Feierabende: Lustige und finstere Geschichten
Part 11
„Das habe ich gar nicht gewußt, daß mich die Abelsberger gleichwohl so viel gern haben,“ sagte der Brückenwirth. Aber jetzt erfuhr er’s mit tausend Freuden, wie gut es ihm die Leute meinten, wie sie ihm beisprangen in Allem mit Rath und That. Das Brückenwirthshaus war nun stets besucht, der Wirth geehrt. Bei der nächsten Wahl wurde er Gemeinderath. Da das Geschäft besser ging, so zahlte er allmählich seine Schulden. Die Gläubiger wollten das Geld kaum nehmen: sie wüßten es nirgends so gut aufgehoben als beim Brückenwirth.
Oft bei verschlossenen Thüren las der Wirth sein Testament. -- Na, es war ja recht: wenn die Abelsberger eine vierte Kirchenglocke haben wollen, so soll eine angeschafft werden; der Magdalena thut ein Anstrich noth; es schaut schon gar überall das Holz aus ihr hervor. Das Schulhaus braucht ein neues Dach -- es ist ja wahr! und wer wollte nicht, daß das Armenhaus tausend Gulden bekäme und so auch die armen Waisenkinder? Wer’s hat, der kann’s geben. Suchen mögen sie, wenn er auf der Bank liegt, suchen im Bettstroh....
Gefunden hätten sie freilich nichts.
Aber jetzt, wenn er stirbt, werden sie auch was finden. Der Credit war durch das Testament hergestellt und dasselbe Testament hat heute, wenn der Herr Hans Michel Scherger mit Tod abgeht, volle Inhaltlichkeit und Rechtskraft. Die vierte Glocke hängt schon heute auf dem Thurm; sie läutet Manchem zum Verscheiden, aber der Brückenwirth lebt und ihr Klang verkündet immer wieder neu seinen Credit.
Der Schulmeister von Abelsberg.
War ein revolutionärer Geist, der alte Schulmeister von Abelsberg. Wie die Welt war, so gefiel sie ihm nicht, und wie sie ihm gefallen mochte, so war sie nicht. Und das that in seinem Herzen bitterlich graben. Gegen die Schulkinder hatte er nichts, die waren ihm nur der etwas unfruchtbare Acker, aus dem sein saures Brot erwuchs. Im Schweiße seines Angesichtes bearbeitete er die spröden Furchen der Schulbankreihen mit dem Spaten seines Linealscheites, und jätete Unkraut und säete Weizen -- zumeist taube Körner, die keine Keimkraft hatten. In Gottes Namen!
Aber die Eltern von den Kindern. Da stak’s! Schickten sie dem Schulmeister Brot, so wollte er Würste, und gaben sie Würste, so verlangte er Schinken. Und bekam er Schinken, so sagte er, es wäre eine Schande, daß man ihm nicht auch den Krenn dazu reichte. Oftmals kriegte er aber gerade den Krenn allein, wenn ihm Einer oder der Andere derb die Meinung sagte.
Der Herr Pfarrer war ihm auch nicht recht. Beim Altar war er ihm zu still, da konnte der Schulmeister nicht respondiren. Bei der Predigt war er ihm zu laut, denn der alte Herr predigte häufig von den Tugenden der Sanftmuth und Genügsamkeit, und wenn er Beispiele dieser Tugenden anführte, so deutete er nie gegen das Chor, wo der Schulmeister stand. Auf den Amtmann hatte er eine besondere Galle. Der gewann beim Kartenspielen dem Schulmeister das Geld ab und hielt sich für seine Kinder einen Hauslehrer. Wer wird den Hauslehrer nur zahlen? Der Amtmann nicht, die Gemeinde wird ihn zahlen. Das ist eine Schmarotzerei, so ein Amtmann muß fallen. Freilich paßt Keiner besser für das Abelsberg-Schildburg, als dieser Herr, dem wider Willen schon allerlei Abelsberger Stückeln gelungen waren. Gescheite Amtmänner giebt’s anderwärtig; der hiesige ist ein abgedankter Feldwebel. Schon gut.
Den finstersten Ingrimm aber hegte der Schulmeister gegen den Gutsherrn, der im Winter zwar in der Residenz lebte, im Sommer aber auf Hoch-Abelsberg wohnte und sich zu allerlei Gelegenheiten mit Volksaufzug und Blumensträußen und Kranzmädchen feiern ließ, als wie ein Herrgott. Was hat der hohe Herr im alten Schloß den Pfarrer und den Amtmann zu Tische zu laden, zu seinen Jagden, Scheibenschießen und anderen Festlichkeiten zu ziehen, wenn der Schulmeister daheim bleiben muß! Soll der Lehrer des Volkes denn ewig am Hungertuche nagen? Will man den Unterricht unterdrücken, damit sich die Dummheit und die Gewalt um so breiter machen kann? Wohlan! Es kommt eine andere Zeit! Die Großen wird man von ihrer Höhe stürzen...! -- Darum sagte ich: ein revolutionärer Geist. Und so kam es, daß der Schulmeister etwas mißliebig war bei den Leuten.
Und eines Tages im Winterfasching, als der Schulmeister eben die Geige von der Wand nahm, um damit im Wirthshause bei einer Freimusik aufzuspielen und sich so ein paar Groschen für die Fastnacht zusammenzufiedeln -- ging die Thüre auf. Der besäbelte Gemeindediener und der befrackte Amtmann traten herein, und Letzterer bedeutete dem Schulmeister, daß heute das Geburtsfest des hochgebornen, wohledlen und gestrengen Gutsherrn wäre.
„Ist vielleicht gar das Musiciren verpönt?“ fragte der Schulmeister bissig.
„Keineswegs,“ antwortete der Amtmann, „doch zeigen wir Euch an, daß Ihr laut hohen Auftrags hiermit verhaftet seid!“
„Wer? Ich? Ich, der Schullehrer, verhaftet?! Mein Herr!“
Es gab eine Scene. Während sich im Städtchen Alles auf das Fest rüstete, wurde der Schulmeister in den Gemeinde-Arrest von Abelsberg gethan. Dort saß er eine Woche lang, saß in der Fastnacht, saß am Aschermittwoch.
Und als die Schule wieder beginnen sollte, wußte sich der Amtmann nicht zu helfen; er schrieb an den Gutsherrn in die Residenz:
„Wohledler, gestrenger und gnädigster Herr! Unterzeichnete Behörde untersteht sich unterthänigst anzufragen, was mit dem Schulmeister, an welchem der gnädigste Befehl vollzogen worden, weiters zu geschehen habe. In devotester Ehrerbietung das Amt Abelsberg.“
Der Gutsherr schrieb nach einiger Zeit zurück: „Was für ein Schulmeister und was für ein Befehl? Ich weiß nichts. Unterzeichnet
L. L. von S.“
Darauf schrieb das Amt in Abelsberg: „Hochgeborner, gnädigster Herr! In Anbetracht des Auftrages, welchen Hochdieselben zu dero feierlichem Geburtsfeste zu geben geruhten und welcher dahin lautete, den Schulmeister einzuschließen, rapportirt ein Gefertigtes dienstschuldigst, daß besagter Auftrag respectirt und ausgeführt worden ist und Delinquent sich bis dato in Gewahrsam befindet. In ehrfurchtsvollster Erniedrigung
Amt Abelsberg.“
Hierauf ein umgehendes Schreiben vom Gutsherrn:
„Amtmann, Ihr seid ein Esel. Laßt Euch Schreiben Nr. I erklären.
L. L. von S.“
Deß war der Herr Amtmann etwas indignirt. Er besprach sich mit seinem Schreiber und Beide kamen endlich darin überein, daß das Geschätzte Nr. I vom gestrengen Herrn in Sachen des Geburtsfestes mißverstanden worden sei. Dasselbe lautete wörtlich:
„Komm diesmal nicht nach Abelsberg, wünsche aber, daß das Fest wie gewöhnlich und mit Einschluß des Schulmeisters gefeiert werde.
L. L. von S.“
Der Schreiber vermuthete, daß der gnädige Herr etwa könne gemeint haben, mit in’s Fest und zum Festessen solle man den Schulmeister, der ja sonst seiner Widerhaarigkeit wegen oftmals umgangen wurde, einschließen, und nicht in den Gemeindekotter.
„Ja!“ machte der Amtmann die Achsel zuckend, „mit mir muß man ohne Umschweife reden, ich kenne keine Zweideutigkeit.“
Noch an demselben Tage wurde der Schulmeister auf freien Fuß gesetzt, jedoch mit dem strengen Bedeuten, in Zukunft sich besser zu hüten!
Der Schulmeister war überzeugt, daß ihn seine aufrührerische Gesinnung in das Gefängniß gebracht habe und befliß sich, fürder sanftmüthiger zu sein.
Der Thurmbau zu Abelsberg.
Die Neudorfer hatten an ihrer Pfarrkirche zwei Thürme, so wollten die Abelsberger an der ihren auch zwei Thürme haben.
Der eine, der schon stand, war recht sauber und schlank und hatte oben ein Kröpflein, an welchem die Schwalben allerlei Narretheien und Liebschaften trieben, und hatte ein paar Glocken, die täglich dreimal zum Essen läuteten, und hatte eine Uhr, die den Schlaraffen von Abelsberg zu Lieb’ kurzen Tag und lange Nacht machte. Die Nacht aber ist den Abelsbergern der eigentliche Tag, da sind sie munter, da sind sie beim Zeug. Ihr „Zeug“, das ist der Schoppen und das Kartenspiel und wieder der Schoppen, und um sechs Uhr Abends ist zu solchem Tagwerk der Morgen, und um neun Uhr ist Mittag, und um zwölf Uhr ist Abend, und Jeder geht gleich am Abend nicht gern heim, Mancher bleibt noch gern ein wenig „in die Nacht hinein“.
So schöne Zeitrechnung macht der Thurm mit seinen Glocken und mit seiner Uhr. Darum giebt es Leute zu Abelsberg, die sagen: „Wenn’s bei Einem Thurme schon so schön ist, wie müßt’s erst sein, wenn wir zwei Thürme hätten!“
Andere freilich meinen, das wäre dummes Geschwätz, ein zweiter Thurm wäre schon recht, aber nur zur Ehre Gottes.
Im Rathe aber saß ein Lästerer, der sagte: „Ich stimme nicht für zwei Thürme, jeder Ochs hat zwei Hörner.“
Der mußte auf der Stelle abdanken.
Alle Anderen wollten einen zweiten Thurm; so stand Einer auf und sprach das Wort: „Geld zusammenschießen!“
Der Mann mußte abdanken.
Endlich hielt ein Dritter eine Rede und sprach: „Wenn, meine Herren, jeder Ochse zwei Hörner hat, so wird mein erster Herr Vorredner auch zwei Hörner haben --“
Der Mann wurde mit einem „nichtendenwollenden“ Applaus unterbrochen; nach einer längeren Weile erst konnte er fortfahren: „Und wenn, meine Herren, der Thurm zur Ehre Gottes erbaut werden soll, so kann und darf das doch wohl nicht durch profane Mittel geschehen. Meine Herren! Jeder von uns kann auf die Brust schlagen und sagen: Mein Geld ist sündig! (Bravo!) Ich bediene mich nicht des schärfsten Ausdrucks, wenn ich sage, es wäre Gotteslästerung, aus solchem Stoffe dem Herrn einen Thurm zu bauen. (Sehr gut!) Mein Vorschlag ist daher folgender: Die Mittel zum Thurmbaue mögen nur durch schlichte, ungebuchte Beiträge frommer Seelen, durch Almosen beschafft werden. Ich stelle den Antrag, daß in der Kirche an jener Seite, wo der zweite Thurm sich erheben soll, ein Opferstock aufgestellt werde, in welchen der wohlhabende Mann frommen Sinnes seine Silberlinge, sowie die arme Witwe ihren Pfennig legen mag. Die Verwaltung der Opfercasse darf unbedenklich unserem ehrenwerthen Küster Thomas Reckenschlauch übertragen werden.“
Ueber solche Rede hätten sie den Antragsteller am liebsten allsogleich zum Burgermeister gemacht. Leider war das dritte Jahr des alten noch nicht um.
Der Opferstock für Spenden zum Bau des zweiten Thurmes wurde in der Kirche aufgerichtet; der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch wurde zum Cassenwart gemacht -- und so war der Same gelegt zum Thurme, der sich dereinst neben dem alten erheben sollte, oben mit einem Köpfchen, an welchem die Schwalben allerlei Narretheien und Liebschaften treiben, mit ein paar Glocken, die täglich dreimal zum Essen läuten, mit einer Uhr, die kurzen Tag und lange Nacht macht.
Das Ding keimte. Die arme Witwe kam mit ihrem Pfennig und der reiche Mann kam -- auch mit seinem Pfennig. Silberlinge sind zu profan für einen Thurm Gottes.
Der Küster waltete treu seines Amtes und war -- nebstbei gesagt -- nicht der Mann, der den Abelsberger in sich verleugnete. Die Kirche hielt er die längste Zeit des kurzen Tages sorgsam geschlossen -- stand ja doch der „goldene Hirsch“ offen zu jeglicher Stunde. Jener goldene Hirsch, den der wackere Küster einmal in einer sinnigen Rede verherrlicht hatte: „Der Hirsch gemahnt an uns selbst, die wir uns sehnen nach dem Kruge, wie der Hirsch nach der Quelle. Das Goldene an dem Hirschen versinnlicht uns, daß der Wirth zum „goldenen Hirschen“ eitel Gold begehrt von seinen Hirschen, denen, während sie im Hirschen sitzen, daheim von den Weibern bisweilen die Geweihe aufgesetzt werden. Darum lebe der Hirsch! Er lebe hoch!“
Der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch trug an seinen Geweihen eben nicht schwer -- ihm war das Trinken schon lieber, als das Küssen -- so trank er und trank wie ein Abelsberger.
Da geschah es eines Abends, oder vielmehr eines Morgens, als es -- wie er so schön sagte -- „vom Zechen zum Blechen kam,“ daß er sein Geldbeutelchen vermißte. Gottswahrhaftig, das lag daheim bei seinem Weibe. Bevor er aber noch den „goldenen Hirschen“ um einen Credit angehen will bis auf morgen -- eigentlich nur bis auf heute -- bis er nach Hause geht, sich ausschläft und wiederum kommt -- entdeckt er in seiner Hosentasche das Opfergeld für den Thurmbau, das er Tags zuvor erst aus dem Opferstock genommen hatte, wie er es allwöchentlich zu thun pflegt. Das reicht für die Zeche -- es bleibt sogar noch etwas übrig.
Was? Uebrig bleiben? Nein, das läßt sich ein Abelsberger nicht nachsagen. Was nützt die Thurmspitze, wenn der Thurm versoffen ist! „He, Wirthshaus! Frisch eingeschenkt, wir bleiben sitzen.“
Und als es morgen ward und der letzte Knopf vertrunken war -- der letzte Knopf vom Thurmgeld -- da stand der Küster Thomas Reckenschlauch auf. That aber nicht gut daran, denn auf der Stelle wollte er wieder umfallen. Indeß, es ging und der Weg schräg über den Kirchplatz hin war nicht zu verfehlen. Anfangs allerdings hielt sich der Küster etwas zu sehr rechts, um später ein bißchen zu viel nach links abzuschwenken. Als er mitten auf den Platz kam, blieb er stehen, so gut es ging und starrte auf den Kirchthurm hin und begann zu kichern. -- „’s ist richtig“, stammelte er, „das Thurmgeld -- er steht schon -- der zweite. Ach -- der Tausend, was das schön ist! Ganz wie in Neudorf! Hi, hi! Zwei Thürme auf der Abelsberger Kirchen!“
Und taumelte entzückt nach Hause.
Eine angenehmere und billigere Bauart giebt’s nicht. Und nachdem nun der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch die Entdeckung gemacht hat, wie man in Abelsberg Thürme baut, so soll es nicht allzuselten geschehen, daß er sein Geldbeutelchen beim Weibe daheim läßt und zufällig immer nur die Wochenausbeute vom Opferstock im Sack hat -- und daß er dann beim Nachhausegehen regelmäßig auf der Kirche den zweiten Thurm neben dem ersten stehen sieht.
Und der Küster räth es Jedem, der in Abelsberg zwei Thürme haben will: „Geh’ hin und thu’ desgleichen!“
Zu Abelsberg beim Spielchen.
Sollte es zwar nicht erzählen, denn ich hab’s nicht gesehen. Sie schlossen sich dabei ein -- der Herr Pfarrer von Abelsberg und sein Bruder, der Hochbergreichhofer. In der Oberstube saßen sie und ließen sich’s gut geschehen und spielten Karten. Aber nicht etwa ein verbotenes Spiel! -- i bewahre -- beim Pfarrer! „Brandeln“, „Zwicken“, ein wenig „Mauscheln“ mitunter, das war der Zeitvertreib.
„Na, ich dank’ schön für einen solchen Zeitvertreib!“ sagt zwar der Hochbergreichhofer, kommt aber nichtsdestoweniger jeden Sonntag von seinem Berg herab, läßt sich zur Jause laden, versitzt den ganzen Nachmittag bei seinem Herrn Bruder und verspielt jedesmal sein ganzes Geld.
Hingegen muß er stets auf dem Ehrenplatz sitzen, an der Wand auf weicher Lederbank, während der Pfarrer ihm gegenüber mit dem Holzstuhl fürlieb nimmt. Und hernachen -- wie schon angedeutet worden -- ganz abgeschlossen waren sie doch nicht von der Welt. Die Köchin durfte in die Oberstube -- und das lohnt sich im Pfarrhof immer, denn mit leeren Händen erscheint so ein Frauchen selten. Sie ist ja Herrin der Küche und von Allem was dazu gehört, und an ihrem Schürzenband hängen die Kellerschlüssel. Was also den alten Wein anbelangt -- er war ein Jahrgänger mit dem Hochbergreichhofer, der in dem gesegneten Vierunddreißiger-Jahr zu dieser Welt gekommen war -- und was die gut geräucherten Schinken betrifft und den Gugelhupf und den Kaffee, und dann den wohlgetrockneten Knaster, den sie aus langen Pfeifen rauchten, so konnte der brave Hochbergreichhofer das Sonntagsspielchen bei seinem Herrn Bruder nimmer missen. Mit Speis’ und Trank suchte er sich, so gut es ging, zu entschädigen für die Zwanziger, die aus seinem weltlichen, hundsledernen Geldbeutel allzu frommen Sinnes dem geistlichen Herrn zusprangen. Der Hochbergreichhofer hatte doch das Kartenspielen von Jugend auf getrieben und war nicht arg dabei zu Schaden gekommen. Aber im Pfarrhofe versagte ihm das Glück.
Trotzdem ging er jeden Sonn- und Feiertag zum Nachmittagssegen und machte nach demselben den kleinen Besuch beim Herrn Bruder, den er erst spät Abends häufig mit etwas verrücktem Schwerpunkte verließ.
„Grüß’ Dich, grüß’ Dich, Bruder!“ empfing ihn der Pfarrer, „setz’ Dich doch auf Deinen Platz.“
„Aber immer auf dem Polstersitz, nein, Bruder, das geht doch nicht; der geistlichen Weih’ gehört die Ehr’ zu!“
„Bitte, Du bist der Gast! Nur keine solchen Umstände!“
So oftmals der edle Wettstreit, bis endlich Jeder stets wieder auf dem alten Fleck saß bei der Gottesgab und beim Gebetbuch des Teufels, wie der Herr Pfarrer die Spielkartenblätter nannte. Und wenn dann das gut gebratene Schweinerne kam, so schob der Pfarrer Messer und Gabel hin und rief: „Bruder, stich die Sau!“ Das that der Hochbergreichhofer wohl hier in Natur, aber in den Karten vermochte er’s selten. Oft genug kam ihm ein guter Trumpf in die Hand, aber der geistliche Herr spielte mit so schlauer Berechnung, daß der Bauer einmal rief: „Du, Herr Bruder, geistlich Weih’ ausgenommen, Du hast falsche Karten!“
„Lapp!“ lachte der Pfarrer, „das kannst ja anders machen. Nimm für’s nächstemal +Deine+ Karten mit.“
„Das ist eine Red’.“
„Aber, was ich Dir sagen wollt’, Bruder. Am nächsten Sonntag geh’ nicht in die Predigt, ich rath’ Dir’s.“
„Ja, hörst, wesweg soll ich denn nicht in die Predigt gehen?“
„Weißt Bruder, nächsten Sonntag ist das Evangeli von dem ungerechten Haushälter und da muß ich einmal gegen das Kartenspielen predigen. Die Leut’ wissen Deine Passion, kunnt Dir unangenehm sein in der Kirch’.“
Ging der Hochbergreichhofer also nicht in die Predigt; die Leute aber sagten nach derselben: „Scharf ist’s niedergangen heut’, höllisch scharf, und seinen Bruder hat er gemeint. Ist er nicht in der Kirch’ gewesen, der Hochbergreichhofer?“
Der aber ging wie gewöhnlich zum Nachmittagssegen und hatte richtig sein eigenes Spielkartenbüschel bei sich. Er traute dem Herrn Bruder nicht mehr recht; der hatte beim Spiel auch immer einen so schiefen Blick, sah ihn an und sah doch wieder an ihm vorbei -- ein rechter Judasblick, die geistlich’ Weih’ in Ehr’!
Und als er in die Stube trat, rief der Pfarrer: „Na, grüß’ Dich, Bruder, setz’ Dich wieder auf Dein Platzl. Hast Karten bei Dir?“
Sie spielten mit den Karten des Hochbergreichhofers; der Pfarrer hatte wieder den schielenden Blick, der dem Partner wohl über die Achsel, aber nie in’s Auge sehen konnte, und der Bauer verlor, wie immer.
Da kam diesem plötzlich der Zorn: „Was schaust mir denn nicht in’s Gesicht, Pfarrer? Hast ein schlechtes Gewissen?“
Zum Glück kam in diesem Augenblick die Köchin mit dem gebratenen Huhn. Sie war noch ein recht reputirliches Frauenzimmer und allerweil woltern nett angezogen. Heute hatte sie gar eine Pfingstrose im Haar, that einen Blick über den Hochbergreichhofer hin an die Wand und ordnete die Rose.
Was denn da ist, an der Wand? dachte der Bauer, wendete sich und sah -- den Spiegel.
Die Faust mit dem Kartenfächer fest auf den Tisch gepreßt erhob er sich langsam -- starrte in den Spiegel, in welchem sein ganzes Kartenspiel offen lag -- starrte dem Pfarrer in’s Angesicht und murmelte: „Jetzt, Herr Bruder, jetzt bin ich gescheit. Ja, hörst, wenn Du einen Kameraden hast, der mir in die Karten schaut, nachher -- nachher glaub’ ich’s gern!“
Der geistliche Herr that einen schreckhaft lauten Lacher. „Endlich!“ rief er, „endlich einmal! Na, Zeit ist es, daß Du gescheit worden bist. Hättest mir aber noch eine Weil’ stillgehalten unter dem Spiegel, wär’ mir nicht unlieb gewesen, hätten +von+ Deinem Gelde noch lange gut gegessen und getrunken.“
„Und wär’ Dein Spitzbubenstückel +gar+ nicht aufgekommen, so wär’s Dir noch lieber gewesen!“ sagte der Hochbergreichhofer.
„Geh’, gift’ Dich nicht!“ rief der Pfarrer und lachte noch immer, „laß’ uns jetzt essen und trinken, heut’ wird es das letztemal sein, daß Du die Jause zahlst.“
Ein Abelsberger Kalbskopf.
Der Tabak-Simerl lehnte an seinem Tabakskasten und hatte -- gestehen wir’s offen, denn es läßt sich nicht leugnen -- einen Rausch. Auf dem Kasten stand eine Flasche, die sich in dem Verhältnisse, als sie geleert worden war, verdoppelt hatte, so daß sie jetzt dastand -- zwei in eins und eins in zwei -- wie die siamesischen Brüder.
Es war zwölf Uhr Mittags. Da schellte es an der Thür. Der Postbote trat ein und überreichte dem Tabak-Simerl ein Briefchen. Der Simerl that’s mit umständlicher Mühe auseinander und las nicht ohne Umstände:
„Lieber Freund und Simerl!
Bei uns ist gemetzgert worden. Erweis’ mir die Ehr’ und komm’ heute Mittags 11 Uhr zu mir zum Kalbskopf.
Mit Grüßen
Jakob K. Bäckermeister.“
„Das ist schön von ihm,“ dachte oder sagte der Simerl zu sich, „daß er mich zu seinem Kalbskopf einladet. Aber um +eilf+ Uhr, und jetzt ist’s schon +zwölf+! Du verfluchte Post! Ob er mir’s nicht zu Fleiß thut, dieser sikraments Postschreiber, dieser neue, der mir jetzt auch schon den Tabak wegnehmen will, und gar anhebt die Leut’ zu rasiren, mir zu Trutz ihnen das letzte Haar auskratzt mit Putz und Stingel, daß gar kein’s mehr wachst, und ich verdursten kann, wie ein Schwamm auf dem Ofen; zu Fleiß, daß er mir meine Briefe alle verspätet zuschickt. Keinen rostigen Pfennig verwett’ ich, er unterschlagt mir auch noch welche. Dem thu’ ich noch was an! Vor der Hand soll er’s jetzt erfahren, wie’s taugt, wenn man gefoppt wird. Einen Narren muß er mir machen, und giften muß er sich heut’, und ausgelacht muß er werden vom ganzen Dorf. Ich thu’ ihm’s an, oh, ich bin nicht so dumm!“
D’rauf setzte er sich hin und schrieb an den Postbeamten folgende Zeilen:
„Lieber Postschreiber!
Bei uns ist gemetzgert worden. Erweisen mir die Ehr’ und kommen heut’ Mittags um 1 Uhr zu mir zum Kalbskopf.
Mit Grüßen
Jacob K. Bäckermeister.“
Vor dem Fenster ging gerade ein Söhnlein des Bäckermeisters vorüber, das rief er an: „Du Bübel! Du gehst ja an der Post vorbei. Gelt, Du bist so gut und giebst mir den Brief geschwind dem Postschreiber hinein. Da hast einen Kreuzer, der gehört Dein.“
Das Knäblein lief mit dem Briefchen zum Postbeamten. Der Tabak-Simerl lachte sich in die Faust.
Und als es Eins geschlagen hatte, ging er hin und schlich um das Haus des Bäckers Jacob und lugte durch das Fenster, wie dumm der Postschreiber dastehen werde, wenn er zum Kalbskopf erscheine und hören müsse, der Kalbskopf sei schon vor zwei Stunden verspeist worden, auch wäre der Postschreiber gar nicht dazu geladen gewesen.
Aber als der Simerl durch’s Fenster guckte, da sah er, wie der Bäcker Jacob und der Postbeamte in heiterster Laune beim Kalbskopf und beim Weine saßen.
„’s ist einmal gedeckt für einen Zweiten,“ lachte der Bäckermeister, „und ist’s der Eine nicht, so ist’s der Andere. Und will ich’s aufrichtig sagen: Sie, Herr Postmeister, sind mir lieber als wie der alte besoffene Griesgram. Aber, wissen Sie was, machen wir Bruderschaft: Sollst leben!“
Lustig stießen sie an und der Simerl zog mit langer Nase ab. Er konnte sich das Ding gar nicht zurechtlegen. Noch einmal las er seine Einladung zum Kalbskopf, und nun klärte sich’s auf. Da stand’s ja schwarz auf weiß, genau, wie er’s selbst dem Postschreiber geschrieben hatte: „Erweis’ mir die Ehr’ und komm’ heute Mittags um 1 Uhr --“
Wie der Irrthum möglich war? Der Tabak-Simerl hatte in seinem Dusel den Einser +doppelt+ gelesen.
Diesen Kalbskopf vergißt er nimmer, man könnte sagen: er liegt ihm im Magen, trotzdem, oder eben, weil ihn ein Anderer speiste; aber nein, der Simerl hat eher das Gefühl, als wie wenn ihm das Ding auf den Schultern säße. -- In solch’ ungewissen Stunden schleicht er hinab zu seinem Kellerfäßchen und entschädigt sich mit
„Trinken, trinken, Bis die Aeuglein sinken.“
Die Abelsberger der Majestät.
„Geschehen muß was!“ sprach der Vorstand im hohen Rathe zu Abelsberg, „denn warum muß was geschehen? Weil uns oberen Orts ist kundgemacht worden, daß sie in drei Tagen durchfährt. Sie hat’s gern, wenn was ist, und von den Abelsbergern wird was erwartet.“
„Aber was! Ich hab’ noch keinen blassen Nebel davon,“ rief der Hirschenwirth, „ist Dir was eingefallen, Vorstand?“