Part 9
DER LETZTE WILLE EINES DEUTSCHEN PRINZEN
+Prinz Ernst von Sachsen-Meiningen nach seiner tödlichen Verwundung.+
+Berlin+, 14. September. (Privattelegramm.) Der jüngst gefallene Prinz +Ernst+ von +Sachsen-Meiningen+ schrieb nach der tödlichen Verwundung, die er erlitten, auf einen Notizblock:
„+Bestattet mich nicht in der Fürstengruft, sondern gemeinsam mit tapferen Soldaten in der Stadt. Ein einfaches Kreuz darauf -- dies genügt für Deutschlands Söhne.+“
BRIEFWECHSEL ZWEIER FREUNDINNEN
Liebe Freundin, wir Frauen haben etwas +Gemeinsames+ mit den Dichtern und Denkern -- -- -- wir interessieren uns nämlich nicht für +Lokalereignisse+ der Menschheit, sondern mehr für das Ganze! Unsere Schwärmereien gehen ins Große, der Frühling, die Berge, die Menschheit. Wir sind schwächliche Träumerinnen, folgen gerne ins Weite den Propheten und Heiligen, den Vorausschauern in eine lichtere Zukunft! Aber siehst du, manches Mal erwischt uns doch ein Lokalereignis bei einem Zipfel unserer Seele! Zum Beispiel jetzt, wenn ich so nachdenke in meinem Zimmer, weiß ich es genau, daß es in ganz Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol kein Mädchen geben könne, +unmöglich+, die auf verwundete Helden siedendes +Öl+ herabgießen könnte! Sie +könnten+ es einfach +nicht+! Siehe, +das allein+ ist Seelenkultur, etwas ganz Infames nicht leisten zu +können+, selbst wenn man es sogar, +aufgestachelt+, tun möchte! Es nicht tun +können+, sogar gegen seine Leidenschaft! Nicht lügen +können+, selbst wenn einem das Wasser bis an den Mund geht, einen zu ertränken! Nicht gemein sein +können+, selbst wenn es eine +Notwendigkeit wäre+; nicht aus +moralischen Bedenken heraus+ nicht +unanständig+ sein können, sondern aus der +Genialität+ heraus einer mysteriös +alles+ besiegenden Naturheilkraft; da erst erweist sich die +Edelrassigkeit+ oder die +Schäbigkeit+! Wir +könnten kein+ siedendes Öl herabgießen! Nein, +das+ könnten wir nicht, +Gott sei Dank+!
Deine Paula Sch.
AN DIE FRAUEN!
Anno Domini 1914.
+Wehe dem Luxus!+
Ich weiß es nicht, ob diese bedrängten Kriegszeiten euch noch helfen können, Frauen! Ob ihr nicht durch diese feige schändliche +Verwöhnung+ durch die Männer, die von euch +irgendwie+ (!?) +abhängig+ sind, schon endgültig in eurer +Psyche+ ruiniert, verkümmert, zerrüttet seid! Aber wenn noch ein Funke „idealen Lebens“ in euch +Irregeleiteten+, durch Mannes +Schwäche+ (angeblich +Kraft+), schlummert, so +beweist es nun+, indem ihr euch +jegliches Unnötigen+ sogleich entäußert, und es erfasset, daß ihr das Glück, die +Gnade+ der Selbstlosigkeit, die +aller+ Religionen +einzig wertvoller+ Kern ist, jetzt wieder erringen könnt, und, wenn auch mais un peu tard, +in Betätigung+ umsetzen könnt! Eine richtig, zart, schmackhaft, billig gekochte, nahrhafte, leichtverdauliche Suppe ist +wertvoller+ als +alles+, was ihr von Dichtern und Künstlern +falsch aufgeschnappt+ habt! Ihr habt euch geschmückt mit den, +wirklichen Geistern+ frech naseweis ausgerupften Federn! Ihr habt es stets +ausgenützt+, daß der Mann euch +braucht+! Aber +dienen+, +helfen+, +fördern+, +stärken+, habt ihr +nicht+ erlernt! Sondern +schwächen+!!! +Erlernt+?! Es liegt von jeher in euch!
Der Mann hat +nachgegeben, nachgegeben+, immer, immer, +man weiß warum+! Und ihr, +angeblich+ Zartestes in der Welt, habt das nur +ausgenützt+! +Ungezogen+, +frech+ und +unreligiös+!
Ein zart und besonders zubereitetes Gemüse ist +wertvoller+ als alle eure feigen Träumereien, für die Welt! Für den +Mann+ vor allem, diesen +Geist+, diese +Kraft+ des +Lebens+! Daß man +euch+ in dieser Weltmaschine „Mann“ als Tonikum, als +Belebendes+, +braucht+, soll eure +demütige sanfte Ehre+ sein! Nicht eure +freche Überhebung+! Jedes zarte Rädchen in dieser kompliziert-genialen Maschinerie „+Mann+“ sei sich +seines Anteiles+ am Ganzen +froh-dankbar+ bewußt! Aber zu +sagen+, zu +denken+, zu +empfinden+: etsch, wenn +ich+ stehen bleibe und mich +versage+, ist der ganze Krempel +hin+ und +wertlos+ -- -- -- +das+ ist eine +Gemeinheit+! +Wehe+ dem Mann, der +wirklich davon+ abhängt -- -- -- er +sterbe, als ein Unnötiger+! Als einer, der seine +Pflicht+ als +Herr der Welt versäumt, verletzt+ hat!
SCHICKSALS TRAGISCHER ANFANG
Die Leiden des jungen Werther, von Goethe.
„Den 17. Mai.
-- -- --; noch einen braven Mann habe ich kennen gelernt, den fürstlichen Amtmann Buff, einen offenen treuherzigen Menschen. Man sagt, es soll eine Seelenfreude sein, ihn unter seinen Kindern zu sehen, deren er neun hat; besonders macht man viel Wesens von seiner ältesten Tochter Lotte.“
*
Um zwölf mittags starb er. Der Amtmann und seine Söhne folgten der Leiche. Albert (Lottes Gatte) vermocht’s nicht. Man fürchtete für Lottens Leben.
GEDICHT
Wie ich zu Tode quäle eine liebevolle Seele, wenn ihre Hülle „Leib“ nicht meinem Ideal entspricht -- -- --! Wie stell’ ich’s aber an, daß ich das „Edlere“ wähle?!? Mein Wächter „Auge“ gestattet es mir nicht! Er sagt: „Man täuschet dich; die beste Seele Kann eben nur im besten Leib gedeihn! Und nur weil Christus vollkommen schön gewesen, konnt sich sein Herz der ganzen Menschheit weihn! Voll innerer Sanftmut ist nur das schönste Wesen; es dankt dem Schöpfer gleichsam ewig für seine Gnad’ auf Erden -- -- --, in ihrem verborgensten Blick kannst du es lesen: ‚Ich bin von Ihm +verpflichtet+ worden, +gut+ zu werden!‘ Gott ähnlich werden ist +jedem+ benommen, der nicht +die Glieder+ dazu mitbekommen! Nur vom +vollendet schönen+ Menschen fordre ich Hirn und Herz -- -- -- Er fliege, gottbegnadet, himmelwärts! Er sei gerecht, allgütig und allweise -- -- -- Und er allein stört mir nicht meine Kreise, daß der Mensch engelrein werden könne in absehbarer Zeit! Von den anderen aber verlang ich +nur+, daß sie sich betrachten als mißlungene Exemplare der Ideale erträumenden Natur!“
MAN ERMANNT SICH
„Jetzt hab ich’s aber einmal dem g’sagt!“, ist ein schrecklich blödes und +kindlich-rührendes+ Auskunftsmittel, seine eigenen irritierten Nerven zu beschwichtigen. Denn der, dem man’s „endlich einmal“ g’sagt hat, der hat eine andere Ansicht darüber und denkt: „Jessas, hat der sich jetzt ‚gift‘!“ Das heißt +wirklich+ „vergiftet“ durch Ärger! +Jeder+ hat doch eben irgend einen +Panzer+ gegen +das+, was man ihm sagt, um ihn +empfindlich zu treffen+! Man muß nur Frauen anschauen, ihr Katzenantlitz, wenn man ihnen den Vorwurf der Koketterie macht! „He, Dummer, kann ich etwas dafür, wenn ich +so vielen+ gefalle?!?“
Wirklich, soll sie sich denn das süße Gesichterl mit Ruß anstreichen, sich die kleinen Brüste und den großen Popo abschneiden?! Niemandem, siehe, hat man es „endlich einmal“ gesagt! Sondern man hat eine Kugel +zielsicher+ abgeschossen, die +abprallt+ und nur +dich selbst+ verwundet!
+Sagen+ kann man nur etwas jemandem, der schon erbleicht und krank ist vor +innerem Selbstvorwurf+, +ehe+ du es ihm +gesagt+ hast! Du kannst jedem „+zu sich selbst+“ verhelfen, aber nicht „+zu dir+“! Will er „+durch sich selbst+ hindurch“ +ernstlich+ zu dir, dann kannst du ihm eventuell liebevoll die Rettungsleine werfen eines ernsten Wortes! Aber „Dem hab ich’s einmal g’sagt!“ gibt es nicht.
PLAUDEREI
Melancholie, trüber Sinn (Trübsinn), schwarze Gedanken +übermüden+, erschöpfen das +Gehirn+, gerade so wie Überturnen die Muskeln, das Herz!
Über etwas noch +hinüberkommen+ können, ist +Gesundheit+, über etwas +nicht mehr+ hinüberkommen können, +Krankheit+! Endgültige Dinge sind leichter zu überwinden als +Befürchtungen+! In den Seelen Liebevollster steht’s ganz tief drinnen geheimnisvoll eingegraben: „Wenn’s nur schon +aus+ wär, mit ihm, mit ihr!“
„Wird mich meine vergötterte Geliebte betrügen?!“ ist +viel schrecklicher+ als: „Meine vergötterte Frau +hat+ mich betrogen!“ „Gott sei Dank, ich bin bei der +Matura+ gefallen!“ sagte +aufatmend+ der Abiturient, der von Oktober bis Juli gezittert hatte! Der Verbrecher rennt oft leichtsinnig in sein eigenes Garn! Ja, sein gequältes Gehirn zwingt ihn gleichsam, ein Ende zu machen mit den Befürchtungen! +Leichtsinn+ des Spielers, des Trinkers, ist der +genial-letzte+ Versuch eines gequälten Gehirnes, über +Trübsinn+ hinüberzukommen!
ANNA
„Was sprechen Sie also mit so einem Mädel wie die Anna?!“
„Selbstverständlich +nichts+. Mit einem Reh im Walde, mit einer Gazelle, einer Antilope, führt man doch auch keine Konversation!“
„+Langweilen+ Sie sich nie mit ihr?!“
„Nein, +sie+ mit +mir+!“
*
Anna: „Peter, ich zahl dir eine Portion Kaviar, wenn du meinen neuen Hut für hübsch erklärst!“
„Ich finde ihn reizend!“
*
„Peter, was ist los, bist schon wieder gekränkt, daß ich mit dem Menschen weggeh?!? Hab ich dich deshalb +lieber+, wenn ich +bei dir sitzen bleib+?! +Eher mehr+, wenn du mich +weggehn laßt+! Nur g’scheit sein, nur ein bissel nachdenken über die Sachen! Wenn ich dableib, langweil ich mich. Und wenn ich mich langweil, hab ich dich nicht mehr so gern wie sonst!“
*
Baron T. fand bei ihr eines Tages einen kleinen Notizzettel:
„Ich muß für einen Moment hinaus heißt auf französisch: +je dois aller faire pipi+. Der Peter sagt, die Französin mache kein +Geheimnis+ daraus, sie will dem Mann +nicht einreden+, sie sei ein +bedürfnisloser Engel+! Aber auf deutsch trau ich mich doch nicht, also muß ich mir’s jetzt französisch einlernen!“
*
„Siehst du, Peter, so bist du! Diese Dame hat zu dir jetzt gesagt, daß du so etwas Schönes geschrieben hast: ‚+Tragisch+ muß ein Erlebnis erst werden, dann hast du es erst +wirklich erlebt+‘!
Ich versteh das gar nicht. Aber +sie+ will dich auch nur einfangen, dir schmeicheln damit. Und ich sag dir, +sie+ versteht’s +noch weniger+ als ich! Siehst du, wie dumm du bist, laßt dich einfangen von solchen blöden Weibern!“
*
Man kauft ein kleines herrliches +Terrarium+, mit schwarzer Erde und gelbem Sand, setzt eine smaragdschillernde Eidechse hinein, die alle modernen Tänzerinnen durch edle selbstverständliche Agilität in Schatten stellt, und dann fragen einen die Leute, +wozu+ man es habe?! Zu welchem Zweck, und ob es einen wirklich glücklich mache?!?
*
Ist denn +stehen+, +gehen+, +sitzen+, das Haupt aufstützen, gebückt sein, sich aufrichten, verlegen sein, verzagt sein, schleichen, tanzen, ernst sein, ungeistig, unseelisch sein, Almboden-duftend sein, +gar nichts+?! Oft ist es ja doch +mehr als alles+! Für +den+ jedenfalls, der es +so+ empfindet!
*
„Ich verlange ja, Anna, von dir weder Anhänglichkeit, noch Freundschaft, noch Verständnis, noch Dankbarkeit. Aber kannst du nicht für zehn Minuten deine geliebte Hand in der meinigen lassen, wo du doch sonst so oft -- -- --.“
„Nein, das kann ich eben nicht!“
„Du kannst dir ja dann die Hände waschen.“
„Ach, da schau her, was +der+ alles noch von mir +verlangert+!“
*
Ich gebe den wundervollsten Zierpark für eine kurzgrasige Almwiese her. Die schönsten Rosen für das dunkelrote schokoladeduftende Kohlröserl der Bergwiese. Den Gesang der Patti für den ersten leisen Ruf des Vogels im Morgengrauen. Ich anerkenne auch den +anderen+ Geschmack. Aber ich +bedauere+ die Menschen, die ihn haben!
*
Was ist dir, Anna, an deinem Leib so wertlos, daß du ihn +aufsparst+ für den, dem er +nichts+ ist?! Und +dem+, siehe, in fast kindischem Trotze, ihn +verweigerst+, dem er wie Wasser ist für Fische, und wie Luft für Lungen!? Und ein Fanatismus ist er, eine Religion, eine Gesundung, und siehe, zugleich eine tiefe süße Krankheit!?! Vielleicht hast +du+ recht! Anna! Vielleicht wird einst der Sieger zu mir sagen: „Ich +beneide+ Sie um das, was Sie +nicht gehabt haben+! Sie haben noch die +Sehnsucht+ und die +Not+!“
*
Ich las heute fünf Stunden lang in meinem Zimmerchen:
Hermann Bahr über Direktor Burckhard.
Egon Friedell: Ecce poeta.
Mein Lieblingskinderbuch: Les petites filles modèles.
J. S. Máchar: Magdaléna.
Und Goethe: Hermann und Dorothea.
Ich war wie ein Genesender, in anderen Welten.
Da fielen mir die zarten feinen Schritte ein, und wie sie gestern den Arm hielt über die Sessellehne.
Da sprach ich zu mir selbst: Siehe! du bist +auch nicht stärker+ als die anderen!
Gott sei Dank, ich bin +so schwach+ wie alle!
DER „KOBERER“ (KUPPLER)
„Du,“ sagte der Graf zur Mitzi G., „wer hat dir denn diesen Brief an mich aufgesetzt?!“
„Aufgesetzt?! Aufgesetzt?! Wie meinen Sie das?!“
„Aufgesetzt! Selbstverständlich hast du den nicht selbst verfaßt!“
„Weshalb nicht?! Bin ich denn gar so dumm?!“
„Nein, ja. Aber diesen Brief hast +du+ einmal +nicht+ verfaßt!“
„Wer sollte ihn denn verfaßt haben?!“
„Das weiß ich nicht. Das weißt nur +du+. Du, Mitzerl, ich gebe dir 100 Kronen, wenn du mir den Namen nennst!“
„100 Kronen?! Gib mir 150!“
„Also 150!“
„Der +Peter+!“
„Was für ein Peter?!“
„No, der Peter, der Peter Altenberg!“
+Der Brief+: „Habe Dich heute nacht im ‚Tabarin‘ wiedergesehen! Konnte Dich nicht ansprechen, durfte es ja doch nicht. Also, da sitzt vis-a-vis von mir +der+ Mensch, der mich ein Jahr lang splitternackt unter der Bettdecke gehabt hat!? Und alles hat doch nichts genutzt!“
„Wie kommt er dazu, dir diesen Brief aufzusetzen?!“
„Ich hab zu ihm gesagt: ‚Schreiben S’ mir um Gottes willen so was, was +ich+ schreiben +müßt+, wenn ich’s schreiben +könnt+!‘“
„Also ist der Brief ja doch nur wieder von dir?!“
„Das hab ich +ja gleich gesagt+!“
Da nahm sie denn der Graf wieder zu sich.
WELTENBUMMLER 1914
Der +Kriegsgott+ und der +Tod+ schlenderten selbander einige Wochen vorher, als elegante Kavaliere verkleidet, so durch die verschiedenen Lokale und belauschten die Gespräche. Da vernahmen sie, daß es +noch sehr+ die Frage sei, ob der „+Tango+“ sich werde +durchsetzen+ können und ob er überhaupt +salonfähig+ sei!? Ferner, ob +Reiherfedern+ heuer modern bleiben würden!? Ja, der amerikanische Geschmack setze sich, Gott sei Dank, immer mehr durch, aber bei aller Einfachheit sei der Stoff selbst eben um das wieder teurer! An dem Stammtisch des Dichters vernahmen die beiden Herren eine schreckliche Eifersuchtsszene, weil einer der Gäste der goldblonden Tschechin selbstgepflückte Bergblumen mitgebracht hatte. Der Dichter schrie erbost: „Principiis obsta! Gleich am Anfang kann man noch erretten! +Später+ ist +zu spät+!“ Alle schrien: „Bravo, Peter, hast es dem Kerl gut gegeben!“ Weil nämlich alle wegen der süßen Tschechin eifersüchtig waren. Woanders hörten sie, daß man sich eigentlich nur mehr in Zimmern mit modernem Marmor und Mahagoni so recht gemütlich und +heimisch+ fühlen könne. Da schlichen die beiden Kavaliere traurig von dannen --.
Da kamen sie an einer Armenhütte vorbei. Da sagte der Mann zu seinem jungen Weibe: „Schlimmer kann’s doch nimmer werden! Ein Gewitter sollt niedergehn, das +reinfegt+!“
Da ließen die beiden Kavaliere ihre Masken fallen und standen in blinkendem Stahl und weißem Knochenbein da -- -- --.
WISSENSCHAFT UND KRIEG 1914
+Zurücklegung der goldenen Medaille der Royal Society durch Professor Röntgen.+ Aus +München+ wird uns telegraphiert: Professor +Röntgen+ hat die ihm von der Royal Society in London verliehene große goldene Medaille, die er nicht mehr besitzen will, dem Roten Kreuz überwiesen. Die Medaille besitzt einen Goldwert von ungefähr 1000 M.
NACH DREI JAHREN
„O Peter, Peter, lieber Peter, daß ich Sie endlich wiedersehe, und so ganz unverändert, nein sogar verjüngt!?“
„Von +Wieder+-sehen kann natürlich nicht die Rede sein, da ich Sie zum erstenmal im Leben erblicke!“
„Peter, Peter -- -- --!?“
„So viel ‚Peter‘ können Sie gar nicht aussprechen, daß ich wissen sollte, +wer+ Sie sind!“
„Peter, ich bin doch Ihre süße Mathilda!“
„Mathilda, die edle Gazelle? Sie waren ja wie ein Faden so dünn!“
„Ich mußte eine +Mastkur+ durchmachen. Man muß sich eben entscheiden zwischen +Faden+ und +Leben+!“
„Da hätte ich mich für den Faden entschieden!“
LIEBESGEDICHT
Dora! Ein +neuer+ Name, frisch und hell und +neu+! Die alten Namen sind blaß und alt, und wie aus blechernen Kindertrompeten! Dein Name, Dora, ist +Fanfare+! Aus Silber. So ein Nebelhorn, das durchtönt durch die dunkle Welt, irgend etwas erweckend, auf, zum Dasein! Dein Name geht mir bis ins Herz, ich möchte dir außergewöhnliche Nelken schenken, und deine Ehre kniefällig preisen, die +in mir+ für dich ist! Man weiß nicht, weshalb!? Ein +neuer+ Name, +Dora+! +Wie Regen+ ist für Pflanzen, wenn +zu lang+ Sonne war! Wie +Sonne+ ist, wenn +zu lang+ Regen war! Vom Semmering kommst du, vom Sonnwendestein, vom Pinkenkogel, vom Berghotel, und stiegst hernieder in die Niederungen meines Zimmerchens! +Ave, Dora+!
CHRISTENTUM 1
Der grauhaarige fünfzigjährige Kellner meines Hotels sagte zu mir: „Helfen Sie mir! Ich war einst Provisor in einer Apotheke. Ich möchte wieder so eine Stelle haben. Zum Kellner tauge ich leider nicht!“
Ich ging von einer Apotheke zur anderen, ihm eine Provisorstelle zu verschaffen. Vergeblich.
Acht Tage später sagte mir meine wunderschöne fünfzehnjährige Freundin: „Du, der Oberkellner ist ein +eigentümlicher+ Mensch! Gestern hat er mir drei Visitkarten von Studenten an den Tisch gebracht, ich solle meine Adresse darauf schreiben!“
Am nächsten Tage sagte der Kellner: „Wie ich Ihnen dankbar bin, daß Sie sich so um mich bemühen, wegen der Provisorstelle! Ich weiß wirklich gar nicht, wie ich mich da +revanchieren+ soll!?“
CHRISTENTUM 2
Gerichtsverhandlung. Mitleidige Frauen hatten +nach vielen Monaten+ sich endlich +entschlossen+, eine Anzeige zu erstatten. Der Vater hatte das fünfjährige Töchterchen, des Morgens, weil es ihm, verschlafen, nicht einen „Guten Morgen“ gewünscht hatte, aus dem Bettchen gezerrt, an den Ohren hochgezogen und fallen gelassen, diese Prozedur dreimal wiederholt. Der Gerichtsarzt hatte jedoch keine +äußerlichen+ Verletzungen „+konstatieren+“ können. In der +öffentlichen+ Gerichtsverhandlung wurde das fünfjährige Mäderl, dem die schauerlichen heimtückischen Peiniger es angedroht hatten, ihm im Falle einer +richtigen+ Aussage einen glühenden Eisennagel in den Popo hineinzutreiben, den kein Arzt sehen und „konstatieren“ würde, in Gegenwart seiner Peiniger befragt vom Richter, ob es denn +wirklich+ mißhandelt worden sei!?
Das Kind antwortete frank und frei: „Nein, niemals! Papi lieb!“
PLATONISCHES GESPRÄCH
Der Jüngling: „Herr Peter, welche Frau also darf man wirklich verehren?!“
„Die, die’s verdient!“
„Und welche verdient es?!“
„Die, die man sich so +erzieht+, daß sie’s verdient!“
„Gibt es nicht welche, die’s von Anfang sind?!“
„Ja, es gibt eben auch einen Beethoven und Schubert. Die sind’s von Anfang an!“
„Wie soll man sie erziehen?!“
„+Mehrerin+ aller unsrer Kräfte und +ewig+ Fürsorgliche, daß die vorhandenen nicht +verloren+ gehen!“
DIE FLIEGE
Also, habe ich mir dieses Hundeleben, pardon, Fliegenleben, vielleicht verlangt?! Meine Eltern haben mich, nur ihrer eigenen Lust frönend, in die Welt gebracht, uneingedenk der schrecklichen Gefahren, denen ihr geliebtes Kindchen doch dadurch ausgesetzt werde! Ich will nicht von den Schwalben sprechen, diesen heimtückischen Meuchelmördern, die mit offenem Schnabel in rasendem Fluge daherstürmen und uns hinunterschlucken, schwapp! Denn sie ersparen uns wenigstens die Todesqualen, ihre scharfe Magensäure löst uns augenblicklich auf. Und schließlich, wenn wir +selbst+ Schwalben wären und die anderen die Fliegen?! Wären +wir+ rücksichtsvoller?! Keineswegs. Aber die Menschen, die Menschen! Ohne irgendeine Geschicklichkeit im Fliegen oder sonstwie, fangen sie uns ab an gekauften und an Lüstern mitten im Zimmer aufgehängten Leimbändern, die, um uns zu betören, noch mit Zucker bestrichen sind! Feig und faul liegt so ein junges hübsches Mädchen des Morgens im Bette, blickt ungerührt auf uns Unglückliche, die seit Sonnenaufgang, von dem lieblichen Dufte des Menschenleibes angezaubert, nun an dem Leimbande kleben, dem langsamen Martertode preisgegeben! Und ihre Verehrer träumen unterdessen: „Sie könnte keiner Fliege etwas zuleide tun!“ Ja, Schnecken! Rache, Rache! Die Ärzte haben erklärt: „Der Stich einer Mücke, die auf Aas gesessen ist, kann tödlich wirken!“ Brüder, Schwestern, auf Aas!
SPLITTER
Sie war eine junge arme Kassierin in einem „Tschecherl“.
Sie hatte nur eine Leidenschaft, vielmehr eine Sehnsucht -- -- -- edle Zigaretten.
Ich schenkte ihr welche.
Eines Tages küßte ich sie, berührte sie zärtlich.
Sie ließ es sich gefallen.
Dann sagte sie: „Schade, jetzt schmecken mir diese feinen Zigaretten nicht mehr so gut. Bisher habe ich sie umsonst gehabt!“
*
Als die süße junge Mathilda Sch., Kaffeeköchin, entlassen wurde, sagte ich zu ihr: „Ich will mich einer mir liebsten Sache entäußern dir zuliebe, die ich besitze!“ Und schenkte ihr meinen Weidenreisekorb, wasserdicht gefüttert, mit zwei Nickelschlössern, der meine einzige Reise, nach Venedig, miterlebt hatte. Später erst erinnerte ich mich, daß die Schlösser mich nervös gemacht hatten und nicht schließen. So ist es fast mit allen Schenkungen. Nur erinnern sich die anderen +vorher+!
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Frau Vallière, die mich zu einer achttägigen Autofahrt durch das „Val Sugana“ eingeladen hatte, sagte mir beim Abschiede in Mestre, aus dem Waggonfenster heraus: „Sagen Sie mir, bitte, etwas Liebes, das ich mir mitnehmen kann in meine Tage!“
„Gnädige Frau, ich habe acht Tage lang es nicht gespürt, daß ich in Gesellschaft einer fremden Dame reise!“
„Danke!“
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Es gibt keine noch so anständige +ganz+ innerlich ausgefüllte, +ganz+ zufriedene Frau. Sie hat immer noch ein Plätzchen in ihrem Herzen für einen, der alles +hergibt+ und nichts +bekommt+!
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Angenehme Kritik.
Das „Prager Tagblatt“ schrieb: „Das Buch ‚Semmering 1912‘ ist vor +drei+ Monaten erschienen. Es hat +bereits+ drei Auflagen. Bereits?! Es sollte +bereits+ hundert haben!“
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Jede Frau ist eine +perfid+-absichtliche oder +perfid+-unabsichtliche Zerstörerin der Welt, die man sich mit einer anderen mühselig-zärtlich aufgebaut hat! Mit einer einzigen +geschickt-ungeschickten+ Bemerkung, nur so hingesagt, kann sie wie ein 38-cm-Geschütz alles in Trümmer legen und vernichten, was man jahrelang zum Schutze seiner Seele aufgebaut hatte für eine Andere! Es gibt einige wenige Frauen, die +keine+ Giftzähne haben, das sind Seelengenies. Z. B. die Paula, die Dora. Sie sind hilflos, +also+ süße Kindchen! Die, die sich wehren können, sind Kreuzottern +gleichzuachten+, schleichenden Reptilien. +Zertritt+ sie!
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An eine Vierzehnjährige:
„Wenn du mich +verläßt+ -- -- -- wirst du +wiederkommen+! +Getreulicher+ als wenn du mich nie +verlassen+ hättest! +Deine+ Erfahrung war dir dann wichtiger als +meine+ Lehre! Und dennoch hätte dir diese viel +ersparen+ können! Aber du hattest ja Zeit -- -- -- von vierzehn bis neunzehn! Und ersparen tun sich Frauen nichts gern, besonders von den süßen, den süß-bitteren Erfahrungen!“
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Wenn mein Stubenmädchen einmal mein hübsches Zimmerchen nicht aufräumt und ich ihr Vorwürfe mache, sagt sie: „Jessas, wann ma amal vergißt, der Stall wird sich noch halten bis morgen!“ Sage ich aber nichts, sondern blicke nur stumm und ernst, so hat sie zwar Gewissensbisse, erbleicht, aber räumt nicht auf. „Wann also räumt sie denn dann doch auf?!“ Wenn ich eine Krone bezahle! „Das ist eine Gemeinheit!“ Keineswegs, von selbst zahle ich ja nicht, erst bis Staub auffliegt!
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Wenn meine Geliebte nicht da ist, sehne ich mich nicht nach ihr, wenn sie da ist, schon gar nicht, wann also sehne ich mich nach ihr?!
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„Abgesehen vom Talent, könnte ich alle dieselben Sachen schreiben wie dieser Peter Altenberg. Wenn ich nämlich +ebenso+ unverschämt wäre und dieses ununterbrochene und überflüssige +Bedürfnis+ hätte, die Menschen über irgend etwas +aufzuklären+! Ich bin +direkt froh+, daß sie ‚irre gehen‘. Wer hat denn +mich+ aufgeklärt?! Etsch!“
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