Feierabende: Lustige und finstere Geschichten

Part 13

Chapter 133,798 wordsPublic domain

Mein Esel warf ihm einen dankbaren Blick zu.

Wir ritten zwischen berankten Gartenmauern hin und durch ein Wäldchen von Obstbäumen und an Weingärten entlang. Der Morgen graute und die schwarze Masse des Berges vor uns stach deutlicher von dem Himmel ab. Wir bogen nördlich und sahen hinaus über das Meer, auf welchem in der Dämmerung wie vor der Schöpfung Nebel und Wasser noch nicht gesondert schien. Da kamen wir über braune, schrollige Lavaströme -- hier stieg mein Thomas zum erstenmale ab, befühlte den rauhen, schründigen Boden und schüttelte den Kopf.

„Wie könnten das schön fruchtbare Auen sein,“ sagte ich, „aber der Vesuv!“

„Ueberhaupt,“ entgegnete mein Landsmann, „das italienisch Land ist nicht das, was der Leut’ Reden daraus macht. Was, südlicher Himmel! Der ist auf unseren Bergen just so blau und rein! Die Sonne hier scheint gar nicht heller, aber heißer wie daheim, und das -- halt, Eselein, schmeiß mich nicht ab! ’s ist aber auch ein verdrumpfter Weg in diesem italienischen Paradies, ’s giebt überall so viel Steine, wie bei uns daheim, und Heiden und Sümpfe und Nebel. Wein wär’ schon recht, wenn er nicht warm wär’; die Feigen wären süß, wenn man sich damit nicht den Magen verderben thät. Und sonst auch, im Brot ist kein Salz, in der Suppe kein Schmalz, und Knödel ist schon gar keins zu sehen. Jetzt, frag’ ich, was ist das für ein Land?“

Mein Thomas war bei diesen Worten so böse geworden, daß er seinem Esel Eins in die Weichen gab.

„Und doch,“ versetzte ich seiner Rede, „soll Italien das Wunderland sein, wo ein offenes Herz und ein offener Sinn auch das schönste Ideal durch eine noch schönere Wirklichkeit übertroffen findet.“

In diesem Augenblick strauchelte mein Esel, daß ich schier über die Lavaschollen gepurzelt wäre, und das Gespräch war unterbrochen.

Es war licht geworden, unten reihten sich Städte an Ruinen, Landhäuser an Mauertrümmer, Gärten an Schuttlehnen. Das Meer lag in matter Bläue, dort und da ein weißes Segel, wie ein vom Himmel gefallenes Sternchen. Ueber Neapel zog sich ein Nebelstreifen weit hinaus auf die hohe See.

Als wir zur Einsiedelei kamen, hätte mein Thomas für sein Leben gern den Einsiedler gesehen. Aber der Gute hatte sich wahrscheinlich des Abends zuvor zu lange kasteit, und so ruhte er nun noch in den Fed--, das heißt auf der härenen Decke.

Im Wirthshause des Observatoriums angelangt, genossen wir Wein und Trauben und unser Führer erzählte uns von den Zerstörungen, welche der letzte Ausbruch des Vesuv in der Umgegend angerichtet hatte. Unter den zahlreichen Verunglückten war auch sein Bruder, welcher auf der Wallfahrt nach St. Giuseppe von dem Unheil erreicht wurde.

„Und Vieher sind doch keine zu Grunde gegangen?“ fragte Treibaus theilnehmend. Zum Glücke hatte ihn der Bursche nicht verstanden.

Die Esel ließen wir beim Observatorium. Der Führer begann seine mitgetragenen Stricke in Bereitschaft zu halten, und es kam eine äußerst schwierige Fußwanderung den Kegel hinan. Glatt und schroffig und schründig ist die Lava, und dann wieder wollen die Füße versinken in schwarzen Aschenstaub. Wir waren auf der Nordwestseite, folglich im Schatten, obwohl die ganze herrliche Gegend unten lange schon im reinen Sonnenlichte lag. Der Himmel war tiefblau, aber je näher wir der Höhe kamen, desto mehr umhüllte ihn eine dunstige, röthliche Atmosphäre und wir rochen Schwefel. Wir sahen, wie der Rauch da oben emporqualmte, wie er immer röther und glühender wurde, und wie -- „Jesus Maria!“ rief Thomas, „g’rad’ jetzt hebt er an zu speien!“ und wollte abwärts eilen.

Der Sonnenball stieg empor just über dem Krater durch den wirbelnden Rauch, roth und sprühend, wie ein Klumpen Gluth. Der Führer drängte, half uns weiter und bald waren wir zu Rande. Zu Rande an den Kratern, den dampfenden Schründen und Klüften, bunt in hellen Farben, wie Salamander, tief dröhnend zuweilen, grollend, ächzend, wie ein Leidenschaftskampf im Herzen, wie ein böses Gewissen -- der feuerspeiende Berg, der Hölle Thor und Schlot.

Mein erschreckter Blick wendete sich zurück zu dem milden, sonnigen Lächeln der Welt. Nun lag Neapels glitzernder Halbmond in Reinheit da. Rückwärts die grüne, mit Städten und Villen besäete Ebene von Casoria; dann zogen sich hin die milden, sammtähnlichen Höhen von Camaldoli, die schroffen Berge der Inseln Procida und Ischia -- dann die unabsehbare Meeresweite, an Bläue und Klarheit wetteifernd mit dem Himmel. O, das Meer mit seinem zarten Sonnengefunkel in den Wellen, mit dem lieblichen Spiel der winzigen Segel und Masten, mit seinem Horizont, so weit und unerreicht, den nur die Sehnsucht mißt!

Weiter links die dunkeln Berge von Capri und die lichten Felswände von Sorento, und der dämmerige Gebirgszug des Monte Albino, und das liebliche Sarnothal mit der röthlichen Trümmerstätte Pompejis.

Uns gegenüber aber, im Nordosten, ragen in einem wilden Halbkessel die kahlen, todten Wände des eingestürzten Kraters Somma, eine Ruine der Hölle, -- und in weiter Ferne die Höhen des Monte Matese und Vergine.

Mein Landsmann sah durch unser Fernrohr eine Weile unverwandt in die Ebene hinab und machte dabei ein äußerst vergnügtes Gesicht. „Recht weichleibig,“ murmelte er, „ganz semmelfärbig, man meint, es müßt Mürzthaler Race sein!“

Eine Heerde Rinder entzückte ihn.

Ich nahm ihn am Arm und führte ihn unter Leitung des Cicerone in den Wildnissen der Vesuvkrone umher.

Man kann nicht hingehen und hinabgucken in den Krater, wie in eine Krautgrube; Hitze, Schwefeldampf und Rauch drohen den Kühnen zu ersticken. Da dampfende Schründe, heiße Lavaklöße und Schollen; dort hat sich die Erde gespalten und Gluthschein röthet die Wände, aber wuchtige Blöcke sind darüber hingeworfen. Und wer sich darüber hinwagt zum Krater, und Rauch und Dunst lassen ihn einen Blick hinabthun, der prallt bleichen Gesichts zurück und stammelt: „Der Mensch versuche die Götter nicht!“ Schroff stürzen die schwarzen oder buntfarbigen, schründigen Wände nach innen ab und der Trichter theilt sich unter phantastischen Gebilden in mehrere Krater, deren unergründliche Tiefen nicht einmal den Ton zurückgeben von einem Stein, den man in sie schleudert. Freilich ist da unten ein ewiges Dröhnen und Donnern, oft wild, wie das Knurren des Löwen, dann wieder bang und schwer, wie das Röcheln eines Sterbenden.

Aus allen Spalten und Klüften dringt der Rauch. Dort in der Schramme sehe ich gar helle Lava glühen; sehe ich die Essen der Cyklopen und höre ich ihr Pochen auf dem Amboß der Urgefelse? -- Wie tief und gewaltig, Du schrecklicher Hephästos, ist Deine Werkstatt!

Ein mächtiges Donnern -- der Führer riß uns mit großen Schritten zurück. Da zitterte unter uns der Boden und Asche und Steine flogen aus den Schlünden.

„Geht’s weiter, ist das eine schauderhafte Sach’!“ sagte Thomas kleinlaut, „jetzt fahr’ ich gleich wieder ab.“

Doch der Führer hielt ihn zurück, zog ein paar Eier aus der Tasche, legte sie in eine Spalte, und reichte sie uns nach ein paar Minuten hartgesotten als Gabelfrühstück. Das brachte meinem Landsmann wieder das Selbstvertrauen. Eier am Herde des Vesuv gekocht hat man nicht zu jeder Vormittagsjause! Die Schalen that er sorglich in ein Papier und steckte sie in die Tasche -- zum ewigen Andenken.

Bald darauf machten wir die Entdeckung, daß unsere Schuhsohlen verkohlt waren. „Schau, schau,“ sagte Thomas, „das wundert mich, die meinen sind vom Pinzgauerschlag.“ In seinen rothen Regenschirm hatte ein glühendes Aschenstäubchen ein Loch gefressen. „Bravo!“ rief Thomas aus, „auch das ist ein Andenken an den feuerspeienden Berg für meine Kinder und Kindeskinder!“

„Ah,“ entgegnete ich, „das hat mir der Vetter gar nicht erzählt, daß er verheiratet --“

„Je nu, das heißt“ -- er trocknete sich den Schweiß von dem Vollmond -- „na, das ist schon eine barbarische Hitz, da heroben!“ Von seiner Familie weiter keine Rede mehr.

Ich hätte den Führer und meinen guten Landsmann zur Rückkehr schier am liebsten vorausziehen lassen, um mich allein auf einen Lavablock zu setzen und am Brandopferaltar der Natur Gottes Herrlichkeit in stiller Seele zu feiern.

Da kam mein Gefährte: „Na, Sie, versetzen thu’ ich Ihna nit!“ Und noch volksthümlicher: „Hiazt hab’n ma’s g’seh’n, und hiazt geh’n ma hoam.“

Ich glaube, er hat es buchstäblich ausgeführt und ist von Neapel geradewegs in sein Abelsberg gefahren, um dort durch seine Eierschalen und den verbrannten Regenschirm beredtes Zeugniß zu geben von dem „feuerspeienden Berg“ und als kühner Besteiger desselben unvergänglichen Ruhm zu ernten.

[1] So wird im Volksmund der Vesuv genannt.

Das reiche Jahr eines Abelsbergers.

Es hat eine Zeit gegeben, da die Ober-Abelsberger Bauern über alle Maßen gescheit gewesen sind. Dann später kam die Schule, und die hat das gute Volk recht heruntergebracht. Da haben sie die Jahre her so höllisch viel gelernt, daß sie jetzt nachgerade gar nichts mehr wissen.

Oder erkennt es heute in der Sylvesternacht Einer, was für ein Jahr kommen wird? Ich glaube nicht. Die alten Ober-Abelsberger hingegen haben es aus den Zeichen erkannt, denn dazumal hat man an die Zeichen noch geglaubt und weil man daran geglaubt hat, so sind sie auch zugetroffen. Heute geschieht kein Wunder mehr, weil sich die Leute nur darüber lustig machen würden.

Einstmals hat man die Offenbarungen geehrt; und es ist nicht etwa, daß ich den schönen Namen erdichte, er hat wirklich so geheißen, der Eberhard Weisheit. Und hat den Namen verdient, denn er war der weiseste Bauer im Ober-Abelsberger Gau.

Der Eberhard Weisheit hat seiner Väter ehrwürdige Sitten stets geachtet und gehalten, hat in der Christnacht seine Ochsen mit Weihrauch beräuchert, hat hinter den verdächtig aussehenden Bettelleuten Abspülwasser auf den Weg gießen lassen, daß das Gesindel keine böse Macht über sein Haus haben konnte, und so ist er in der Sylvesternacht auch auf den „Kreuzweg“ gegangen, um unter Gebet und frommen Betrachtungen zu ersehen, ob ein armes oder ein reiches Jahr im Anzuge sei.

Es ist arg genug, daß es heutzutage Leser giebt, denen man die Sache des Langen und Breiten erklären soll und noch froh sein muß, wenn sie überhaupt dazu stillhalten.

Wenn man in der Sylvesternacht auf einen Kreuzweg geht, das heißt, auf einen Punkt, wo sich mehrere Wege kreuzen, so kann Einem auf diesem Kreuzwege ein Mann begegnen. Es mag ein weltfremder Mann sein, er mag auch in der Gestalt eines guten Bekannten erscheinen. Man soll ihm nicht ausweichen und soll ihm auch nicht in den Weg treten. Man soll nicht grübeln. Wenn dieser Mann leicht und leer einherschreitet, dann mag man still nach Hause gehen und den Riemen neunmal um’s Geldsäcklein winden, denn es kommt ein schlechtes, armes Jahr. Wenn hingegen der Mann auf dem Kreuzwege unter schwerer Last daher keucht, dann soll man lustig in’s nächste Wirthshaus eilen und sich selbst zur nachtschlafenden Stund was Gutes anthun, wohl auch Anderen was zukommen lassen, denn es wird Alles gut, es wird sehr gut, es kommt ein reiches Jahr.

Also war’s in einer solchen Nacht, daß der Eberhard Weisheit gegen die zwölfte Stunde hinaus auf die Steinheide ging, wo ein Kreuzweg war und wo auch richtig ein hölzernes Kreuz stand, bei dem es nicht selten gespensterte. Es war eine Nacht, in der man nicht gern einen Hund vor die Thür jagte; er war aber kein Hund, er war ein E-- Eberhard Weisheit, und dieses Geschlecht hat sich von jeher nicht viel aus Schnee und Sturm gemacht.

Am Kreuze stand er still und ließ sich einmal recht anstöbern.

Es war, als ob auf jedem Wege, wie sie hier aus allen vier Weltgegenden zusammengingen, ein anderes Wetter heranbrauste und als ob Wind und Kälte und Schnee und Eis gerade den Kreuzweg zu ihrem Turnierplatz gewählt hätten. -- Weichlinge liegen in den Kissen vergraben und morgen, wenn sie aufstehen, sagen sie: Ein neues Jahr -- was wird es bringen? und schauen dumm drein. Der Eberhard wird’s wissen und wird still sein.

Siehe -- dort kommt schon was! -- Ein schwarzer Punkt im Gestöber, langsam bewegt er sich, doch kommt er näher und näher. ’s ist ein schwerfälliges Wesen, ein Mann, ein unter großer Last tief gebeugter Mann. Keuchend wankt er unter einer Masse, die sich schwer um seine Schultern schmiegt, und wankt vorüber.

Der Eberhard Weisheit hatte anfangs ein Kreuz über Gesicht und Brust geschlagen, hatte dann dieser Erscheinung mit Wohlgefallen zugesehen, und nun sie wieder verschwunden war, ging er ziellos im Schnee hin und her und entschied sich endlich für das Bachwirthshaus. Denn dort pflegten Bergknappen von Seewald späte Zecher abzugeben. Als er hinkam, sah er vor dem Hause am Troge, wo die Fuhrleute ihre Pferde zu füttern pflegten, den Mann vom Kreuzweg stehen und seine Last auf den Trog stützen. Der Eberhard Weisheit trat in die Stube.

„Noch spät auf?“ sagte der Wirth.

„Schon früh auf!“ antwortete der Eberhard.

„So wünsch’ ich glückselig Neujahr!“

„Hat sich schon angemeldet. Bring’ mir eine Maß auf einmal, Wirth, und da draußen vor dem Haus rastet Einer, dem schick auch einen Krug voll hinaus. Er hat’s wohl verdient, und ich bin der Zahler.“

Wenn er der Zahler ist, so wird er an seinem Tisch nicht allein sitzen bleiben müssen. Lustig geht’s her und draußen trinkt Einer den Krug aus und denkt: Das neue Jahr hebt nicht schlecht an, der Wein hat mich wieder rechtschaffen stark gemacht und jetzt, meine liebe Sau, jetzt gehen wir’s wieder an.

Lud frisch auf und hastete weiter.

Am nächsten Morgen, als der Eberhard Weisheit endlich nach Hause kam, trat ihm nichts Erfreuliches entgegen. Die Knechte stöberten in der Umgebung des Hauses herum und suchten im Schnee nach Spuren; die Hausmutter weinte, und schrie: „Meine Alte! ’s ist noch keine so feist gewesen, seit ich im Haus bin, und just die muß er mir holen. Aber wart’, wart’, Dieb, wenn ich Dich unter die Finger krieg’! Ich will Dir sagen, was im Weisheithof eine Sau kostet.“

Da fragte der Eberhard etwas befangen und unsicher, was denn los sei?

„Ja!“ rief das Weib, „mit Dir habe ich auch was zu reden! Was hast Du in den Nächten außer Haus herumzustromern? Aus dem Wirthshaus kommst, merk’ ich! So! da hast einen Denkzettel dafür! Und jetzt laß Dir sagen, daß sie uns heut’ über Nacht die beste Sau im Stall gestochen und fortgeschleppt haben. Die Spur geht über die Steinheide gegen den Kreuzweg und weiter hin hat sie der Schnee verweht. Was willst jetzt, wenn der Fasching kommt, für ein Fleisch essen, möcht’ ich wissen! Wo wirst den Speck nehmen! Na, ich sag’s: das neue Jahr hebt schön an!“

Jetzt hat der Eberhard sich einen schlichten, zweisilbigen Namen gegeben, hat sich vor die Stirne geschlagen und hat weiter kein Wort mehr gesprochen. Es ist dazumal nicht laut geworden, daß der Eberhard Weisheit in jener Sylvesternacht am Kreuzwege seinen Schweinsdieb für das reiche Jahr gehalten hatte und ihn beim Bachwirth mit Wein tractiren ließ. Aber, wenn seither die Rede ist vom Kreuzweg und was man auf demselben für Offenbarungen haben könne, schlägt sich der Eberhard sachte seitab. Nach wie vor hält er der Väter Glauben in Ehren, bleibt in der Sylvesternacht aber hübsch daheim und sperrt den Schweinstall zu.

Ein junger Abelsberger in der Residenz.

Ein Junge aus Ober-Abelsberg kam in die Hauptstadt, um zu studiren. Unter seinen Professoren hatte der treuherzige Knabe mehrere Gönner, wovon ihm Einer eines Tages für sich und einen Freund zwei Eintrittskarten schenkte. Die Eintrittskarten galten für eine philosophische Vorlesung, welche der betreffende Professor in einem öffentlichen Saale halten sollte. Der junge Student aus dem Dorfe freute sich schon den ganzen Tag auf den Abend der Vorlesung, und sein Kummer war nur der, daß er unter seinen wenigen Bekannten keinen Genossen fand, welcher die zweite Eintrittskarte angenommen hätte. Die Studenten wollten den Abend lieber im Freien zubringen, als den Herrn Professor anhören, dessen Stimme sie ohnehin recht gut kannten.

Als die Stunde kam, ging der wißbegierige Junge nach dem Saale der Vorlesung und war betrübt, daß der Schatz, den er in der Tasche trug, zum Theile unverwerthet bleiben sollte. Da sah er an der Gassenecke einen schlichten, anspruchslosen Mann stehen, dem Anzuge nach vielleicht ein Bahnschaffner oder so etwas. Ah, dachte sich der kleine Student, dem kann ich einen Gefallen thun, der ist gewiß froh, wenn er meinen Herrn Professor einmal hört.

„He, Vetter!“ rief er dem Manne zu, „wenn Sie was profitiren wollen, so kommen Sie mit!“

„Ich bitte!“ entgegnete der Andere und ging mit dem Jungen. Dieser gab an der Pforte die zwei Karten ab, die Beiden traten in den Saal. Die Vorlesung begann. Der Student hörte mit Begeisterung zu, in der Hoffnung, all’ die schönen Worte, die er heute anhörte, dereinst in den höheren Schulen auch zu verstehen. Neben ihm stand bewegungslos wie ein Baum der Mann von der Straßenecke. -- Das ist ein dankbarer Mensch, dachte sich der Student. -- Der Kleine wird vielleicht einen Schützer im Gedränge, einen Begleiter auf dem Heimweg haben wollen, dachte der Andere.

Nach der Vorlesung sagte der Junge zu seinem Manne: „Nichts danken, mich freut’s, wenn’s gefallen hat. Behüt’ Gott!“ Und er wollte im Trosse davon.

„Ich bitte,“ warf der Andere rasch ein und hielt den Jungen am Arme fest, „ich bekomme neunzig Kreuzer. Ja, neunzig; für die Stunde ist des Nachts sechzig, und anderthalb Stunden bin ich zu Diensten gestanden.“

Der unglückliche, unerfahrene Bursche aus dem Dorfe hatte einen Dienstmann mit in die philosophische Vorlesung gezogen. Geld hatte er keines im Sack. Der Auftritt wurde laut; der Junge war sprachlos vor Schreck und Aerger. Der Professor kam und that, was vielleicht an seiner Stelle noch Keiner gethan hatte: er entschädigte Einem seiner Zuhörer mit neunzig Kreuzern die in der Vorlesung verlorne Zeit.

Eine Abelsberger Heiratsgeschichte.

Die Gallbeißerin zu Abelsberg war mit ihrem ersten Manne bereits fertig geworden, hatte von ihm ein zwei Stock hohes Haus geerbt, und die Kleider. Was kann eine Witwe mit den Kleidern ihres Seligen machen? Sie kann mit den Kleidern ihres Seligen nichts Vernünftigeres machen, als wieder einen Unseligen hineinstecken. Ihren ersten Gatten hatte sie aus Liebe geheiratet, aus Liebe zu seinem zweistöckigen Hause. Nun ist es aber nicht wahr, was Poeten sagen, nämlich, daß der Mensch nur einmal liebe. Im nachbarlichen Städtchen Neubrunn lebte ein Kaminfeger, der Witwer war und nach einer Frau suchte, die ihm bisweilen den Kopf wasche. Dieser Mann hatte sich ein drei Stock hohes Haus zusammengefegt; was Wunder denn, daß er die Liebe der Gallbeißerin erregte.

Der Bäckermeister zu Neubrunn, ein guter Bekannter der Gallbeißerin und Freund des Kaminfegers, übernahm die Vermittlung und drückte seine Freude darüber aus, daß hier zwei Häuser zusammenkämen, die übereinandergestellt fünf Stock gäben! Bald ging die Verlobung vor sich, zu welcher der Kaminfeger mit musterhafter Sorgfalt allen Ruß von seinem Gesichte wusch, um darzuthun, daß er noch fein und glatt und nicht alt sei, und zu welcher die Gallbeißerin ihr Gesicht mit etwas verdünntem Karmin anstrich, um darzuthun, daß sie fein und roth und noch jung sei.

Allsobald nach der Verlobung begannen die Vorbereitungen zur Hochzeit, wozu der brave Bäckermeister zu Neubrunn sein Möglichstes that. Die Gallbeißerin ließ sich ein den fünf Etagen entsprechendes Brautkleid verfertigen; der Bräutigam aber holte sich aus irgend einem hohen Schornsteine eine Lungenentzündung herab und legte sich damit zu Bette. Mittlerweile war das Brautpaar auf den Kanzeln zu Abelsberg und Neubrunn feierlichst verkündet worden; zu Neubrunn nach dem dritten Aufgebote hatten die Kirchenmusikanten sogar mit Trompeten und Pauken einen schallenden „Tusch“ aufgeführt, weil der Bräutigam seinerzeit auf dem Chore mitmusicirt hatte. Der Arzt jedoch war der Ansicht, daß die Hochzeit zu verschieben sei, erstens, weil der Bräutigam noch nicht gesund, und zweitens, weil er todtkrank wäre. Man stelle sich den Schmerz der Braut vor, als sie solchermaßen das dreistöckige Haus in Gefahr sah. Sie beschwor den Arzt, Alles aufzubieten, um zu retten, was zu retten sei, und sie besprach sich mit dem Bäckermeister, ob nicht der Ehevertrag sofort könnte ausgefertigt werden? was der Meister bejahte und ein Uebereinkommen auf Gütergemeinschaft sehr befürwortete. Es geschah, aber der Notar -- wie solche Leute schon in Allem auf das Umständliche und Verwickelte hinausspielen -- schrieb unter den Ehevertrag als letzte Klausel: „Dieser Contract tritt mit der kirchlichen Trauung obgenannten Paares in Giltigkeit.“

Der Tag der Trauung war da, der hochzeitliche Festsaal, Küche und Keller waren bereit, aber der Arzt erklärte die Trauung in der Kirche für unmöglich, da eingetretenen Symptomen nach der Bräutigam nur wenige Stunden mehr zu leben habe.

„Ist denn nicht +ein+ Stock mehr zu retten!“ wimmerte die Braut und sank auf den Lehnstuhl. Bald hernach stürzte sie hin an’s Bett und rief: „Mein Geliebter, mein Einziger, ich will Dein Weib oder Deine Witwe sein. Noch in dieser Stunde soll uns der Pfarrer trauen!“ Der Kranke faßte gerührt ihre Hand und dankte für ihre Lieb’ und Treue. Aber er wisse nicht, ob er das Opfer annehmen dürfe.

Es +sei+ kein Opfer! rief sie, und auch der Bäckermeister legte sich in’s Mittel, daß der Kranke den Willen zur Trauung im Bette gebe und somit der Herzenswunsch Beider erfüllt werde, es gehe dann aus, wie Gott es wolle.

So wurde, da Alles so weit gediehen war und keinerlei Hindernisse mehr obwalteten, die Trauung „einfach und würdig“, wie die Gallbeißerin es wünschte, am Krankenbette vollzogen. Die Hochzeitsgäste, an der Spitze der Bäckermeister und die Braut, begaben sich hierauf vom Krankenbette weg in den Gasthof zum Festmahle, bei welchem es gar heiter herging, die Braut viel mit Wein geehrt und sogar der Sterbende leben gelassen wurde.

Sie waren gerade beim Schaumwein, den der noble Bäckermeister beigestellt hatte und bei welchem wieder wacker angestoßen werden sollte, als die Nachricht kam, der Bräutigam sei ruhig im Herrn entschlafen. Die Braut weinte Eins und dachte bei sich: Ach, was bei solchen Gelegenheiten die Ceremonien lästig sind!

Am andern Morgen, während auf dem Thurme die Todtenglocken klangen, bestieg die Gallbeißerin thränennassen Auges ihr ererbtes Haus bis in den dritten Stock. Den an Zins rückständigen Parteien der Dachkammern kündete sie die Wohnung, dann stieg sie, getragen von dem Nimbus des Schmerzes, der seine Thränen nach außen und seine Wonnen nach innen kehrt, wieder zur Erde nieder.

Am Hausthore erwartete sie der Bäckermeister, noch ein bißchen übernächtig, aber nichtsdestoweniger nüchtern. Er zog sie mit zurück in den Flur, er habe mit ihr eine kleine Angelegenheit zu besprechen.

Es wäre wohl allzufrüh, an diesem Tage schon! lispelte sie, das Auge zu Boden schlagend. Er aber meinte, es gebe Angelegenheiten, die nicht früh genug in’s Reine gebracht werden könnten. Er sei von jeher ein Mann der Ordnung gewesen, und auch sie, die Gallbeißerin, kenne er von dieser höchst ehrenwerthen Seite. Er habe -- und damit zog der Bäckermeister ein Papier aus der Tasche -- einen Schuldbrief in der Hand, nach welchem er vor einundzwanzig Jahren dem Kaminfegermeister Ignaz Kratzer, nunmehr ihrem seligen Gatten, eine Geldsumme geliehen habe, diese Summe sei im Laufe der Zeit durch den vereinbarten Zinsfuß auf mehr als fünfundzwanzigtausend Gulden angewachsen. Dieses dreistöckige Haus sei unter Brüdern kaum sechzehntausend Gulden werth, ein anderes Vermögen sei nicht da und es freue ihn -- den Bäckermeister -- daß sein ehrenwerther, nunmehr heimgegangener Freund vor seinem Tode noch einen so schönen Ausweg gefunden habe, seiner Pflicht gerecht zu werden. Er sei überzeugt, die Witwe werde das Andenken des Verstorbenen dadurch ehren, daß sie -- wozu er bereits die amtlichen Wege betreten habe -- ehebaldigst den von ihrem Eheherrn unterzeichneten Schuldschein einlöse. In neue Schulden wolle er sie nicht stürzen sondern erkläre sich in Gottesnamen mit den beiden Häusern für zufriedengestellt.