Feierabende: Lustige und finstere Geschichten

Part 1

Chapter 13,389 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1886 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und regional gefärbte Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Passagen wurden nicht korrigiert. Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt.

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit halber an den Anfang des Textes verschoben. Die Fußnote wurde an das Ende des betreffenden Abschnitts gesetzt.

In der Erzählung ‚Der Fremde im Vaterhause‘ wird ein Symbol verwendet, welches aus einem Plus-Minus-Zeichen (±) mit einem darunter liegenden Dreieck mit nach unten zeigender Spitze (▼) besteht. Dieses Symbol wird in der vorliegenden Version folgendermaßen dargestellt: [±▼].

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Feierabende.

Lustige und finstere Geschichten

von

P. K. Rosegger.

Vierte Auflage.

Wien. Pest. Leipzig.

A. Hartleben’s Verlag.

1886.

(Alle Rechte vorbehalten.)

Inhalt.

+Erster Theil+: Lustige Geschichten.

Seite

+Sommerabende+ 5

Das Mirakelkreuz 7

Der Schäfer von der Birkenheide 27

Herrn Pastor Meneschild’s Hochzeitsreise 37

Der Fremde im Vaterhause 46

Als Hans der Grethe schrieb 58

Wie ein Kaiserjäger fensterln ging 69

Arthur heißt er 76

Eine Schatzgräberhistorie 82

Sanct Josef der Zweite 89

Der Wolfl von Kirchberg 95

Der Junge und der Alte 103

Graf Adlerstamm auf der Hahnenjagd 110

Studentenpulver 115

Eine Eisenbahngeschichte 123

Naturforscher auf der Alm 127

Eine mit Geld 141

Die Abelsberger Chronik 153

Der Burgermeister von Abelsberg 153

Der Brückenwirth zu Abelsberg 160

Der Schulmeister von Abelsberg 165

Der Thurmbau zu Abelsberg 169

Zu Abelsberg beim Spielchen 173

Ein Abelsberger Kalbskopf 177

Die Abelsberger der Majestät 179

Die Abelsberger Touristen 184

Ein Abelsberger auf dem Vesuv 191

Das reiche Jahr eines Abelsbergers 200

Ein junger Abelsberger in der Residenz 204

Eine Abelsberger Heiratsgeschichte 206

Der Abelsberger Baßgeigenkrieg 210

Wie Abelsberg bekehrt worden ist 217

Eine Abelsberger Katze 223

Zu Abelsberg wieder wer geworden 226

Ein Abelsberger Heutrog 228

+Zweiter Theil+: Finstere Geschichten.

+Winterabende+ 233

Ein Weg zur Schuld 237

Die guldene Grethe 286

Der Waldbrand 308

Hier auf dieser Straßen hat mich Gott verlassen 334

Es reigt in Lust ein Liebespaar 346

Trotzköpfe 365

Am Fenster der Liebsten 376

Was der Franz Schlager für ein Wildpret schoß 387

Der Gang zur Mutter 394

Mein einziger Sohn 408

Der Sündensteg 422

Der Thürmer von Münsterwald 442

Aga 461

Drei Stunden vor dem Sterben 469

I. Theil.

Sommerabende.

Lustige Geschichten und die Abelsberger Chronik.

Sommerabende.

Zu den besten Dingen dieses Lebens -- alle Arbeitenden wissen es -- gehört der Feierabend. Er ist besser als der Feiertag, denn die Ruhe durch die Ermüdung nach vollbrachter Arbeit, die Ergötzung ist verklärt durch das Bewußtsein erfüllter Pflicht, und daß dem Feierabend etwa der Ruhetag folgt, ist ein Vorzug, dessen sich der Feiertag selbst nicht zu erfreuen pflegt.

Solchen Feierabenden widme ich dieses Buch. Der erste Theil desselben ist heiter, wie ein Sommerabend. Wer aber den Genuß des Sommerabends dem lustigen Theile dieses Büchleins vorzieht, dem ist der Verfasser auch nicht böse, er wartet mit seinen kleinen Geschichten gern, bis die Stunde kommt, in welcher Jemand etwas Lustiges zu brauchen hat. Die kleinen Erzählungen und Schalkheiten sind in aller Herren Länder zerstreut gewesen; ist den losen Dingern zwischen dem lächerlich ernsten und grausam vernünftigen Zeug, das ihre Nachbarschaft war, unheimlich geworden, sie hielten sich für bedrückt, verlangten Befreiung und ein kleines Reich für sich zu bilden. Weil sie bisweilen ein wenig ungezogen und boshaft waren, so ließ man sie ziehen -- und ist auf solche Weise diese Ansiedlung „Lustige Geschichten“ entstanden. Jetzt verlegen sie sich auf Wohlthun, denn Frohsinn verkürzt die Zeit und verlängert das Leben.

Nicht überflüssig wird es aber sein, mein Leser, wenn Du auch Deinen eigenen Humor mitbringst, denn für einen guten Spaß gehören allemal Zwei: Einer, der ihn macht, und Einer, der ihn versteht.

Der Verfasser.

Das Mirakelkreuz.

Eine dramatische Idylle.

Personen:

=Brandsteiner=, Besitzer eines Bauernhofes. =Rosel=, seine Tochter. =Peter=, Großknecht bei Brandsteiner.

Abendliche Gebirgsgegend. Rechts ein dichtverzweigter Baum, an dessen Stamm ein Marienbild in Form der Martertafeln hängt. Im Hintergrunde Wiesengelände, ganz rückwärts Hochgebirge.

1. Scene.

+Rosel+

(_kommt von rechts in schmucker, aber nicht zu bunter Bauerntracht, Kittel von blauer Farbe, Schürze braun und weiß gesprenkelt, mit Kopftuch, in Hemdärmeln, welche über den Ellenbogen zurückgestreift sind. Einen Heurechen über der Achsel._)

Wär’s halt in Gott’snamen wieder Samstag und Feierabend. Und für mich schon gar, für mich hat die Werktagszeit jetzt ein End’ und der Feierabend, der anhebt, dauert wer weiß wie lange.

(_Man hört einige jauchzende Töne einer Flöte_).

Ja, da steht er beim Zaun und bläst die Seitenpfeifen.

+Peter+

(_aus dem Hintergrunde rechts. In Gebirgstracht: Hohe Bundschuhe, grüne Strümpfe, Lederhosen hellrothen Brustfleck mit grünem Hosenträger, grünem Hut, in Hemdärmeln, eine Heugabel über der Achsel, die Flöte in der Hand_).

Mein tausendliebs Pfeiferl, wenn du einmal jodelst, so tanzen alle Heuschöber, so fangen alle Engel im Himmel zu hupfen an.

(_Auf den Baum spähend._)

Meine Drosselschlingen da oben. Leer ist sie. Meinetwegen, der Vogel gehört ja in die freie Luft, dazu hat er die Flügel. Unsereins hat eh’ keine Federn. Unsereins -- bei meiner Treu, wenn ich der lieb’ Herrgott wär g’west, wie wollt’ ich aus so einer ellenlangen Wochen kamod sechs funkelnagelneue Sonntäg g’macht haben und den siebenten hätt’ ich als Draufgab geben. -- Jegerl, die Rosel! Was guckst denn alleweil in’s Gras hinein? Weißt heut’ kein saubers G’sangl?

+Rosel.+

Sollst es gleichwohl wissen, daß es mir die Stimm’ verschlagen hat.

+Peter+ (_lustig_).

Stimm’ verschlagen!

Und hätt’s mir gleich die Stimm’ verschlag’n, So thät ich blasen und Zithern schlag’n, Die Samstagnacht, die Samstagnacht, Wo jede Grill’ ihr Liedel singt, Wo jeder Bua zum Dirndl springt, Wo jeder Heuschreck Musi macht!

+Rosel.+

Ich bitt’ Dich gar schön, hör’ mir auf, ich kenn’ mich nit aus und ich mag auch Dein’ Seitenpfeifen nit leiden; ’s thut mir davon der Kopf so weh und ’s hebt mir die Brust zu zittern an. (_Für sich_:) Mein Herz möcht’ zerspringen, hör’ ich ihn spielen!

+Peter.+

Nu halt ja, wenn Du schon wehleidig bist, kann’s ja lassen!

(_Steckt die Flöte in den Hosenträger._)

Aber jetzt in gescheiter Weis, Dirndl, hast Dir’s überlegt? Schau, laß mich nit mehr lang’ fragen und warten, beim Warten kriegt gar der ewige Jud weiße Haar. Schau, Roserl, für was wären wir denn zusammen aufg’wachsen, für was thät ich dienen in Dein’ Vater sein’ Haus, für was thät ich mein klein derspart Sachel nit glei vertrinken und verspielen, wenn ich nit alleweil auf was G’scheiter’s thät warten. Wenn ich Dich nit wüßt’, wär’ ich schon lang’ ein Lump! Schau, Roserl!

+Rosel.+

Red’st aber heut’ wieder unbesinnt daher. Hast ’leicht geschlafen seit Peter und Pauli?!

+Peter.+

Nu, ich glaub’ nit!

+Rosel.+

Und hast es nit g’hört singen von den Spatzen auf dem Dach? Sollst es wohl wissen, ich geh’ in ein Haus, wo alleweil Sonntag ist.

+Peter+ (_lustig_).

Du, Roserl, da nimm’ mich mit!

+Rosel.+

Ja, Du Hupfinsfeld, Du thätst just passen hinein. -- Daß ich Dir’s sag’, Peter, wir haben nichts miteinander zu schaffen -- ich muß in’s Kloster.

+Peter+ (_ironisch_).

Geh! In’s Kloster willst! Hast Recht, dort brauchst nit zu schwitzen im Heu’n und beim Kornschnitt, dort hast ein’ Schatten.

+Rosel.+

Wärst ’leicht Du auch mein Feind, der mir das noch schwerer machen möcht’, was ich so schon kaum ertragen kann. --

+Peter.+

Wer mehr tragt, als er mag, der ist ein Narr, hat mein Vater gern g’sagt. Wirf’s ab, was Dich druckt, gleich ist Dir leichter. -- In’s Kloster, bei meiner Treu, was die Leut’ heutzutag’ für närrische Gedanken kriegen! -- Schau, Roserl, daß ich Dir’s sag’, Du bist eine saubere, eine rechtschaffene Dirn, Du arbeitest für Drei und denkst für Zehn. Wie der lieb’ Herrgott Deine Händ’ erschaffen hat, da hat er nit gemeint, daß Du mit denselben alleweil den Rosenkranz wutzeln sollst und wie er Dir den Kopf aufgesetzt, hat er an eine rührsame Hauswirthin denkt, und wie er Dir Dein Herzerl eingelegt -- Roserl, denk nach, was mag ihm dabei eingefallen sein? -- Bei meiner Seel’, schad’ wär’s um Dich!

+Rosel.+

Meinst ich hätt’s nit auch schon bedacht? Aber es bleibt mir kein Ausweg -- ich bin verschenkt. Mein Vater hat mich in einer bösen Stund versprochen in’s Haus Gottes hinein; wenn er jetzt sein Wort wieder zurücknehmen wollt’, so könnt’ er ’leicht Schaden nehmen an seiner armen Seel’. Ich selber will mich nicht fragen, will mir denken, die Kirchenglocken klingen tausendmal schöner, als die Kühglocken -- -- freilich wohl, meine lieben Küh auf der Weid’, und gar du, meine Schecklo -- wie ich dich vergeß, das weiß ich nicht. Wer bringt dir den Klee, wer wird’s bedenken, daß du den Sauerampfer nit magst, wer legt dir die Streu, wie’s dir recht ist!

+Peter.+

Und meinetwegen schaust ’leicht gar nit um? ’s kann sein, ’s hätt’ mich mein Vater auch verschenkt -- und Roserl, ich geh’ mit Dir!

+Rosel.+

Möcht’ wissen, für was Eins Dich brauchen thät!

+Peter.+

Weißt, Dirn, ’s gibt kein Käferl auf der Gassen und kein Steindl auf der Straßen, das kein Anwerth hätt’. -- Zu was Eins mich brauchen thät? -- Die Meßnerei studir’ ich! Du singen und beten in Deiner Zellen, ich dazu den Glockenstrick reißen von Früh’s Morgen bis in die späte Nacht hinein -- Du, wir thäten was ausrichten! Spaß und Ernst, Roserl, mich bringst nimmer weg von Dir! So schau, magst mich denn gar nit?

+Rosel.+

Wennst wegen dem meinst, grad feind will ich Dir nit sein. Wennst kein dalkerter Bub wärst -- ein anderer statt Dein thät das recht Steigl ’leicht gar noch finden.

+Peter.+

Blind bin ich auch nit, Gott sei Dank, und Dein Sperreden kunnst justament lassen.

+Rosel.+

Ein Anderer thät statt mit der armen Dirn -- mit’m Vater reden.

+Peter+ (_jauchzend_).

Das hab’ ich ja gewußt, daß Du mein Herzkäferl bist! Mit dem Alten komm’ ich schon auf gleich!

(_Rechts ab._)

+Rosel+ (_allein_).

(_Ihm nachblickend._) Wenn er zu früh schreit, so fürcht’ ich, er wird zu früh heiser. (_Sinnend._) Sauber gewachsen ist er -- na, da steh’ ich und hab’ närrische Gedanken und vergeß’ auf meine Küh. Ich seh’s schon, ich taug’ nimmer auf d’Welt. -- Die Schecklo wird freilich wohl dreinschauen! Will ihr’s schon auseinandersetzen, sie ist a g’scheit’s Vieh, wird’s einsehen. Je, heut’ sind meine Küh noch all’ oben im Waldschlag. Soll ich ’leicht wieder ’s Heimgang-Liedl singen, daß sie mir kommen? Hart ankommt’s mir heut’, das Singen, aber na:

Das Landleb’n Hat Gott geb’n So heiter und froh, Darum preisen Die Weisen Das Landleb’n so hoch!

Auf den Bergen, In den Thälern, Auf den Wiesen im Grün, Da fliegen Kleine Englein Mit Röselein hin.

Sie kommen Wohl her aus Dem himmlischen Paradeis, Sie bringen Die Blümlein Dem Landleb’n zum Preis.

(_Links singend ab._)

2. Scene.

+Der Brandsteiner+

(_tritt von links auf. Hohe Bundschuhe, weiße, grobwollene Strümpfe, verblaßte Lederhose, braune Weste mit grünem Hosenträger, blaues Barchentjäckchen, auf dem schon halb ergrauten Haar eine buntgestreifte Zipfelmütze, deren Quaste über die Achsel herabgeht. Der ganze Anzug muß abgeschossen aussehen, weil er das Werktagskleid ist. Der Mann ist eine rauhe, derbe Gestalt, die Bewegungen sind ungelenk und sehr langsam. -- Er hat ein kurzes Pfeiflein im Munde und schlägt mit Stein und Schwamm Feuer._)

(_Murmelnd._) Schon eine sakrische G’schicht das! Sein Lebtag zu früh soll sich Eins nichts vornehmen. Wie wenn er mir’s z’Fleiß thät, der dort oben! Von morgen ist der reich’ und angesehen Brandsteiner allein auf sein’ Hof. -- ’s Weib liegt im Freithof, die Dirn ist davon. -- Wennst nit brennen willst, so laß’s bleiben, bitten werd’ ich dich nit!

(_Schleudert Stein und Schwamm von sich._)

Die Dirn sagt mir nit ja und nit nein. Irr kunnt Einer werd’n. -- Aber er hat Recht, mein Bruder, der Pfarrer, was a Schickung ist, ist a Schickung; gegen unsern Herrgott kommt Einer nit auf, der geht sein’ eigenen Kopf nach -- alleweil sein’ eigenen -- und ’s wird schon ’s Beste sein.

(_Man hört von rechts auf einer Flöte ein lieblich-melodisches Lied._)

Blast mir der Bua schon wieder das G’sangl -- er kann’s halt nit lassen. Weil -- (_bewegt_) weil mir ’s Wasser in die Augen kommt -- was ich einmal nit will. Ich muß mein’ Mann stellen. Aber Gott tröst’ Dein’ Seel’, mein lieb’s Weibl, ’s ist halt Dein G’sangl, hast es alleweil gar so, gar so gern g’sungen.

(_Peter tritt auf._)

Hab’ nichts dagegen, Bua, wannst das Stückl blast, +kann+ nichts dagegen haben, aber in Ehren halt mir’s und nit zum Gspaß und Zeitvertreib brauch mir’s! Weißt, Peter, Du wurd’st mir’s nit glauben, aber richtig ist’s: Das Stückl und Liedl hat mich und mein Weib z’sammbracht vor fünfundzwanzig Jahren und wie oft, wie oft haben wir’s nachher gesungen miteinand, bis der Schaufelmann den Takt dazu geschlagen hat und -- (_unwillig_) ei, geh’ mir weg, mag gar nit d’ran denken!

+Peter+ (_für sich_).

’s Eisen wär warm.

+Brandsteiner.+

In so weit recht, daß D’ da bist. (_Vertraulich._) Laß was red’n mit Dir, Peter! Hab’ Dir sagen wollen, daß Du morgen um eine neue Dirn umschaust.

+Peter.+

Dirn? Für wen?

+Brandsteiner.+

Bei wem bist denn? Ich brauch’ eine Dirn für’s Haus, für den Stall. Frag’ um, morgen auf dem Kirchplatz!

+Peter+ (_trotzig_).

Das thu’ ich nit.

+Brandsteiner.+

Um eine handsame, fleißige, kennst Dich ja aus bei dem Weibervolk. -- Was schaust denn so sauer, hast ein Wespennest g’schluckt?

+Peter.+

Acht Jahr hab’ ich Euch gedient, Bauer, und Ihr seid zufrieden mit mir gewesen. Ich weiß recht gut, was einem Knecht ansteht, heut’ aber -- Brandsteinbauer, ich verlang’ meinen Feierabend, und für den Sonntag laß’ ich mir nichts schaffen. Daß ich Euch um eine Dirn umschau, das thu ich nit!

+Brandsteiner.+

Du Tollpatsch, was hast denn?

+Peter.+

Weil ich keine find’ für die Rosel, weil keine gewachsen ist in der Pfarr’ für die Rosel, weil auf der Welt keine mehr aufsteht für die Rosel, weil es eine Sünd’ und Schand’ ist, Bauer --

+Brandsteiner+ (_heftig_).

Bist mir still!

+Peter.+

Nein, ich red’. O, jetzt ist Feierabend, jetzt bin ich mein eigener Herr und nicht Euer Knecht und ich trau’ mich wohl, daß ich Euch sag’: Wenn Ihr die Rosel in das Kloster schickt, so habt Ihr kein Gewissen und kein Herz im Leib, so betrügt Ihr den Herrgott im hohen Himmel oben, so raubt Ihr Euch selber aus, so bringt Ihr auf eine saubere Manier Eure Tochter um’s Leben. Und ich bleib’ kein’ Stund’ mehr in Eurem Haus und ich geh’ zum Gericht und verklag’ Euch, und ich geh’ zum Pfarrer, daß er Euch nit losspricht bei der Beicht, und ich bitt’ meinen Namenspatron, den heiligen Petrus, daß er Euch zur letzten Stund’ die Himmelsthür versperrt und ich -- bei Gott und allen Heiligen, das größte Unrecht ist’s auf dem weiten Erdboden!

+Brandsteiner.+

(_mit den Händen seinen Kopf haltend_).

Sie verfluchen mich! Und ich kann’s nit ändern, bei meiner armen Seel’, und wir wissen uns All’ miteinander nit zu helfen!

+Peter+ (_dumpf_).

’s ist mir so herausbrochen, Bauer, und wenn Ihr mich niederschlagt und wenn wir zu Grunde gehen All’ miteinander -- mir schon alleseins. Sagen hab’ ich Euch’s müssen.

+Brandsteiner+ (_milder_).

Kunnst ’leicht mein bester Freund sein, Peter, meinen thät’st es nit schlecht, aber versteh’n thust es nit. Ich versteh’s ja selber nit, ’s ist Keiner auf der Welt, der ’s wenden kunnt. Schau an dieses Kreuz auf dem Eichbaum, da hab’ ich’s gelobt, vor fünfundzwanzig Jahren, daß die Rosel in’s Kloster geht.

+Peter.+

So eine Lug reden, Bauer, das steht Euch gar nit gut an. Vor fünfundzwanzig Jahren habt Ihr noch gar keine Rosel gehabt. Ich weiß ihr Alter recht gut!

+Brandsteiner.+

Schreist auch gleich so herrisch dazwischen, wie ein Unhold. -- Weil wir schon reden, laß’ Dir’s erzählen. Steht Dir gut an, wennst ihm zuhörst, dem alten Mann, hast ja selber noch nichts erfahren. Zu derselben Zeit, wie ich im heiligen Brautstand gewesen bin, da ist unten auf der Bachwiesen, wo Ihr heut’ das Heu habt geschöbert, noch der finstere Wald gestanden und die ganze Gegend herum ist eine halbe Wildniß gewesen. Rechtschaffen gern bin ich gangen zu meiner Braut in’s Dörfel hinab und oft ist schon die stockfinster Nacht da, wie ich heraufsteig zu mein’ Haus. Da ist einmal, kannst mir’s glauben, Peter, dieselbe Stund’ geht mir mein Lebtag nit aus dem Kopf -- ist einmal, wie ich so daher trott, hinterrücks ein ketzermäßiges Pfnausen gewesen -- saust mir ein großmächtiger Bär nach. Ich, das weißt, heb’ Dir an zu laufen, verlob’ mich in der Geschwindigkeit auf den Luschariberg, aber das Haus mag ich nit mehr derreichen. Just, daß ich noch zu rechter Zeit den Baum dort derlang -- mich hinaufstemm, ist das Schindvieh schon da. Morgen zeig’ ich Dir den Schuh, Peter, wo er hineingebissen hat; aber nit grad den Schuh, den Fuß hätt’ er auch gern noch dazubeißen mögen. Ich in der Todesangst mach’ das heilige Vornehmen: Ein geweihtes Kreuz laß’ ich aufrichten auf diesem Baum, daß Jeder, der vorbeigeht, sein Vaterunser betet. Aber der Bär, wild wie ein höllisches Thier, hat brummt und brüllt und seine Augenräder haben gefunkelt, daß es ein Graus war. Gewühlt hat er im Erdboden und gescharrt an der Baumrinden, daß die Fetzen sind geflogen und -- Jesus, Peter, wenn Du das gesehen hätt’st! Zu steigen hat er ang’hebt hinauf nach dem Stamm und ich hab’ sein gluthheißes Schnauben schon g’spürt in allen Gliedern. Ich wohl gleich dem Wipfel zu, aber die Bestie mir nach und alle Aeste haben sich bogen. Herrgott in Dein’ Reich! schrei ich, wenn ich Dir schon die heilige Kirchfahrt verricht’ auf den Luschariberg, wenn ich Dir schon das Kreuz aufstell’ zur Ehr Deines bittern Leidens -- was willst Du noch! Was soll ich Dir geben, daß Du mich errettest aus dieser Noth! -- Sterben, mein Peter, sterben will halt kein Mensch, und doch gar zu bitter wär’s im glücklichen Brautstand! Da fällt mir’s ein in der höchsten Bedrängnuß: Mein Kind, meinen Erstgebornen schenk’ ich Dir, Du himmlischer Herr! -- -- (_Ruhiger_): Und schau, wie ich das Wort so hab’ ausgerufen, da hör’ ich schon die Leut’ vom Haus, wie sie herbeieilen und es blitzt schon der Schuß und das wilde Ungeheuer kugelt zusammen. -- Das ist der letzte Bär gewesen, den sie in unserer Gemein erschossen haben. -- Die Kirchfahrt hab’ ich verrichtet, das Kreuz hab’ ich aufgestellt am Baum -- jetzt hab’ ich noch das Letzt’ zu thun.

+Peter.+

Ihr seid gut an mit unserem Herrgott, Brandsteinbauer, und ich halt, es läßt sich ein vernünftig Wörtl mit ihm reden. Bin der Meinung, daß, wenn Ihr ihm sagen thät’s, ’s wär’ Euer einzig Kind; Ihr hättet ihm den Erstgebornen versprochen und nit den Letztgebornen -- so wär’ ich der Meinung -- --

+Brandsteiner.+

Ja, Peter, wenn ich’s wissen thät, daß er nit etwa Unrecht verstund’. -- Wenn’s ein Bübel gewesen wäre, mein Erstgeborner, nu, so hätt’ ich ihn in die Studie geben, wäre ein geistlicher Herr worden, wie mein Bruder, der Pfarrer; das hätt’ sich geschickt und hätt’ uns Ehr’ bracht. Weil’s aber ein Dirndl hat sein müssen, so heißt’s mit ihm in’s Kloster hinein. Weiß mir keinen andern Weg.

+Peter.+

Nu, halt ja. Weil wir denn schon so von der Rosel reden, ’leicht geht sie ungern fort von heim und von ihrem Vater -- leicht ist sonst auch noch wer da, den sie nicht gern verläßt -- weil’s in so einer G’mein allerhand Leut’ giebt. ’s kunnt sich wunderlich schicken, daß ich selber so Einen wissen thät.

+Brandsteiner.+

Bist ein herzensguter Bursch, Peter!

+Peter.+

Gelt! Nu, nachher kunnt ich ihn ja nennen.

+Brandsteiner.+

Aber zeitweis steckst Du Deine Nasen ein wenig weiter, als sie lang ist. Die Rosel weiß, wie’s steht, ist ihr Lebtag ein frommes Kind gewesen und thut’s vom Herzen gern.

+Peter.+

Nu ja, Bauer, hab’ halt gemeint, weil ich just dabei bin, daß ich mich ausred’ --

+Brandsteiner.+

Gar nit vonnöthen, Peter. Wenn ich in der Wirthschaft Deinen Rath brauch’, so laß’ ich Dich schon rufen. Was ich aber mit mir und mein’ Kind abzumachen hab’, dafür weiß ich meinen Bruder, den Herrn Pfarrer. Der versteht’s. ’s ist ein Glück für die Rosel, sagt er, wenn sie so der Welt Gefahr entflieht. Und Gottes Braut zu sein, da kann kein Mensch auf Erden höher steigen. Freilich wohl wird’s richtig sein. Unsereins hat nit studirt und kann sich die Sach’ nit so auslegen.

+Peter.+

Und Ihr wollt Eure alten Täg in der Einschicht verleben und der große alte Brandsteinerhof soll in fremder Leut’ Händ’ kommen?

+Brandsteiner.+

Der Mensch hat sein Leben vom Herrn, hat seine Kinder vom Herrn, hat sein Vermögen und Alles vom Herrn. Ich opfer’ das meine wieder auf zu seiner Ehr’. Dieselb’ Meinung hat auch mein Bruder, der Herr Pfarrer. -- Du aber, Peter, laß’ Dir kein graues Haar wachsen, wir führen derweil die Wirthschaft fort und das Korn wird geschnitten auch ohne die Dirn. Vergiß’ auf morgen nit, was ich g’sagt hab’!

(_Neigt sich, aber nicht auffällig, vor dem Kreuz, rechts ab._)

+Peter+ (_allein_).