Faust: Eine Tragödie [erster Teil]
Chapter 5
Auf einem niedrigen Herde steht ein großer Kessel über dem Feuer. In dem Dampfe, der davon in die Höhe steigt, zeigen sich verschiedne Gestalten. _Eine Meerkatze_ sitzt bey dem Kessel und schäumt ihn, und sorgt daß er nicht überläuft. _Der Meerkater_ mit den Jungen sitzt darneben und wärmt sich. Wände und Decke sind mit dem seltsamsten Hexenhausrath ausgeschmückt.
_Faust. Mephistopheles._
_Faust._
Mir widersteht das tolle Zauberwesen! Versprichst du mir, ich soll genesen, In diesem Wust von Raserey? Verlang' ich Rath von einem alten Weibe? Und schafft die Sudelköcherey Wohl dreyßig Jahre mir vom Leibe? Weh mir, wenn du nichts bessers weißt! Schon ist die Hoffnung mir verschwunden. Hat die Natur und hat ein edler Geist Nicht irgend einen Balsam ausgefunden?
_Mephistopheles._
Mein Freund, nun sprichst du wieder klug! Doch[Dich] zu verjüngen, gibt's auch ein natürlich Mittel; Allein es steht in einem andern Buch, Und ist ein wunderlich Capitel.
_Faust._
Ich will es wissen.
_Mephistopheles._
Gut! Ein Mittel, ohne Geld Und Arzt und Zauberey, zu haben: Begib dich gleich hinaus aufs Feld, Fang' an zu hacken und zu graben, Erhalte dich und deinen Sinn In einem ganz beschränkten Kreise, Ernähre dich mit ungemischter Speise, Leb' mit dem Vieh als Vieh, und acht' es nicht für Raub, Den Acker, den du ärndest, selbst zu düngen; Das ist das beste Mittel, glaub', Auf achtzig Jahr dich zu verjüngen!
_Faust._
Das bin ich nicht gewöhnt, ich kann mich nicht bequemen[,] Den Spaten in die Hand zu nehmen, Das enge Leben steht mir gar nicht an.
_Mephistopheles._
So muß denn doch die Hexe dran.
_Faust._
Warum denn just das alte Weib? Kannst du den Trank nicht selber brauen?
_Mephistopheles._
Das wär' ein schöner Zeitvertreib! Ich wollt' indeß wohl tausend Brücken bauen. Nicht Kunst und Wissenschaft allein, Geduld will bey dem Werke seyn. Ein stiller Geist ist Jahre lang geschäftig, Die Zeit nur macht die feine Gährung kräftig. Und alles was dazu gehört Es sind gar wunderbare Sachen! Der Teufel hat sie's zwar gelehrt; Allein der Teufel kann's nicht machen.
(Die Thiere erblickend.)
Sieh, welch ein zierliches Geschlecht! Das ist die Magd! das ist der Knecht!
(Zu den Thieren.)
Es scheint, die Frau ist nicht zu Hause?
_Die Thiere._
Beym Schmause, Aus dem Haus Zum Schornstein hinaus!
_Mephistopheles._
Wie lange pflegt sie wohl zu schwärmen?
_Die Thiere._
So lange wir uns die Pfoten wärmen.
_Mephistopheles_ zu Faust.
Wie findest du die zarten Thiere?
_Faust._
So abgeschmackt, als ich nur jemand sah!
_Mephistopheles._
Nein, ein Discours wie dieser da, Ist g'rade der, den ich am liebsten führe!
(Zu den Thieren.)
So sagt mir doch, verfluchte Puppen! Was quirlt ihr in dem Brey herum?
_Thiere._
Wir kochen breite Bettelsuppen.
_Mephistopheles._
Da habt ihr ein groß Publicum.
_Der Kater_
(macht sich herbey und schmeichelt dem Mephistopheles.)
O würfle nur gleich, Und mache mich reich, Und laß mich gewinnen! Gar schlecht ist's bestellt, Und wär' ich bey Geld, So wär' ich bey Sinnen.
_Mephistopheles._
Wie glücklich würde sich der Affe schätzen, Könnt' er nur auch in's Lotto setzen!
(Indessen haben die jungen Meerkätzchen mit einer großen Kugel gespielt und rollen sie hervor.)
_Der Kater._
Das ist die Welt; Sie steigt und fällt Und rollt beständig; Sie klingt wie Glas; Wie bald bricht das? Ist hohl inwendig, Hier glänzt sie sehr, Und hier noch mehr, Ich bin lebendig! Mein lieber Sohn, Halt dich davon! Du mußt sterben! Sie ist von Thon, Es giebt Scherben.
_Mephistopheles._
Was soll das Sieb?
_Der Kater_ holt es herunter.
Wärst du ein Dieb, Wollt' ich dich gleich erkennen.
(Er läuft zur Kätzinn und läßt sie durchsehen.)
Sieh durch das Sieb! Erkennst du den Dieb, Und darfst ihn nicht nennen?
_Mephistopheles_ sich dem Feuer nähernd.
Und dieser Topf?
_Kater und Kätzinn._
Der alberne Tropf! Er kennt nicht den Topf, Er kennt nicht den Kessel!
_Mephistopheles._
Unhöfliches Thier!
_Der Kater._
Den Wedel nimm hier, Und setz' dich in Sessel!
(Er nöthigt den Mephistopheles zu sitzen.)
_Faust._
(welcher diese Zeit über vor einem Spiegel gestanden, sich ihm bald genähert, bald sich von ihm entfernt hat.)
Was seh' ich? Welch ein himmlisch Bild Zeigt sich in diesem Zauberspiegel! O Liebe, leihe mir den schnellsten deiner Flügel, Und führe mich in ihr Gefild! Ach wenn ich nicht auf dieser Stelle bleibe, Wenn ich es wage nah' zu gehn, Kann ich sie nur als wie im Nebel sehn! -- Das schönste Bild von einem Weibe! Ist's möglich, ist das Weib so schön? Muß' ich an diesem hingestreckten Leibe Den Inbegriff von allen Himmeln sehn? So etwas findet sich auf Erden?
_Mephistopheles._
Natürlich, wenn ein Gott sich erst sechs Tage plagt, Und selbst am Ende Bravo sagt, Da muß es was gescheidtes werden. Für dießmal sieh dich immer satt; Ich weiß dir so ein Schätzchen auszuspüren, Und selig wer das gute Schicksal hat, Als Bräutigam sie heim zu führen!
(Faust sieht immerfort in den Spiegel. Mephistopheles, sich in dem Sessel dehnend und mit dem Wedel spielend, fährt fort zu sprechen.)
Hier sitz' ich wie der König auf dem Throne, Den Zepter halt' ich hier, es fehlt nur noch die Krone.
_Die Thiere._
(welche bisher allerley wunderliche Bewegungen durch einander gemacht haben, bringen dem Mephistopheles eine Krone mit großem Geschrey.)
O sey doch so gut, Mit Schweiß und mit Blut Die Krone zu leimen!
(Sie gehn ungeschickt mit der Krone um und zerbrechen sie in zwey Stücke, mit welchen sie herumspringen.)
Nun ist es geschehn! Wir reden und sehn, Wir hören und reimen;
_Faust_ gegen den Spiegel.
Weh mir! ich werde schier verrückt.
_Mephistopheles_ auf die Thiere deutend.
Nun fängt mir an fast selbst der Kopf zu schwanken.
_Die Thiere._
Und wenn es uns glückt, Und wenn es sich schickt, So sind es Gedanken!
_Faust_ wie oben.
Mein Busen fängt mir an zu brennen! Entfernen wir uns nur geschwind!
_Mephistopheles_ in obiger Stellung.
Nun, wenigstens muß man bekennen, Daß es aufrichtige Poeten sind.
(Der Kessel, welchen die Kätzinn bisher ausser Acht gelassen, fängt an überzulaufen; es entsteht eine grosse Flamme, welche zum Schornstein hinaus schlägt. _Die Hexe_ kommt durch die Flamme mit entsetzlichem Geschrey herunter gefahren.)
_Die Hexe._
Au! Au! Au! Au! Verdammtes Thier! verfluchte Sau! Versäumst den Kessel, versengst die Frau! Verfluchtes Thier!
(Faust und Mephistopheles erblickend.)
Was ist das hier? Wer seyd ihr hier? Was wollt ihr da? Wer schlich sich ein? Die Feuerpein Euch in's Gebein!
(Sie fährt mit dem Schaumlöffel in den Kessel, und spritzt Flammen nach Faust, Mephistopheles und den Thieren. Die Thiere winseln.)
_Mephistopheles._
(welcher den Wedel, den er in der Hand hält, umkehrt, und unter die Gläser und Töpfe schlägt.)
Entzwey! entzwey! Da liegt der Brey! Da liegt das Glas! Es ist nur Spaß, Der Tact, du Aas, Zu deiner Melodey.
(Indem die Hexe voll Grimm und Entsetzen zurücktritt.)
Erkennst du mich? Gerippe! Scheusal du! Erkennst du deinen Herrn und Meister? Was hält mich ab, so schlag' ich zu, Zerschmettre dich und deine Katzen-Geister! Hast du vor'm rothen Wamms nicht mehr Respect? Kannst du die Hahnenfeder nicht erkennen? Hab' ich dieß Angesicht versteckt? Soll ich mich etwa selber nennen?
_Die Hexe._
O Herr, verzeiht den rohen Gruß! Sah' ich doch keinen Pferdefuß. Wo sind denn eure beyden Raben?
_Mephistopheles._
Für dießmal kamst du so davon; Denn freylich ist es eine Weile schon, Daß wir uns nicht gesehen haben. Auch die Cultur, die alle Welt beleckt, Hat auf den Teufel sich erstreckt; Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen, Wo siehst du Hörner, Schweif und Klauen? Und was den Fuß betrifft, den ich nicht missen kann, Der würde mir bey Leuten schaden; Darum bedien' ich mich, wie mancher junge Mann, Seit vielen Jahren falscher Waden.
_Die Hexe_ tanzend.
Sinn und Verstand verlier' ich schier, Seh' ich den Junker Satan wieder hier!
_Mephistopheles._
Den Nahmen, Weib, verbitt' ich mir!
_Die Hexe._
Warum? Was hat er euch gethan?
_Mephistopheles._
Er ist schon lang' in's Fabelbuch geschrieben; Allein die Menschen sind nichts besser dran, Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben. Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut; Ich bin ein Cavalier, wie andre Cavaliere. Du zweifelst nicht an meinem edlen Blut; Sieh her, das ist das Wapen, das ich führe!
(Er macht eine unanständige Gebärde.)
_Die Hexe_ lacht unmäßig.
Ha! Ha! Das ist in eurer Art! Ihr seyd ein Schelm, wie ihr nur immer war't!
_Mephistopheles_ zu Faust.
Mein Freund, das lerne wohl verstehn! Dieß ist die Art mit Hexen umzugehn.
_Die Hexe._
Nun sagt, ihr Herren, was ihr schafft.
_Mephistopheles._
Ein gutes Glas von dem bekannten Saft! Doch muß ich euch um's ält'ste bitten; Die Jahre doppeln seine Kraft.
_Die Hexe._
Gar gern! Hier hab' ich eine Flasche, Aus der ich selbst zuweilen nasche, Die auch nicht mehr im mind'sten stinkt; Ich will euch gern ein Gläschen geben.
(Leise.)
Doch wenn es dieser Mann unvorbereitet trinkt, So kann er, wißt ihr wohl, nicht eine Stunde leben.
_Mephistopheles._
Es ist ein guter Freund, dem es gedeihen soll; Ich gönn' ihm gern das beste deiner Küche. Zieh deinen Kreis, sprich deine Sprüche, Und gieb ihm eine Tasse voll!
_Die Hexe._
(mit seltsamen Geberden, zieht einen Kreis und stellt wunderbare Sachen hinein; indessen fangen die Gläser an zu klingen, die Kessel zu tönen, und machen Musik. Zuletzt bringt sie ein großes Buch, stellt die Meerkatzen in den Kreis, die ihr zum Pult dienen und die Fackel halten müssen. Sie winkt Fausten, zu ihr zu treten.)
_Faust_ zu Mephistopheles.
Nein, sage mir, was soll das werden? Das tolle Zeug, die rasenden Geberden, Der abgeschmackteste Betrug Sind mir bekannt, verhaßt genug.
_Mephistopheles._
Ey Possen! Das ist nur zum Lachen; Sey nur nicht ein so strenger Mann! Sie muß als Arzt ein Hokuspokus machen, Damit der Saft dir wohl gedeihen kann.
(Er nöthigt Fausten in den Kreis zu treten.)
_Die Hexe_ mit großer Emphase fängt an aus dem Buche zu declamiren.
Du mußt verstehn! Aus Eins mach' Zehn, Und Zwey laß gehn, Und Drey mach' gleich, So bist du reich. Verlier' die Vier! Aus Fünf und Sechs, So sagt die Hex', Mach' Sieben und Acht, So ist's vollbracht: Und Neun ist Eins, Und Zehn ist keins. Das ist das Hexen-Einmal-Eins!
_Faust._
Mich dünkt, die Alte spricht im Fieber.
_Mephistopheles._
Das ist noch lange nicht vorüber, Ich kenn' es wohl, so klingt das ganze Buch; Ich habe manche Zeit damit verloren, Denn ein vollkommner Widerspruch Bleibt gleich geheimnißvoll für Kluge wie für Thoren. Mein Freund, die Kunst ist alt und neu. Es war die Art zu allen Zeiten, Durch Drey und Eins, und Eins und Drey Irrthum statt Wahrheit zu verbreiten. So schwätzt und lehrt man ungestört; Wer will sich mit den Narr'n befassen? Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, Es müsse sich dabey doch auch was denken lassen.
_Die Hexe_ fährt fort.
Die hohe Kraft Der Wissenschaft, Der ganzen Welt verborgen! Und wer nicht denkt, Dem wird sie geschenkt, Er hat sie ohne Sorgen.
_Faust._
Was sagt sie uns für Unsinn vor? Es wird mir gleich der Kopf zerbrechen. Mich dünkt, ich hör' ein ganzes Chor Von hundert tausend Narren sprechen.
_Mephistopheles._
Genug, genug, o treffliche Sibylle! Gib deinen Trank herbey, und fülle Die Schale rasch bis an den Rand hinan; Denn meinem Freund wird dieser Trunk nicht schaden: Er ist ein Mann von vielen Graden, Der manchen guten Schluck gethan.
_Die Hexe._
(mit vielen Ceremonien, schenkt den Trank in eine Schale; wie sie Faust an den Mund bringt, entsteht eine leichte Flamme.)
_Mephistopheles._
Nur frisch hinunter! Immer zu! Es wird dir gleich das Herz erfreuen. Bist mit dem Teufel du und du, Und willst dich vor der Flamme scheuen?
_Die Hexe_ lös't den Kreis.
_Faust_ tritt heraus.
_Mephistopheles._
Nun frisch hinaus! Du darfst nicht ruhn.
_Die Hexe._
Mög' euch das Schlückchen wohl behagen!
_Mephistopheles_ zur Hexe.
Und kann ich dir was zu Gefallen thun; So darfst du mir's nur auf Walpurgis sagen.
_Die Hexe._
Hier ist ein Lied! wenn ihr's zuweilen singt, So werdet ihr besondre Würkung spüren.
_Mephistopheles_ zu Faust.
Komm nur geschwind und laß dich führen; Du mußt nothwendig transpiriren, Damit die Kraft durch inn- und äußres dringt. Den edlen Müßiggang lehr' ich hernach dich schätzen, Und bald empfindest du mit innigem Ergetzen, Wie sich Cupido regt und hin und wieder springt.
_Faust._
Laß mich nur schnell noch in den Spiegel schauen! Das Frauenbild war gar zu schön!
_Mephistopheles._
Nein! Nein! Du sollst das Muster aller Frauen Nun bald leibhaftig vor dir seh'n.
Leise.
Du siehst, mit diesem Trank im Leibe, Bald Helenen in jedem Weibe.
_Straße._
_Faust. Margarete_ vorüber gehend.
_Faust._
Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?
_Margarete._
Bin weder Fräulein, weder schön, Kann ungeleitet nach Hause gehn.
(Sie macht sich los und ab.)
_Faust._
Beym Himmel, dieses Kind ist schön! So etwas hab' ich nie gesehn. Sie ist so sitt- und tugendreich, Und etwas schnippisch doch zugleich. Der Lippe Roth, der Wange Licht, Die Tage der Welt vergess' ich's nicht! Wie sie die Augen niederschlägt, Hat tief sich in mein Herz geprägt; Wie sie kurz angebunden war, Das ist nun zum Entzücken gar!
_Mephistopheles_ tritt auf.
_Faust._
Hör, du mußt mir die Dirne schaffen!
_Mephistopheles._
Nun, welche?
_Faust._
Sie ging just vorbey.
_Mephistopheles._
Da die? Sie kam von ihrem Pfaffen, Der sprach sie aller Sünden frey; Ich schlich mich hart am Stuhl vorbey, Es ist ein gar unschuldig Ding, Das eben für nichts zur Beichte ging; Ueber die hab' ich keine Gewalt!
_Faust._
Ist über vierzehn Jahr doch alt.
_Mephistopheles._
Du sprichst ja wie Hans Liederlich, Der begehrt jede liebe Blum' für sich, Und dünkelt ihm, es wär' kein' Ehr' Und Gunst, die nicht zu pflücken wär'; Geht aber doch nicht immer an.
_Faust._
Mein Herr Magister Lobesan, Laß er mich mit dem Gesetz in Frieden! Und das sag' ich ihm kurz und gut, Wenn nicht das süße junge Blut Heut' Nacht in meinen Armen ruht; So sind wir um Mitternacht geschieden.
_Mephistopheles._
Bedenkt was gehn und stehen mag! Ich brauche wenigstens vierzehn Tag' Nur die Gelegenheit auszuspüren.
_Faust._
Hätt' ich nur sieben Stunden Ruh, Brauchte den Teufel nicht dazu, So ein Geschöpfchen zu verführen.
_Mephistopheles._
Ihr sprecht schon fast wie ein Franzos; Doch bitt' ich, laßt's euch nicht verdrießen: Was hilft's nur g'rade zu genießen? Die Freud' ist lange nicht so groß, Als wenn ihr erst herauf, herum, Durch allerley Brimborium, Das Püppchen geknetet und zugericht't, Wie's lehret manche welsche Geschicht'.
_Faust._
Hab' Appetit auch ohne das.
_Mephistopheles._
Jetzt ohne Schimpf und ohne Spaß. Ich sag' euch, mit dem schönen Kind Geht's ein- für allemal nicht geschwind. Mit Sturm ist da nichts einzunehmen; Wir müssen uns zur List bequemen.
_Faust._
Schaff' mir etwas vom Engelsschatz! Führ' mich an ihren Ruheplatz! Schaff' mir ein Halstuch von ihrer Brust, Ein Strumpfband meiner Liebeslust!
_Mephistopheles._
Damit ihr seht, daß ich eurer Pein Will förderlich und dienstlich seyn; Wollen wir keinen Augenblick verlieren, Will euch noch heut' in ihr Zimmer führen.
_Faust._
Und soll sie sehn? sie haben?
_Mephistopheles._
Nein! Sie wird bey einer Nachbarinn seyn. Indessen könnt ihr ganz allein An aller Hoffnung künft'ger Freuden In ihrem Dunstkreis satt euch weiden.
_Faust._
Können wir hin?
_Mephistopheles._
Es ist noch zu früh.
_Faust._
Sorg' du mir für ein Geschenk für sie.
(ab.)
_Mephistopheles._
Gleich schenken? Das ist brav! Da wird er reüssiren! Ich kenne manchen schönen Platz Und manchen alt vergrabnen Schatz, Ich muß ein Bißchen revidiren.
(ab.)
_Abend._
_Ein kleines reinliches Zimmer._
_Margarete._
(ihre Zöpfe flechtend und aufbindend.)
Ich gäb' was drum, wenn ich nur wüßt', Wer heut der Herr gewesen ist! Er sah gewiß recht wacker aus, Und ist aus einem edlen Haus; Das konnt' ich ihm an der Stirne lesen -- Er wär' auch sonst nicht so keck gewesen.
(ab.)
_Mephistopheles. Faust._
_Mephistopheles._
Herein, ganz leise, nur herein!
_Faust_ nach einigem Stillschweigen.
Ich bitte dich, laß mich allein!
_Mephistopheles_ herumspürend.
Nicht jedes Mädchen hält so rein.
(ab.)
_Faust_ (rings aufschauend.)
Willkommen süßer Dämmerschein! Der du dieß Heiligthum durchwebst. Ergreif mein Herz, du süße Liebespein! Die du vom Thau der Hoffnung schmachtend lebst. Wie athmet rings Gefühl der Stille, Der Ordnung, der Zufriedenheit! In dieser Armuth welche Fülle! In diesem Kerker welche Seligkeit!
(Er wirft sich auf den ledernen Sessel am Bette.)
O nimm mich auf! der du die Vorwelt schon Bey Freud' und Schmerz in offnen Arm empfangen! Wie oft, ach! hat an diesem Väter-Thron Schon eine Schaar von Kindern rings gehangen! Vielleicht hat, dankbar für den heil'gen Christ, Mein Liebchen hier, mit vollen Kinderwangen, Dem Ahnherrn fromm die welke Hand geküßt. Ich fühl', o Mädchen, deinen Geist Der Füll' und Ordnung um mich säuseln, Der mütterlich dich täglich unterweis't, Den Teppich auf den Tisch dich reinlich breiten heißt, Sogar den Sand zu deinen Füßen kräuseln. O liebe Hand! so göttergleich! Die Hütte wird durch dich ein Himmelreich. Und hier!
(Er hebt einen Bettvorhang auf.)
Was faßt mich für ein Wonnegraus! Hier möcht' ich volle Stunden säumen. Natur! Hier bildetest in leichten Träumen Den eingebornen Engel aus; Hier lag das Kind! mit warmem Leben Den zarten Busen angefüllt, Und hier mit heilig reinem Weben Entwirkte sich das Götterbild!
Und du! Was hat dich hergeführt? Wie innig fühl' ich mich gerührt! Was willst du hier? Was wird das Herz dir schwer? Armsel'ger Faust! ich kenne dich nicht mehr.
Umgiebt mich hier ein Zauberduft? Mich drang's so g'rade zu genießen, Und fühle mich in Liebestraum zerfließen! Sind wir ein Spiel von jedem Druck der Luft?
Und träte sie den Augenblick herein, Wie würdest du für deinen Frevel büßen! Der große Hans, ach wie so klein! Läg', hingeschmolzen, ihr zu Füßen.
_Mephistopheles._
Geschwind! ich seh' sie unten kommen.
_Faust._
Fort! Fort! Ich kehre nimmermehr!
_Mephistopheles._
Hier ist ein Kästchen leidlich schwer, Ich hab's wo anders hergenommen. Stellt's hier nur immer in den Schrein, Ich schwör' euch, ihr vergehn die Sinnen; Ich that euch Sächelchen hinein, Um eine andre zu gewinnen. Zwar Kind ist Kind und Spiel ist Spiel.
_Faust._
Ich weiß nicht, soll ich?
_Mephistopheles._
Fragt ihr viel? Meint ihr vielleicht den Schatz zu wahren? Dann rath' ich eurer Lüsternheit Die liebe schöne Tageszeit, Und mir die weitre Müh' zu sparen. Ich hoff' nicht daß ihr geitzig seyd! Ich kratz' den Kopf, reib' an den Händen --
(Er stellt das Kästchen in den Schrein und drückt das Schloß wieder zu.)
Nur fort! geschwind! -- Um euch das süße junge Kind Nach Herzens Wunsch und Will' zu wenden; Und ihr seht drein, Als solltet ihr in den Hörsal hinein, Als stünd' leibhaftig vor euch da Physik und Metaphysika! Nur fort! --
(ab.)
_Margarete_ mit einer Lampe.
Es ist so schwül, so dumpfig hie,
(Sie macht das Fenster auf.)
Und ist doch eben so warm nicht drauß'. Es wird mir so, ich weiß' nicht wie -- Ich wollt', die Mutter käm' nach Haus. Mir läuft ein Schauer über'n Leib -- Bin doch ein thöricht furchtsam Weib!
(Sie fängt an zu singen, indem sie sich auszieht.)
Es war ein König in Thule Gar treu bis an das Grab, Dem sterbend seine Buhle Einen goldnen Becher gab.
Es ging ihm nichts darüber, Er leert ihn jeden Schmaus; Die Augen gingen ihm über, So oft er trank daraus.
Und als er kam zu sterben, Zählt' er seine Städt' im Reich, Gönnt' alles seinem Erben, Den Becher nicht zugleich.
Er saß beym Königsmahle, Die Ritter um ihn her, Auf hohem Väter-Saale, Dort auf dem Schloß am Meer.
Dort stand der alte Zecher, Trank letzte Lebensgluth, Und warf den heiligen Becher Hinunter in die Fluth.
Er sah ihn stürzen, trinken Und sinken tief ins Meer, Die Augen thäten ihm sinken, Trank nie einen Tropfen mehr.
(Sie eröffnet den Schrein, ihre Kleider einzuräumen, und erblickt das Schmuckkästchen.)
Wie kommt das schöne Kästchen hier herein? Ich schloß doch ganz gewiß den Schrein. Es ist doch wunderbar! Was mag wohl drinne seyn? Vielleicht bracht's jemand als ein Pfand, Und meine Mutter lieh darauf. Da hängt ein Schlüsselchen am Band, Ich denke wohl, ich mach' es auf! Was ist das? Gott im Himmel! schau, So was hab' ich mein' Tage nicht gesehn! Ein Schmuck! Mit dem könnt' eine Edelfrau Am höchsten Feiertage gehn. Wie sollte mir die Kette stehn? Wem mag die Herrlichkeit gehören?
(Sie putzt sich damit auf und tritt vor den Spiegel.)
Wenn nur die Ohrring' meine wären! Man sieht doch gleich ganz anders drein. Was hilft euch Schönheit, junges Blut? Das ist wohl alles schön und gut, Allein man läßt's auch alles seyn; Man lobt euch halb mit Erbarmen. Nach Golde drängt, Am Golde hängt Doch alles. Ach wir Armen!
_Spazirgang._
_Faust_ in Gedanken auf und ab gehend. Zu ihm _Mephistopheles._
_Mephistopheles._
Bey aller verschmähten Liebe! Beym höllischen Elemente! Ich wollt', ich wüßte 'was ärgers, daß ich's fluchen könnte!
_Faust._
Was hast? was kneipt dich denn so sehr? So kein Gesicht sah' ich in meinem Leben!
_Mephistopheles._
Ich möcht' mich gleich dem Teufel übergeben, Wenn ich nur selbst kein Teufel wär'!
_Faust._
Hat sich dir was im Kopf verschoben? Dich kleidet's, wie ein Rasender zu toben!
_Mephistopheles._
Denkt nur, den Schmuck für Gretchen angeschafft, Den hat ein Pfaff hinweggerafft! -- Die Mutter kriegt das Ding zu schauen, Gleich fängt's ihr heimlich an zu grauen: Die Frau hat gar einen feinen Geruch, Schnuffelt immer im Gebetbuch, Und riecht's einem jeden Möbel an, Ob das Ding heilig ist oder profan; Und an dem Schmuck da spürt sie's klar, Daß dabey nicht viel Segen war. Mein Kind, rief sie, ungerechtes Gut Befängt die Seele, zehrt auf das Blut. Wollen's der Mutter Gottes weihen, Wird uns mit Himmels-Manna erfreuen! Margretlein zog ein schiefes Maul, Ist halt, dacht' sie, ein geschenkter Gaul, Und wahrlich! gottlos ist nicht der, Der ihn so fein gebracht hierher. Die Mutter ließ einen Pfaffen kommen; Der hatte kaum den Spaß vernommen, Ließ sich den Anblick wohl behagen. Er sprach: So ist man recht gesinnt! Wer überwindet der gewinnt. Die Kirche hat einen guten Magen, Hat ganze Länder aufgefressen, Und doch noch nie sich übergessen; Die Kirch' allein, meine lieben Frauen, Kann ungerechtes Gut verdauen.
_Faust._
Das ist ein allgemeiner Brauch, Ein Jud' und König kann es auch.
_Mephistopheles._
Strich drauf ein Spange, Kett' und Ring', Als wären's eben Pfifferling', Dankt' nicht weniger und nicht mehr, Als ob's ein Korb voll Nüsse wär', Versprach ihnen allen himmlischen Lohn -- Und sie waren sehr erbaut davon.
_Faust._
Und Gretchen?
_Mephistopheles._
Sitzt nun unruhvoll, Weiß weder was sie will noch soll, Denkt an's Geschmeide Tag und Nacht, Noch mehr an den, der's ihr gebracht.
_Faust._
Des Liebchens Kummer thut mir leid. Schaff' du ihr gleich ein neu Geschmeid'! Am ersten war ja so nicht viel.
_Mephistopheles._
O ja, dem Herrn ist alles Kinderspiel!
_Faust._
Und mach', und richt's nach meinem Sinn! Häng' dich an ihre Nachbarinn. Sey Teufel doch nur nicht wie Brey, Und schaff' einen neuen Schmuck herbey!
_Mephistopheles._
Ja, gnäd'ger Herr, von Herzen gerne.
(Faust ab.)
_Mephistopheles._
So ein verliebter Thor verpufft Euch Sonne, Mond und alle Sterne Zum Zeitvertreib dem Liebchen in die Luft.
(ab.)
_Der Nachbarinn Haus._
_Marthe_ allein.