Faust: Eine Tragödie [erster Teil]

Chapter 6

Chapter 63,623 wordsPublic domain

Gott verzeih's meinem lieben Mann, Er hat an mir nicht wohl gethan! Geht da stracks in die Welt hinein, Und läßt mich auf dem Stroh allein. Thät' ihn doch wahrlich nicht betrüben, Thät' ihn, weiß Gott, recht herzlich lieben.

(Sie weint.)

Vielleicht ist er gar todt! -- O Pein! -- -- Hätt' ich nur einen Todtenschein!

_Margarete_ kommt.

_Margarete._

Frau Marthe!

_Marthe._

Gretelchen, was soll's?

_Margarete._

Fast sinken mir die Kniee nieder! Da find' ich so ein Kästchen wieder In meinem Schrein, von Ebenholz, Und Sachen herrlich ganz und gar, Weit reicher als das erste war.

_Marthe._

Das muß sie nicht der Mutter sagen; Thät's wieder gleich zur Beichte tragen.

_Margarete._

Ach seh' sie nur! ach schau' sie nur!

_Marthe_ putzt sie auf.

O du glücksel'ge Creatur!

_Margarete._

Darf mich, leider, nicht auf der Gassen, Noch in der Kirche mit sehen lassen.

_Marthe._

Komm du nur oft zu mir herüber, Und leg' den Schmuck hier heimlich an; Spazier' ein Stündchen lang dem Spiegelglas vorüber, Wir haben unsre Freude dran; Und dann gibt's einen Anlaß, gibt's ein Fest, Wo man's so nach und nach den Leuten sehen läßt. Ein Kettchen erst, die Perle dann in's Ohr; Die Mutter sieht's wohl nicht, man macht ihr auch was vor.

_Margarete._

Wer konnte nur die beyden Kästchen bringen? Es geht nicht zu mit rechten Dingen!

(Es klopft.)

_Margarete._

Ach Gott! mag das meine Mutter seyn?

_Marthe_ durchs Vorhängel guckend.

Es ist ein fremder Herr -- Herein!

_Mephistopheles_ tritt auf.

_Mephistopheles._

Bin so frey g'rad' herein zu treten, Muß bey den Frauen Verzeihn erbeten.

(Tritt ehrerbietig vor Margareten zurück.)

Wollte nach Frau Marthe Schwerdlein fragen!

_Marthe._

Ich bin's, was hat der Herr zu sagen?

_Mephistopheles_ leise zu ihr.

Ich kenne Sie jetzt, mir ist das genug; Sie hat da gar vornehmen Besuch. Verzeiht die Freyheit die ich genommen, Will Nachmittage wieder kommen.

_Marthe_ laut.

Denk', Kind, um alles in der Welt! Der Herr dich für ein Fräulein hält.

_Margarete._

Ich bin ein armes junges Blut; Ach Gott! der Herr ist gar zu gut: Schmuck und Geschmeide sind nicht mein.

_Mephistopheles._

Ach, es ist nicht der Schmuck allein; Sie hat ein Wesen, einen Blick so scharf! Wie freut mich's, daß ich bleiben darf.

_Marthe._

Was bringt Er denn? Verlange sehr --

_Mephistopheles._

Ich wollt' ich hätt' eine frohere Mähr'! Ich hoffe, Sie läßt mich's drum nicht büßen: Ihr Mann ist todt und läßt Sie grüßen.

_Marthe._

Ist todt? das treue Herz! O weh! Mein Mann ist todt! Ach ich vergeh'!

_Margarete._

Ach! liebe Frau, verzweifelt nicht!

_Mephistopheles._

So hört die traurige Geschicht'!

_Margarete._

Ich möchte drum mein' Tag' nicht lieben, Würde mich Verlust zu Tode betrüben.

_Mephistopheles._

Freud' muß Leid, Leid muß Freude haben.

_Marthe._

Erzählt mir seines Lebens Schluß!

_Mephistopheles._

Er liegt in Padua begraben Bey'm heiligen Antonius, An einer wohlgeweihten Stätte Zum ewig kühlen Ruhebette.

_Marthe._

Habt ihr sonst nichts an mich zu bringen[?]

_Mephistopheles._

Ja, eine Bitte, groß und schwer; Laß Sie doch ja für ihn dreyhundert Messen singen! Im übrigen sind meine Taschen leer.

_Marthe._

Was! nicht ein Schaustück? Kein Geschmeid'? Was jeder Handwerksbursch im Grund des Säckels spart, Zum Angedenken aufbewahrt, Und lieber hungert lieber bettelt!

_Mephistopheles._

Madam, es thut mir herzlich leid; Allein er hat sein Geld wahrhaftig nicht verzettelt. Auch er bereute seine Fehler sehr, Ja, und bejammerte sein Unglück noch viel mehr.

_Margarete._

Ach! daß die Menschen so unglücklich sind! Gewiß ich will für ihn manch Requiem noch beten.

_Mephistopheles._

Ihr wäret werth, gleich in die Eh' zu treten: Ihr seyd ein liebenswürdig Kind.

_Margarete._

Ach nein, das geht jetzt noch nicht an.

_Mephistopheles._

Ist's nicht ein Mann, sey's derweil' ein Galan. 's ist eine der größten Himmelsgaben, So ein lieb Ding im Arm zu haben.

_Margarete._

Das ist des Landes nicht der Brauch.

_Mephistopheles._

Brauch oder nicht! es gibt sich auch.

_Marthe._

Erzählt mir doch!

_Mephistopheles._

Ich stand an seinem Sterbebette, Es war was besser als von Mist, Von halbgefaultem Stroh; allein er starb als Christ, Und fand, daß er weit mehr noch auf der Zeche hätte. Wie, rief er, muß ich mich von Grund aus hassen, So mein Gewerb, mein Weib so zu verlassen! Ach! die Erinnerung tödtet mich. Vergäb' sie mir nur noch in diesem Leben! --

_Marthe_ weinend.

Der gute Mann! ich hab' ihm längst vergeben.

_Mephistopheles._

Allein, weiß Gott! sie war mehr Schuld als ich.

_Marthe._

Das lügt er! Was! am Rand des Grab's zu lügen!

_Mephistopheles._

Er fabelte gewiß in letzten Zügen, Wenn ich nur halb ein Kenner bin. Ich hatte, sprach er, nicht zum Zeitvertreib zu gaffen, Erst Kinder, und dann Brot für sie zu schaffen, Und Brot im allerweit'sten Sinn, Und konnte nicht einmal mein Theil in Frieden essen.

_Marthe._

Hat er so aller Treu', so aller Lieb' vergessen, Der Plackerey bey Tag und Nacht!

_Mephistopheles._

Nicht doch, er hat euch herzlich dran gedacht. Er sprach: Als ich nun weg von Malta ging, Da betet' ich für Frau und Kinder brünstig; Uns war denn auch der Himmel günstig, Daß unser Schiff ein Türkisch Fahrzeug fing, Das einen Schatz des großen Sultans führte. Da ward der Tapferkeit ihr Lohn, Und ich empfing denn auch, wie sich's gebührte, Mein wohlgemess'nes Theil davon.

_Marthe._

Ey wie? Ey wo? Hat er's vielleicht vergraben?

_Mephistopheles._

Wer weiß, wo nun es die vier Winde haben. Ein schönes Fräulein nahm sich seiner an, Als er in Napel fremd umher spazirte; Sie hat an ihm viel Lieb's und Treu's gethan, Daß er's bis an sein selig Ende spürte.

_Marthe._

Der Schelm! der Dieb an seinen Kindern! Auch alles Elend, alle Noth Konnt' nicht sein schändlich Leben hindern!

_Mephistopheles._

Ja seht! dafür ist er nun todt. Wär' ich nun jetzt an eurem Platze; Betraurt' ich ihn ein züchtig Jahr, Visirte dann unterweil' nach einem neuen Schatze.

_Marthe._

Ach Gott! wie doch mein erster war, Find' ich nicht leicht auf dieser Welt den andern! Es konnte kaum ein herziger Närrchen seyn. Er liebte nur das allzuviele Wandern, Und fremde Weiber, und fremden Wein, Und das verfluchte Würfelspiel.

_Mephistopheles._

Nun, nun, so konnt' es gehn und stehen, Wenn er euch ungefähr so viel Von seiner Seite nachgesehen. Ich schwör' euch zu, mit dem Beding Wechselt' ich selbst mit euch den Ring!

_Marthe._

O es beliebt dem Herrn zu scherzen!

_Mephistopheles_ für sich.

Nun mach' ich mich bey Zeiten fort! Die hielte wohl den Teufel selbst beym Wort.

(zu Gretchen.)

Wie steht es denn mit Ihrem Herzen?

_Margarete._

Was meint der Herr damit?

_Mephistopheles_ für sich.

Du gut's, unschuldig's Kind!

(Laut.)

Lebt wohl ihr Frauen!

_Margarete._

Lebt wohl!

_Marthe._

O sagt mir doch geschwind! Ich möchte gern ein Zeugniß haben, Wo, wie und wann mein Schatz gestorben und begraben. Ich bin von je der Ordnung Freund gewesen, Möcht' ihn auch todt im Wochenblättchen lesen.

_Mephistopheles._

Ja, gute Frau, durch zweyer Zeugen Mund Wird allerwegs die Wahrheit kund; Habe noch gar einen feinen Gesellen, Den will ich euch vor den Richter stellen. Ich bring' ihn her.

_Marthe._

O thut das ja!

_Mephistopheles._

Und hier die Jungfrau ist auch da? -- Ein braver Knab'! ist viel gereis't, Fräuleins alle Höflichkeit erweis't.

_Margarete._

Müßte vor dem Herren schamroth werden.

_Mephistopheles._

Vor keinem Könige der Erden.

_Marthe._

Da hinter'm Haus in meinem Garten Wollen wir der Herrn heut' Abend warten.

_Straße._

_Faust. Mehpistopheles._

_Faust._

Wie ist's? Will's fördern? Will's bald gehn?

_Mephistopheles._

Ah bravo! Find' ich euch in Feuer? In kurzer Zeit ist Gretchen euer. Heut' Abend sollt ihr sie bey Nachbar' Marthen sehn: Das ist ein Weib wie auserlesen Zum Kuppler- und Zigeunerwesen!

_Faust._

So recht!

_Mephistopheles._

Doch wird auch was von uns begehrt.

_Faust._

Ein Dienst ist wohl des andern werth.

_Mephistopheles._

Wir legen nur ein gültig Zeugniß nieder, Daß ihres Ehherrn ausgereckte Glieder In Padua an heil'ger Stätte ruhn.

_Faust._

Sehr klug! Wir werden erst die Reise machen müssen!

_Mephistopheles._

#Sancta Simplicitas#! darum ist's nicht zu thun; Bezeugt nur ohne viel zu wissen.

_Faust._

Wenn Er nichts bessers hat, so ist der Plan zerrissen.

_Mephistopheles._

O heil'ger Mann! Da wär't ihr's nun! Ist es das erstemal in eurem Leben, Daß ihr falsch Zeugniß abgelegt? Habt ihr von Gott, der Welt und was sich d'rin bewegt, Vom Menschen, was sich ihm in Kopf und Herzen regt, Definitionen nicht mit großer Kraft gegeben? Mit frecher Stirne, kühner Brust? Und wollt ihr recht in's Innre gehen, Habt ihr davon, ihr müßt es g'rad' gestehen, So viel als von Herrn Schwerdleins Tod gewußt!

_Faust._

Du bist und bleibst ein Lügner, ein Sophiste.

_Mephistopheles._

Ja, wenn man's nicht ein Bißchen tiefer wüßte. Denn morgen wirst in allen Ehren Das arme Gretchen nicht bethören, Und alle Seelenlieb' ihr schwören?

_Faust._

Und zwar von Herzen.

_Mephistopheles._

Gut und schön! Dann wird von ewiger Treu' und Liebe, Von einzig überallmächt'gem Triebe -- Wird das auch so von Herzen gehn?

_Faust._

Laß das! Es wird! -- Wenn ich empfinde, Für das Gefühl, für das Gewühl Nach Namen suche, keinen finde, Dann durch die Welt mit allen Sinnen schweife, Nach allen höchsten Worten greife, Und diese Gluth, von der ich brenne, Unendlich, ewig, ewig nenne, Ist das ein teuflisch Lügenspiel?

_Mephistopheles._

Ich hab' doch Recht!

_Faust._

Hör'! merk' dir dieß -- Ich bitte dich, und schone meine Lunge -- Wer Recht behalten will und hat nur eine Zunge, Behält's gewiß. Und komm', ich hab' des Schwätzens Ueberdruß, Denn du hast Recht, vorzüglich weil ich muß.

_Garten._

_Margarete_ an _Faustens_ Arm, _Marthe_ mit _Mephistopheles_ auf und ab spazirend.

_Margarete._

Ich fühl' es wohl, daß mich der Herr nur schont, Herab sich läßt, mich zu beschämen. Ein Reisender ist so gewohnt Aus Gütigkeit fürlieb zu nehmen, Ich weiß zu gut, daß solch' erfahrnen Mann Mein arm Gespräch nicht unterhalten kann.

_Faust._

Ein Blick von dir, Ein Wort mehr unterhält, Als alle Weisheit dieser Welt.

(Er küßt ihre Hand.)

_Margarete._

Incommodirt euch nicht! Wie könnt ihr sie nur küssen? Sie ist so garstig, ist so rauh! Was hab' ich nicht schon alles schaffen müssen! Die Mutter ist gar zu genau.

(Gehn vorüber.)

_Marthe._

Und ihr, mein Herr, ihr reis't so immer fort?

_Mephistopheles._

Ach, daß Gewerb' und Pflicht uns dazu treiben! Mit wie viel Schmerz verläßt man manchen Ort, Und darf doch nun einmal nicht bleiben!

_Marthe._

In raschen Jahren geht's wohl an, So um und um frey durch die Welt zu streifen; Doch kömmt die böse Zeit heran, Und sich als Hagestolz allein zum Grab' zu schleifen, Das hat noch keinem wohl gethan.

_Mephistopheles._

Mit Grausen seh' ich das von weiten.

_Marthe._

Drum, werther Herr, berathet euch in Zeiten.

(Gehn vorüber.)

_Margarete._

Ja, aus den Augen aus dem Sinn! Die Höflichkeit ist euch geläufig; Allein ihr habt der Freunde häufig, Sie sind verständiger als ich bin.

_Faust._

O Beste! glaube, was man so verständig nennt, Ist oft mehr Eitelkeit und Kurzsinn.

_Margarete._

Wie?

_Faust._

Ach, daß die Einfalt, daß die Unschuld nie Sich selbst und ihren heil'gen Werth erkennt! Daß Demuth, Niedrigkeit, die höchsten Gaben Der liebevoll austheilenden Natur --

_Margarete._

Denkt ihr an mich ein Augenblickchen nur, Ich werde Zeit genug an euch zu denken haben.

_Faust._

Ihr seyd wohl viel allein?

_Margarete._

Ja, unsre Wirthschaft ist nur klein, Und doch will sie versehen seyn. Wir haben keine Magd; muß kochen, fegen, stricken Und nähn, und laufen früh und spat; Und meine Mutter ist in allen Stücken So accurat! Nicht daß sie just so sehr sich einzuschränken hat; Wir könnten uns weit eh'r als andre regen: Mein Vater hinterließ ein hübsch Vermögen, Ein Häuschen und ein Gärtchen vor der Stadt. Doch hab' ich jetzt so ziemlich stille Tage; Mein Bruder ist Soldat, Mein Schwesterchen ist todt. Ich hatte mit dem Kind wohl meine liebe Noth; Doch übernähm' ich gern noch einmal alle Plage, So lieb war mir das Kind.

_Faust._

Ein Engel, wenn dir's glich.

_Margarete._

Ich zog es auf, und herzlich liebt' es mich. Es war nach meines Vaters Tod geboren. Die Mutter gaben wir verloren, So elend wie sie damals lag, Und sie erholte sich sehr langsam, nach und nach. Da konnte sie nun nicht d'ran denken Das arme Würmchen selbst zu tränken, Und so erzog ich's ganz allein, Mit Milch und Wasser; so ward's mein. Auf meinem Arm, in meinem Schoos War's freundlich, zappelte, ward groß.

_Faust._

Du hast gewiß das reinste Glück empfunden.

_Margarete._

Doch auch gewiß gar manche schwere Stunden. Des Kleinen Wiege stand zu Nacht An meinem Bett', es durfte kaum sich regen, War ich erwacht; Bald mußt' ich's tränken, bald es zu mir legen, Bald, wenn's nicht schwieg, vom Bett' aufstehn, Und tänzelnd in der Kammer auf und nieder gehn, Und früh am Tage schon am Waschtrog stehn; Dann auf dem Markt und an dem Herde sorgen, Und immer fort wie heut so morgen. Da geht's, mein Herr, nicht immer muthig zu; Doch schmeckt dafür das Essen, schmeckt die Ruh.

(Gehn vorüber.)

_Marthe._

Die armen Weiber sind doch übel dran: Ein Hagestolz ist schwerlich zu bekehren.

_Mephistopheles._

Es käme nur auf eures gleichen an, Mich eines bessern zu belehren.

_Marthe._

Sagt g'rad', mein Herr, habt ihr noch nichts gefunden? Hat sich das Herz nicht irgendwo gebunden?

_Mephistopheles._

Das Sprichwort sagt: Ein eigner Herd, Ein braves Weib, sind Gold und Perlen werth.

_Marthe._

Ich meine, ob ihr niemals Lust bekommen?

_Mephistopheles._

Man hat mich überall recht höflich aufgenommen.

_Marthe._

Ich wollte sagen: ward's nie Ernst in eurem Herzen?

_Mephistopheles._

Mit Frauen soll man sich nie unterstehn zu scherzen.

_Marthe._

Ach, ihr versteht mich nicht!

_Mephistopheles._

Das thut mir herzlich leid! Doch ich versteh' -- daß ihr sehr gütig seyd.

(Gehn vorüber.)

_Faust._

Du kanntest mich, o kleiner Engel, wieder, Gleich als ich in den Garten kam?

_Margarete._

Saht ihr es nicht? ich schlug die Augen nieder.

_Faust._

Und du verzeihst die Freyheit, die ich nahm? Was sich die Frechheit unterfangen, Als du jüngst aus dem Dom gegangen.

_Margarete._

Ich war bestürzt, mir war das nie geschehn; Es konnte niemand von mir übels sagen. Ach, dacht' ich, hat er in deinem Betragen Was freches, unanständiges gesehn? Es schien ihn gleich nur anzuwandeln, Mit dieser Dirne g'rade hin zu handeln. Gesteh' ich's doch! Ich wußte nicht was sich Zu eurem Vortheil hier zu regen gleich begonnte; Allein gewiß, ich war recht bös' auf mich, Daß ich auf euch nicht böser werden konnte.

_Faust._

Süß Liebchen!

_Margarete._

Laßt einmal!

(Sie pflückt eine Sternblume und zupft die Blätter ab, eins nach dem andern.)

_Faust._

Was soll das? Einen Strauß?

_Margarete._

Nein, es soll nur ein Spiel.

_Faust._

Wie?

_Margarete._

Geht! ihr lacht mich aus.

(Sie rupft und murmelt.)

_Faust._

Was murmelst du?

_Margarete_ halb laut.

Er liebt mich -- liebt mich nicht.

_Faust._

Du holdes Himmels-Angesicht!

_Margarete_ fährt fort.

Liebt mich -- Nicht -- Liebt mich -- Nicht --

(Das lezte[letzte] Blatt ausrupfend, mit holder Freude.)

Er liebt mich!

_Faust._

Ja, mein Kind! Laß dieses Blumenwort Dir Götter-Ausspruch seyn. Er liebt dich! Verstehst du, was das heißt? Er liebt dich!

(Er faßt ihre beyden Hände.)

_Margarete._

Mich überläuft's!

_Faust._

O schaudre nicht! Laß diesen Blick, Laß diesen Händedruck dir sagen, Was unaussprechlich ist: Sich hinzugeben ganz und eine Wonne Zu fühlen, die ewig seyn muß! Ewig! -- Ihr Ende würde Verzweiflung seyn. Nein, kein Ende! Kein Ende!

_Margarete_

(drückt ihm die Hände, macht sich los und läuft weg. Er steht einen Augenblick in Gedanken, dann folgt er ihr.)

_Marthe_ kommend.

Die Nacht bricht an.

_Mephistopheles._

Ja, und wir wollen fort.

_Marthe._

Ich bät' euch länger hier zu bleiben, Allein es ist ein gar zu böser Ort. Es ist als hätte niemand nichts zu treiben Und nichts zu schaffen, Als auf des Nachbarn Schritt und Tritt zu gaffen, Und man kommt in's Gered', wie man sich immer stellt. Und unser Pärchen?

_Mephistopheles._

Ist den Gang dort aufgeflogen. Muthwill'ge Sommervögel!

_Marthe._

Er scheint ihr gewogen.

_Mephistopheles._

Und sie ihm auch. Das ist der Lauf der Welt.

_Ein Gartenhäuschen._

_Margarete_ springt herein, steckt sich hinter die Thür, hält die Fingerspitze an die Lippen, und guckt durch die Ritze.

_Margarete._

Er kommt!

_Faust_ kommt.

Ach Schelm, so neckst du mich! Treff' ich dich!

(Er küßt sie.)

_Margarete._

(ihn fassend und den Kuß zurück gebend.)

Bester Mann! von Herzen lieb' ich dich!

_Mephistopheles_ klopft an.

_Faust_ stampfend.

Wer da?

_Mephistopheles._

Gut Freund!

_Faust._

Ein Thier!

_Mephistopheles._

Es ist wohl Zeit zu scheiden.

_Marthe_ kommt.

Ja, es ist spät, mein Herr.

_Faust._

Darf ich euch nicht geleiten?

_Margarete._

Die Mutter würde mich -- Lebt wohl!

_Faust._

Muß ich denn gehn? Lebt wohl!

_Marthe._

Ade!

_Margarete._

Auf baldig Wiedersehn!

(Faust und Mephistopheles ab.)

_Margarete._

Du lieber Gott! was so ein Mann Nicht alles alles denken kann! Beschämt nur steh' ich vor ihm da, Und sag' zu allen Sachen ja. Bin doch ein arm unwissend Kind, Begreife nicht was er an mir find't.

(ab.)

_Wald und Höhle._

_Faust_ allein.

Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst Dein Angesicht im Feuer zugewendet. Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich, Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur, Vergönnest mir in ihre tiefe Brust, Wie in den Busen eines Freund's, zu schauen. Du führst die Reihe der Lebendigen Vor mir vorbey, und lehrst mich meine Brüder Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen. Und wenn der Sturm im Walde braus't und knarrt, Die Riesenfichte, stürzend, Nachbaräste Und Nachbarstämme, quetschend, nieder streift, Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert; Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust Geheime tiefe Wunder öffnen sich. Und steigt vor meinem Blick der reine Mond Besänftigend herüber; schweben mir Von Felsenwänden, aus dem feuchten Busch, Der Vorwelt silberne Gestalten auf, Und lindern der Betrachtung strenge Lust.

O daß dem Menschen nichts Vollkomm'nes wird, Empfind' ich nun. Du gabst zu dieser Wonne, Die mich den Göttern nah' und näher bringt, Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr Entbehren kann, wenn er gleich, kalt und frech, Mich vor mir selbst erniedrigt, und zu Nichts, Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt. Er facht in meiner Brust ein wildes Feuer Nach jenem schönen Bild geschäftig an. So tauml' ich von Begierde zu Genuß, Und im Genuß verschmacht' ich nach Begierde.

_Mephistopheles_ tritt auf.

_Mephistopheles._

Habt ihr nun bald das Leben g'nug geführt? Wie kann's euch in die Länge freuen? Es ist wohl gut, daß man's einmal probirt; Dann aber wieder zu was neuen!

_Faust._

Ich wollt', du hättest mehr zu thun, Als mich am guten Tag zu plagen.

_Mephistopheles._

Nun nun! ich laß' dich gerne ruhn, Du darfst mir's nicht im Ernste sagen. An dir Gesellen unhold, barsch und toll, Ist wahrlich wenig zu verlieren. Den ganzen Tag hat man die Hände voll! Was ihm gefällt und was man lassen soll, Kann man dem Herrn nie an der Nase spüren.

_Faust._

Das ist so just der rechte Ton! Er will noch Dank, daß er mich ennüyirt.

_Mephistopheles._

Wie hätt'st du, armer Erdensohn, Dein Leben ohne mich geführt? Vom Kribskrabs der Imagination Hab' ich dich doch auf Zeiten lang curirt; Und wär' ich nicht, so wär'st du schon Von diesem Erdball abspazirt. Was hast du da in Höhlen, Felsenritzen Dich wie ein Schuhu zu versitzen? Was schlurfst aus dumpfem Moos und triefendem Gestein, Wie eine Kröte, Nahrung ein? Ein schöner, süßer Zeitvertreib! Dir steckt der Doctor noch im Leib.

_Faust._

Verstehst du, was für neue Lebenskraft Mir dieser Wandel in der Oede schafft? Ja, würdest du es ahnden können, Du wärest Teufel g'nug mein Glück mir nicht zu gönnen.

_Mephistopheles._

Ein überirdisches Vergnügen! In Nacht und Thau auf den Gebirgen liegen, Und Erd und Himmel wonniglich umfassen, Zu einer Gottheit sich aufschwellen lassen, Der Erde Mark mit Ahndungsdrang durchwühlen, Alle sechs Tagewerk' im Busen fühlen, In stolzer Kraft ich weiß nicht was genießen, Bald liebewonniglich in alles überfließen, Verschwunden ganz der Erdensohn, Und dann die hohe Intuition --

(Mit einer Geberde.)

Ich darf nicht sagen wie -- zu schließen.

_Faust._

Pfuy über dich!

_Mephistopheles._

Das will euch nicht behagen; Ihr habt das Recht gesittet pfuy zu sagen. Man darf das nicht vor keuschen Ohren nennen, Was keusche Herzen nicht entbehren können. Und kurz und gut, ich gönn' Ihm das Vergnügen, Gelegentlich sich etwas vorzulügen; Doch lange hält Er das nicht aus. Du bist schon wieder abgetrieben, Und, währt es länger, aufgerieben In Tollheit oder Angst und Graus. Genug damit! dein Liebchen sitzt dadrinne, Und alles wird ihr eng' und trüb'. Du kommst ihr gar nicht aus dem Sinne, Sie hat dich übermächtig lieb. Erst kam deine Liebeswuth übergeflossen, Wie vom geschmolznen Schnee ein Bächlein übersteigt; Du hast sie ihr in's Herz gegossen, Nun ist dein Bächlein wieder seicht. Mich dünkt, anstatt in Wäldern zu thronen, Ließ es dem großen Herren gut, Das arme affenjunge Blut Für seine Liebe zu belohnen. Die Zeit wird ihr erbärmlich lang; Sie steht am Fenster, sieht die Wolken ziehn Ueber die alte Stadtmauer hin. Wenn ich ein Vöglein wär'! so geht ihr Gesang Tagelang, halbe Nächte lang. Einmal ist sie munter, meist betrübt, Einmal recht ausgeweint, Dann wieder ruhig, wie's scheint, Und immer verliebt.

_Faust._

Schlange! Schlange!

_Mephistopheles_ für sich.

Gelt! daß ich dich fange!

_Faust._

Verruchter! hebe dich von hinnen, Und nenne nicht das schöne Weib! Bring' die Begier zu ihrem süßen Leib Nicht wieder vor die halb verrückten Sinnen!

_Mephistopheles._

Was soll es denn? Sie meint, du seyst entfloh'n, Und halb und halb bist du es schon.

_Faust._

Ich bin ihr nah', und wär' ich noch so fern, Ich kann sie nie vergessen, nie verlieren; Ja, ich beneide schon den Leib des Herrn, Wenn ihre Lippen ihn indeß berühren.

_Mephistopheles._

Gar wohl, mein Freund! Ich hab' euch oft beneidet Um's Zwillingspaar, das unter Rosen weidet.

_Faust._

Entfliehe, Kuppler!

_Mephistopheles._

Schön! Ihr schimpft und ich muß lachen. Der Gott, der Bub' und Mädchen schuf, Erkannte gleich den edelsten Beruf, Auch selbst Gelegenheit zu machen. Nur fort, es ist ein großer Jammer! Ihr sollt in eures Liebchens Kammer, Nicht etwa in den Tod.

_Faust._

Was ist die Himmelsfreud' in ihren Armen? Laß mich an ihrer Brust erwarmen! Fühl' ich nicht immer ihre Noth? Bin ich der Flüchtling nicht? der Unbehaus'te? Der Unmensch ohne Zweck und Ruh? Der wie ein Wassersturz von Fels zu Felsen braus'te Begierig wüthend nach dem Abgrund zu. Und seitwärts sie, mit kindlich dumpfen Sinnen, Im Hüttchen auf dem kleinen Alpenfeld, Und all ihr häusliches Beginnen Umfangen in der kleinen Welt. Und ich, der Gottverhaßte, hatte nicht genug, Daß ich die Felsen faßte Und sie zu Trümmern schlug! Sie, ihren Frieden mußt' ich untergraben! Du, Hölle, mußtest dieses Opfer haben! Hilf, Teufel, mir die Zeit der Angst verkürzen, Was muß geschehn, mag's gleich geschehn! Mag ihr Geschick auf mich zusammenstürzen Und sie mit mir zu Grunde gehn!

_Mephistopheles._

Wie's wieder siedet, wieder glüht! Geh' ein und tröste sie, du Thor! Wo so ein Köpfchen keinen Ausgang sieht, Stellt er sich gleich das Ende vor. Es lebe wer sich tapfer hält! Du bist doch sonst so ziemlich eingeteufelt. Nichts abgeschmackters find' ich auf der Welt, Als einen Teufel der verzweifelt.

_Gretchens Stube._

_Gretchen_

am Spinnrade allein.