Fechsung

Part 15

Chapter 153,474 wordsPublic domain

Jetzt will ich mich mal selber gründlich kritisieren, objektiv betrachten, nachdem so viele gutmütige nachsichtige Kritiker mich über den grünen Klee belobt und anerkannt haben. Also, +was+ bin ich, +wer+ bin ich, +wie+ bin ich?! Ich bin ganz einfach der, der von oben +herunter+ schaut, von unten +hinauf+, und außerdem überall +rundum herum+! Ich habe nicht die „Vogel-Strauß-Politik“ fast aller anderen, die nur +das+ sehen, hören, verstehen wollen, was ihnen +paßt+! Mich stören, verletzen, enttäuschen, kränken eben Unzulänglichkeiten jeglicher Art nicht +so+ sehr wie andere, denn ich habe dafür für „Zulänglichkeiten“ ewige Begeisterungsfähigkeit, Anerkennung, ja +sogar+ Dankbarkeit! Die süße klangreiche Stimme einer Frau kann mich +fast+ dafür +entschädigen+, daß sie sonst ein +dummes Luder+ ist! Und so in allem und in jedem.

Ich habe es nicht nötig, +ein+ Auge zuzudrücken, da das +andere+ tiefbegeistert immer offen steht! Ich kann überall schrecklichste +Mängel+ sehen, weil ich +ebensoviele+ herrliche +Vorzüge+ überall +zugleich+ erschaue! Besonders die anmutigen zartgegliederten, beweglichen, edel-hautigen Frauen geben uns Gelegenheiten, sie zu bewundern, anzubeten, zu verwöhnen, während wir +zugleich+ in unser „inneres Tagebuch“ und Nachtbuch schreckliche vernichtende Dinge über sie notieren! Diese „Symphonie“: Erleben! Weshalb versuchen wir es denn nicht, Beethoven, Bruckner zu beschämen, zu +überflügeln+ durch unsere Seelensymphonien des +Daseins selbst+, aus erster Hand, nicht erst tiefsinnig umgesetzt in Klang und Töne!? „Ich habe mit Fräulein X. Y. +erlebt+: Symphonie C-Moll!“ Auf Musik erst warten, wozu?! Das +Leben+ töne!

Meine Bücher sind ein Sammelsurium von allem Möglichen, +Wichtigen+; denn nichts ist +unwichtig+ außer das +wirklich+ Unwichtige. Wie zum Beispiel der Luxus -- und die Vorurteile +jeglicher Art+! +Form+ hat dem Inhalt zu +dienen+! Tiefe Gedichte +ohne+ Reim und Versmaß sind +noch+ besser als solche +mit+. Denn bei ihnen spürt man das +Restlose+, während man bei den anderen stets noch meint, +wie tief+ sie erst geworden wären +ohne+ das Prokrustesbett, die „Eiserne Jungfrau“ von Vers und Reim! +Form+, du größter frechster +Hochstapler+ von +leeren+ Gehirnen, +leeren+ Herzen! Ich hasse dich! Ich +verachte+ dich!

DAS THEATERSTÜCK EINES IM FELDE STEHENDEN DEUTSCHEN OFFIZIERS

Ich bin leider kein „zünftiger Theaterreferent“, ich bin nur, +trotz+ meines Namens oder vielleicht +wegen+, ein ganz gemeiner Varietéreferent geblieben, was, wenn es noch so gut ist, nichts gilt in der +literarischen Welt+! Ich bin kein +Areopag+, was hat zu entscheiden über die Güte eines Stückes und über die Qualitäten von den Leistungen von seiten der darstellenden Künstler, inwiefern sie den Intentionen des Dichters nachzukommen ehrlich angestrebt haben, inwiefern hinwiederum der Dichter den Intentionen des Referenten nachgekommen ist, der sich schon infolge seines ernsten Berufes längst vor der Premiere mit den Qualitäten des Stückes streng und intensiv befaßt hatte! Ich war infolgedessen bei der Erstaufführung von Fritz von Unruhs „+Offiziere+“, zugleich mit der jungen schönen bleichen Frau, in deren Loge ich zu Gaste war, tief begeistert und oft tränenüberströmt.

„Sie sind doch kein Knabe mehr, Peter!“

„Im allgemeinen nicht, aber hie und da bei wichtigen besonderen Anlässen!“

Ja, das Stück ist herrlich, die Darsteller Iwald, Pointner, Forster, Turner, +Fräulein Choste+, vollkommen! Ob dieses moderne Stück nichts anderes eigentlich sei als das alte Kleistsche: „+Prinz von Homburg+“, ist mir ganz egal. Das alte ist +fad+, und das neue ist +packend+! Vielleicht würde ich es +auch+ anders sehen, wenn ich in +angesehener Stellung+ wäre, aber so, als ganz gewöhnlicher Varietéreferent, bin ich nur +gerecht+ und +begeistert+!

SPLITTER

Frau E. v. W. sagte zu mir: „Wenn ich, ganz nach Ihren Prinzipien, stumm, in mich gekehrt, dasitze, werden Sie sich doch, nach Stunden, mit mir schrecklich langweilen und sich eine fesche Ungezogene herbeiwünschen, nicht?!“

„Allerdings! Aber es wird dann nur +meine+ Inferiorität beweisen, nicht die +Ihre+!“

*

„Bin ich Ihnen, mein Herr, nicht doch zu wenig leblos, temperamentlos, zu fad?!“

„Mir +nicht+, solang ich spüre, daß Sie es den anderen +ebenso+ sind!“

*

„Denk dir, Mietzi, ich hab dem Peter seine Monatsrente entzogen!“

„Hat er sich gegiftet?!“

„Nein. Er hat nur gesagt, er kann vor Sorgen nun nicht mehr so ganz frei dichten!“

„Gott sei Dank!“

*

„+Schöne+ Frauen sind eigentlich sehr +gutmütig+, sie freuen sich, daß sie +wegen nichts+ so gefallen! Was sie +ungutmütig+ macht, ist ja +nur+ das Gefühl, daß man sich +besonders lang+ nicht anschmieren lassen wird!“

*

+Wirkliche Werte?!+ Lächerlich. Duftet die Rose +dem+, der Schnupfen hat?! Und dem anderen, der +keinen+ hat, bereitet sie vielleicht nur +Migräne+!

*

„Ich möchte mit Ihnen etwas +ganz Außergewöhnliches+ erleben, Herr Franz, ich lasse mir und Ihnen dazu vier Wochen Zeit!“

Für diesen Ausspruch drückte er ihr zärtlichst die Hand.

Da war es +schon+ erlebt!

*

Einer sagte zu mir: „Ich hab eine erst +wirklich gern+, bis ich +sie ganz gehabt+ hab!“

„Da hat sie Ihnen früher wahrscheinlich +weniger+ gegeben durch ihre Persönlichkeit!“

„Nein, aber es ist halt doch +etwas ganz anderes+!“

„Ja, etwas +ganz anderes+ ist es allerdings!“

*

Es ist keine große Kunst, überall das +Für+ und +Wider+ einer Sache herauszustöbern; aber es +nicht+ herauszustöbern ist ein Kretinismus!

*

+Trauer.+

Die Träne, die du trocknest, macht einen geliebten Verstorbenen erst vertrocknen, der bis dahin unter deinem Naß gediehen ist!

*

Wenn Kürze des Witzes +Seele+ ist, wenn Kürze des Essays +Seele+ ist, wenn Kürze der Novelle +Seele+ ist, dann, dann -- -- -- bin ich +kurz+!

*

Die +ganz feinen+ Damen sind ebenso brutal-ordinär wie die +ganz ordinären+ Damen. Nur merkt man es nicht so +ordinär+. +Das+ ist das +Feine+ an ihnen!

*

Meine Bücher: Eine organische natürliche Verbindung einer inneren +Biographie+ mit einer inneren +Weltanschauung+!

*

Es ist wie gesagt keine große Kunst, alle Dinge des Lebens von allen ihren Seiten +zugleich+ betrachten zu können. Aber es +nicht+ zu +können+ ist eine +Beschränktheit+!

*

Wenn jeder +nur+ das leistete, was er leisten +könnte+!

„Aber er leistet das, was er leisten +möchte+!“

Und das ist viel zuviel zuwenig!

*

+Der Kranke.+

Wir brauchen Schlaf, nur Schlaf, diesen +rücksichtsvollsten+ Bruder dieses +rücksichtslosesten+ Bruders, Tod!

THEATERKARTEN

Wenn ich jemandem zwei gute Theaterkarten schenke, darf er mir, wenn auch noch so liebenswürdiger Art, kein Gegengeschenk machen, das dem realen Wert meiner Karten +entspricht+ oder ihn +übertrifft+! Denn erstens beraubt er +mich+ der Freude des Schenkens, sich der Freude ewig innerlich fortvibrierender Dankbarkeit! Wenn er aber doch das innere Bedürfnis hat, sich zu revanchieren?! Dann schicke er mir seine schöne junge Geliebte für zwei Stunden ins Haus!

SPLITTER

Inwiefern kann Österreich durch sein Bündnis mit Deutschland künftighin profitieren?!?

Insofern es lernt, daß z. B. eines seiner +Lieblingslieder+: „Drah’n mer +auf+, und drah’n mer +um+,

es liegt nichts dran!“

ganz falsch ist, und eben doch sehr viel an allem dran liegt!

*

Diese hündische Anhänglichkeit dieses Herrn B. für Frau L. paßt sich für einen gscheckerten Foxterrier, aber nicht für einen rotschädlerten Menschen!

*

Er hatte sich kolossal an sie angewöhnt: die ewigen unnötigen Mißverständnisse nämlich später wieder aufzuklären und alle klaren Dinge ewig wieder mißzuverstehen! Man spielt sich herum wie die Katz mit der Maus! Leider ist man nicht die Katz, sondern die +Maus+!

SKLAVIN

Als ich sie vor Leuten in mein Zimmer schickte, die verlorene goldene Aufziehschraube meiner geliebten Uhr zu suchen, abends.

Was für ein verfallenes bleiches verzweifeltes haßerfülltes Antlitz du bekommen hast sogleich, unbewußt, gegen dich selbst vielleicht sogar! Du hast den Stolz der niedrigen kriechenden Organisationen, die von der Ehre, dem Stolz des „+Dienens+“, des heiligen „+Dienstbarseins+“ +nichts+ in sich haben, weil ihre Würde nicht +von innen+ vorhanden ist, ein unzerstörbar ewiges lichtes Gepränge, sondern von außen verlogen angepickt und angeschminkt an deine eigentlich +würdelose+ Seele!

Der +Freien+ Stolz ist: frei zu +dienen+!

Der +Sklavin+ Stolz ist: +scheinbar+ frei zu sein!

BANNFLUCH

+Hinauf+ kommen wollen, +heraus+, aus den Niederungen, den Sümpfen, seelisch-geistig, +das+ ist alles! Man muß deshalb nicht gleich Klosterschwester werden, aber immerhin, wenn auch in dieser heiligen reinen friedlichen Klosterzelle seiner faden Stube! Der Mann ist der Schandbube, ist der Mörder der Frauenreinheit! Daß sie selbst aber die Gefahr, die Erniedrigung nicht sofort +erkennt+, spürt, wittert, ahnt, riecht, ist ihre +Hurennatur+! Was dir geschieht an Leid, an Demütigung, o Fraue, und seiest du erst fünfzehn Lenze jung, ist +deine+ Schuld, und +dein+ Verbrechen! Würde, adeliger Stolz, wirft jeden Wüstling reuig zu deinen Füßen nieder! +Verführt+ wird +nur+ die, die zum +geraden+ Wege ohnedies nie taugte! Besser also eine +gute Hure+ als eine +verlogene Anständige+! Zeige dich wenigstens ehrlich in deinem Schuppenpanzer, Echse! Hexe!

SPLITTER

So viele schöne Frauen sind ungezogen. Weil man sie nicht erzieht?! Nein, weil man ihnen einredet, daß es +herzig+ sei!

*

Schöne begehrenswerte Frauen wollen immer es erproben, was man uns noch alles sagen und antun darf, ohne daß wir beleidigt sind! Beleidigt sind wir +natürlich sofort+, aber man darf sich’s wegen dem anderen Geschäft nix merken lassen!

*

„Was haben Sie davon, daß Sie uns so durchschauen, Peter?!“

„Daß ich es dann genau weiß, +darauf+ komme es eben doch +nicht+ an!“

*

Eine Frau, die ganz genau so wäre wie ich, nur ohne -- -- Schnurrbart! Das wäre es!

*

Ich lese bei S. Jacobsohn: „Der Fleiß und die übrigen sieben Todtugenden!“

*

+Verkehr mit edlen Frauen.+

Es ist künstlerisch-nobel, seine Perlen unter den Tisch fallen zu lassen. Aber es muß sich eine finden, die sie zärtlich aufklaubt!

*

Ὅρκος ὀδόντων, der Stachelzaundraht. Gehe +äußerlich+ so +exzentrisch+ gekleidet, daß dich schon im vorhinein jene +meiden+, die dann mit Entsetzen sonst erst +zu spät+ es merken würden, +wie sehr+ du dich erst recht innerlich von ihnen, Gott sei Dank, +unterscheidest+!

*

Ich habe viele +Freunde+, aber wenig +Brüder+! Freunde sind +die+, die +das noch+ verstehen, was sie verstehen +können+ an mir! Aber +Brüder+ sind +die+, die +auch das noch+ an mir verstehen, was sie +nicht mehr+ verstehen können!

GESPRÄCH MIT DER WUNDERSCHÖNEN SIEBZEHNJÄHRIGEN AUS SARAJEWO

„In einer kleinen abgelegenen Stadt, umringt von romantischen Wildnissen, haben wir viel voraus vor unseren unglückseligen Mitschwestern in den flachen Großstädten. Wir haben voraus: +Langweile+, +Nachdenken+, +Melancholie+! Wir bekommen es sehr bald heraus, daß es nur sehr sehr wenige Männer gebe, die uns befriedigen können: Mozart, Schubert, Hugo Wolf, Tschechow, Beethoven, Emerson, Tolstoi, Hamsun, Grieg. Aber den anderen genügen wir nicht. Das heißt sie bilden es sich momentan ein, daß wir ihr Höchstes seien. Aber da sie unseres nicht sein können, können wir auch nie +eigentlich+ das ihre sein! +Nur+ gleich und gleich gesellt sich gern! Wir aber leben ungesellig, mit unseren Göttern, +unseren+ Männern!“

Ich schwieg, berührte ihr zärtlichst die Hand.

SPLITTER

Er sagte zu seiner süßen Geliebten: „Ich geb dir sechs Wochen von heute abend an Zeit, folgende Lebensbibeln zu lesen: +Macauley+, Biografical essays, +Goethe+, Werthers Leiden, +Hamsun+, Victoria, +Carlyle+, Über Helden, +Friedell+, Ecce poeta, +Richard Wagner+, Exzerpt: Gedanken und Aussprüche, +Renan+, Das Leben Jesu, +Emerson+!“

Nach sechs Wochen machte er Stichproben. Und siehe, sie hatte wirklich -- -- -- alles +gelesen+. Aber +verdaut+ hatte sie nichts. Da gab er ihr weitere +zehn Jahre+ Frist!

*

Es ist besser, anfänglich zu +mißfallen+ und später zu +gefallen+. Noch besser wäre es, +gleich+ zu gefallen und später +erst recht+. Aber das gibt es leider nicht!

*

Wenn ich vom Leben nichts wüßte, als daß die Rosa Papier, die alle +Kirchenglocken tönte+ während meiner ganzen Jugend, durch +falschen Ehrgeiz+, durch diese hohen Partien „Sieglinde“ und „Elisabeth“, ihre von mir +vergötterte+ und +heißgeliebte+ dunkelernste mahnende erschütternde Stimme verlor, wüßte ich +schon mehr als genug+!

*

Heute, 17. Dezember 1914, ½6 abends, wurde mir im Café meine geliebte goldene Uhr gestohlen. Ich annoncierte sogleich ins N. W. T.: „Welche meiner zahlreichen Verehrerinnen erwünscht sich die Ehre, mir auf den Weihnachtstisch einen Ersatz für die gestohlene zu legen?!“ Ich erhielt 173 wundervolle Uhren. Die schönste behielt ich, den Erlös für die anderen widmete ich den Waisen weiblichen Geschlechtes gefallener Helden! Das Ganze war aber nur, wie im Kino, ein Traum. Bis auf die eine gestohlene Uhr. Die ist Wirklichkeit.

FRIEDELL

Dr. Egon Friedell sagte zu mir: „Peter, die +Philister+ schaden dir nicht, im Gegenteil. Die +ahnen+ etwas in dir, was +besser+ ist als sie, was sie aber doch als überflüssig und sogar hinderlich betrachten im Leben! Wer dir +schrecklich schadet+, das sind +nur+ die, die dich +zu verstehen+ meinen und überzeugt sind, daß +sie+ eigentlich +auch so ähnlich+ sind, aber nur +nicht so verrückt+, sondern dabei +normal+! +Diese+ Hunde, die +nicht+ schwer bezahlen wollen fürs +Anderssein+, sondern nur +damit+ noch profitieren möchten! Die, die dich unter der perfiden Maske von +Verständnis+ und +Anerkennung+ zuschneidern, zustutzen auf +ihr+ Maß, ein Zwergenmaß, nein, ein +Lebensmaß+! Ein +Sterbens+maß! Die, die da sagen: „Ich bin doch gewiß -- -- --“. Nein, er ist gewiß +nicht+!“

AN PÍA DORÉ

Es gibt schöne junge Geschöpfe, die man natürlich sogleich +haben+, genießen möchte! Die Zärtlichkeit kommt von unten und +bleibt+ unten. Aber es gibt solche, für die man sogleich die besorgte und übertriebene Zärtlichkeit einer Mama für ihr zartes Baby empfindet! Die Zärtlichkeit ist eben sogleich +hinauf+ gestiegen, ins Herz, und noch höher hinauf, ins Gehirn! Dorthin, wo das „Göttliche“ wohnt, das Unzerstörbare! Nenne es „Impotenz“, mich kannst du nicht schrecken! Ja, man zieht den Genuß von +tausend+ Stunden dem Genuß +einer+ Stunde vor!

WERKE

VON

PETER ALTENBERG

Wie ich es sehe

Neunte vermehrte Auflage. Geh. 5 Mark, geb. 6 Mark.

Was der Tag mir zuträgt

Fünfte vermehrte Auflage. Geh. 5 Mark, geb. 6 Mark.

Prodromos

Dritte Auflage. Geh. 3 Mark 50, geb. 4 Mark 50.

Märchen des Lebens

Vierte vermehrte Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark.

Neues Altes

Dritte Auflage. Geh. 3 Mark 50, geb. 4 Mark 50.

„Semmering 1912“

Vierte vermehrte Auflage. Geh. 3 Mark 50, geb. 4 Mark 50.

Die Auswahl aus meinen Büchern

Vierte Auflage. Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark.

Wie ich es sehe

Es ist ein schönheitstrunkenes Evangelium raffiniert gesteigerten und doch kindlich-reinen und seelenvoll-heiteren Lebensgenusses der Sinne und des Geistes. Und dabei eine ganz neue Gattung in Stil und Vortrag. Die Ausdrucksweise subtilster Gefühlsregungen ist dadurch wesentlich bereichert worden. Schattierungen im Empfindungsleben spricht es aus, die bisher unausgesprochen waren, in deutscher Sprache wenigstens. Dadurch gewinnt das Buch eine besondere Bedeutung. Die Mittel der Darstellungskunst werden ganz einfach dadurch erweitert. Es ist wie ein neues Instrument, mit Saiten, die man noch nicht kennt und die, nur leise und linde berührt, eine ganze Welt von Tönen hören lassen.

(Grazer Tagespost)

Was der Tag mir zuträgt

Um seine Altenbergereien, seine eigenen Nuancen, von Humor, von Liebe, von Heldenverehrung, von Sinnlichkeit, von Trauer gut auszudrücken, hat Peter Altenberg seine persönliche Kunstform erfunden, und sie feiert in diesem Band voll bunter, amüsanter, zusammengetragener kleiner Skizzen wieder große Triumphe. Er läßt eine Tischrunde ruhmhungriger junger Leute eine Zeitschrift begründen und den Herausgeber mit der großen Brieftasche umschwärmen; da zittert und schwirrt es bei scheinbar sachlichen Gesprächen nur so durcheinander von allen möglichen Ober- und Untergedanken der ungeduldigen Jünglinge. Oder er liest einem jungen Mädchen, das den ersten Tag seines Dienstes am Postschalter hat, die ganz und gar nicht zur Sache und zum Dienst gehörigen, zwischen Federeintauchen und Auskunftgeben vorüberblitzenden Vorstellungen ab. Ganz ohne Romantik, wie sie früher in solchen Fällen beliebt war -- früher hätte eine solche Postnovize zumindest ein sterbendes Kind zu Haus gehabt -- ganz ohne äußeren Aufputz; ganz den wirklichen Beobachtungen und ihren verborgenen Geheimnissen entsprechend; ganz wie der Tag es ihm zuträgt.

(Die Zeit, Wien)

Prodromos

Peter Altenberg gibt in seinem neuesten Aphorismenwerk eine Anleitung zum Lebensgenuß. Er sagt uns, was wir essen und trinken sollen, wie wir unseren Körper pflegen sollen, indem er die Behaglichkeit und die Beweglichkeit des Seelenlebens schildert, die wir dadurch gewinnen. Es sprüht in diesem Buch auf allen Seiten, und dieser Funkenregen eines lustigen Philosophen zerstört die lasse Moral eines satten Philistertums so unerbittlich, wie die Müdigkeit einer Nur-Ästhetik. Es ist ein Lebensbuch von unerschöpflicher Klarheit, eine ganz moderne Philosophie von Leib und Seele, wie sie gleich einheitlich nur im Athen eines Plato oder im Rom des Neuplatonismus geschrieben werden konnte, wie sie in den Religionen Buddhas und Alexandrias vorherrscht, er baut den Vorhof zu einem Tempel der zukünftigen Menschheit.

(Leipziger Neueste Nachrichten)

„Semmering 1912“

Der populärste Mensch von Wien hat ein neues Buch herausgegeben, das wieder wie alle früheren Bücher des Dichters angefüllt ist mit jenen zarten, kleinen Skizzen, Anekdoten, Plaudereien, die an vollkommene japanische Lackarbeiten und auf einfachste Umrisse gebrachte japanische Holzschnitte erinnern oder auch an die Kopfkissenhefte jener japanischen Frauen, die um das Jahr 1000 die klassische Literatur der Japaner schufen. Aber auch all seine Ideen über Kultur der Seele, des Körpers, des Gefühls werden wieder in diesem Buche ausgesprochen, doch ein wenig resignierter, in herbstlich stiller Beglückung. Denn Peter Altenberg ist krank und mußte sich im Sanatorium aufhalten. Er entwickelte die Idee eines „Hotelregisseurs“, eines „Hotelführungsidealisten neuester Art, dem das Hotel als solches lieb und betreuenswert erscheint“. Da er sich selbst als Hotelregisseur empfahl, wurde er in ein Hotel auf dem Semmering berufen. Dortselbst verlebte der bislang in Wien (Café Central) Eingekerkerte ein glückseliges Jahr 1912. Und die Skizzen, die in diesem Jahre entstanden, tragen dankbar den Sammeltitel „Semmering 1912“. Nun sind in dem kranken, alternden Peter nochmals alle Erkenntnisse und Gefühle seines Lebens aufgeblüht. Hier droben im Gebirg fand er Frühling, Winter, Wälder, Wiesen, Blumen, schöne Frauen und sehr gepflegte edle Kinder. Also wurde „Semmering 1912“ eine Enzyklopädie von Peter Altenbergs bisherigem Erleben. In diesen sorgsam hingetupften Skizzen sind Romane, hygienische Abhandlungen, Liebeslieder, unendliche Gefühle geborgen. Auch mancherlei Amüsantes, Witziges, Paradoxes, Autobiographisches zieht vorüber. Wir erfahren, wie Peter Altenberg entdeckt wurde, wir staunen, welche Glücksmöglichkeiten die Betrachtung einer Wiese, einer schönen Frau, eines Kindes bietet. Und so ist dies Buch des vierundfünfzigjährigen Dichters ein Spiegelbild des armen, glücklichen Peter Altenberg, ein Bilderbuch der Schönheit, der Gefühle, der Natur, der Witze und aller Menschlichkeit.

(Zeitschrift für Bücherfreunde)

Märchen des Lebens

Das Leben erzählt uns allen, und doch hat keiner von uns die Geschichten gewußt, die dieser eine Peter Altenberg, dieser hochbegnadete Struwelpeter der Dichtung, zu berichten weiß. Im Hinhören, im Aufmerken, in einer neidenswerten Fähigkeit des Staunens liegen Altenbergs ursprünglichste Dichtergaben. Die Welt ist so reich. Jeden Tag sehen wir -- ja, wie kann man das alles aufzählen? --, wir sehen Wolken über den Himmel gehen, ein Füllen auf der Weide springen, eine Blume blühen, eine schöne Frau lächeln. Aber wenige von uns haben die Gabe, über das alles nach Gebühr zu staunen. Vielleicht muß man vom Leben etwas zur Seite gestellt sein, um das alles so gierig, so dankbar, so heiß und schmachtend aufzufassen, wie es Peter Altenberg tut. Wir gehen die Straße des Lebens, ungeduldig, präokkupiert von der Sehnsucht nach den großen Sensationen. Wir suchen am Horizont nach den gewaltigen Gebilden der Berge. Peter Altenberg aber bückt sich indes, hebt einen Kiesel von der Straße auf und weist ihn lächelnd, liebevoll, mit einer fast preziösen Geste dar. Und siehe da, der Kiesel ist ein wahres Wunder, und wir müssen tun, als sähen wir ihn zum ersten Male. Liegt es nur an der preziösen, entzückten Geste, mit der er dargereicht und uns endlich einmal eindringlich ins Bewußtsein gerückt wird? Welch eine eminente Gabe der Charakterisierung muß ein Mensch besitzen, wenn seine Schilderungen so frisch, so packend und frech wirken, wie die Bilder einer kleinen spitzbübischen Kamera.

(Münchener Neueste Nachrichten)

Neues Altes

Eben habe ich ein wundervolles Buch gelesen, keines für Philister, die finden nichts darin, keine Geschichten, keine Moral und keine Unmoral. Es sind Perlen und wieder nicht Perlen, wie man sie sich gewöhnlich vorstellt, sondern wie sie aus der Hand einer feinen, innerlich vornehmen Klavierspielerin aus den Tasten oder über die Tasten des Flügels rollen, unsagbar rund, unsagbar matten Glanzes -- reine Kunst. Das Buch ist von Peter Altenberg und heißt ‚Neues Altes‘. Was drin steht sind Briefstellen, Tagebuchnotizen, Skizzen, manchmal nur eine Bücherwidmung, selten mehr als eine Seite lang, oft ein paar wenige Zeilen, ein Nichts für den Philister, eine Perlenschnur für den Liebhaber. Amatöre sollen sichs zur Weihnacht schenken und sich dazu anlächeln.

(Nationalzeitung, Basel)

Die Auswahl aus meinen Büchern

Über Peter Altenberg ein Urteil in gemessenen Zeilen abzugeben kann ich mich nicht erkühnen. Man kann über diese personifizierte Absonderlichkeit denken, wie man will, verweilen wird man bei ihr müssen. Er hat die feinsten Nerven in ganz Wien. Darum muß man ihn lesen, ablesen wie einen Thermometer, Barometer, Hydrometer, kurz wie irgendein Kunstwerk physikalischer Feinmechanik. Vielleicht gehört das Urteil über Peter Altenberg wirklich der Zukunft? Vielleicht hat er instinktiv das getan, was nur er sich erlauben durfte: seinem Buche eine Selbstanzeige mitgegeben, eine Selbstanzeige, worin es heißt: „Ich habe vier Bücher herausgegeben: ‚Wie ich es sehe‘, ‚Was der Tag mir zuträgt‘, ‚Prodromos‘, ‚Märchen des Lebens‘. Ich hielt dieselben für ‚Extrakte‘, für Extrakte meines eigenen Innenlebens und eigentlich des Lebens überhaupt! Ich hielt mich für das kurzgefaßteste Herz, für das kurzgefaßteste Gehirn eines modernen Schriftstellers, für das Unbelästigendste, Zeit nicht Raubendste, das es gäbe! Aber ich habe mich geirrt. Man kann aus den vier Büchern noch die ‚wertvollsten‘ Perlen herausfischen und so dem einen Leser die Mühe ersparen, überhaupt je wieder etwas von mir zu lesen, den anderen jedoch dazu verführen, nun alle Werke zu erstehen! -- Man warnt also menschenfreundlichst dadurch seine Nichtversteher, während man mit seinen Verstehern ein glänzendes Geschäft vielleicht zu machen in der Lage ist! Deshalb, aus Menschenfreundlichkeit und Gewinnsucht zugleich, veröffentliche ich die ‚Auswahl‘!“... Hat man die feinen Sächelchen, diesen Seelenhauch gelesen, scheint das Leben eine unüberwindliche Brutalität.

(Wiener Abendpost)

Im gleichen Verlag ist erschienen:

Egon Friedell: Ecce poeta

Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark