Faust: Ein Gedicht

Part 9

Chapter 92,737 wordsPublic domain

Und der entschlummert an dem Waldesrand, Daran vorher er mit dem Bösen stand: Sein mattes Haupt lehnt an der Hangeweide, Allmächtig weht es in der tiefen Haide, Verklingend in die dumpfe, schwarze Ferne, Allmächtig strahlt der Mond, so wie die Sterne. Das Kloster liegt im sonnenhaften Schein, Gleich eines Engels heilig Fleisch und Bein. Da naht dem Schläfer an der schönen Weide Der ernste Greis im dunklen Klosterkleide. Wie Faust ihn in dem Garten heut erblickt, Der ihn im Buche lesend so entzückt. Gleich einem Geist mit himmlischem Gefieder, Schwebt er dahin, und beugt sich zu ihm nieder: “Nimm,” flüstert er, du armer, müder Knabe, Ich gebe dir das Beste, das ich habe Erlösen wird es dich, wird dich befrein, Und du wirst glücklich, dauert dein Bereun! Das, was du dir aus heißer Brust begehrt: Du hast’s! Triumph! es ist gewährt. Dein glühend Sehnen, dein allmächtig Bangen Dein Feuerwunsch, dein loderndes Verlangen! Von Stern zu Sterne mögen sie es hören: Faust ist ein Mensch! gestillt ist sein Begehren. Triumph! mein Sohn! ich legs in deine Hand, Leb wohl! es sprach der Alte und entschwand. Und jener hielt ein kleines dunkles Glas, Durchstrahlt von einem feuerfarbnem Naß. Er schaut es an verwundert und entzückt, Da ist er seinem Lager schnell entrückt. Und als ihm wiederkehret das Besinnen, Von seiner Stirn fühlt heißen Schweiß er rinnen. In öder Wildniß sieht er sich gebettet, Rings dürren Sand und Felsen starr verkettet. Hier war nicht Nacht, hier schimmerte kein Tag, Bleischwere Dämmrung auf der Oede lag. Es rauscht kein Laut von Woge, Baum und Strauch, Die Wolke scheint der wildsten Flamme Rauch, Und Faustus heißer Mund vertrocknet schier, Die Pulse pochen und sein Aug’ ist stier. Die Zunge gleicht dem dürren Blatt, Sein Athem keucht und röchelt todtenmatt. Da naht Mephisto schleppend mühsam schwer Die Centnerlast von einem Krug daher. Gebückter Brust, als trüg er tausend Ohm, Im Kruge gleich an einem ganzen Strom. Er lagert sich in einer Felsenspalt, Und löst den Pfropf, der gar ergötzlich knallt. Er zecht vergnügt, und trinkt sich satt und schwer, Und singt ein Lied, und tanzt im Kreis’ umher. “Gieb mir,” ächzt Faust in seiner Todesqual, “Du schlimmer Wicht, o gieb mir auch einmal!” “Dir,” sagt Mephisto “ich zu trinken dir, “Du lechzest noch nach einem Trunk von mir! “Und drückst ein Himmelskleinod an dein Herz; “Zu trinken dir! o treibe keinen Scherz!” Und wieder tanzt er lustig rings umher, Sein tolles Haupt wankt wüst und schwer. Und Faust verkommt in Todespein, Die Flamme wühlt zernagend durchs Gebein: Das Kleinod selbst glüht als ein Feuerbrand, In seiner welken und versengten Hand. “O! röchelt er in ärgster Qual und Angst: Mephisto nimm, o nimm, was du verlangst.” Rasch langt die dürre, scharfe Teufelstatz, Das Fläschen ihm von seinem Busenlatz. En reicht ihm den gewalt’gen schweren Krug, Der trinkt und trinkt in tiefem, tiefen Zug. Drauf schleudert er, in wilder Wuth entbrannt, Den großen Krug an eine Felsenwand. Hoch sprüßt empor der rothe dunkle Wein, Verzischend auf dem glühenden Gestein. Der Teufel stürmt von dannen wie besessen, Im Schlaf hat wieder Faustus sich vergessen. ——— Wild schäumt in schwarzer Mitternacht das Meer, Die Wog zerollt am Strande lang und schwer, Anstürmend aus der dumpfen Ferne Grab, Gewaltig nahend schwankend auf und ab. Der Sturmwind keucht im dünnen, dürren Rohr, Und wiegt der müden Vögel schwarzen Chor. Mephisto aber wandelt an dem Strand, Des Mönches Fläschlein haltend in der Hand: Und wie die Well’ an öder Dün zerfließt, Ein Tröpflein er aufs schäum’ge Haupt ihr gießt. So lange, lange hat das Spiel gewährt, Bis langsam er das Gläslein ausgeleert. — Die Welle mächtig endlos rollt, Das Röhricht rauscht, der Sturmwind tollt. Drauf knieet er an einem schwarzen Stein, Zermalmt das Glas zu einem Pulver fein, Und bläst dann rasch mit seines Athems Braus In alle Welt den trocknen Staub hinaus. — Er triumphirt, er schwatzet laut und lacht; Entsetzlich wild ist solche Teufelsnacht. — Hoch schäumt das aufgeregte schwarze Meer, Die Wog’ zerrollt am Strande lang und schwer, Anstürmend aus der dumpfen Ferne Grab, Gewaltig nahend, schwankend auf und ab. ——— Faust steht so traurig in der Nacht allein, Wo er entschlief, am dunkeln Waldesrain; Mephisto ist nicht bei ihm, doch er spricht, Als säh er wohl das grinsende Gesicht; Sei’s in dem Mond, der in den Zweigen ruht, Sei’s in des Irrwisch’s feurigrother Gluth: “O höre! sagt er: “ich verdamme dich! Treff’ dich mein Fluch auf ewig, fürchterlich! Ich rief dich nicht, du kamst von selbst gegangen, Um mich, den irren Zweifeler, zu fangen! Ich gab mich dir! doch was gabst du dafür Nicht einer schönen Blume holde Zier! — Ein wild Gewühl von frevelnden Gestalten, Sah ich mir Aug’ und Sinn berückend walten! Ich stürzte hin in zehrendem Genießen, Da mich die Himmel spöttisch von sich stießen! Nicht drücktest du die Rose weiß wie Schwäne Mit ihrem Dorn, im bleichen Kelch die Thräne, Der Liebe Ros’, mir an die welke Brust, Daß mich’s entflammt zu menschlich reiner Luft, Daß ich verging in Sehnen und in Schmachten, Ein Sklav’ mich bückt gekränket im Verachten, Ein König mich erhob und triumphirt, Von der Erhörung Zauberrei; verführt. — Kein Tropfen Blut in solchen Liebeshadern Von solchem Dorn versprützt, entquoll den Adern! Um was allein war denn ich dir ergeben, So manches Jahr im wüsten Bubenleben? Um einen Wurm, den mit bemalten Flügeln Du ausgeschmückt, das Blut mir aufzuwiegeln, Um jenen Wurm bin ich dir nachgejagt, Der mir so lang das eigene Herz zernagt! Wie oft hat er in öder Mitternacht, Wenn ich das stille Lämplein angefacht, Durchstört der Kerze süßen, matten Schein, Der glüh’nden Seele lichte Träumerein: Mit seines halb zerrissnen Fittichs Trümmer, Vernichtet in und um mich jeden Schimmer! Wie du mich bübisch so verlockt, Wovor in Luft und Lieb erglüht, Daß mir das Blut im Busen stockt, In Andacht still ich hingekniet; Wonach ich rang von Herzen inniglich, War ich erhört, ich fand’s so schlecht als mich!” So spricht er zu den närrischen Gesichtern Der wirren Nacht, den Schatten und den Lichtern Im finstern Busch, da rauscht’s wie im Triumphe “Noch nicht enttäuscht der arme, dumme, dumpfe! Noch schwebt vor seinen halb verloschn’n Blichen Der Sehnsucht Land, ein leuchtendes Entzücken!” Doch starren Blickes Faustus sieht, In das Gesicht: das durch die Fichten glüht, “Vergißt du,” flüsterts: “unsere Königsmaid, Schwarz Haar, blau Aug’ im goldgewebten Kleid! So was hast du noch nie erschaut, O Thor zur vielgeliebten Braut, Komm, eh’ der Morgen graut!” Die Stimm’ verklinget zischelnd im Gebüsch, Der Nachtwind wehet unbehaglich frisch. Das dürre Blatt reißt sich vom Zweige los, Und schwirret raschelnd in dem finstern Moos. Gleich solchem Blatt, durchschwirrt die Brust, die kranke Der liebeleere, düstere Gedanke, Die Menschenbrust, sich sehnend nach dem Tod. Nur lebend noch, weil Gott es ihr gebot: Wie fallen diese Blätter ohne Zahl, Von solcher Seele Baum, der trüb und fahl, Ohn’ seines Gleichen in der Welt zu haben, Dasteht ein Stamm, besat von finstern Raben! Wild weht der Sturm der öden Leidenschaft, Verschmähte Liebe trinkt den Herzenssaft! Wie schaut der Mann, der solche Seele hat, So gern, so stumm auf jedes gelbe Blatt, Das in dem Wald, im kalten Winde weht, Bis ihm die Thrän’ im finstern Aug’ zergeht. O süße Schwermuth, wie verlockst du mich, O dürres Blatt, wie schwirrst du wonniglich!

Beim Schwanenwirth

Drin in der Schenk’, d’ran sie vorübergehn, Braust frech und toll ein rasend Lustgedröhn. Es rauschet von der weinverstimmten Zunge, Ein wüstes Lied in fieberhaftem Schwunge. Beim flotten Wirth am Schwanengraben, Da dröhnt Musik, da wirbelt Tanz, Da greifen die heißen Mädel die Knaben, Beim Schwanenwirth am Unkengraben Da raschelt’s dürr im Jungfernkranz. Es heult der Sturm, der Regen fallt, An’s Fenster scharf, daß er ergellt. Und wie erschütternder der Wald erbraust, Da drinnen es gewaltiger ersaust. Wie hart die Schlossen an die Fenster schnalzen, Dreht frischer, in dem Saale sich das Walzen. “Siehst du” spricht der: das Volk da auf der Flur Wie’s gern zusammenklingt mit der Natur. Sie treiben gern solch’ fesselloses Schweifen Stößt sie in ihre tollsten, schrillsten Pfeifen. Trägt in die weite Ferne solche Rede Der Sturm ankeuchend aus der Waldesöde. Du glaubst es nicht, wie sehr es mir geneigt, Das Völkchen, das da drinnen wogt und reigt Was wetten wir, Doctoren nicht allein, Verschreiben sich den ew’gen Teufelein. Was wetten wir, in einer halben Stunde Sind insgesammt die drin mit mir im Bunde! Die roh’ste Leidenschaft nur brauch ich zu entzügeln, Daß gleich den ew’gen Packt sie untersiegeln. Nicht so viel Umschweif macht’s als mit Doctoren Davon für mich nur der und der geboren: Nicht kümmert hier das Wogen weißer Brüste, Nicht eines Mund’s versengendes Gelüste, Nicht rothe Rosen, süßes Gluthverlangen, Die in der Unschuld kühlem Schnee entsprangen. Mit diesen Kuben ohne Wiederhall Stürzt in den Arm mir gleich der ganze Schwall. Die Hoffnung auf Besitz das allgewalt’ge Locken, Macht diesem rohen Volk die tollen Pulse stocken. Vivat der Doktor der um den Genuß Verzücket schwimmt im raschen Höllenfluß! Mit diesen Kuben die man Würfel nennt, Die ganze Schaar mir in den Rachen rennt. Sie saugen fest und tief sich in mein Bein, Als hielt ich’s Egeln in den Teich hinein” — Faust höret ihn und auf der Schenke Bank, Gleich an der Thür in tiefen Schlaf er sank. In seinem Haar der nasse Sturmwind weht, Auf seiner Stirn der Regentropfe steht, Fern braust’s im Wald, die gelle Fidel leiert, Die Volke jagt von Ost nach West gesteuert, Wie’s in des Schläfers Traum so unerquicklich schwirrt, So hat’s die wilde Nacht entsetzensreich durchirrt. In seines Traumes Geist scheint sich der Sturm zu zeugen, Dess’ Wehn erdrückend schwer wiegt auf den Tannenzweigen. Ein schreiend Volk stürzt aus des Hauses Thür Mit fahler Wang’ im Blicke stiere Gier: Die Augenhöhl’ so tief: Die wilden gelben Züge Krampfig verzerrt, Gefild zum Teufelssiege. — Der hält die Faust an die zerrissne Stirn, Der schlägt verzweifelt sich ans trunk’ne Hirn, Der nagt in stillem Ingrimm an dem Daume, Dem bleicht der Mund von weißem gift’gen Schaume. So ras’t das Volk; Mephisto hinterdran, Den Fußsteg lang, die sumpf’ge Wiesenbahn. Der Wald brüllt dumpf, das schwarze Ungeheuer. Noch tönt das alten Fiedelers Geleier, Des blinden Mann’s, der in dem wüsten Saal, Still sitzen blieb, bei diesem Mordscandal. Er geiget fort und fort die alte Melodei, Ohn’ Sorge wo die Schaar der Tänzer sei. In diesen mißgepaarten, üblen Tönen In dieser Klänge wild zerrung’ner Fluth, Ersteh’n ihm Ideale; alles Schönen, Urbild, wie es in seiner Seele ruht, Er spielet fort und fort, was ihn erhebt, erwärmt, Vergaß den Buben-Tert, der rings gelärmt Sein Seufzer ist es, seinem Schmerz enthoben, Nicht wie’s zum frechen Bubenwort verschoben. Jetzt lauscht er länger nicht der Heller Klang, Darauf gehorcht er ängstiglich und bang’; Wieviel des Volkes Generosität Ihm in den wettergelben Filz geweht, Er geiget fort, er denket nach und sinnt, Bis dem geschloss’nen Aug’ die Thrän’ entrinnt, Die sich darinn wie in aparter Welt Von eignem Jammer, schmerzlicher Idee Erzeugt, und auf die Wange niederfällt, Gelockt von dieser Töne stillem Weh. So tönt die ew’ge, melancholsche Klage, Die er verkauft zum frechen Festgelage, Noch lange fort an diesem wüsten Orte, Dieweil der Wind braust in die ofine Pforte. Dieweil der Staub in dicker schwarzer Schicht, Sich ringelt um der Ampel düstres Licht. Und mit Mephiston kämpft um Hab’ und Gut, Im Grund das Volk mit der Verzweiflung Muth: Der steht und krächzt: “es ist verspielt verloren, Keck wie ein Fürst den reines Blut geboren. Es ist verspielt, so spricht er zu den Bauern, Die voll Betrübniß seh’n die üpp’gen Schauern, Es ist verspielt, so spricht er zu den Weibern, Verworren hingekniet mit nackten Leibern; Das harsche Wort, er spricht es zu den Kleinen, Die voller Schlaf ihm heiße Thränen weinen. Und wie die Bauern drauf mit harter Faust, Ihn schwer umsteh’n, daß ihm das Ohr ersaust: Da geht das Dorf in hellem Feuer auf, Mit lautem Jammer schauet es der Hauf. Faust steht erschrocken von der Schenke Bank, Der Wirth, die Wirthin liegt im Schlaf schon lang, Um jener Leute Schicksal unbekümmert, Was ihr’s ist, in dem schweren Kasten schimmert: Drum steht das Wirthshaus immer so allein, Daß ihm kein Theil von seinen Teufelein. Laut heult des Volkes vielgemischter Chor, Hoch steht die Flamme in die Luft empor, Mephisto jauchzt, und Teufel, Nacht und Flamme, Umarmen sich, entsprossen einem Stamme. Faust blickt hinab in diesen Flammensee, Den Wogensturz von Armuth, Elend, Weh, Wie er heran sich wälzt ein Siegessturm, Wie er sich krümmt als ein zertretner Wurm. Das Wolkenbild in schleppendem Gewand Vorüberzieh’nd versengt sich in dem Brand. Es fliegt zur wilden Waldeseinsamkeit Mit tiefdurchglühtem, angebrannten Kleid. Und wen der Sturm der mächtig schürt, Den blutig rothen Brand entführt, Und ihn auf eine hag’re Fichte jagt, Da ist es rings so hell als wenn es tagt. Die Eule flattert knarrend schwer empor, Das Käuzlein mit dem scharfgespitzten Ohr Dem Teufel gleicht es in dem gelben Lichte, Das sich genistet auf der trocknen Fichte. Dann wie sie wild entsetzet höher fliegt, Daß um den Leib die Flammenwolke liegt, Der purpurröth’re, matt’re Wiederschein, Schaut sie wie ein verklärtes Engelein. So schwebt von Baum zu Baum der tolle Brand, So fliegt’s Gewölk im schimmernden Gewand: Und um sie Myriaden von Gestalten, Von dunkeln Vögeln finstern Hirngespinnsten, Ob diesen Bäumen die wie Wogen wallten, Ein toll Gemisch von Leben und von Dünsten. Wo nun zuletzt der Sturm die Brunst verhallt, Da machen die gespenst’gen Schaaren Halt. Und in des tiefsten Waldesthales Schweigen, Darin die schwarzen Aeste träumend beben, Erwecken sie zum Hassen und zum Neigen, Ein allgewaltig, mächtig, lautes Leben. Die Wolk’ verraucht, der Brand verlischt im Sumpf, Nicht mehr getragen von der Windesbraut. Die Eul’ verfällt in Schlaf so schwer und dumpf, Und wieder liegt der Wald ohn’ Ton noch Laut.

Die Klosterchronik

Auf jenes Buch in dem die Kunde steht Vom Doctor Faust und seinem Seelenhirten, Entschwebte von den Lippen manch’ Gebet: Geist Gottes auf den blitzzerriss’nen Wogen. Manch’ Kreuz in bangen Aengsten ward geschlagen, Auf die vergelbten und zerles’nen Bogen. Das las der Mönch in öder Dämmerstunde, Verstohlen hingekniet am Betaltare, Ein leiser Wind weht aus dem Eichengrunde. Die unermess’ne, wilde Sehnsuchts-Klage, Schwebt ungehört vor seinem todten Ohre, Dieweil sein Geist durchirrt des Buches Frage. Doch wie an seinem Trauen tief gekränket, In seiner Seel’ erstarrt, vor kaltem Schauer, Vom Buch den Blick zu seinem Gott er lenket: Zu seinem Gott, deß stummes Schmerzensbild, Bei dem er sich in Ewigkeit verschworen, Mit bleichem Arm die Bogennische füllt: Da öffnet sich sein abgestorben Ohr, Das ihm des Teufels wilder Fluch vergellte, Und er vernimmt den allgewalt’gen Chor. Und zu sich wall’n sieht er die finstern Schatten, Die langgedehnten, Alles was die Welt, Und die Natur ihm zu gewähren hatten: Von Bäumen, die die ew’ge Klage wimmern, Von Bäumen, so die schwanken Blätter zeugen, Um sie zu Staub und Asche zu zertrümmern. Und drüben steigt das lockende Gesicht, Der volle Mond auf des Gebirges Wipfel Ein Frauensbild in engelsklarem Licht. Das Zauberbild schmachtender Sinnlichkeit, Von Fels zu Felsen fliegt’s triumphend höher, Medusenkopf erstarr’nd zu süßem Leid. Wie spielen auf des Mönches blassen Zügen, Die schwärmerischen Lichter, dunkeln Schatten, Dazu die Thränen, die sich niederschmiegen. — Am Buch ist auch der schwarze Band verletzt, Als wie an einem harten Ding zerstoßen, Das glatte Leder mannigfach zerfetzt; Vielleicht, daß in dem Schädel er’s geborgen, Der in dem Mondschein liegt am runden Fenster, Wenn in den Chor er schritt am frühen Morgen. Vielleicht daß er’s im finstern Bogengange, Der sich Trepp’ auf Trepp’ ab verworren windet Hineilend zu der Brüder Nachtgesange Dem erz’nen Seraph in den Kelch geschoben, Dem riesenhaften, der den stillen Dulder Am Marterpfahl zur Labung aufgehoben. — Bei solchen Lesern, ist es leicht zu denken, Daß manches Blatt zerkniffen und zerrissen, Wie abgesung’ne Lieder in den Schenken. Doch wie bis hier es mit dem Faust gekommen, Da schon sein Flammenstern beginnt zu sinken, Hat sehr es mit den Kreuzen zugenommen. Manch’ halbes Blatt ist davon weggerieben, Als wär’ es angesengt mit rothem Eisen, Hier hat, so scheints, er’s gar zu toll getrieben, Hier stehen öft’re Spuren großer Thränen, Hier ist das Blatt zerpflückt mit krampf’gem Finger So hat den Mönch erschreckt sein trotzend Wähnen, Holzschnitte nur sind hier uns noch erhalten, Verzweifelt keck erfunden und gezeichnet, Und wimmelnd von entsetzlichen Gestalten. Noch lüsterner als auf den andern Seiten, Mit voll’rem Busen und mit wüst’rem Haare Die schönen Weiber um den Doctor schreiten. So die im Hemdchen, jene mit der Krone, Die blonde, wundersüße Königstochter Entschlafen auf dem goldenen Balkone.

Am finstern See