Faust: Ein Gedicht

Part 5

Chapter 53,088 wordsPublic domain

Und wieder dämmerts Abend — Faustus ruht Am Fuße eines Schlosses, eines alten Und wüsten Baus, der zu nichts mehr gut, Die tiefste Nacht lugt aus des ungestalten Gefensters goth’schem Rund — der Abendwind Spielt mit den ries’gen, dunk’len Spinngeweben Die vor dasselbe hingesponnen sind, Als in des Vorhangs heimischen Geweben. — Wie sich nun drüben fern der Mond entzündet So einsam auf dem tiefen, dunkeln Blau, Wie sich in ird’scher Ebene dieser Bau, Von allem Leben fern schwermüthig ründet; Beginnt er so: “wie oft hab’ ich geblickt Empor zu dir, o du allträumend Licht, In mancher Nacht, die still und unverrückt, Gestarrt ich in des Leichnams Angesicht O dann ist seelenvoll, ja! Seelenvoll Dein Blick: hab’ ich nach dir mich umgewandt Vom Todten-Aug, das leer und starr und hohl Benetzte mein Skalpell und meine Hand O Nacht! Dein Blick ist so gedankenreich so schwärm’risch, überschwenglich, unermeßlich, Des Todes Blick, so finster, stier und bleich, Und für den Laien schauderhaft und gräßlich. Ich lieb dich Nacht! Dir schlägt das Herz im Busen, Das prahlrisch auf der Zunge trägt der Tag, Und voll Entzücken zähl’ ich jeden Schlag! — Mein Fluch traf noch nicht Alles, und ich kann, Nach Bildern und Gedanken zahllos greifen, In diese Brust, und hab’ nie Mangel dran Und ewig so in ungemessnem Schweifen! — Er schlummert ein den Kopf zurück gelehnt, An einer Säule Trümmer-Piedestal. — Fort schauerte die Nacht, die Brise stöhnt, Und Sterne jagen wechselnd sich ohn’ Zahl. Da über ihm erscheint auf dem Balkone, Ein junges Weib in alter, griech’scher Tracht. Ein schmales Band von Gold gleich einer Krone, Durchflicht der düstern Locken wirre Pracht. In ihren Händen hält sie eine Leuchte Vom Erz Korinths mit hohem Postament. Als sie die auf die moosig feuchte Brüstung gesetzt, zieht sie ein Pergament Aus ihrem Busen, läßt sich auf die Knie’n, Schaut auf zum Himmel, und mit kund’gem Styl, Wie hell die Sterne dort vorüberglüh’n, Verzeichnet sie das flammende Gewühl; Und Stern an Stern, Gedanken an Gedanken, Ein nächt’ges, stummes, unermessnes Spiel! — Wie ihre schwarzen Augen traurend sanken; Und drauf in der Erkenntniß Hochgefühl, Den Sternen droben ähnlich flammend stiegen, Und Siegesglanz strahlt in der Seherin Zügen. — Es war so still, im dürren, stäub’gen Blatt, Der krüppelhaften, trocknen Sycomore, Raschelt kaum noch der leise Nachthauch matt, Und tönet zu der schönen Schwärmrin Ohre. Und Faustus schläft, in seines Traumes Walten Im Riesenflug der ernstlichsten Gedanken, Ersteigen lieblich und verführerisch Gestalten Von Schönen, die auf dieser Erde wanken. So blinket durch der Nächte Wolkenflug, Den dumpfen, rauchigen und nebeldüstern, Des blanken Sterngebilds lasciver Zug, So reizende Figuren und so lüstern. — Als drauf in des Gesichts Lebendigkeit, Die Seherin rhetorisch schwenkt die Hand, Fällt plötzlich nieder von der Brüstung Rand Das gelbe Blatt, das sie so hoch erfreut. Es trifft den Schläfer Faustus ins Gesicht, Der schaut empor und sieht die bleiche Dirne: Sie merket den Verlust des Blattes nicht, Ihr Aug’ steht ruhig auf des Himmels Firne, Er liest nun in des Pergamentes Zügen, Die wunderlich und seltsam sich verschlingen Ein Punkt, ein Kreuz, ein Ineinanderfügen, Von tausend Kreisen und so vielen Ringen: Und er steht auf, da wird sie ihn gewahr, Und sieht das Wunderblatt in seinen Händen: “O stolzer, übermüthiger Barbar,” Spricht sie zu ihm: “das willst du mir entwenden! O gieb mir wieder, was ich schwer errungen Du hast ein ernstes, sinniges Gesicht: Ich hab’s den stummen Göttern abgedrungen, Beraube du des theuren Blatts mich nicht! Du ehre meinen ernstlichen Beruf! — Ehr’ blos das Weib in mir, nur mein Geschlecht, O gieb mir, gieb mir, was ich mir erschuf, Der Sterne, der Gedanken Sinn Geflecht. Faust ritterlich, wies nimmer er vergaß, Wenn auch erstaunt und seltsam aufgeregt, Springt auf den Marmorfels, auf dem er saß, Und wie den Arm er um die Brüstung schlägt, Schwingt er sich auf das Astrologium. Sie stehn sich beide gegenüber stumm, Der Schläfer Faust mit dem verworrnen Haar, Mit dem verschobenen Barett von Sammt Die Seh’rin mit dem glüh’nden Augenpaar, Die Wange bleich, als wie dem Tod entstammt. “Hier hast Du Weib Dein wunderlich Papier! Beginnet Faust, “ und wohl bekomm’ es Dir!” “Doch sprich! wer bist du, schön wie eine Braut, Und angeputzt wie eine Königin, Schwärmst Du umher in Räumen, wo mir graut, Und seltne Träume führest du im Sinn? Weib Wir sind in Rom, ein wunderbar Geschick Macht diese Stadt zur ersten Stadt von allen! Was noch so hoch erhoben hat das Glück Bis zur Anbetung, hier ist es gefallen! Hier sanken jene Götter in den Staub, Die wandelnden in freundlichen Gestalten O Alles wurde hier der Zeit zum Raub, Und alle Hoheit wurde hier zerspalten! So bin auch ich der hochberühmten Frauen, Von Delphi Sprosse, die ein schleichend Sein In diesen Trümmern fristet, diesen grauen — — Umstrahlet mich der alten Größe Schein? Ich bin die Manto! — — jenem Mittelpunkte Der Erd’ entsprossen, da des Weltalls Gab’ Im stolzen Tempeln aufgerichtet prunkte, Die goldnen Becher und der goldne Stab! — Vier Schwäne, wie vier Adler, die geflogen,[1] Nach den vier Winden von den Weltenenden, Zu gleicher Stund’, begegnen sich am Bogen, Der Tempelhallen, an den heiligen Blenden! — — In dieser Trümmerstadt, der Stadt des Falls, Fällt nun das herrliche Geschlecht in mir — Die Manto fällt, die Königin des Alls, Der Zukunft geben ihren Schleier wir! Faust O hochgelobt sein mir die nächt’gen Stunden, Da ich Dich wunderbares Weib gefunden, Ich frage nicht nach Deinem Alter, Namen, Noch wie Dir diese Trümmern überkamen. Sei mir gegrüßt in aller Herrlichkeit, Du schöner Sprosse jener mächt’gen Zeit! Glücksel’ger du als ich! — du hast erkämpfet, Der düstern, heiligen Geheimniß eins, Die droben Er mit stummer Nacht umdämpfet, Und davon mir, ach — offenbart sich keins! O du bist glücklich! hochgebenedeiet, Sei meine Schwester, Herrin, sei mein Weib’. Dein Sieg! Dein Sieg, der seine Macht entzweiet, — O rasend tost mein Blut durch meinen Leib. Nun flammt mein Herz himmelhoch in Entzücken, Im Busen rauscht ein Quell von Seligkeit! Noch einmal freu dich Faust der Jugend Sonnenblicken. Und dann sei wieder deinem Gram geweiht!” So sprechen mit einander jene Beiden, Da tanzt noch einmal auf dem Trümmerdach Die Eul’ von ihren nächt’gen Leiden, Die Hallen tönen’s schaurig nach, Die Fledermaus, die in der Rinne Vom Flug sich ruhet, schnarret auf, Und stößt sich am Geweb der Spinne, Die eilt geschäftig nieder, ‘naus, Und flickt besorgt an den Geweben. — So regt im alten Wald der neuen Welt, Wenn kaum die nächt’gen Gipfel beben, Der Thau vom Blatte träufelnd fällt, Urplötzlich sich ein wildes Leben, Den Tapir hetzt der Jaguar; Er fliehend rüttelt die Bananen, Auf denen schnarcht die Affenschaar, Die höhnet, schimpft den unhumanen’ Und weckt der Papageien Chor, Der wilde Lermen toset hin und wieder, Dem Wanderer zerreißt’s das Ohr, Im Hamak wirst er schlaflos seine Glieder. — ——— Ein grüner Vorhang scheidet in zwei Theile Den hohen Saal wo jetzo Faustus steht, Er ist allein in stummer nächt’ger Weile. — Und wie er sinnend auf und niedergeht, Und in dem Dämmerschimmer um sich blickt, — Indessen Manto wie er sie gebeten, Sich ihm die Zukunft zu enthüll’n beschickt, Jenseits des Vorhangs stell’nd an den Geräthen: Spricht er also; O! und sie wagt zu klagen, Daß sie des hohen Stamm’s verlorne Tochter sei, Verachtet einsam, deren Ahn’ zu fragen, Geeilt aus Nord und Süden man herbei; Glich ich einem lahmen, dummen Ungeheuer Einem Hunde, einem schrecklichen Scheusal Gehört ich einem Stamme, der das Feuer Das heiligste der neid’schan Götter Saal Dem ihr’gen gleich enttrug! — weh mir! ich habe, Auch gar nichts übrig als ein wildes Herz Voll glühn’den Blutes, — Bettler an dem Stabe Schwank ich dahin und schlepp’ an meinem Schmerz. — Ich hab’ ihm Schlaf, ihm meine Ruh geschlachtet, Und mich mich selbst! — o! denk ich nicht daran Und dieses Hirn und dieses Auge schmachtet, Noch nach wie vor nach der ersehnten Bahn!” Faustus also: die bleichen Cariatiden Die matten, seufzenden an ihrer Last, Sehn stieren Auges auf den lebensmüden, Dem alle Welt wie er sich selbst verhaßt. Ein dumpfes Schattenspiel: entlang den grünen Schleier, Rauscht’s geisterhaft im kühlen Zug der Nacht, Da steht Mephisto da, das Ungeheuer Sieht Fausto in sein trübes Aug’ und lacht! “Du geh mir jetzt,” spricht Faust, als er ihn sieht: “Ich mag dich nicht in dieser heiligen Stunde, Da in Erwartung mir der Busen glüht, Anekelt mich das Wort aus deinem Munde! Ein Weib kann mir mehr als Du selbst gewähren Geh! ich erwürge Dich Du lahmer Wicht, Willst Du mir diese Mitternacht zerstören Da wenig mir zu meinem Glück gebricht!” Mephisto Herr Anatom sind gar gebieterisch, Ich wollte nur nach Dero Wünschen fragen, Die Nacht ist heute köstlich kühl und frisch, Zur Reise gut, doch hat das nichts zu sagen! Mag’s euch nach Wunsche gehn, ich will nicht stören, Und morgen werden wir das Weitre hören.” Er lacht und geht: Faust höret ihn noch kaum, Und misst mit ungeduld’gem Schritt den Raum. ——— Noch hallt Mephistos schleichend lahmer Gang Im öden Trümmerhaufe: nächt’ger Sturm, Saust an das Fenster ungestüm und bang, Die Sycomore krümmt sich wie ein Wurm. Da rauscht in schweres, dunkeles Gefalt Der grüne Vorhang und ein trübes Licht, Von süßer Wolke düstrem Dunst umwallt, Umstrahlt der Manto blasses Angesicht; Wie sitzt sie auf dem mysteriösen Fuß Im Seelenkampf, doch lieblich zum Entzücken, Wie sie die Locke schüttelt, die den Rücken Herniederfließt im rabenschwarzen Guß. Im Auge glüht die Unermeßlichkeit Es steht verrückt und schwärmet: fest verbissen Sind ihre Lippen wie in stumm bekämpften Leid, Von schweren Falten ist die Stirn zerrissen. — Sie springt empor: schon öffnet sich der Mund, Zum Wort — sie schweigt — verdreht die weißen Hände Und sinkt bestürzt zurück auf ihres Sitzes Rund. Das alte Spiel — im Auge glüh’n die Brände Des Geist’s von Neuem auf zu wilder Gluth. Die blaue Wolke fliegt in duft’gem Tanze, Ihr Busen wogt: sie schöpft nach Luft und Muth; Die Ampel glüht in stierem, düstren Glanze Jetzt springt sie auf — Da reißt es Faustum fort; Das Weib entzückt ihn; sein entfesselt Blut, Durchwühlt sein Hirn; wie sie zum Zukunftswort, Die Lippe regt, erliegt er seiner Wuth: Umschlinget sie in bodenloser Luft Mit heißem Arm; die aufgeregte sinket Betaubt, hingebend an des Mannes Brust, Und seufzt und weint wie ihren Kuß er trinket. Die Myrrhenwolke wirbelt wilde Ringe Gescheucht von solcher Athem Sturmesschwinge. ——— Es war ein wüstes ganz verdorrtes Feld, Vielfach gespalten von der Sonne Gluth; Hier weilte Faust da sich der Morgen hellt, Vom Himmel gießt die Regenfluth; — Ein eisiger, durchdring’der feiner Schauer, Durch den blutroth die Morgensonne glüht, Die kaum erstanden ob der Trümmer Mauer, So man von hier nicht allzufern sieht — So bleich, so dumpf, so traurig und zerrissen Sah nimmer noch sein Angesicht, Die Haare starr und träufelnd niederfließen, Und wie gebrochen ist der Augen Licht, Als könnt’ nie wieder sie der Geist durchbeben, So hohl und ohne Glanz, so starr und stier, Sie die der Flammenzug des reichsten Leben Gefacht, und der Erkenntniß Gluthbegier. Der arme schleichet ruhlos hin und wieder, Gesenkten Haupts mit wankem Gang, Dann wirft er auf dem feuchten Feld sich nieder, Auf das Gesicht und liegt minutenlang: “Du hast gesiegt!” so ruft er endlich aus: “Ja! Und auch diesmal darfst Du triumphiren! Maaßlos ist dein Triumph, gleicht er dem Graus, Den meine Qual’n in diesem Busen schüren. — So sei von nun ein jedes Band zerrissen, Wenn eines, ein letztes noch, mich dir verkettet: In niedrer Sinnlichkeit taumelnden Genüssen Sanken wir hin! — o bittre Schmach! — wer rettet? Du hast dir dein Geheimniß so umwallt, Mit list’ger Schlang und schöner Weibsgestalt! Was lässst du michs nun gar so schwer empfinden, Wenn ich erlag! ich sollte ja verblinden! Schon der Gedanke daß ich dich begriffe Er schleuderte mein Schifflein an die Riffe! — — — Kam nur Mephisto nicht: ich muß mich schämen, Ich möcht umarmen diesen Höllensohn, Ihn um Verzeihung flehn’d für mein Benehmen, Daß er mein schont mit seinem Hohn!” —— Und so und anders tönen seine Klagen Im alleinsamen Monolog, Es saust des Regenschauers wildes Schlagen, Noch düstrer Flor das Tagsgestirn umzog. ——— Mephisto hinkt voran, Faust schleichet nach, Hehr liegt vor ihnen Roma ausgebreitet Sie schwiegen beide, doch wie Faustus schreitet, Er also mit sich in Gedanken sprach: “Froh könnt’ ich diesen Teufel jetzt umarmen, Und möcht’ ihn gar auf meinen Händen tragen, Auch nicht ein Wort sprach er um mich zu harmen. Ernst und gesetzet hat er sich betragen; Er ist ein Kamerad viel edler denn ich meint, Ich lieb’ ihn nun als einen werthen Freund.” ——— Da Faust bis auf das Hemde naß durchaus, Und ihn ein Schauerfrost durchbebte, So traten sie am Wege in ein Haus, Ob dessen Thür ein Wirthshauszeichen klebt. — Sie setzten sich zum glimmenden Kamin, Und tranken Wein, wie ihn der Wirth gegeben, Faust stierend in der Kohle Glüh’n, Dacht trüb an sein verflossen Leben. Sein Auge sank in schmerzlich tiefem Traume Und Todesblässe färbt sein Angesicht: So saßen die im dumpfen Raume, Des wüsten Saals im Dämmerlicht Mephisto ernst und feierlich: Gar seltsam stund es seinen Zügen: —— Als eine Weile so verstrich, Trat ein viel Volk mit lärmendem Vergnügen. Verwilderte Physiognomien In weitem Hut: man rief nach Krügen Voll rothen Wein’s, fing an zu zechen, Der wildste Lärm durchbraust den Saal, Man sang, man pfiff, man disputirte, Daß einem die Ohren scholl’n von dem Scandal, Und man verwünscht’ das Volk das ungenirte. — Auf’ einmal schaut ein junger Fant. Seitwärts dorthin wo jene saßen, Noch stumm, dem Feuer zugewandt. Der Bursch lacht laut und ohne Maaßen, Da er den fremden Mann erblickt, Der wüsten Haars das Kleid verrückt Im Antlitz tiefe Traurigkeit, Als wie verschroben und vernarrt Nun schon die ganze, lange Zeit So seltsam in die Kohlen starrt — Er wies mit seinem Finger hin, Den ganzen Raum durchschallet Lachen Sie standen auf, umstellten ihn Um zum Gelächter ihn zu machen. Mephisto saß als wie vorher, Und deß verwunderte sich keiner, Es war ganz als gehörte der hierher. Doch diesen schont’ von Allen auch nicht einer Der eine sprach: “Schlecht ging’s ihm auf der Serenade Sie haben ihn da weidlich durchgedrescht, Die Schöne selbst, sie hat mit einem Bade Von kühlem Wasser seine Gluth gelöscht. Hier schmort er nun der niederträcht’ge Hund, Gern würf ich ihn hinaus zur Stund!” Der Andere: “Hinter dem Thorweg hat der Fuchs gestanden, Und auf die blonde Magd geharrt, Der kühle Zugwind blies ihn ganz zu Schanden, Dieweil im Ziegenstall sie mit ‘nem andern narrt.” Ein Dickwanst sprach: den Burschen kenn ich lange! Schon wiedermal ist er dem Irrenhaus entlaufen Der tolle Jakob ist’s, mir wird ganz bange, Wenn ihm sein Stündchen kömmt, rennt er uns über’n Haufen. “Hoho,” ein anderer, “die ordinaire Range, Tobt er nur los, wir wollen ihn schon packen, Nur frisch darauf, es giebt ja Narrenjacken!” Da schreckt Faust auf aus seinem Traum Er starrt empor mit wilden Blicken, Und sieht das Volk, den scheußlichen Abschaum, Häßlich und lüderlich sich um ihn drücken: Was er empfand, wie ihn verhöhnt, Das wüste Volk mit Henkermienen, Zum Teufel kehrt er sich und stöhnt. “O du! o du! befreie mich von ihnen!” Da schleicht ein häßlich, gelber Junge, Hervor, tritt auf die Zehn’ ihm hart, Und blökt ihn an, weist ihm die Zunge, Und huscht ihm an dem Knebelbart. Faust wüthend, greift ihm um den Nacken, Und drückt ihn daß er ihn erstickt; Der stürzt zur Erde; aber packen Will ihn nun selbst das Volk, das groß erschrickt. Viel Knüppel sieht er schon geschwungen, Viel Kling’n, Stilett und Fackelstange; Als ihn Mephisto schnell umschlungen, Und ihn enthoben diesem Drange. —

Draußen in der Nacht, da stehen sie nun wieder “Verfluchtes Volk,” sagt Faust: ich danke dir! Doch aus dem Wamms tropft noch das Naß mir nieder Wie kommen nun zu einem Feuer wir? Es ist so kalt, ich bebe wie im Fieber, Ich werd’ verrückt, o! ich bin schrecklich krank! Mephisto Siehst du den Felsen dort jenseits der Tiber, Den ungeheuern, riesig jähen Hang Da brennen Feuer meine Kameraden, Komm mit dahin, du wärmst dich herrlich dort, Sträube dich nicht! es thut dir keinen Schaden! Sie thun dir nichts, bald gehn wir wieder fort, Doch muß ich noch einmal zur Schenke hin! Wir ließen dort den Krug mit Weine, Ich hol ihn, da ich durstig bin, Wart hier indeß im Maulbeerhaine!” ——— Bescheiden tritt Mephisto in die Thür Der Schenke, grüßt die Herr’n einfältiglich, Die um den Tisch gereiht, mit ekler Gier An einer Schüssel Nudeln laben sich: Die sind mit Oel gekocht, wie es in Welschland Brauch, Und duftig dampft der süße Rauch. “Ihr esset Herren schöne Makaronen,” Beginnt der Teufel: “und mich hungert sehr, Ich bin so arm, und Gott er wirds euch lohnen, Stellt ihr mir meine Kräfte her!” Die rücken dichter auf der Bank zusammen: “So setzt euch her Rothmantel in des Teufels Namen!” — Der nimmt den Löffel in die Hand, Und wie er wühlt im duft’gen Schmauß, Sieht man ein Haupt, halb angebrannt, Mitten darin, o Schreck! o Graus! Des Knaben Haupt, den Faust erstickt’, Weil er ihm so am Bart gezwickt. Die stieren Augen blicken scheußlich drein, Und aus dem Mund leckt ihm das Fett; Mephisto sprach: “das wird euch schon gedeihn’ Prosit ihr Herrn! zum köstlichen Bankett!” Die sind wie angedonnert, und entsetzt, Schau’n sie sich an und sinken von der Bank, Laut heulend: weidlich hat Mephisto sich ergößt, Und macht den Krug im Arm sich auf den Gang. ——— Am Maulbeerbusche trinken sie den Wein, Die beiden, stärkend sich zum Flug, Dann schmettern sie an einem schwarzen Stein, In tausend Stücke den geleerten Krug. Mephisto drauf sich um den Doctor schlingt, Und mit ihm auf zu hohen Lüften dringt. — — Die Nacht wird wild, unbänd’ge Wolkenschaaren In schwülstigen, wahnsinnigen Gestalten, Umrauschen diese, wie sie aufwärts fahren, Manch’ Scheusal wird von ihrem Flug zerspalten, Mit dumpfen Angstgekäuz die Eule flieht, Wenn sie den rothen Mantel flattern sieht; Der Berg ist fern, so fern, ganz unermeßlich, Doch sturmesschnell ist auch ihr luft’ger Flug: Jetzt sind sie da; ein schwarzer Felsen gräßlich, Zertreten von den Füßen, die er trug Blutfarbig glimmt ein riesengroßes Feuer, Auf einem Felsensturz zur Nacht empor, Teufel ringsum, häßlich und ungeheuer, Ein wüster, wilder, mitternächt’ger Chor. — Der ärmste nun auf warmem Lager ruht, Das ihm aus rothen Mänteln aufgeschichtet, Aus zahllos vielen, unfern von der Gluth, Die immer ries’ger sich zum Himmel richtet. Ringsum die wüsten, finstern Gestalten, Mephisto mitten unter ihnen. Eifrig Gespräch sie durch die Flammen halten, Den rothen Wiederschein auf ihren Mienen. Die Nacht rauscht fort in mysteriösem Treiben Weithin erglänzt der teuflische Kamin. Der Doktor schläft; es ist nicht zu beschreiben Wie diese ganze Grupp’ erschien.

[1] Aetus tinas chai chuchnous mythogoysin acho ton achnoon tes echi to meson phenomenous eis tauto sumpesein Puthoi chenoi ton chaloumenon omphalon. - Plutarch, De Pythia.

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