Feierabende: Lustige und finstere Geschichten

Part 12

Chapter 123,633 wordsPublic domain

„Bei einem Haar wär’ mir was eingefallen,“ berichtete dieser, „just ein klein bissel ist mir die Nacht zu kurz worden. Die ganz’ Nacht hab’ ich mich zerstudirt, daß mein Weib schon toll ist worden, und g’rad wie mir was will in den Kopf kommen, geht der Morgenstern auf, und aus ist’s, gar ist’s mit dem Simuliren.“

„Darf ich reden?“ fragte der Färbermeister.

„So viel Du willst,“ sagte der Vorstand, „ich weiß eh nichts mehr.“

So sagte der Färber: „Was werden wir denn machen? Ich denk’, so ein Volksfest richten wir her; die Oberziller Musikbande, den Zitternschlager-Maxl, einen Triumphbogen da oben bei der Mauth, ein Paar Baumkraxler, ein paar rinnende Weinbrunnen und wenn sie kommen, daß ein feister Ochs niedergeschlagen wird auf dem Platz!“

Die Idee war groß, er blickte in die Runde des hohen Rathes. Aber der Rath Hufschmied stand auf und sagte: „Das ist nichts, das hat sie hundertmal schon gesehen und besser, als wir’s zuweg bringen. Das Triumphbogenbauen ist keine Kunst, wo so viel G’reisig zu Handen ist, als wie bei uns, und das Ochsenniederschlagen auch nicht. Wir müssen in die Zeitung hineinkommen! Wir müssen was machen, was die Majestät noch nicht gesehen hat, was Kopf und Fuß hat und was den Abelsbergern Ehr’ macht. -- Na ja, versteht sich, daß ich was weiß. Unser Volk im Feiertag, in seinen Lustbarkeiten vorstellen, auf das halt’ ich nichts; die Herrschaften, wenn sie nie was Anderes sehen, thäten ’leicht glauben, hierzuland hätten wir alleweil Sonntag. Bei ihrer Arbeit muß man den Leuten zuschauen; das wird die hohen Herrschaften unterhalten und sie lernen was dabei. Desweg sag’ ich, daß wir da ober Abelsberg an beiden Seiten der Landstraße in Gruppen die Arbeiter, als den Landmann, den Handwerker, den Jäger, den Halter, den Holzhauer und wie sie halt alle sind, mit ihren Verrichtungen aufstellen -- und wenn die Wägen kommen, sollen die Leut’ flink arbeiten. Das ist mein Rath.“

Der Mann, der die Schrift führte, wollte sofort in die Chronik schreiben, daß am 24. August des Jahres 1828 nach Christi Geburt im Rathe zu Abelsberg eine gescheite Rede gehalten worden wäre. Der Vorstand nahm nun das Wort und sagte: „Ich halte nichts darauf, daß unser Volk allemal im Feiertag und Lustbarkeit da ist. Die hohen Herrschaften lernen nichts dabei. Den Leuten muß man bei ihren Arbeiten zuschauen, und so ist meine Meinung, daß da oben an der Landstraße Arbeitsleute aufgestellt werden sollen: der Bauer, der Schlosser, der Rastelbinder und wie sie halt alle nacheinander her sind -- und daß sie fleißig arbeiten, wenn die Wägen vorüberfahren. -- Sein die Manner mit mir einverstanden?“

„Vorstand!“ rief ihm der Rath Schneider zu, „für das wirst Du Baron!“

Der Hufschmied machte ein langes Gesicht. Der Vorschlag des Vorstandes wurde angenommen. --

Nun gab’s ein paar Tage lang Arbeit über Arbeit. -- Den Rastelbinder brauche man eigentlich nicht dabei, bedeutete man dem Vorstand, denn es wäre keine einheimische Figur, die käme nur so zu gelegener Zeit aus Schlovakien daher. Aber der Handel und Wandel des Landes müsse zum Ausdrucke kommen, daß die Majestät ein vollständiges Bild von dem Leben und Treiben der Bevölkerung gewinne. Es wäre nur zu verhüten, daß nichts dabei vorkäme, was auf den Landesvater einen unangenehmen Eindruck machen könne.

Und am vierten Tage sollte die Durchfahrt des Kaisers Franz stattfinden. Des alten Kaisers Franz, der noch auf keiner Eisenbahn fahren konnte, der im Gerüttel seiner Wagen, im Ceremonientaumel seines Gefolges, im plebejischen Staube der Straßen über Land reisen mußte, wollte er die Zustände seines Reiches prüfen und von seinen treuen Völkern einmal Huldigungen entgegennehmen.

Er hatte Feste und Aufzüge, ihm zur Ehr’ gebracht, nicht ungern, denn für gar Manches war ihm das Bewußtsein seiner Kaiserwürde eine hohe Genugthuung.

So bewegte sich um 11 Uhr des 28. August die Wagenburg gen Abelsberg heran. Eine halbe Stunde vor dem Städtchen begannen die Wunder. Auf dem Felde ackerten Bauern und säeten Korn; gleich daneben klangen die Sicheln der Schnitter, die Sensen der Mähder und die Arbeiter hatten ihre bunteste Sonntagstracht an.

Am Berge war ein Stollen, aus welchem flinke Knappen reines Erz schafften, und ein paar Eisenhämmer schmiedeten Sensen, Pflüge und Schwerter. Im Wäldchen jodelte der Holzhauer und hallten stürzende Bäume. Der Hirte trieb eine Heerde schöner, bekränzter Rinder über die Au, die Sennin molk unter dem Schatten einer Tanne ihre Kuh und der Jäger schoß gerade im Augenblicke, als der kaiserliche Wagen herankam, einen ausgestopften Auerhahn vom Lärchbaum. Das Wunderbarste aber waren die Obstbauern, welche von alten Holzbirnbäumen die feinsten Butteräpfel schüttelten, und die Winzer, welche aus Erlen- und Weidengebüsch Trauben schnitten. Es ging nicht anders, und wenn das ganze Land zusammengerückt sein sollte auf etliche Joch oberländischen Grundes, so mußte das Erz wohl einmal im eitlen Sand und der Wein auf Weidenstäben wachsen. So unerhört fruchtbar war der Boden bei Abelsberg, und der Obersthofmeister schrie dem Kaiser zu: „Eure Majestät, aber das ist ja prächtig! Was Eure Majestät für ein Land haben!“

Seine Majestät, höchst erfreut von dem fröhlichen Aufzuge, wollte den Ortsvorsteher sprechen. Noch dauerten an beiden Seiten der Straße die Vorstellungen; auch ein Hochzeitszug und ein Taufgang war dabei und Volkslieder wurden gesungen und zum Schlusse, dort wo die bekränzte Mauth prangte -- kauerten etliche Krüppel, ein Cretin und ein paar zerhauene und zerschossene Militärs mit Weib und Kind im Straßenstaub und wimmerten mit aufgehobenen Händen um Almosen. Denen war’s Ernst.

Der Hof stutzte sehr -- gar sehr stutzte er über eine solche durchaus nicht anspruchslose Pointe der Festlichkeit -- und nach dem Ortsvorstande, der mit seinem Rathe auf dem Marktplatze tief geknickt stand, wurde nicht mehr verlangt.

Vor dem Thore des Posthauses standen sechs streuende Blumenmädchen, aber die Wagen rollten vorüber und hielten nicht in Abelsberg.

Der hohe Rath war aus Rand und Band. Das Bettelgesindel verhaftete er sofort; aber der Cretin grinste und die alten Krieger mit ihren elenden Familien meinten, sie hätten gehört, daß das +ganze+ Land bei dem Aufzuge vertreten sein sollte, und da hätten sie gedacht, die viele Armuth, die da sei, gehöre so zu sagen auch zum Lande, sie hätten des Weiteren gerechnet auf etliche Silberbatzen oder einen warmen Löffel Suppe, was freilich eine ganz verfehlte Rechnung gewesen wäre.

Der Bürgermeister wollte diese Leute, die das schöne Fest so jämmerlich verdorben hatten, in den Kotter stecken lassen. Das ließ der Rath Hufschmied nicht gelten. Das Betteln, sagte er, sei zwar in Abelsberg verboten, aber vom Mauthbalken auswärts sei es von jeher erlaubt gewesen.

Der Schelm!

Er ist aber später Vorstand geworden.

Die Abelsberger Touristen.

Wie nur plötzlich die Natur so schön geworden ist! Erst seit etlichen Jahren. Es lebten wohl auch früher einzelne Leutchen, die einzelne Gegenden „wirklich romantisch“ fanden; heutigentages aber sind alle Wälder und Berge so herrlich! Und der Sonnenaufgang!

Wer hätte das vor dreißig Jahren vermeint, daß auch der Sonnenaufgang Mode werden sollte!

Mode! O du heilige Welt Gottes, vergieb mir dieses Wort. Aber du weißt es ja doch selber am besten, wie Wenigen, die doch deine ewig großen und lebendigen Pfade gewandelt, es einst eingefallen ist, dich seligen Herzens zu bewundern, dich anzubeten. Wohl, es mögen die lieblichen Bilder deiner Gärten und Auen, deiner Frühlingstage und Sommernächte zu allen Zeiten Beseligung in dem Menschengemüthe wachgerufen haben; vor dem Brausen des Sturmes, vor dem Ernste der Einsamkeit, vor den Gewalten des Hochgebirges aber sind die Kinder der Welt zurückgeschaudert, wie vor einem übermächtigen Feinde.

Und heute -- je wilder die Gegend, desto schöner; natürlich, wenn gute Wege in derselben angelegt sind und comfortable Wirthshäuser. Zarte Frauen mit ihren zarten Kindern steigen heute auf Berge, auf denen sonst nur der Gemsjäger und der arme Kräutersammler geklettert; es geht prächtig; und wenn eine Eisenbahn schnurstracks den Berg hinanläuft, um so besser. Oben steht gar ein Hotel, da ißt und trinkt man, schreibt sich in’s Fremdenbuch und findet Alles unvergleichlich.

Weil im neunzehnten Jahrhundert die Natur denn gar so schön geworden!

„Touristen!“ Die Sache ist so schnell gekommen, daß die deutsche Sprache gar kein Wort dafür in Bereitschaft hatte und bis heute noch keines hat. Ja, gewiß, Sommerfrischen, Gebirgspartien, Touristen -- das sind Modesachen. Vorläufig noch. Wir werden die Natur einst wirklich suchen, nicht blos an heiteren Sommertagen, sondern auch, wenn sie finster blickt und grollt, auch wenn sie in der ehernen Majestät des Winters ruht. Denn wir werden unsere große, heilige Mutter +lieben+ und insgeheim an ihren Busen fliehen aus dem Drange der Welt.

Selbst an den Abelsbergern darf hierin nicht ganz verzweifelt werden. Und sie sind ja heute schon große Naturfreunde, die Abelsberger. Erstens liegt Abelsberg ja in einem freundlichen Gebirgsthale, und zweitens hat ein Abelsberger Wirth über die Thür seines Hauses einen grünen Baum malen und seine Herberge demnach „Zum grünen Baum“ benamsen lassen. Und nicht allein das, des Wirthes Sinn für Natur erstreckt sich sogar bis in den Keller, in dessen bauchigen Fässern -- es ist keine Fabel, wahrlich nicht! -- Naturwein und blos Naturwein lagert. Und wer eben Sinn dafür hat -- zwischen den Fässern auch das Plätschern eines Wasserbrünnleins hört sich anmuthig. Allerdings, Sitzgarten ist keiner beim Haus; ist auch keine Frage danach. Ein echtes Tröpflein trinkt sich auch in der räucherigen Gaststube gut. Was Sommerabend! Die Abelsberger gehen nicht in’s Wirthshaus, um Sommerabende zu genießen.

Wohl aber nehmen sie den Zeitgeist wahr, der -- wie Poeten so schön sagen -- heute in den Blättern säuselt -- in den Zeitungsblättern nämlich. Sie sind für’s Erste daher wacker liberal, die Abelsberger, denn: „Fortschritt und Freiheit!“ sagt der Tischler, und hat diese Worte in sein Bierglas stechen lassen.

Da standen nun schon seit Jahren zu jeder Sommerszeit Aufsätze in der Zeitung von der schönen Schweiz. „Ja, die Schweiz!“ meinte der Webermeister, „von wo der Schweizerkaffee und der Schweizerkäs kommt -- weiß schon davon!“

Allmählich dann zogen sich -- dem Blatte nach -- die Naturschönheiten der Schweiz auch in’s Tirol und Salzburg herein, und plötzlich in dem letzten Jahre war eine ganz einzige Großartigkeit aufgetaucht im eigenen Lande, der Steiermark. Die Admonter Gegend, das Gesäuse und Eisenerz konnten die Zeitungen gar nicht genug rühmen. Diese hohen, schroffen Berge, diese wilden Schluchten, diese sausende Enns! In der Schweiz wahrhaftig nicht schöner zu finden! -- Und mitten hindurch die Eisenbahn und Touristen aus allen Weltgegenden, und es ist eine wahre Schande, das Gesäuse nicht gesehen, den Reichenstein und den Buchstein nicht bestiegen, das Hochthor und den Damischbachthurm nicht bewundert zu haben.

Da thaten sich die Abelsberger zusammen. „Zu meiner Zeit, wie ich als Bursche durch’s Ennsthal gewandert bin,“ sagte der Sattler, „da ist mir nichts aufgefallen; weiß nur, daß ich in schauderlich wilde Gegenden gekommen bin, und daß ich bei einer Kohlenbrennerei Wasser getrunken habe. Nu, heute mag’s anders sein.“

„Leute,“ rief der Tischler, „thun wir zusammen, machen wir eine Tour in’s Gesäuse!“

Das zündete. Eisenbeschlagene Schuhe, Bergstöcke, Weinflaschen, Würste, Schinken, Spielkarten -- eine „Hetz“ muß es geben! -- Mägdlein wollten sie auch werben zur Partie. Der Binder und der Pfleger und der Schulmeisterssohn und Andere -- ihrer neun Stücke sind’s, die mit Hall und Schall und hellem Uebermuth, wie’s Touristen ansteht, den Eisenbahnzug besteigen.

Das herbstliche Wetter ist heiter, rein, kühl -- ganz gemacht für Gebirgstouren. Die daheim bleiben müssen, denken in Wehmuth an die lustige Reise, und beim Wirth „Zum grünen Baum“ sitzen sie Abends, und folgen im Geiste ihren touristischen Mitbürgern auf die höchsten Berge und in die lauschigsten Winkel der Sennhütten.

Am dritten Tage kehrte die Gesellschaft zurück. Sie war etwas angegriffen, stark ermüdet, und die Meisten hatten Schürfe, blaue Beulen an Gesicht und Händen und Risse in den Kleidern. Trotzdem wurden sie sofort in’s Wirthshaus gezogen, wo sie wacker aßen und tranken, denn -- sagten sie -- die Wirthshäuser hätten sie unterwegs nur von auswendig gesehen. Naturgenuß sei ihre Hauptsache gewesen! -- Hierauf sollten sie erzählen.

„Ja!“ sagte der Binder gedehnt, „erzählen! -- Das muß Einer selber gesehen haben -- nicht wahr?“

Seine Genossen bestätigten es.

„Diese Berge!“ rief der Weber, „diese Hochöfen in Admont, na!“

„Ihr seid doch auch im Stift gewesen?“

„Im Eisenerzerstift, jawohl! So eine Kirche! Nix Zweit’s giebt’s nit!“

„Und auf dem Reichenstein?“

„Da schaut’s grad’ einmal her!“ versetzte der Schulmeisterssohn, und wies seine zerschundenen Hände vor; „aufwärts, da ging’s, bis wir in’s Edelweiß kamen. Bis an die Knöchel, sag’ ich Euch, geht Einem das Edelweiß, just zum Niedermäh’n, auf Ehr’! Dann, wie wir zum Eis gekommen sind zu den Gletschern, nicht wahr zu den Gletschern?“ wendete er sich an die Genossen.

„Na, ich dank’!“ stimmten diese bei, „+das+ sind ein bißl Gletscher!“

„Und der Sonnenaufgang“, sagte der Pfleger, „lohnend, höchst lohnend! -- Und, in dem Gebirg ist Euch eine +Sonne+! -- ’s ist ein Gaudium gewesen. Aber halt das Herabsteigen! Sind wir Euch nicht schnurgerade niedergefahren über die Steinleuten! So gleich etliche zehntausend Fuß! Gerad’ ein Sauser ist’s gewesen, sind wir herunten auf dem Boden gestanden.“

„Nu,“ fügte der Schulmeisterssohn bei, „und da haben wir uns so zerschunden.“

„Und Deine blauen Flecken im Gesichte?“ fragte man den Sattler.

„Ja, dem seine blauen Flecken,“ rief der Schulmeisterische; „nicht um fünfzig Gulden giebst Du sie her, Sattler, gelt? -- Hat Euch der Sakra nicht mit einem Steinbock gerauft? Na, und ob!“

Die Leute schlugen über solch unerhörte Abenteuer die Hände zusammen.

„Aber ein Sträußel Edelweiß oder Speik hättet Ihr doch mitbringen sollen!“

„Ihr schwätzet beim Ofen, wie Ihr’s versteht. Jeder hat seinen Hut voll Edelweiß gehabt, das versteht sich. Und wie der Kampf mit den drei Lämmergeiern nicht ist, so bringen wir die schönsten Buschen heim.“

„Kampf mit den Lämmergeiern?“ fragten die Leute, und brachten den Mund nicht mehr zu.

„Haar’ lassen hätten wir können! Sind noch froh gewesen, daß wir heil davon gekommen; die Alpenblumen und die paar Hüte sind zu ersetzen.“

„Herr Gott, das war eine Tour!“

-- Sie waren die bewunderten Helden des Städtchens.

Einige Zeit darauf kam an den Vorstand von Abelsberg folgendes Schreiben:

„Tauern, den 30./9. 1875.

Werther Herr Bürgermeister!

Zu meinem Bedauern muß ich Sie mit einer Angelegenheit belästigen. Vor etwa acht Tagen kam eine heitere Gesellschaft von neun Personen in mein Haus, die, wie sie vorgab, aus Abelsberg sei. Die Herrschaften schienen eine Gebirgspartie vorgehabt zu haben, blieben jedoch einen und einen halben Tag und zwei Nächte bei mir und ließen sich zu meinem Vergnügen Küche und Keller wohl munden. Wie es bei solchen Gelegenheiten schon zu geschehen pflegt, wurden sie lustig, sangen, tanzten und unterhielten sich mit den Weibsleuten der Nachbarschaft, die sie zum Tanze beigezogen hatten. Auch die Burschen der Umgegend, Holzknechte zumeist, fanden sich ein; da entspann sich zwischen diesen und den werthen Herren Abelsbergern ein Streit, der Weibsbilder wegen; sie wurden leider handgemein, wobei zu meinem großen Bedauern die Abelsberger sehr den Kürzeren zogen. Die Herrschaften waren gezwungen, das Weite zu suchen und dürften mit einigen diesbezüglichen Spuren nach Hause gekommen sein. -- Ganz erklärlich ist es unter solchen Umständen, daß in der Eile vergessen wurde, die kleine Gasthausrechnung zu begleichen, die Euer Wohlgeboren zu unterbreiten ich hiemit die Ehre habe:

Zwei Abendessen für 9 Personen 23 fl. 70 kr. Ein Mittagsessen detto 15 „ 98 „ Zwei Frühstück detto 8 „ 10 „ Wein für 9 Personen 26 „ 48 „ Dem Stubenmädchen für Depurgationen -- „ 80 „ Für eine Weinflasche à 40 kr., und drei Fensterscheiben à 30 kr., zusammen 1 „ 30 „ ------------- Summa 76 fl. 36 kr.

Um gefällige Notiznahme bittet achtungsvoll ergebenst Peter +Streicher+, Gasthausbesitzer in Tauern.“

Der Burgermeister veranstaltete zu Ehren der wackeren Touristen eine Nachfeier beim „Grünen Baum“. Nachdem die Gefeierten neuerdings und stets mit mehr Nachdruck und in helleren Farben ihre seltenen Abenteuer an der sausenden Enns und bei der Besteigung des „eilftausend Fuß hohen Gletschers Reichenstein“ dargethan hatten, sagte der Burgermeister, er sei von der Gemeinde beauftragt, den kühnen Mitbürgern ein Ehrendiplom hiermit zu überreichen -- und las feierlichen Tones die Gasthausrechnung des Peter Streicher vor.

Ein Abelsberger auf dem Vesuv.

Thomas Treibaus ist ein ehrsamer Viehhändler aus Abelsberg. Er hat sein Lebtag viele Ochsen gemästet und ist auch selbst dabei fett geworden. Indeß ließ er sich nicht bethören von den Reichthümern und Rindern dieser Erde, sein Sinn stand nach Höherem. So hoch seine Ochsen auch die Hörner tragen mochten, wenn sie vor dem vollen Barren standen, so hoch die Kälber auch ihre kleinen Schweife schwangen, wenn sie lustig und flink über die Wiese hüpften -- sein Sinn stand höher.

Da hatte er einmal -- es war zur goldenen Zeit, als er, ein Knabe noch, die Kuheuter auf der Weide aussaugte, wenn ihm sein Dienstherr zur Strafe für unachtsames Hüten das Mittagmahl vorenthielt -- hatte er also einmal durch einen alten Hausirer die Sage von dem feuerspeienden Berge[1] gehört. Und diese Sage hat einen Funken geworfen in sein Gemüth, hat -- so zu sagen -- sein bißchen schlummerndes Ideal entzündet, und das glühte und brannte nun Jahre und Jahre in den Tiefen seines Herzens, doch ohne daß es Lava spie.

Nebstbei, daß Thomas Treibaus Kälber trieb, Kühe handelte und Ochsen mästete, ging das Dichten und Trachten seiner sehnenden Seele dahin, einmal den feuerspeienden Berg zu sehen und -- Ehre seinem Mannesmuthe! -- zu besteigen.

Und das sollte der Glanz- und Höhepunkt seines vielbedeutenden Lebens sein, das sollte ihm Ruhm sein im Lande und für späte Zeiten.

Thomas hatte schon Bilder gesehen von dem berühmten Berg, und Guckkastenmänner kamen zu Zeiten in die Gegend, die hatten das Ungeheuer in einem Kästlein, ganz wie es leibte und lebte und spie. Dieser Berg mit seinem glühenden Rachen ist nicht wie der allfort funkensprühende Schornstein der Schmiede im Thale, nicht wie ein wildausbrechender Kohlenmeiler! Dieser Berg ist der Hölle Thor und Schlot; wenn der Teufel eine arme Seele holt, so flattert er mit seinen ungeheueren, kohlschwarzen Fledermausflügeln da hinein! -- Das weckte Treibaus’ Sehnsucht erst auf, denn was ein rechter Viehhändler ist, darf sich vor Hölle und Teufel nicht fürchten.

Und als nach und nach die gute Zeit gekommen war, da sein Bäuchlein groß, seine Aeuglein klein, sein Näschen roth und sein Beutel schwer geworden, da gedieh sein Lebenswunsch: „weit und tief in’s Wälschland hinein!“ zur Reife. Als er hierauf, dem Ideale zuwallend, durch Tirol kam und durch die Lombardei, war es zum erstenmal, daß er die Leute nicht gut verstand. Auf der ganzen Reise interessirte ihn nichts, als der schiefe Thurm zu Pisa, vor dem er drei Stunden lang mit offenem Munde stand, und die ~fontana trevi~ in Rom, wo versteinerte Ungeheuer zwar nicht Feuer, aber Wasser spieen.

Dann zog er tiefer nach Süden. Er fühlte es wohl, wie es von Tag zu Tag heißer wurde, er nahte -- dem feuerspeienden Berge.

Weiteres ist von dem Vorleben des wackeren Thomas Treibaus nicht bekannt. --

Als ich an einem Septemberabende 1872 am Hafen von Neapel auf und ab schlenderte, um mir das seltsame Treiben dieses merkwürdigen Volkes zu betrachten, sah ich einen wohlbeleibten, aber behenden Mann in Knielederhose und grünberandeter Lodenjacke mit einem Cicerone lebhafte Gesten machen. Ich sah so von Weitem hin, ich sah, wie der Mann keck die Füße auseinander stemmte und mit den Händen zuweilen auf sein wohlgepflegtes Bäuchlein schlug. Trotz des unabsehbar breiten Strohhutes, der das völlig kreisrunde Gesicht des Mannes halb bedeckte, und trotz der nackten Waden über den hohen Bundschuhen, sagte ich nachdrücklich zu mir selbst: „Ich will doch ein Lump sein, wenn das nicht ein Abelsberger Viehhändler ist!“

Ich lauerte noch ein wenig. Da hub er behäbig an, seine Aermel zu zerren, zog den Rock aus, daß er in seinen weiten Hemdärmeln, mit seiner schwarzen Weste, die eine Reihe mächtiger Silberknöpfe und eine schwere, thalerbehangene Uhrkette trug, und mit einem breiten, weiß ausgenähten Ledergurte dastand. Nun war für mich kein Zweifel mehr -- ein Landsmann. -- Zu allem Ueberflusse hörte ich ihn noch brummen: „A Viehhitz’ das, und bis in die spat Nacht eini!“ Darauf sehr laut und immer mit den Händen fuchtelnd zum braunen, verschmitzt lächelnden Italiener: „Na, so versteht’s denn wahrhafti nit Deutsch? Auffi, da auffi möcht’ ih!“ Er deutete gegen den Vesuv, über dessen Spitze ein leichter Rauch zog. Ein Redeschwall brach los aus dem Munde des Cicerone, aber ein wälscher Redeschwall; und mein Landsmann schüttelte das Haupt und wollte weiter trippeln.

Da rief ich, auf ihn zueilend: „Vetter, grüß Gott!“

Zuerst war er einen Augenblick verdutzt, dann aber schrie er, die Hände ausbreitend: „Jessas, Jessas, das -- ja, das ist ja wieder einmal an ordentlicher Mensch -- a Landsmann! -- Freili, freili -- na, ih trau mir’s z’sagen: o fett’s Paar Ochsen kunnt mir die Freud’ nit machen! -- Grüß Ihna Gott! Sag’n S’, Landsmann, sein S’ a z’weg’n dem da kemma?“ Er deutete gegen den Vesuv.

Das war das Finden und Binden -- er schwur mir ewige Freundschaft. Wir gingen in eine Osterie, dort erzählte er mir seine Lebensgeschichte und sein höheres Streben nach dem feuerspeienden Berg, wie er sich wundere, daß dieser weltberühmte Berg grün und grau wie alle anderen Berge still dastehe, nicht ringsum glühe und kaum ein Rauchwölklein habe -- wie es sich schier nicht des weiten Weges lohne, wie er den Berg aber trotz alledem morgen mit dem Frühesten zu besteigen gedenke.

Ich hatte auch dieselbe Absicht, und so beschlossen wir, zusammen die Partie auf den Vesuv zu machen.

Ich habe nie noch einen glücklicheren Menschen gesehen, als meinen Viehhändler an demselben Abend.

„Heut’ zahl’ ich Alles!“ rief er wiederholt, seine schweren Fäuste mit den Hemdärmeln auf den Tisch schlagend; und wie sein Antlitz so lachte und leuchtete, da war es Vollmond in der Weinstube.

Am andern Morgen -- es lag noch Finsterniß über den Wassern -- war es meines neuen Reisegefährten Erstes, daß er mir zeigte, wie er seinen rothen Regen- und Sonnenschirm praktisch zu einem Bergstock eingerichtet habe. Dann sagte er ernst und ergriffen: „Also heute! Heute! Und das Paraplui da heb’ ich mir auf zum ewigen Andenken!“ Der gute Mann fühlte sich verpflichtet, angesichts seines großen Zieles möglichst hochdeutsch zu sprechen.

Wir fuhren bis zum nächsten Städtchen Resina. Dort nahmen wir zwei graue Esel und einen braunen Führer und begannen die Wanderung aufwärts.

„Vor Banditen fürcht’ ich mich gar nicht, gelt?“ sagte Thomas, als er so neben mir auf dem Esel wackelte. Er wollte fragen, ob er wohl Recht habe, daß er sich nicht fürchtete.

„Und wenn Einer kommt, meiner Seel’, ich schlag’ zu!“ er hob seinen Regenschirm, setzte aber beruhigt bei: „Na, so leicht kann nichts geschehen, es sind unser Fünfe.“