielten es die anderen Menschen, sie mochten jung sein oder alt, weltlich oder bigott; so hielt es selbst das Thier und jedes Geschöpf. -- Und endlich sollte sie -- die Walpa -- ja der Welt wieder sein, sollte leben, wie Menschen leben mit jungem frischen Blute und fröhlichem Sinn. Sommerlicher Hauch voll Waldodem spielte um ihr lockig Haupt. Ihr Fuß schien den Kalksandboden des Waldweges kaum zu berühren; es hätte ihr auch weh gethan, heute eine Ameise, ein Würmlein zu zertreten. So freudvoll war sie und die Arme breitete sie aus: Sei mir gegrüßt, mein süßes Leben! -- An einer alten Rothföhre kam sie vorüber, an welcher das Bild der Jungfrau mit dem Kinde hing. Diesem Bilde gab sie einen Kranz von Glockenblumen und wilden Lilien.
Zur späten Nachmittagszeit nach Hause gekehrt, fand sie ihren Mann in der Stube auf einer Wandbank ausgestreckt und schlummernd. Lange stand sie da still und blickte ihm in’s Angesicht. Der harte Zug auf demselben war verschwunden, sanfte Ruhe lag darüber hingegossen. -- Wie schön war dieser Mann, wenn er schlummerte! -- -- Als sie so auf ihn hinsah, wurde ihr wieder anders. Seine rechte Hand hing über die Bank hinab, sanft hob und brachte sie dieselbe in eine bequemere Lage. -- Er hat Mühsal und Sorgen, wie gut wird ihm das Schläfchen thun!
Auf dem Tische, in Papier halb eingeschlagen, lag neuer lichtblauer Schafwollenstoff für ein Frauenkleid.
-- Den hat er mir heute gekauft, ’s wird ja mein Namenstag sein in der Woche! jubelte das Weib im Herzen, nein, er ist gewiß nicht so hart, wie er thut. Er ist doch ein guter Mann. Gott verzeih’ mir Alles! -- Ihr Herz wurde warm. Wie wollte sie ihn so gern liebhaben! -- -- Es verlangte ihr seltsam, ihm einen Kuß zu geben. Sie beugte sich zu ihm nieder -- sein Athem roch nach Fusel. Hastig schreckte der Mann auf, sprang empor -- starrte sie an und grinste.
„Hast gut geschlafen,“ sagte Walpa sanft.
„Was soll’s denn!“ fuhr der Müller los, „soll ich etwa nicht mehr schlafen in meinem Hause? Was schleichst denn so um mich herum? Willst mir die Augen auskratzen?“
„Geh’, Mann,“ versetzte die Walpa lächelnd, „das ist ja doch nicht Dein Ernst. Weiß es wohl, Du meinst mir’s besser, als Du’s sagen magst. Ich bedank mich für den schönen Rockzeug.“
„Bedankst Dich!“ lachte der Müller auf, „meinst, er gehört Dein?“
„Wüßte nicht, wem sonst,“ sagte sie, „aber weißt eine Andere dafür?“
„Und wenn auch!“ schrie er und starrte sie mit rothunterlaufenen Augen wild an, „hast Du mich etwa gepachtet? Wie viel hast denn ’geben für’s Jahr, he? Zehn Bessere weiß ich, und Du bist mir die Schlechtest’!“
Das war ihr wie ein Stich in’s Herz. Ohne noch ein Wort zu sagen, ging sie hinaus. --
Immer mehr ergab sich der Seizmüller dem Trunke.
In der Gegend hatte sich ein zweiter Müller angesiedelt, ein ferner Verwandter von der Walpa. Er verschlechterte dem Seizmüller das Geschäft; dieser ließ es seine Frau entgelten. Seine Lust war, ihr wehe zu thun, seine Labe der Krug. Sie war ruhig. Oft gab es Stunden, da er in Tobsucht ausbrach und sich sein Weib gar nicht vor ihm sehen lassen durfte. Der Arzt kam in’s Haus, dem weinte sie bitterlich vor.
„Ist traurig, liebe Müllerin,“ sagte dieser, „aber das mag Euch noch trösten: schlecht ist er nicht. Und das mögt Ihr sicher glauben, wenn er Euch wehthut, so ist ihm auch selbst nicht wohl. Er ist krank, er leidet an so einer Art Manie und er kann selber nicht anders.“
-- An so einer Art Manie! dachte die Walpa bei sich, daß er neben mir andere Weibsleute hat, denen er Geschenke macht -- ist das auch so eine Art Manie? -- Seine aufgedeckte Treulosigkeit hatte in ihrer Seele einen Dämon erweckt, den sie früher noch nicht gekannt, der nun fort und fort an ihr rüttelte, wenn sie sonst in Stumpfheit versinken wollte; da bäumte sie sich auf und ihre Nerven bebten und ihr ganzes Wesen dürstete nach einer That.
Ihre Obliegenheiten im Hause besorgte sie mit auffallender Milde und Sanftmuth. Ihr Angesicht war blaß, oft fast fahl, die Augen waren wie eingefallen und dennoch voll seltsamen Glanzes.
„Weiß gar nicht,“ bemerkte in diesen Tagen eine Magd des Hauses, „wie mir neuzeit unsere Müllerin vorkommt; mich deucht alleweil, die lebt uns nicht lang’.“
Vor der Hausthür mehrten sich die Bettler; denn es waren die Gaben größer geworden, und Walpa reichte den Armen mit vollen Händen.
Eines Tages hatte sie einem mühseligen alten Weiblein drei Silberzehner in die Hand gedrückt: „Sieh, das nimm Dir, und thu’ beten für mich!“
Ueber den Hof hinabtorkelnd begegnete die Beschenkte dem Müller, aus Herzensfreude und Dankbarkeit wollte sie ihm die Hand küssen: „Für das viel Geld, Seizmüller, für das viel Geld. Dein Weib hat mir drei Zehner geschenkt. Davon leb’ ich wie ein Graf; vergelt’s Gott bis in den Himmel!“
Eilte der Müller in’s Haus, beschuldigte sein Weib der Verschwendung und ob sie das Geld auf der Straße aufzuheben habe, daß sie dasselbe wieder auf die Straße werfe? und sie sei nur zum Verschleudern da, er sehe schon, er müsse sie todtschlagen, wolle er nicht, daß sein ganzes Hauswesen und er selbst zugrunde gehe. Und gleichzeitig hat er ihr einen Schlag versetzt auf das Haupt, daß sie in die dunkle Nebenkammer taumelte.
Er stand auf seinem Flecke wie angewurzelt still und schrie:
„Komm’ heraus, Walpa, komm’ nur noch einmal heraus!“
Sie meldete sich nicht, kam nicht heraus. Da trat er mit geballten Fäusten in die Kammer und sah, wie sein Weib eben etwas hinter dem Wandschrank verbarg.
„Was hast Du dort! Gieb her!“ schrie der Müller und haschte nach ihrer Hand. Diese war leer.
„Heimlichkeiten?!“ sagte er und grinste vor Hohn und Wuth.
Ihre Gurgel war einen Augenblick wie zugeschnürt, ihre Augen traten schroff hervor; bald aber entgegnete sie voll stumpfer Ruhe:
„So schau, so such’, was ich für Heimlichkeiten hab’, wirst es wohl sehen.“
Vom Gewehr, das an der Wand hing, riß er den Ladstock herab und stöberte mit demselben hinter dem Wandschranke herum. Ein paar halbblinde Mücken kamen zuerst hervor, dann etwas Staub, dann der Fetzen eines Spinnengewebes, dann etliche alte Papierstückchen, dann eine blaßrothe Halsschleife.
Der Müller hob mit dem Stäbchen die Schleife empor und fragte: „Was ist denn das, meine Liebe?“
„Das ist ein Halsband,“ antwortete sie ruhig.
„Das weiß ich wohl, Du Schlange Du,“ versetzte er, „aber warum hast Du denn dieses Halsband vor mir verbergen wollen, he?“
„Weil -- weil ich mich nicht getrau, weil Du so hart bist auf mich.“
„Viel tausendmal zu gut bin ich noch für Dich, Du schlechte Creatur!“ schrie er, „jetzt auf der Stell’ sag’ mir wo hast Du dies Halsband her, oder ich erschieß’ Dich ohn’ Erbarmen!“
„Sagen will ich Dir’s wohl, Franz,“ antwortete sie gelassen, „dies Band hab’ ich vor Zeit von einem Buben kriegt; das Band ist schon lang blaß und der Bub’ ist lang schon verstorben, und jetzt weißt es.“
Da lachte der Seizmüller wild auf und rief mit einer Stimme, die man kaum verstand, dazwischen: „So wohl, Walpa, so wohl! Der Bub’ wird noch nicht verstorben sein!“
„Nun, so lebt er noch,“ antwortete sie.
„Ich steh’ ihm nicht gut auf drei Tage. Und Dir, Weib, Dir schlag’ ich die eheliche Lieb’ noch mit Haselstöcken hinein, darauf leg’ ich Dir ein Jurament ab!“ Und er stürzte aus dem Hause.
Die Walpa stand eine Weile wie betäubt und trocknete sich mit einem Tuche das Blut, das ihr aus dem Munde herausfloß.
Dann verriegelte sie die Thür und suchte hinter dem Wandschranke ein blaues Papierchen hervor, das sie in der Eile dort hinabgeworfen, und welches sie dadurch vor den gierigen Blicken des Müllers zu sichern getrachtet, daß sie das alte Halsband als den Gegenstand ihres Geheimnisses ausgegeben hatte. Das Halsband war eine Brautgabe ihres eigenen Mannes gewesen; wäre jedoch dasselbe nicht als fremdes Liebeszeichen vorgeschützt worden, so hätte der Müller weiter gespäht und das blaue Papier mit seinem Inhalte gefunden.
Nun aber hatte Walpa die letzte Brücke hinter sich abgebrochen. Sie wußte, welch’ neue Waffen sie durch ihre Angabe dem Gatten an die Hand gegeben hatte, daß es nun in seiner Macht lag, seine Rohheit gegen sie vor allen Leuten zu rechtfertigen.
Am andern Morgen stieg der Seizmüller zu sehr früher Stunde aus dem Bette. Er wollte auf den Kornmarkt fahren. Draußen klapperte die Mühle, er rief sein Weib; das hörte ihn nicht sogleich. Er tappte im Finstern an seinen Kleidern umher, er riß das Winkelkästchen auf, das in der Ecke hinter seinem Bette stand. Dabei hub er zu lachen an und sein Lachen war wie ein Röcheln. Und als die Walpa kam, fuhr er sie an: „Du, jetzt weiß ich’s, Du kannst leicht Almosen geben. Du hast mir mein Geld gestohlen.“
Ein Aufschrei aus ihrer Brust. Es war ein Schreckruf; er hatte geglaubt, es wäre ein Schrei des Geständnisses gewesen. „Mein Geld ist weg!“ rief er, „sag’, Bestie, wo hast Du meine Brieftasche? Ah, jetzt weiß ich’s, die hast Du Dir gestern hinter der Wandlad’ versteckt, Du falscher Satan!“
„Mißhandle mich nur nicht, ich sage Dir Alles.“
Er ließ sie los: „So sag’ es!“
„Bei meinem Gott, Franz, von Deinem Geld weiß ich nichts.“
„Hexe, Dir will ich die Wahrheit noch herausziehen!“ Und sofort begann ein Auftritt, den der Erzähler nicht schildern kann.
Später, als Licht gemacht wurde, fand sich die Geldtasche auf der Bettdecke des Müllers, auf welche sie aus dem Rocksacke gefallen war.
Walpa kauerte in einem Winkel; sie klagte nicht, sie schluchzte nicht. Kein Mensch hat das schreckliche Beben ihres Herzens vernommen. -- Vielleicht erwartete sie nun von ihrem Manne Abbitte. Dieser hatte sich wortlos aber pfusternd angekleidet und plötzlich sagte er: „Wer weiß es, kannst das Geld doch am Leib’ gehabt und mir dasselb’ nur so auf’s Bett hingeworfen haben. Dir trau ich nimmer. -- Troll’ Dich jetzt, Du Kröte, und schau, daß ich mein Frühstück krieg’!“
Noch zwei Augenblicke war Walpa nach diesen Worten gekauert in ihrem Winkel. Dann erhob sie sich, richtete ihr Angesicht gegen die Decke des Zimmers empor und ging in die Küche hinaus. Sie war wieder die Emsige, und bald stand das Frühstück auf dem Tische. Walpa ging mit seltsamer Gelassenheit an weitere Arbeiten.
Der Müller, immer noch grollend, schnitt Brot in den Kaffee. Dann aß er und gab indessen durch kurze, hervorgestoßene Sätze Befehl, was während seiner Abwesenheit im Hause zu geschehen habe.
Plötzlich hielt er ein und sah seinen Löffel an. Dann starrte er in die schon halbgeleerte Schale und sog mit der Zunge an seinem Gaumen.
„Du, Walpa,“ sagte er hierauf, und seine Stimme war unsicher, fast weich, „Du Walpa, geh her da. Iß’ mit mir Kaffee: er ist übrigs genug für allzwei.“
Sie schichtete sein Bett auf, ging dann in die Vorstube und überhörte die Einladung.
Erregt, indem er sich mit der flachen Hand über die Stirne fuhr, stand der Müller vom Tische auf und sagte noch einmal in gedämpftem Tone: „Weib, verkost’ mir jetzt den Kaffee!“
Die Walpa stürzte zur Thüre hinaus.
„Herr Jesu! Herr Jesu Christ!“ schrie der Müller, „jetzt hat sie mich vergiftet! -- Jetzt bin ich hin! -- Du Weib -- mußt mit mir!“
Hinaus raste er. Im Vorhause erfaßte er mit krampfhaft zuckenden Armen ein schweres Beil und stürzte damit der Fliehenden nach.
Die Walpa floh über den Hof, floh, an Stock und Pfeiler rennend, durch den Wagenflur, floh in die Mühle -- der Müller in wüthender Hast, doch schwankend, ihr nach mit gezücktem Beil und schäumendem Mund. Um den Mehlkasten noch ging der Beiden rasender Lauf, da erreichte Walpa wieder die Thür, schlug diese hinter sich zu und stand im Freien. Noch hörte sie es, wie er innerhalb der Thür mit einem gräßlichen Schrei zusammenbrach.
Dann ging sie im Morgengrauen davon. Sie war ledig und erlöst, sie war frei. Ihr Herz jubelte, ihr Gewissen war leicht und licht, wie nach einer guten That.
Ueber dem Thale thaute ein dünner Herbstnebel; neben dem Wege, auf welchem Walpa hineilte, lagen grünende Rübenfelder und abgeweidete Wiesen, auf denen die blassen Kelche der Zeitlose standen. -- Allmählich war es licht geworden. Walpa ging dahin und sah nicht um und für jeden ihr Begegnenden hatte sie einen heiteren Morgengruß.
„Wohin so früh?“ rief ihr ein junger Fuhrmann zu.
„In die Kirch’, wenn Du willst mitgehen.“
„Oh, da vergehst Dich ja, Seizmüllerin, der Weg führt sein Lebtag nicht in die Transau.“
„So wird er wohl wo anders hinführen.“
„Ei freilich, freilich, Seizmüllerin, das ist gewiß.“
Als sie zur Brücke kam, wo der Weg über den Fluß setzt und ein schmaler Steg über den hier sich abzweigenden Mühlbach leitet, begegnete ihr eine lebhafte Schaar von Schulkindern. Die Erfahrung zeigt, daß zur Herbstzeit die Kinder viel lebhafter und lauter sind, als in anderen Jahreszeiten. Naturforscher haben den Grund dafür in der Kühle und Dünnheit der Luft gefunden. So johlten auch heute die Kinder hüpfend und muthwillig heran, neckten sich gegenseitig, schlugen sich mit ihren Hüten, Hauben und Schulsäcken, warfen sich auf die Straße hin und lachten dabei und kletterten auf die Zäune und Sträuche, auf das Brückengeländer auch und hüpften über den Mühlsteg hin und her und warfen Steine in’s Wasser und stießen mit Stangen in die Tümpfe unter den Uferrasen hinein und lärmten in heller Lust, wenn sie eine Forelle aufschreckten. Plötzlich ein Schrei, ein hohes Aufgischten im Flusse und: „Der Michel, der Michel ist in’s Wasser gefallen!“ zeterten die Kleinen durcheinander.
Die Walpa, noch nicht weit von der Stelle, eilte zurück, sah, wie der Knabe, von dem jetzt nur noch ein Fuß hervorstand, im tiefen Wasser davonrann. Ohne Bedacht streifte sie ihren Ueberrock von sich und sprang in den Fluß. Sie rang mit den Wellen, sie verlor allen Grund und Halt, sie fiel um, wallte davon und verschwand unten, wo sich die Weidenbüsche schwer und dunkel über den Fluß wölbten.
Die Kinder schossen planlos umher; nur ein achtjährig Mädchen blieb gefaßt und sagte zu einem andern: „Du, jetzt muß ich zum Pfarrer gehen, daß geläutet wird, weil der Hüttenbaumer Michel und die Seizmüllerin ertrunken sind.“
Da wand sich unten zwischen den Sträuchen die Walpa hervor, in ihrem Arm den bewußtlosen Knaben haltend, aus dessen Mund ein Wasserstrom hervorquoll. Sie legte ihn sofort über der nächsten Feldplanke auf den Bauch, so, daß Haupt und Füße zu beiden Seiten niederhingen, sie preßte alles Wasser hervor und rieb seinen Leib -- da hub der Kleine wieder an zu athmen.
Bald kamen mehrere Leute zusammen und der Michel und die Walpa wurden unter freudiger Erregung nach Transau gebracht.
„Heut’ hat die Seizmüllerin den Hüttenbaumer Buben aus dem Wasser gezogen!“ Die Kunde verbreitete sich bald im ganzen Thale. „Sie wäre selber schier dabei ertrunken. Sie ist aber ein kräftiges und muthiges Weib, hat sich und den Knaben mit Noth noch herausgearbeitet. Jetzt ist sie im Pfarrhof unten und der Richter ist zu ihr gegangen und die Herren sind alle beisammen und loben die Walpa; und die Hüttenbaumerleut’ sind auch schon herausgekommen von ihrem Graben und sie wissen gar nicht, was sie der Müllerin Gutes anthun sollen.“