Faust: Ein Gedicht

Part 6

Chapter 62,121 wordsPublic domain

Bei seiner Lampe finsterm Trauerscheine, Sitzt Faust in seinem Zimmer heut alleine; Wie schwoll die Brust ihm als er es betrat, Das er seit manchem Jahr verlassen hat. — Hier schwand der Tag’ und Nachte lange Kette, Ohn’ daß ein einz’ger Menschentritt erklang: Die Schatten nur der mageren Skelette Mal’n sich in düster’n Reih’n die Wand entlang. Wie wilde Nächte wurden hier gefeiert Als Faustus der Bewohner dieser Räume In Näh und Ferne wild geabentheuert, Des Weib’s genoß und aller Erdenträume. So wüst und graß, war es hier hergegangen, So toll wie’s keine Menschenbrust begreift. Wie wild auch in unbändigem Verlangen In mancher Nacht hier Faustus ausgeschweift; Wenn übermächt’gen Sinns sein Aug’ gestieret, Und in der tollen Unersättlichkeit Nach der Erkenntniß er malediciret Den starren Schellen seiner Menschlichkeit. Zu dem gespenst’gen, geisterhaften Treiben, Das in den Räumen, seit er war geschieden, Lugte die Nacht durch all’ die runden Scheiben, Glich das im Menschenbusen mildem Frieden. Das bleichende Gebein in dunkler Nische, Der alte Mond von Hirngespinnsten trunken, Verzerrten Blicks: die Schädel auf dem Tische: Und aus dem feuchten Bogengang die Unken: Betrieben ein gar schauderhaftes Spiel Im Raum, da kein Gedank’ mehr kam zur Sprache, Und nicht pulsirt ein menschliches Gefühl; Wenn so der Mond, der alte Flammendrache Die Unken quälte, die am Fenster kauern, Und die nun schrecklich schrei’n und lamentiren, Die dürren Knochen wecken an den Mauern, Dem Mond, dem Feind, entgegen sie zu führen. Manch’ wüster Wurm, der in dem Holze pickt, Die in den Knochen bohret die Monade, Und manche Spinn’ die ihr Gewebe strickt, Nimmt Theil an dem gespenstigen Blutbade. Dazu der tolle Wandel noch der Schatten Die einem Menschen schier das Hirn verdreht: So tost es ohne Rasten, ohn’ Ermatten, Bis an dem Dom der Mond herniedergeht. In dieses Zimmer kehrte Faustus heut, Aus weiten Fernen und auf kurze Zeit, Das Herz schlägt wild an seines Busens Wand, Als er im alten Raume plötzlich stand. — Die Schreiberei liegt noch auf ihrem Platz, Wie er’s verließ, da ihn der Teufel lockte. Und unbeendet ist der letzte Satz, Wo ungeduldig ihm die Feder stockte. Ja! unbeendet ist das letzte Wort, Der letzte Buchstab’ ist ihm halb geblieben, Da warf er seine müde Feder fort, Und stürzte hin zu leben und zu lieben! Rings an den Wänden steh’n noch die Krystalle Mit theuren, edlen Säften angefüllt: Farblos’ und farbige; er find’t sie alle Damit er manchen Menschen-Schmerz gestillt: Damit er übergoß des Fiebers Gluth, Damit des Herzens Flammensturm er beugte, Den sich die Seele in wahnsinn’ger Wuth Der Selbstzertrümm’rung spielend tollkühn zeugte. Entfesselt ras’t der wilde Feuersturm Von seinem Königssitz den Geist zu heben, Daß der sich krümmt als wie ein blöder Wurm Und bang’ und schwächlich zaget für sein Leben. — Die armen Kinder seiner Phantasieen Die wüste, tolle mißgezeugte Brut, Wirft er zerschmetternd in die Fluth Schiffbrüchiger so rettend sich, zu fliehen. “O! rufet Faust, als er so alles fand, Wie er’s verlassen in dem dunklen Raume, Als selbst der Salamander an der Wand Noch immer ruht im seel’gen Flammentraume; Der seltsamliche, räthselhafte Mohr, Lang hingestreckt die dunkelfarbnen Glieder Im klaren Glas auf leuchtendem Phosphor, Gleich wie auf bleichem Meeressand die Hyder. “O! rufet der: “Skelette ihr bliebt treu, “Die wie ich mit dem Finger euch berühr’, In Staub zerfliegt, des Todes lustge Spreu, Auf dieser Welt ergeben einzig mir. — Denn so zerfiel in meiner finstern Brust Die Sehnsucht nach dem rasch bewegten Leben, Die Sehnsucht, diese stürmisch wilde Luft, Die wie in mir, in keinem mochte beben! O ich war glücklich als ich nicht mehr Blut, In meinem kind’schen Herzen konnte spüren, Als eure Carotiden pulsen Fluth, Gewiß euch nimmermehr zu extasiren! Da war ich glücklich als in dem Erkennen, Das tausende vor mir beglückt; Ich noch verstand in Hochmuth zu entbrennen, Und wie ein Irrer Fühlte mich entzückt! Wie regte sich allmählig die Begier, An diesen immer höher schwell’nden Rippen Und brannte lodernd aus den Augen mir, Aus der Erkenntniß Born, allein zu nippen! Die Kenntniß, die sich mir einmal entzündet Nachdem sie freud’ge Klarheit mir verkündet, Gleich einem licht gefachten Feuerbrand, Sollt’ immerdar aus meiner Hand, In tiefer Fluth zu dunkler Nacht vergehen, Daß niemand säh, was ich allein gesehen! Aus diesen ausgezischten todten Bränden, Geschaut von aller Menschheit mit stupider Bewunderung sollt sich ein Thron vollenden Ein hehrer Thron für meine Königsglieder! Aus diesen Kohlen, wie aus Ebenholz, Zu unausdenklichem Triumph und Stolz. Doch gleich verhungerten und magern Hunden, An einem Bein mit anderen zu nagen, Das wir auf irgend einem Weg gefunden; Verflucht ich! wenn das länger ich ertragen! Mit Ihm wollt’ ich in hoher Eintracht leben, Mit Ihm dem Hehren, Unermeßlichen Mir sollt Er sein Geheimniß übergeben Mir, mir allein von den Verweslichen! Dem Priester steht auf heil’gem Hochaltare Des Hehren klarer, ernster Schmerzenssohn, Das Zauberbildniß der Religion, Mir unverkündet bleibt das theure Wahre, In keinem Bild von Erze oder Thon. — Dazu der Sinne herzzuschnürend Sehnen, Welches in schlangengleichem Zerrn und Dehnen, Hinauf sich an des Lebens Stamm gewunden Und mich zerrissen, mich zerschunden!” — Das Klagewort von Faustens ew’ger Pein, Rauscht in der ew’gen Nacht gigant’sche Flucht, Bis endlich die um Morgenrothes Schein Ein Todtengeier ihre Felsen sucht. —

Zu Sankt Maria

Am wilden Strom stand die Anatomie, Des alten Klosters graues, dunkles Haus, Ehmals benannt zur weinenden Marie. Wie schaut der melanchol’sche Bau hinab, In dieses düstern Stromes Sturmeswelle, Ein Mönch, der dumpfem Grame sich ergab! Und in dem Wald am Felsenstrande drüben, Wie rauscht’s in seinen ewig düstern Wipfeln Schwermuth und Tod, Verlangen so wie Lieben. Es sind Cypressen, Tannen, Trauerweiden, Dazu die starre, wüste Riesenfichte Sinnbilder aller Menschenherzen-Leiden. So steht das Klosterhaus am dunkeln Strome, Und es war schön, wenn schwere Schauernacht, Darüber schwebte mit dem Mondphantome. Wo ernste Mönche weilten in den Zellen, Mit nassen Augen und mit blut’gem Herzen, Gemartert von den schrecklichen Flagellen. Wo sie dem eingebornen Kreuze knieten Und klagend ihre Hände sich zerrangen, Wenn stumme Sterne durch die Scheiben glühten: Wo Martyrkronen, der Apotheosen Ringscheine glänzten und am Hochaltare Zum Frohnleichnam die jungfräulichen Rosen. Da lagern jetzt die ewig stummen Leichen, Gebrochnen Auges mit zerrissner Stirne, Und als geknickt von einer Geissel Streichen. Ja unermess’ner Andacht hingesunken Liegen sie da verstummet und erstarret, Von heil’ger Entzückung himmlisch trunken. Der stille Mond der manchen Schmerz gefacht, Der mancher Sehnsucht Pulse hier entzündet, Keinen Herzschlag weckt er dieser Todesnacht. — Das frömmste Kloster ist dies nun geworden, Es ist das Kloster der Abstraction, Niemals entzweite Sinnlichkeit den Orden. Die Glocke ruft zur heiligen Vesperfeier, Und ihre Schläge sind fast ausgeklungen, Ein wilder Sturm ertobt, ein Ungeheuer. Es schäumt im Strom, es wüthet in den Forsten, Die Wolken flattern um den Glockenthurm, Wie Raubgevögel aus den wildsten Horsten. Da schwanket Doktor Faust zu diesem Haus, Der ernste Lehrer der Anatomie, Der hier manch’ Jahr gegangen ein und aus. Als er in einer engen, dumpfen Zelle Vor einer Leiche steht, o!” ruft er aus: “Wie wird mir doch so wohl an dieser Stelle! Der unbekannte, dieser bleiche, trübe, Der hingestreckt auf dunklem Brette liegt Ich weihe nicht ihm Haß und auch nicht Liebe! Ich weih’ ihm nicht Triumph, weih’ ihm nicht Thräne. Gleichgültig schau ich seine blassen Wangen, Such’ trocknen Aug’s nach Nerve und nach Sehne! Gesegnet sei mir die Verlassenheit, Die so uns allen Schrecknissen entfremdet, Und Hohn dem Tode wie dem Unglück beut! Man wage nicht zu hassen noch zu lieben, Geliebter stirbt, Gehasster triumphirt. O wär ich ewig so abstrakt geblieben. Jetzt laßt genießen mich die Seeligkeit, Ich fühl mich wohl in den verschwiegnen Räumen, Wie auch der Sturmwind durch die Föhren schreit; Wie auch er durch des Hauses Gänge krächzt Und an der Fenster ries’ge Kreuze klopft, Vom alten Thurm die tolle Eule ächzt. Ein schwacher Hauch als wie aus Todtenmunde, Ein Hauch der Stille weht durch meine Seele, So schwermuthsvoll aus tiefem Herzensgrunde, An dieser Leiche ruh ich heute aus, Von dem bewegten, teuflisch wilden Leben, Von meines Neigens, meines Hassens Graus; So wie ein Wandrer, der die Schlange fliehet, Die riesige, baumstarke Abgottsschlange Und die Savane schreckensvoll durchziehet: Dann todesmüde von der jähen Flucht Kreisend zur selben endlich wiederkehret, Und in dem Schlafe, den er eifrig sucht, Zum Kopffühl wählt die gift’ge Mißgestalt, Daß er erwacht zu neuer Flucht erschrecket, Und flieht zum andern Mal ohn’ Rast noch Halt.” So redet Faustus zu der nackten Leiche, Die vor ihm auf dem schwarzen Tische liegt, Der Sturm tost fort, der grasse, schreckensreiche Wie sich die schwarzen Wipfel drüben neigen, Als wenn sein Wort sie feierlich bejahten, In wortelosem, ehrfurchtsvollen Beugen. Da tönt’s im Hof von raschen Rosseshufen, Von ungebändigten, und ungestümen, Schon klingt’s zur Zell’ herauf die schwarzen Stufen. Faust schaut hinaus; es sind zwei gelbe Mähren, Ein lust’ger Handbub’ reitet auf der einen, Die Ausgeburt der närrischsten Chimären.

Da klopft es an die Bogenthür der Zelle, Mephisto tritt herein in bester Laune, O sag mir was verziehst du deine Braune So sonderlich du düsterer Geselle! Ein Mägdlein hab ich dir ausspioniret, Ein Himmelskindlein voller Sitt’ und Zieren Will nun auch ich einmal so ekstasiren, Wie du es schrecklich oft an mir probiret. O sei doch nicht so fürchterlich blasiret Und schau dem Balg da in die Augenlöcher; Komm trink’ hier eins aus diesem Kummerbrecher, Der Flasch’ die an der Hüft’ mir balanciret. Sie ist der Schönheit treue Märtyrin, Vernimmst du dies, und macht’s dich nicht zum Narren? Zween Gaule hab’ ich unten: hör’ sie scharren, O komm Kind schwachen Will’ns und wilder Sinn’! Eh’ noch der Mond von Himmel ist verschwunden Ha’n wir sie in Venetia angebunden Am Marcusplatz Tavern zum rothen Thurm O komm, o komm du alter Leichenwurm! ——— Im öden widerhalln’den Hofesraume, Besteigen sie die beiden scharr’nden Gäule, Die ungeduldig spiel’n mit weißem Schaume. Der Bube, der die Pferde hält am Zügel, Ein loser Bursch’ mit einem blinden Auge, Hilft beiden gar manierlich in die Bügel. Und wie sie schallnder wilder Flucht enteilen, Wie brausend sie, mit mir sturmgeschwellter Mähne, Des aufgeregten Flusses Welle theilen. Winket der Handbub’ einem alten Raben, Der niedersaß auf einem Cruzifixe In den Basalt der Klosterwand gegraben. Den sattelt sich der wilde Teufelsknabe, Schwingt sich darauf mit troz’gem Ungestüme, Hoch überflattert schon den Thurm der Rabe; Hoch überflattert er die Riesenfichte, Wie ihn der Bube mit dem Sporne stachelt Zum Monde fort dem fiebrischen Gesichte! Wie kriecht der Schatten als ein schwarzer Wurm, So klein und krüpplig über Berg und Thal Ein dürres Blatt gehetzt von einem Sturm! Die sprengen durch den echolauten Wald. Um Mitternacht bei einem Hochgerichte, Auf dürrem Hügel schickt man sich zum Halt. Und wie sie zügeln ihrer Gäule Hufe, Harrt ihrer schon der flinke Rabenreiter, Halb eingenickt auf des Suppliciums Stufe, Der alte Rabe kauert stumm verdrossen, Mit mürr’schen Blicken bei den abgenagten, Gebleichten Beinen auf des Rades Sprossen. Wie beide nah’n, erwacht der Bub’ geschwinde, Er nimmt die schäum’gen Rosse von den Reitern Und führt sie auf und ab im kühlen Winde. Faust und Mephisto sitzen auf dem Sand Und sprechen schnell und eifrig aber leise, Daß es der Teufelsbube nicht verstand. ——— Wie schon der Mond in das Gebirge geht. Farbt sich Venetias vielgestalter Schatten Auf stummem Meer, in stummer Majestät. Ein schart’ger Felsen ragt er in die Welle Ein leis’ gehobnes düstres Geisterschiff: Allnächtig festgeankert an der Stelle. — In phantasienreichem, schwanken Gange, Geht Faustus auf und ab am schönen Meere, Das ihm die Brust erfüllt mit heißem Drange. Am schönen Meer, deß Steigen und deß Neigen Des Menschen Blick in stierem Schauen fesselt, Wie in dem Wald das Spiel von Laub und Zweigen. Wie wenn man Aug’ in Auge sich besiehet, Die Seel’ in Seel gedankenlos versinket, Und in bewustlos dumpfem Traum entfliehet. Gefährlich ist’s in solchem wüsten Stieren Sich unermessne Wünsche zu entzünden, Und bänglich sich den Busen zu umschnüren. Wir schrecken aus dem selbstvergess’nen Traume, Wir wissen diese Sehnsucht nicht zu nennen, Wie gleichet uns’re Seel so einem Baume; — Deß Zweig’ im Nachthauch schwanken, beben, wehen, Er dauert uns, als hätt’ auch er Gedanken, Als könnten sein Verlangen wir verstehen. Fort rauscht es in den leis’ erregten Zweigen, Die düster sich bis an den Boden senken, Doch ohn’ Erwiedern bleibt das stumme Neigen, Nicht tauchet aus des Mond’s geschwelltem See Ein lichtes Weib, die um den Stamm sich schlänge, Um zu genügen dem sprachlosen Weh. Dies dachte Faust am Meer um diese Stunde, Am sand’gen Lido von Venetia Der Mond entschwand lang’ zu der Alpen Grunde. Da wandelt über einer Brücke Bogen, Die zween Palläste mit einander einigt, Hoch hingewölbet ob der Brenta Wogen, Wohl sah es Faust, ein Mensch in schwarzem Kleide, Zerrung’nen Haars, todtbleichen Angesichts, Und wie zerknickt von einem Riesenleide. Dann schien es ihm, als wär’s ein leerer Schatte, Von irgend einer närr’schen Nachtgestalt, O toller Stern! der ihn geworfen hatte.

Diana von San Pietra