Part 8
In tiefe Freundschaft, Rücksicht, Fürsorge, war ich eingebettet, +eingelullt+; nein, eingekerkert! Um als Undankbarer nicht zu gelten mußt ich kuschen! Ein +Hund der Dankbarkeit+! Nun drang mir in meine Kerkermauern ein heller Ruf: „Ich heiße +Dora+! Und ich verdanke Ihren Büchern +alles+!“ Ich lauschte diesem adeligen Ruf, der noch +so frei klang+ von dem Druck persönlichen Empfindens! Sie gab noch nichts, sie wollte noch nichts geben, und hatte schon +empfangen+ und +genossen+! Sie war noch +unenttäuscht+! Sie hatte die Glatze noch nicht gesehn und die verhärmten Züge -- -- --. Sie wußte noch nicht, daß man wegen fünfzig Mark, die der Simplizissimus einem als Monatsgage kürzlich entzogen hatte, in sich zusammenstürzen könne und zerfallen, greisenhaft-zaghaft werden könne über Nacht! Sie konnte noch den +Rahm abschöpfen+ einer Menschenseele, und die wässerig-fade Milch +wegschütten+! Eine Lebens+künstlerin+! Sie konnte noch +aus Fernen+ schreiben: „Ich heiße +Dora+ und verdanke Ihren Büchern +alles+!“ Es klang ein heller fremder lichter Ruf in meine Kerkermauern der +Alltäglichkeit+!
DORA 2
Seit Samstag vormittag, um ½12 gingst du weg, habe ich mich nach dir gesehnt! Heute ist Mittwoch. Weshalb kamst du +nicht mehr+?! Vielleicht +deshalb+! Eben +deshalb+! Du wußtest dich ja doch +bei mir+, zärtlich versteckt, +in+ mir, in meiner trauernden, sehnsuchtsvollen Seele gut geborgen! Was brauchst du noch zu kommen, wenn du sowieso +da+ bist!? Die meisten Frauen wissen, was sie tun, noch besser aber, was sie unterlassen dürfen, um sich die Gnade unseres Herzens nicht mutwillig zu verscherzen! Du wußtest es genau an meinem Blick: „Ich brauch jetzt mindestens eine Woche lang nicht zu kommen!“ Ja, zu kommen brauchst du nicht, monatelang, es wird dein Bild in meiner Seele nicht verblassen! Doch +wenn+ du kommst, wird eine Freude sein in mir, daß es dich nicht gereuen wird, +daß+ du gekommen! Was ich +erlebt+ an Sehnsucht und an Trauer in diesen öden Tagen, werde ich kniend dir auf die Hände küssen!
DORA 3
Er hatte es sich endlich, schließlich vorgenommen, falls sie doch noch wiederkommen sollte, +falls, nicht+ von seinem japanischen Lehnsessel aufzustehen, sondern nur in tiefster Ergriffenheit und Freude zu sagen: „+Endlich+!“ Das hatte er sich vorgenommen, in diese Rolle seines Herzens hatte er sich eingelebt, man kann sagen bei Tag und Nacht, ein idealer Schauspieler +seiner selbst+! Nun werdet ihr wohl glauben, daß, als sie kam, es doch ganz anders war natürlich als man sich’s in Gedanken vorgenommen! +Nein+, es war +ganz so+. Auf die Gefahr, euch zu enttäuschen! Er blieb sitzen, schaute sie lange an und sagte: „+Endlich+!“ Nun war sie gekommen und gegangen -- -- --. Er sah sein +tiefes Unrecht+ ein an denen, denen er +etwas Besonderes+ seit Jahren war in ihrem zerstörten Leben, ein Lichtschein, ein Geleite, durch ihre Wirrnisse! Sie war gekommen und gegangen. +Und nichts+! Langer Zeiten vielleicht hätte es bedurft, um sie in jene Welten, sagen wir +hinauf+ zu führen, in welche jene anderen von selbst, +kraft ihrer+ Seele, flogen, im +ersten+ Augenblicke der Bekanntschaft -- -- --. Frauen +werden+ nicht, sie +sind+! Es war besser so. Die Sehnsucht hatte mich entbrannt, und brannte mir die Seele aus, bei Tag und Nacht. Nun bin ich wieder, kühl, bei +denen+, die mich +schützen+!
ZUM HELDENTODE DES DR. FRANK
(+Die Einigkeit!+)
+Berlin+, 12. September.
Der Präsident des Reichstages Kämpf drückte der sozialdemokratischen Fraktion die Teilnahme zu dem schweren Verluste aus, den die sozialistische Fraktion und der Reichstag durch den Heldentod des Abgeordneten Frank erlitten haben.
Der Stellvertreter des Reichskanzlers, Dr. +Delbrück+, richtete an den Präsidenten des Reichstages ein Beileidsschreiben, worin es heißt: „Im Kampfe um Deutschlands Verteidigung fiel als erstes Mitglied des Reichstages der Abgeordnete Ludwig Frank auf dem Felde der Ehre und besiegelte damit die Gesinnung, die er durch den Eintritt als Kriegsfreiwilliger bekundete, mit dem Tode.“
DER VORFRÜHLING
Plateau des Hoch-Schneeberges. 2° über Null.
Der Schnee fällt als Regen herab.
In den Bergföhren singt der Sturm.
Das Elisabethkirchlein leuchtet weiß.
Die grauen Schneehalden werden weich und schimmern naß. Ihr Ende ist gekommen. Sie werden dahinschwinden, in das kurze Gras einsickern.
Man hämmert und klopft in den Schutzhütten.
Die Tragesel hiaaaen und die Hunde bellen freudiger.
Eine Lawine donnert zu Tal, wie der technische Ausdruck lautet.
Im Tale rinnen tausend Bächlein den Flüssen zu.
Kinder finden erste Frühlingsboten, und die Guvernanten fürchten sich vor Husten und Schnupfen für ihre Lieblinge.
Im Hochgebirge ist noch tiefer Winter.
Der Bauer steht da, ängstlich und ergeben zugleich, erhofft sich ein günstiges Schicksal!
Frau K. sagt zu dem Oberleutnant: „Fahren wir hinaus, in die Gelände, ich glaube, es beginnt schön und warm zu werden ----.“
NATURLIEBE
In dem geheimnisvollen verschwiegenen Zauberurwalde, Zauberwirrnis der Wiesengräser führen Hamster und Feldmaus ihr intelligentes Familienleben. Der Mensch schlendert daneben auf dem Wiesenpfad, peroriert, raucht und sieht nichts trotz seiner Naturfreundschaft!
Ein Hofmeister sagte zu seinem geliebten Knaben: „Wir wollen mal den Hamster in seinem intimen Leben beobachten, diesen berüchtigten Geizhals und Sparmeister!“
„Weshalb Geizhals?!“
„Weil er viel mehr Kornvorräte aufspeichert, als er zu seinem Leben braucht!“
„Weshalb tut der Dumme das?!“
„Aus Geiz!“
„Verfolgt man ihn deshalb so unerbittlich mit Haß?!“
„Ja, mein geliebter Knabe, das +Notwendige+ würde man ihm eher nachsehen!“
WITZ
Ein wirklich tiefer philosophischer und bedeutungsvoller +Witz+:
Nachdem schon Hunderttausende zu Krüppeln geschossen sind:
„Merkwürdig, und +gerade mich+ hat das Schicksal ausersehen und aufgespart, um einen grausamen und ungerechten Weltkrieg noch erleben zu müssen!?“
PLAUDEREI
Habt ihr das schon bemerkt, nein, ihr habt es nicht bemerkt?! Wenn eine geliebte, scheinbar sanfte Frau sich frisiert, sich die Haare waschen läßt, sich anzieht oder speist, bekommt sie einen +ganz anderen+ Gesichtsausdruck. Sie läßt sich gehen, die +Komödie+ hat ein Ende. Selbst mit dem Arzt, dem Schneider, dem Schuhmacher, dem bedienenden Kommis im Geschäfte, ist sie noch ein komödiantenhaftes Weibchen, denn immerhin, es sind noch Männer, wenn auch nicht solche, die man zu täuschen braucht! Aber beim Waschen, Essen, Haaremachen, Anziehen, bricht die schamlose egoistische Bestie hervor und prägt dem Antlitz seine +infernalen Siegel+ auf!
Man sollte sie bei +noch viel intimeren+ Beschäftigungen zu beobachten die Gelegenheit haben, um es zu erfahren, wie +nichtig+ und +unwichtig+ sie eigentlich, unbeobachtet, sind!
KAROLINE
„Hochverehrter Meister!
Glauben Sie meiner Freundin, der Karoline, kein Wort! Sie hat sich alles zusammengestellt, um Ihr edles Dichterherz zu täuschen! Sie ist gar nicht beim ‚Roten Kreuz‘ als Abwaschmadl. Das will sie Ihnen nur patzig vormachen! Auch weiß sie daher gar nicht, ob die verwundeten Soldaten sich nach vielen Zigaretten sehnen. Das ist gemacht, um Ihnen, verehrter Meister, Zigarettengeld herauszulocken! Wohin das Geld marschieren wird, kann man sich denken. Bitte mir dieses Schreiben nicht übelzunehmen. Aber einen Dichter wie Sie so anzuschmieren! Da ließe ich mir eher die Hände abhacken.
Ergebenst Theresia.
p. s. können mir Herr Dichter bis übermorgen 5 Kronen borgen?!“
Kaum hatte ich diesen Brief gelesen, so erschien Karoline und erzählte mir von ihrer Stellung als Abwaschmadl und von den nach Zigaretten schmachtenden verwundeten Soldaten.
Ich schenkte ihr neun Kronen für dreihundert Sportzigaretten.
Dann zeigte ich ihr den Brief der Freundin.
Sie sagte: „So a Mistviech! Gönnt mir nicht die warme Jacken, jetzt wo der Winter anfangt! Sagen’s aufrichtig, is dös nicht auch ein gutes Werk?!“
„Gewiß!“ erwiderte ich unenttäuscht.
MEINE SCHWESTER GRETL
„Also, mit 69 Jahren warst du von allen Ärzten aufgegeben, Vater, und ich habe dich doch noch durchgebracht bis auf 85! Ich habe für dich gekocht, dich gewaschen, und für absoluten Frieden gesorgt. Freilich, Geliebter, hast du nicht viel davon gehabt. Einige deiner Lieblingsspeisen, deine sieben Trabukkos täglich, deine Ruhe, Tamar Indien Grillon, deine Zeitungsblätter, und im Sommer Aussee, Bauernhaus Nr. 73 im Bergwalde. Für einen zu alten Mann kann man nichts besonderes mehr leisten. Aber du hast es stets gespürt, daß ich dich liebhabe! +Das, das+ hast du Gott sei Dank immer gespürt, trotz deines natürlichen und selbstverständlichen +Alteregoismus+!
Ich weine mir fortan die Augen heraus, daß ich dir, Vater, nicht mehr dienen kann!“
KRIEG
Krieg, Krieg und Krieg! Und Greueltaten! Kinder werfen auf speisende hungrige Helden, am Mittagstisch neugierig sie umstehend, Handgranaten! Krieg und Krieg! Man sagt, die Welt hätte jetzt +andere+ Ziele! Wenn ein Gewitter ist und es schlägt ein (man glaubt direkt, die Welt geht unter), blüht nicht das kleinste Gras dabei, hernach, wie eh und je?! Man weiß nicht, wie es wird!? Und immer wieder blüht das kleinste Gras nach seinen friedvollen Geheimgesetzen! +Trotz+ allem! Kunstdenkmäler werden zerstört -- -- -- Doch wozu braucht die Menschheit Kunstdenkmäler?! +Suppen+ braucht sie! Überflüssiges wird man im Pulverrauch +endlich+ als +Überflüssiges+ erkennen! Und jedenfalls wird man in absehbarer Zeit doch „Werther“ wieder lesen und über „Lotte“ weinen! Und Schubertlieder anhören und Beethoven-Adagios! Und wegen irgendeines gewöhnlichen Mädchens sich das Herz abhärmen, weil, weil, weil -- -- -- weil sie, ha, ha, einen +anderen+ lieb hat! Heute lesen wir verzweifelt von siedendem Öle, das Mädchen auf Verwundete heruntergießen; und morgen schon sind wir ebenso aufgebracht, weil uns ein Knopf am linken Ärmel fehlt! Krieg, Krieg! Und Krieg! Führen wir doch endlich Krieg mit +unseren eigenen+ Miserabilitäten, +unseren+ Schwächen und Unvernünftigkeiten! Den Feind +in uns+, Stupidität, +Gewohnheit+, Luxus, Vorurteil, innere Feigheit und Verlogenheit, müssen wir +bekriegen+! Besonders die Gewohnheit, dieses +Lotterbett der Seele+! Sie erschlafft, lahmt und nimmt die Kraft, zu +Richtigerem vorzudringen+! Was ich gewohnt bin, +fesselt mich an mich+! Und +hindert+ mich, der +Welt+ anzugehören! +Das+ ist der bittere Krieg, der +auszukämpfen+ ist im künftigen +Frieden+! Und in uns! Der Sieg +nach außen+ führe und geleite uns zum „+inneren+ Siege“! Die Heilandslehre siege in den +Herzen+!
MEINE TRÄNEN
Lasset mich mich erinnern! Wann, wann habe ich wirklich bitterlich geweint?! Wenn meine Mama abends ins Theater ging oder für Bälle sich langsam frisierte. Aber damals war ich erst sieben Jahre alt. Das gilt nichts. Als Maria Renard in der Oper „Werther“, als Lotte, den Abschiedsbrief des Werther vorlas, vorsang, +in sich hineinsang+! Und dieselbe in der Oper „Manon“, als sie in der Steppe verschmachtete, sie, die doch einst, nun wie kann man es ändern?! Lasset mich mich erinnern, wann ich noch wirklich weinte!? Über vieles, das +außerhalb+ und +ferne+ war von meinem Leben. Über +nichts+, was nah war und mir sozusagen naheging. Da sieht man doch +zu genau+, daß es +nicht dafür steht+!
QUOD LICET
Der berühmte Architekt führte seine geliebte junge Frau zu ihrer Namenstagfeier, Bessie, in das Oratorium „Heilige Elisabeth“ von Franz Liszt. Ich sagte ihr, sie würde dabei, trotz der +versteckten+ aber nicht +offenbaren+ Schönheiten, vor Langweile krank werden! Sie sagte ängstlich-befreit zu ihm: „Hörst du?!“ Nein, er hörte +nichts+. Nun stelle ich es mir vor, wenn +ich+, um das „Heilige-Elisabeth-Oratorium“ zu hören, +meine+ Geliebte zu ihrem Namenstage hineinbrächte! „Dieser schamlose Egoist Altenberg führt diese unglückliche Person in dieses urlangweilige schreckliche Oratorium, noch dazu angeblich zu ihrer Namenstagfeier, sie heißt nebbich Lisabeta, weil der Hund selbst nämlich es gern hören will! Ah da schau her!“ Beim berühmten Architekten hingegen jedoch sagen sie: „Was sagen Sie, was für ein reizender zarter aufopfernder Mensch! Bringt seine Frau an ihrem Namenstage zu dem herrlichen Oratorium „Heilige Elisabeth“ und scheut keine Kosten!“
+Moral+: Non licet +Jovi+, quod licet +bovi+!
SIGNOR IO
Jetzt will ich ein bißchen, wie angenehm, über mich direkt mich äußern, nicht versteckt in diskreten Gedichten. Also, selbst meine glühendsten Verehrer werden paff sein, ich halte mich für den +Typus des normalen Menschen+! Nämlich insoweit auch die Kremoneser Amati-Geige eigentlich der Typus der Normalgeige ist! Daß sie auf Reize, Fingerdruck und Bogenstreichen, zarter, intensiver, tiefer, anders reagiert als die Marktgeige, die Herdengeige, ist selbstverständlich. Meine +fast+ pathologische, oder +ganz+ pathologische Reizbarkeit auf Eindrücke des Lebens, Natur, Frau, Kind, Musik, Geld, macht mich zum Typus der +Reizungsfähigkeiten+ aller Organe aller Menschen! Daß es bei ihnen nicht so zum sichtbaren vernehmbaren Ausdruck kommt, ist ein Glück für Alle; weil sie Marktgeigen, keine Kremoneser sind! Sie kratzen, und ich töne, voilà tout! Der ganze Unterschied liegt in der mysteriösen Konstruktion!
SPLITTER
Es ist eine große Kunst, Männer auf die Dauer zu +fesseln+! Eine +größere+ Kunst wäre es, sie auf die Dauer +freizugeben+!
*
„Diesen Gedankensplitter verstehe ich nicht!“, sagte die +wunderschöne+ Mitzi Th. zu mir.
„Weil +Sie+ nie in diese Lage kommen werden! Ein jeder wird +gern+ hängen bleiben!“
AUSBLICKE
Es gibt nichts +Gemeineres+, nichts +Heimtückischeres+ als den Mann, der, in seiner Herzensangst, seiner Frau, seiner Geliebten, +böse erniedrigende+ Dinge sagt über +den+, der ihr zärtlichst, anbetend zu Füßen sinkt!
Es gibt nur +eine+ richtige Methode: Der Freund +sogleich dessen+ zu werden, der +ohne+ Besitzglück fast +dieselbe+ Zärtlichkeit aufbringt!
Wir wollen +gemeinsam+ ihr Leben verschönern, Fritz, +erleichtern+ vor allem, +erleichtern+! Denn jede junge zarte schöne Frau lebt schwer mit +einem+! Sie war verwöhnt, seit jeher, von Kinderfrauen, Stubenmädchen, Köchinnen, Eltern, Brüdern, Onkeln, Besuchern, ja von der Schneiderin, bei der sie anprobierte, und von dem Schuster, ihrer Füße wegen. Der Handschuhmacher sogar sagte stets: „So zarte lange Finger, da wird kein Handschuh passen, die kleinen sind zu kurz, die großen sind zu groß!“
Wie also willst du sie befriedigen, du Glücklicher, der du sie +ganz+ besitzest, das heißt also +weniger+ als +alle anderen+?! Schließe doch +sogleich+ Freundschaft mit +dem Edlen+, der dir deine Aufgabe +erleichtert+, sie glücklich, sie zufrieden zu machen! Und das willst du ja doch vor allem, oder vielleicht nicht?!
Schau, es will sie dir ja keiner +wegnehmen+, man bringt ihr Blumen und verehrt sie. Und schließlich, auf das bissel „Körper“ kommt es ja doch nicht an!
Sie soll +zufrieden+ sein. +Das+ ist es +vor allem+. Laß dir doch dabei ein bißchen +helfen+. +Allein+ bringst du es ja doch nicht zustande!
DILEMMA
Habe mir von einem großen modernen?!, hi hi hi hi, Künstler, durch drei Jahre es sagen lassen müssen, daß jeder, der +Anspruch+ mache auf das Wort „+kultiviert+“ (und welcher Ochs machte es +nicht+?!), den +letzten+ Knopf an seinem Gilet, zu deutsch Weste, +offen+ lassen müsse, weil der König von England es +auch so+ trage, wenn +auch nur+ wegen seines großen Bauches. Endlich gab ich dem +Drängen+ des großen modernen Künstlers nach, und +ich+, ich, der bisher nie Gilet trug, sondern nach Art der unkultivierten Amerikaner, farbiges Hemd mit Ledergürtel, ich begann, der Kultur mich +fügend+, +Gilet+ zu tragen, um den letzten Knopf hierbei +offen+ lassen zu +können+, in der kultivierten Lage mich befinden zu +dürfen+!
Was aber +nun+?! +Jetzt+, da ich mich daran +gewöhnt habe+, an die Kultur der Weste und des offenen letzten Knopfes, +jetzt+, da der Engländer nicht das +gehalten+ hat, was er +versprochen+ hat, er hat ja nebbich überhaupt nie etwas versprochen als Sonntags die Cafés zu sperren, jetzt soll ich +wieder+ die farbigen Hemden von Wunderer am Kolmarkt hervorziehen, die ich überhaupt noch gar nicht +bezahlt+ habe?! O großer moderner radikaler unerbittlicher! aber eben deshalb +genialer+ Künstler, in welches +Dilemma+ hast du mich hinein +getrieben+?!
ROMANTIK
Die dreizehnjährige +Rosa Zenoch+, die während der Schlacht bei Rawaruska den Verwundeten Trinkwasser brachte und die verwundet wurde und der der linke Fuß infolgedessen abgenommen werden mußte, wurde von Damen im Spital befragt, was sie sich am +meisten+ erwünsche von Geschenken?! „Taschentücher, Taschentücher, nur Taschentücher!“ sagte sie, schon im voraus begeistert. Taschentücher! Sich wie eine vornehme zarte Dame schneuzen können, so etwas ganz ganz Überflüssiges! Das! Sich schneuzen dürfen in etwas, was Wert hat und sogar gewaschen werden kann später!
(GOETHE!) HERMANN UND DOROTHEA
Extrakt
+Der Vater+
Rief ihm nach: „So gehe nur hin! Ich kenne den Trotzkopf! Geh und führe fortan die Wirtschaft, daß ich nicht schelte; aber denke nur nicht, du wolltest ein bäurisches Mädchen je mir bringen ins Haus als Schwiegertochter, die Trulle! Lange hab ich gelebt und weiß mit Menschen zu handeln, weiß zu bewirten die Herren und Frauen, daß sie zufrieden von mir weggehn; ich weiß den Fremden gefällig zu schmeicheln. Aber so soll mir denn auch ein Schwiegertöchterchen endlich wiederbegegnen und so mir die viele Mühe versüßen! Spielen soll sie mir auch das Klavier, es sollen die schönsten, besten Leute der Stadt sich mit Vergnügen versammeln, wie es Sonntags geschieht im Hause des Nachbars.“ Da drückte leise der Sohn auf die Klinke, und so verließ er die Stube.
+Die Mutter+:
„Wenn die Stunde nicht kommt, die rechte, wenn nicht das rechte Mädchen zur Stunde sich zeigt, so bleibt das Wählen im Weiten, und es wirket die Furcht, die Falsche zu greifen, am meisten. Soll ich dir sagen, mein Sohn, so hast du, ich glaube, gewählet, denn dein Herz ist getroffen und mehr als gewöhnlich empfindlich. Sag es gerad nur heraus, denn mir schon sagt es die Seele: Jenes Mädchen ist’s, das vertriebne, die du gewählt hast.“
FARBE
An -- -- --.
Der Mond schimmert mystisch-weiß auf die nächtlichen Wiesen -- -- --. In Karrara schimmern die riesigen Marmorblöcke, ausgehauen aus Felsen für ewige Denkmäler -- -- --. Weiß schimmert der Bergbach an der braunen Schleuse herunter -- -- --. Weiß schimmert das englische Batisthemd -- -- --. Und der weiße Kandiszucker in Kinderhändchen -- -- --. Weiß schimmern die Lämmerwölkchen am blauen Junihimmel -- -- --. Weiß schimmert die Seele einer Heiligen -- -- --. Aber +so+ weiß wie deine Knie schimmert +nichts+!
DIÄTETIK DER SEELE
Begehrenswerte Frauen haben ein fast geniales Gefühl +aller+ ihrer Unzulänglichkeiten! +Infolgedessen+ verfallen sie entweder in „+hysterische Melancholie+“, das heißt: „+Verzweiflung über sich selbst+“, oder sie suchen sich +geschickt+ einen Idioten aus, der genug +idiotisch+ ist, sie voll zu nehmen, sie +trotzdem+ anzubeten! Nachdem es +unzählige+ solcher verbrecherischen Dummköpfe, Schwachköpfe, Feiglinge, Sexual+tiere+ gibt, wären die Frauen direkt blöd, sich nicht an +solche+ zu halten, die Messing für Gold nehmen! Es gibt genug Männer, die sich der Frau „aufopfern“ wollen, im richtigen Instinkte, der Welt und den Menschen sowieso nichts leisten zu können!
Ihre Komödie ihrer „Selbstlosigkeit“ ist die Tragödie ihrer eigenen Nichtigkeit und Leere! Einer Frau „+dienen+“ heißt, sich von den +heiligen Verpflichtungen+, die das Leben dem Manne in bezug auf die +Menschheit+ auferlegt, mit „Senatorenfeigheit und -demut“ +loszukaufen+! „Ich hab sie halt gern“, heißt nur: „Ich hab +alle anderen Menschen+ nicht gern!“ Wehe +allen denen+, +Schmach+ und +Schande+ und +Verachtung+ über sie, die sich z. B. den treuen Blick eines Hundeviehs täglich mit 20 Heller Leberwurst erkaufen! Bei +Menschen+ müßten sie +mehr+ leisten. Aber das können, das +wollen+ sie +nicht+!
SPLITTER
Zigarettenstopfen für Krieger, aber nicht „Mist,“ sondern „Pursitschan,“ 100 Gramm 2 Kr. 60. Das, was +Du selbst+ noch gern rauchst! +Das+, verstehst Du?!
*
Als ich heute von meiner neuen Zigarettenmaschine, 3 Kronen, schwärmte, sagte mein Stubenmädchen zu mir: „Sie sind doch ein glücklicher meschuggener Mensch!“
SCHULE DES LEBENS
Sie war eine „+freche Flietschen+,“ das heißt sie war es +gar nicht+, sondern sie wartete +vergeblich+ und +enttäuscht+ auf die jedesmalige Ohrfeige, die man ihr hätte +unbedingt+ geben +müssen+ für eine jede ihrer Frechheiten! Aber man lachte, wurde nur verlegen, oder +überhörte+ es. Denkt euch einmal ein Schulmädchen, dem der erste Lehrer alles +absichtlich+ nachsieht, weil, weil, weil -- -- -- weil sie ihm +sympathisch+ ist! „Der Anna g’schieht nix, die darf sich alles erlauben bei unserm Herrn Klassenlehrer! Mir hätten schon tausendmal etwas Fades abschreiben müssen! Aber die Anna ist ja der +Liebling+!“ Ja, der „Liebling“ ist ein +verlorenes+, +unglückseliges+, schamlos +zugrund gerichtetes Wesen+! +Die+ haben es „am Gewissen“, die es +lieb+ haben!
THEATER UND KRIEG
(+Viktor Arnold+ †.) Aus +Berlin+ wird uns telegraphiert: Das ausgezeichnete Mitglied des Deutschen Theaters Viktor +Arnold+ ist plötzlich +gestorben+. Dieser echte Menschendarsteller von tiefstem Gemüte und schlichtester, beseelter Einfachheit brach unter den +Eindrücken des Krieges+ zusammen. Seine Nerven konnten den Meldungen von Schlachten und Tod nicht widerstehen. Die Ärzte schickten ihn in Lahmanns Sanatorium, wo ihn der Tod ereilte. Die deutsche Bühne erleidet mit seinem Hinscheiden einen großen Verlust.
P. A. Viktor Arnold war die Natur selbst, an Einfachheit, Tiefe, Humor und schrecklicher simpler Wahrhaftigkeit! +Deshalb+ wurde für ihn +nie+ das große „+Tamtam+“ geschlagen wie sonst für die Hamlets, Romeos, Tassos, Mephistos, Macbeths! Er erschütterte +die+, die sowieso erschüttert sind, auch +ohne Farce+!
PHILOSOPHIE
+Die Geliebte, in gesunden und in kranken Tagen, nämlich in unseren!+
In +gesunden+ Tagen fällt es uns +mehr+ oder +weniger+ leicht, ihr es ununterbrochen zu +beweisen+, daß sie die +Sonne+ unseres Seins, unser +Labsal+, unsere einzige +Stütze+, unsere +Errettung+ sei! Aber in kranken Tagen +spießt es sich+, obzwar sie malheureuserweise gerade +in diesen+ als Rettungsengel, Betreuerin, Helferin, ideale Stütze eine +Rolle spielen möchte+! Gerade jetzt soll ihr, +muß+ ihr der arme Kranke, der nur absolute +Ruhe+, +Schlaf+, +Darmfunktion+, +Konzentration+ auf das +eigene+ geschwächte Ich brauchte, +beweisen+, daß sie ihm +unentbehrlich sei+, und muß sich oft stundenlang vom brechen und sch. zurückhalten; aus Angst sie zu +enttäuschen+!
Was +nützt+ es, daß sie bleich und selbstlos erklärt, sie wolle für ihn die +niedrigsten Dienste+ verrichten?! Von ihr es +anzunehmen+ +stört+ ihn, +hindert+ ihn, +demütigt+ ihn, macht ihn unglückseliger, als er es +so schon ist+!
Sie sitzt stundenlang an seinem Bette, betreut seinen Schlaf, macht dabei hundert unwillkürliche und willkürliche Geräusche, die ihn +aufschrecken+, jedenfalls die Tiefe des Schlummers, die absolute Sorgenlosigkeit, das gänzliche regenerierende Versinken +beträchtlich verhindern+! Ein Kavalier mit +Magen- und Darmkatarrh+ ist eine Unmöglichkeit! Und +kein+ Kavalier sein, ist aber eine +ebensolche+ Unmöglichkeit! Uns es aber +erleichtern+ scheint eine noch größere Unmöglichkeit zu sein für „+liebende Frauen+“!!!