Part 3
Ich habe in dieser schönen Nacht das Wort geprägt: „Die ‚+Regie der Liebe+‘ ist wichtiger als die +Liebe selbst+!“ Freilich kostete es Ihr Geld und nicht das meine! Da kann ich leicht Aphorismen von mir geben -- -- --. Es gibt keine „Sympathien“ auf der „+Bühne des Lebens+“, wenn man sie nicht als „+geschicktester Regisseur seines eigenen Herzens+“ richtig, künstlerisch, taktvoll +in Szene setzt+!!! Eine jede Frau erwartet „geschickteste Mise en scène!“ Wer +seinem eigenen Empfinden allein folgt+, vergißt, daß der andere dadurch vielleicht nur in große Verlegenheit, in eigentümliche Mißstimmung gebracht wird -- -- --. Selbst eine „dargebrachte Rose“ will ihre „zarteste Regie“ haben, um zu wirken! Die Art, der Moment der Übergabe, hundert Dinge sind dabei zu berücksichtigen! Ein „+Regisseur seiner selbst+“ sein ist alles! Eine „dargebrachte Rose“ kann das echteste Zeugnis eines tief impressionierten Herzens sein! Aber, schlecht und ungeschickt gemanaged, wird sie zu einer banalen, billigen und konventionellen Liebenswürdigkeit! Dieser Abend, diese Nacht also, dieser Morgen in den Donauauen, mit der blutroten Sonne, der breiten stillen Donau, dem Morgendunst über den gelben Grasbüscheln, den rosenroten Gesträuchen, den grauen, gelben, roten, braunen Kieselfeldern von abgerundeten, gleichsam von ewigem Wasser abgeschliffenen Kieseln -- -- -- alles das war wundervoll! Nur das eine störte, daß im Laufe der so schönen friedvollen Stunden ich mich immer intensiver für Ihre Dame, Sie sich immer intensiver für meine Dame zu interessieren begannen -- -- --. Als wir jedoch beide Damen bei ihrer Wohnung abgesetzt hatten und nun allein der Stadt zufuhren, fühlten wir es: Wäre deine Dame meine Dame und meine Dame deine Dame gewesen, so würden +dieselben+ Empfindungen sich entwickelt haben! Also war die Regie ja doch vorzüglich, denn immer fliegt einer auf die Dame des +anderen+! Sonst wär’s ja +gar zu fad+!
KARRIERE
Der Herr +Redaktionsphotograph+, der zwei Wände meines Zimmers aufnehmen sollte, weil „die großen europäischen Illustrierten“ es ihren gierigen Lesern zeigen wollten, wie P. A. haust, sagte: „Ich möchte auch ein Stück Ihres Schreibtisches dazu aufnehmen.“ -- „Ganz unnötig, denn erstens habe ich keinen, zweitens schreibe ich alles im Bett. Nehmen Sie ein Stück von dem Bett auf dazu!“ -- Ich sagte: „Wie wird man eigentlich Redaktionsphotograph?! Ich weiß nur, wie man Dichter wird. Man ist eine Schande seiner gütigen Eltern, ist Jurist, Mediziner, Buchhändler und dann gar nichts mehr. Aber wie wird man Redaktionsphotograph?!“
Der Mann legte die Stirne in düstere Falten, ich habe das zwar noch nie und auch diesmal nicht beobachtet, aber nachdem es in Romanen steht, und begann: „Ich hatte eine Stimme, Baß, Bariton und Tenor zugleich!“
„Muß man das haben, wenn man Redaktionsphotograph werden will?!“
„Ich hatte eine +Stimme+! Operndirektor +Herbeck+, der unerkannt unter den Zuhörern saß, trat auf mich zu und sagte: ‚Morgen gehen S’ zum +Gänsbacher+, singen dasselbe, er wird Sie unterrichten, +zu zahlen ist nichts+!‘ Ich wußte weder, wer Herbeck, noch wer Gänsbacher war. Nur mein Vater weinte Freudentränen, und meine Mutter sagte: ‚Ich hab’s ja immer gefühlt!‘ (Es ist der Beruf der Mütter, alles vorauszufühlen, wenn etwas hinterdrein geschieht, und der Väter eisige Strenge zerschmilzt in heißen und diskreten Tränen, wenn sich irgendwie ein ‚Fortkommen‘ zeigt.) Gänsbacher sagte zu mir: ‚Sie Teufelskerl!‘ Nach der siebzehnten Stunde machte ich einen Ausflug nach Laxenburg, und wie ich, vom Rudern erhitzt, im Kahn niese, kommt ein Luftzug, und ich verlier meine Stimme. Am nächsten Tage sagt der Gänsbacher zu mir: ‚Pfiert Ihnen Gott und kommen S’ mir nimmer wieder. Sie san futsch!‘ Meine Mutter sagte, sie habe alles vorausgeahnt, und mein Vater sagte: ‚Der Leichtsinn liegt dir im Blute!‘ No, so bin i halt Redaktionsphotograph geworden. Und glauben Sie mir, ich bin ebenso glücklich wie bei dem dalkerten Singen!“
VEREIN NATURSCHUTZPARK
Ich begreife es nicht, wieso nicht alle, alle Menschen sich leidenschaftlich beteiligen an gewissen Gesellschaften, ja, es als eine Ehre, eine Pflicht betrachten, sich daran zu beteiligen mit ein paar Kronen und ihren Namen prangen zu sehen unter den Unterstützern!? Da ist vor allem der Verein zum Schutz mißhandelter Kinder und jetzt neuerdings der Verein zum Schutz mißhandelter Natur, der Verein Naturschutzpark! Ich hatte meine ganze Kindheit hindurch sechs Wiesen: die Bodenwiese am Gahns mit ihren schokoladeduftenden lila Kohlröserln, die Apollowiese mit Scharen von Apollofaltern, die Lavendelwiese mit Eau-de-Cologne-Düften, die Königskerzenwiese, die Lakabodenwiese mit Erdbeeren, die Ochsenbodenwiese auf dem Schneeberg. Diese sechs Wiesen liebte ich und kannte sie daher genau. Oder vielmehr, weil ich sie genau kannte, liebte ich sie. Es ist genau wie mit den Frauen, nur umgekehrt: weil man sie genau kennt, liebt man sie nicht mehr. Jede Gegend hat irgendwo eine Seele, das heißt: Strecken, wo ihr ganzer Reiz konzentriert ist, zum Beispiel die Dolomiten in Tre croce. Diese Seele einer jeden Gegend soll man schützen als ihr Wertvollstes! Ebenso Kinder, die noch nicht gemein sind, als die Seele des Menschentums! Schöne Wege soll man mit feinstem Sand bestreuen und prima Wasserspritzwagen zirkulieren lassen! Es soll eine Sache der innern Kultur werden, solchen Vereinen als Mitglied anzugehören, so wie man im Besitze einer besten Zahnbürste und einer Nagelzwicke sein muß. Es gehöre zur innern Reinlichkeit, auf die die Herrschaften weniger Gewicht legen! „Mein Badezimmer stößt direkt an mein Schlafzimmer,“ sagte einer dieser Snobs zu mir. „So!“ erwiderte ich, „sind Sie schon im Verein Naturschutzpark?!“ „Was geht mich der an?!“ „Wenn nur Ihre äußere Hülle rein ist, Sie Schwein!“
MIMIKERINNEN
+Mimik+ ist die Fähigkeit zu sprechen, ohne +Worte+ dazu zu verwenden. Solche edle Mimikerinnen sind +Elsa+ und +Berta+ Wiesenthal. Sie sprechen zu uns unter Musikbegleitung sanfte, tiefe, kindliche, besondere Worte, ohne dabei zu reden. Eine Mama versteht das romantische Lallen ihres geliebten Wiegenkindchens, ein Jäger den Blick seines Hundes, ein Liebender das Schweigen seines Mädchens! Schon seinerzeit in der „Kunstschau“, in der Pantomime von Oskar Wilde „Der Geburtstag der Infantin“, überraschte Elsa Wiesenthal durch edle Würde, durch das Ausdrücken von allem, was der Dichter meinte, in Gebärde, im Blicken! Sie hat alles diesmal gehalten, was sie versprochen hatte, besonders in „Violettapolka“, „Türkischer Marsch“, „Faustwalzer“. Berta ist wie ein getreuer Knappe seiner edlen wunderschönen Herrin. Die Kostüme waren sehr gut. Im „Faustwalzer“ flogen eigentlich zwei herrliche weiße seidene Schmetterlinge! Wir haben bisher von Tänzerinnen folgende bemerkenswerte Typen gesehen: +Cleo de Mérode+, die +ewige Jugend+, Saharet, die +Akrobatin+, Ruth St. Denis, die +Indierin+, Carmen Aguileras, ganz Spanien, Maria Maraviglia, die +Anmut+, Grete Wiesenthal, der „+modernste Typus+“, Elsa und Berta, die +Mimikerinnen+, Esthère Vignon, das +Genie+!
ALBERT
Ich erhielt eine Krone, 1893, deren Kopfseite poliert war und den Namen „Albert“ eingraviert hatte. Ich fühlte es sogleich, daß Dichter die Verpflichtung hätten, in einem solchen aparten Fall ihre Phantasie „schweifen“ zu lassen. Jedenfalls hatte eine „+Sie+“ die durch irgendeine uns unbekannte Begebenheit geweihte Krone, vielleicht die erste gespendete oder die letzte, so transformieren lassen, und in einem Augenblick materieller Not oder aus Haß, Eifersucht, Verzweiflung, Verachtung oder dergleichen sie eines Tages wieder ins Rollen gebracht, ins Leben hinein, bis endlich, 1914, zu mir.
Ich hielt sie lange in Ehren, und Maeterlinck hätte daraus längst einen Einakter gemacht: +Krone+ 1893. Aber als der Lohndiener Anton die Bezahlung der Zigaretten verlangte und ich sagte, ich hätte momentan nichts flüssig, wies er auf diese auf dem Schreibtisch liegende Krone 1893 und sagte: „Da haben wir ja noch eine!“ -- „Sie ist ungültig!“ sagte ich, „schauen Sie!“ -- „Dös wer’n mer schon machen, da verlassen’s Ihnen auf meine Geschicklichkeit, dös blöde Wort ‚Albert‘ wird kaner sehn!“ Und so verschwand die Krone 1893 aus meinem Besitze und begann wieder ihren Kurs in die Welt hinein, den ich in einer Anwandlung von „falscher Romantik“ eine Zeitlang aufgehalten hatte -- -- --.
MEIN BRUDER
Es wäre abgeschmackt, über einen leiblichen Bruder eine Hymne zu schreiben. Aber da er +außerdem+ ein „Lebenskünstler“ ist feinster Art, so schreibe ich dennoch über ihn, trotz der nahen Verwandtschaft. Seine „Bedürfnislosigkeit“ gemahnt an Diogenes, obzwar er nicht in einer Tonne, sondern Alserstraße 51 wohnt. Ich schickte ihm einmal, in einer pathologischen Anwandlung von Bruderliebe, hundert Stück seiner Lieblingszigaretten: Hanum, Korkmundstück. Wir sind alle für „Korkmundstück“, da „+trocken zu rauchen+“ eine Aufgabe des modernen kultivierten Menschen ist. Alles darf naß sein, +nur nicht+ die Zigarette. Zu Ende geraucht, muß sie +so trocken+ sein wie +anfangs+ in der Schachtel, nur natürlich +verkürzter+ um das, was man weggeraucht hat!
Also, ich schickte meinem Bruder hundert Stück „Hanum“ mit Korkmundstück. Am nächsten Tage sagte er zu mir: „Denke dir, welches Malheur mir passieren mußte mit deinen Zigaretten! Ich saß beim Frühstück, machte einige Züge, und deine Zigarette fiel mir in die Teeschale hinein!“ „Nun,“ sagte ich, „du hattest doch noch eine ganze Schachtel voll vor dir stehen!?“ „Pardon,“ erwiderte er, „die sind bereits für neunundneunzig herrliche Frühstücksmorgen eingeteilt!“ Ich hatte keine Tränen im Auge, da ich für solche +Marlitt-Utensilien+ nicht eingerichtet bin. Aber ich hatte sie +in der Seele+, und vor allem gedachte ich aller verschwenderischen und idiotischen Schurken, die es um mich herum gibt -- -- --!
LIEBE
Er liebte sie irrsinnig und vergeblich. Man liebt immer nur irrsinnig, wenn es vergeblich ist! Dann wurde sie sehr, sehr krank. Da sagte sie zu ihm: „Ich habe Mitleid mit Ihnen. Ich will mich vor Ihnen +noch nackter+ zeigen als nackt!“ Und sie entrollte ein großes Blatt Papier, auf dem ihr „+Röntgenbild+“ photographiert war. „O, dieses grazile +Knochengerüstchen+!“ sagte er entzückt. „Aber bitte nun um den einzigen Gefallen, zeigen Sie es ja nicht dem Herrn -- --; +das+ will ich wenigstens vor dem Hund voraus haben!“
DER LUXUS VON HEUTE UND SEINE ÜBERTREIBUNGEN
Eine Rundfrage der „Zeit“
Ich hasse und verachte den Luxus, wie alles hygienisch Unnötige. Ob wir heutzutage den Luxus forcieren? Wir nicht! Die Idioten! Die Übertreibungen des Luxus äußern sich in allem, was nicht unbedingt und direkt zur Gesundheit des Leibes gehört. Der Luxus ist eine „fixe Idee“, eine „Hysterie“ von Halbgebildeten und hohlen Emporgekommenen, also gänzlich Heruntergekommenen! Ich sehe in dem Luxus: Sodom und Gomorrha! Wo Luxus am Platze ist? In bezug auf: Hygiene und Diätetik!
MEINE SCHWESTER
So, jetzt ist also der Mann auch tot, der allein mich noch an dem Leben festhielt. Er brauchte mich, der Mann mit den vielen geliebten Silberhaaren, dieser Jüngling von fünfundachtzig Jahren.
Ich wußte es nie, daß ich mit einem Greis zusammen wohnte.
Nie spürte man ihn, nie.
Nur, wenn man lange weg war, Besuch oder Theater, sagte er: „Gott sei Dank!, daß du wieder da bist!“ Er rechtete nie mit dem Schicksal, sondern las emsig „Quatre vingt treize“ von Viktor Hugo. Nun ist er schlafen gegangen, hinterläßt mir die Gesammelten Werke von Viktor Hugo in Prachtlederband und ein ewiges Gedenken an seine Güte. Es gibt so wenig ganz wirklich gute Menschen, und einer derselben ist dahingegangen! Ich habe noch zwei Brüder und eine Schwester. Wenn ich Krankenpflegerin geworden wäre seinerzeit, als ich zum erstenmal die Niedertracht der Menschen erlitt, könnte ich sagen, ich besäße noch alle, +alle+ Menschen, die meiner +bedürfen+! So aber wird der kleine Kreis immer kleiner und kleiner. Mein Bruder rät mir, mir japanische Goldflossen-Schleierfische anzuschaffen in einer Kristallwanne, ferner einen Star und Smaragdeidechsen. Ich werde es versuchen. Es ist kein Mittel, den geliebten Greis mit den vielen Silberhaaren zu verschmerzen. Aber da man +vorhanden+ ist, +muß+ man irgend etwas versuchen so lange, bis man +vereinigt+ ist!
Mein Bruder sagt mir, daß man diese Tiere „enttäuschungslos“ liebhaben kann und daß man von ihnen nie eventuell „ins Gesicht gespuckt wird“ dafür, daß man sie gern gehabt hat! Sie können also unsere sorgfältige Pflege, die wir ihnen angedeihen lassen, +gebrauchen+ für ihr zartes Leben! Gebrauchen, welches schöne tiefe Wort! Von diesem fatalen einfachen +Urworte+ an: „Er hat sie gebraucht!“, eigentlich immer +derselbe Klang+! Ja, wir wollen „gebraucht“ werden! Je zarter, je nobler, je rücksichtsvoller, desto besser für uns! Aber gebraucht wollen wir werden zeit unseres Lebens! Plötzlich stehen wir durch den bösen Tod da ohne jegliche Beschäftigung. Da kommt man vielleicht sogar auf die schreckliche Idee, daß +dieser+ Hut, +dieses+ Kleid, +dieser+ Pelz wichtig wären.
Unser Vater war arm, aber reich! Viktor Hugo, sein Bauernzimmer in Aussee und seine „Trabucco“ waren ihm wichtiger als die Schätze der Welt. Von meinem Bruder, dem Dichter, verstand er so viel wie nichts, oder noch weniger. Er wußte nur, daß er ihm seinerzeit das göttliche Abführmittel „Rhamnin“ empfohlen habe, das ihm tatsächlich von 59 bis 85 jugendliche Frische verschaffte. Ich selbst bin anders. Ich betrachte mein +Verständnis+ meines Bruders als die lichte Brücke, die mich von dem althergebrachten dumpfen Leben der bürgerlichen Vorurteile hinüberführt in eine Welt, die ich verstehe, aber der ich nicht gewachsen bin! Es ist, wie wenn man sich in ein Buch vertiefte, in der Alserstraße 11, 5. Stock: „Erlebnisse im +innersten Afrika+!“ In unserer Familie sind viele Welten beisammen, nur nicht die des „+äußeren Glanzes+“! Wir alle leben immer nur unser „höchsteigenes“ Leben, zur Verzweiflung derer, die gar keines haben! Der Dichter muß +nicht+ mit den +Wölfen heulen+, aber wir +müssen+ mit den Menschen +sprechen+!
LAOTSE: -- DER HEILIGE BAUM
Ein Zimmermann reiste nach dem Staate Tschi. Als er nach Tschü-yüan kam, sah er einen heiligen Baum, der so groß war, daß ein Stier sich dahinter verbergen konnte; er hatte einen Umfang von hundert Spannen, ragte hoch über den Gipfel des Hügels empor und trug Äste, von denen manche der Größe nach für Kähne getaugt hätten. Eine Menschenmenge stand davor und gaffte ihn an, aber der Zimmermann achtete seiner nicht und ging des Weges weiter, ohne sich umzusehen. Sein Lehrbursche hingegen sah sich satt daran, und als er seinen Meister wieder eingeholt hatte, sagte er: „Seit ich in deinem Dienste ein Breitbeil gehandhabt habe, sah ich nie solch ein prächtiges Stück Holz wie dieses. Wie geht das zu, Herr, daß du nicht stehen geblieben bist, um es zu betrachten?“
„Es lohnt nicht davon zu reden,“ antwortete der Meister. „Das Holz taugt zu nichts. Mach ein Boot daraus, -- es wird sinken. Einen Sarg, -- er wird faulen. Hausrat, -- er wird bald zerfallen. Eine Tür, -- sie wird schwitzen. Einen Pfeiler, -- er wird von den Würmern zerfressen werden. Es ist ein Holz ohne Rang und ohne Nutzen. Darum hat es sein gegenwärtiges Alter erreicht.“
Als der Zimmermann nach Hause kam, träumte er, der Baum erscheine ihm und spreche zu ihm: „Was ist es, womit du mich vergleichst? Sind es die vornehmen Bäume? Der Kirschbaum, der Birnbaum, der Orangenbaum und andere Fruchtträger werden, sobald ihre Früchte gereift sind, geplündert und schimpflich behandelt. Große Zweige werden geknickt, kleine abgebrochen. So schädigen diese Bäume durch ihren Wert ihr eignes Leben. Sie können ihre zugemessene Spanne nicht vollenden, sondern kommen vorzeitig in der Mitte der Bahn um, weil sie in die umgebende Welt verstrickt sind. So ist es mit allen Dingen. Eine lange Zeit war es mein Ziel, nutzlos zu werden. Mehrmals war ich in Gefahr, es nicht zu bleiben, aber endlich ist es mir geglückt, und so kam es, daß ich heute nutzreich bin. Aber wäre ich damals von Nutzen gewesen, ich hätte jetzt nicht den großen Nutzsegen, den ich habe. Er ist: +angestaunt zu werden, wegen der Kräfte, die man nicht vergeudet hat im kleinen+!“
WACHSFIGUREN
Lotte Prizzl, du feines, zartes, liebes, außergewöhnliches Fräulein, sei allerherzlichst bedankt für deine kleinen großen, nichtigen wichtigen, spielerisch tiefernsten Püppchen, in Wachs, Tüll und Seide! Wie Liliputgebilde sind sie, hervorgezaubert aus den Seelen bei E. T. A. Hoffmann, Beardsley, Maeterlinck, Altenberg! Zur Welt gebracht jedoch in unbeschreiblicher Seelen- und Körperzartheit von Lotte Prizzl! Diese Wachspüppchen sind aus der ganzen Edelkultur der Dame hervorgegangen, die sie verfertigt hat, also ihre +echten Kunstkinder+. Sie enthalten Träume, Sehnsuchten, Kindlichkeiten, Vornehmheiten, Melancholien. Man gewinnt sie lieb, besonders den Engel rechts mit den geschlossenen Augen, das Fräulein im schwarzen Trauerbettchen, den Mahadö, und eigentlich die meisten. In eine Kristallvitrine gehören sie, um einem einfachen Zimmer die Marke zu geben: Hier haust ein +Jemand+!
MEINE ANDERE SCHWESTER
Habe über meine Schwester, die Frau Hofrätin, noch nie etwas geschrieben. Und doch verdiente sie es, beschrieben zu werden. Sie hatte einst stets den Humor eines englischen oder amerikanischen Humoristen, wie Boz Dickens und Mark Twain, dabei tiefen Geist und +unbeschreibliche Gutmütigkeit+. Sie hatte +wirklich goldene+ Haare, eine Elfengestalt. Sie versammelte von selbst, unwillkürlich, auf jedem Ball, die +sogenannte+ Elite der Herrenwelt um sich herum, ganz um sich herum, hielt Cercle, und man lachte sich zu Tode, ganz ohne Courtoisie, obzwar man auch diese für sie hatte, über ihre schelmischen und dennoch gutmütigen Bemerkungen. Sie war eine fanatische Naturfreundin. Aber ebenso fanatisch liebte sie ihre französischen und ihre englischen Guvernanten. Jede Guvernante wurde ihr sogleich zu einem verehrungswürdigen, anbetungswürdigen Wesen, das zu kränken einfach eine Unmöglichkeit war. Mit vierzehn Jahren fand sie einen verlaufenen häßlichen schwarzen Hund auf der Straße, den sie „Lupus“ taufte und über den sie ein Tagebuch zu führen begann. „‚Lupus‘ sieht heute schlecht aus, 18. Juli vormittags, ich glaube, er hat einen Knochensplitter geschluckt. Das dürfte ihm die zarten Magenwände reizen.“
„11. August. ‚Lupus‘ wurde im Garten in einer Wassertonne ertränkt gefunden. Hoffentlich hat er nicht lange gelitten. Ich werde ihn nie vergessen.“ Fortsetzung des Tagebuches: „Der Hofmeister meiner Brüder wurde entlassen. Wenn jetzt noch Amelie Leutzinger, meine Guvernante, auch geht, dann habe ich niemand mehr!“ Später heiratete sie, und ihr zwölfjähriges Mäderl starb. Da schrieb sie in ihr ehemaliges, altes, unvollendetes Tagebuch: „Mit ‚Lupus‘ hat es +begonnen+, den man mir ertränkt hat! Und dann ist es so weiter gegangen, gradatim. Mein Bruder hat immer gesagt, ich hätte einen englisch-amerikanischen Clown-Humor. Den habe ich eingebüßt!“
Ich schreibe diesen Biografical essay nicht, um meiner Schwester ein Lob zu singen. Das hat sie in ihrer sozialen, ökonomischen usw. Position nicht nötig. Ich schreibe es, damit alle diese anderen faden, öden, geist- und humorlosen, herzlosen, ungezogenen Gänse sich nicht ewig so frech überheben und ruhig +kuschen+, wenn ihnen einer schon liebevoll +zu fressen+ und +zu kleiden+ gibt!
AUTOMNE
Es gibt viele Frauen, die es nicht vertragen, wenn man sie liebevoll und schwärmerisch behandelt. Sie haben recht. Wahrscheinlich halten sie den für einen ausgemachten Idioten, der solches tut. Sie kennen nämlich ihren +Unwert+ und sind naturgemäß +empört+ darüber, daß jemand sie für +wertvoll+ hält. Lieber sind ihnen die, die sich nichts aus ihnen machen, aber hingegen dennoch -- -- --. Sie fürchten sich, +den zu enttäuschen+, der ihnen trotz allem seine ganze intelligente Zartheit widmet. „Wie kommt denn der Arme dazu, mich Mistviech so nett zu behandeln?!“ Das ist der Untergrund ihrer Stimmung, ihr Unbewußtes. Im Obergrund jedoch sind sie +nur+ frech, dumm und ungezogen! Sie haben keine Ahnung von den Pflichten der barmherzigen Pflege eines an ihnen malheureuserweise seelisch Erkrankten, eigentlich +geistig Erkrankten+! Ihre ganze bodenlos dumme Roheit ergießt sich über den Starken, der einmal leider +schwach+ wurde. Wie der Esel in der Fabel dem kranken Löwen einen Fußtritt versetzt! Es sollte heißen die +Eselin+!
„Sie dürfen mich nicht so sehr verwöhnen, Peter,“ sagte eine Dame zu mir, „wissen Sie denn nicht, daß wir da leicht frech werden?!“
„Nein,“ erwiderte ich, „das wußte ich nicht; wird denn ein +Bettler+ frech, wenn wir die Gnade haben, ihm einmal fünfzig Heller zu schenken?!“
„Wir sind eben keine Bettler, Peter!“
„O doch!“ erwiderte ich, „Ihr stellt euch nur so, +als ob ihr keine wäret+! Aber ihr +seid es+!“
VENEZIANERINNEN
Alle Leute, die hier in Venedig ihr Geld unnütz ausgeben, schwärmen (als Gegengeschäft irgendwie muß doch ein Profit sein für die Reisespesen) für die alten Meister (Carpacchio und Bellini haben wenigstens einen Hauch unserer feinen, modernen Seele), für die alten Kirchen, die alten Palazzi. Aber zwei Dinge sind hier wichtiger: die blutroten, lilagrauen Sonnenuntergänge vom Lido aus, vis-a-vis Venedig, und die +Volkstracht der Mädchen+. Hier nämlich ist die soziale Frage ein wenig, und zwar genial-einfach, gelöst. Möge jemand die reizende junge Wienerin dazu bringen! Alle venezianischen Mädchen aus dem Volke tragen eine adelige, herrliche, einfache und kleidsame, billige Tracht. Keine unterscheidet sich von der andern, keine erregt Neid, Eifersucht, Begierde, Schadenfreude, üble Nachrede, Sehnsucht, Verzweiflung, böses Beispiel. Alle sind gleich angezogen, kleidsam, nobel, einfach, vornehm, billig. Schwarzer wollener Schal mit langen Fransen, schwarzer Rock, schwarze Strümpfe, schwarze Halbschuhe. Die reichen Damen werden nicht beneidet -- niemand aus dem Volke würde so prunkhaft angetan sein wollen. Es ist eine ideale Trennung zwischen reich und arm. Der Arme ist besser, vornehmer, zarter angezogen. Ein Hohnlächeln für Paquin und Poiret! Heil unserer Hausindustrie! Niemand kann ein venezianisches Mädchen aus dem Volke betören mit Kleidern, Blusen, Schmuck. Was sie brauchen, haben sie. Man kann sie betören... mit Liebe. Aber das finden sie unter ihresgleichen. Der schwarze Schal verpflichtet zu vornehmer Haltung, zu Ernst und Würde. Es ist eine Art von kleiner Lösung der sozialen Frage. Auch kann man diese Mädchen nicht zu Soupers ködern, verleiten und dann „schwach“ machen durch Wein. Ihre Spaggetti, Zucchetti, Melanzani haben sie. Und ihren Chianti eventuell. Und ihre Ehre haben sie auch. Gehet schwarz, einfach, nobel und sehet nicht auf Die, die bunt gehen und überladen. Es ist wahrlich nichts zu beneiden an ihnen.
EIN LIED