Feierabende: Lustige und finstere Geschichten
Part 16
„Mit dem Probiren ist’s nichts, Walpa. Sagst ja, so sagst es für’s Leben. Und da möchte ich Dir noch rathen, daß Du, wenn Du Dich schon entschlossen hast, frisch und munter drein gehst. Das Wanken und Zweifeln und Fürchten taugt nichts. -- ’s wird schon gehen, er ist brav, ich bin brav und uns hat Gott zusammengeführt -- so mußt Dir denken. Nu, Dirndl, wünsch’ Dir viel Glück!“
Darauf, wie sie den Vater sucht, daß sie ihm’s sagte, sie wäre bereit, findet sie ihn unten im Keller. Hat von der Pippe des größten Fasses das Amtssiegel herabgerissen.
„Aber um der Heiligen willen, Vater, was treibt Ihr denn?“
„Trinken.“
„Da sperren sie Euch ja ein!“
„Deß’ will ich mich früher ersäufen.“
Nun sagte sie’s, sie wolle den Seizmüller nehmen
Darauf trank er erst recht.
Keine Zeit war zu verlieren, denn die Gant des Wiesenwirthshauses war ausgeschrieben. Am nächsten Tage wurde die Walpa Braut des Seizmüller. Der Bräutigam lachte viel und zeigte, daß er gemüthlich sein könne. Allsogleich kaufte er ihr im nächsten Städtchen Stoff für ein goldgelbes Kleid und eine hochaufgebauschte Haube mit feuerrothen Bändern, wie sich’s für eine Frau Müllerin wohl geziemt. Aber Walpa dachte, wenn ich diesen Anzug muß tragen, so zeigen die Leute mit Fingern auf mich.
Noch in den letzten Tagen vor der Hochzeit ging Walpa zu ihren Bekannten um, und fragte, wie sie denn dran sei, ob sie den Müller doch nehmen solle? Die Allermeisten riethen dazu, und die ihr davon abredeten, von denen sagten wieder Andere: „Geh, geh, wenn man auf so Leute Reden losen wollt’! Die wissen gegen Jeden was, wenn er heiratet, das ist schon so der Brauch. Aber wenn Du nachher allein dastehst und Hilf’ brauchst, helfen thun s’ Dir nicht.“
In der letzten Nacht vor der Trauung ist der Walpa im Traume die verstorbene Mutter erschienen, die hat gewinkt, hat die Tochter bei der Hand genommen, als wollte sie sie davonführen. Es war ein süßer und dabei wieder ein angstvoller Traum. Die Böllerschüsse haben sie davon geweckt.
Unter den vielen Hochzeitsgästen war auch der Blasius Steiger, ein frischer, sauberer Bursche, den die Walpa wohl kannte. Er war vor zwei Jahren noch als Postillon durch die Gegend gefahren und hatte das Posthorn geblasen, daß es eine Herzenslust gewesen. Beim Wiesenwirth war er stets eingekehrt, wenn auch nur auf ein klein Tröpfel zum Staubhinabschwemmen -- länger wollten die Rößlein und die Reisenden nicht warten. Dem Blasi war die Walpa nicht ein einzigmal auf dem Bein gehockt. Der Blasius hatte sie nie geneckt, nie bewitzelt, war immer ernsthaft und freundlich gewesen und hatte immer gerade am Wiesenwirthshaus seine schönsten Weisen geblasen. Hätte Einer die Walpa gesehen, wie sie diesem Blasen zuhörte, so hätte der leicht merken können, daß die Burschen alle genarrt waren, denen sie auf der Ledernen saß. Der hätte ahnen mögen, daß dieses Mädchen nicht so seicht wäre, als es sich wohl geben mußte. Seit der Eisenbahnzeit war der Blasius im Pongau d’rüben gewesen; nun, und heute war er unter den Hochzeitsgästen, eigentlich unter den Musikanten; er blies das Flügelhorn. Nur ein- oder zweimal hatte Walpa den Burschen verstohlen angeblickt -- nichts weiter, kein Ehrentänzchen, kein Lächeln, kein freundlich Wort über vergangene Zeit...
Mittags, zehn Minuten nach eilf Uhr, war Walpa das Weib des Seizmüllers geworden.
Nach der Trauung ließ sie sich im Wirthshaus ein Stübchen aufsperren, um die Kleider zu wechseln. Sogleich stand ihr Mann da: „Was willst denn?“
„’s thut mir leid um das schöne Gewand,“ sagte sie, „für’s Essen und Tanzen will ich einen leichteren Rock anlegen.“
„Weißt, Walpa,“ versetzte er, „wenn ’s +mir+ nicht leid thut d’rum, so brauchst keine Umständ’ zu machen. Es geht aus meinem Sack, mußt nicht vergessen.“
„Ich hab’ nur gemeint,“ entgegnete sie leise, „weil’s die Andern auch all’ so machen.“
„Auf die Andern hast gar nicht zu schauen, Walpa; ich bin der Herr, mir hast zu folgen, und das kannst Dir merken ein- für allemal.“
„Hätt’ mir doch gedacht, daß ich von meinen Kleidern anlegen kunnt, was ich selber wollt’ -- und das muß ich Dir schon sagen: theuer mag das Kleid wohl gewesen sein, das Du mir gekauft hast, aber sauber ist es nicht.“
„Ja hörst, Weibel, wem willst denn jetzt sonst noch gefallen? Etwa dem Postbuben -- den Du voreh so verliebt angelugt hast? Du, das sag’ ich Dir, in solchen Sachen versteh’ ich keinen Spaß!“
Ziemlich schwer ließ der Seizmüller bei diesen Worten die Faust auf den Tisch niederfallen. Walpa sagte kein Wort mehr und behielt das orangenfarbige Kleid und die Flitterhaube mit den feuerrothen Bändern am Leibe. Sie war den einfachen, geschmackvollen Anzug der Oberländerinnen gewohnt, sie wußte wohl, wie fein ihr derselbe ließ. -- Nun wäre sie am liebsten gar nicht mehr unter die Leute gegangen, aber sie wollte ihrem Manne keinen weiteren Anlaß zur Unzufriedenheit mehr geben, und so fügte sie sich in das für sie recht traurige Hochzeitsfest.
Der Wiesenwirth war dabei gar lustig; gab’s ja viel Wein und auch daheim waren wieder alle Spundlöcher offen, seitdem der Seizmüller-Schwiegersohn das Gericht und die Gläubiger durch etliche große Banknoten beschwichtigt hatte.
Laut war’s im Festhause, und die Leute können heute noch nicht Wunders genug sagen, wie es doch so lustig gewesen wäre bei des Seizmüllers Hochzeit.
Am andern Tage, als Vater und Gatte noch schliefen, ging Walpa in die Kirche und betete unter heißen Thränen um Gnade und Kraft, sich geduldig in das Ehejoch zu fügen und stets das Rechte zu finden, um den Hausfrieden zu erhalten.
Von der Kirche ging sie auf den Friedhof und legte einen Kranz auf das Grab des ersten Weibes ihres Gatten; der Erdhügel war ganz kahl, nicht ein einziger Grashalm stand darauf. Walpa hatte ihre Vorgängerin nicht näher gekannt, diese hatte immer ganz zurückgezogen in ihrem Hause gelebt und erst von sich sprechen gemacht, als es hieß, ein im Wettersturm niederstürzendes Dachbrett habe die Seizmüllerin erschlagen. -- Walpa wußte aber, daß es die Ehemänner nicht ungern sehen, wenn die zweite Gattin das Andenken der ersten ehrt, und darum den Grabkranz.
Etliche Tage später sagte der Müller zu seinem Weibe: „Ich habe gehört, auf dem Freithof d’raußen bei meiner Alten soll so ein Laubwisch liegen. Hast Du’s gethan, so will ich Dir nur sagen, es stünd’ Dir besser an, Du thätst Dich um die Lebendigen kümmern, als um die Todten. Wie schaut denn mein zerrissen Unterleibel aus?“
„Da bitt’ ich Dich wohl um Verzeihung, ich hab’ gar nicht gewußt, daß Du ein Unterleibel tragst.“
„Trag’ auch keins, aber +könnt’+ eins tragen, und eine gute Hausfrau thät’ wenigstens darnach fragen.“ --
So ist diese Ehe angegangen. Diese Ehe, die zum größten Uebel hat geführt und deren Geschichte über manchem Thore stehen sollte als Warnungstafel: Verbotener Weg!
Der Seizmüller, so heiter und laut lustig er in Gesellschaft und im Wirthshause bei Kameraden sein mochte, so finster, herrisch gab er sich zu Hause. Er konnte keinen Widerspruch leiden, widersprach aber selbst in allen Dingen. Trotz reizte ihn, und auch Milde; und wenn er gereizt war, so schlug sein sonst höhnisches Wesen in einen förmlichen Wuthrausch über -- und in solchen Momenten kannte er keine Ueberlegung.
Oftmals hat sich in dem jungen Weibe der Trotz aufbäumen wollen, wenn ihr so sehr Unrecht geschah; dann aber sagte sie wieder: Nur noch ein Eichtel Zeit hab’ Geduld, ’leicht kommt noch ein Friedensengel in’s Haus. Bös’ und schlecht ist er ja doch nicht, mein Mann, nur herb und ein wenig wunderlich; mein Gott, er hat seine Sorgen und Aergerniß in der Wirthschaft. ---
In der Wirthschaft stellte der Seizmüller seinen ganzen Mann. In der Mühle klapperten allfort vier Gänge und daneben ging eine emsige Brettersäge. Dann war auch eine Stampfe für Leinsamen dabei, die jedesmal im Winter, wenn die Säge stillstand, viel verdiente. Die Aecker und Wiesen, die zur Mühle gehörten, wurden gut bewirthschaftet. Freilich that auch die Walpa viel dazu, um durch Güte die Dienstleute und Mühljungen zu beschwichtigen, wenn sie die Grobheit und Unbilligkeit des Müllers zu vertreiben drohte.
Bei solch’ einer Gelegenheit, als sie einem Mühlburschen, der in der Kammer seit einigen Tagen krank lag, eine kräftigende Fleischbrühe zuschanzte, die sonst nicht gebräuchlich war, bekam die Walpa von ihrem Manne den ersten Schlag. „Heimlichkeiten mit dem Mühljungen!“ gurgelte er, berauscht von Wein, dem er immer mehr und mehr zusprach, „wächst sich die Kellnerinliebelei +so+ aus? Walpa, Walpa, Dich muß man anders biegen, mit Gütigkeit richtet man bei Dir nichts!“
Unter Weinen lachte sie auf. -- Mit Gütigkeit! so sagte Der, von dem sie kaum ein einzig freundlich Wort noch gehört hatte.
Sonst war sie zu ihrem Vater gegangen, um sich an seiner Brust auszuweinen. Jetzt, ein Jahr nach der Müllershochzeit, lag der Wiesenwirth unter der Erde. In seinem Keller war er todt gefunden worden. Da klagte sie ihre Noth anderen Leuten, und darüber sagte ihr der Gatte einmal: „Du bist schon ein fürnehm Ehweib Du, gehst von Haus zu Haus und bringst Deinen Mann um den guten Namen, machst mich zum Tyrann, zum Wildfang, zu was weiß Gott Alles! Du, Walpa, ich sag’ Dir’s, gieb Obacht, daß es nicht wahr wird, was Du sprichst!“
„O, das ist lang’ schon wahr!“ rief sie aus, „und ich weiß nicht, wie ich mich denn so versündigt hab’, daß ich an einen +solchen+ Menschen hab’ müssen gebunden werden. Kein größeres Kreuz auf der Welt!“
„Ja freilich, winseln und flennen, das ist noch Dein Bestes. Du Betteldirn!“ Und er stieß sie hintan, daß ihr Leib an die Kante des Herdes fiel und sie zusammenbrach.
„So -- so --“ stammelte sie mit dumpfer Stimme, „an mir -- weiß ich wohl, daß Dir nichts gelegen ist, aber daß Du Dein Kind im Mutterleib -- --“
Da lachte er auf und meinte, das müsse man erst untersuchen, ob es +sein+.
Das Weib lag in einer Ohnmacht.
Tagelang schwebte sie zwischen Leben und Tod, und als sie endlich -- der Gatte hatte sie in der Krankenstube kaum ein einzigmal besucht -- insoweit gerettet war, daß sie wieder zu denken und zu sinnen vermochte, seufzte sie ein- um das anderemal: „Das ist eine Ehe! o Gott, mein Gott, verlaß’ mich nicht!“
Und im Traume hörte sie das Posthorn klingen; da rief sie mehrmals laut den Namen Blasius. Und aufwachend flehte sie zur Mutter Gottes: „Bewache mich, daß dieses Wort nicht noch einmal über meine Lippen kommt, sonst ist’s mein Verderben.“
Als sie wieder so weit genesen war, daß sie -- ein Schatten gegen früher -- in das Freie wanken konnte, suchte sie den Pfarrer auf und fragte ihn, ob es denn gar kein Mittel gebe, daß sie von diesem Menschen, dem Seizmüller, wieder befreit würde. Der geistliche Herr riß die Achseln empor und gab ihr schöne Lehren.
„Ei, ei,“ unterbrach ihn die Walpa, „was der Herr da sagt, das hab’ ich lang’ schon gewußt und gethan. Scheiden lassen will ich mich.“
Der Pfarrer machte ein saures Gesicht und lächelte. -- „Scheiden lassen -- das ist leicht gesagt, meine liebe Seizmüllerin. Von Tisch und Bett könnt’ Ihr Euch trennen, aber vor Gott seid Ihr doch ein Ehepaar.“
„Vor Gott sind wir nie ein Ehepaar gewesen!“ sagte das Weib, „ich bin schier mit Gewalt in diese Ehe hineingedrängt worden, mein Herz hat nichts davon gewußt, und immer ist es nicht gut, wenn das Kind seinen Eltern folgt!“
„Müllerin,“ versetzte der Pfarrer, „das ist keine christliche Red’, und wenn man Euch hört, so könnte man fast meinen, es wäre an Euch selber die Schuld.“ --
Ganz ohne Trost, nur noch rathloser und erbitterter verließ sie den Pfarrhof.
Eine gutmüthige Nachbarin rieth ihr, sie sollte zum Gericht gehen. Sie ging zum Gericht und drängte auf Scheidung.
-- Ehescheidung?! Das war was Neues, das war in der Gegend seit Menschengedenken noch nicht vorgekommen.
„Liebe Frau,“ sagte einer der Herren, „zum Eheschließen müssen Zwei sein, und zum Ehetrennen auch. Wird Euer Mann einwilligen?“
„O,“ rief das Weib, „der will wen zum Peinigen haben, der wird sein Lebtag nicht einwilligen.“
„Dann ist nichts zu machen. Das Beste, Ihr versucht es noch einmal, Euch gütlich miteinander zu vertragen. Wenn es Euch recht ist, so wollen wir Euren Mann, den Seizmüller, rufen lassen und ihm seine Verpflichtungen vorhalten, damit --“
„Um Gotteswillen, nur das nicht! Wenn ich schon bei ihm bleiben muß, so darf er’s um all’ mein Leben und Sterben nicht erfahren, daß ich in solcher Angelegenheit bin dagewesen.“
„So geht heim und versucht es noch einmal, es wird sich geben, nur der redliche Willen gehört dazu. Behüt’ Gott!“
-- So vernünftig reden sie und wissen nicht, wie es in der Mühle aussieht -- Zank und Hader, Trotz und Wildheit, Haß und Gewalt. Die Walpa soll wieder zurückkehren zu ihrem größten Feinde.
Da besann sie sich. Hoch oben auf dem Zinken steht eine Capelle mit einem wunderthätigen Marienbilde. Schon Viele sind durch der Jungfrau Fürbitte befreit worden aus ihrer Noth. Sie stieg mit Mühe den hohen Berg hinan. Und dort oben zwischen den Felsen, wo kein Bäumlein und kein Blümlein mehr wächst, lag sie vor dem Bilde und betete: „Gieb’ mir ein, o Mutter, was ich thun soll! Weise mir einen Ausweg, und wenn schon kein anderes Mittel ist, so laß mich sterben.“
Am Eingang der Capelle stand, von ihr unbemerkt, ein Tourist und hörte ihr zu. -- Ein blasses, hübsches Weib betet vielleicht in Liebessehnsucht?
Als sich Walpa erhob, trat er zu ihr; er erkannte sie nicht mehr; sie sah es, das war der junge kecke Städter, mit dem sie vor länger als einem Jahre in ihrem Heimatshause zusammengesessen war.
„Bist ganz allein hier oben?“ fragte der Fremde, „dann will ich Dich führen und will Dir auch den Ausweg weisen, um den Du eben gebetet hast.“
„Wohin wollen denn Sie mich führen, wohin?“
„Einstweilen bis zu den Zirmbüschen hinab, hier geht ein scharfer Wind.“
Walpa stieg an seiner Hand hinab und gedachte dem Fremden, der ihr nun schon das zweitemal freundlich genaht war, ihr Anliegen mitzutheilen.
Auf dem Bergmoos zwischen dichten Sträuchen, die sie wie ein undurchdringlicher Wall umgaben, saßen sie und Walpa schüttete ihr Herz aus vor Dem, der ihr so theilnahmsvoll zuhörte.
Und als sie schluchzend geendet hatte, sagte er: „Was Du da erzählst, das könnte Einem das Herz durchschneiden. Das hält kein Mensch aus; dieser Seizmüller muß eine elende Creatur sein. Von dem mußt Du Dich befreien. Wenn Du es nicht schon so machen kannst oder willst, wie es die Kathrina Schmachegger gemacht hat, deren Proceß vor wenigen Tagen abgelaufen ist, so -- nu, so mußt Du es eben anders machen. Du bist hübsch und noch jung, Freundin, Dir kann’s nirgends fehlen. Gehe in die Stadt...“
Nimmer konnte es das harmlose Landweib verstehen, was der Fremde meinte. -- In die Stadt gehen, das gefiele ihr schon. Wenn sich nur Alles so einrichten ließe, daß kein Aufsehen entstünde und daß der Seizmüller schließlich nicht etwa ihren Aufenthalt entdeckte. Lieber wäre ihr freilich noch ein anderer Ausweg, als den angetrauten Ehemann so zu verlassen -- und was denn die Kathrina Schmachegger gethan habe, von der er vorhin gesprochen?
„Die Schmachegger war eine Bäuerin aus dem Untersaß,“ belehrte der Fremde, „diese hat ihrem Ehegatten, mit welchem sie in Unfrieden lebte, in einer Krankheit, die über ihn gekommen war, den Beistand versagt und ihn verderben lassen. Sie ist aber freigesprochen worden, denn es war doch nicht bewiesen, daß ihre besondere Pflege ihn gesund gemacht hätte. Und es war nur die Unterlassung einer Tugend, zu der das Gesetz Niemanden zwingen kann.“
Darauf hat die Walpa stillgeschwiegen und der Stadtherr, der in’s Gebirge gekommen war, um die Natur zu genießen, hat seinen Arm ausgebreitet, sie möge ihn für den Freund halten, sie möge sich entschädigen für das harte Kreuz, das sie tragen müsse und sie möge dieses Kreuz mit aller Macht abschütteln.
Still war’s; auf solchen Höhen summen keine Mücken und die Vögel hatten sich versteckt in’s traute Heim unter den Büschen. Der Zirm schien höher und höher zu wachsen, ein weißer Schmetterling gaukelte im Zickzack heran.
„So!“ rief die Walpa plötzlich und ihre Stimme war laut, „ein solcher Freund sind Sie? -- Nein, lassen Sie mich! Jetzt sitzt doch schon überall der Höllische, wo man hinschaut!“
Sie floh davon, und wie lange der Bergwanderer noch gelegen ist zwischen den Büschen, man weiß es nicht -- verlangt es auch nicht zu wissen.
Walpa war wieder zurückgekehrt in die Mühle und hatte sich noch einmal fest vorgenommen, dem Müller ein treues Eheweib zu sein, Alles, was über sie kommen sollte, mit Ergebenheit zu tragen und ihr Herz verhärten zu lassen zu einem Stein.
Wohl, Herzen können verhärten, bleiben aber dennoch heiß und schwer und glückbegehrend. Walpa sah andere Ehen voll stillen, fröhlichen Glückes; sah an ihrem Hause vorbei manch’ freudiges Paar wandeln, manchen Brautzug, sah manch’ Kindlein tragen von den Engthälern heraus gegen die Kirche zur Taufe. Sie könnte es auch so haben. -- Ob der Blasius wohl schon ein Weib hat? -- Der liebe Schutzengel behüte vor aller Versuchung. -- Ihr Mann ist ja auch ein Mensch, sie will ihn schätzen, will ihn pflegen; er hat doch Niemanden auf der Welt als sein Weib. -- Die mildesten Worte hatte sie für den Gatten und mit Sorgfalt bereitete sie stets sein Mahl. Er aß es brummend und finster. Wenn er nüchtern war, so hörte sie von ihm kein Wort. -- Das war ihre glücklichste Zeit und sie dachte, sagt er nichts, so wird er wohl zufrieden sein. Aber wie selten! -- Es verging kein Tag, an welchem sie von ihrem Manne nicht eine Rohheit erfuhr. Er polterte und fluchte und spöttelte und höhnte, er that ihr Schimpf um Schimpf an und wenn sie dagegen auftrat, so ging’s ihr hart wie einer Sklavin, wie einem Hund, den der Zornige mit Fußtritten von sich stößt. Es ging auch die Wirthschaft schlechter und in der Mühle ruhten die Räder öfter, als es Sonntag war. Den Seizmüller reute das Geld, welches er für den Wiesenwirth ausgegeben hatte, anstatt er Brauthabe hätte bekommen sollen. „Wie mich der Teufel nur so hat verblenden mögen!“ rief er im Grimme, „daß mir ein Bettelweib hat können gefallen. Deine Schönheit? Ha, da muß ich lachen! Angethan hat sie mir’s und seit sie in der Mühl’, ist kein Segen mehr.“
Da hob die Walpa zu ihm die gefalteten Hände: „Lieber Mann, so laß mich wieder fort! Ich seh’s ja auch ein, wir taugen nicht für einander, wir können Beide nicht dafür. Ich will ja mein Lebtag lang keinen andern Mann, ich will Dir danken bis zum letzten Athemzug, nur fort laß mich, ich bitte Dich um des heiligen Kreuzes Jesu willen!“
„Ah!“ stieß der Seizmüller schnaubend heraus, „davonlaufen, das geht Dir noch ab, Du Zigeunerdirn. Meinst, ich wollt’ nicht auch meinem Gott danken, wärst Du aus dem Hause? -- Thät’st Dir wohl in die Faust lachen, wenn die Leut’ mit Fingern auf mich zeigten: Schau, schau, das ist der alte Esel, dem ist sein Weib durchgegangen! In’s Unglück hast mich schon gebracht, jetzt willst mich auch noch in die Schand bringen? -- Jesses, mir zucken gerade die Händ’! In die Mauer wollt’ ich Dich -- Du -- Du Creatur!“
Er langte nach ihren Locken, sie stürzte davon. Draußen, hart am Mühlbach, sank sie zu Boden.
-- Ihrem Leben ein Ende machen? -- Noch so jung, so weltbegehrend -- und dieses Wütherichs wegen sterben! -- -- Nein, dafür haßt sie ihn zu sehr. Sie kennt nun ihren Entschluß, sie sinnt nicht mehr, sie weint nicht mehr -- in stiller Nacht, während der Mann im Wirthshause sitzt, schnürt sie ihr Bündel und geht davon. Wohin sie kommt, was mit ihr geschieht -- alleins. In alles erdenkliche Elend will sie sich lieber stürzen, als bei diesem Teufel leben.
Mit der Hast einer Verbrecherin floh sie, Alles zurücklassend, was ihr eigen war auf Erd’. Mit dem ersten Schritte über die Markung der Mühle hinaus war sie in Acht und Bann der Armuth und Noth. Aber sie kreischte auf vor Lust, als sie sich frei fühlte. So weit man sie noch kennt, ist sie die Müllerin, die mit ihrem Bündel eine drüben in der Scharn erkrankte Muhme heimsucht. Später, wo sie wer anfrägt, ist sie eine Schnitterin aus dem Untersaß und geht aus auf einen Verdienst. -- Sie hätte so viel Aehnlichkeit mit der Seizmüllerin in der Transau, sagte ihr ein alt Weiblein. „Ja,“ entgegnete die Walpa, „ich bin mit ihr verwandt.“
„Wie’s nur sein hat mögen, daß die das große Glück mit dieser Heirat hat gemacht?“ meinte das Weiblein.
„Nach der ihrem Glücke verlang’ ich nicht,“ sagte die Walpa.
„So sollt’s letztlich doch wahr sein, was die Leut’ reden?“ warf die Alte ein.
„Wüßt’ nicht, daß die Leute viel drüber thäten reden.“
„Daß der Müller so ein Wildling wär’! sagt man. Allerweil im Rausch. Soll’s denn wahr sein: das erste Weib hätt’ er erschlagen und dem zweiten Weib wollt’ er’s g’rad so machen. -- Ich glaub’s schon! Vom Seizmüller glaub’ ich Alles, mit dem ist mein Hansel in die Schule gegangen und der weiß saubere Sachen zu erzählen. Ein durch und durch schlechter Mensch, der Müller. Die arme Haut, die Walpa!“
„Am besten wär’s, der lieb’ Herrgott thät’ sie zu sich nehmen,“ versetzte ein neu hinzugetretenes Weib mit einem Seufzer.
„Geh’, Närrisch!“ rief die Alte. „Die Walpa ist ja keinem Menschen im Weg auf der Welt, aber den Müller soll der leidig Teufel holen!“
„Verzeih’ Dir die Sünd’!“ fiel die Andere ein.
„Na, grimm’ Dich nicht. So eine Sünd’ wird der Herrgott gern verzeihen. Wenn’s Alles wahr ist, was die Leut’ sagen, wahrhaftig, so thät’ ich mir gar kein Gewissen d’raus machen, diesem Menschen was anzuthun.“
„Ich sag’, es soll Jeder Gott danken, dem’s besser geht,“ meinte die Walpa und eilte weiter.
Tagsüber irrte sie in den Bergwäldern. Von Müdigkeit übermannt schlief sie auf einer Steinplatte, über welche der Epheu spann und die Eidechsen hin und her liefen.
Auf diesem Stein -- ihr schönster Schlummer war’s gewesen. Im Klange eines Posthorns hatte sie der Jugend fröhliche Zeit gesehen -- da fühlte sie plötzlich einen Stoß, als sei die Welt zersprungen. Rasch fuhr sie empor. Es war dunkel im Wald und nur auf den hohen Gipfeln lag des Abends goldreicher Sonnenschein.
Und neben Walpa stand der Seizmüller und grinste. Wie ein geschrecktes Reh sprang sie auf und einen getrennten Fetzen ihres Kleides noch zurücklassend in seiner krampfigen Faust, lief sie den Hang hinab, über das kantige Gestein und der finsteren Schlucht zu. Hinter sich hörte sie das Dröhnen seiner Sprünge, hörte seine schnaubenden Flüche. Gott rief sie an und ihren heiligen Schutzpatron -- und huschte durch dorniges Gesträuche und glitt nieder über schroffe Lehnen, daß Moos und Sand in den Lüften wehten. -- Sie entkommt ihm, schon ist sie seinen Augen entschwunden und das Brausen eines Wildbaches vereitelt ihm das Geräusch ihrer Schritte. Da steht sie jählings am Wasser und kann nicht weiter. Sie eilt am Ufer auf und ab und hört des Mannes Lachen. Ein wildästiger Tannenbaum, vom Sturme gebrochen, liegt über dem gischtenden Bache. Auf diesen springt sie, um hinüber zu klettern.
Der Mann stürzt ihr nach. Die morschen Aeste krachen. Walpa’s Haare verschlingen sich in’s dürre Gezweige, da faßt er sie -- und hier auf diesem unheimlichen Grunde, der Verzweiflung voll und der Wuth, stemmt sie sich wie rasend ihm entgegen und ihre Finger zucken nach seiner Gurgel. So ringt das Ehepaar auf der wilden Brücke, daß der Baumstamm ächzt, und aus dem mächtigen Abgrunde herauf schimmert der Schaum des Bergstroms. -- Walpa fühlte, daß es ihr Verderben, wenn sie den verhaßten Mann in diesem Augenblicke nicht zu vernichten vermöge, doch sie vermag nicht aufzukommen gegen des Mannes Kraft, nur einen Augenblick loszumachen sucht sie sich von seinen ehernen Armen, um sich in die Tiefe zu stürzen -- da erfaßt er sie noch, reißt sie zurück und schleudert sie hin an das Ufer.