Fechsung

Part 12

Chapter 123,392 wordsPublic domain

Sehr viele Männer sind sehr intelligent, sehr nett, und machen +dennoch+ ewig nur den +Eindruck+ von Commisvoyageurs! Andere sind wieder +weder+ sehr intelligent +noch+ sehr nett und machen dennoch den Eindruck von +Höchstzivilisierten+! +Woran+ liegt das?! Das kann ich euch +ganz genau+ sagen: Die ersteren sind eben +im Grunde ihrer Seele+ doch Commisvoyageurs, die anderen im +Grunde ihrer Seele+ doch Aristokraten!

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Frauen bemühen sich länger und geschickter als Männer, es einem zu verbergen, daß sie „+ein großer Mist+“ sind! Jedenfalls haben sie ein größeres Interesse an dieser Sache!

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Über die +Phrase+: „Sie sehen wirklich so jung und guterhalten aus!“

+Die letzte Unterredung mit König Umberto.+ Aus +Rom+ wird uns geschrieben: Am 23. September ist in Monza der frühere langjährige radikale Abgeordnete +Oreste Pennati+ gestorben, der sein Vaterland von 1894 bis 1909 im Parlament vertreten hat. Pennati hat eine unerwartete Berühmtheit in Italien dadurch erlangt, daß er am tragischen Abend des 29. Juli 1900 der letzte Mensch war, mit dem König Umberto gesprochen hat. Er hatte den König als Abgeordneter für Monza auf dem Turnfestplatz empfangen und geleitete ihn nach dem Turnfest nach seinem Wagen. In heiterem Geplauder mit dem Abgeordneten schritt der König dahin, und an dem Wagen angelangt, sagte er auf ein Kompliment Pennatis über seine vortreffliche Gesundheit: „Ja, lieber Pennati, so jung wie die Turner da drinnen sind wir beide allerdings nicht mehr.“ Dabei wies der König lächelnd auf seinen schneeweißen Bart, schüttelte Pennati die Hand und schwang sich auf das Trittbrett der Equipage. In diesem Augenblick fiel der tödliche Schuß.

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Wenn man im dichtgedrängten Varieté +so+ dasitzt, daß man immer bedenkt, dem +anderen+ die Aussicht nicht zu verkürzen, ist man ein +Adeliger+! Im anderen Fall ein +Schurke+!

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„Stört Sie mein Zigarettenrauch?!“ sagen die Herren +devot-kriecherisch+ zu den Damen. Den Herren neben ihnen sagen sie das nie, außer denen, die sie anpumpen wollen!

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Man möchte Frauen +viel lieber+ Blumen schenken, wenn man es nicht wüßte, daß sie es erwarten!

DE AMICITIA

+Freund+ ist einer, der es sich erlaubt, taktlose, infernale, rohe Bemerkungen und Fragen zu stellen, einen zu demütigen, zu blamieren, lächerlich zu machen, in den Augen der anderen herabzusetzen und, falls man sich darüber beklagt, zu sagen: „Ich bin doch dein Freund!“

+Distanz einhalten+ ist die Kultur, der Takt, die Musik des Herzens. Aber wieviel Unmusikalische gibt es?! Es gibt genug notwendige Verletzungen in dieser Schlacht „Leben“, aber die unnötigen erst sind +Verbrechen+! Heimtückischer feiger Meuchelmord an unschuldigen Nerven! Kindern wird das Blut zu Wasser, wenn Möbel krachen. Zarten Erwachsenen ebenso bei taktlosen Bemerkungen. Man erschrickt, wird hilflos wie ein Kind! Wehe euch, die ihr unsere Seelen, die an der Not der ganzen Menschheit traurig zu tragen haben, eines Scherzes wegen demütigt und belastet! In die +Arena+ der blutig Übermütigen werden wir von euch getrieben, und je mehr spitze Lanzen in unserer Seele zitternd stecken, desto befriedigter, vergnügter seid ihr! Die scherzhafte „ironische Note“ ist der feige Schutz der eigenen Armseligkeiten gegen den, der schweigend-ernst +im Lichte seines Geistes, seiner Seele+ dasitzt!

KRIEGSHYMNEN

Kriegshymnen san net schlecht. Gar net schlecht! So Worttrompeten, Wortetrommeln, Wortgeratter: Auf in den Kampf, auf in den Tod! Zum Siege! Doch +schmerzlicher+ dient man dem Vaterlande mit einem Leberschuß, einem Schuß in die Niere, in die Nabelgegend! Man muß es dann nämlich +tragen+, +Jahre+ lang, auch wenn die Kriegsbegeisterung +vorbei+ ist, und +Nüchternheiten+ einziehn in die Seelen! +Nüchtern+ berauscht sein, das war ewig die Devise +meines+ Herzens! Künstlertum im +Leben+! Nicht +berauscht+ berauscht, und nicht nüchtern +nüchtern+! Sondern +nüchtern+ berauscht! +Begeisterung+ in heiligen +Friedenszeiten+! Der Krieg begeistert jeden schon +von selbst+! Was braucht man da noch Trommeln und Trompeten?!? Jedoch im heiligen Frieden wird wieder alles +schlapp+ und +müde+, und trottet fort in +schäbigem+ Geleise! In +Friedenszeiten+, Dichter, Philosophen, rufet die Menschen +wach+ und +auf+ zu Lügelosigkeit, Einfachheit, Askese und vornehmer Gesinnung +durch+ und +durch+! Auf daß ein nächster Krieg +unmöglich+ werde und sein +Schreckenslärm+, und ebenso +Kriegshymnen-Blech+!

REALE ROMANTIK 1914

Der Polizeihund und Kriegshund „+Zerr+“, der sich schon in vielen wichtigen und schwierigen Dingen bisher ausgezeichnet hatte, wurde von seinem Besitzer dem Kriegsministerium zur Verfügung gestellt und ist mit seinem Pfleger, Herrn T. Wagner, gestern zu seinem Regimente in K. eingerückt. Sein „Herrl“, Dr. v. B., nahm auf dem Perron des Bahnhofes unmittelbar vor Abgang des Zuges seinen Kopf zwischen beide Hände, blickte ihm streng-gerührt in die Augen und sagte: „+Zerr! Brav sein! Mir zuliebe! Verstanden?!+“

Und der Hund schien verstanden zu haben, denn er kroch ruhig in den Waggon hinein, ohne vom „Herrl“ mehr umständlich rührenden Abschied zu nehmen.

ÜBER DIE ANSTÄNDIGKEIT

Das mit der Anständigkeit ist auch so eine Sache! Es haben nämlich +beide+ Teile anständig zu sein, in +gleicher+ Art und Weise. Sonst kommt einer der Teile zu kurz dabei. Und +das+ ist unanständig. Weil es +schwächt+! Alles, was +schwächt+, ist +unanständig+, sowohl von seiten desjenigen, der schwächt, als auch +ganz besonders+ von seiten desjenigen, der sich schwächen +läßt+! Denn das ist dumm, inferior, und daher +ebenfalls+ unanständig! Ich habe +nur+ anständig zu sein dem +wirklich+ Anständigen gegenüber! Sonst ist +Kriegszeit der Seele+!

Man muß Buch führen über alle Anständigkeiten und alle Unanständigkeiten seiner Nebenmenschen, sowohl Völker, Staaten, als auch einzelne, sogar sogenannte Liebespaare, eine gerecht reinliche wahrhaftige Buchführung! Um nicht in seelischen oder anderen Bankrott zu geraten und Konkurs ansagen zu müssen seiner für den Kampf ums Dasein notwendigen +Lebensenergien+! Ich kannte einen Mann, der zwei Jahre lang „Buch“ führte über alle Gemeinheiten, vor allem +unnötigen+ Grausamkeiten seiner süßen Geliebten. Eines Abends las er ihr ruhig und gemessen eine Stunde lang das ganze Register vor, und schmiß sie hinaus!

Sie sagte weinend: „Hätt’st mir dös früher g’sagt, hätt’st es nicht anwachsen lassen!“

„Ich?! Nein, +du+!“

PHILOSOPHIE

Wie kann man +noch+ lieben, wenn man +nicht mehr+ liebt?! +Wie+ macht man das in seiner Seele aus?! Da mußt du den +Philister+ fragen! Der +kann es+! Seine +gestorbene Seele+ wird ersetzt durch die +lebendige Verpflichtung+! Es ist ein Kunststück, eine Zauberei, ein +Über-+, ein +Widernatürliches+, jedoch +er+ bringt’s zustande! Freilich, frage mich nicht, wie es dann in der verschanzten Festung seiner Seele ausschaut! Sie ist zerschossen, kein Stein mehr auf dem Stein, ein +Chaos+! Er hat +kapituliert+, dem +Feinde+ sich ergeben „Verlogenheit“, ohne es zu wissen! Er glaubt, er habe seine +Pflicht+ getan! +Wahrhaftigkeit+ jedoch besiegt +unerbittlich+ im Lauf der Zeit jede noch so gut verschanzte Festung „+Lebenslüge+“! Sie +muß+ kapitulieren!

BEIM MORGENKAFFEE

Ein fremder Advokat, durch die Kriegszeiten vertrieben aus L., sprach mich beim Morgenkaffee in meinem Graben-Hotel an: „Pardon, kennen Sie unseren Dichter Sienkiewicz?! Der hat eine Skizze geschrieben: ‚Das Urteil des Zeus‘. Die hätte ich Ihnen, Herr Peter, gegönnt, daß sie +Ihnen+ eingefallen wäre! Apollo wettet mit Merkur, er könne die ‚+schönste+ Frau der Welt‘ +verführen+. Merkur zeigt ihm eine ganz junge Schlossermeistergattin, die gerade zum Brunnen geht, Schürzen auswaschen. Apollo naht sich ihr in verschiedenen Gestalten, als Athlet, als Künstler, als Elegant, als Bankdirektor. +Vergeblich+! Da fragt Apollo Zeus und vermutet, Merkur habe eine Hinterlist angewendet bei der Wette. Sonst wäre es ganz unmöglich. ‚Ganz richtig,‘ erwiderte Zeus, ‚Merkur hat dir nämlich zwar gesagt, sie sei die +schönste+ Frau der Welt, hat es dir aber verschwiegen, daß sie auch die +dümmste+ sei‘!“

SPLITTER

Wollen Sie Liebe?! Nein, +Verständnis+!

Wollen Sie Freundschaft?! Nein, +Gerechtigkeit+!

Weshalb?! Weshalb +nur+ das?!

Weil ich mich +rühme+, daß aus +Verständnis+ und +Gerechtigkeit+ von selbst Liebe und Freundschaft +allmählich+ erblühen werden!

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Hungern, hungern, wenn man weiß, man wird +dann+ fein zu essen bekommen, ein +Glück+! Essen, essen, wenn man ausgehungert ist, ein Glück, ein Glück! Aber gegessen +haben+, +satt+ sein, ein +Unglück+! In +dieser+ Situation befinden sich alle Glücklichen! Daher sind sie +unglücklich+!

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Die Leute, die Geld haben, rechnen mir nach, daß ich, ohne Geld, dennoch +glücklicher+ lebe als sie! Das ist unrichtig; aber +mit+ ihrem Gelde würde ich allerdings +glücklicher+ leben!

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Wie kann man sich an Austern je +satt+ essen?! Nach +einem+ Dutzend hört man eben auf, um sich +weiter+ nach einem zweiten Dutzend +sehnen+ zu dürfen!

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Vom Weib befreit, wirst du ein +Held+! Vom Weib befreit, wirst du ein +Weiser+! Vom Weib befreit, wirst du ein +Herr+!

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Die +Mode+ -- -- -- das heißt für den +anständigen ehrlichen+ Denker: +Hygiene!+ Seid +splitternackt+ unter euren Röcken! Seidene Socken, keine Höschen! Dem Wind, der Feuchtigkeit, Hitze und Kälte ausgesetzt! +Staub+ kann man wegwaschen, nicht aber die +Verweichlichung+!

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Mir sagte jemand: „Reden Sie mir nicht ab von meinen gefährlichen Kletterturen! Wenn ich +das+ nicht mach, so mach ich arme unglückliche Mädchen -- -- -- unglücklich! Irgend etwas Aufregendes, Himmelsakrament, muß geschehen!“ „A la bonheur!“ sagte ich, „da +derstessen+ S’ Ihnen lieber!“

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Man tut den Ärzten unrecht. Sie hätten doch einfach nichts zu verkünden als: „Wir können nur +darüber+ wachen, daß der Kranke seine ‚Naturheilkraft‘ nicht +verhindere+!“ Aber da sie das eben +nicht+ verkünden, tut man ihnen +nicht+ unrecht!

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Goethe lehrt uns „+Goetheisch+“ zu werden, das heißt +rundum+ zu blicken, +alles+ zu erleben, zu erleiden, zu genießen und +noch dazu+ es philosophisch zu +verdauen+ vermittels seiner Gehirnkräfte! Die anderen aber lehren uns: „Sixt es, +so+ sind +wir+!“ Eine Sache, die uns leider meistens +gar nicht+ interessiert!

* * * * *

An eine wunderschöne Fünfzehnjährige:

Was die Männer, die dir „nachsteigen“ und „Coco, Wiener Journal, An jenes kleine Fräulein, das vorgestern Ecke -- -- --“ annoncieren, von dir sich ersehnen, +weißt du+! Darauf sich etwas einzubilden ist Sache einer +Gans+! Du kennst doch diese kleinen weißen netten Blechhäuschen, in denen so mancher notgedrungen für Augenblicke gern verweilt, um sie sobald als möglich wieder zu verlassen?! Solch einem Häuschen willst du doch hoffentlich nicht ähnlich werden?! Wenn jemand zu dir sagt, daß er unaufhörlich an dich denke, so erwidere ihm, daß das keine sehr lukrative Beschäftigung sei! Falls er dir mit Selbstmord droht oder Melancholie, so erwidere ihm, daß es gestern ein wenig kühl gewesen sei, das Wetter nachmittags sich aber Gott sei Dank freundlicher gestaltet habe. Sollte dir jemand etwas schenken wollen, so nimm es stets ruhig an, denn die Gewissensbisse darüber, einen vielleicht praktischen und netten Gegenstand +eingebüßt+ zu haben, sind +gefährlicher+ für deine Seele als die Annahme! Man kommt in eine nähere Berührung durch einen „Refüs“, denn es nistet sich leicht in dein Spatzengehirn das Wort „armer Kerl!“ ein. +Mitleid+ mit jemandem haben, der einen „+haben+“ will, ist eine horrende Eitelkeit. Eine Selbstüberschätzung. Kannst du dir, aufrichtig, ernstlich es vorstellen, daß einer à tout prix nur mit dir glücklich werden kann?! Nein!

DIE „GEWÖHNLICHE FRAU“

Wehe dir, der du nicht +geschützt+ bist vor Frauengunst, und verbrennst in Liebesbrunst! Ein +ewig Wachsender+ bisher, wirst du nun ein +Stillgestandener+! Eh du es spürst, bist du ein +anderer+, ein +Niederhocker+ wirst du, +Wanderer+, Nicht wie im Kaleidoskope mehr wandeln sich dir in +holdem Verändern+ die Bilder des Lebens, wandelt sich dir dein +wandernder+ Blick; und im +kleinen Kreislauf+ und lieblichen Austausch +geschlechtlich-seelischer+ Kräfte vollendet sich nun dein allzu gesichertes +Alltagsgeschick+! Aber die anderen, +einsam+, den Blick gerichtet in +Fernen+, folgen +unentwegt+ ihren Sternen! Wehe dir, der du nicht vor Frauengunst +geschützt+ bist, und nur für die „+kleine Tat+“ des Lebens +ausgenützt+ bist! Für die +All-Schönheit+ darfst du nichts mehr fühlen -- -- -- Die Hauptsache ist, du sollst dich nicht verkühlen! Nicht mehr bei Emerson-Lesen und Beethoven-Spielen, wirst du himmlische Kräfte zu unerschöpflicher Tat aufspeichern! Emerson und Beethoven sind +heilige Geber+ -- -- aber die Frau will sich +an dir+ bereichern!! Und du, +Arm+-seliger, +verarmst+! Deines Größenwahnes +heiligen Kern+ heilt sie dir, gibt dir +zugeschnittene gesunde+ Glückseligkeit dafür! Im blasenden Sturm +hemmt+ sie dir deinen Lauf, stellt dir +sorgsam+ den Rockkragen auf! Vor Abgründen sucht sie dich zu bewahren, läßt dich in den +Abgrund deiner Alltäglichkeit+ fahren! Dein Gehirn schützt sie vor +Melancholien+ und +Träumen+, weiß mit überschüssigen Kräften +aufzuräumen+! Deine Seele schützt sie vor Wanken und Schwanken, weiß sie an nahe +Ziele+ festzuranken! Deinen Körper zwingt sie schäbig, +sich zu erhalten+, denn sie braucht ihren Alten!! Wehe dir, der du nicht +geschützt+ bist vor Frauengunst, und verbrennst in Liebesbrunst! Unser +vergebliches Sehnen+ ist unser +Kräftespender+! Unser +erreichtes Ziel+ ist unser +Wegbeender+! Durch unsere Tränen hängen wir mit +der Welt+ zusammen, die selbst ewig +um Ideale weint+! +Doch unser Siegerlächeln+ wird uns verdammen, denn wir sind +vorzeitig+ geeint! +Zum Abschluß+ will die Frau uns bringen und +unser Ringen+! In friedvolle endgültige Ehe wollen wir einst mit der +Gesamtnatur+ treten, Ihr aber müßt bereits zu Anna oder Grete beten! Der +Gott in dir+ duldet keine Göttinnen, aber schon gar nicht +irdische Hundsföttinnen+! Bei Emerson-Lesen und Beethoven-Spielen kannst du unerschöpfliche Kräfte erzielen! Aber selbst deine +vollkommenste+ Frau erhebt sich nicht zu Brünhildens Abschiedsworten: „Zu +neuen+ Taten, +teurer+ Helde, +wie+ liebt ich dich, +ließ+ ich dich nicht?!?“ Es ist ganz einfach: Deine vollkommenste Dame wird stets eine Klette, eine infame!

RELIGION

Es +gibt+ kein Vernarben „seelischer Wunden“. Der, bei dem es +geschieht+, der +hatte+ keine. Es war, mit Respekt zu sagen, ein oberflächlicher Hautritzer, eine Rißquetschwunde, etwas, was gefährlicher zu sein scheint als es ist! Es +heilt+! Das ist der Beweis, daß es nicht +tief+ ging, nicht ins Zentrum der „+heiligen Unheilbarkeiten+“! Was +heilen+ kann, enthält noch Konzessionen an das feige Leben; lasse dich nicht täuschen von +solchen+ Wunden, so schrecklich sie auch aussehen mögen, schon ist die mitleidige Natur am Werke, alles wieder schön zu reparieren, und dich, +Feigling+, dem Leben und seinem +tätigen Frohsinn+ wiederzugeben! +Wehe euch+, die ihr wieder friedlich lächeln könnet, denen Gott in seiner gnädigen Ungnade nicht den +ewigen Schmerz+ in die Seelen gesenkt hat! Ihr +entzieht+ euch einer „heiligen Mission“, die euch +auferlegt+ wurde, um eigenwillig lieber +ein Geschäft+ auf Erden zu effektuieren, das sich +nicht+ rentieren kann! Von dem Wäschekasten eures verstorbenen Töchterchens müßt ihr +ewig leben+ können, von den sorgsam mit seidenem Bande zusammengebundenen Hemdchen, von den Sockerln, von dem Kleidchen ihres ersten Kinderballes! An eurer Trauer müßt ihr friedvoll werden! Entziehet euch nicht, falsch und feig beraten, eurem Schmerze, der euch +verklärt+ und erst zu „Menschen“, zu „Dichtern“ macht, zu „Gott-ähnlichen“ Wesen! Solange du +klagst+, +lebt+ der, +um den+ du klagst! Denn Gott läßt ihn in deinem wehen Jammerschrei +wiederauferstehen+! Wenn du aber wieder +lächeln+ kannst und „dem Leben gerecht werden und seinen Anforderungen“, +dann erst+ ist er tot, zum zweitenmal gestorben und +für immer+! +Dein Lächeln+ hat dir ihn getötet!

WERDET EINFACH!

Mittendrin in diesem Weltsturm sitze ich krank in meinem Zimmerchen und überdenke, überschaue die Sünden, nein, die +Irrtümer+ der Menschheit! Denn die große Sünde ist -- -- sich +irren+! Sich +nicht irren+ ist allein +sündelos+! Neid, Eitelkeit, Eifersucht, Eigendünkel, falscher Ehrgeiz beherrschten die Welt! Ein +Irrtum+ des Lebens!

+Werdet einfach!+

Wenn ihr jetzt, +jetzt+ nicht es erkennt, daß +jeglicher+ Luxus überflüssig, traurig, lächerlich, schändlich und vom Satan ist, daß die Welt und ihr unnütz euch groß getan habt mit Überflüssigem, wann, wann werdet ihr es dann +noch jemals+ erkennen?!

+Werdet einfach!+

Gesundheit, Reinheit des Leibes und der Seele werde euer einziger Luxus!

Und Luxus werde eure +Schande+! Ich habe am „+Lido+“ die +häßlichsten+ Füße und Fußzehen erblickt und die +schönsten+ zartesten Strümpfe und Schuhe! +Betrügerinnen!+

Ihr seht, der Tand hat euch nicht vorwärts gebracht, ein Welten-Brand vernichtet gleichsam alle Seidenfetzen und Reiherfedern der Erde, alle Pelze und Perlenketten!

+Werdet einfach!+

Jetzt, jetzt könnt ihr +mithelfen+, indem ihr den Mann, der +ewig Wichtigeres+ zu schaffen hat, von nun an und für immer +entlastet+ von unnötigen Ausgaben! Hygiene und Diätetik, diese Sparer und Mehrer menschlicher Lebensenergien, seien euer Luxus! Auch im +Blechlavoir+ kann man rein werden, mit Schwamm und +billigster+ Kernseife! Eure Wände seien getüncht, eure Fenster bei Tag und Nacht geöffnet, euer Lager hart-gesund, eine Art idealer Pritsche, bester Loden und bester Flanell ersetzen euch die +verbrecherischen Pelze+!

+Werdet einfach!+

Es gibt einen +Genuß+ der Einfachheit! Es gibt einen +Stolz+, es gibt eine +Ehre+ des einfachen Lebens. Jeder helfe jetzt mit, die Welt zu +reinigen+ von düsteren, grausamen, heimtückischen, teuflischen Vorurteilen. Tod dem +Überflüssigen+, es belastet, raubt Kräfte, schwächt, verhindert und zerstört!

+Werdet einfach!+

LAOTSE; URALTER CHINESISCHER PHILOSOPH

1. Geheime Erleuchtung

Was man zusammenziehen will, das muß man erst sich richtig ausdehnen lassen. Was man schwächen will, das muß man erst richtig stark werden lassen. Was man beseitigen will, das muß man erst richtig sich ausleben lassen. Wo man nehmen will, da muß man erst richtig geben. So heißt die geheime Erleuchtung. Das Weiche siegt über das Harte, Das Schwache siegt über das Starke.

2. Fernschau

Ohne aus der Tür zu gehen kann man die Welt erkennen. Ohne aus dem Fenster zu blicken kann man des Himmels Sinn erschauen. Je weiter einer hinaus geht, desto weniger wird sein Erkennen. Also auch der Berufene: Er wandert nicht und kommt doch ans Ziel. Er sieht sich nicht um und vermag doch zu benennen. Er handelt nicht und bringt doch zur Vollendung.

3. Überströmendes Leben

Große Vollendung muß wie unzulänglich erscheinen, so wird sie unendlich in ihrer Wirkung. Große Fülle muß wie leer erscheinen, so wird sie unerschöpflich in ihrer Wirkung. Große Geradheit muß wie krumm erscheinen. Große Begabung muß wie dumm erscheinen. Große Beredsamkeit muß wie stumm erscheinen. Bewegung überwindet die Kälte. Stille überwindet die Hitze. Reinheit und Stille ist der Welt Richtmaß.

4. Mäßigung der Begierden

Wenn der Sinn herrscht auf Erden, so tut man die Rennpferde ab zum Dungführen. Wenn der Sinn abhanden ist auf Erden, so werden Kriegsrosse gezüchtet auf dem Anger. Keine größere Schuld gibt es als Billigung der Begierden. Kein größeres Übel gibt es, als sich nicht lassen genügen. Kein schlimmeres Unheil gibt es als die Sucht nach Gewinn. Denn: Das Genügen der Genügsamkeit ist dauerndes Genügen.

5. Warnung

Dein Name oder dein Ich: Was steht dir näher? Das Ich oder der Besitz: Was ist mehr? Gewinnen oder verlieren: Was ist schlimmer?

Nun aber: Wer sein Herz an Totes hängt, verbraucht notwendig Lebendiges. Wer viel sammelt, verliert notwendig Wichtiges. Wer sich genügen lässet, kommt nicht in Schande. Wer Einhalt zu tun weiß, kommt nicht in Gefahr und kann so ewig dauern.

DIE „TAUBE“

22. September 1914.

Plötzlich knallt ein Gewehrschuß, dann ein zweiter, dann zehn, dann hundert und hundert. Das Feuer eines Gefechtes erhob sich über Paris. Woher kam es? Wer weiß, von den Dächern vielleicht. Man sah aber niemanden. Vielleicht waren oben in den Mansarden Soldaten versteckt. In der Nähe und in der Ferne vermehrten sich die Gewehrschüsse; auch schien man ein entlegenes Maschinengewehrgeräusch wahrzunehmen. Dies alles war großartig und merkwürdig zugleich. Die „Taube“, viel zu hoch, um getroffen zu werden, verfolgte weiter ihren Kurs, flog nach den Tuilerien, verschwand hinter den Dächern, kam wieder über die Rue de la Paix, verschwand wieder. Als das Fahrzeug zurückflog, hörte man auf einmal das tiefe Geräusch einer Explosion; dann wieder und wieder eine: der Flieger warf +Bomben+. Ein anmutiges junges Mädchen, „Mannequin“ eines Pariser Modehauses, dreht sich um und wendet sich an eine Kollegin: „Cochon d’alboche, il fait kaka sur nous!“

ÜBER GERÜCHE

Frauen sind enorm impressionabel, sie nehmen so leicht die Gerüche ihrer Umgebung an! War sie in der Milchkammer, so riecht sie noch stundenlang nach Milch, ihre Hände, ihre Haare, ihr ganzer Leib -- -- --. War sie auf dem Gemüsemarkte, so riecht sie noch stundenlang nach allen Gemüsen, wie Kräutersuppe -- -- --. Im Garten riecht sie nach Flieder oder Linde oder überhaupt nach Garten -- -- --. Auf der Alm nach Kuhweide und Kurzwiese. Das ist ein tragisches Schicksal; denn immer riecht sie daher auch nach dem letzten Hunde, mit dem sie gerade beisammen war, nach dem letzten Snob und seiner Pestausdünstung, seinem Lügegestanke! Nach Dichtern riecht sie nie, denn Dichter halten sich in respektvoller Entfernung, wahrscheinlich aus künstlerischem Egoismus! Am meisten riechen sie nach „Frechlingen“, die einem immer allzu nahe treten! Da nehmen sie denn die Gerüche am allerleichtesten an -- -- --. Edle Frauen sollten unbedingt immer in der Natur bleiben oder in der heiligen Einsamkeit ihres eigenen Zimmers. Überall sonst stinkt es!

Auch gute Bücher stinken nie, sie sind das Destillat aus allen übelriechenden Sünden, die man begangen hat; man hat daraus endlich einen Tropfen wohlriechender Menschlichkeit gewonnen!

Aber die anderen destillieren nicht!

MODERNE ARCHITEKTEN

Bei der Wohnung eines Pferdes sagt man: Wie gedeiht das Pferd, dieses +edle+ Tier am besten?!! Bei der Wohnung eines Schweines: Wie +gedeiht+ das Schwein, dieses +nützliche+, am besten?! Bei der Wohnung der Kuh: Wie gibt sie die fetteste Milch?! Nur beim Menschen fragt man das alles nicht. Man fragt: Ist es +schön+?! Schön, schön, dieses +alleridiotischste+ Wort! Nein, +nicht+ idiotisch, denn mit Marmor und Mahagoni macht ihr eure Geschäfte, zehn Prozent vom Architektenhonorar! Bei getünchten Wänden und Eiche oder Buche bekommt ihr +nischt+! Deshalb Pracht, Pracht, am prachtesten! Und die Kundschaft?! Kann sie nicht Neid, Eifersucht, Verzweiflung erwecken bei denen, die in „Ställen“ leben?! Na also, san mer zufrieden! Auf Gesundheit wird gepfiffen! Nur Pflanz!

Hoch Mahagoni!

WERTHERS LEIDEN