Feierabende: Lustige und finstere Geschichten
Part 10
Der Schwiegersohn wußte wieder nicht, sollte er sich ärgern oder freuen darüber, daß der Alte seinen Silberschatz gewissermaßen in Belagerungszustand versetzt hatte, doch kam der Sammel auch hierin wieder folgendermaßen in’s Reine: Der Schatz ist sicher unter dem Steinhaufen, aber er ist noch sicherer, wenn neben dem Steinhaufen wer wohnt. Nur zu wissen braucht er nichts davon, mein lieber Schwiegervater, der Branntweinbrenner. -- Der Sammel fürchtete nur Eins: es könnte der Fok auf dem Steinhaufen einmal ein blaues Flämmlein sehen, oder ein geisterhaftes Winseln hören, wie derlei an Stellen, wo Geld vergraben liegt, gern vorkommt. Er fragte daher den Branntweinbrenner einmal: „Glaubt der Vater Fok an Geister?“
„Freilich,“ antwortete Jener, „ich leb’ ja davon, und -- nimmt man’s recht, Du auch.“
„Und was denkt Er über der Leut’ Reden von vergrabenen Schätzen?“
„Narr!“ rief der rothe Fok, „wer wird denn seinen Schatz vergraben! Vor Zeiten hat man’s gethan; heutzutag braucht Jeder den seinen im Haus.“
Der Sammel war beruhigt. -- Der Alte weiß nichts von seinen Silbernen in der Erde. -- Er, der Sammel, kam zwar auch nicht zu ihnen, denn der Fok ist fast immer zu Weg und der Steinhaufen läßt sich heimlich nicht so leicht abtragen. -- So mag das Geld in Gottesnamen ruhen bis auf spätere Zeiten. Der Graben-Sammel braucht’s jetzt ja nicht; er verdient sich, sie verdient sich und jedes Jahr kriegen sie ein Sümmchen vom Schwiegervater.
’s ist eine prächtige Ehe. Ein paar Kindlein rücken an, sie brauchen nicht barfuß zu gehen. So lieb ist’s, wenn sie mit ihrer Mutter auf’s Feld trappeln, und sie weist ihnen die Frucht, die aus der Erde herauf steigt, wo sie vor Monaten begraben worden war. Das Vöglein pickt noch Korn auf. Die Marianka ahnt nichts von einem zu tief vergrabenen Korn, das ein schlauer Vogel ausgehoben und auf fruchtbares Erdreich gebracht hat. Des Sonntags, wenn das Ehepaar in die Kirche geht, sieht es ganz stattlich aus und der Pfarrer stellt es als Muster allen Eheleuten auf. Zu einem guten Theil war es wohl der jährliche Geldbetrag, der das Glück in’s Grabenhäuschen brachte, indem er davon die Noth und den Kummer verbannt hielt. Die Leutchen arbeiteten und sparten, sowie es der Sammel gewohnt war und die Marianka gelernt hatte, und wäre das insoweit eine ganz moralische Erzählung.
Im neunten Jahre ihrer Ehe sagte der Sammel einmal zu seinem Weibe: „Was ich ein Narr war, daß ich Dich ohne Geld nicht hab’ nehmen wollen! Du bist ein treues Weib, ein arbeitsames, ein häusliches Weib, eine rechtschaffene Mutter. Du bist mein Schatz und einmal will ich Dir noch eine rechte Freude machen. Marianka, ich habe ein Geheimniß -- noch von meiner Junggesellenschaft her.“
Die Marianka erschrak. Aus seiner Junggesellenschaft? Das kann was Sauberes sein. --
Der Fok war betagt geworden. Stundenlang saß er auf dem Steinhaufen und sein rothes Haar wurde fahl, und seine Wangen waren noch roth, wenn die Enkelkinder spielten am Steinhaufen zu seinen Füßen.
„Ihr Kinder,“ sagte er einmal, „was wird’s sein, wenn Euer Aehndl (Großvater) nicht mehr dasitzt auf der Wacht, wenn Euer Vater die Steine auseinanderwirft?“
Einige Tage nachher war er gestorben, war todt gefunden worden draußen im Walde und auf der Bahre heimgetragen und begraben.
Gestorben, begraben -- und von dieser Zeit an blieb das Jahrgeld aus. Der Fok hatte nichts hinterlassen, als die Bretterhütte, die armselige Schnapsbrennerstätte und ein paar alte Plutzer.
Da dachte der Sammel: Wie gut es ist, wenn man sein Erspartes hat! Jetzt will ich meinem braven Weibe die Freude machen.
Und eines Abends nahm er den Spaten und den Korb und sagte zu ihr: „Also jetzt geh’ ich!“
„Wo willst denn heut noch hin?“
Da war er schon davon. In der Vollmondnacht ging er zur Söllertann’, warf den Steinhaufen auseinander, grub die Erde auf -- sie lag nicht allzufest, doch gab’s ein schweres Stück Arbeit. Schon klang der Finkenschlag aus der Tanne und der Sammel war noch immer nicht beim Topf. Er verdoppelte seine Hast, bohrte tiefer und tiefer -- und wenn er durch die ganze Weltkugel ein Loch graben muß -- der Sakermenter wußte, daß sie rund ist -- er giebt’s nicht auf, bis er den Schatz gefunden. Endlich, als über dem fernen Waldessaum das Morgenroth glühte, war der Schatz erreicht.
Dieser fand sich gut verwahrt und mit Harz verklebt, aber als ihn der Sammel hob, war er schreckhaft leicht. Mit zitternder Hand riß er den Deckel herab, und siehe -- siehe -- alles Silber war dahin.
Hingegen aber!
Hingegen lagen im Topfe nagelneue Banknoten -- nagelneue, die erst vor wenigen Monaten in Umlauf gekommen waren. -- Und als sie der Sammel in wirrer Aufregung zählte und wieder zählte, da gaben sie eine bedeutend höhere Summe, als jene des Silbers gewesen war. Und tief unten auf dem Boden des Topfes lag ein beschriebener Zettel:
„Mußt mir schon verzeihen, Schwiegersohn, daß ich von den Jahreszinsen Deines eigenen Geldes die Aussteuer meiner Tochter bestritten habe. Ich selbst bin arm wie eine Kirchenmaus, und Euch Zwei hätte ich doch gern glücklich gesehen. Ganz sind die Zinsen darauf nicht hingegangen, den Rest lege ich hier in den Topf zum Capital, das durch den Austausch des Silbers um’s Papier selbst eine größere Ziffer bekommen hat. Der Topf ist neun Jahre lang leer gewesen. Ich hätte anstatt der Banknoten auch das Sparkassebüchel hineinlegen können, aber Du weißt etwan gar nicht, was das ist, und hättest es im Zorne können vertilgen. -- Schwiegersohn, treib’s fort, wie ich’s getrieben habe, laß’ das Geld wachsen, es arbeitet für Dich und Deine Kinder, und sei nicht übel auf den alten Fok, der es gut mit Euch gemeint hat.“
„O, du alter, siebendoppelter Fuchs! Hast Du mich aber was zum Narren gehalten!“ brummte der Sammel, und in demselben Athem: „Na, vergelt’ Dir’s Gott, vergelt’ Dir’s Gott!“
Das Loch warf er mit Steinen voll; die Banknoten trug er heim zu seinem Weibe: „Siehst Du, daß ich mein Erspartes hab’!“
„Jeses und Josef, wie +so+ denn?!“
„Verliehen war’s!“
Und hat sie in dem guten Glauben belassen, als wäre ihre Aussteuer die heilige Ersparniß ihres Vaters gewesen.
Wer heute freien mag, ich rathe ihm des Graben-Sammel’s älteste Tochter an, eine Brave, Saubere -- Eine mit Geld!
Die Abelsberger Chronik.
Der Burgermeister von Abelsberg.
Das Jagdrecht ist eine prächtige Sache; aber ich kenne viele Grundbesitzer und Gemeinden, die es nicht ausüben. Es leite die Jagdlustigen von der Berufsarbeit ab -- sagen sie -- es verführe die Jugend zum Müßiggang, und die kostspielige Passion wäre nicht so bald mehr aus dem Kopf zu bringen; es verlocke zur Uebervortheilung des Nachbars, gar zu Diebstählen, und es koste manchem ungeschickten Schützen seine gesunden Glieder oder die eines Anderen. Und schließlich ginge bei willkürlicher Selbstbenützung der ganze Wildstand zugrunde. Sie verpachten daher das Revier und zahlen mit dem Pachtschilling ihre Steuern.
Die Abelsberger denken nicht so; sie sind viel zu liberal. Die Abelsberger haben in ihren Wäldern gejagt, so lange noch das Pulver nicht hätte knallen sollen; und sie sollten es jetzt unterlassen, da es krachen und ganz ungenirt von allen Wänden wiederhallen darf? Nein. Die Abelsberger üben das Jagdrecht selber aus. Es gibt kein höheres Fest, als wenn sie Jagdtag haben; da setzt’s Hallodria, Räusche, Püffe, Abenteuer, kurz alles Mögliche, nur kein Wildpret. Das Wildpret haben die Wildschützen in Sicherheit gebracht.
Ach, die Wildschützen, die sind eine Landplage für die guten Abelsberger. Der Gemeindevorstand -- sie heißen ihn „Burgermeister“ -- der Burgermeister also und sein Bursche mögen noch so streng sein -- es hilft nichts. Und wollten sie die Wilddiebe alle einsperren, so -- -- wären in Abelsberg ’leicht die bravsten Leute die längste Zeit auf Viehhandel aus oder auf Kornkauf oder auf Wallfahrten oder auf sonst was; und so -- munkelt man -- könnte es sich zutragen, daß eines Tages die Kinder keine Schule hätten und daß zum Sonntag der Gottesdienst ausbliebe, weil -- der Herr Pfarrer verreist.
’s ist eine böse Sach’, und der Burgermeister, ein Ehrenmann über und über, bricht in ein gräßliches Fluchen aus, wenn eine Gesellschaftsjagd schlecht ausfällt, und der ganze Gemeinderath flucht mit, daß, von den Flüchen mehr erschreckt als von den Schüssen, allenfalls ein allerletztes Häslein noch eilig über die Grenze setzt.
Jagdaufseher war der Gemeindediener, aber der Gemeindediener war nicht mehr sehr gut zu Fuß, denn im rechten Bein hatte er die Gicht, und das linke war ihm vor Jahren in Böhmen abgeschossen worden. -- So war’s voreh’; dann ist’s anders geworden.
Es war weise vom Burgermeister, als er eines Tages im Rathe folgendermaßen das Wort ergriff: „Daß ich sag’, nach meinem Versteh’n: Die Jagd, verpachten thun wir’s nit; denn wegen warum? Unsere Buben werden Soldaten, die müssen das Schießen lernen!“ Patriotisch war er immer, der Abelsberger Vorstand; und dann fuhr er fort: „Aber das sag’ ich, nach meinem Versteh’n, einen schärferen Jagdwachter müssen wir haben. Ich rath’, wir lassen einen Militärsmann kommen, einen Ausgedienten; so Einer ist respectabel und kann laufen. Die Gemeindedienerei betreibt er uns auch; so Einer ist pünktlich und kostet nicht viel. Ich sag’, wir machen Ja darüber.“
Sie machten Ja darüber.
Etliche Tage nachher trat der Soldaten-Schorsch das Amt an. Er war ein Veteran, kernfrisch und baumstark und feinschneidig, schleppte einen langen klirrenden Säbel -- Gemeindegut -- und trug einen wuchtigen Schnurrbart, der keck aufgespitzt war, wenn sich der Mann in guter Laune befand, der aber schauderlich zerzaust sich über die Backen hinaussträubte, wenn der Mann wild war; und wenn er in’s Fluchen gerieth, da standen selbst den Abelsbergern die Haare gegen Himmel. Das war nun der neue Gemeindediener und der „Jagdwachter“.
„Daß Er’s weiß, Schorsch,“ redete ihn der Burgermeister bald nach der Aufnahme an, „wenn Er seine Sach’ in Ordnung hält, so kommen wir gut miteinander ab. Wird sich bei mir nit zu beklagen haben. Einmal hat Er die Kanzlei rein zu halten; unter dem verwichenen Diener ist meine Stube da fortweg ein Schweinstall gewesen. Weiters hat Er die Gemeindeschriften zu vertragen. Um Mitternacht, wenn Sperrstunde ist, muß Er von Wirthshaus zu Wirthshaus gehen. Ist wo ein Raufhandel, so muß Er dabei sein. Die freie Zeit muß Er im Wald umgehen, und das mag Er sich hinter die Ohren schreiben: wenn ein Stück Wildpret fehlt, so wird Er darum hergenommen. Wenn Er einen Wildschützen sieht, einfangen! Und ist’s wer immer, hört Er, Schorsch, ist’s wer immer -- einfangen und in den Arrest treiben. Verstanden?“
Der Schorsch legte seine Hand an das Ohr, dann schritt er kerzengerade und mit rasselndem Säbel davon.
Versah sein Amt gut, der neue Gemeindediener. Er reinigte die Kanzlei, daß sie blank wie eine Wachtstube war; er „vertrug“ die Schriften, anfangs freilich einigemale ganz buchstäblich; zur Sperrstunde ging er in die Wirthshäuser, wo ihn sogar mehrmals der Burgermeister einlud, an seinem Tische Platz zu nehmen, und bei jedem „Raufen“ war der Schorsch dabei. Bei solcher Pflichttreue verfehlte der leutselige Vorstand nicht, seinem neuen Diener mitunter einen freien Tag zu gönnen, an welchem sich derselbe nach Wunsch und Wahl gütlich thun konnte.
An einem solchen Tage im Herbste war es auch, daß der Schorsch, nachdem er sich vom Dienste losgemeldet hatte, mit einer gewaltigen Commißpfeife zwischen den Zähnen, gelassen in den Wald hinaus schlenderte. Er ließ sich gehen, und wenn er aus dem großen Tiegel schmauchte, so wichen ihm vor den Häusern auch die Bauern nicht aus. Wenn der Mann sonst aber im Soldatenschritt einher marschirte, die Zähne aufeinanderbiß und mit den finsteren Augen dreinstach, da hatte er gefährliche Steuerbogen in der Tasche.
Heute hatte er den Schnapsplutzer drin, und damit strich er in den schattigen Wald hinaus. -- Wenn ich einen Hirsch sehe, dachte er bei sich, so macht mir das Spaß, und sehe ich einen Wilddieb, so bin ich auch heute der Diener meines Herrn.
So stieg er immer weiter durch die Wälder hinan und in die Wildniß hinein. Und als er gegen eine hohe Felswand kam, an welcher wilder Epheu emporrankte, an welcher hoch das knorrige Nest eines Habichts klebte, fand der Schorsch die Wand so romantisch, daß er sich in ihrem Schatten niederließ und seinen Plutzer entkorkte. -- Es wäre ein anmuthiges Stündchen geworden, da hörte er plötzlich einen Schuß.
Sofort war der Soldat auf den Beinen. Den Säbel hob er empor, daß er nicht klapperte im Gestein und Gewurzel, und so schlich er der Richtung zu, in welcher der Schuß gefallen war.
Nach einigem Suchen fand er was. Im Waldesdunkel kauerte ein Mann und weidete einen erschossenen Rehbock aus. Und der Mann war der Burgermeister von Abelsberg. -- Wie? Ist denn heute Jagdtag? fragte sich der Schorsch. Kreuz-Bomben und Mordsstern, heute ist +nicht+ Jagdtag. Halt, Kerlchen, wir Zwei werden näher bekannt. -- Aber es ist ja der Burgermeister! -- rief in ihm eine andere Stimme. -- Thut nichts, dachte sich der Gemeindediener wieder, wer wildert, ist ein Wilddieb. Was er sonst noch ist, ist mir alleseins. Das Schießen ist jetzt nicht erlaubt; gestern erst hat der Vorstand das neue Verbot ausgeschickt. Und thät er’s redlich, so brauchte er das Gewehr nicht zu zerlegen, das dort stückweis im Busche steckt. Ah, mein Herr, desweg hast Du heute den Wildwächter beurlaubt! Nun, wollen anfangen. -- Wenn’s aber der Burgermeister selber ist! warnte noch einmal die andere Stimme. -- Halt! flüsterte der Schorsch, und stemmte seinen Zeigefinger mitten auf die Stirne hin. Hat er mir nicht selber eingeschärft, der Ertappte sei +wer immer+: einfangen! -- Des höllischen Satans will ich sein, wenn das nicht eine Falle für mich ist. Er hat mich abgespäht und will versuchen, ob ich ein treuer, unbestechlicher Bursche bin. Nicht aufsitzen, Schorschl! Fein angespielt! Nur nicht aufsitzen!
Etliche Secunden später schlug der Gemeindediener dem eifrig fleischernden Vorsteher keck die flache Hand auf die Achsel: „He da!“
Fast kollerte der Wilderer vor Schreck über und über.
„Aufstehen!“ commandirte der Soldat, „wir gehen mitsammen.“
„Aber, Schorsch, aber Schorschl!“ stotterte der Ertappte, „es ist ja -- es war ja --“
„Rehbock über die Achsel! Flink!“ rief der Diener mit schneidiger Stimme.
„Na, so thu’ Er -- hi, hi -- -- thu’ Er doch die Augen auf, Schorschl!“
„Ich mach’ keinen Unterschied.“
„Aber -- Er sieht’s ja, hi hi, ein Spaß, ein kleiner Spaß --“
„Im Namen des Gesetzes arretirt!“
„Aber, so mach’ Er keine Dummheiten, Schorsch!“
„Marsch!“
„Hör’ Er! Das verbitte ich mir!“
„Ich brauche Gewalt!“ knirschte der Wildwächter und griff an den Säbel. Aus seinen Augen funkelte der Zorn, unter seinem zerfetzten Schnurrbart wirbelten die haarsträubendsten Flüche hervor.
Im Cabinet, in der Kanzlei ist der Gescheitere Herr; im Walde ist’s der Stärkere. Höhergestellte, einflußreiche Personen lassen sich bisweilen erbitten, aber ein so alter Soldatenkerl ist nicht zu bestechen. Die Feder sträubt sich, es zu schreiben, daß der Herr Burgermeister von Abelsberg als eingefangener Wilddieb mit dem Gemeindediener Schorsch gehen und den Rehbock selbst auf dem Rücken mitschleppen mußte.
Der Vorstand machte mehrmals unterwegs die unglaublichsten Versuche, sich aus dem Arg zu ziehen. Mit dem Ausreißen und Fliehen war’s ein- für allemal nichts, denn der schwere Bock war ihm so fest auf den Buckel geschnallt, daß der solcher Strapazen ungewohnte Mann froh sein mußte, wenn ihn das heillose Thier nicht zu Boden ritt. Mit Drohungen richtete er nichts aus; dabei blieb der Schorsch ganz gleichmüthig; ist’s eine Falle für mich, dachte er, so darf ich nicht eingehen, und ist der Herr Vorstand ein wahrhaftiger Dieb, so muß ich ihn stellen. Da versuchte es der Arretirte mit Versprechungen; hundert Stück feine Cigarren für’s Erste; eine goldene Sackuhr für’s Zweite; und endlich, da sie dem schönen Abelsberg immer näher kamen, seine älteste Tochter für’s Dritte. Die Folge davon war, daß der Soldat in Wuth ausbrach und mit geballter Faust dem Rehbock einen solch’ derben Schlag versetzte, daß der Burgermeister darunter taumelte.
Und als sie endlich zur Linde kamen, wo die ersten Häuser von Abelsberg anheben, blieb der Vorstand stehen, klopfte mit steifem Arm dem Gemeindediener auf die Achsel und lächelte: „Brav, Schorschl! Er hat die Prüfung glänzend bestanden, Er ist ein wackerer Mann; Er ist bei uns sein Lebtag lang versorgt.“
„Wohl,“ schmunzelte der Soldat, „’s hat aber auch Müh’ gekostet, und deswegen möchte ich eine Zeugenschaft haben, daß die Sach’ pflichtgetreu ausgeführt worden ist.“
„Ei, das werde ich Ihm gern bestätigen und die Abelsberger wissen ja vom Jux; aber die Schulkinder dürfen uns so nicht sehen, weiß Er, die Kinder -- des Respectes wegen, versteht Er?“
„Mit Verlaub!“ sagte der Schorsch gemessen, „die Schulkinder sollen es wissen, daß in Abelsberg auch der Burgermeister eingesperrt wird, wenn er stiehlt. -- Marsch!“
Mitten durch den Marktplatz trieb er den wankenden Vorstand dem Gemeindehause zu. Bald waren sie umrungen von lärmendem, höhnendem Volke. Einige Gemeinderäthe eilten herbei; vor diesen salutirte der Schorsch:
„Vermelde gehorsamst, daß ich hier einen Wilddieb eingebracht habe!“
Bei der Sitzung sahen sich die Väter der Gemeinde mit großen Augen an und murmelten: „So hätt’s uns auch geschehen können. -- Der Soldaten-Schorsch ist ein prächtiger Kerl, den müssen wir bei seinem Regiment recommandiren. Abelsberg ist für ihn kein Platz.“
Und am nächsten Tage ist der Rehbock verzehrt worden im Festsaale des Gemeindehauses. Noch lange werden die Abelsberger von ihrem Burgermeister sprechen, „der sich herabgelassen, auf eigene Rechnung und Gefahr die Rechtschaffenheit eines Jagdwachters zu erproben“.
Der Burgermeister ist mit solcher Lösung zufrieden.
Der Brückenwirth zu Abelsberg.
Der Brückenwirth zu Abelsberg war ein etwas heruntergekommener Mann; nicht sowohl weil er früher oben auf der Hirschau das große Bauerngut besessen hatte und jetzt herunten an der Brücke Haus hielt, als vielmehr weil das Hirschengut voll Reichthum gewesen war, während das Brückenwirthshaus halb im Wasser und ganz in Schulden stak.
Das Wasser thut’s freilich nicht, würde Martin Luther gesagt haben. Ich bin nicht so gelehrt, wie der Martin Luther, sage aber kühnlich: Der Wein thut’s auch nicht immer. Der Brückenwirth hatte Wein, ja sogar sehr viel Wein getrunken, aber für ihn lag im Weine nicht die Wahrheit, sondern die Armuth.
Herabgekommen, blutarm, voll von Schulden, Saufaus! das waren so die Bezeichnungen, unter denen der Brückenwirth schmachtete. Ja, schmachtete! Wie konnte er so viele Schulden haben? Seit er den Hirschenhof verkauft und das Wirthshaus gepachtet hatte, wollte ihm kein Mensch was borgen. Ihm fehlte nur Eins, um ein wohlhabender Mann zu sein -- der Credit.
Der Kaufmann in Abelsberg hatte kein anderes Capital, als den Credit, aber der betrieb sein großes weitverzweigtes Geschäft, das trug ihm Zinsen und er war ein reicher Mann, eine Stütze der Gemeinde, ein Förderer der Künste, ein Weltmann, der lebte und leben ließ. Der Brückenwirth wußte, daß er um keinen Heller weniger besaß, als der reiche Kaufmann, daß er aber trotzdem ein Bettler war. Solches legte er sich so nahe an’s Herz, daß er vor Schwermuth in eine harte Krankheit verfiel.
Dem Arzte vertraute er’s, daß die Welt doch schön sei, und daß er nichts so ungern thue, als sterben. Der Arzt versetzte, er solle daran nicht denken, er, der Doktor, wolle seine Schuldigkeit schon thun.
Aber der Nachbar war da, der ließ bei dem Kranken anfragen, welche Sorge er -- der Brückenwirth -- getroffen hätte, daß er -- der Nachbar -- zu seinem letzt’halbjährigen Pacht käme.
„Ich habe für Alle Sorge getragen,“ sagte der Brückenwirth mit schwacher Stimme, „wenn ich nur nicht Alles, aber gar Alles auf die letzte Stunde verschoben hätt’! -- Ist er denn nicht da?“
„Wer?“ fragten ihn die Anwesenden.
„Der Notar. Den Notar will ich da haben. Und daß er Tinte und Feder mitbringt.“
Der letzte Wille also! Der Notar läßt nicht auf sich warten, und Tinte und Feder hat der Mann immer im Sack. Zeugen lassen sich auch finden; ganz Abelsberg wollte dabei sein, um zu hören, was denn der Brückenwirth für eine Hinterlassenschaft haben werde.
„Seine Schulden verschreibt er den Gläubigern,“ hieß es.
„Nur seine Gurgel möchte ich haben, die ist an ihm das Beste,“ rief ein Spaßvogel. Dieweilen machte drinnen in der Krankenstube der Brückenwirth sein Testament.
„Hätt’s lieber auch verkaufen sollen, die Liegenschaften von meinem seligen Weib,“ sagte er, „die Wirthschaft ist unter fremden Händen nicht besser geworden; alle Jahr’ einmal hinreisen, das ist zu wenig gewesen. -- Nu, in Gott’snam’. Was da ist, das will ich redlich verwenden. Kinder sind keine. Sind um und um keine da. So, jetzt thu’s der Herr aufschreiben.“
Die Feder war schon lange naß gewesen.
„Die Neudorfer,“ hub der Kranke an, „die haben jetzt drei Kirchenglocken; so wollen die Abelsberger viere haben. Die vierte soll angeschafft werden. Nachher -- das auch aufschreiben: Beim hintern Altar -- der heiligen Magdalena thut ein frischer Anstrich noth, hat schon so viel abgefärbt, letzt’ Zeit her. -- Das Schulhaus braucht ein neues Dach. Für’s Armeleuthaus will ich -- daß tausend Gulden kommen sollen. Und extra eine Stiftung von wieder tausend Gulden für arme Waisenkinder aufschreiben. -- Nix danken, Leut’, nix danken. Wer’s hat, der kann’s ja wohl geben, und um so lieber, wenn er fort muß von dieser Welt, und er sich den Himmel kann kaufen. -- Aufgeschrieben ist’s? Nachher wär’s so weit richtig. Und -- wenn sie mich auf die Bank legen, so thut’s suchen im Bettstroh....“
Er war erschöpft und schwieg. Sofort verbreitete es sich in Abelsberg und der Ortsschneider rannte von Haus zu Haus und verkündete es frohlockend: „Der Bruckenwirth -- wer hätt’ sich das vorgestellt! Viertausend Gulden im Sommer (er wollte wegen Neigung zum reinen Hochdeutschen nicht sagen: in Summa) hat er zu wohlthätigen Zwecken vermacht! Ja Leut’, bei Dem seiner Leich’ müssen die Abelsberger was thun. Der große Conduct mit Musik! Nur jammerschad’, daß wir die vierte Glocke nit schon haben; aber wollen ja nichts auslassen, so geizige Leut’, ehvor sie hin sind.“ Er hielt inne, war selbst erschrocken über die Wendung seines Gedankenganges. Und die Abelsberger trafen vielseitige Vorbereitungen zu einem prachtvollen Begräbniß. Windlichter! Flor! Die Weiber flochten an Kränzen; der Schulmeister zeichnete ein Grabmal mit der Aufschrift:
„Dem großen Wohlthäter der Gemein’ Herrn Hans Michel Scherger Widmen diesen Stein Die dankbaren Abelsberger.“
„Wenn er nur stirbt!“ bemerkte der Schuster Ferdl bedenklich.
In demselben Augenblicke klang die Glocke auf dem Thurme.
„Verschieden!“ murmelte der Schneider und zog wehmuthsvoll seine Haube vom Kopfe.
Es war aber nur die Eilfglocke, welche die Abelsberger alltäglich um die Mittagszeit zum Essen rief.
Der Brückenwirth lebte noch; lebte sogar am Abende noch. In derselben Nacht ließ die Schusterin ihre Hausthür offen; sie war die „Leichanlegerin“ von Abelsberg. Aber sie wurde nicht geholt. Der Doctor war die ganze Nacht bei dem Kranken geblieben; trotzdem fühlte sich der Brückenwirth am nächsten Morgen besser.
Und nach vierzehn Tagen war er gesund.
Jetzt gaben sich die Leute die Thür in die Hand, um den Genesenen zu beglückwünschen; und Jeder versicherte, es wäre ihm so viel unendlich hart gewesen, dieweilen der Herr Scherger auf dem Krankenbett gelegen, und Mancher gestand, er hätte gar heimlich eine heilige Mess’ gezahlt auf die gute Meinung, daß halt die Krankheit nicht übel ausgehen sollt’, na, und weil Ein’s das nicht mitansehen kunnt, wenn der best’ Mensch von der ganzen Gemein’ hinaus auf den Friedhof getragen werden thät.