Faust: Eine Tragödie [erster Teil]

Chapter 9

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Komm! Folge mir! Liebchen fasse Muth! Ich herze dich mit tausendfacher Glut, Nur folge mir! Ich bitte dich nur dieß!

_Margarete_ zu ihm gewendet.

Und bist du's denn? Und bist du's auch gewiß.

_Faust._

Ich bin's! Komm mit!

_Margarete._

Du machst die Fesseln los, Nimmst wieder mich in deinen Schoos. Wie kommt es, daß du dich vor mir nicht scheust? -- Und weißt du denn, mein Freund, wen du befreyst?

_Faust._

Komm! komm! schon weicht die tiefe Nacht.

_Margarete._

Meine Mutter hab' ich umgebracht, Mein Kind hab' ich ertränkt. War es nicht dir und mir geschenkt? Dir auch -- Du bist's! ich glaub' es kaum. Gieb deine Hand! Es ist kein Traum! Deine liebe Hand! -- Ach aber sie ist feucht! Wische sie ab! Wie mich däucht Ist Blut dran. Ach Gott! was hast du gethan! Stecke den Degen ein, Ich bitte dich drum!

_Faust._

Laß das Vergang'ne vergangen seyn, Du bringst mich um.

_Margarete._

Nein, du mußt übrig bleiben! Ich will dir die Gräber beschreiben, Für die mußt du sorgen Gleich morgen; Der Mutter den besten Platz geben, Meinen Bruder sogleich darneben, Mich ein wenig bey Seit', Nur nicht gar zu weit! Und das Kleine mir an die rechte Brust. Niemand wird sonst bey mir liegen! -- Mich an deine Seite zu schmiegen Das war ein süßes, ein holdes Glück! Aber es will mir nicht mehr gelingen, Mir ist's als müßt' ich mich zu dir zwingen, Als stießest du mich von dir zurück. Und doch bist du's und blickst so gut, so fromm.

_Faust._

Fühlst du daß ich es bin, so komm!

_Margarete._

Dahinaus?

_Faust._

In's Freye.

_Margarete._

Ist das Grab drauß', Lauert der Tod; so komm! Von hier in's ewige Ruhebett Und weiter keinen Schritt -- Du gehst nun fort? O Heinrich könnt' ich mit!

_Faust._

Du kannst! So wolle nur! die Thür steht offen.

_Margarete._

Ich darf nicht fort; für mich ist nichts zu hoffen. Was hilft es fliehn? sie lauern doch mir auf. Es ist so elend betteln zu müssen, Und noch dazu mit bösem Gewissen! Es ist so elend in der Fremde schweifen Und sie werden mich doch ergreifen!

_Faust._

Ich bleibe bey dir.

_Margarete._

Geschwind! Geschwind! Rette dein armes Kind. Fort! immer den Weg Am Bach hinauf, Ueber den Steg, In den Wald hinein, Links wo die Planke steht, Im Teich. Faß es nur gleich! Es will sich heben, Es zappelt noch, Rette! rette!

_Faust._

Besinne dich doch! Nur Einen Schritt, so bist du frey!

_Margarete._

Wären wir nur den Berg vorbey! Da sitzt meine Mutter auf einem Stein, Es faßt mich kalt beym Schopfe! Da sizt meine Mutter auf einem Stein Und wackelt mit dem Kopfe; Sie winkt nicht, sie nickt nicht, der Kopf ist ihr schwer, Sie schlief so lange, sie wacht nicht mehr. Sie schlief damit wir uns freuten. Es waren glückliche Zeiten!

_Faust._

Hilft hier kein Flehen, hilft kein Sagen; So wag' ich's dich hinweg zu tragen.

_Margarete._

Laß mich! Nein, ich leide keine Gewalt! Fasse mich nicht so mörderisch an! Sonst hab' ich dir ja alles zu lieb gethan.

_Faust._

Der Tag graut! Liebchen! Liebchen!

_Margarete._

Tag! Ja es wird Tag! der letzte Tag dringt herein! Mein Hochzeittag sollt' es seyn! Sag Niemand daß du schon bey Gretchen warst. Weh meinem Kranze! Es ist eben geschehn! Wir werden uns wiedersehn; Aber nicht beym Tanze. Die Menge drängt sich, man hört sie nicht. Der Platz, die Gassen Können sie nicht fassen. Die Glocke ruft, das Stäbchen bricht. Wie sie mich binden und packen! Zum Blutstuhl bin ich schon entrückt. Schon zuckt nach jedem Nacken Die Schärfe die nach meinem zückt. Stumm liegt die Welt wie das Grab!

_Faust._

O wär' ich nie geboren!

_Mephistopheles_ erscheint draußen.

Auf! oder ihr seyd verloren. Unnützes Zagen! Zaudern und Plaudern! Meine Pferde schaudern, Der Morgen dämmert auf.

_Margarete._

Was steigt aus dem Boden herauf? Der! der! Schicke ihn fort! Was will der an dem heiligen Ort? Er will mich!

_Faust._

Du sollst leben!

_Margarete._

Gericht Gottes! dir hab' ich mich übergeben!

_Mephistopheles_ zu Faust.

Komm! komm! Ich lasse dich mit ihr im Stich.

_Margarete._

Dein bin ich, Vater! Rette mich! Ihr Engel! Ihr heiligen Schaaren, Lagert euch umher, mich zu bewahren! Heinrich! Mir graut's vor dir.

_Mephistopheles._

Sie ist gerichtet!

_Stimme_ von oben.

Ist gerettet!

_Mephistopheles_ zu Faust.

Her zu mir!

(verschwindet mit Faust.)

_Stimme_ von innen, verhallend.

Heinrich! Heinrich!

[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf Grundlage der 1808 erschienenen Erstausgabe erstellt. Der Text folgt strikt dem Original. Korrekturen in späteren Druckausgaben wurden in eckigen Klammern gesetzt.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersezt:

Sperrung: _gesperrter Text_ Antiquaschrift: #Antiquatext# ]

[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print edition published in 1808. The text strictly follows the original. Corrections made in later print editions have been denoted in square brackets.

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been replaced by:

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