Fechsung

Part 14

Chapter 143,445 wordsPublic domain

„Was, Sie haben Platzangst, Agorâfobíe?! Sie können nicht über einen freien Platz hinübergehen?! Na, nicht sollt ein fesches Maderl drüben stehen, wie’s hinhupfen täten!“

„Ich befürchte, ich werde mit meinen dreihundert Kronen monatlich schwer auskommen können!“ „Was, mit dreihundert Kronen?! Soviel hat ja bald ein Hofrat! Ah da schau her!“ „Wieviel brauchen Sie?!“ „Ich? Ich, wie kommt das dazu? Neunhundert!“

DIE UNENTRINNBAREN BEDÜRFNISSE DER MENSCHHEIT

Die französischen Schützengräben sind zuweilen nur 40 oder 50 Meter entfernt von den deutschen. Zwischen 12-2 wird, wie auf Verabredung, in beiden Lagern Mittagspause eingehalten. Will dann einer „aus menschlichen Gründen“ verschwinden, so hebe er den Gewehrkolben; sogleich verläßt dann auch ein Feind den Schützengraben -- -- -- als Geisel, falls der andere dennoch angeschossen würde!

DIE TÄNZERIN

„Prenez moi dans votre chambre!“ sagte er zu der Vergötterten zum ersten Male, um Mitternacht.

„Pas aujourd’hui!“

Wie, also doch morgen, übermorgen, in acht Tagen, in zwei Monaten, also überhaupt irgend einmal?! Aber da hatte er diese Allergeliebteste ja schon bereits in Besitz genommen +durch diesen Ausspruch+! Die goldenen schimmernden Tore zur Seligkeit standen offen, er erschaute bereits ihre körperliche geliebte Herrlichkeit! Er war von nun an ein gesalbter König. Was ist dagegen dieses armselige Wörtchen: „Komm!“ Und wenn sie es auch +gar nie, gar nie+ sagen würde später, seine +Hochzeitsnacht+ war: „Pas aujourd’hui!“ Der Hoffnungsstrahl!

GYMNASIUM

Ordinarius der zweiten Gymnasialklasse an den reichen Vater eines elfjährigen Söhnchens, das bereits fabelhaft auf der Violine Mozart, Haydn spielt:

„Sehr geehrter Herr Kommerzialrat, falls es Ihnen Ihre kostbare Zeit gestattet, erbitte ich mir dringend im Interesse Ihres Herrn Sohnes eine Unterredung!“

Unterredung:

„Könnten Herr Kommerzialrat, bei Ihrer Vorbildung, nicht mit ihm selber die Verba auf mi durchstudieren?! Ein Vater ist eben stets doch noch eine tiefere Autorität als ein armer Lehrer!“

„Herr Professor, ich will Ihren Lieblingswunsch also erfüllen. Ich habe von ganz klein angefangen, da weiß ich also doppelt den Wert der +Verba auf mi+ zu schätzen!“

Ich begreife es nicht, wieso man nicht +vor allem+ einen Weltkrieg führt gegen die toten, wirklich +toten+ Sprachen!? Solange man sie mühselig erlernt, kann man die Schönheit der Klassiker noch nicht erfassen. Und später findet man, daß Tolstoi, Hamsun, Gorki, Tschechow, Strindberg viel +wichtiger+ sind, um das +Leben+ in seinen geheimnisvollen Tiefen kennen zu lernen!

Wir haben nur eine gewisse Summe von Lebensspannkräften, vitalen Energien! Was davon in den acht Jahren Gymnasium +vergeudet wird+, würde +ausreichen+, jeden für die ganze übrige Zeit zum +Genie+ zu machen!

JAUSE

Jausengespräch zweier junger bildhübscher Dienstboten im fünften Stock auf dem düsteren Gang vor meinem geliebten lichten Zimmerchen:

„Jessas, an schönen noblen Kehrbesen habt’s ihr da oben! Unserer unten in der Kaffeeküche, +der+ schaut aus! Wie a g’rupftes Hendel!“

„I schenk Ihnen meinen! Der Peter kauft mir an anderen!“

„Was für ein Peter?!“

„No der Peter. Der Peter Altenberg. Er is ein Schmutzian, das heißt er hat nebbich nichts, aber für solche praktische Arbeitssachen hat er ein Herz. Sie, der Mensch hat Ihnen einen Abstauber für die Wandphotographien, von lauter grauen jungen Straußfedern, fünf Kronen hat er gekostet!“

„+Den+ möcht ich haben. Der muß ja wunderbar +wischen+!“

„Ja, den gibt er net her. Hundertmal hab ich ihn schon darum angebettelt! Er hat g’sagt: „Im +Testament+!“ Aber der lebt uns +noch+ zehn Jahr. Solche Leut, die gar nix zu arbeiten haben als dös bissel dichten, die san +zach+!“

DER ABSCHIED

Morgenvisite, =1.= Sanatoriumsarzt:

„Sie wollen uns also ernstlich verlassen, Herr Peter?! Bravo, bravo, ein erstes schönes Anzeichen wiedergewonnener Lebensenergien! Bravo. Nun aber nur rasch fort, damit man nicht wieder bedenklich werde, den Mut verliere!“

Abendvisite. =2.= Arzt:

„Sie wollen uns also ernstlich verlassen, Herr Peter?! Ganz gut, wir werden Sie nicht zurückhalten selbstverständlich. Aber ein bedenkliches, ja ich möchte fast sagen, ein symptomatisch ungünstiges Anzeichen ist es, daß Sie so rasch weg wollen plötzlich!“

ROBERT MAYER

Kochet, waschet, flicket, tuet noch etwas anderes +für uns+, aber tuet um Gottes willen nichts +gegen uns+! Du wirst seufzen: „Ein krasser Egoismus!“ Mitnichten, Fräulein oder Frau, mitnichten! Denn was ihr selbstlos für uns leistet, leistet ihr +für euch+! Unser Emporkommen ist doch auch +euer+ Emporkommen, in +jeglicher Art+! Robert Mayer entdeckte die „Erhaltung der Energie“! Siehe, nichts geht verloren an Lebensenergien! Was eine Frau dem Manne +spendet+, so oder so, es bleibt! In irgendeiner Form! Oft leider nur im Kindlein! +Ihr+ gebt +uns+, und wir +geben zurück+ der Welt, dem Leben, oft tausendfach! Wenn einer aber +gar nichts+ hätte von eurer Spende, den vernichtet, sackelt aus! Betrügt ihn hinten und vorn, bestraft ihn! Er versündigt sich an Robert Mayers entdecktem Gesetze von der „Erhaltung der Lebensenergien“! Er +nahm+ und +gab nichts+ zurück! Er verderbe!

LANDPARTIE MIT DER FÜNFZEHNJÄHRIGEN

Es ist also +nicht wahr+, was ich +durch Jahre+ glaubte, daß du im heiligen Frieden von Wald und unbetretenen Wiesen und Bergbach-Urwaldufern dich +verlörest+?! Ein Offizier, der vorüberkam, machte dich erröten, und +kaum+ vermochtest du dein Köpfchen +nicht+ zu wenden, um es zu erleben, daß er +dir+ nachschaut! Was ist es also mit deinen Sommerbriefen voll von Buchenwäldern, Birken, Kuckuckruf, gefangenem Igel und Sammlung merkwürdiger Kieselsteine im Bachbett?! Sich +verlieren+! Du +tiefste Weisheit+ einer Frauenseele, eines Frauenleibes! Jedoch an +was+, an +wen+?! Es ist die +erste+ Landpartie und auch die +letzte+! Nur +einmal+ stört man mir mein +stummes Zwiegespräch+ mit der Natur!

ÜBER DAS „DRAHN“

Sein Wesen und seine +wirkliche+ Bedeutung im Lichte -- -- -- der Drahrer!

Die meisten verstehen den +Sinn+ dessen, was sie aus Ungezogenheit und Stupidität tun, +nicht+. Der Drahrer +draht+ stupid. Das heißt, er opfert die Nachtruhe, Zeit, Geld, und noch etwas +anderes+, um zu +drahn+, d. h. um in einem marmorgetäfelten gut erleuchteten Raume mit Klavierbegleitung Barmädeln den Hof zu machen und gesehen zu werden von denen, die +nicht genug+ Geld haben, um den Mädeln den Hof zu machen. Denn Hof kostet eine Unmenge „Drinks“, Zigaretten, +Trinkgeld+ für die +gestohlene, geraubte+ Zeit, für +Langweile+ der unglücklichen Schönen, die +zu allem+ nett lächeln +müssen+ oder jedenfalls nicht +allzu beleidigt+ sein dürfen, wenn +er+ doch zu witzig und „+fesch+“ werden sollte infolge des Alkohols!

+Nein+, drahn ist eine +Regenerationskur+, ein momentanes, wenn auch stundenlanges +Ausspannen+ aus allem, was dich den Tag über bedrängt, gekränkt, geknebelt, gedemütigt hatte! +Siehe+, du wirst ein +freier Mann+! Kein Vorgesetzter, keine Verpflichtung, keine Familie, keine Frau, kein Kind, kein Gläubiger! Du bist dein eigener Herr, und, falls du generös bist, sogar beliebt und gern gesehen! Draußen freilich auf der dunklen Gasse, überfällt dich wieder +deine eigene Nichtigkeit+! Aber willst du ihr denn +endgültig+ entrinnen?! Sei froh und dankbar, daß du auf sie +vergessen+ durftest, +konntest+, von 1-4!

HOCHGEEHRTE GNÄDIGE FRAU

Sie fragen mich, weshalb ich plötzlich von Ihnen +abgefallen+ sei?! Erstens +ist es+ gar nicht so +plötzlich+. +Nichts ist plötzlich, alles ist allmählich.+ Es +scheint+ nur plötzlich. Und zweitens: weil Sie eine abfällige Bemerkung darüber gemacht haben, daß ich 56jähriger mit meiner fünfzehnjährigen braunlockigen Freundin, die kurze Kleider trägt und aussieht +Gott sei Dank+ wie dreizehn, eingehängt, mittags, also im vollsten, strahlendsten Tageslichte, über den Graben gehe!? Ich finde, es sollten sich +alle jene+ eher +schämen+, die mit älteren, aus dem Leim gegangenen, wenig begehrenswerten Damen öffentlich sich +noch zeigen+!

Ja, ich gebe es zu, daß Frühlingsvollkommenheit, braune +natürliche+ Locken, unbeschreibliche adelige kindliche Anhänglichkeit, der +mysteriöse Anflug+ eines Busens, absolute Fettlosigkeit, eine +Käthchen-von-Heilbronn-Seele+ und dabei +tiefste Geistigkeit+ mich nicht +abschrecken+, mit einer so gearteten Person öffentlich in vollem Sonnenlichte Arm in Arm zu gehen!

+Ich+, gnädige Frau, bin von Ihnen +nicht+ abgefallen!

+Sie+ von +mir+!

PORTRÄTMALEREI

Kunst ist die selbstlos-heilige +Vermittlerin+ zwischen der mysteriösen Pracht der Natur selbst und den ursprünglich stumpfen Herzen der Menschen!

Wer die Natur +direkt+ genießen kann,

+braucht+ keine Kunst!

Wer die Kunst +braucht+, kann die Natur +nie+ direkt genießen!

Das geniale +Porträt+ einer wertvollen wunderschönen Frau, hat +nur+ für die Wert, die es sonst am +lebendigen+ Objekte nicht so ganz tief +heraus+ finden könnten!

Der Liebende ist ein +Ochs+, ein +Verwirrter+.

Er +braucht+ das Porträt eines Künstlers von seiner Geliebten!

Der +Verstehende+ braucht +kein+ Porträt! Es befindet sich nämlich ideal-genial in seinem +Gehirne+!

BEKENNTNIS EINER SCHÖNEN SEELE

„Ich bin sehr, sehr schön. In meiner grauen Samtkappe mit der dicken grünen seidenen Troddel, die über meine aschblonden Schläfenhaare herabbaumelt, sehe ich direkt aus wie -- -- --. Nun, was bedeuten Vergleiche, alte Bilder, vergilbte Namen, da man doch Gott sei Dank noch ein +lebendiges Kunstwerk+ ist!?! Aber +etwas+ fehlt mir, was +jede+ hübsche armselige Hure voraus hat. Man +anerkennt+ mich, aber ich erwecke keine bösen teuflischen Instinkte, das einzige, was durcheinander bringt und alle besiegt! Ich bin +innerlichst+ zu anständig, das heißt, ich habe nicht mehr die perfide Lebenskraft der Schlange, des Salamanders, des Regenwurmes!

Ich bin +edel-feig+!

Wenn man mich +tritt+, fühle ich mich +getreten+! Und das ist falsch. Da triumphieren die +Treter+! Trotz meiner bezwingenden Schönheit ist noch etwas in mir, das +mich+ bezwingt! Das sollte nicht sein. Ich bin das Opfer von einem +Stückchen Seele+, das mich ewig stört, verhindert! Man sagt mir zwar: ‚Du wirst +auch+ noch einen finden, den gerade +das+ interessiert!‘ Gott, hoffentlich. Weshalb soll man denn auch gerade +daran+ Schiffbruch leiden, was an einem sogenannt noch Besseres ist?!?“

LABEDAMEN

Wir haben nichts dagegen, daß die feinen Damen uns +laben+. Aber der +Schlaf+ ist uns doch noch +wichtiger+ und wertvoller! Man weckt uns liebevollst aus dem heiligen Regenerationsschlummer, um uns fade Limonaden oder +angeblich+ stärkende Getränke zu verabreichen. Mit Respekt zu sagen, wir sch., pfeifen auf alles! Nur Ruhe, Ruhe, Ruhe, Schlaf! Die Damen wollen uns beweisen, daß sie für uns besorgt sind?! Wenn sie uns, zu Tode Erschöpfte, +ganz+ in Ruhe lassen möchten, +dadurch+ bewiesen sie es uns! Eventuell noch durch hingestellte zehntausend Zigaretten! Niemand versteht den +Kranken+! Am allerwenigsten der +Gesunde+! Er ist nämlich +zu gesund dazu+! Wir brauchen den +Bruder+ des uns nahen Todes, den +Schlaf+!

DIE JUNGE GATTIN

+Frau Ernst+ gewidmet.

Immer +rekonstruiere+ ich mir wieder seine Leiden -- -- -- wie er dalag auf finsterem kaltem nassem Felde, mit seiner Schußwunde! +Weshalb+ tue ich es?!? Um nicht die +Qual+ zu haben, +ruhig+ zu werden, obzwar die +schwache+ armselige Seele nach +Beruhigung+ drängt! Wenn er aus seiner Ohnmacht erwachte, dachte er an +mich+. Nein, er dachte: „Wann, +wann+ wird jemand kommen, mich verbinden?!“ Dem +fremden+ Retter harrte er entgegen. Als +keiner+ kam, da dachte er an +mich+! O sei gesegnet, Schicksal, daß ich wenigstens einen +Augenblick lang+ ihm noch +etwas war+!

DER ALTE HAUSIERER

Heute am Graben, in der Septembersonne, sah ich einen alten Hausierer mit Patentkleiderhaken, die riesig praktisch und billig waren und die viele Leute gekauft hätten, wenn sie nicht das Mißtrauen gehabt hätten, betakelt zu werden. Neben ihm saß seine herrliche braune Enkelin von vierzehn Jahren. +Infolgedessen+ kaufte ich fünf Kleiderhaken à 70 Heller. Die Kleine war glückstrahlend über das Riesengeschäft. „Soll meine Enkelin sie irgendwohin zu Ihnen bringen, was brauchen Sie selbst zu gehn und zu schleppen?!“

Ich +zögerte+ einen Augenblick, dann sagte ich: „Nein, danke!“

Auf dem Wege betete ich: „Du braune süße Herrlichste, mögest du +nie+ es glauben, daß mit einem alten Hausierer-Großvater öffentlich zu stehen eine +Schande+ sei! Mögest du +stets+ es glauben, daß fünf Kleiderhaken zu 70 Heller ein +glänzendes Geschäft+ sind; und mögest du nie einem Manne Waren +ins Zimmer bringen+, der dich +so lieb+ hat wie ich!“

SPAZIERGANG IM HERBST

Ja, meine Herrschaften, er, der Fünfundfünfzigjährige, geht mit einer Fünfzehnjährigen, Arm in Arm, über den Graben, in hellem Herbstlichte! Sie hat braune +natürliche+ Locken und kurzes Kleid, schaut aus wie dreizehn, und als sie ihn zum ersten Male in J., Dorfstraße, aus der Schule kommend ohne Schuh und ohne Strumpf, erblickte und zu ihm sagte: „Sie, Herr, bei Ihnen +bleibe+ ich!“, war sie erst zwölf! Neigung, Verständnis, Anmut richten sich nicht +nach dem Kalender+! Sie hat die getreueste intelligenteste Pudelseele: Sie ist wie von Barbédienne in Bronze gegossen. Eine lebendig gewordene Bronzestatuette. Daß +die+ sich ärgern, die vorzeitig „aus dem Leim“ gegangen sind, und die +Feiglinge+, die sich genieren, mit geliebten Mädchen über den Graben zu gehen eingehängt, im Herbstsonnenlichte, +das+ ist +selbstverständlich+!

EIN SCHWARZ EINGERAHMTES BILD IN MEINEM ZIMMER

Bunte Kriegsbilderbogen, à fünfzig Heller.

Kriegsfreiwilliger Frank †.

Darunter mein Text:

Ein Dichter, der kein +Sozialdemokrat+, ja sogar +Anarchist+ ist bestehender +Lebenslügen+, +ist+ kein Dichter! Er dichtet, er träumt, er faselt, aber das +tönend+ gewordene traurige Herz der ganzen +wartenden+ Menschheit repräsentiert er +nicht+!

Frank hat durch seinen Heldentod der „Partei“, also der +Menschheit+, +mehr+ Dienst geleistet wie durch sein Leben! Die grausame und träge Menschheit +braucht+, +verlangt+ krasse historische Beispiele!

VERWUNDETENSPITAL

Gestern nacht, Mitternacht, besuchte ich das Soldatenspital „Gartenbau“. Im Sommer war dort die Rosenausstellung, Rosen in allen Farben, umrahmt von weißen Holzgittern. Dreihundert Betten mit graugrünen Wolldecken, Bett an Bett. Man glaubt nicht, daß es Schwerverletzte sind. Todesstille, Nachtruhe, Nachtfriede. Die Kunst, die +Menschlichkeit+ der Ärzte! In einem großen Glaskasten die +Liebesspenden+, Zigaretten, dieses +andere+ Morphium des verwundeten Soldaten! Wir schleichen wie in Filzpatschen. Nichts rührt sich. ½7 morgens werden sie geweckt. O, lasset sie schlafen, in den Tag hinein! Das geht nicht. Frühstück und Waschen. Schade!

DAS BRAUNE SEIDENWEICHE MUTTERMAL

Sie hatte auf ihrem herrlichen weißen Unterarme ein großes braunes, flaches, mit seidenen Härchen besponnenes Muttermal. Jemand sagte: „Befürchten Sie nicht, daß es dennoch irgend einmal irgend jemand +abschrecken+ könnte?!“ „Im Gegenteil, es ist mein +Talisman+, ich trage +absichtlich+ immer offene kurze Ärmel, damit +der+ abgeschreckt werde, der sich +dadurch+ abschrecken +läßt+!“

Einer sagte: „Siehst du, und gerade +das+ gefällt mir an dir +am besten+!“

„Besser als meine wunderbaren Augen?!“

„Viel, viel besser! Denn mit den Augen ziehst du alle Kerls +an+, aber +damit+ ist doch wenigstens die +Möglichkeit+ vorhanden, daß einige +abfallen+!“

JAPAN

Ich bin natürlich +gegen+ die Japaner, sie haben mich als +Menschen+ enttäuscht, aber +nicht+ als Klein-Künstler! So ergeht es +nämlich+ auch vielen bei +mir+. Niemand hält eben in seinem +Alltäglichen+, was er in seinem +Feiertäglichen+ verspricht! Ich besitze in meinem Zimmerchen eine japanische dreistöckige Etagere aus braunem und gelbem Bambus.

Sie ist so zart und fein zusammengeflochten wie irgendeine besondere Pflanze von Natur aus. Ich liebe sie, trotzdem sie von den jetzt verhaßten und verachteten Japanern herstammt. So sollte man in allen, +in allen+ Dingen sein! Selbst die Hände und Füße derjenigen noch +bewundern+ können, die uns mit Herrn B. v. G. betrogen hat! Und +so+ mit +Menschen+, pardon, mit +Männern+, mit Staaten, mit Nationen! Der Kreuzotter schwarzgraue Schuppenhaut noch bewundern können, während sie uns tödlich sticht!

Was ich +außerdem+ über diesen Krieg als +Dichter+ zu sagen habe?! Bis 1. Dezember 1914 habe ich in meinen neuen Skizzen +alles+ gesagt. Bin selbstverständlich weder +Historiker+ noch +Kriegsberichterstatter+, +Gott sei Dank+!

KRIEG

Auch im Krieg gibt es Menschen, die nur durch „geniale Tricke“ berühmt werden. Andere wieder durch düstere +stetige+ Lebensweisheit. Die Hauptsache bleibt: Ein jeder wirke mit +seinen+ ihm zu Gebote stehenden geistigen Mitteln! Der Weise braucht keine Tricke, und der, der Tricke hat, braucht keine Weisheit! Es gibt Dinge, die den +Augenblick+ erfordern. Und andere eine +Ewigkeit+! Für beides muß es „Tüchtige“ geben in einem idealen Staate!

GESTÄNDNIS

„Herr Peter, verleitet, verführt durch Ihren ungezogenen Freundeskreis, der direkt sich darauf etwas +einbildet+, Sie +schlimm behandeln zu dürfen+, das heißt Ihre universale Gutmütigkeit zu +mißbrauchen+, habe ich selbst hie und da mir leider einen ironischen frechen Ton erlaubt, den ich jetzt eigentlich sehr bereue!“

„Sehen Sie, +mich+ haben Sie dabei nie verletzt, gedemütigt! Sondern +nur+ Ihre junge zarte wunderbare +Gattin+!“

„Wieso +diese+?!“

„Weil ich mir immer und +jedesmal+ habe sagen +müssen+, was muß das doch eigentlich für eine +demütig-schwächliche+ Sklavin sein, die ihrem Gatten +nicht einmal+ die +Achtung+ vor einem alten Dichter hat beibringen können, die +sie selbst+ besitzt!“

AUTOGRAMME

Fräulein P. Sch.! Ihnen danken?! Ja, da müßte man ja auch ununterbrochen der Sonne danken, daß sie Licht und Wärme spendet! Das wäre ja zu strapaziös!

*

An Fräulein...: Glauben Sie mir, Sie irren sich, ich kann Ihnen +wirklich+ gar nichts bieten! Denn das Bieten hängt +nicht+ vom Reichtum des +Gebers+, sondern vom +Reichtum des Nehmers+ ab!

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An die junge Frau...: Sagen Sie über mein Buch: „Ja, ich habe es dringend +gebraucht+!“ Oder: „Nein, ich habe es +nicht+ gebraucht!“ Aber sagen Sie nur nicht: „Wirklich, sehr interessant und apart!“

*

Einem Freunde, der ihn angeblich ganz besonders gut versteht: „Du gleichst +dem+ Geist, den +du+ begreifst, nicht +mir+!“

*

Lieber Freund, ich bin keine +Krücke+ für die +Lahmen+, ich bin ein Flügel für die +Gehenden+, daß sie +schweben+ können!

*

Sie fragen mich: „Soll man also seine zärtlich Geliebte eigentlich +nicht+ liebhaben?!“ O ja, aber immer +noch mehr+ die huschende Smaragdeidechse, die tirilierende Lerche, den schweigenden Wald!

*

Viele, die mir +folgen+, glauben, daß sie sich einem +Abgrund+ nähern! +Diese+ sollen nur abstürzen!

*

Zum +Dichten+ gehört vor allem +Gedächtnis+! Man muß nämlich an alle +schönen+ und alle +häßlichen+, an alle +gemeinen+ und alle +ungemeinen+, an alle +lächerlichen+ und an alle +tragischen+ Dinge des Lebens +zugleich+ denken können!

*

+Jede+ Liebe muß die Form einer exzentrischen und hysterischen Sentimentalität annehmen; sonst steht es doch +gar nicht dafür+, sich diese +Unbequemlichkeit aufzubürden+!

*

Viele Menschen, mit denen man verkehrt, geben einem noch immerfort, wie die Lehrer im Gymnasium, Sittennoten, Sittenpunkte. „Das, Herr Peter, ist +wirklich sehr nett+ von Ihnen! Das wieder ist +roh und gemein+! Heute sind Sie +in Stimmung+! Heute sind Sie +unausstehlich+!“ Ich mache daher alle diese +Wohlmeinenden+ aufmerksam, daß wir zwar längst +nicht mehr+ im Gymnasium uns befinden, daß sie mich aber +trotzdem+ alle nach wie vor -- -- -- --!

*

An Paula Sch.: Die meisten Menschen gehen +nur+ ihre Wege, aber die Dichter gehen ihre Wege und auch +Ihre+ Wege! Weshalb ich das gerade an Sie schreibe?! Weil +nur+ Sie das ganz +verstehen+! Soll ich es einer schreiben, die sagt: „Sehr tief, aber was bedeutet es?!“

*

Ich schenke Ihnen, Fräulein, mein Buch. Es ist nicht +für Sie+ geschrieben, aber +aus Ihnen heraus+!

IDEALER PUMPBRIEF

Lieber Herr ...

ich wende mich an Sie als einen, gleich Ihrem Bruder ..., intelligenten und +vor allem+ höchst +entwicklungsfähigen+ Menschen! -- Nemo +nascitur+ Caesar, sed +crescit+! --

+Sie+ werden es daher am +allerbesten+ einsehen, welche +großen+, in Ziffern gar nicht auszudrückenden, Vorteile für Ihre +innere+ -- und das ist ja das +einzig+ Wichtige im Leben -- Entwicklung -- +Auffassung+, +Erkenntnis+, +Durchdringung+ des +sonst+ ziemlich komplizierten und +verworrenen+, ja oft +unentwirrbaren+ Daseins -- gerade Ihr Nahverkehr mit +mir+ Ihnen +unwillkürlich+ und +von selbst+ bietet! Ja, ich habe ein +Anrecht+ kraft meiner Persönlichkeit, die mit ihren +Gedanken+ und +Gefühlen+ nicht +feig zurückhält+ wie viele andere, mich als einen modernen +Sokrates+, einen „+Jugendbildner+“ zu betrachten, der peripatetisch -- bei mir +sitzt+ man sogar bequem und sauft Bier -- den Schülern und Freunden +unwillkürlich+ die Erkenntnis, die +Weisheit+ des Lebens +zwanglos+ beibringt! Für diese Lektionen will ich +Ihnen+, einem Lieblingsschüler, und weil schon Ihr jüngerer Herr Bruder seit Monaten meine Schule frequentiert mit gutem Erfolge und mir sogar schon infolge meiner Lehren das geliebte Fräulein B. weggeschnappt hat, für 25 Kronen monatlich, ebenfalls ein kleines monatliches Fixum von 25 Kronen berechnen. In Anbetracht der riesigen Vorteile für Ihr ganzes geistig-seelisch-ökonomisch-sexuelles Leben, also für Ihre Gesamtentwicklung, geradezu ein Schandlohn!

Und bei dem allem, +bedenken+ Sie, bekommen Sie +bei mir+ alles so +mühelos+! Wie gesagt, bei +Sokrates+ mußte man mit dem alten Esel +herumgehen+, peripatetisch! Bei mir +sitzen+ Sie, supieren in aller Ruhe, trinken, rauchen, und, hast Du nicht gesehen, +auf einmal+, ein +unscheinbarer+ Anlaß, +breche ich los+ und ergieße ein Füllhorn nie gehörter Weisheiten über die erschreckten aufgestörten und +indignierten+ Zuhörer aus! Nehmen Sie sich davon +heraus+, was Ihnen für +Ihre+ geistig-seelisch-sexuelle Entwicklung wertvoll erscheint, +überhören+ Sie den +Quatsch+, und +zahlen+ Sie +pünktlich+ und mit +Freuden+ 25 Kronen pro Monat!

Ihr P. A.

KAFFEEKÜCHE

Das braune süße junge Küchenmädchen ging rasch an meinem Zimmer vorüber. Ich sagte: „Sie sind heute blaß, Katharina!“

„Ja, soll man vielleicht rosig sein bei diesen Zeiten?!“

„Was haben Sie?!“

„Ich habe in der Zeitung heute gelesen, daß mein Geliebter verwundet ist!“

„Wohin gehen Sie jetzt?!“

„Jetzt gehe ich Kaffee kochen, bis zehn abends. Da muß man doch wenigstens die ganze Zeit aufpassen, daß er nicht zu schwach und besonders nicht zu stark wird!“

„Katharina, mit Ihnen zugleich trauern Tausende!“

„Wenn ich nur wüßt, wohin sie ihn angeschossen haben!? Daß er nicht zuviel leidet. Ich wär schon +damit+ zufrieden, wenn’s in die Arme oder in die Beine gegangen wäre!“

Sie beginnt zu weinen und sagt: „Fremde Menschen belästigen mit seinen Sachen! Das +auch noch+! Adieu, Herr Peter! Wie kommen +Sie+ dazu?! Bitte um Entschuldigung!“

POLITIK

La gloire! La grande nation! Ganz nett, aber, pardon, die anderen möchten eben +auch+ existieren, und mindestens +ebenso glorios+ wie ihr! Es ist schon einmal so +verhängnisvoll ungeschickt+, daß +ein jeder+ sein Plätzchen an der Sonne des Lebens sich erwünscht! Sich +vertragen+, ist immer noch das beste Lebensgeschäft, das man auf dieser Lebensbörse effektiveren kann! Ich z. B. denke immer nur an das, was der +andere+ oder vielmehr +die+ andere von mir brauchen könnte! Denn was +ich+ von +ihr+ brauchen kann, darüber muß ich leider nicht erst nachdenken; ich weiß es +zu genau+! Also: +do+ ut +des+!

SELBSTKRITIK D. H. ALSO SELBSTLOB