Part 4
Halb wach liegt Faustus in der nächsten Nacht, Den Rücken an den Eichenstamm gelehnet; Mephisto schwatzet für sich hin und lacht, Und lauter Sturm im dürren Blatte stöhnet; Und Faust verstehet folgende Zwiesprach Die jener hält mit einem Unsichtbaren: “Nun geh!” sagt er: “mach mir nicht Ungemach, Verdammter Sturm zu deinen Wolkenschaaren, Was quälst du mich? für dies Auto da Fè, Das deinem Gaum’n ich diese Nacht entzogen, Mußt du aus seinen Aug’ noch eine See Von Thränen trocknen? hab’ ich dich betrogen? Und dieses Stöhnen seiner bangen Lunge, Du kannst es ja mir nie genug beloben. Dies Alles halte schadlos deine Zunge, Und aufgeschoben ist nicht aufgehoben!” Da brüllts daß sich die alten Eichen biegen; Faust schauert, und ihm stockt des Herzens Schlag, Doch bald wird’s still auf seinen bleichen Zügen; Süß schläft er ein, ob es auch tosen mag. Wie wogt der Flug von Wolken und von Geiern, Von düstern Raben durch den Eichenhain, Wie krächzt der wilde Zug von Ungeheuern, Und zornig jagt der Sturmwind hinterdrein. ——— Es scheint kein Mond: im schwarzen Tannenhain Ging Faustus auf und ab, still und allein. Die Nacht sie schwieg so wie die Nächte schweigen, Ein dumpfig Flüstern: ein wahnsinnig Spiel, Von schwärzlichen Gestalten, dieses Neigen Der Gipfel und der Nadeln an dem Stiel. Und Fausto schaudert nicht: tief in Gedanken, Die Arm’ auf seinem Rücken eng verschränkt, Durchschweifet er der wirren Schatten Schwanken, Redt mit sich selber, meditirt und denkt Das Mäntlein und die dunklen Locken wehen Im mitternächtig aufgeregten Wind, Fest auf dem Boden bleibt sein Auge stehen, Wie er sich der Vergangenheit besinnt. Das war ein Strom von Denken und von Fühlen Der ihn zu stiller Stunde so umrauscht! In so viel Blättern kann der Wind nicht spielen, Als er der flüsternden Gestalten lauscht: So viele Wolken nicht den Mond umjagen, Als da Gesicht ihm auf Gesicht enttaucht: Und sind nicht Blätter, dran die Winde nagen, Nicht todte Wolke die den Mond umraucht. Es sind Gestalten frisch an Glut und Licht. Hell wie der Stern, der durch die Wolke bricht. — Und wie er geht im düsteren Gehäg’, Das Nadelhölzer jeder Art durchwinden Wird plötzlich in der Fern’ ein Schimmer reg, D’ran tausend Schatten eifrig Leben zünden. Er geht drauf zu, bei einer Fackel Lichte Dem halb verglommenen, ein Jüngling kniet, An einem Bild, das an die schlanke Fichte Genagelt, ähnlich einem Weibe sieht. Es ist zerlumpt, verwittert und zerrissen, Und eben nur siehts noch dem Weibe gleich. Doch fromm liegt ihm der junge Mann zu Füßen, Er ist so hübsch, und doch auch gar so bleich. — Wild fliegt sein Lockenhaar in dunkeln Wirren, Und schwärmend ist des blauen Auges Sinn! Der Wamms zerrissen: und wie einem Irren, Tönt ihm das Wort von seiner Lippe hin. Er kniet gebeugten Haupts, und in der Hand, Hält er ein rostig Messer, das er schwenket Und aufwärts wendet wo das Bildniß stand: “O wenn sie mein, o wenn sie mein gedenket, Als ihres Mörders herz’ges Mütterlein Des hohen Sohnes, o verschone mein! Misericordia! Misericordia! Ich war’s, ich war’s, barmmüthige Dolorosa, Ich war es allerheiligste Madonne Der Dir erstach die wunderschöne Nonne, Lucretia: ich hab nicht Ruh, nicht Rast Eh’ also ich entbürdet mich der Last; Gebüßet Dir und Deinem hohen Kinde Den Mord der Eifersucht, die schmutz’ge Sünde; O sie schwur mir, daß sie so treu mich liebte, Ich sprach sie an des Klostergartens Zaun, Und bracht’ ihr Rosen, die ihr vielgeliebte Lilie, in offnem, herzlichen Vertrau’n. Noch öfter sprach ich sie in ihrer Zelle, In stummer und alleinsam tiefer Nacht. Ihr Flammenkuß — weh’ ich vergaß der Stelle Vor deinem Bild — du keusche Himmelsmacht! — So hielt sie lange mich an ihrer Kette Doch als ich einstens Abends ganz allein Für sie die Saiten stimmte, und Sonnette Auf ihren Namen machte, fiel’s mir ein Zu zweifeln an der schönen Nonne Treue, Das kam mir angeweht als wie ein Zug, Und ob ich gleich mich vor dem Dunkel scheue, Eil ich in’s Thal zum Garten: o genug Weißt Du, Du Heilige! Ich sah Mit einem Mann deine Lucretia! Wie wogte diese Brust, als ich’s erblickt, Wie schnürte sich zusammen diese Kehle, In eines andern Arm, was mich beglückt: Und was entzücket meine arme Seele! Ja heil’ge Mutter, ja ich hab’s gethan, O ich armseliger elender Mann! Und du hast keinen Segen mehr für mich! Du schweigst! Du gehst mit mir in das Gericht! Nicht Gratia! Gratia! Es ist fürchterlich! Vergieb mir Mutter und verstoß mich nicht!” Da überfliegt ein gelber, greller Schein Das nächt’ge Laub in diesem düstern Hain, Das heil’ge Bild, das Schmerzensangesicht, Des Fackelbrands schwermüthig Licht. „Ich bin erhört! o! bin erhört durch dich Du Holde, himmlisch Hochgebenedeite! Der helle Tag der Gnade strahlt für mich, Der meines Kummers öde Nacht zerstreute. Es war ein Leuchten deines goldnen Blickes! Es war ein Winken deiner weißen Hände, O was es war! Ein Zeichen meines Glückes Daß es sich wieder zu mir Armen wende! Triumph! Triumph! der Sieg ist nun erstritten, Und stiller fiebert mir dies kranke Herz! O heil’ges Licht ich habe ausgelitten, In Wonne wandelt sich der Schmerz! Verflogen war der wilde, gelbe Schein, Die stille, düstre Fackel glimmt allein. Der Büßer sprach’s: und drauf als im Entzücken Jauchzt er empor, und stürzet fort mit Hast Himmelhoch warf er das Messer, das zu Stücken Zerschlug den dürren Zacken an dem Ast. — Ein alter Rabe flattert schwer empor, Schlaftrunken kreis’t er über diesen Bäumen, Und krächzt zerreißend für ein menschlich Ohr, Ein Schauerlied aus seinen wüsten Träumen. Wie klang das! so sind zu besingen Die Galgen und die Sünder auf den Rädern. Verschlafen regte der die alten Schwingen Und zupfte mürrisch in den dunklen Federn. Und nun war’s still, das Messer lag am Boden, Nachdem’s hinabgetanzt von Ast zu Ast. Der Rabe schwieg, der Jüngling außer Oden, War weithin in den tiefen Wald gerast. Faust steht in sich verloren, wie im Traum, Die Stirn gelehnt an einen Fichtenbaum Den Blick gewendet wo das Bildniß hing In düstrer Gluth der Fackelbrand zerging. “So also liebte mich Lucretia!” Da rauscht’s im Zweig, der schrickt empor und da Kommt langsam Freund Mephisto herspazirt! “Was stehst du hier, du gar zu stiller Thor? Ich hab’ mich eben köstlich amüsirt: Ich war verschnupft, es summte mir vor’m Ohr Und gar zu gräßlich brannte mir die Nase: Da hab’ ich solchen nächt’gen ungezognen Rangen Den man ‘nen Irrwisch heißt mir eingefangen: Wie spiel’nde Knaben eine Seifenblase, Ihn vor mir hergejagt durch Stock und Stein. Gewahrtest du des Buben gelben Schein? Im Waldbach drüben hab’ ich ihn ertränkt, Die Jagd hat mich mir wieder eingerenkt!” ——— Nach ein’gen Tagen wandern jene beide Im milden, frommen Abendsonnelicht, Einen Berg entlang nicht fern von jener Haide, An dessen Fuß die Wog’ sich brandend bricht. Des Mittelmeeres Woge lang gewallt, Die unermüdlich am Gestad zerfällt; Wie es im Meer am stillen Abend schallt Und drüben aus der Nacht der Nebel schwellt! Es schwebt der Sonne glühend rothes Licht Auf weißen langen unendlichen Wogen, Hier drüben des Mondes stilles Gesicht Von dumpfen Nebeln schattenhaft umflogen: Unausgedachter, unausdenkbar hoher Melancholie, wie drüben in dem Thal, Er ob dem Kirchthurm wandelt, und dann loher Im Bogenfenster brennt den Silberstrahl! Des Herzens Schmachten und des Busens Sehnen, Der ird’schen Lyrik Tand, der vielgestalte, Der Pulse Fiebern und die wehen Thränen Dies all’s strahlt aus seines Antlitz’s Falte. Da waren sie an eine Schlucht getreten, An eine wüste Tiefe, daß ohn Graun Mephisto selbst kaum kann hinunterschaun Und für den Augenblick erscheint betreten. Da unten schäumt das Meer an tausend Spitzen, Der starren Felsen weiß und wild empor, Und jeder Wellenschlag, es ist ein Sprützen Der jähen Brandung, die verdröhnt das Ohr. Es war schon Nacht, und Faustus schaut hinab Als er gewahret auf der Felsen Zacken Ein Leiche die gefunden hier ihr Grab. Er kennt den Leib und kennt den Locken-Nacken Der hier sich brach, er sieht es und erschrickt, “O du,” begann er; “liegest hier zertrümmert, Dem, wie du meinst, die Göttin zugeblicke Dem himmlischer Erhörung Strahl geschimmert, Du liegst am Fels zerschmettert und zerstückt, Hier hast du die Entzückung ausgewimmert! — O! so verwirrt das himmlische Erhören Ist’s auch nur Lug und Trug und Teufelschein Wir tragens nicht; wir müssen uns zerstören, Und in den Abgrund stürzen wir hinein! Es macht uns trunken, o! es macht verrückt, Und es verführet uns in Nacht und Tod, Da liegt er an dem Felsen, liegt zerstückt, Der arme Knab’, der Meeresraben Brot. Und so verstummt sein göttliches Entzücken, So schweiget der Begeist’rung Flammengluth: Wie jauchzt er hin! da liegt auf dem Rücken, Und aus dem Mund wäscht ihm das Meer sein Blut. Verfluchter Teufel! deine nächt’ge Jagd, Hat mir das arme Kind zu nicht gemacht!” Mephisto lacht: doch Faust blickt wild und stier, Und drauf faßt’s ihm mit rasender Begier, Er greift den dürren Teufel bei dem Schooß Und schleudert nieder ihn zum Meerestoß. — Drauf steht er einen Augenblick allein; Doch bald stellt sich Mephisto wieder ein, “Ich danke dir,” spricht er mit höhn’schem Munde: “Ein Bad bekömmt gar gut zur Abendstunde.” Sie schwiegen beid’, als Faustus drauf begann, “Du sage mir! wie hat es sich gebühret, Daß in der Nacht als ich Lucretien gewann, Und sie zu schlimmer Sünde mir verführet; Der da geahndet, was sich würd’ begeben, Zum Garten kam und mich mit ihr entdeckte.” Mephisto gähnte, daß sich Faust erschreckte Und sprach: “das hat der Teufel ihm eingegeben.” ——— So schwiegen sie, und stierten in die Nacht, Und in das finstre Meer, als wie man schauet In ein hinsterbend Feuer ohn’ Bedacht, Und so gedankenlos daß einem grauet. — Im Abgrund drunten, in dem Trümmergrabe Kämpft um des Jünglings starre, düstre Leiche Mit weißer Wog der schwarze Rabe. Dazu erstrahlt mit geisterhafter Bleiche Das kranke, sieche Mondes Angesicht. Ein so wahnsinnig Zucken in den Zügen, Als trüg’ er seine Phantasieen nicht Und müßte schier dem irren Wahn erliegen. Die beiden schwiegen, stierten in die Nacht, Es wird jetzt lauter: wilder wird der Hauch Der Brise, daß die schäum’ge Woge kracht, Und ungeberdig flieht der Wolke Rauch.
Die letzte Manto