Feierabende: Lustige und finstere Geschichten

Part 14

Chapter 143,658 wordsPublic domain

So sagte er, der Schuldbrief war nicht abzuleugnen und nun kamen für die Gallbeißerin Tage des wirklichen Schmerzes.

Es wäre unerquicklich, ihre gewaltigen Zornausbrüche wiederzugeben, sie führten auch zu nichts. Die beiden Häuser mit den fünf Stockwerken fielen dem Bäcker zu, der diese Heirat schlau nur veranstaltet hatte, damit sich das Vermögen des Kaminfegers vergrößere und somit er zu seinem Gelde gelange.

Die Welt war von jeher schlecht und ist in Abelsberg und Neubrunn nicht besser, als anderswo. Die Gallbeißerin hat daher zum Schaden auch noch den Spott. Der Erzähler wünscht ihr nichts Schlechtes, sagt aber das: Wem auf dieser Erde das Geld die Hauptsache ist, der findet kein Glück und ist auch keines werth. -- Der Bäckermeister soll’s auch bedenken!

Der Abelsberger Baßgeigenkrieg.

Auf dem sehr finstern Dachboden des Wirthshauses von Ober-Abelsberg, unter anderen staubigen, rostigen und wurmstichigen Ueberbleibseln vergangener Jahrhunderte, ruhte eine alte, braunangestrichene und dennoch wurmstichige Baßgeige. Man wußte nicht, woher sie kam, man wußte nicht ihr Geburtsjahr und an ihrer Wiege war es gewiß nicht gesungen worden, daß sie dereinstmalen auf dem sehr finstern Dachboden des Wirthshauses von Ober-Abelsberg erbärmlich sollte verderben.

Die letzten Jahre her hatte diese Baßgeige zuweilen noch ein Lebenszeichen von sich gegeben. Flatterte eine Fledermaus über sie hin, oder huschte ein ander’ Mäuslein über ihre Saiten, gleich hub sie wie ein geschwätzig Weib an, ihren Lebenslauf zu erzählen und Lieder zu singen aus den schönen Zeiten ihrer Jugend. Später brummte sie nur noch, wenn der Wind im Dache sauste; seitdem ihr aber die Mäuse alle Saiten abgenagt hatten, lag sie klang- und klagelos in Moder und Staub.

Gerade unter diesem öden Dachgeschosse lag der Tanzboden. Wie pfiffen da oft die Pfeifen und geigten die Geigen, daß alle Hunde des Dorfes aus Nervosität anhuben zu winseln und die Trommelfelle der Tänzer hundertfach durchlöchert wurden von den scharfen, nadelspitzigen Tönen. Aber Keiner hatte geahnt, wie nahe das Mittel war, das mit einem wohlwollenden Gebrumme die Mißstimmung ausglich.

Die lieben possirlichen Rothschwänzchen nisten nicht ungern in altem Gerümpel und so ist unter dem Geschlecht dieser Vögelchen auch ein musikalisches Paar gewesen, das sich in unsere still verlassene Baßgeige eingenistet hat. Dieser Umstand lenkte die Aufmerksamkeit des kleinen Wirths-Friedl -- der ein passionirter Vogelfreund war -- auf das alte Instrument, so im Dachgeschoß des Hauses ruhte; und eines Tages hub der Junge mit dem Ding ein Staubaufwirbeln und Herumzerren an und störte den Hausfrieden der Rothschwänzchen, und nicht lange hernach kollerte er mit der Baßgeige zur Bodenstiege herab.

Die Geige war den Abelsbergern wie vom Himmel gefallen und es kam der Tischler und leimte die Sprünge und Löcher zu, und es kam der Schulmeister mit der großmächtigen Brille und zog Saiten auf, und als der Abelsberger Jahrmarkt kam, siehe, da brummte im Vereine mit den Pfeifen und Gesängen das altehrwürdige Instrument dem Kirchenpatron seine Verehrung. Es war ein wiedererwachtes Leben -- es war eine große ungetheilte Freude in Ober-Abelsberg.

Und wie es an so Jahrmärkten schon ist, nach dem Gottesdienst ging Alles in’s Wirthshaus und auf den Tanzboden; da blieb die Baßgeige nicht zurück. Bringt es schon der Herr Pfarrer zuweg, daß er Vormittag den Wein aus dem Kelch trinkt und Nachmittag aus dem Maßhumpen, so weiß es auch eine altehrwürdige Baßgeige einzurichten, daß sie Vormittags Kirchenlieder jodelt und Nachmittags Ländler und Walzer. Und wenn sie schon Vormittags in Ehrfurcht ihren Bauch eingezogen hatte, so ließ sie nun im Wirthshaus manchen Juchton über den Sattel springen, daß schon all’ die Röcke flogen und die Hosen flatterten. Dem Pfarrer selbst ging’s an die Kutte.

Und so war es nun jahrelang gewesen, daß die Baßgeige den Kirchenchor und den Tanzboden versorgt hatte, bis einmal bei einer mächtig lustigen Hochzeit die heißblütige Braut vom Tanzen zum Umfallen erschöpft, hin auf die Baßgeige sank und ihr den Bauch einsaß. Da hat die Geige wohl gottsrechtschaffen gebrummt.

Aber das war ihr letztes Brummen gewesen für lange Zeit. Erst nach Jahren war es wieder, daß die Ober-Abelsberger sagten: „Wir haben ja keinen Baß nicht, wir müssen der Alten den Bauch flicken lassen.“ Hierauf kam wieder der Tischler mit dem Leim und der Schulmeister mit den Saiten und mit dem Fiedelbogen, und da hing dieser Einen wegen der Himmel über Abelsberg voller Geigen.

Nun kam aber eine Zeit über die Welt, die groß und vielbedeutend geheißen wird von hellgeistigen Männern, die aber nichtsdestoweniger manches Dorf zu einer wahren Narrengemeinde gemacht hat. Wenn es früher in so einem Orte gutmüthige Bauern und ehrsame Handwerker und ein paar bärbeißige Amtmänner und ein paar wohlgenährte Priester und ein paar zaunmarterdürre Kirchendiener und Betschwestern gegeben hat, so trotteten jetzt nur mehr „Liberale“ und „Klerikale“ über die Dorfgasse. Es gab keine anderen Leute mehr, und wenn z. B. die „Liberalen“ männlich und die „Klerikalen“ weiblich gewesen wären, so wäre die Sache bigott leicht geschlichtet gewesen; so aber bestand eine Kluft zwischen Freund und Freund, zwischen Gevatter und Gevatterin, zwischen Vater und Sohn, zwischen Gatten und Gattin, zwischen Pfarrer und Amtmann, und was sehr vielsagend ist, zwischen Kirche und Wirthshaus.

Man hätte meinen sollen, die altehrwürdige Baßgeige, als ein beiden Theilen und Allen gemeinsames Gut, wäre hier das versöhnende Moment gewesen; ~au contraire~, wie die Gebildeten von Abelsberg sagen, die Geige wurde der Gegenstand eines hitzigen, tiefgreifenden Krieges. Der Schulmeister spielte auf dem Chore mit dem Fiedelbogen nicht mehr. Da schickte der neue Regenschori -- der nicht blos unter der Fahne der „Klerikalen“ stand, sondern sogar der Fahnenträger selbst war -- in das Wirthshaus, um die Baßgeige von ihrem Aufbewahrungsorte zu holen. Aber da hub der Wirth statt der Baßgeige zu brummen an: die Geige gehöre den Liberalen; der Tischler habe einstmalen daran geleimt und der Tischler sei liberal; der Schulmeister habe die Saiten aufgezogen und der Schulmeister sei jetzt liberal; im Wirthshause, wo sie aufgefunden worden, sei ihr Hort gewesen und das Wirthshaus sei -- man sehe es ja doch an der aufliegenden Zimmermann’schen „Freiheit“ -- liberal. Maßen sei die Baßgeige liberal mitsammt dem Fiedelbogen.

Auf das hin brauchte sich der Pfarrer für den nächsten Sonntag keine Predigt aus dem Evangelienbuch zu citiren. Die Baßgeige war der Gegenstand seiner Betrachtung. Mit einer heiteren Pointe hub der Mann an: Vor Jahren, da die Baßgeige aufgefunden worden, habe Alles gesagt, die Baßgeige sei den Ober-Abelsbergern vom Himmel gefallen. -- Demzufolge sei sie klerikal. In der Kirche habe sie zum erstenmal getönt. Der Schulmeister habe sie in Kirche und Wirthshaus gespielt, und der Schulmeister war dazumal klerikal. Und wenn noch die Braut erinnerlich wäre, die einstmalen der Geige den Bauch eingesessen habe, so sei darauf zu bemerken, die Braut sei heutzutage die Frau des Kirchendieners. Und wenn er -- der Pfarrer -- endlich behaupte, das Instrument sei seinerzeit für die Kirche angeschafft worden, so werde Keiner sein im Orte, der das Gegentheil beweisen könne, und die Baßgeige sei somit klerikal und gehöre ein- für allemal den Klerikalen.

Die Gründe des Herrn Pfarrers waren drastisch, nur schade, daß kein einziger Liberaler in der Predigt war. Die Liberalen saßen im Wirthshause und sangen kecke Trinklieder und die Geige gab den Baß dazu. Da dachte sich eines Abends der Herr Caplan: Wozu so lang’ mit Worten fechten, so laßt uns endlich Thaten seh’n! -- und schlich durch Nacht und Nebel in das Wirthshaus und entführte die Baßgeige in den Pfarrhof.

Von nun an bekam die Sache einen rasch handelnden Gang. Die Liberalen gingen auf’s Bezirksgericht und strengten eine Klage an, gegen den Pfarrer wegen Aneignung unrechtmäßigen Gutes. -- „Albernheiten!“ sagte das Bezirksgericht, „so einer alten Baßgeige wegen kommt eine ganze Gemeinde in Harnisch. Geht heim und versöhnt Euch friedlich.“ Und die Liberalen gingen heim und trugen die Baßgeige zurück in das Wirthshaus.

Hierauf gingen die Klerikalen zum Dechant und beklagten sich wegen räuberischer Eingriffe in ihr Besitzthum. Der Dechant sagte, sie sollten nur nicht nachgeben, sollten zum Bischof gehen, einstweilen aber die Baßgeige wieder in den Pfarrhof zurücktransportiren. Sofort verschwand die Geige wieder aus dem Wirthshaus. Da gingen denn die Liberalen zum Landesgericht. „Geht, schert Euch nicht,“ sagte das Landesgericht, „verschenkt den Scherben!“ -- „Aber es handelt sich nicht mehr um die Baßgeige, es handelt sich um das Recht, um die Ehre!“ sagten die Ober-Abelsberger. Aber das Landesgericht wies sie ab. So waren sie auf Selbsthilfe angewiesen; sie stürmten den Pfarrhof und eroberten die Baßgeige wieder zurück in das Wirthshaus.

Nun begaben sich die Klerikalen zähneknirschend zum Bischof. „Ja, meine Lieben,“ sagte der Bischof, „nur standhaft sein. Haben sie nur erst die Baßgeige, so nehmen sie Euch auch die Orgel, und haben sie diese, gehört auch das Chor ihnen und sie rauben Euch zuletzt die Kirche mitsammt dem Thurm. Ich allerdings kann nichts für die Sache thun, aber steht nur männlich selbst dafür ein.“ Männlich selbst dafür einstehen, das hieß: die Baßgeige aus dem Hinterthürchen des Wirthshauses wieder in den Pfarrhof schleppen.

So geschah es. Da machten sich die Liberalen auf und begaben sich mit schwarzen Röcken und weißen Cravaten -- weiß Gott! -- zum obersten Gerichtshof. Der wußte schon von der Geigengeschichte und ließ die Leutchen gar nicht vor. Jetzt kam es auf nichts Geringeres an, als des Pfarrers Kuhmagd zu bestechen, daß diese die Köchin besteche und ihr den Schlüssel zur Rumpelkammer entlocke.

Und nach wenigen Tagen, als der Pfarrer und der Caplan brevierbetend am Wirthshause vorübergingen, hörten sie d’rin johlen und tanzen und die wohlbekannte Stimme der Baßgeige.

Jetzt luden sie alle Parteigenossen zu einer Versammlung ein und beteten zum heiligen Geist um Erleuchtung. Und als sie gebetet hatten zum heiligen Geist um Erleuchtung, da hielten sie Rath und beschlossen einstimmig, eine Deputation zum heiligen Vater zu senden, auf daß durch des Statthalters Christi Wink die Baßgeige der Kirche erhalten bleibe.

Die Liberalen hielten auch eine Versammlung und stärkten sich dazu mit dem edlen Saft der Gerste. Und als sie sich gestärkt hatten mit dem edlen Saft der Gerste, da hielten sie Rath und beschlossen: Gehen die zum Papst, so gehen wir zum Kaiser!

Nach wenigen Wochen zogen zwei Deputationen von hinnen, die eine gen Rom, die andere gen Wien.

Die alte arme Baßgeige aber lehnte in einem einsamen Winkel des Wirthshauses, und -- war tief verstimmt über den närrischen Hader, dessen unschuldige Ursache sie war, und der entzweiend und zersetzend selbst in die Familien eindrang und den Wohlstand der Gemeinde ernstlich gefährdete. -- „Ach,“ so seufzte sie oft, „wäre ich wieder oben unter dem Dache und nisteten in mir wieder die friedlichen Vögelein -- wie wäre mir wohl!“

Zur selbigen Zeit war es, daß ein Zigeunerschwarm durch das Dorf kam und bettelte und stahl, und den lustigen Bauern Musik machte im Wirthshaus. Ein alter Zigeuner war dabei, der hatte mehr Runzeln im Gesicht, als er all’ sein Lebtag schon Stuhlrichterprügel bekommen haben mochte, aber kohlschwarze Augen und einen kohlschwarzen Bart. Der sah die Baßgeige lehnen im Winkel und hub sie an zu streichen. Da horchten die Ober-Abelsberger auf -- jetzt erst hörten sie, wie eine Baßgeige klingt! Jetzt erst nickten sie die Köpfe und lispelten: „Ist nicht ohne, der Ober-Abelsberger Geigenkrieg!“ Das Blut wurde ihnen heiß bei der absonderlichen Musik, zu tanzen huben sie an, die Männer und Weiber, die Liberalen und Klerikalen, Alles durcheinander -- toll zu tanzen huben sie an. Der alte Zigeuner spielte und schmunzelnd ließ er seine dürren Finger über die Saiten der alten Geige zucken und der Fiedelbogen spritzte süßgiftige Töne aus. Ganz schauderhaft wurde in derselben Nacht getanzt und getrunken und ehe noch der Morgen graute, lagen die Ober-Abelsberger unter Tischen und Bänken und in den Winkeln herum -- Männer und Weiber, Liberale und Klerikale -- Alles durcheinander.

Die Zigeunerbande aber war in Nacht und Wind davongezogen, und -- was der Papst und der Kaiser auch gesagt haben mögen -- die altehrwürdige Baßgeige ist von derselbigen Nacht an nicht mehr gesehen worden in Ober-Abelsberg.

Wie Abelsberg bekehrt worden ist.

Sie ist ja allbekannt, die Predigt von Pater Abraham a Santa Clara, in welcher er von der Sünderin Magdalena sprach. „Und auch unter meinen Zuhörern sitzt eine solche Magdalena! Wollt Ihr’s wissen, welche? Dort! Paßt auf, ich werfe dieses mein Buch nach dem Haupte der Sünderin!“ Er hob zum Wurfe aus; alle weiblichen Zuhörer, +alle+ duckten die Köpfe. -- „Was?“ rief der Prediger, „ich hab’ geglaubt, es wäre nur Eine dabei!“

Und ein andermal: „Die Jungfrauen der Wienerstadt all’: auf einem Schubkarren getraue ich mir sie hinauszufahren!“ Das war denn doch etwas zu viel für die hohen Herrschaften der kaiserlichen Residenz. Der Pater wurde aufgefordert, sein Wort öffentlich zu widerrufen. „Ich widerrufe gar nichts,“ sagte er bei seiner nächsten Predigt, „wie gesagt, auf einem Schubkarren! Ich hab’ ja nicht angegeben, wie oftmals ich fahren will!“

Der gute Pater Abraham freilich, der konnte es thun und konnte stets entschlüpfen, wie es nicht Jeder kann, der es will.

Auch der Herr Seelsorger von Ober-Abelsberg wollte ein Pater Abraham sein, denn Abelsberg war Euch mitunter schon gar ein liederlich Nest. -- „Bei uns dahier,“ rief er in einer seiner Predigten, „bei uns dahier liegen die Junggesellen und Jungfrauen alle noch in der Wiegen! Auf allen Gassen und Straßen, beim Aufstehen und Wirthshausgehen, bei der Arbeit und bei der Schüssel, beim Rosenkranz bis zum Amen sind Männlein und Weiblein beisammen. Ein wildes Ehebett ist die ganze Gemein’, na, da möcht’ der Teufel Euer Pfarrer sein!“

Reckten sich bei dieser Predigt in den Kirchenstühlen einige Köpfe höher. Der Richter macht schon den Mund auf. -- „Ah na,“ denkt er, „in der Kirch’ heb’ ich keinen Unfried an,“ und duckt wieder zusammen und läßt das Hochgewitter von der Kanzel ruhig über sich ergehen und murmelt: „Schrei’ Du nur zu da oben und hau’ die Faust nur rechtschaffen in die Kanzel ’nein: morgen wirst heiser sein.“

Und als der Seelsorger oben besagtermaßen genugsamlich Scheiter in die Hölle getragen hatte, zündete er den Haufen an, will sagen: machte seinen Zuhörern durch eine schauderliche Darstellung des ewigen Feuers die Hölle heiß. Ein ordentlicher Schwefelgeruch war in der Kirche schon zu verspüren, manches alte Männlein vergoß Angstschweiß und manches alte Weiblein zog seine Beine ein, weil es an den Zehen schon die ewigen Flammen zu spüren vermeinte. Und das junge Volk, dem zu Ehren die Predigt eigentlich gehalten wurde, in die Fäuste kicherte es hinein und unter den Bänken trat es sich einander mit den Schuhspitzen.

Der Herr Pfarrer hatte sich für den selbigen Mittag einen prächtigen Appetit herausgepredigt. Und -- ganz wie der Richter berechnet hatte -- am andern Tag war der Herr Pfarrer so heiser, als wäre seine Luftröhre über und über mit Bärenpelz ausgefüttert.

Wurde an diesen Tagen einmal ganz besonders höflich an die Thür geklopft. -- „Sicherlich wieder so eine verdächtige Kindstauf’!“ murmelt der Pfarrer und reißt, weil er zu einem derben „Wer ist’s?“ keine Stimme hat, die Thür auf. Wird aber sofort gelassener, als er im Vorhause eine große Zahl von Männern aus seiner Gemeinde erblickt. Alle haben, wie der Herr Pfarrer erschienen, die Hüte eilig vom Kopf gerissen, sind sich mit der flachen Hand mehrmals über das Haupt gefahren, um die allweg widerspenstigen Locken zu glätten; treten hierauf in’s Zimmer und der Aeltesten Einer hebt an so zu reden:

„Wir haben schon die Grobheit, Hochwürden, daß wir gleich so uneben in’s Haus hereinkrachen. Küssen die Hand! -- Und was wir halt sagen wollten --“

„Setzt Euch, liebe Leute, so viel Sessel zur Verfügung stehen,“ lud der Pfarrer leutselig ein.

„Bedanken uns; mögen schon auch stehen. Und daß wir gleich g’radweg reden -- der Sonntagspredigt wegen thäten wir halt da sein. Gottswahrhaftig, Hochwürden, das ist ’mal ein wahres Wort gewesen, so recht ein Pfarrherrnwort; sakra ’nein das hat uns an’griffen. -- ’s ist wohl richtig, unsere Gemein’ ist hundsschlecht über und über, ’muß eine Veränderung nehmen -- wohl, wohl, Hochwürden!“

Der Pfarrer lächelte wehmüthig und flüsterte salbungsvoll: „Gott walt’s!“

„Das ist gewiß!“ sagte der Sprecher, „und wir Männer sind zusamm’gestanden und haben gesagt: Und wollt’ sich Einer schon vor der Höllen nicht scheuen, so kunnt’s doch ’leicht zeitlich einen schlechten Schick haben. Wissen uns eh schon nicht mehr aus mit den ledigen Kindern, die der Gemein’ heut’ in der Schüssel liegen und in Alterstagen wieder in der Schüssel liegen werden. Und ein Spott ist’s auch. Desweg, ’s muß eine Veränderung nehmen. -- Jetzt, was mich angeht, mich selber, wie ich dasteh’, ich verbleib’ wie ich bin; thät’s nit mehr im Stand sein, daß ich in meinen alten Tagen noch ein’ Unehr’ wollt’ aufheben. -- Und so“ -- er wendete sich zu seinen Mitmännern -- „redet jetzt Ihr Eure Sach’.“

Ein stämmiger Bursch trat hervor: „Ich dank’ mein Mädel ab, muß eh zu den Soldaten.“

Ein rothbärtiger Geselle: „Mein’ Dirn, die lass’ ich nit! Aber die Gemein’, die duldet uns nit und wir wandern aus.“

Ein behäbiger Bauer stellte sich vor den Pfarrer: „Ich heirat’ die Meine gleich auf der Stell’!“ und trat zurück.

Ein Anderer: „Thät’ meinen Schatz auch heiraten; kriegen aber nicht die Erlaubniß dazu; untreu werden will ich nicht, jetzt, was fang’ ich an?“

„Wie der Will’,“ belehrte der Seelsorger, „mußt sie aufgeben, die schlechte Bekanntschaft, mußt schön in Ehrsamkeit leben.“

„Werd’s halt einmal probiren,“ versetzte der Andere und trat zurück.

Ein schwarzer und wildnarbiger Kohlenbrenner schritt herfür:

„Rechtschaffen bedanken muß ich mich für die scharf’ Predigt, hätt’ sie eh schon lang’ gern verjagt, meine Liebste; glaubt Ihr, es wär’ gegangen, das Biest? Jetzt aber kann ich ihr bei; dem hochwürdigen Herrn seine Sonntagspredigt halt’ ich ihr vor -- da läuft sie zuweitest davon.“

Ein Holzhauer sagte: „Ganz lassen werd’ ich halt meine Kathel nicht können; ’s ist ein blutarm’ Ding; daß ich ihr des Sonntags ein Seidel zahl’, beim Kirchenwirth, ich sag’, ’s selb kann mir die christlich’ Nächstenlieb’ nit wehren.“

„Gewiß nicht,“ antwortete der Pfarrer, „wenn’s beim Seidel nur auch bleibt!“

„Und wär’s letztlich eine Halbe, weil ich auch mittrink’?“

„Ja, ja, aus der Halben wird eine Ganze!“ rief der Pfarrer, „bete mein Sohn, nach des Herrn Wort: Führ’ uns nicht in Versuchung!“

„Wohl, wohl,“ sagte der Holzhauer, „will schon fleißig beten.“

Ein Bauernknecht schlich heran, walkte den Hut mit beiden Händen und flüsterte: „Wenn’s d’rauf ankommt, Hochwürden, so brauch’ ich gar Keine, aber zum Waschen und Flicken muß Einer wen haben. Und halt auch, daß Einer, der kein’ Vater und kein’ Mutter und kein’ Geschwister nit hat, daß er immereinmal doch gern ein Eichtel plaudern wollt’ mit einem Menschen und gern wen mögen wollt’, der ihn ein bissel lieb thät haben.“

Ein alter Bartstrupp humpelte vor: „Und ich auch, Hochwürden, möcht’ mich halt bessern. Meine Liebschaft ist auch nichts nutz.“

„Ihr seid ja verheiratet,“ sagte der Pfarrer.

„Das wohl, aber meine Alte, die ist Euch häßlich wie die Nacht und bös wie eine wilde Katz’, und Branntwein saufen thut sie wie ein Loch und fluchen thut sie wie ein Husar. Mit so Einer zu leben, das wird sicherlich eine Todsünd sein.“

„Geht mir weg, Ihr seid ein Lästerer!“ rief der Seelsorger.

Torkelte der Alte gegen die Thüre.

Ein Anderer trat hervor: „Ich hab’ Zwei, aber ich bring’ sie nit weg, ehvor ich sie nicht bezahlt hab’, was ihnen gebührt. Aber...“ weil der Pfarrer eine gar finstere Miene machte, „ich nehm ’s Geld schon zu leih’n.“

„Ich hab’ meiner Tag keine Weibsleut mögen!“ krähte ein gelbes Runzelgesicht aus der Menge hervor, „aber weil ich jetzt hör’, daß die Sach’ gar so groß Sünd’ ist, so kunnt Eins schier neugierig werden.“

„Na, na, unser Herr Pfarrer hat Recht, es muß eine Veränderung geschehen,“ sagten Mehrere.

„Ist brav, ist brav,“ versetzte der Seelsorger und reichte ihnen die Hände, „und das ist mir der schönste Tag in meinem Seelsorgerleben. Wie werde ich glücklich sein, einst mit meiner lieben Gemeinde im Unschulds- oder Bußkleide vor Gottes Thron erscheinen zu können!“

Einige wollten sich schon zum Gehen wenden, da trat der erste Sprecher noch einmal hervor und sagte mit fast schüchterner Höflichkeit:

„Hätten wir halt zuletzt eine recht schöne Bitt’, hochwürdiger Herr Pfarrer.“

„Nur frisch damit heraus, liebe Kinder, wenn’s in meiner Macht steht, von Herzen gern.“

„’s ist halt der Gemeinde wegen,“ fuhr der Redner beklommen fort, „und daß mit Gottes Hilf’ ein anderer Geist in die Leut’ thät kommen. Daheim im Pfarrhof, selb wollen wir nicht reden, selb ist der Herr Pfarrer sein eigener Herr, aber halt auf der Gasse und beim Spaziergang im Wald, so beim Predigtstudiren -- da thäten wir halt wohl schön bitten, daß der hochwürdige Herr Pfarrer die Frau Haushälterin nit wollt’ mitnehmen.“

Hab’ früher zu sagen vergessen, daß der Pfarrer von Ober-Abelsberg ein leidenschaftlicher Schnupfer war; er zog jetzt die Dose hervor und nahm drei, vier Prisen hart hintereinander und bot hierauf Jedem die offene Dose hin. Und Jeder tunkte höflich seine Finger ein und schnupfte und jetzt brach ein Niesen los von allen Seiten. „Helf Gott! Helf Gott!“ riefen sie einander zu. Und der Pfarrer sagte: „Helf’ uns Gott Allen miteinander!“

Eine Abelsberger Katze.

Im Pfarrhofe zu Abelsberg bei Tische saßen immer ihrer Drei. Der Pfarrer, die Katze und der Caplan. Besteck hatte die Katze keines. Ja, hätt’ ich ihre scharfen Zähnchen, wollt’ nicht fragen nach Messer und Gabel, und ihr zartes, langes Zünglein ist brauchbarer als wie der feinste Silberlöffel. Am liebsten saß sie dem Pfarrer auf dem Schoß, wo der Talar stets ein rechtes Grüblein machte; saß nicht ungern auf dem Tisch, am Rande des Tellers; bekostete zuweilen auch die gemeinsame Schüssel, ob wohl in Salz und Schmalz das richtige Verhältniß obwalte, wie es die geistlichen Herren am liebsten hätten. Und war dieses richtige Verhältniß da, so aß sie sich für’s Erste selbst ohne alle Umstände satt.

Der Pfarrer hatte seinen rechten Spaß mit dem possirlichen Wesen, ja hing mit Freundschaft an demselben und schob ihm nicht die schlechtesten Bissen zu, gar mitunter solche, auf die bereits schon der Caplan ein Auge geworfen hatte.

Nach einer Weile ereignete es sich, daß der Pfarrer auf einige Zeit verreiste. Der Caplan hatte mittlerweile Gemeinde- und Hauswesen zu verwalten -- that’s auch mit Umsicht und Gewissenhaftigkeit. Aber Eins wollte er dieweilen vollführen; gegen den Liebling des Pfarrers, der keine Messe las, keine Predigt hielt und keine Sünden vergab und im Pfarrhofe doch mindestens so gut, wenn nicht besser gehalten wurde, als der Caplan -- gegen die Katze schmiedete er Ränke. Aber ihm waren die Hände gebunden -- wenn der Herr nach Hause kommt, wird sein erster Blick in den Bettwinkel sein, wo der Liebling seine Wohnstatt hat.