Part 16
+Das+ Buch über +Peter Altenberg+ heißt „Ecce Poeta“; es könnte ohne Einbuße an der monumentalen Macht seines Hinweises auch „Ecce homo“ heißen; nämlich ecce homo 1912. Denn so wie Egon Friedells Arbeit das Buch über den österreichischen Dichter, so ist dem Verfasser die Persönlichkeit Altenbergs einfach +der+ Dichter, ja mehr als das, +der+ Mensch. Diese Identität zwischen Dichter und Mensch war die Verlockung, die ihn in einem Werk, das sich eigentlich als große erste Publikation von Untersuchungen über den neuen Menschen hätte geben sollen, die Führung an Altenberg vergeben ließ. Altenberg führt; darum ecce poeta. Ein Dichter kann in Mode stehen und außer Mode kommen. Bei Altenberg kann man leider nicht sagen, daß er je sehr in Mode gestanden hätte; schuld daran ist, daß er eine Entwicklungsspitze darstellt, während sich das große Publikum immer lieber am Fuße aufzuhalten pflegt und nur hin und wieder scheue Blicke nach oben wirft: denn es besitzt nicht das zähe Altenbergprinzip, das, um Bergsteigerfreudigkeit und Leichtigkeit zu erzielen, ein Dutzend fleißiger Kniebeugen vorm Schlafengehen verschreibt. Trotzdem ist Altenberg modern: weil er aus dem Krafthaushalte seiner Zeit schöpft und neue Kategorien von Schönheit und Adel aufstellt. Und nicht zum wenigsten darum, weil in Altenberg Mensch und Dichter kommunizieren. Wenn darum Egon Friedell etwas aus seinem Dichterschicksale erzählt, kommt es in Summa dem Menschen von heute überhaupt zugute. Altenberg ist Dichter durch seine Menschlichkeit. Nie ist ein Dichter weniger Dichter gewesen, nie ist ein Dichter mehr Antidichter gewesen. Denn das Dichtertum Altenbergs ist kein bürgerlicher Beruf, sondern ein Humanitätsmaximum.
(Frankfurter Zeitung)
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig