Fechsung

Part 4

Chapter 43,600 wordsPublic domain

Ganz Venedig war überschwemmt, musikalisch überschwemmt von einem Lied: „Valse brune“. Überall strömte es hervor, aus allen Gassen, es floß auf die weiten Plätze, rann in die Vergnügungslokale, sickerte in die Türspalten der armen Mädchen, tropfte von allen offenen Fenstern herab auf die Passanten, die es doch nicht benötigten, da sie es selbst, schlendernd oder in harte Arbeit gehend, vor sich hin trällerten. Es ist kein schlechtes Lied, nein, es ist süß und ein bißchen fade, und ich kann es mir ganz gut vorstellen, daß ein verliebtes Mädchen gerne ihre letzte Lire herschenkt, um es sich noch einmal vom Werkelmann vorspielen zu lassen oder von der Salonkapelle in „Folies Bergères“. Aber was ist dieses Lied gegen das Lied von 1913, das nun neu auftaucht wie ein mildes süßes Licht und alle zarten Melancholien der bescheidenen und enttäuschten oder sehnsuchtsvoll hoffenden Menschenseele enthält?!? Es heißt: „Fili doro“, von Buongiovanni! Dieses Lied, man kann es nicht oft genug hören! Es ist das Lied der italienischen Volksseele! Es ist die +Königshymne+ des Volkes, es enthält seine Freude, seine Traurigkeit, seine Armut, seine Genügsamkeit und seinen Seelenadel! Überall strömt es nun statt „Valse brune“, das gestorben ist, hervor aus allen Gassen, es fließt auf die weiten Plätze, es rinnt in die Café chantants, es sickert aus den Türspalten der armen Mädchen mit den edlen, stolzen, einfachen, schwarzen Schals, es tropft von allen geöffneten Fenstern herab auf die Passanten, die es weiter tragen in die Arbeit oder an das blaue Meer. Es ist das Lied der Seele, es ist die Hymne des Volkes! „Fili doro“, von Buongiovanni!

VENEDIG

Ich hörte, seitdem ich da bin, man müsse vormittags +ziellose+ Promenaden machen durch die Gäßchen und über die Plätze mit unbekannten Statuen, mit einem Worte: +schlendern+! Nun, nach vier Monaten, schlendere ich endlich, wie es geboten ist, durch die übelriechenden Gäßchen und über Plätze mit unbekannten, wenn auch unschönen Denkmälern. Ich ging an unzähligen Wurst- und Käsehandlungen vorbei, deren Duft mich nicht zum Verweilen lockte, während in den Gemüsehandlungen die lila Melanzani mich nicht sehr aufregten, da ich sie in Öl bereits für ungenießbar erschmeckt hatte. Auch Pomo d’ oro, die bei uns ganz schlicht Paradiesäpfel heißen, konnten mich nicht erschüttern, da es hier keine Speise gibt, in der oder neben der sie nicht die Speise selbst zu einer ungenießbaren gestalten. Es ist schwer, den edlen Paradiesapfel uns verhaßt zu machen, aber die italienischen Köche treffen es. Sie wollen ihn nicht kochen, sondern erlauben es sich in ihrer südlichen Leidenschaftlichkeit, ihn uns roh vorzusetzen, wodurch er unsre ehemalige freundliche Zuneigung einbüßt. Nun, weshalb so kritisch und boshaft sein in einem Lande, das uns geschnittene Kürbisse in Öl, Zucchetti darbietet, auf daß wir unsern Hunger daran stillen!? Die Namen der Speisen wären wert, von Moissi deklamiert zu werden in aufgeregten Mädchenschulen. Dort lebt man noch vom Klang! Wir Älteren, aber nicht mehr Düpierbaren, ziehen einen mürben Nierenbraten mit Niere phonetisch-kulinarischen Genüssen vor! Der Italiener ist genügsam: er begnügt sich, uns für teures Geld schlechte Ware zu liefern. Zucch-èti, Spagèti, Melanzáni et pòmo d’ ôrò!

VENEDIG

Maria Mazzucato ist das schönste Mädchen Venedigs. Sie ist Arbeiterin in einem ganz winzigen Modistengeschäft in der Merceria Capilleri. Sie hockt von früh bis abend und putzt Hüte auf für Damen, die alle zusammen nicht so schön sind wie sie. Sie ist eine ästhetische Vereinigung von Otéro, Grete Wiesenthal, Duse. Sie ist sechzehn Jahre alt und sehr schlank und sehr groß, also eine Vollkommenheit. Ich schrieb ihr eine Ansichtskarte (calme du soir): „Venise a été cet été une ville vraiment très intéressante et originale: elle a contenu la princesse de Terra Nova, Mitzi Thumb, et Maria Mazzucato! Les palazzi, mais mon Dieu, c’est mort, c’est enseveli! Et les vieux tableaux, mais, j’en préfère les jeunes et vivants!“

Maria Mazzucato hat mir ein Abschiedsgeschenk, zur Erinnerung, eine wunderschöne lederne Handtasche, +refüsiert+. Sie hat gesagt: „Zur Erinnerung?! Ich habe ja Ihre Ansichtskarte!“ Infolgedessen tauschte ich die Handtasche um gegen ein wunderbares gelbgeflecktes Schildkrotpapiermesser für meinen Schreibtisch. Wie gut, daß sie es +refüsiert+ hat. Erstens wird sie Gewissensbisse haben und ein bißchen Reue, und ich, nun, ich habe ein schönes Papiermesser! Gestern schnitt ich damit auf: „Aage Madelung, Der Sterlett.“ Ich war wirklich ganz zufrieden mit dem schönen Papiermesser.

Am selben Abend sah ich in den „Folies Bergères“, einem ganz kleinen Chantant: La Eutimia. Sie war ganz jung, absolut tadellos gewachsen, gelber Teint und schwarze Haare. Sie sang mit tiefer süßer Stimme die herrlichen Lieder: „Fili doro, la retirata, Una sola volta, Marechiare.“ Nach der Vorstellung stellte sie sich in dem schmalen Gang auf und sagte zu jedem Herrn: „20 centesimi obligo!“ Ich gab ihr fünf Lire. Ich sagte zu ihr: „Darf ich Ihnen morgen eine schöne lederne Handtasche bringen?!“ „Gewiß, mein Herr, ich werde glücklich sein!“

Da nahm ich denn mein schönes Schildkrotpapiermesser und tauschte es wieder um gegen die schöne Handtasche. „Ah,“ sagte der Kommis, der mich bediente, „also hat die Handtasche doch der Dame besser gefallen?!“ „Ja!“ sagte ich, „sie hat es sich überlegt!“

ONKEL EMMERICH

Mein Onkel Emmerich hatte kein Herz. Er spekulierte und kaufte Kopien alter Bilder als echte, die sich dann später teilweise sogar als echte herausstellten. Endlich hatte er abgewirtschaftet. Wir Knaben saßen beim Nachtmahl am Abend des „ökonomischen Sedan im Hause Emmerich“, und mein Onkel bewies uns an der Hand von Silberers Sportzeitung, seiner Bibel, daß „Quick Vier“ am Sonntag das Rennen gewinnen müsse. Außerdem habe er private Tips erhalten aus dem Stall. Plötzlich sah er auf und bemerkte, daß Frau und Tochter leise weinten. „Wenn ich nur wüßte, weshalb jetzt diese Weiber platzen?!?“ sagte er. Natürlich platzten sie wegen des verlorenen Geldes. Wegen was platzen Weiber ernstlich?! Quick Vier gewann auch nicht, weder Quick noch Vier, sondern überhaupt nicht, und mein Onkel fuhr auf dem hohen Dache des englischen eleganten Sportomnibus (zehn Kronen der Sitz!) und mit demselben Rennglas bewaffnet, das auch Graf Niki Esterhazy hatte, ganz nachdenklich nach Hause. „Die Mitgift unserer armen Tochter!“ weinte unaufhörlich meine Tante. „Erziehe dein Kind so, daß sie keine Mitgift braucht!“ sagte mein Onkel. Als er seine Gemäldesammlung, wegen der er sein Leben lang von der Familie verhöhnt worden war, versteigert hatte, erwies es sich, daß sie wertvoller gewesen war als das ganze Geld, das er sonst verspekuliert hatte. Einen merkwürdigen Menschen nannte ihn von nun an die Familie, die ihn bisher einen Leichtsinnigen genannt hatte. Meine Tante aber sagte: „Emmerich, innerlich bist du ja doch ein guter Mensch!“

DAS LEBEN

Einem zwölfjährigen Mädchen, das im Stabilimento angestellt war für eine Lire täglich und das außerdem bildhübsch war, kaufte ich im Lauf der Säson dreimal zwölf Abonnementkarten für das Meerbad. „Ja,“ sagte die Geschäftsdame, bei der sie angestellt war, „Sie verführen mir dieses Kind! Es soll arbeiten, nicht baden und sich amüsieren! Wenn Sie immer gebadet hätten, statt zu arbeiten, wären Sie auch nicht das geworden, was Sie heute sind!“

„Ich habe nie gebadet und noch weniger etwas gearbeitet!“ erwiderte ich. „Weshalb soll dieses arme Kind zusehen, wie alle diese wertlosen Frauen im Meere baden und sich vergnügen?!?“

„Ja, mein lieber Herr, sie haben eben das Geld dazu!“

Einige Wochen später traf ich das Kind. „Eine Freundin von mir hat, denken Sie, ein Tramwayabonnement! Sie rutscht hin und her!“

„Nun, du kannst auch eins haben!“

Eine Woche später: „Denken Sie, im vorigen Jahr erhielt ich eine Schachtel Aquarellfarben samt Pinseln und Zeichenalbum! Aber jetzt ist es schon ganz aufgebraucht!“

Ich kaufte ihr natürlich neue. Sie war ganz entzückt. Eine Woche später sagte sie: „O, jetzt kommt der Winter, da ist es kalt. Meine Mama, meine gute Mama braucht ein warmes Tuch zum Ausgehen. Auch unser Klavier ist verstimmt, soll repariert werden, und Anne-Maria hat einen Zahn zum Plombieren.“

„Kind,“ sagte ich, „ich bin erstaunt, daß du alle diese Dinge gerade mir erzählst!?“

„Ja, Sie alter Esel, wem soll ich sie denn erzählen als dem, der mich gern zu haben scheint und mich für bildhübsch hält?!? Soll ich es vielleicht dem erzählen, der mich für einen ekelhaften kleinen zudringlichen Fratzen hält? Der gibt doch gewiß nichts her!?“

„Du hast recht!“ sagte ich und bezahlte ihr noch den Klavierstimmer und den Zahn ihrer Schwester!

ONKEL MAX

Dieser Max, mein Onkel, der seit sieben Jahren tot ist, war einmal sehr hübsch gewesen, ja, sogar besonders hübsch, auch nach modernen Begriffen. Ganz schlank, ganz groß, und eine Stumpfnase. Infolgedessen hatte er ein Liebesverhältnis mit der ganz jungen Näherin seiner Mama, +meiner+ Großmama. Er kaufte sich daher in Hietzing, Hauptstraße, ein kleines Haus mit Gärtchen und ließ die junge Näherin darin wohnen. Sie legte eine Rosenkultur an und Nelken, und war froh, daß ihre zarten schönen Finger nicht mehr vom Nähen leiden mußten. Sie pflegte sie sogar, gleichsam als Entschädigung für schreckliche qualvolle Jahre, mit Malatine, Honigglyzerin. Eines Tages beschloß die Familie, daß mein schöner, magerer, langer Onkel mit der Stumpfnase eine „Partie“ machen solle. „Ja,“ sagte er, „à la bonheur. Aber was soll mit Anna geschehen?!“ Man verheiratete Anna mit einem Manne, der sie seit ihrer Kindheit schrecklich gern gehabt hatte und dem es nur am „Nervus rerum“ gefehlt hatte, um sie, pardon, um +sich+ glücklich zu machen! Anna war mit allem einverstanden, denn es ist besser, dort einverstanden zu sein, wo nicht einverstanden zu sein einem auch wenig nützen könnte. Nun heiratete mein Onkel und baute auf der Hietzinger Villa noch einen Stock auf. Ein Gärtner wurde engagiert, um die Rosen- und Nelkenkultur Annas weiter zu pflegen. Eines Tages sagte meine angeheiratete Tante zu meinem schönen, langen, mageren Onkel mit der Stumpfnase: „Du, wer war diese Anna eigentlich, nach der diese schönen gefleckten Nelken benannt sind?!“ Mein Onkel schaute auf die gefleckten Nelken und verstand gar nicht, daß diese Anna überhaupt noch irgendwie im Leben in Frage käme!

Nun ist mein Onkel schon seit sieben Jahren tot, und meine Tante ist schon Großmama. Unverändert in herrlichem Beete sind nur die gesprenkelten Anna-Nelken geblieben in der Hietzinger Villa.

BRIEF AN GRETE WIESENTHAL, DIE TÄNZERIN

Schone deinen Verdauungsapparat, dieses +Zentrum+ deiner Lebensenergien, aus freier Entschließung, wie eine kranke Wöchnerin es +notgedrungen+ tun muß -- -- -- und du wirst leicht und beweglich, fliegend und schwebend, tanzend und jauchzend bleiben!

Hilf nach mit dem heiligen Purgiermittel: +Rhamnin+, Cortex Rhamni Frangulae, ein Eßlöffel voll vor dem Frühstück!

Idealer Ersatz für +jedes kalte Bad+: Menthol-Franzbranntwein, in großem +Zerstäuber+, auf den +ganzen Leib+ gestaubt wie Regenschauer. Abends vor dem Schlafengehen, morgens beim Erwachen!

Armheben, dann nach +abwärts+, und heben +seitwärts+ hinauf, +im Tempo+ des schleunigen +Versaglieri-Marsches+, zu Klavier, Klarinette und kleiner Trommel (Sousa-Märsche!).

Das +Tanzturnen+!

Vorwärts! Rasch! Präzise! Wie die Maschinengewehre rattern, ră--tā!

Ihr ergebener Peter Altenberg.

p. s. man wird +Tänzer+ durch +Turnen+! Durch Tanzen allein +nie+!

FRAUEN

Die meisten Männer sind sentimental, wenn es ihnen in ihren Kram paßt. Zum Beispiel: „Mir, mir kannst du das antun, mir, der dich aus dem Sumpfe herausgerettet hat, mir, ohne den du elend verkommen wärest?!“ Sie will eben das nicht hören, daß sie überhaupt in einem Sumpf je gesteckt habe, in einer prekären Lage! Daran sie zu erinnern empört sie, zumal zu einer Zeit, wo sie noch höher hinaus will, wenn auch auf deine Kosten! Herr, sie will es sich einreden, daß sie als Prinzessin fertig vom Himmel herabgefallen sei, direkt in ein elegantes Auto hinein! Erinnere sie daher nicht sentimental, wer sie war, denn eben das will sie vergessen! Schreibe ihr nicht: „Wo sind die Zeiten, da wir noch im fünften Stock eines alten Hauses -- -- --?!“ Denn, siehe, sie will im Hochparterre eines neuen Hauses!

STAMMTISCH

Ein Stammtisch ist ein Tisch, an dem abends die Ungezogenheiten, Frechheiten und Egoismen der Nebenmenschen ins Unermeßliche auswachsen! Ein +Spülwasser-Ausguß+ für alles, was die beschäftigte Lebensmaschine bei Tage belastet und irritiert hatte!

Ich habe daher zu meiner irgendwie möglichen Entlastung einen +kleinen Tarif+ zu meinen Gunsten eingeführt.

Anekdoten aus der Kinderstube und wundersame Erlebnisse mit seinen Kleinen: 70 Heller!

Versuche des Mannes, die Gattin oder Geliebte zu blamieren, zu desavuieren oder als „Dummerl“ hinzustellen: 1 Krone 20! Rache der beiden Geschlechter für irgend etwas, was sie bei Tage gegiftet hatte: 80 Heller! +Ostentativer+ Versuch eines Herrn, einer Dame bei allen Dummheiten, die sie sagt, rechtzugeben: 1 Krone 40! Gespräche über Hygiene, die nicht den Lehren meines „Prodromos“ entsprechen: 90 Heller!

Versuche der Eroberung einer Seele, die, wie alle Seelen, +mir+ gehört, 3 Kronen 80! +Zu nahes+ Sitzen neben einer Dame, die +mir+ gefällt: 5 Kr.! Am ersten Abende der Einführung meines Tarifes, bezahlte mir Herr T.:

70 Heller 1 Krone 20 „ -- 80 „ 1 Krone 40 „ -- 90 „ 3 Kronen 80 „ 5 „ -- „ -------------------- 13 Kronen 80 Heller

ITALIEN

Der Kommis in der +angeblichen+ „Delikatessenhandlung“, der mir den +angeblichen+ „Prager“ Schinken vormittags aufschnitt und jedes Stück vorsichtig und behutsam mit seinen ehrlichen aber schmutzigen Fingern hinlegte, sagte mir wiederholt: „Signor! Heute abend müssen Sie +bestimmt+ auf den Markusplatz, man spielt Ouverture Amleto!“ Oder: „Man spielt heute eine Messe von Perosi!“

Ich dachte: „Könnte er nicht während dieser angenehmen Mitteilungen die Schinkenschnitten mit der Gabel anfassen?!“ Nein, das konnte er nicht. So musikalisch war er doch nicht.

In dem Glasgeschäfte sagte ich zu dem Kommis: „Diese kleine lilagrüne Vase würde ich für drei Lire gerne kaufen!“ „Sie kostet sieben Lire, mein Herr!“ Ich setzte mich und begann mit meiner süßen Fistelstimme das „Lied an Lola“ zu singen. Er sagte: „Bitte, jetzt Puccini!“ Ich sang es. Dann sagte er: „Verdi!“ Als das Konzert zu Ende war, packte er mir die kleine Vase ein und sagte:

„Drei Lire!“

CAFÉ CAPUA

(Ein Gespräch mit einer süßen Amerikanerin)

„Peter, warum heißt das Café von meine berühmte Mann, Arkitekt Loos, +Cäpüä+?!?“

„Das kann man nicht erklären!“

„Old idiot!“

„Als nämlich die römischen Legionen -- -- --“

„Peter, don’t be foolish, what’s that, +Legionen+?!“

„Hööö -- -- -- die Soldaten, die Offiziere -- -- --.“

„Ah, the officers -- -- --!“ +Das+ verstand sie.

„Als die römischen Offiziere in Cäpüä zu lange verweilten -- -- --.“

„Peter, idiot, what’s that ‚+verweilten+‘?!“

„They were staying there too long time -- -- --.“

„Aha!“

„wurden sie unfähig -- -- --.“

„What’s that ‚+unfähig+‘?!“

„They could not more -- -- --.“

„Aha!“

„They could not more go in the war, sie konnten nicht mehr in den Krieg ziehen!“

„Wat’s for connex with the coffeehouse of my grand Dolf?!?“

„Wer dort +sitzt+, fühlt sich +so wohl+, daß er nicht mehr kann gehn +anderswohin+!“

„Ah, my Dolf is de greßte Arkitekt von de ganze Welt!“

„Zerspring!“

DIE KELLERSTIEGE

Sizilianische Szene

Der Vorhang geht auf

Der Sohn zu dem +vollständig gelähmten+ alten Vater:

„Vater -- -- -- Vater, wie befindest du dich heute? Nein, du kannst mir nicht +antworten+! Aber ich ersehe es +dennoch+ auf deinem bleichen, aufgedunsenen, geliebten Gesicht, wie es dir heute geht! +Besser!+ Die Hände nicht so schrecklich geschwollen wie in den letzten Tagen! Ja, +Geliebtester+, alter Unglücklicher, und +vielleicht dennoch+ der +weitaus+ Glücklichere von uns beiden, denn +ich+ sorge mich Tag und Nacht +um dich+! +Um wen denn+ sonst sollte ich mich sorgen?! +Um Anita?!+ +Die+ sorgt für +sich selbst+! Sie hat nicht die +Gabe+, mich +um sie+ besorgt zu machen! Sie sorgt +für sich selbst+! Aber, du, Alter, +hast+ die Gabe, denn du bist gelähmt und +hilflos+! Vater, ich fühle mich +so einsam, trotz+ Anita, oder vielleicht +wegen+! Vater, stirb mir nicht, hörst du?! Alter Mann, so wie du lebst, gelähmt, bist du dennoch ein +Hort+ für mich, eine +Stütze+, ein +Heiligtum+! Möge Gott mir gestatten, dir weiterhin deinen Stärkungswein aus dem Keller holen zu dürfen! Möge die alte Kellerstiege so lange aushalten!“

Josefus erscheint:

„Du hast mir sagen lassen, ich solle nachschauen, und die Kellerstiege ausbessern?! Hast du etwas bemerkt?!“

„Sie ist alt wie mein geliebter Vater. Man muß da immer und überall besorgt sein. Sie kommt mir nicht mehr +ganz geheuer+ vor! Es ist keine +neue+ Stiege. Man hat sie +verbraucht+, man muß nun +vorsichtig+ sein, um sie zu +erhalten+!“

„Ich werde mein möglichstes tun, selbstverständlich!“

„Wir haben unsere alten guten Weine da gelagert, ich erhoffe mir davon für meinen Vater Gesundheit! Für mich könnte er +einstürzen+, und Anita trinkt nicht. Wozu braucht sie Wein?! Sie ist so vollsaftig. Sie berauscht sich an sich selber!“

„Ich werde hinuntersteigen, nachsehen. Sei ohne Sorge!“

Er steigt hinunter.

Anita kommt.

„Du bist allein, Alter?! +Noch immer+ lebendig? Schade! Nun, +mich+ störst du nicht, du +Gelähmter+! Dein Sohn ist ein +Esel+! Ein +Esel+, ein +Esel+, +verstehst+ du mich, du alter Geschwätziger?! Ja, +mit den Augen+ schwatzest du, mit den Augen, aber das versteht Gott sei Dank niemand!“

Man hört ein schreckliches Gepolter im Keller, ein düsteres Fallen.

Anita: „Was ist da unten los?!“

+Endlich+ kommt Josefus herauf, mühselig, erzählt von dem Einsturz des Weinkellers, man möge niemand hinunterlassen!

Anitas +Liebhaber+ erscheint.

Anita: „+Gut+, daß du da bist, +gut+! Ich kann es nicht +aushalten+ ohne dich! Der Alte will nicht sterben, dieser +Eigensinnige+, und der Esel +langweilt+ mich mit seiner +Sohnesliebe+! +Du+ bist für mich Luft und Licht, +dir allein+ gehöre ich! Alter, Eigensinniger, hörst du es, ja, du hörst es, +diesem allein+ gehöre ich, und nicht deinem Esel von Sohn!“

Sie küssen sich.

„Alter, nun erzähle alles deinem Esel von Sohne! Ja, wir +küssen+ uns, und wir +lieben+ uns, und noch mehr, +noch mehr+! Aber dein Sohn hat die +Sohnesliebe+, da verpufft er seine ganze Glut, und für sein armes Weib bleibt nicht viel übrig! Ich +begnüge mich nicht+ mit dem, was von seiner Sorge um dich +für mich übrig bleibt+!“

Der Liebhaber ab.

Der Sohn kommt, will in den Keller, dem geliebten Vater seinen Wein bringen. Anita erkennt da +plötzlich+, daß sie ihn jetzt +loswerden+ könnte, wenn sie ihn +nicht warnt+. Sie blickt ihn +unbeschreiblich hart an+, während er die leeren Flaschen reinigt. Der Alte will ihn vor dem Todesgang mit den +gelähmten Händen zurückhalten+, kann es aber nicht!

„Vater, ich tue es ja für dich, du Dummer, Guter, der Wein wird dir Leben bringen!“

Er geht langsam hinunter die Kellerstiege, +stürzt sich zu Tode+! Anita schleicht höhnisch zum Alten hin. Der +reckt sich+, wird momentan ungelähmt und +erwürgt+ sie.

Vorhang

(Einem +ungeschriebenen+ Stücke der +Maria-Grasso-Truppe+ nacherzählt.)

TSCHUANG TSE: -- DER GLOCKENSPIELSTÄNDER

Tsching, der Meister der Holzarbeiter, schnitzte einen Glockenspielständer. Als es vollendet war, erschien das Werk allen, die es sahen, als sei es von Geistern geschaffen. Der Fürst von Lu fragte den Meister: „Welches ist dieses Geheimnis in deiner Kunst?“

„Dein Untertan ist nur ein Handwerker,“ antwortete Tsching, „was für Geheimnis könnte er besitzen? Und doch ist da etwas. Als ich daran ging, den Glockenspielständer zu machen, hütete ich mich vor jeder Minderung meiner Lebenskraft. Ich sammelte mich, um meinen Geist zur unbedingten Ruhe zu bringen. Nach drei Tagen hatte ich allen Lohn, den ich erwerben könnte, vergessen. Nach fünf Tagen hatte ich allen Ruhm, den ich erwerben könnte, vergessen. Nach sieben Tagen hatte ich meine Glieder und meine Gestalt vergessen. Auch der Gedanke an deinen Hof, für den ich arbeiten sollte, war geschwunden. Da sammelte sich meine Kunst, von keinem Außen mehr gestört. Nun ging ich in den Hochwald. Ich sah die Formen der Bäume an. Als ich einen erblickte, der die rechte Form hatte, erschien mir der Glockenspielständer, und ich ging ans Werk. Hätte ich diesen Baum nicht gefunden, ich hätte die Arbeit lassen müssen. Meine himmelsgeborene Art und die himmelsgeborene Art des Baumes sammelten sich darauf. Was hier Geistern beigemessen wurde, ist darin allein begründet.“

PLAUDEREI

Ich verstehe es nicht, weshalb die Frauen so anspruchsvoll sind, in allem?! Ich finde schon eine +Doppeltüre+, wobei die innere noch dick mit +Werg+ ausgepolstert ist, einen Messing-Türverschluß und +Ohropax+, Wachs-Watte-Kugel als +Ohr-Verschlußtüre+, für ein +außergewöhnliches+ Glück! Man hätte doch malheureuserweise in einer Zeit leben, vegetieren können, wo +das+ noch nicht erfunden war! Und man hat, man hat! Aber Frauen wollen verehrt, verehrt werden, und begehrt, begehrt werden! Was haben sie von vollständiger garantierter Zimmerruhe mit Doppelpolsterung?! Beweist es ihnen, daß sie +doch zu irgend etwas+ von Nutzen sind?! Nein. Es beweist ihnen gar nichts. Aber sie +wollen bewiesen haben+! Freude an Gegenständen!? Wenn man ihnen wenigstens +diese+ „Kultur“ beibringen könnte! Aber +welcher+ Gegenstand erfreut sie?! Der, den die +andere+ nicht hat! Einen +bestimmten+ Schirmgriff +lieb+ haben können! +Dazu+ eine geliebte Frau +emporerziehen+! Die Mode ist für +die+ vorhanden, die nichts +wirklich lieb+ haben können von Gegenständen! Man gibt diesen +humpelnden+ Hexen deshalb diese +Krücke+ „Mode“! Aber der freie bewegliche Mensch ist schwebend, mit +eigenem+ Geschmack, +über+ diesem Kerker „Mode“! Ich sprach früher von gepolsterten Doppeltüren -- -- -- ja, auch +das+ kann bereits glücklich machen, und es ist +unabhängig+ davon, daß einen eine gern hat! Oder einer eine! Glück ist Unabhängigkeit von dem, der einen scheinbar glücklich macht!

DIE URGROSSMUTTER

von Anna Lesznai

(Muster eines +gänzlich+ unverschmockten, +verständlichen+ und dennoch +tiefen+, einfachen, +modernen+ und dennoch +ewig+ alten Gedichtes!)

Auf +vergeßnem+ Gottesacker ruht mein Ahnchen wurmzerfressen -- selbst die dunkle Ammensage hat den Namen +längst+ vergessen. Wo du +wohntest+, Urgroßmutter? Hinterm Berg, im neunten Hage muß ein weißes Häuschen stehen -- +da erschöpftest du die Tage+. Warst vielleicht ein +Krämerweibchen+ -- und in einem +dumpfen+ Laden, zwischen Mehl, Kattun und Pfeffer lebtest du in Staub und Schwaden. Dicht am Laden noch die +Schenke+; wie sich auch die Sonne +wende+ -- +immer+ regten sich die starken, +arbeitsamen+ beiden Hände. Hat der Größern Schar +gefuttert+, wollt der +Säugling+ just erwachen -- hieß es rasch im Laden +rechnen+ und den Zechern +zuzulachen+. +Schwere+ Stunden, +stumme+ Stunden ging dein Leben ohne Säumen -- +kanntest nicht+ die holde Liebe, hattest keine +Zeit+, zu träumen. +Niemand+ weiß von dir zu sagen. +Nichts+ als deine armen, blassen, +ungeträumten+ Träume hast du +mir+ als Erbe +hinterlassen+. In dem dunkeln, dumpfen Laden, +still+ in deiner Seele Tiefen wuchsen +süße+ Frauenwünsche, die den lauten Tag +verschliefen+ -- mit den seidnen Festtagskleidern und dem selbstgewobnen Linnen schlossest du sie in die Truhe, für die späten +Enkelinnen+. +Ich+, die junge Urgucktochter, darf die +reiche+ Truhe leeren, Urguckahnchens Träume +spinnen+ und von +deiner Sehnsucht zehren+. Rosen +längst vergeßner Lenze+ blühen mir zum +Feiertage+, weil ich meiner Urgroßmutter +ungelebte+ Liebe +in mir trage+.