Faust: Eine Tragödie [erster Teil]

Chapter 3

Chapter 33,558 wordsPublic domain

_Faust_ mit dem _Pudel_ hereintretend.

Verlassen hab' ich Feld und Auen, Die eine tiefe Nacht bedeckt, Mit ahndungsvollem heil'gem Grauen In uns die bessre Seele weckt. Entschlafen sind nun wilde Triebe, Mit jedem ungestümen Thun; Es reget sich die Menschenliebe, Die Liebe Gottes regt sich nun.

Sey ruhig Pudel! renne nicht hin und wieder! An der Schwelle was schnoperst du hier? Lege dich hinter den Ofen nieder, Mein bestes Kissen geb' ich dir. Wie du draußen auf dem bergigen Wege, Durch Rennen und Springen, ergetzt uns hast, So nimm nun auch von mir die Pflege, Als ein willkommner stiller Gast.

Ach wenn in unsrer engen Zelle Die Lampe freundlich wieder brennt, Dann wird's in unserm Busen helle, Im Herzen, das sich selber kennt. Vernunft fängt wieder an zu sprechen, Und Hoffnung wieder an zu blühn, Man sehnt sich nach des Lebens Bächen, Ach! nach des Lebens Quelle hin.

Knurre nicht Pudel! Zu den heiligen Tönen, Die jetzt meine ganze Seel' umfassen, Will der thierische Laut nicht passen. Wir sind gewohnt, daß die Menschen verhöhnen Was sie nicht verstehn, Daß sie vor dem Guten und Schönen, Das ihnen oft beschwerlich ist, murren; Will es der Hund, wie sie, beknurren[?] Aber ach! schon fühl' ich, bey dem besten Willen, Befriedigung nicht mehr aus dem Busen quillen. Aber warum muß der Strom so bald versiegen, Und wir wieder im Durste liegen? Davon hab' ich so viel Erfahrung. Doch dieser Mangel läßt sich ersetzen, Wir lernen das Ueberirdische schätzen, Wir sehnen uns nach Offenbarung, Die nirgends würd'ger und schöner brennt, Als in dem neuen Testament. Mich drängt's den Grundtext aufzuschlagen, Mit redlichem Gefühl einmal Das heilige Original In mein geliebtes Deutsch zu übertragen.

(Er schlägt ein Volum auf und schickt sich an.)

Geschrieben steht: »im Anfang war das _Wort!_« Hier stock' ich schon! Wer hilft mir weiter fort? Ich kann das _Wort_ so hoch unmöglich schätzen, Ich muß es anders übersetzen, Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin. Geschrieben steht: im Anfang war der _Sinn_. Bedenke wohl die erste Zeile, Daß deine Feder sich nicht übereile! Ist es der _Sinn,_ der alles wirkt und schafft? Es sollte stehn: im Anfang war die _Kraft!_ Doch, auch indem ich dieses niederschreibe, Schon warnt mich was, daß ich dabey nicht bleibe. Mir hilft der Geist! auf einmal seh' ich Rath Und schreibe getrost: im Anfang war die _That!_

Soll ich mit dir das Zimmer theilen, Pudel, so laß das Heulen, So laß das Bellen! Solch einen störenden Gesellen Mag ich nicht in der Nähe leiden. Einer von uns beyden Muß die Zelle meiden. Ungern heb' ich das Gastrecht auf, Die Thür' ist offen, hast freyen Lauf. Aber was muß ich sehen! Kann das natürlich geschehen? Ist es Schatten? ist's Wirklichkeit? Wie wird mein Pudel lang und breit! Er hebt sich mit Gewalt, Das ist nicht eines Hundes Gestalt! Welch ein Gespenst bracht' ich ins Haus! Schon sieht er wie ein Nilpferd aus, Mit feurigen Augen, schrecklichem Gebiß. O! du bist mir gewiß! Für solche halbe Höllenbrut Ist Salomonis Schlüssel gut.

_Geister_ auf dem Gange.

Drinnen gefangen ist einer! Bleibet haußen, folg' ihm keiner! Wie im Eisen der Fuchs, Zagt ein alter Höllenluchs. Aber gebt Acht! Schwebet hin, schwebet wieder, Auf und nieder, Und er hat sich losgemacht. Könnt ihr ihm nützen, Laßt ihn nicht sitzen! Denn er that uns allen Schon viel zu Gefallen.

_Faust._

Erst zu begegnen dem Thiere, Brauch' ich den Spruch der Viere: Salamander soll glühen, Undene sich winden, Silphe verschwinden, Kobold sich mühen.

Wer sie nicht kennte Die Elemente, Ihre Kraft Und Eigenschaft, Wäre kein Meister Ueber die Geister.

Verschwind' in Flammen Salamander! Rauschend fließe zusammen Undene! Leucht' in Meteoren-Schöne Silphe! Bring' häußliche Hülfe #Incubus! incubus!# Tritt hervor und mache den Schluß.

Keines der Viere Steckt in dem Thiere. Es liegt ganz ruhig und grins't mich an, Ich hab' ihm noch nicht weh gethan. Du sollst mich hören Stärker beschwören.

Bist du Geselle Ein Flüchtling der Hölle? So sieh dies Zeichen! Dem sie sich beugen Die schwarzen Schaaren.

Schon schwillt es auf mit borstigen Haaren.

Verworfnes Wesen! Kannst du ihn lesen? Den nie entsprossnen, Unausgesprochnen, Durch alle Himmel gegossnen, Freventlich durchstochnen.

Hinter den Ofen gebannt Schwillt es wie ein Elephant, Den ganzen Raum füllt es an, Es will zum Nebel zerfließen. Steige nicht zur Decke hinan! Lege dich zu des Meisters Füßen! Du siehst daß ich nicht vergebens drohe. Ich versenge dich mit heiliger Lohe! Erwarte nicht Das dreymal glühende Licht! Erwarte nicht Die stärkste von meinen Künsten!

_Mephistopheles_

(tritt, indem der Nebel fällt, gekleidet wie ein fahrender Scholastikus, hinter dem Ofen hervor.)

Wozu der Lärm? was steht dem Herrn zu Diensten?

_Faust._

Das also war des Pudels Kern! Ein fahrender Scolast? Der Casus macht mich lachen.

_Mephistopheles._

Ich salutire den gelehrten Herrn! Ihr habt mich weidlich schwitzen machen.

_Faust._

Wie nennst du dich?

_Mephistopheles._

Die Frage scheint mir klein, Für einen der das Wort so sehr verachtet, Der, weit entfernt von allem Schein, Nur in der Wesen Tiefe trachtet.

_Faust._

Bey euch, ihr Herrn, kann man das Wesen Gewöhnlich aus dem Namen lesen, Wo es sich allzudeutlich weis't, Wenn man euch Fliegengott, Verderber, Lügner heißt. Nun gut wer bist du denn?

_Mephistopheles._

Ein Theil von jener Kraft, Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

_Faust._

Was ist mit diesem Räthselwort gemeynt?

_Mephistopheles._

Ich bin der Geist der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles was entsteht Ist werth daß es zu Grunde geht; Drum besser wär's daß nichts entstünde. So ist denn alles was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, Mein eigentliches Element.

_Faust._

Du nennst dich einen Theil, und stehst doch ganz vor mir?

_Mephistopheles._

Bescheidne Wahrheit sprech' ich dir. Wenn sich der Mensch, die kleine Narrenwelt, Gewöhnlich für ein Ganzes hält; Ich bin ein Theil des Theils, der Anfangs alles war, Ein Theil der Finsterniß, die sich das Licht gebar, Das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht Den alten Rang, den Raum ihr streitig macht, Und doch gelingt's ihm nicht, da es, so viel es strebt, Verhaftet an den Körpern klebt. Von Körpern strömt's, die Körper macht es schön, Ein Körper hemmt's auf seinem Gange, So, hoff' ich, dauert es nicht lange Und mit den Körpern wird's zu Grunde gehn.

_Faust._

Nun kenn' ich deine würd'gen Pflichten! Du kannst im Großen nichts vernichten Und fängst es nun im Kleinen an.

_Mephistopheles._

Und freylich ist nicht viel damit gethan. Was sich dem Nichts entgegenstellt, Das Etwas, diese plumpe Welt, So viel als ich schon unternommen Ich wußte nicht ihr beyzukommen, Mit Wellen, Stürmen, Schütteln, Brand, Geruhig bleibt am Ende Meer und Land! Und dem verdammten Zeug, der Thier- und Menschenbrut, Dem ist nun gar nichts anzuhaben, Wie viele hab' ich schon begraben! Und immer zirkulirt ein neues, frisches Blut. So geht es fort, man möchte rasend werden! Der Luft, dem Wasser, wie der Erden Entwinden tausend Keime sich, Im Trocknen, Feuchten, Warmen, Kalten! Hätt' ich mir nicht die Flamme vorbehalten; Ich hätte nichts apart's für mich.

_Faust._

So setzest du der ewig regen, Der heilsam schaffenden Gewalt Die kalte Teufelsfaust entgegen, Die sich vergebens tückisch ballt! Was anders suche zu beginnen Des Chaos wunderlicher Sohn!

_Mephistopheles._

Wir wollen wirklich uns besinnen, Die nächstenmale mehr davon! Dürft' ich wohl diesmal mich entfernen?

_Faust._

Ich sehe nicht warum du fragst. Ich habe jetzt dich kennen lernen, Besuche nun mich wie du magst. Hier ist das Fenster, hier die Thüre, Ein Rauchfang ist dir auch gewiß.

_Mephistopheles._

Gesteh' ichs nur! daß ich hinausspaziere Verbietet mir ein kleines Hinderniß, Der Drudenfuß auf eurer Schwelle --

_Faust._

Das Pentagramma macht dir Pein? Ey sage mir, du Sohn der Hölle, Wenn das dich bannt, wie kamst du denn herein? Wie ward ein solcher Geist betrogen?

_Mephistopheles._

Beschaut es recht! es ist nicht gut gezogen; Der eine Winkel, der nach außen zu, Ist, wie du siehst, ein wenig offen.

_Faust._

Das hat der Zufall gut getroffen! Und mein Gefangner wärst denn du? Das ist von ohngefähr gelungen!

_Mephistopheles._

Der Pudel merkte nichts als er hereingesprungen, Die Sache sieht jetzt anders aus; Der Teufel kann nicht aus dem Haus.

_Faust._

Doch warum gehst du nicht durchs Fenster?

_Mephistopheles._

's ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster: Wo sie hereingeschlüpft, da müssen sie hinaus. Das erste steht uns frey, beym zweyten sind wir Knechte.

_Faust._

Die Hölle selbst hat ihre Rechte? Das find' ich gut, da ließe sich ein Packt, Und sicher wohl, mit euch ihr Herren schließen?

_Mephistopheles._

Was man verspricht, das sollst du rein genießen, Dir wird davon nichts abgezwackt. Doch das ist nicht so kurz zu fassen, Und wir besprechen das zunächst; Doch jetzo bitt' ich, hoch und höchst, Für diesesmal mich zu entlassen.

_Faust._

So bleibe doch noch einen Augenblick, Um mir erst gute Mähr zu sagen.

_Mephistopheles._

Jetzt laß mich los! ich komme bald zurück, Dann magst du nach Belieben fragen.

_Faust._

Ich habe dir nicht nachgestellt, Bist du doch selbst ins Garn gegangen. Den Teufel halte wer ihn hält! Er wird ihn nicht sobald zum zweytenmale fangen.

_Mephistopheles._

Wenn dir's beliebt, so bin ich auch bereit Dir zur Gesellschaft hier zu bleiben; Doch mit Bedingniß, dir die Zeit, Durch meine Künste, würdig zu vertreiben.

_Faust._

Ich seh' es gern, das steht dir frey; Nur daß die Kunst gefällig sey!

_Mephistopheles._

Du wirst, mein Freund, für deine Sinnen, In dieser Stunde mehr gewinnen, Als in des Jahres Einerley. Was dir die zarten Geister singen, Die schönen Bilder die sie bringen, Sind nicht ein leeres Zauberspiel. Auch dein Geruch wird sich ergetzen, Dann wirst du deinen Gaumen letzen, Und dann entzückt sich dein Gefühl. Bereitung braucht es nicht voran, Beysammen sind wir, fanget an!

_Geister._

Schwindet ihr dunkeln Wölbungen droben! Reizender schaue, Freundlich, der blaue Aether herein! Wären die dunkeln Wolken zerronnen! Sternelein funkeln, Mildere Sonnen Scheinen darein. Himmlischer Söhne Geistige Schöne, Schwankende Beugung Schwebet vorüber. Sehnende Neigung Folget hinüber; Und der Gewänder Flatternde Bänder Decken die Länder, Decken die Laube, Wo sich für's Leben, Tief in Gedanken, Liebende geben. Laube bey Laube! Sprossende Ranken! Lastende Traube Stürzt in's Behälter Drängender Kelter, Stürzen in Bächen Schäumende Weine, Rieseln durch reine, Edle Gesteine, Lassen die Höhen Hinter sich liegen, Breiten zu Seen Sich ums Genügen Grünender Hügel. Und das Geflügel Schlürfet sich Wonne, Flieget der Sonne, Flieget den hellen Inseln entgegen, Die sich auf Wellen Gauklend bewegen; Wo wir in Chören Jauchzende hören, Ueber den Auen Tanzende schauen, Die sich im Freyen Alle zerstreuen. Einige glimmen[klimmen] Ueber die Höhen, Andere schwimmen Ueber die Seen, Andere schweben; Alle zum Leben, Alle zur Ferne Liebender Sterne Seliger Huld.

_Mephistopheles._

Er schläft! So recht, ihr luft'gen, zarten Jungen! Ihr habt ihn treulich eingesungen! Für dies Concert bin ich in eurer Schuld. Du bist noch nicht der Mann den Teufel fest zu halten! Umgaukelt ihn mit süßen Traumgestalten, Versenkt ihn in ein Meer des Wahns; Doch dieser Schwelle Zauber zu zerspalten Bedarf ich eines Rattenzahns. Nicht lange brauch' ich zu beschwören, Schon raschelt eine hier und wird sogleich mich hören.

Der Herr der Ratten und der Mäuse, Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse, Befiehlt dir dich hervor zu wagen Und diese Schwelle zu benagen, So wie er sie mit Oel betupft -- Da kommst du schon hervorgehupft! Nur frisch ans Werk! Die Spitze, die mich bannte, Sie sitzt ganz vornen an der Kante. Noch einen Biß, so ist's geschehn. -- Nun Fauste träume fort, bis wir uns wiedersehn.

_Faust_ erwachend.

Bin ich denn abermals betrogen? Verschwindet so der geisterreiche Drang? Daß mir ein Traum den Teufel vorgelogen, Und daß ein Pudel mir entsprang.

_Studirzimmer._

_Faust. Mephistopheles._

_Faust._

Es klopft? Herein! Wer will mich wieder plagen?

_Mephistopheles._

Ich bin's.

_Faust._

Herein!

_Mephistopheles._

Du mußt es dreymal sagen.

_Faust._

Herein denn!

_Mephistopheles._

So gefällst du mir. Wir werden, hoff' ich, uns vertragen; Denn dir die Grillen zu verjagen Bin ich, als edler Junker, hier, In rothem goldverbrämten Kleide, Das Mäntelchen von starrer Seide, Die Hahnenfeder auf dem Hut, Mit einem langen, spitzen Degen, Und rathe nun dir, kurz und gut, Dergleichen gleichfalls anzulegen; Damit du, losgebunden, frey, Erfahrest was das Leben sey.

_Faust._

In jedem Kleide werd' ich wohl die Pein Des engen Erdelebens fühlen. Ich bin zu alt, um nur zu spielen, Zu jung, um ohne Wunsch zu seyn. Was kann die Welt mir wohl gewähren? Entbehren sollst du! sollst entbehren! Das ist der ewige Gesang, Der jedem an die Ohren klingt, Den, unser ganzes Leben lang, Uns heiser jede Stunde singt. Nur mit Entsetzen wach' ich Morgens auf, Ich möchte bittre Thränen weinen, Den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf Nicht Einen Wunsch erfüllen wird, nicht Einen, Der selbst die Ahndung jeder Lust Mit eigensinnigem Krittel mindert, Die Schöpfung meiner regen Brust Mit tausend Lebensfratzen hindert. Auch muß ich, wenn die Nacht sich niedersenkt, Mich ängstlich auf das Lager strecken, Auch da wird keine Rast geschenkt, Mich werden wilde Träume schrecken. Der Gott, der mir im Busen wohnt, Kann tief mein Innerstes erregen, Der über allen meinen Kräften thront, Er kann nach außen nichts bewegen; Und so ist mir das Daseyn eine Last, Der Tod erwünscht, das Leben mir verhaßt.

_Mephistopheles._

Und doch ist nie der Tod ein ganz willkommner Gast.

_Faust._

O seelig der! dem er im Siegesglanze Die blut'gen Lorbeern um die Schläfe windet, Den er, nach rasch durchras'tem Tanze, In eines Mädchens Armen findet. O wär' ich vor des hohen Geistes Kraft Entzückt, entseelt dahin gesunken!

_Mephistopheles._

Und doch hat Jemand einen braunen Saft, In jener Nacht, nicht ausgetrunken.

_Faust._

Das Spioniren, scheint's, ist deine Lust.

_Mephistopheles._

Allwissend bin ich nicht; doch viel ist mir bewußt.

_Faust._

Wenn aus dem schrecklichen Gewühle Ein süß bekannter Ton mich zog, Den Rest von kindlichem Gefühle Mit Anklang froher Zeit betrog; So fluch' ich allem was die Seele Mit Lock- und Gaukelwerk umspannt, Und sie in diese Trauerhöle Mit Blend- und Schmeichelkräften bannt! Verflucht voraus die hohe Meinung, Womit der Geist sich selbst umfängt! Verflucht das Blenden der Erscheinung, Die sich an unsre Sinne drängt! Verflucht was uns in Träumen heuchelt, Des Ruhms, der Namensdauer Trug! Verflucht was als Besitz uns schmeichelt, Als Weib und Kind, als Knecht und Pflug! Verflucht sey Mammon, wenn mit Schätzen Er uns zu kühnen Thaten regt, Wenn er zu müßigem Ergetzen Die Polster uns zurechte legt! Fluch sey dem Balsamsaft der Trauben! Fluch jener höchsten Liebeshuld! Fluch sey der Hoffnung! Fluch dem Glauben, Und Fluch vor allen der Geduld!

_Geisterchor_ unsichtbar.

Weh! weh! Du hast sie zerstört, Die schöne Welt, Mit mächtiger Faust, Sie stürzt, sie zerfällt! Ein Halbgott hat sie zerschlagen! Wir tragen Die Trümmern ins Nichts hinüber, Und klagen Ueber die verlorne Schöne. Mächtiger Der Erdensöhne, Prächtiger Baue sie wieder, In deinem Busen baue sie auf! Neuen Lebenslauf Beginne, Mit hellem Sinne, Und neue Lieder Tönen darauf!

_Mephistopheles._

Dies sind die kleinen Von den Meinen. Höre, wie zu Lust und Thaten Altklug sie rathen! In die Welt weit, Aus der Einsamkeit, Wo Sinnen und Säfte stocken, Wollen sie dich locken.

Hör' auf mit deinem Gram zu spielen, Der, wie ein Geyer, dir am Leben frißt; Die schlechteste Gesellschaft läßt dich fühlen Daß du ein Mensch mit Menschen bist. Doch so ist's nicht gemeynt Dich unter das Pack zu stoßen. Ich bin keiner von den Großen; Doch willst du, mit mir vereint, Deine Schritte durchs Leben nehmen; So will ich mich gern bequemen Dein zu seyn, auf der Stelle. Ich bin dein Geselle Und, mach' ich dir's recht, Bin ich dein Diener, bin dein Knecht!

_Faust._

Und was soll ich dagegen dir erfüllen?

_Mephistopheles._

Dazu hast du noch eine lange Frist.

_Faust._

Nein nein! der Teufel ist ein Egoist Und thut nicht leicht um Gottes Willen Was einem andern nützlich ist. Sprich die Bedingung deutlich aus; Ein solcher Diener bringt Gefahr ins Haus.

_Mephistopheles._

Ich will mich _hier_ zu deinem Dienst verbinden, Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn; Wenn wir uns _drüben_ wieder finden, So sollst du mir das Gleiche thun.

_Faust._

Das Drüben kann mich wenig kümmern, Schlägst du erst diese Welt zu Trümmern, Die andre mag darnach entstehn. Aus dieser Erde quillen meine Freuden, Und diese Sonne scheinet meinen Leiden; Kann ich mich erst von ihnen scheiden, Dann mag was will und kann geschehn. Davon will ich nichts weiter hören, Ob man auch künftig haßt und liebt, Und ob es auch in jenen Sphären Ein Oben oder Unten giebt.

_Mephistopheles._

In diesem Sinne kannst du's wagen. Verbinde dich; du sollst, in diesen Tagen, Mit Freuden meine Künste sehn, Ich gebe dir was noch kein Mensch gesehn.

_Faust._

Was willst du armer Teufel geben? Ward eines Menschen Geist, in seinem hohen Streben, Von deines Gleichen je gefaßt? Doch hast du Speise die nicht sättigt, hast Du rothes Gold, das ohne Rast, Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt, Ein Spiel, bey dem man nie gewinnt, Ein Mädchen, das an meiner Brust Mit Aeugeln schon dem Nachbar sich verbindet, Der Ehre schöne Götterlust, Die, wie ein Meteor, verschwindet. Zeig mir die Frucht die fault, eh' man sie bricht, Und Bäume die sich täglich neu begrünen!

_Mephistopheles._

Ein solcher Auftrag schreckt mich nicht, Mit solchen Schätzen kann ich dienen. Doch, guter Freund, die Zeit kommt auch heran Wo wir was Gut's in Ruhe schmausen mögen.

_Faust._

Werd' ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen; So sey es gleich um mich gethan! Kannst du mich schmeichelnd je belügen, Daß ich mir selbst gefallen mag, Kannst du mich mit Genuß betrügen; Das sey für mich der letzte Tag! Die Wette biet' ich!

_Mephistopheles._

Top!

_Faust._

Und Schlag auf Schlag! Werd' ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, Dann will ich gern zu Grunde gehn! Dann mag die Todtenglocke schallen, Dann bist du deines Dienstes frey, Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen, Es sey die Zeit für mich vorbey!

_Mephistopheles._

Bedenk' es wohl, wir werden's nicht vergessen.

_Faust._

Dazu hast du ein volles Recht; Ich habe mich nicht freventlich vermessen. Wie ich beharre bin ich Knecht, Ob dein, was frag' ich, oder wessen.

_Mephistopheles._

Ich werde heute gleich, beym Doctorschmaus, Als Diener, meine Pflicht erfüllen. Nur eins! -- um Lebens oder Sterbens willen, Bitt' ich mir ein Paar Zeilen aus.

_Faust._

Auch was geschriebnes forderst du Pedant? Hast du noch keinen Mann, nicht Mannes-Wort gekannt? Ist's nicht genug, daß mein gesprochnes Wort Auf ewig soll mit meinen Tagen schalten? Ras't nicht die Welt in allen Strömen fort, Und mich soll ein Versprechen halten? Doch dieser Wahn ist uns ins Herz gelegt, Wer mag sich gern davon befreyen? Beglückt wer Treue rein im Busen trägt, Kein Opfer wird ihn je gereuen! Allein ein Pergament, beschrieben und beprägt, Ist ein Gespenst vor dem sich alle scheuen. Das Wort erstirbt schon in der Feder, Die Herrschaft führen Wachs und Leder. Was willst du böser Geist von mir? Erz, Marmor, Pergament, Papier? Soll ich mit Griffel, Meißel, Feder schreiben? Ich gebe jede Wahl dir frey.

_Mephistopheles._

Wie magst du deine Rednerey Nur gleich so hitzig übertreiben? Ist doch ein jedes Blättchen gut. Du unterzeichnest dich mit einem Tröpfchen Blut.

_Faust._

Wenn dieß dir völlig G'nüge thut, So mag es bey der Fratze bleiben.

_Mephistopheles._

Blut ist ein ganz besondrer Saft.

_Faust._

Nur keine Furcht, daß ich dieß Bündniß breche! Das Streben meiner ganzen Kraft Ist g'rade das was ich verspreche. Ich habe mich zu hoch gebläht, In deinen Rang gehör' ich nur. Der große Geist hat mich verschmäht, Vor mir verschließt sich die Natur. Des Denkens Faden ist zerrissen, Mir ekelt lange vor allem Wissen. Laß in den Tiefen der Sinnlichkeit Uns glühende Leidenschaften stillen! In undurchdrungnen Zauberhüllen Sey jedes Wunder gleich bereit! Stürzen wir uns in das Rauschen der Zeit In's Rollen der Begebenheit! Da mag denn Schmerz und Genuß, Gelingen und Verdruß, Mit einander wechseln wie es kann; Nur rastlos bethätigt sich der Mann.

_Mephistopheles._

Euch ist kein Maß und Ziel gesetzt. Beliebt's euch überall zu naschen, Im Fliehen etwas zu erhaschen; Bekomm' euch wohl was euch ergetzt. Nur greift mir zu und seyd nicht blöde!

_Faust._

Du hörest ja, von Freud' ist nicht die Rede. Dem Taumel weih' ich mich, dem schmerzlichsten Genuß, Verliebtem Haß, erquickendem Verdruß. Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist, Soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen, Und was der ganzen Menschheit zugetheilt ist, Will ich in meinem innern Selbst genießen, Mit meinem Geist das Höchst' und Tiefste greifen, Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen, Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern, Und, wie sie selbst, am End' auch ich zerscheitern.

_Mephistopheles._

O glaube mir, der manche tausend Jahre An dieser harten Speise kaut, Daß von der Wiege bis zur Bahre Kein Mensch den alten Sauerteig verdaut! Glaub' unser einem, dieses Ganze Ist nur für einen Gott gemacht! Er findet sich in einem ew'gen Glanze, Uns hat er in die Finsterniß gebracht, Und euch taugt einzig Tag und Nacht.

_Faust._

Allein ich will!

_Mephistopheles._

Das läßt sich hören! Doch nur vor Einem ist mir bang'; Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang. Ich dächt', ihr ließet euch belehren. Associirt euch mit einem Poeten, Laßt den Herrn in Gedanken schweifen, Und alle edlen Qualitäten Auf euren Ehren-Scheitel häufen, Des Löwen Muth, Des Hirsches Schnelligkeit, Des Italiäners feurig Blut, Des Nordens Dau'rbarkeit. Laßt ihn euch das Geheimniß finden, Großmuth und Arglist zu verbinden, Und euch, mit warmen Jugendtrieben, Nach einem Plane, zu verlieben. Möchte selbst solch einen Herren kennen, Würd' ihn Herrn Mikrokosmus nennen.

_Faust._

Was bin ich denn? wenn es nicht möglich ist Der Menschheit Krone zu erringen, Nach der sich alle Sinne dringen.

_Mephistopheles._

Du bist am Ende -- was du bist. Setz' dir Perrücken auf von Millionen Locken, Setz' deinen Fuß auf ellenhohe Socken, Du bleibst doch immer was du bist.

_Faust._

Ich fühl's, vergebens hab' ich alle Schätze Des Menschengeist's auf mich herbeygerafft, Und wenn ich mich am Ende niedersetze, Quillt innerlich doch keine neue Kraft; Ich bin nicht um ein Haar breit höher, Bin dem Unendlichen nicht näher.

_Mephistopheles._