Part 13
Siehe, man wird milde und verständnisvoller!
Habe mit 55 Jahren „Die Leiden des jungen Werther“ wieder gelesen. Verstehe absolut nicht mehr diese Talmisentimentalität und +reelle Verlogenheit+ dieser Lotte Kestner gegenüber und ihrem Gatten Herrn Albert, diesem Biederen, die man einst +verehrte+. Beide +weiden sich doch gleichsam+ an der mysteriösen Wirkung, die diese +anständige Gans+ auf das zarte Dichtergemüt dieses +herrlichen+ unglückseligen Werther ausübt, ja, +beziehen+ davon sogar vielleicht einen Teil ihres +eigenen Lebensglückes+! „Mir zwa g’hören halt einmal zusammen, etsch!“ Albert müßte als +wirklich+ anständiger Mensch, der ein Philister eben nie ist, nie sein +kann+, der Lotte sagen: „Mein liebes Kind, dieser +Edelmensch+ ist +krank+ an dir, erhöre ihn ein +einziges Mal+, und entlasse ihn dann gnädig, daß er die +Edellast+ seiner armen gequälten Seele wenigstens weiter ertragen könne durch die +ewige+ Erinnerung an eine Glückseligkeit, die +ich tausendmal+ habe durch +Schicksals unverdiente Gnade+!“
Und Lotte ihrerseits müßte es von selbst sagen: „Werther, du bist +an mir+ krank, und +ich+ sollte, im Gegensatze zu jedem +fremden Arzte+, der +für nichts+ seine ganze Kunst jedesmal aufbietet, irgendeinen gleichgültigen Fremden zu heilen, dich +vor mir+ dahinsiechen lassen und trotzdem +keine Hand rühren+?! Da müßte ich mich ja als eine +feige Mörderin+ vor mir selbst schämen!“
Aber es geht eben +anders+ aus, und alle Hypokriten sind gerührt. +Ich nicht!+
+Lotte+ und +Herr Albert+, +euer+ schmales mageres Eheglück wiegt nicht auf eine +einzige Qualstunde+ Werthers!
Dös merkt’s euch, ihr Herrschaften, die sich +anständig dünken+, weil’s +ka Herz habts+! Außer für +ihr+ G’schäft, das sie +untereinander+ machen! Aber wirklich +untereinander+!
DU HAST ES SO GEWOLLT
Nun hast du deine Ruhe, süße Frau -- -- --
Nicht stört dich mehr mein Schlachtkalb-Blick --
So hast du es gewollt!
Ich hab’s vernommen! Ich war dir eine Last!
Und Tage werden kommen, Jahre, vielfältigen Schicksals -- -- --
Und einst wirst du in einer müden Stunde in meinen Briefen kramen:
„Er ward sehr krank an mir; ich aber ließ ihn sterben -- -- --.“
Nun hast du deine Ruhe, süße Frau.
Verstummt der bangen Klage störendes Geplärre!
Es spricht dein harter Blick: „Sehen Sie, so sind Sie mir viel lieber!“
+Sahst du den schwarzen Panther in seinem Käfig manchmal mit dem gelben Blick des Wahnsinns rastlos seine Achter schleichen?! Sahst du ihn?!+ -- -- --
Nun hast du deine Ruhe, süße Frau.
„Wir wollen gute Freunde bleiben, Peter, nicht wahr?! Nicht? Wie?! Was, was haben Sie?!“
„Nichts -- -- --“ sagte ich und reichte dir die Hand.
PRODROMOS
Ein Riesenhai, 4½ m lang, 700 kg schwer, kam zum Haidoktor und beklagte sich über furchtbare Schmerzen in der Magengegend. Der Haidoktor operierte ihn und fand im Magen rechts unten den Stiefel eines siebenjährigen Kindes und eine Batist-Frauenunterhose. „Habe ich nicht immer in meinen berühmten Büchern davor gewarnt, angezogene Menschen zu verspeisen, da Lederstiefel und Wäsche eine Gefahr für den Verdauungsapparat bilden des zarten Haimagens?! Ich pries euch hundert- und hundertmal den völlig nackten badenden Menschen an! Aber ihr wollt nicht lernen!
Der nackte badende Mensch ist leichtverdaulich, hinterläßt keine ‚schädlichen Rückstände‘.“
„Herr Doktor,“ sagte der Riesenhai, „die Begierde hat mich hingerissen! Als ich die junge Frau und das Kind erblickte, vergaß ich auf die unverdaulichen Stiefel des Kindes und auf die Unterhose der jungen Frau!“
„Mein junger temperamentvoller Freund, diesmal habe ich Sie noch herausgerissen; aber lieber hungern und auf +Leichtverdauliches warten+ als etwas +Schwerverdauliches+ wegen eines +momentanen Lustgefühles hinunterschlingen+!“
HUMANITAS
Mein Kind, mein Geliebter, meine Schwester, meine Tante, mein Hund! Aber nie: Meine +Menschheit+! +Meine+ tausend Brüder und Schwestern, die +unbekannten+, und dennoch +so gut+ bekannten wie die, deren Familiennamen man +zufällig+ kennt!
„Gibt es ein Wesen, das sich so freut, wenn ich nach Hause komme, wie mein Hund?!“
Nein, denn er lebt Tag und Nacht von deiner +übertriebenen lächerlichen+ Zärtlichkeit, +erpreßt+ sie ununterbrochen durch Wedeln und ängstlich Schauen, macht dich, ein geschickter ungeheurer schäbiger Hunds-Egoist, zum Sklaven seiner teils sentimentalen, teils +reellen+ Bedürfnisse! Ein geliebter und verwöhnter Hund ist +stets+ das Sedan, das Waterloo einer Seele, die in dem +ehrlichen+ Krieg, dem unerbittlichen Krieg des Lebens, zu +schwächlich+, zu +minderwertig+ war, zu siegen! Habe die Kraft, nach Hause zu kommen, müde, erschöpft, +enttäuscht+ vom Leben, ohne daß dich ein Köter, den du auffütterst mit Wurst und Zärtlichkeiten, +befriedigt+ und tröstet durch sein feiges Schweifwedeln! Habe einfach die Kraft, zu leben, zu wirken, +ohne+ auf die Anerkennung minderwertiger Organisationen zu reflektieren!
SPORT
Wenn ich so Wintersportsleuten, edlen zarten Damen, stundenlang zuhöre, +schaudert+ es mich!
So wenig, so +kläglich wenig+ stilles idyllisches romantisches Glück am schönheitsprangenden Frieden der Natur! So viel strenger lächerlicher Egoismus und schäbige Befriedigung, ob man über eine Fläche, auf der man drei Stunden lang hinaufstapfte, in fünf +Minuten+ wieder heruntersauste! Natur als Zirkus, als Manege! Wie wenn jemand sagte: „Nach Beethovens Neunter krieg ich immer so einen gesunden Appetit zum Nachtmahl!“ Wie ist es, daß euch schneebedeckte Wiesen, kahle Bäume und Notschrei der schwarzen Krähe nicht +edel-trübsinnig+ machen und zugleich +erhoben+ über das lügereiche Leben, das ihr führt trotz allem?! Es +ist+, weil ihr selbst die tiefe Poesie der Winterlandschaft in eure schamlos harten Dienste zwängt! +Sich hingeben+ kennt ihr +nicht+! Sich +verlieren+! Ihr seid +euch+ zu wichtig!
DAS LEBEN
Er schrieb eine Hymne auf die Einfachheit der Kleidung in diesen Kriegszeiten, es kam sogar eine Stelle vor: „Und teure Pelze seien eure +Schande+! Loden und Flanell eure +Ehre+!“ Nun kam eine Dame an seinen Stammtisch mit einem Polarfuchspelze. „Sie sehen, Herr Dichter, wie wenig Ihr Angriff gegen uns Frauen gewirkt hat!“ sagte sie. „Das sehe ich nicht, sondern im Gegenteil, es zeigt sich eben etwas sehr Wichtiges, nämlich: +Luder bleibt Luder!+“ sagte der Dichter, und entfernte sich hoheitsvoll wie König Heinrich, den der Herr B’suff Falstaff angerufen hatte: „He, Heinz!“
DAS TESTAMENT
Das Testament Pius X.
„Messaggero“ will von einer vatikanischen Persönlichkeit den Wortlaut des +Testaments des Papstes+ erfahren haben. Es soll nur wenige Zeilen enthalten und mit folgender Erklärung schließen:
„+Ich bin in Armut geboren, habe in Armut gelebt und will in Armut sterben.+
Ich bitte den Heiligen Stuhl, meinen Schwestern monatlich 300 Lire auszuzahlen.
+Ich will nicht einbalsamiert werden.+“
HELFEN
Wir wollen von den Mitmenschen, von uns selbst, nicht +mehr+, nicht +Schwierigeres+ verlangen, als dem menschlichen Nervensystem einmal +leichtfaßlich+ ist! Opfer, ja, aber in der Sphäre der Opfer+fähigkeit+! Der eine bemitleidet malträtierte Pferde, der andere Hunde, die zu schwer am Karren zu ziehen haben, der eine hungernde mißhandelte braune Knaben, der andere hungernde mißhandelte blonde Mäderln. Ein jeder hat seine Privatseele, sein Privatmitleid, das er mit dem objektiven Weltenmitleid in einen diplomatischen Zusammenhang zu bringen sich bemüht! Seien wir nicht radikal, nicht engherzig, wenn einer für die Freiwillige Kinderschutz- und Rettungsgesellschaft lieber ein flachsblondes schönes stumpfnasiges Mäderl zu erretten wünscht von ihren Peinigern als eine Schwarze mit einer häßlichen Nase! Möge man +private+ Vorliebe mit +allgemeiner+ Menschlichkeit in einen +natürlichen Akkord+ bringen, und von den Menschen, und sogar von sich selbst, nichts +Übermenschliches+ verlangen! Als ich 24 K. heute hinterlegte zur vier Wintermonate langen Ausspeisung eines blonden stumpfnasigen Mäderls, sagte der Sekretär zu mir: „Glauben S’, die Schwarzen haben kan Hunger?!“ „O ja,“ erwiderte ich, „da werden sich halt hoffentlich auch Liebhaber finden!“
LIEBE ZU GEGENSTÄNDEN
Liebe zu Gegenständen, +nicht+ „befriedigte Eitelkeit“ in bezug auf Schmuck und Wohnungseinrichtung, sondern Liebe, +wirkliche+ Liebe zu einzelnen Gegenständen, die dem wirklichen Geschmack +entsprechen+, sollte man Kindern und Frauen, +auch+ Kindern, beibringen! „Diesen Stock habe ich sehr lieb,“ sagte ich zu Fräulein Mizi, die zu Besuch bei mir war. „Er hat einen schönen Griff aus Rhinozeroshorn, braunrötlichgrau, und einen Stab aus hellgelbem Buchs. Ich putze ihn täglich mit einem Rehlederlappen. Niemand darf ihn mir anrühren.“
„+Mir+ geben Sie ihn auch nicht in die Hand, +mir+?!“
„Bitte, nehmen Sie ihn!“
Sie fuchtelte damit sogleich +absichtlich+ herum, bis in die gefährliche Nähe der von der Plafondlampe herabhängenden zwei langen Fliegenleimbändchen.
„Bitte nicht, geben Sie acht, der Fliegenleim geht nicht so leicht wieder herunter.“
„Hat ihm schon!“ sagte sie triumphierend.
„Das war +unnötig+,“ sagte ich +streng+.
„Tun S’ Ihner nix an mit Ihrem dalkerten Stecken!“ Und schmiß ihn ins Zimmer hinein. Ich hob ihn auf, putzte ihn ab mit meinem Rehlederlappen. Da ging sie gekränkt und beleidigt stolz von dannen. „Wegen so an Stecken, hm! Da bin ich mir doch mehr wert!“
ALMA
(Gustav Mahler gewidmet)
Sie saß in tiefer Trauerkleidung im Goldenen Prunksaale, in dem die „Kindertotenlieder“ ihres verstorbenen Gatten, an das verstorbene elfjährige Töchterchen, aufgeführt wurden. Die Sängerin sang schlicht, die Instrumente murmelten und klagten. Irgend jemand schlich behutsam herein und setzte sich. Irgend jemand schlich behutsam hinaus. Man markierte Ergriffenheit. Die Dame in Trauerkleidung saß da und verbarg ihr Leid vor den Menschen -- -- --. Man markierte „Totenweihe“. Wenn jemand sich räusperte, sagte man: +Pst!+ Sie dachte vielleicht an die Ufer des Wörthersees, wo ihr Kind und ihr Gatte im Sonnenlichte sich gebräunt hatten -- -- --.
Neben ihr saß einer, der wollte ihr so sehr gerne die Last abnehmen -- -- --. Er war aber ganz hilflos. Er dachte nur: „Wie +hilflos+ sind wir +Hilfbereiten+!“ Dann bot er ihr Kuglerbonbons an, „Crême de Mokka“ -- -- --. „Ich kann das Stanniolpapier nicht herunternehmen wegen meiner Handschuhe,“ sagte sie leise. Da wurde er ganz rot, ihr den Dienst leisten zu dürfen -- -- --. Er tat es so ängstlich behutsam, daß sie lächeln mußte. Ja, sie lächelte. Das dritte Kindertotenlied weinte: „Tà dă tà, tà dă tà, tà dă tà dă tà dă tà -- -- --.“
DER „ROTE STADL“, AUSFLUGSORT BEI WIEN
„Liebe, liebe Freundin Lióschka, nun habe ich also Sonntag Ihr kleines ‚Erdenparadies‘ gesehen, den Ausflugsort ‚+Zum Roten Stadl+‘! Für andere ist es nichts, nichts, ein +Jausenplatz+, wo die reichen Menschen ihre Automobile, ihre Frühlingstoiletten zeigen, Mädchen ihre reichen Liebhaber, diese ihre schönen Geliebten! Und der Gugelhupf ist schlecht, mit wenig Eiern und noch weniger Rosinen angerührt. Aber für Sie, Lióschka, ist es eine süße Traumwelt, Ihre Märchenwelt. Alles, alles betrachten Sie da +liebevollst gerührt+, es ist Ihre Seelenheimat, +mehr+ wünschen Sie sich ja gar nicht vom Leben; da fühlen Sie sich +frei+ und +glücklich+. Das, wovon +die andern+ leben, ist für Sie +von keinerlei Interesse+, und für die kahlen Bäume und den Wiesenbach am ‚Roten Stadl‘, an einsamen Wochentagen, geben Sie den +ganzen schreienden Prunk+ des Lebens hin! Sie sind eine Dichterin, der man es +aber leider nicht glaubt+. Das ist +sehr, sehr traurig+. Ihre Seele ist +unverstanden+ im Getriebe der Welt! Mehr kann man darüber nicht sagen. Ich empfinde Ihre Traurigkeit! Mehr kann ich darüber nicht sagen. ‚Roter Stadl‘, für Dich eine Welt! ‚Roter Stadl‘, siehe, +uns+ bist du ein Platz wie ein +anderer+ -- -- --.
+Dir+ aber ist er traut und heimlich und lieb! Schon das Wort ‚Roter Stadl‘, uns klingt es ‚weanerisch‘, Dir aber wie ein tiefes +Lied+! Deshalb wollen wir +hier+, in Deiner Gesellschaft, +verstummen+, und Deine +Andacht+ nicht stören, Lióschka! Vielleicht wirst +auch Du+ uns dann +einst+ einen solchen Dienst erweisen, wenn +auch uns+, irgendwo, +Dir unverständlich+ und fremd, einst düstere Trauer umfängt -- -- --!
Peter Altenberg.“
POETA
Ein Dichter, der kein +Sozialdemokrat+ ist, und sogar, mit Rücksicht auf Haß und Verachtung der +durch Gewohnheit+ eingenisteten Vorurteile der Menschen, kein +Anarchist+ ist, +ist+ kein +Dichter+! Wer +sich+, seine +Familie+, seine +Kinder+, seinen +Frieden mehr+ liebt als die fremde entfernte Menschheit, +ist+ kein +Dichter+! Er +dichtet+, aber er ist kein +Vertreter+! Kein Fürsprecher, kein Vorsprecher +aller+! Er ist kein Standarten+träger+ in der Schlacht der Welt! Er amüsiert, er rührt, aber er +heilt+ nichts! Er ist kein +Arzt+ der +kranken+ Menschheit, also kein +Dichter+! Er dichtet für die +Gesunden+, +Befriedigten+, und die +brauchen+ ihn +nicht+! Die können sich +ohne ihn+ behelfen, sich +durchfretten+! Ein Dichter sagt das, +nur+ das, woran alle anderen kranken, +leiden+, daß sie es nicht aussprechen +können, dürfen+! Sonst braucht man ihn +ja nicht+. Auf Reime, Verse, Phrasen wird +verzichtet+! Eine Dame der Gesellschaft sagte zu mir: „Wir wollen +erhoben+ werden, +erfreut+ von euch Dichtern!“ Ja, Schnecken, das möcht euch so passen, ihr +Drohnen+ der arbeitsamen +Weltentwicklung+!
SAPPHO
(Erika von Wagner gewidmet)
Soll die „Sappho“ von einer +reifen+ Künstlerin gespielt werden oder von einer +jungen+?!
Von einer +jungen Reifen+! Von einer +reifen+ Jungen!
Sappho soll von dem Herrn Phaon und dem Fräulein Melitta nicht sekiert, gedemütigt, gemartert und stehen gelassen werden, weil sie eine +alte Schachtel+ ist mit seelischen und noch anderen Ansprüchen, sondern +nur+ deshalb, weil sie eine +Dichterin+ ist, also ein +höherer+ Organismus, der von den kriechenden Lebenstierchen +deshalb allein eben stets und überall+ mißverstanden, gemieden, gedemütigt und verraten wird!
Sappho muß wegen ihrer +hoheitsvollen+ Art zu denken, zu fühlen, zu stehen, zu gehen, zu sprechen, zu schweigen, einen peinlichen drückenden Respekt einflößen, den die +Armseligen+ eben nicht lange aushalten! Man verrate sie um ihrer +ewigen inneren Jugend+, nicht um ihres +äußeren Alterns+ willen!
Sie werde gespielt von einer +Jungen, Reifen+! Sollen wir vielleicht das Gefühl haben, daß eine alte zudringliche Gedichtemacherin und Harfenklimperin zwei frische fesche Menschenkinder belästigt und stört in ihrem berechtigten Lebensglücke?! Nein, wir müssen durch des Dichters Grillparzer Gnade und des adeligen Jugendprangens der Darstellerin auf seiten +Sapphos+ stehen! +Gegen+ das, ha ha, +Liebespaar+, Phaon und Melitta! +Verräter+ sind sie, weil sie +armselig+ sind!
GERECHTIGKEIT
„Die Achtung vor dem Gegenstande,“ sagte ich, „sehen Sie, das mangelt den meisten sogenannt kultivierten Frauen! Das müßte man ihnen beibringen, von Kindheit an! Die Achtung vor der Puppe, dem Puppenschranke, vor den netten Möbeln im Zimmer. Die Sachen in Ordnung halten, reinigen, ist noch nicht: sie +liebhaben+ und +schätzen+! Es ist eine sozusagen überkommene lederne fast lästige Pflicht. Sehen Sie, ich liebe z. B. diese Zigarettendose aus gemasertem und geflammtem und geschecktem Koreschkaholze. Ich sorge dafür, daß sie politiert bleibe wie am ersten Tage und ohne Kratzer! Da würde sie mir wertlos. Niemand darf sie mir daher in die Hand nehmen!“
„Ich +auch nicht+?! +Ich+ aber doch!“ sagte Fräulein Angela.
„Nein, Sie +auch nicht+!“
„Das ist aber nicht sehr liebenswürdig!“ Und hatte sie schon zwischen den Fingern.
„Gans!“ sagte ich.
„Was, wegen so einer dalketen Dosen mich beleidigen!? Ah da schau her, der Narr!“
Und warf die Dose hin.
„Gans!“ sagte ich und putzte die Dose mit meinem Rehleder blank.
„Mit Ihnen bin ich fertig! Das also ist Ihre Verehrung?! Gut, daß ma’s waß!“
SPLITTER
Wenn eine Frau keine +sexuell-ästhetische Anziehungskraft+ mehr hat, muß man +von Glück sagen+, wenn sie keine +Verbrecherin+ wird, aus +Ranküne+ gegen das +angeblich unverdiente+ Schicksal. Es wäre denn, daß sie gute, zarte, nahrhafte Suppen kochen und Leinenlöcher nett ausflicken kann! Das versöhnt sie wieder ein bißchen mit dem harten Schicksal! „+Zu irgend etwas+ bin ich ja doch noch zu +gebrauchen+!“
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„Mein Herr, was haben Sie Ihrer wunderbaren zarten Frau zu bieten?! Ihren Größenwahn, an den sie +glauben+ muß, weil Sie ihr zu fressen geben!? +Ich+ habe ihr zu bieten mein zärtlichstes +Gedenken+ bei Tag und Nacht. Bei mir muß sie +an nichts+ glauben, und sie glaubt und sie weiß +dennoch+! Sie weiß, daß ich bei der Berührung ihrer geliebten Finger vergehen, ja +zerfließen+ würde vor Seligkeit, und daß +Sie+ die Inanspruchnahme ihres ganzen Organismus nur als eine selbstverständliche erfüllte Verpflichtung spüren! Sie können also nicht mit mir konkurrieren, außer ich käme in eine ebenso fatal-tragische Situation! Da sei aber Gott vor! Es ist süßer, vom ‚Haupttreffer‘ zu träumen als ihn zu machen!“
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Ich hasse natürlich häßliche, breite, aber wohlgepflegte manikürte Hände! Diesen elenden feigen Versuch, das Schicksal mit drei Kronen zu versöhnen, ja besiegen zu wollen! Infolgedessen empfinde ich eine fast mystische Rührung für ideal-aristokratisch-zarte Hände, die schmutzig sind, ungepflegt und sogar schmutzige Nägel haben! Es erinnert mich an Meister Bruckner, der zwar +göttliche+ Sinfonien erträumt hat, aber mit den Fingern in die Kalbsgulaschschüssel öffentlich griff! Gott+begnadete+ haben es eben +nicht nötig+, die Bourgeoisie +nicht+ zu kränken!
*
Auch einen Hund bezieht man meistens in seine +sonstigen Gemeinsamkeiten+ noch ein, der fürs Fressen den ganzen Tag liebwedelt und treu ist! Interessanter wäre natürlich eine hellgrau-weiße, anmutige, schmiegsame große treulose Katze; aber, siehe, man will „+angewedelt+“ werden, man will es +genießen+, daß jemand +sichtlich+ freudig bewegt ist, wenn man nach Hause kommt, und +sichtlich+ verzweifelt, wenn man weggeht! „Gott, mein Hund hat sich so +gekränkt+, daß ich ihn heute zu Hause gelassen habe! Desto größer die +Freude+, wenn er mich +wiedersehen+ wird!“ Prosit! Wenn er nur nicht hingewischerlt hat vor lauter Sehnsucht!
*
„Peter, wie g’fallt Ihnen mein neuer g’scheckerter Pelz?! Und gar net teuer, vierhundert Kronen!“
„Er gefällt mir sehr gut. Aber weshalb hängt er +an Ihnen+?! Am +lebendigen Tiere+ ist er +herrlich+. Oder irgendwo als +Teppich+. Soll er etwas +verstecken helfen+, was +nicht schön+ ist?! Das wollen wir +nicht hoffen+. Und sonst gegen Kälte tuts ein +edel-weicher Flanell+ auch! Ah, Sie wollen vielleicht +beweisen+, daß Sie bei Herrn v. G. +Anwert+ haben, der ihn gekauft hat?! Das glauben wir ja sowieso, da müßt er ja keine Augen im Kopf haben. Außerdem aber -- die eitle +Blödheit der Männer+ ist +kein+ Beweis für die +Schönheit der Frauen+!“
GEDICHT DER LIOSCHKA
Roter Stadl. „Graue kahle schlanke Birken, Märzende, +ich grüße euch+! Ich gönne den Fremden +nicht+ diesen melancholischen Anblick -- -- --. Ach, sie schauen ja sowieso nicht zu euch hin, geliebte Bäume, die ihr in den blauen kühlen Himmel vielverästelt hineinragt! Mir gehört ihr allein, +mir+, und selbst die Vögel warten auf euch erst, bis ihr grün seid! Bis ihr zum Nestbau taugt! +Mir+ gehört ihr, +mir+, zu allen Zeiten des Jahres, und wenn man euch zersägt und fällt und zerschneidet, werde ich auf euren bleichen gelben Stümpfen kauern, und nichts denken, nichts fühlen, sondern trauern!“
*
Sie sagte: „Der ‚Rote Stadl‘ ist mein Hauptprüfungsgegenstand, er ist die Matura des Liebenden! Je nachdem einer sich dort benimmt, hab ich ihn gern oder verachte ihn!“
LA RAMPA
(Sizilianische Szene)
Der vollständig gelähmte alte Mann kauert hilflos in einem Lehnstuhl. Eine Treppe mit Geländer (La rampa) führt in den Weinkeller. Nach einigen Minuten +Lautlosigkeit+ erscheint die junge +wunderbar+ schöne Schwiegertochter: „Ah, Schwiegerväterchen, bonsoir, wie gut du ausschaust! Nun freilich, bei +dieser+ zärtlichen Pflege deines Herrn Sohnes! +Mich+ freilich pflegt er +nicht so gut+! Aber brauche ich +ihn+, ich habe +andere+! No, das weißt du ja, mein süßes Alterchen, +vor dir+ mache ich keine +Geheimnisse+, das wäre ja eine Familiensünde, besonders da du, Armer, doch gelähmt bist und nichts +austratschen+ kannst! Gleich wird dein zärtlichster Sohn, mein +Gatte+, dir aus dem Weinkeller deinen Lieblingstrank zur Jause bringen, der dich immerfort +leider+ am Leben erhält! Hörst du ihn, gleich wird er da sein, dem +du+ die Zärtlichkeiten +wegstiehlst+, die +mir+ dann +fehlen+?!“
Später beredet sie dann in Gegenwart des gelähmten Alten ihren +Liebhaber+, die Kellerstiege +halb anzusägen+, wo der Gatte den geliebten Labetrunk dem Vater holt. Der Gatte stürzt sich zu Tode, da erhebt sich der Alte kerzengerade, umspannt mit stählernen Fingern den Hals der höhnenden wunderbar schönen Schwiegertochter, bis sie +erwürgt+ ist! Der Vorhang fällt.
DIE KUNDSCHAFT
„Herr von Altenberg, was verschafft mir die Ehre, womit kann ich dienen, was is denn schon wieder passiert, Sie schaun so aufgeregt drein!?“
„Der Rahmen ist von selbst aus dem Leim gegangen!“
„Von selber?! Sie werden halt recht damit herumg’haut haben, ein nervöser Mensch, ein Dichter!“
„Herumgehaut?! Mit einem Bilderrahmen, der an der Wand hängt?!“
„No an der Wand is er nicht von selber g’sprungen! Da muß man schon bissel mithelfen, so ist das nämlich nicht!“
„Was kostet die Reparatur?!“
„Ah, zahlen wollen’s?! Was sie kost? Gar nix kost’ sie. So a schlamperter Arbeiter, laßt ihn net langsam trocknen, nur immer gleich abliefern, abliefern -- --.“
ALTERN
Bei 22° Kälte auf dem Semmering, vor drei Jahren, war mir warm. Jetzt ist mir kalt bei 14° über Null.
Man altert.
Sie erzählte mir, ein Herr habe sie in der Tramway angesprochen.
„War er wenigstens elegant?!“ fragte ich gleichgültig.
Man altert.
Geld blieb aus, und ich tobte nicht Tag und Nacht über die Ungerechtigkeit der Welt!
Man altert.
Ich hatte ein Bläschen auf der Zunge und dachte an Krebs!
Man altert.
Ich dachte an die Jugendzeit: Gott sei Dank, daß diese Periode von schamloser Stupidität und frecher +Lebensunweisheit vorüber+ ist!
Man bleibt jung.
BRIEF
Geehrte gnädige Frau, ich werde Ihnen jetzt diagnostizieren, woher Ihre ewige Differenz mit Ihrer heranwachsenden Tochter stammt! Ihr Töchterchen war als Kind auffallend hübsch, hat sich aber im Laufe der Entwicklungsjahre mit Respekt zu sagen „vermießt“. Da Sie selbst vom sogenannten Frühlingsleben der Frau nie etwas genossen hatten, freuten Sie sich unbewußt und naturgemäß, daß Ihre Eitelkeit wenigstens bei dem heranwachsenden hübschen Töchterchen endlich befriedigt werden würde. Aber sie wurde eben nicht hübsch, und statt romantischer Erfolge und eines sogenannten kleinen Hofstaates von Jünglingen, die Blüten schicken, hat sie nur einige ganz edle Freunde, deren kühles Gehaben, deren gemäßigte Konversation Sie als Mutter und Gastgeberin unendlich langweilt! Sie werden sagen: „Schön stellen Sie mich hin! Bin ich also ein eitles Scheusal?!“ Weshalb denn gleich so grausame Benennungen?! Sagen wir: +eine eitle Mama+!
DER ESEL
Er sagte: „Du bist langweilig, trotz deiner Schönheit. Die Sorge um deine neuen Frühjahrshüte ist +für mich+ keine Sorge!“
„Ich habe aber außerdem noch lange schmale weiße Beine!“
„Ich +anerkenne+ sie. Aber sie interessieren mich nicht allzusehr!“
„Ich habe einen nach süßen gekochten Mandeln duftenden Atem!“
„+Stimmt!+ Aber Linden und Akazien duften mindestens ebenso gut!“
„Ich werde dich mit deinem Freunde Norbert zu betrügen versuchen!“
„+Das+ allerdings interessiert mich!“
ANGST
Jeder Mensch hat eine andere Art Angst. Aber ein jeder versteht nur die +seine+. „Vorm Zahnarzt fürchten’s Ihnen?! Für mich is der Zahnarzt wie a Tarockpartie, i setz mich hin, und es geht los. Schamen’s Ihnen!“