Fechsung

Part 5

Chapter 53,556 wordsPublic domain

Genehmigte Übersetzung von Roda Roda.

DIE AUFFASSUNG

Ich schrieb in die Zeitung über die süße Tänzerin Hedi Weingartner, sie repräsentiere in allem und jedem die herzige Wienerin. Der Schluß lautete: „Und dennoch, bei aller Lustigkeit, innerlich dennoch tief traurig! Worüber?! Fraget +Franz Schubert+ und +Hugo Wolf+!“

Mein junger Zimmerkellner sagte zu mir: „Jessas, das war wieder schön, was Sie über die Wienerin g’schrieben haben. Und die G’schicht mit dem Herrn Wolf und dem andern Herrn!“

„Wie ist das?!“ fragte ich.

„No, die zwei Herren, die das arme Madl stehn g’lassen haben!“

„Nein, das sind zwei längst verstorbene berühmte Wiener Liederkomponisten, die äußerlich lustig und in ihren Liedern dennoch tief traurig gewesen sind!“

„Aha... +so+ ist das aufzufassen! Herr von Altenberg, aufrichtig gesprochen, +meine+ Auffassung g’fallt mir besser!“

ENGLAND

Soll ich wieder einmal eine Hymne anstimmen zum Preis und Lob aller dieser herrlichen bettelarmen unwissenden und dennoch +höchstkultivierten+ englischen Tänzerinnen aus den Tanztruppen?! Soll ich sagen, daß, trotzdem sie vielleicht nur die Töchter von Matrosen, Polizeiwachtleuten, Hausbesorgern sind, sie das bescheidenste, vornehmste, keuscheste, unkoketteste, un-männersüchtigste, un-geldgierigste Benehmen haben?! Im +Gegensatz+ zur +Französin+ und anderen uns näher liegenden Nationen?!? Es sind +Dollies+, Püppchen, zart und ergeben, dankbar, freundschaftlich, verständnisvoll, anmutig, originell und +ihre eigene Welt+ durchlebend, sogar +durchtrauernd+! Erstaunt sind sie, daß die Männer größtenteils so frech und dumm, eitel und noch etwas anderes sind. Aber sie können sich Gott sei Dank nicht helfen, verändern nicht ihr süß-kindliches Sein! Soll ich die „+Four magnets+“ erwähnen, mit den Kindchen +Bessie+ und +Olive+?! Die +Rockinggirls+ mit der süßen Elsie, und mit Lilly, der Gebenedeiten?! Die +Romaine-Truppe+ mit der edlen Lilly Romaine, die mir aus Rom geschrieben hat, seitdem sie in der Peterskirche war, könne sie nicht mehr so leicht und fröhlich abends tanzen?!? Die +Ismay-Truppe+ mit Ida und Beatrice Ismay, die sagten: „O, der böse Publikum war heute sehr gegen uns, kein Applaus, wir wollen nicht supieren, kein Appetit, wenn man uns nicht lieb hat!“ Und die Sechzehnjährige mit braunen dicken Locken sagte zu mir: „O bitte, kann ich einen Moment stören?!“ „Gewiß!“ sagte ich. „O bitte, ist es richtig, daß Sie sind a most clever poet of Vienna?!“ „Ob +clever+, weiß ich nicht, aber poet, no ja!“ „O bitte, wir haben auch sehr große Dichter bei uns in England!“ „Gewiß, natürlich, es ist kein Zweifel!“ „Zum Beispiel Shakespeare.“ „Ja, ein bedeutender Mensch!“ „Er ist leider schon gestorben!“ „Ja, schade um ihn, gerade solche Leute müssen weggehen!?“ „Es muß eine angenehme Arbeit sein, zu dichten!“ „Ja, es ist nicht unangenehm!“ „Man darf arbeiten, wann man will, nicht wahr?! Wir sind +auch+ Artisten. Wir müssen auch arbeiten, aber zu einer bestimmten Stunde, elf Uhr abends. Sie arbeiten wahrscheinlich in der Früh?!“ „Nein, in der Früh schlafe ich.“ „Ah, also mittags, wenn die Sonne hell und schön vorhanden ist?!“ „Nein, da schlafe ich auch noch.“ „Immerhin, ein Dichter ist frei, er ist ein Vogel.“ „Ja, das ist er!“ sagte ich. Ich wäre gern vor diesem Kinde hingekniet und hätte ihr gern ein Rumpsteak mit potatoes bezahlt -- -- --. Aber kann man Lieblichkeit bezahlen?! Nein!

DAS GLASGESCHENK

Weshalb ein Glas, dickes Kristall, geschliffen nach Altwiener Muster, mit deinem Namen in +meiner+ Schrift graviert?! Leblose Dinge sollen dir auch +lebendig+ werden, wo’s keinen +Gram gibt+ und keine +Enttäuschung+! Nicht, daß du daraus trinkest, weil +ich’s+ spendete! Du sollst am +Glas+ dich freuen, an der +Form+, und daß es +dein+ ist, zu +eigenstem+ Gebrauche, von allen anderen +merkwürdig+ unterschieden! Und solltest du dabei meiner +gedenken+, so kann’s dem schönen Glase auch nicht schaden! Heil dir und deinem Trunk! Nicht, daß du sagest: „Ich hab ein Glas, es ist +von ihm+!“ Sondern: „Ich hab ein +wunderschönes+ Glas, und +außerdem+ ist es von ihm!“

VANITAS

O Mann, +falls+ du einer +bist+, sage niemals: „Ich +werde+ geliebt!“ Sage immer nur: +Ich+ liebe! Das erstere überlasse der zarten Frau, dem Walde und der Rose!

Sie sind vorhanden, um, schweigend, geliebt zu +werden+! Du aber +liebe+! Das sei deine Kraft, dein Stolz! Und wenn du +Gegenliebe+ findest, so sei es nur gleichgültiges +Echo deiner+ Weltposaune! Auch +ohne+ Echo +bist+ du es!

STÄNDCHEN

An Paula S.

Wenn +du+ bei mir bist, denke ich +nur+ an alle anderen! Wie schrecklich es nämlich mit ihnen war, wie dumm, verlogen und wie +überflüssig+! +Du+ allein spürst es, +wie+ ich den „Talhof“ liebte, Reichenau, den Schneeberg, Gmunden, die Dolomiten, Semmering, +du+ spürst es, machst es gleichsam +mit+, in mir, in dir, und in der Welt +realer+ Träumereien! +Du+ spürst es, daß du mir bist wie ein +Extrakt+ von allem diesem Schönen, das ich in vielen Jahren, +fern+ von dir, erlebt! Ich habe es +erlebt+, um es von neuem +mit+ dir, +in+ dir und +durch+ dich zu erleben! Und +so+ erlebst du’s noch +einmal+ mit mir, ohne es je gesehn zu haben ...

MEIN FENSTERBRETT

Von +allen+ meinen betreuten Blumen auf meinem Fensterbrett, in herrlichen Vasen, bliebst +du+ mir getreu, +du+ Buschen von lila Margeriten! +Du+ wuchsest und gediehest freudig, liebevoll, unter +meiner+ Pflege! Die +anderen+ Blumen, vielleicht +zarter+ oder +minderzart+, sehnten sich nach etwas +anderem+, das +ich+ in +meinem+ Zimmer nicht zu bieten hatte! +Trotz+ treuester Pflege! Sie wollten hinaus, +irgendwohin+, und weg von mir! +Du+ aber, lila Margeritenstrauß, in blausilberner Vase, fühlst dich +wohl+! Ich spende dir +nicht mehr+ wie allen anderen! +Du+ bleibst in Pracht. Die anderen welken hin und wollen +fort+! Für sie gibt’s +irgendwo+ ein besseres Leben! So geht denn hin, zu +anderen+ Betreuern! In +meinem+ Raum gedeiht nur +meine+ Welt!

PAULINA

Ich hab „erwarten“ nie gekannt! Wirklich nicht! Es ist keine Überhebung. Ich hab es nicht gekannt. Wenn sie kam, kam sie. Wenn sie nicht kam, kam sie nicht. Kann ich sie zwingen?! Man hat so viel Verpflichtungen, Vergnügungen! Soll ich erst fragen, um die Wahrheit oder die +Unwahrheit+ zu erfahren?! +Beides+ ist wahr. Wahr ist, daß sie +nicht+ kam! Ich hab „erwarten“ nie gekannt. +Jetzt+ kenn ich es. Süß-bitter, bitter-süß schmeckt’s auf der Seele! Wie wenn man einem durstigen Tier den Wassernapf zeigte, und ihn zurückzieht. Dennoch sieht er ihn und weiß, er ist! Genug +Vergleiche+! Wer +den+ nicht versteht, versteht den anderen +auch nicht+! Viele Dichter haben schon tief geschrieben über die Erwartung. Ich aber sage: +Dürstendes+ Tier, du +siehst+ den Wassernapf und darfst nicht +trinken+!

ERZIEHUNG

An ein zwölfjähriges Mädchen:

„Wenn du es +ganz genau+ wissen willst, Martha-Maria, ob du jemanden +wirklich+ gern hast, so verlasse dich +nie+ auf dein eigenes gesprochenes Wort: ‚Ich hab Sie gern!‘, sondern denke sogleich nach, ob es dich mehr freuen würde, ein geliebtes Buch, eine geliebte Puppe oder irgendeinen deiner geliebten Gegenstände dem Betreffenden zu +schenken+, als es +für dich selbst+ zu behalten! Dann wirst du erst es genau wissen, ob du jemanden +wirklich+ liebhast!!!“

*

„Martha-Maria, ich schenke dir heute meine geliebte Lido-Muschelsammlung, in einem braunen geflochtenen japanischen Korb. Ich habe am Strande des Adriatischen Meeres seit dem 3. Mai gesammelt, und zwar unter Tausenden nur die apartesten. Die elf Tigermuscheln jedoch habe ich dazu gekauft, denn, obzwar sie auch zu den Kunstwerken der Adria gehören, findet man sie nie am Strande, sondern muß sie tief fischen wie die Schwämme. Diese Muschelsammlung legte ich mir an als Andenken an den Lido und an manches andere, Freud und Leid, wie es schon so kommt. Nun schenke ich sie dir, Martha-Maria, denn das Wort: ‚Ich habe dich lieb‘ hat ja doch zu wenig Bedeutung und zu wenig Klang!

Dein Peter.“

REFORMATIONSZEITALTER

Die Reform der Mode haben +nicht+ unwissende geschäftsgierige Schneider, sondern +höchstkultivierte+ Hygieniker zu dekretieren! Ich dekretiere also für Frühling, Sommer, Herbst 1914: Gehen +ohne+ Kopfbedeckung! Der „+Steirische Janker+“, +ohne+ Gilet zu tragen, in aparten modernen +englischen+ Mustern, homespunartig! Breite kurze Bauernhose, mit Ledergürtel! Es ist eine einfache, hübsche, gesunde, billige Tracht! Für hübsche, gutgewachsene, also +magere+ Damen (die anderen sollen gehen wie sie wollen!): Fußfreier Glockenrock, weite Seidenbluse, kein Hut! Dein Haar, o Fraue, sei dein schönster, apartester, elegantester und +billigster+ Hut, der nie „aus der Mode kommt“! „Die Schneider und Modisten wollen auch existieren!“ Diesem Schlachtruf schreien wir entgegen: „Wir wollen keine Schulden machen!“ „Wir wollen leicht gekleidet, gesund und hübsch und apart zugleich gekleidet sein!“ Alle Vögel des Waldes sind gesund, hübsch und apart gekleidet. Aber bei uns dekretierte ein moderner Architekt: „Gehet so gekleidet, wie der +König von England+ gekleidet geht!“ Solche Blödsinne sagen die Vögel des Waldes nie: Gehet wie der Adler gekleidet, unser König!

SPLITTER

Wir sind nicht +armselig+ genug, um ununterbrochen den Segen der Sonne, des zeitlich Aufstehens und des geordneten Lebenswandels genießen zu können!

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Eine Sache ist +nicht+ so, wie sie +ausgesprochen+, sondern +so+, wie sie +gehört+ wird!

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Eine Dame sagte zu mir: „Pathologisch?! +Alles+ ist doch pathologisch, was +wirklich tief+ sitzt!“

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Jeder Mensch rächt sich an dem anderen für das, was an ihm selber +unzulänglicher+ ist! Der Dicke an dem +Dünnen+, der Rohe an dem +Sanften+, der Langnasige an dem +Stumpfnasigen+, der Krummrückige an dem +Geradrückigen+! Und die Frau?! Die rächt sich +überhaupt+! An dem Mann, daß sie +eine Frau+ ist! Sie muß m., sie muß g., sie muß alt werden und schiech -- -- -- „na wart, Kerl, das sollst du mir büßen!“

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Viele Männer wissen es ganz genau, daß sie +tief unter+ ihren Frauen stehen. Deshalb stellen sie sich in Gesellschaft absichtlich +über sie+: „Was hat das dumme Mädi da wieder zusammengeplaudert?!“ Das dumme Mädi denkt: „Du armer Esel!“

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Ein geschmackvoll gefaßter Chrysopras ist schöner als ein hundertmal wertvollerer, geschmacklos gefaßter Diamant! Wenn du eine Dame findest, die +derselben+ Ansicht ist, so +heirate+ sie auf der Stelle. Aber du wirst ledig bleiben!

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„Je mehr man uns +verwöhnt+, desto weniger ‚+christlich+‘ werden wir, demütig-bescheiden. Daher ist es ‚+unchristlich+‘, uns zu +verwöhnen+!“

Ich habe Perlmutterknöpfe gesehen zu +einer+ Krone, die schöner, leuchtender waren als Perlen zu +tausend+ Kronen. +So weit+ muß man es bringen! So weit vor allem muß man die +Frauen+ bringen, diese geborenen +Snobs+!

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Deine Haare seien, o Frau, dein schönster apartester Hut! Sie sind schöner als die Federn des unglückseligen Edelreihers, des geplünderten Paradiesvogels und des gerupften Straußes!

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Wenn ein Mann dir nur +mit Geld+ seine Verehrung beweisen kann, so mußt du zu „Schwartz und Steiner“ rennen, seinen Schmuck +einschätzen+ lassen! Freilich kann er früher dort gewesen sein und gesagt haben: „Sagen Sie der Gans 3000!“

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„Alle Männer sagen mir, daß sie mich schrecklich liebhaben. Aber ich glaube nicht daran. Weil ich an meiner +eigenen Wirkungskraft+ zweifle. Krankenpflegerinnen +zweifeln nie daran+, daß der Kranke sie liebhabe und an ihnen hänge!“

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„Ich komme immer wieder doch zu dir zurück!“ sagte die Dame zu dem Idioten.

„Ich wünsche mir nicht mehr!“ erwiderte der Weise.

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An einer Frau +hängen+!? Freilich, man hat dabei etwas wenig Luft und ist dem Ersticken nahe!

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„Wir +verderben es uns+ mit so vielen Männern wegen Kleinigkeiten, unnötiger Grausamkeiten, Wartenlassen, gelangweilter Mienen, ungezogener Bemerkungen. Aber dadurch erfahren wir es andererseits, wer sich durch nichts +abschrecken+ lasse, uns zu lieben!“

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Je weniger Aschenschalen du in deinem Zimmer aufstellst, desto weniger +verzweifelt+ wirst du sein, wenn deine Gäste die Asche +dennoch+ wo anders abstreifen. Stelle +gar keine auf+, damit du die Beruhigung habest, es sei +deine+ Schuld!

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Eine Lebenskünstlerin. Eine junge Schönheit, der ich eine silberne Tabatiere mit +ihrem+ von mir geschriebenen Namenszuge schenkte, sagte allen Herren: „Schaut’s, die hat mir der Baron Wolff g’schenkt. Was, nett?!“ Eine erboste Kollegin sagte ihr, es sei die Handschrift des Peter Altenberg, sie kenne sie. Da sagte sie: „Wann der +so+ schreiben könnt!“

*

Ich stehe jetzt immer vor einer Delikatessenhandlung und betrachte die französische, fast runde, lederbraune Birne „Madame Lavallière“, vier Kronen, die ich einst einer bestimmten Dame schenken wollte. Wenn ich denke, daß ich mich hätte +hinreißen+ lassen, sie ihr zu schenken!? Es gibt noch +befreiende+ Augenblicke. Jeden Tag stelle ich mich vor die Birne hin!

*

Ich habe es zwar +schon einmal+ geschrieben, aber die Menschheit scheint es vergessen zu haben: „+Nicht+ um die Geliebte weine, die du +verloren+, um +die+ weine, die dir +geblieben+ ist!“

*

„Das Leben +ist eben+ nicht anders!“ sagte das Kaninchen, als es von der Riesenschlange lebendig langsam verschluckt wurde. Dann steckte es resigniert noch den Kopf heraus und seufzte: „Frau Schlange, wenn ich Ihnen nur schmeck!“

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Bei der Begrüßung von Menschen im Café, Restaurant usw. glaubt man es momentan an den Gesichtern abzulesen, daß sie füreinander ins Feuer gehen möchten; aber bei den ersten ausgeborgten fünfzig Kronen spießt es sich mit dem Feuer.

*

Wasser ist das Ideal aller Getränke; man kann es nur +genießen+, wenn man nämlich +wirklich+ durstig ist; dann aber mit +Hochgenuß+!

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Ich habe immer bemerkt, wenn jemand einem eine schreckliche Komplikation seines Lebens mitzuteilen die Ehre tut, man intensiv auf seine Schuhe schaut und denkt: „Man kann eigentlich doch nur bei Herring arbeiten lassen!“

*

Als die „Graphologische Ecke“ mir etwas +Ungünstiges+ schrieb, sagten alle Freunde: „Siehst du, Peter?!“

Als sie mir etwas +Günstiges+ schrieb, sagten alle: „Jeder kennt deine Handschrift! Diese Schlaumeier!“

„Das ist eine +Gemeinheit+!“ sagte daraufhin das Fräulein B. mit den goldroten Haaren.

„Was ist eine +Gemeinheit+?! Daß Peter +so+ berühmt ist, daß alle seine Handschrift +kennen+?!“

„Nein, +das+ nicht...“

„Also was +denn, was, was+?!“

Da wurde sie ganz rot, verlegen und glaubte selbst, daß +sie+ im Unrecht sei!

*

Ich war in „Venedig“ in berühmten alten Palazzi, in denen ich +nicht einen Tag lang+ leben könnte. Dann war ich in einem Kuhstall, da roch es wunderbar, und von dem Plafond hingen keine Kristallglas-Lüster herunter!

*

Es gibt Frauen, denen man nicht einmal ein Kalbsgulasch zahlen möchte, und solche, für die man Wechsel fälschen möchte. Aber solche, denen man einfach sagte, so viel habe ich, so viel kann ich entbehren, gibt es nicht! Die „Ordnung“ macht ihnen keinen +Spaß+! Ihm oder ihr?! +Beiden+!

*

Être +enfin+ arrivé?! Mais c’est de très mauvaise race! Il faut être arrivé +au jour de sa naissance+!

*

„Ich freue mich, daß ihr bürgerlichen Damen jetzt schon mit dieser genialen Tänzerin E. aus dem ‚Palais de danse‘ verkehrt!“

„O pardon, +wir+ freuen uns, daß sie +mit uns+ verkehrt!“

„Ich hab ja meinen Mann schrecklich gern, selbstverständlich, aber wenn wir noch einmal auf die Welt kommen sollten, +den+ nehm ich mir nicht mehr!“

*

Die Biene ist das +Genie+ unter den +Wohnungserbauern+. Möchten Sie aber gern mit ihr deshalb +ein Leben verbringen+?! Es gibt aber Frauen, die mit +genialen Wohnungserbauern+ gern ein Leben +verbringen+ möchten!

DER „FEIGLING“

Einem Bekannten von mir ist etwas passiert, und wenn ich es hiermit verteidige, werde ich es mir mit den +sogenannten „Kraftnaturen“+ verderben! Er ging nämlich um halb ein Uhr nachts in Oberdöbling, von seiner süßen Geliebten weg, nach Hause. Auf dem Wege sprach ihn ein fremder Herr an und bat um Geld. Herr D. nahm ihn aufs Korn und eruierte, daß er sich mit zwanzig Heller nicht zufrieden geben werde. Infolgedessen spendete er eine Krone. „Geb’n S’ an Zehner her!“ Mein Bekannter öffnete die Brieftasche und überreichte zehn Kronen. „An Zehner, sag i, an Zehner!“ -- „Ah, der rechnet noch nach der alten Währung!“ Und wollte zwanzig Kronen spenden. -- „Spielen S’ Ihnen nit lang mit mir herum! Und geb’n S’ alles her!“ Darauf gab er die Brieftasche. „Alles, alles, sag i!“ Da gab er die Uhr, den Ring. Der andere ging weg, ohne adieu zu sagen. Mein Bekannter machte keine polizeiliche Anzeige. Er wußte nämlich, daß in seiner Brieftasche sich sein Name mit Adresse befände, und befürchtete die spätere Rache. Einige Tage später sagte eine „+Kraftnatur+“ zu ihm: „Wundern Sie sich nicht, mein Herr, daß ich Ihren Gruß nicht mehr erwidere! Sie sollen sich in einer der letzten Nächte, in Oberdöbling, nicht ‚+fair+‘ benommen haben!“ Am selben Abend sagte seine süße Geliebte zu ihm: „Is doch gut, daß er dich nicht g’stochen hat!“

TABARIN

Im +Tabarin+ kann man +manches+ lernen, wie überhaupt überall, +vieles+, vielleicht sogar +alles+. Aber man muß die +Lernorgane+ dazu haben. Sonst lernt man +nichts+, nirgends, und +verlernt+ sogar. Augen, Ohren muß man haben und deren Verbindung mit Geist und Seele. Voilà tout. Die +Französin+ also ist nicht +eitel+, das macht sie vor allem dem „Drahrer“ sympathischer. Nie wird sie dich belästigen mit Fragen, wie dir ihre Bluse, ihr Hut, ihr Ring gefallen. Machst du eine günstige Bemerkung darüber, so ist sie glücklich, aber +Lob erpressen+ wie bei uns tut sie nie. Sie hat die Qualitäten ihres guten, freien und dennoch netten Benehmens, denkt +nie+ daran, auf dich zu wirken, sondern +wirkt+! Ihr ist nie +bange+ um ihre +Wirkung+, infolgedessen +denkt+ sie nicht daran. Sie ist eine unbewußte Lebenskünstlerin, lebt ihre Persönlichkeit ganz kindlich unverfroren aus, überläßt sich dem Schicksal, hat künstlerisch leichten Sinn, und ihre Niederträchtigkeiten haben noch die Gloriole kindlichen Unwissens! Man zürnt ihr nicht, das ist es! So wenig man einem Vögelchen zürnte, das einen aus der Luft oder von einem Baumast aus bekleckste! Es ist peinlich, aber man zürnt ihm nicht, eher sich selber, daß man gerade dort hat sitzen müssen! Die Wienerin ist eine Erpresserin, betrachtet dich von vornherein als einen Geizkragen, der nicht genug „auslassen“ wird und dem man es daher unerbittlich „herauskitzeln“ muß. Der Champagnerfleck, den du auf das Kleid der Französin machst unabsichtlich, erzeugt bei ihr einen einzigen tragischen flüchtigen Augenblick, während die Wienerin sich verfärbt, gleichsam alt und krank wird und dir es mitteilt, daß das Kleid dreihundert Kronen koste und wie sie dazu käme, kannst net aufpassen, Ochs?!

Die Französin kümmert sich +niemals+ um deine +Laune+, Gast, um dein seelisches Wohlbefinden. Sie tut, was sie +kann+, und vor allem, was sie +will+! Die Wienerin ist ununterbrochen +auf der Lauer+ um deine seelische Laune ihr gegenüber, da sie einerseits weiß, daß ihr momentanes ökonomisches Glück davon abhängt, anderseits es +ganz genau+ fühlt, daß sie mit ihrer stieren Persönlichkeit +nichts+ dazu beitragen kann, deine Laune zu +verbessern+! Die Französin wirkt mit ihrer +Persönlichkeit+, die Engländerin mit ihrer +Reinheit+, die Wienerin mit ihrer +Stierheit+!

Frauen sind zu werten +außerhalb+ der Weltkonstellationen!

SPLITTER

Gespräch meines Zimmerkellners mit dem Küchenmädchen über meine letzten Aphorismen. Er: „Wenn man nur wüßt, wo der Mensch diese Einfälle alle hernimmt!?“ Sie: „Er hat doch den ganzen lieben Tag nix anderes zu tun!“

*

Bekenntnis einer schönen Seele: „Das +peinlichste+ in der Welt ist, wenn man an einem Mann gar nichts auszusetzen hat und sich doch mit ihm tödlich langweilt!“

*

Die Liebe: Ich habe für eine bestimmte junge Künstlerin eine direkt mystische Verehrung. Ich habe daher mein allerschönstes +P.-A.-Kollier+, Glas, Holz, Seide, arbeiten lassen und werde es ihr zum +Selbstkostenpreis+ überlassen!

*

Es gibt Damen, die im „Tabarin“ etwas +ganz Besonderes+ sich erhoffen. Das sind „+Drah-Dilettantinnen+“. Zum „Drahn“ gehört vor allem die langjährige gute Erziehung, vom Leben sich nichts Besonderes zu erwarten!

*

+Die kleine Philosophin+:

„Mit die Champagnerwurzen is es wirklich ganz merkwürdig. Einmal kommen dir drei auf einmal, und einmal wieder kommt gar keiner. Und dann kommt dir einer, der kein Geld hat. Und grad der wär so nett, wann er a Geld hätt! Und grad so aner hat dir kans!

Ergebenst +Finerl+.“

55. GEBURTSTAG

Wien, 9. März 1914.

Peter Altenberg,

und ich muß Ihnen jetzt doch schreiben. Ich dachte: ist es nötig? Ja! Für mich! Ich +muß+ Ihnen schreiben, nicht damit Sie vielleicht in einer Ihrer Sachen dann erwähnen: „Die und die schrieb mir...“ nein, sondern Sie, Sie sind derjenige, zu dem man sprechen, +wirklich+ sprechen kann. Ich schreibe Ihnen nicht so, wie man Schriftstellern schreibt, sondern als einem von den furchtbar Wenigen, die wissen, was das bedeutet, wirklich ein Mensch sein wollen! Ich antworte ganz einfach auf +all das+, was Sie mir in Ihren Sachen gesagt haben. Denn +mir+ -- +mir+ haben Sie das alles gesagt -- ja, es ist für alle andern +auch+, ich weiß -- aber +eigentlich+ doch nur für die, die es +verstehen+. Die fühlen: das gilt dir! Sie sagen einfach das, was man selbst schon hundertmal empfunden hat, vielleicht auch hat aussprechen wollen -- und da steht es nun -- ganz selbstverständlich, und man weiß, es ist das +Richtige+, das +einzig Wahre+, wie es ist -- oder sein +sollte+.

Aber eines: woher -- woher haben Sie diese Zuversicht, daß die Menschen, die Welt sich einmal ändern werden? Denn nötig wär’s schon... Sie sind über fünfzig, nicht wahr? Nun, ich bin neunzehn, aber ich bewundere Sie darum. Ja, vielleicht, wenn alle das einmal verstehen würden, was Sie sagen, und +immer wieder+ sagen -- aber +hört+ denn jemand zu? Ja, +ich+ höre -- aber es müßten ja alle andern es auch! Dann vielleicht -- -- --! Aber was nutzt es, daß ich -- nachdem ich Ihre Sachen gelesen habe, Sie für den +Lebenserhalter+ und +Lebensförderer+ halte, und alle, denen ich es zeigen will, mich dafür auslachen? Herrgott, ich möchte ja allen sagen, daß es toternst gemeint ist, was Sie schreiben -- und daß es sehr traurig ist, +darüber zu lachen+. Und ich möchte nur einen einzigen Menschen finden, mit dem ich über Sie sprechen kann, wie Sie wirklich sind. Ich glaube, ich könnte über Sie sprechen, wie über jemanden, den man lange und gut kennt, +so genau sind Sie in dem drin+, was Sie schreiben -- nämlich das, was wertvoll ist an Ihnen. Sonst sind Sie vielleicht ein Hund!

Deshalb kann ich zu Ihnen so reden, als würden auch Sie mich kennen. Und ich bin gespannt, was Sie mir in Ihrem nächsten Buch +zu sagen haben+. Denn ich habe jetzt alle Ihre Sachen gelesen -- und kann nichts tun als versuchen, das, was Sie darin sagen, was Sie raten, selbst zu erproben. Ich glaube fast, man braucht +dazu ein ganzes Leben+ -- -- --

Peter Altenberg, ich danke Ihnen. Sie haben mir das gegeben, was ich brauche: den +Glauben+, daß +trotz+ und +trotz+ allem die Menschen noch so werden können, wie Sie sie sehen. Und Sie sehen sie, freilich aber nach tausend Jahren!

Paula Schweitzer.

LYRIK