Feierabende: Lustige und finstere Geschichten

Part 15

Chapter 153,824 wordsPublic domain

Giebt es denn aber kein Mittel, das graue Unwesen für immer vom Tische fern zu halten? Nach dem Crucifixe, das über dem Tische an der Wand hing, glitt des Priesters bedrängter Blick. An demselben Tage fiel ihm eine kleine Hundspeitsche in’s Auge, die beim Sattlermeister im Auslagkasten lehnte. Da kam ihm plötzlich die Erleuchtung. Er kaufte die Peitsche, und als es Essenszeit war und er sich allein zum Tisch setzte, kam wie immer die gute Katz’ herbei. Der Caplan nahm salbungsvoll das Crucifix in die rechte, die Hundspeitsche in die linke Hand -- hielt ersteres der Katze vor und mit der letzteren -- schwaps! ging’s über des Thierleins Rücken. Mit Einem Satz war die Katz’ davon.

Aber bei der nächsten Mahlzeit erschien sie wieder. Der Priester nahm in die Rechte das Crucifix, in die Linke die Peitsche und that wie das erstemal. Husch war sie weg.

Ein drittesmal nahte sie schon mit einigem Zagen, aber sie nahte, und der Caplan that wie das erste- und das zweitemal.

So ging’s etliche Tage fort. Da kam der Herr Pfarrer heim. Recht froh und heiter, daß wieder Alles in Ordnung ist, setzen sie sich zu Tische und die Gottesgab’ läßt nicht warten und läßt sich niemals, heute am allerwenigsten spotten.

„Aber wo ist denn mein Katzel?“ frägt der Pfarrer.

Lugt auch der Caplan um. „Dort hinter dem Ofen hockt’s ja.“

„Merkwürdig, daß es heute nicht zum Tisch kommt!“

„Wirklich, Herr Pfarrer, das nimmt mich auch Wunder. Ich merke schon seit ein paar Tagen so etwas. Mir fiel es sogar schon ein, was die Leute sagen -- mag aber nicht d’ran glauben.“

„Die Leute?“ meint der Pfarrer, „was sagen sie denn?“

„Nein, ich glaub’s nicht. ’s ist so ein abergläubisches Geschwätz, nur daß man davon spricht. -- So eine Katz’, sagen die Leute, wenn sie altert, thät’ eine Hex’ werden und sich keinem Crucifix in die Nähe getrauen.“

„Paperlapap!“ sagt der Pfarrer.

„Na, versteht sich. Ein Altweibergeschwätz.“

„Ist nur um ein Probiren zu thun,“ meint der Pfarrer, „na, Kätzle, komm’, komm’ her zu mir!“

Dieser trauten Einladung vermag das Thier nicht zu widerstehen, es naht und steigt dem Herrn auf den Schoß. Der Pfarrer langt nach dem Crucifix, aber kaum die Katze dieses in seiner Hand erblickt und ein inneres Gesicht hat von einem andern Gegenstand, ergreift sie in wilder Hast die Flucht.

Die beiden Priester blicken sich lautlos an.

„Merkwürdig!“ sagt der Pfarrer endlich.

„Seltsam!“ entgegnet der Caplan.

„Wenn’s so ist, muß ich das Vieh aus dem Haus thun,“ sagt der Pfarrer.

„Das wäre jammerschad’!“ versetzt der Caplan.

Bald war die Katze beim Abdecker. Aus ihrer Haut wurden Hundspeitschen geschnitten.

Zu Abelsberg wieder wer geworden.

Eine junge Witwe aus Schlesien war eingewandert, hatte sich in der Nähe von Abelsberg einen schönen Bauernhof gekauft und war die Großhofbäuerin.

Zu dieser Großhofbäuerin kam eines Tages ein Kleinhäusler aus der Gegend, ein junger, hübscher Mann. Der setzte sich in der Vorlauben auf eine Bank und wartete, bis ihn wer ansprach.

Wartete nicht lange, so kam die Großhofbäuerin aus der Stube und fragte ihn, ob er auf Jemanden warte.

„Ach na,“ sagte der junge Mann, „Großhofbäuerin, ich bin wieder wer geworden.“

„Was bist?“ fragte die Bäuerin.

„Wieder wer geworden bin ich,“ antwortete er.

„Ich weiß ja gar nicht, wer Du sonst bist,“ sagte die Bäuerin.

„Ich bin nicht gar viel,“ sagte er, „ich bin sonst der Teichgräber Franzl, und heut’ Nacht bin ich wieder wer geworden. Jetzt weiß ich mir halt nicht zu helfen und weiß nicht, wo ich hingehen soll.“

Da entgegnete sie: „Wenn Du -- wie Du sagst --- wieder wer geworden bist und Du weißt sonst nirgends hinzugehen, so kannst ja bei mir bleiben. In so einem Hof hat man fortweg Leute vonnöthen, die wer sind.“

„Es ist wohl recht hart,“ meinte hierauf der Franz, „wenn man wieder wer geworden ist und man hat keine Seel’, an die man sich halten könnt’.“

„So halte Dich an mich,“ sagte die junge Bäuerin, „bist wer und stellst Deinen Mann, so werden wir uns leicht verstehen. Nur nicht so verzagt sein! Schau’ mich an einmal!“

„Wär’ schon recht das --“

„Kannst gleich in Dienst treten, wenn Du willst. Ich brauche just einen kernigen Mann -- bis ein Bauer im Hause ist.“

„Wär’ schon recht,“ meinte der Franzl, „aber halt mein Weib --“

„Ja, bist denn verheiratet?“ rief sie.

„Na,“ sagte er, „heut’ Nacht bin ich wieder wer geworden.“

„Da bin ich mir zu dumm,“ rief die Bäuerin ärgerlich, „das verstehe ich nicht. Traudel, geh’ her zu Dem, vielleicht bringst Du’s heraus, was es mit Dem ist.“

Die Küchenmagd kam herbei und sagte: „Mit dem da? Das weiß ich schon, was es mit Dem ist. Mit Dem ist es eine harte Sach’.“

„Wesweg denn?“

„Aber er hat’s ja gesagt, Bäurin, und er sagt’s ja.“

„Daß er wieder wer geworden ist, sagt er.“

„Nun also, Bäurin?“

„Ist das denn eine harte Sach’, wenn man wieder wer geworden ist?“

„Ich kann mir’s denken,“ versetzte die Magd, „und die Bäurin sollt’s beiläufig wissen, wie hart es sein kann, wenn Einer Witwer geworden ist?“

„Witwer? Wer ist Witwer?“

„Aber jetzt muß ich schon lachen, Bäurin,“ rief die Küchenmagd, „da steht er, der Witwer. Heut’ Nacht ist ihm sein Weib verstorben.“

„O weh!“ sagte die Großhofbäuerin; „ja, Franzl, warum hast Du das nicht gleich gesagt? Warum denn nicht gleich, Franzel?“

„Er hat’s ja schon zehnmal gesagt!“ rief die Magd.

Die Großhofbäuerin hat nämlich nicht abelsbergerisch verstanden. Aber der Häusler Franz hat besser sprechen gelernt. Er ist nun wirklich wieder wer geworden -- er ist Großhofbauer geworden.

Ein Abelsberger Heutrog.

Der Kreuzhäusel-Hans war arm daran, war Alles schuldig bis auf seine neun Kinder. Das Häusel und das Vieh waren ihm schon versteigert worden, und jetzt ging’s an den Stall.

Der Nachbar Türken-Sepp nahm’s zeitig wahr. „Du,“ sagte er zu seinem Schwager, dem Baumzapfer-Lenz „morgen wird zu Ober-Abelsberg der Kreuzhäusel-Stall versteigert; möcht’ gern dabei sein, muß aber morgen in’s G’reut hinüber; ist dort ein spottwohlfeiler Schimmel zu kaufen. Hab’ die Gutheit, Schwager, und geh’ zur Versteigerung, und wenn der Heutrog -- ’s ist ein nagelneuer Trog, der mir just will passen -- wenn der an die Reih’ kommt, so biete für mich mit. Gelt, ich kann mich verlassen?“

„Freilich, das ist gewiß,“ betheuert der Lenz, „recht gern, daß ich für Dich mitbiete.“

Aber auf dem Heimweg denkt sich der Lenz: ein spottwohlfeiler Schimmel wär’ zu haben drüben im G’reut? Ei, den geh’ ich mir holen morgen in aller Früh. Aber der Heutrog? -- Da begegnet ihm sein Gevatter, der Spitzborsten-Toni. „He, Gevatter,“ ruft ihm der Lenz zu, „könntest mir einen großmächtigen Gefallen thun, morgen über Tags. Des Kreuzhäusel-Hans Stall wird versteigert; bist gewiß auch dabei. Ich möcht’ für einen guten Bekannten den Heutrog haben -- ein nagelneuer Trog. Wolltest mir hübsch keck mitbieten darum!“

„Mein Gott, von Herzen gern, und das macht mir ja gar keine Müh’ und Plag’,“ meint der Toni; und der Lenz ist seiner Sorge enthoben und macht sich des andern Morgens zeitig auf den Weg in das G’reut, um, noch ehe der Türken-Sepp sich einfindet, den spottwohlfeilen Schimmel zu kaufen.

Mittlerweile aber hat der Türken-Sepp erfahren, der Schimmel sei nicht mehr zu haben. So kann er sich bei der Versteigerung ja leicht selber einstellen und braucht den Lenz nicht zu belästigen. Doch, nun sieht er’s, auf den Schwager ist kein Verlaß -- gar keiner; der Baumzapfer-Lenz ist bei der Versteigerung gar nicht zu sehen. Dafür aber ist -- als die Reihe an das bewußte Einrichtungsstück kommt -- der Spitzborsten-Toni wie versessen auf den Trog. Der Toni hat das nagelneue Prachtstück bereits von drei auf sieben Gulden hinaufgetrieben.

„Achti!“ ruft der Türken-Sepp.

„Neuni!“ sagt der Spitzborsten-Toni.

Da beißt sich der Sepp in die Zunge. „Zehne!“ versetzt er bissig.

„Eilfi!“ ruft der Toni und denkt: Ich zahl’s ja nicht, der Trog kommt für meines Gevatters Bekannten.

Der Starrschädel! flucht der Sepp bei sich selber, den tauch ich noch nieder; der Türken-Sepp darf nicht zu Schanden werden. „Zwölfi!“ schreit er.

„Dreizehni!“ brüllt der Toni.

„Vierzehni!“ der Sepp. Beide sind in der Hitze -- Fünfzehni! -- sechzehni! -- siebzehni! -- Alles lacht über die beiden Trotzköpfe, die um den Heutrog kämpfen.

-- Achtzehni! -- neunzehni! --

„Zwanzig Gulden! Fixsaker einmal!“ schreit der Sepp.

„Einundzwanzig!“ stöhnt der Toni.

„Auch gut,“ denkt sich der Türken-Sepp, „bei dem laß’ ich ihn; jetzt sitzt er in der Wolle.“

„Einundzwanzig zum Ersten!“ ruft der Beamte, „zum Zweiten! -- zum Drittenmal!“

Der Hammer fällt. Der Toni hat den Heutrog.

„Du Narr!“ lacht Alles, „der Klotz ist nicht fünf Gulden werth.“ Der Türken-Sepp kichert noch am meisten darüber, daß der Partner aus reiner Prahlsucht in die Falle gegangen.

Zur selben Stunde reitet der Baumzapfer-Lenz auf seinem erstandenen Schimmel herbei. -- „Gevatter!“ ruft ihm der Toni zu, „ich hab’ keck mitgeboten, da ist der Heutrog.“

„Ist mir rechtschaffen lieb,“ sagt der Lenz, „komm, Schwager Sepp, bist ja auch da; gleichwohl ich selber hab’ in’s G’reut hinüber müssen, ist Dein Willen gethan worden; mein Gevatter, der Spitzborsten-Toni, hat die Gutheit gehabt, hat für Dich den Heutrog erboten.“

Da wird dem Türken-Sepp übel bis in die Leber hinein; jetzt hat er sich selber gesteigert, hat mehr denn vierzehn Gulden aus seinem eigenen Beutel herausgeschrieen.

„Mach Dir nichts d’raus!“ rief der Toni lachend, „Sepp, der Heutrog ist was für Dich, bigott, für Dich selber!“

Der Türken-Sepp fluchte hinein in den nagelneuen Trog. Die Leute lachten gewaltig. Der Kreuzhäusel-Hans, der arm’ Tropf, lachte noch am meisten.

II. Theil.

Winterabende.

Finstere Geschichten.

Winterabende.

Seit altersher war es in unseren lieben deutschen Spinnstuben und Heimgarten Sitte, die langen Winterabende nicht allein mit Gesang und Scherz, sondern auch mit Gespenstergeschichten zu vertreiben.

Nun hat aber in unserer hellilluminirten Zeit der Glaube an Gespenster aufgehört. Weil jedoch die langen Winterabende nicht aufgehört haben und das allgemeine Bedürfniß nach Grauen und „Gruseln“ auch noch vorhanden ist, so weiß sich der Erzähler nicht anders zu helfen, als +jene+ Gespenster vorzuführen, die leider +nicht+ abgeleugnet werden können, jene Dämonen, mit denen Jeder von uns jeden Tag in heißem Streite liegt und die -- wie schrecklich +oft+ -- zur tiefsten Tragik unseres Lebens werden.

Demnach können das keine lustigen Geschichten sein -- sie werden unheimlich, finster und stürmisch sein, wie die Winternächte.

Der Dichter -- und ginge sein Sinn noch so sehr nach dem Heiteren und Lichtvollen, mit dem er sich und die Mitmenschen erquicken und erfreuen möchte -- er darf die Schatten dieses irdischen Lebens nicht verneinen, er muß bisweilen zeigen, wie man in denselben irren und fallen kann. Aber einen Leuchtthurm muß er bauen, der die Thaten und Opfer der Nacht milde bestrahlt, daß auch dort noch Liebe und Versöhnung sei, wo die vom Lichte geblendeten Kinder der Welt erbarmungslos richten.

Die Darstellung tragischer Schicksale bezweckt nichts weniger, als dem Skepticismus und Pessimismus Vorschub zu leisten; in der Thatsache, daß der Schuld naturgemäß die Strafe folgt, ist der beste Beweis, daß die Welt von einem Principe der Gerechtigkeit beherrscht wird. Die Offenbarung dieses Principes -- und ginge sie auch durch Elend und Jammer -- muß für uns unter allen Umständen trostreich sein. Wenn wir das Verhängniß anklagen, welches den Menschen in diesem Leben schuldig werden läßt und ihn dann der Pein übergiebt, +weil sich alle Schuld auf Erden rächt+, so geben wir zu, daß dieses Verhängniß einer größeren Macht, der Gerechtigkeit, unterworfen ist. Daraus folgt, daß wir der Zuversicht sein dürfen, die größere Macht werde endlich siegen, und uns -- indem wir sie erkennen -- Kraft verleihen, die Dämonen zu besiegen, bevor sie uns schuldig werden lassen.

Sollte sich in dem nachstehenden zweiten Theile dieses Buches eine Erzählung finden, in welcher der tückische Zufall mehr als die Gerechtigkeit, das Traurige mehr als das Tragische vorzuherrschen scheint, so wird in derselben auch die Wendung zum Frohen und zum Frieden nicht vermißt werden. Ein Leid, welches +vor+ der Schuld kommt, nennen wir Prüfung und ist -- wird sie mit einer gewissen sittlichen Kraft ertragen -- eben so heilsam, als im Falle der Schuld die Sühne.

Muthwillig habe ich keinen von den Handelnden dieser Erzählungen in den Abgrund gestürzt; sollte es aber doch +nicht+ sein, daß ich darin nach dem Vorbilde eines allmächtigen Gottes gehandelt habe, so möge ein solcher nach dem meinen handeln.

Der Verfasser.

Ein Weg zur Schuld.

Beim Wiesenwirth am Zechtisch kauern zwei Männer und schnarchen. Man sieht von ihnen nur die struppigen Häupter, das eine röthlich behaart, das andere grau. Die Gesichter sind in die Aermel gepreßt. In den halbgeleerten Weingläsern, die davor auf dem Tische stehen, schwimmen ein paar ertrunkene Fliegen.

Bei einem andern Tisch, der am Ofen steht und der eigentlich eine Bettstatt ist, welche des Tages mit einer Holzdecke überschlagen eine Gasttafel bildet, sitzt ein junger Mann, der bäuerliche Kleider trägt, sonst aber recht städtisch aussieht. Er hat die Haare glatt nach rückwärts gefettet, und zwar so, daß sie in der Mitte den schneeweißen Scheitel bilden, und er trägt etwas feingekämmten Backenbart. Er scheint zu der neuzeitlichen Secte der Touristen zu gehören, welche auf allen hohen Bergen herumklettern und alle hübschen Landmädchen beunruhigen. Der junge Mann beim Wiesenwirth hat auch schon eines. Es ist die schöne Wirthstochter, die Walpa, die feurige Augen hat und jenes reiche, rothbraune Haar, das nur auf den Häuptern der Heißblütigsten und Begehrsamsten wächst.

Als die Walpa dem jungen Touristen das Weinglas vorgesetzt, hat er ihre Fingerchen erhascht, hat sie hierauf an der Hand gefaßt und weiß an ihren nackten runden Armen immer weiter hinanzutasten. Beim Grübchen des Ellbogens angelangt, jagt er ihr einen Schrei aus, denn sie ist „bremselig“. Die beiden Schläfer schlafen behaglich weiter.

Des kecken Städters weiße Hand umspannt des Mädchens Oberarm, so weit das Hemd zurückgeschlagen ist; dann will er sie niederziehen auf seinen Schoß, der heute ja in einer dicken Bockledernen steckt. Das Mädchen sträubt sich eine Weile, dann fügt es sich doch; Walpa ist schon manchem Burschen auf dem Leder gesessen. Manche Gäste haben das gern und zechen dafür um so wackerer, und der Wiesenwirth kann es seiner Tochter nicht oft genug sagen: „Nur fort handsam sein mit den Gästen und unterhaltsam -- man weiß heutzutag, seit die Postwagen aufgehört haben, ohnehin nicht mehr, wie man die Kreuzer in’s Haus bringt.“

Da nun die Walpa auf seinem Schenkel sitzt, schlingt der junge Fremde -- sie kennt ihn gar nicht, er ist das erstemal im Hause -- seinen Arm um ihre Gestalt, beugt sein Haupt so nahe zu ihrem Gesichte, daß sein Athemhauch ihre Wangen bethaut. Dann sagt er leise das Wort: „Aber Du gefallst mir, Mirzel!“ In Steiermark, meint der Tourist, müsse jedes Bauernmädchen Mirzel heißen. Die Walpa dachte, weiß er meinen Namen nicht, so braucht er ihn auch nicht zu wissen. Nun sagte sie: „Will der Herr noch einen Wein?“

„Einen Kuß!“

Wenn Der nicht mehr als ein Seidel trinkt, dachte Walpa, so ist es nicht der Mühe werth, daß ich auf seinem Knie sitz’, und machte sich mit einem entschiedenen Ruck los. Er erhaschte sie und raubte ihr einen Kuß; sie blieb dabei anscheinend kalt, wie eine Marmorsäule. Aber aus ihrem Auge sprühte ein Feuerstrom, vor welchem dem Städter graute. Haß oder Liebe? Er wollte es untersuchen, da traten zur Thüre drei Männer ein.

„Ich komme wieder, mein Kind,“ sagte der junge, hübsche und so freundliche Städter, ihre Hand drückend und ein gutes Trinkgeld reichend, „bleib’ gesund, Mirzel, wir werden noch recht bekannt werden miteinander, Adieu, Schatz!“

Er ging und die Angekommenen traten in Herrschaft.

„Der Wiesenwirth daheim?“ fragte Einer der Dreie.

Das Mädchen deutete auf jenen der Schlummernden, der die grauenden Haare hatte. -- „Was darf ich bringen?“

„Weckt ihn auf!“ gebot einer der Ankömmlinge.

„Wenn die Herren mit meinem Vater was zu schaffen haben,“ sagte die Walpa, „so müssen Sie wohl ein anderesmal kommen. Heut’ ist’s nichts, er ist ganz --“. Sie machte eine Geberde gegen die Stirne, anzeigend, daß der Mann heute nicht zurechnungsfähig wäre.

„Wiesenwirth!“ rief der Mann und legte den Stock auf den Tisch, „die Schätzungscommission ist da!“

Der Wirth pfusterte, hob ein wenig sein roth aufgedunsenes verschlafenes Gesicht, murmelte etwas, dann sank das Haupt wieder auf den Arm nieder.

„Lasset ihn,“ sagte ein Anderer, „wir haben ja Alles schon in dem Protokoll, wir wollen heute nur die Objecte mit Beschlag belegen. -- Du, Mädchen, bist wohl die Tochter. Nimm die Schlüssel und komm mit uns. Auch ein Kerzenlicht brauchen wir.“

Die Walpa wußte schon, was es geschlagen. Die ganze kleine Wirthschaft war verschuldet. Wenn schlechte Zeiten sind, dann mag das Wirthstöchterlein den Gästen auf den Knieen hocken wie es will -- es giebt nichts aus.

Die Gerichtsmänner durchstöberten Kisten und Kästen, Vorrathskammer und Keller, drückten überall das Amtssiegel auf und dann gingen sie ruhig wieder davon.

Da war es öde im Wirthshause, die Walpa saß auf der Ofenbank.

Endlich, als in der Stube die Dämmerung des Abends zu herrschen begann, regte sich der Schläfer mit dem fuchsrothen Haupthaar und verlangte Wein. Es war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, knochig und rauh von Figur. Die Wangen und das Kinn waren glatt rasirt, der rothe Backenbart unter den Ohren und der Schnurrbart standen steif und struppig; die Augen waren grau und tiefliegend und die Knochenwände, die darüber hervorstanden, ließen wohl den eisernen Willen vermuthen, der in diesem Kopfe schlummerte. Im Uebrigen waren die Züge so wie bei anderen Bauersleuten, und doch wieder anders; sie waren abstoßend und doch interessant. Als er seine Augen rieb und das Mädchen erblickte, nahm er eine freundliche Miene an.

Jetzt wachte auch der Graukopf auf und schrie nach Wein.

„Ihr habt zu lang’ geschlafen,“ sagte Walpa, „dieweilen sind Gerichtsleut’ dagewesen und haben Alles verpetschirt.“

„Herr Jesses! Bei den Weinfässern werden sie doch nicht gewesen sein!“

„Freilich, auch bei den Weinfässern.“

„So bring’ einen Holzapfelmost!“ befahl der Wirth.

„Ja,“ sagte das Mädchen, „das Mostfassel haben sie auch verpickt.“

„Himmelherrgottsdirn, so trag einen Branntwein her!“

„Ist Alles verschmiert, Vater, und Ihr denkt nur fort an’s Trinken.“

„Na, so bring’ was zu essen!“

„Ja, zu essen haben wir freilich auch nichts, das Mehlkastel und der Schmalztopf sind versiegelt. Wir sind fertige Bettelleut’.“

Jetzt wurde der Wiesenwirth nüchtern. Zuerst polterte er mit dem Mädchen, daß es Alles habe versiegeln lassen, dann fluchte er über das Gericht, über die Gläubiger und über die ganze Welt; schließlich fragte er, ob ein Strick noch im Hause wäre, er hänge sich auf.

Der Andere, der neben ihm erwacht war, lächelte hämisch und murmelte: „Bist ein verzagter Steffel, Du. Weißt ja, daß Du einen guten Freund hast. Ich bleib’ auch jetzt noch bei meinem Wort, und wenn Du +ja+ sagst, Wirth, so reiß’ ich Dich auf eins zwei aus der Klemm’.“ Er fuhr mit der Hand in den Rock und riß eine bauschige Brusttasche aus dem Sack.

„Was hilft mein Jasagen, Du Tropf, wenn die Dirn nicht will!“

„Wenn die Dirn nicht will -- nachher -- -- ist’s freilich was Anders,“ sagte der Rothhaarige und schob die Geldtasche wieder ein.

Der Wirth war aufgesprungen und hatte seine Tochter bei der Hand gefaßt. „Walpa,“ sagte er, „laß’ noch einmal mit Dir reden. Schau, zweiundzwanzig Jahr bist alt. Schöner wirst nimmer, stolz sein, das tragt’s Dir nicht, ’s selb’ magst mir schon glauben. Jetzt freilich noch hupfen Dir allerlei Mannerleut nach. Die werden Dich bald nicht mehr kennen. Nur zum Zeitvertreib bist ihnen gut, heiraten will Dich eh’ keiner. ’s wird Dich reuen, so viel Du Haar auf dem Kopf hast, wenn Du jetzt beim braven Seizmüller nicht ja sagst.“

Das Mädchen hielt die Schürze vor das Gesicht, und ja sagen vom Herzen, das könnt’ sie halt nimmer.

„Was willst denn anheben?“ fragte sie der Vater. „Vielleicht morgen schon kommen sie und werfen uns aus dem Haus. Du kommst, wenn’s gut geräth, in einen harten Bauerndienst; wirst nichts zu lachen haben dabei. Und Dein alter Vater geht mit dem Bettelsack um.“

Seine Augen waren immer naß und roth unterlaufen, an ihnen war eine Gemüthsbewegung nicht zu merken. Hingegen weinte Walpa bitterlich und der Rothhaarige -- das war ja der Seizmüller -- trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. --

Noch am selben Abend lief die Walpa zu der Nachbarin: „Thorhofbäuerin, ein Stein liegt mir auf...“ Und sie schluchzte.

„Maria und Josef, Walpa, was ist denn geschehen?“

„Weiß mir nimmer zu helfen. Heut’ haben sie uns Alles versiegelt und jetzt soll ich den Seizmüller nehmen.“

„Was sagst?“

„Der Seizmüller giebt das Geld her, wenn ich ihn heirate, und daß sich mein Vater wieder kunnt heraushelfen.“

„Es ist kaum sechs Wochen her, seit er sein erst Weib in den Freithof hat tragen lassen,“ sagte die Thorhofbäuerin.

„Desweg, das gefällt mir schon gar nicht und mich deucht, diesen Menschen heiraten, das kann ich nimmer. Ich hab’ nichts gegen den Seizmüller, aber allweg kommt’s mir vor, das ist für mich nicht der Rechte, und es geht mir halt was zu Sinn. Thorhofbäurin, ich bin schon hell verzagt.“

„Walpa,“ sagte die Bäuerin, „setz’ Dich her und iß mit uns Schmalznocken.“

Dann kam auch der Thorhofbauer herbei, und sagte: „Mit Euch Mädeln ist’s halt ein Kreuz. Ihr wollt’s was, und wißt’s nicht was, und da habt Ihr so allerhand Einbildungen. Ich weiß nicht, warum Du den Seizmüller nicht sollt’st nehmen. Ein braver, fleißiger Mann, der Reichste in der Gegend. Oft eine Andere wär’ zu tausendmal froh über eine solche Heirat, und es ist ja ein Glück, das Euch Gott vom Himmel schickt, jetzt, wo die traurige Sach mit der Pfändung ist. Mit allen Vieren greif zu, Walpa, das kann ich Dir sagen.“

Als sie davon wollte, eilte ihr die Thorhofbäuerin noch bis zur Thür nach und that dort mit leiser Stimme die Frage: „Ja, Walpa, weißt Dir einen Andern?“

„Gar nicht, gar nicht,“ versicherte das Mädchen und hat so ein Geheimniß verschwiegen.

Ungetröstet ging sie heimwärts.

Am andern Tag, als sie zur Messe ging, redete sie mit dem Kirchenvater, dem Erlsberger, was denn der meine.

„Gefreut mich, daß Du meinen Rath verlangst, Dirndl,“ sagte der Erlsberger, „schau, mich geht das Ding nichts an, kann auch nicht sagen, daß ich auf den Seizmüller extra was hielt’; er ist bisweilen ein bissel knopfig; aber ich thät Dir doch rathen, daß Du ihn nimmst. Es wird’s schon thun. Immer eine Ehe, die aus lauter Liebschaft geschlossen wird, ist zuletzt gar nicht glücklich, und immer eine, bei der sich die Zwei anfangs völlig nicht mögen, macht sich nachher recht gut. Das ist halt, wie die Leut’ zusammen geschaffen sind. Eine Einsicht hat er doch auch, der Seizmüller, und wenn er jetzt um Dich anhält, so wird er auch brav auf Dich schauen. Und mußt wissen, Walpa, in solchen Dingen muß man seinen Eltern folgen. ’s ist doch auch was, wenn Du Dir Dein Lebtag lang sagen kannst, Du hast Deinen Vater aus der Noth gerissen, und bei so einem Kind wird der Gottessegen auch nicht ausbleiben.“

„Wenn ich nur ein bissel was verspüren thät,“ meinte die Walpa, „er ist gar so viel herb und wirbt um mich, als wollt’ er -- Gott wird’s mir verzeihen -- einen Mühlesel kaufen. Ist halt ein trauriger Werber, der keine Lieb’ mitbringt.“

„Wesweg will er Dich +denn+, wenn nicht aus Lieb’,“ wendete der Bauer ein, „er könnt’ wohl gewiß Reichere haben, als Du bist -- auf das mußt Du denken, Walpa, und so mußt Dir’s auslegen.“

„Vergelt’s Gott, Erlsberger,“ sagte nach einer Weile die Wirthstochter, „Ihr habt mir leichter gemacht. Ja, ja ’s wird das Beste sein, ich probir’s.“