Faust: Ein Gedicht

Part 1

Chapter 13,924 wordsPublic domain

Faust. — Ein Gedicht von Woldemar Nürnberger

(M. Solitar.)

— — — — — — — — — — — — — — et omnis Subinitur natura, dolor quam consequitor rem. Lucret.

Berlin 1842. Bei Wilhelm Logier.

Inhalt 1. Im Giebelhaus 2. Die schönen Bützerinnen 3. Calvari 4. Dolores 5. Lucretia 6. Die letzte Manto 7. Die heimath 8. Zu Sankt Maria 9. Diana von San Pietra 10. Am Ocean 11. Schön Hertha 12. Die alten Zechner 13. Paraklet 14. Das Elixir des Mönches 15. Beim Schwanenwirth 16. Die Klosterchronik 17. Am finstern See 18. Grinnus 19. Gebrochener Leib

Sa personnalité remplissait la nature; On eut dit qu’avant lui aucune créature N’avait soupiré, aimé, perdu, gémi! Qu’il était a lui seul le mot du grand mystère, Et que tonte pitié du ciel et de la terre Dût rayonner sur sa fourni. – Lamartine.

Im Giebelhaus

Im Giebelhaus am Platz Ambrosius Wohnt Faust, ein Anatom und Medicus, Ein tief gelehrter und gescheidter Mann, Der manchen Griff, und manchen Schnitt ersann. — Das Haus ist weit, mit viel verschlung’nen Bogen, Durchkreuz’t von finstern Gängen mannichfach, Am Frontispiz mit Schnörkeleien umzogen, Ein alter Thurm ragt aus dem dunkeln Dach. — Jetzt blickt zur nächt’gen todtenstillen Zeit, Durch eines hohen Fensters runde Scheiben, Ein Lämpchen noch mit düstrer Wachsamkeit, Bei welchem Faustus sitzet um zu schreiben. — Er kam unlängst von der Anatomie, Ihn hüllet noch das Schwarze Tafft Gewand, Das er bis Abends von des Morgens Früh’ Vom Leib nicht zog, am Leichnam festgebannt. Auf seinem Antlitz ist viel Ernst zu lesen, Und von Gedanken ohne Maaß und Zahl Scheint jeder Zug durchstürmt gewesen, Tief liegt sein Aug’ voll Gluth und Strahl, Schwarz seine Bärte niederhingen Von Lipp’ und Kinn, und schwarz ist auch sein Haar. Wie war er bleich in dem Gedankenringen, Dem er so lange heut ergeben war. — Er legt den Griffel hin, stützt in die Hand Das Haupt, und murmelnd ordnet er den Gang Der Meditation, der ihm entschwand: Als laut ein Ach! Aus seinem Busen klang. Empor vom Sessel sprang er bald hernach Und also lautete sein Monolog, Wie deren oft in stiller Nacht er sprach, Wenn Weh durch seine Seele flog. Ruft er aus, es wäre Zeit, Daß sich der stolze Geist, der in dem Hirne Wühlet in überspannter Eitelkeit, Hinabließ zu der gattenlosen Dirne Natur, die uns das Blut im Herzen kocht, Geheimnißvoll und launenhaft verschwiegen Den rothen Saft durch alle Rinnen pocht, Und wie sie will gebietet unsern Zügen. O wir sind blind! Die zähen Nervenstränge, Die von dem Hirne zu dem Gliedern führen, Wir halten sie für herrschaftlich Gepränge — Das Weib hat uns an ihren Gängelschnüren! O daß ich stürzen dürft’ mich in den Brand, Aus welchem sie das glühn’de Leben siedet, Daß mir versänke die verfluchte Wand, An der ich schon zum Wahnsinn mich ermüdet! Dahin die bübische Glückseligkeit, Wo ich in meinem Gott zufrieden war, Hatt’ ich halbweg mit flinker Fertigkeit, Muskel und Nerv geleget bloß und baar! Wenn ich am Finger die lateinschen Namen Hermurmelte wie an dem Rosenkranz Gebete, die sich alle schließen Amen, Beruhigung des grübelnden Verstands!” Nicht mehr vermag ich’ jetzt, wie an dem Scapulier, Das Schandlatein am Leichnam abzubeten; Mich zehrt es auf mit glühender Begier, Und nieder bin ich in den Staub getreten! Für mein Verlangen giebt es keine Gnade, Für meinen Kummer kein Madonnenbild, Und für mein Weh entträufet keinem Bade, Ein Tropfen Heilung kühl und mild! So hab’ ich als ein Mörder mehr gethan, Und kränker bin ich denn ein gichtisch Weib In meines Busens ungestümen Wahn Der mir zernagt die Seele mit dem Leib! Den Tag trieb ich mich unter Leichenfratzen Im Saale der Anatomie umher; Bei ihren Muskeln die Studenten schwatzen, Ein lauter, lebenslustiger Verkehr! Und geh’n sie dann die kecklichen Gefellen, Zum Mädel oder zu dem Glase Bier, Laß ich die frische Leiche vor mich stellen, Und weil’ daran mit brennender Begier, Bis blind das Auge, bis die Finger beben, Und so verstreicht die stumme Nacht; Wer möcht’ nur eine so wie ich durchleben, Und o! Wie viele hab’ ich schon durchwacht!” So redet Faust, und setzt sich wieder hin, Und legt den Kopf auf seine Schreiberei; Die Lampe flimmert bänglich her und hin; Bei jeder Regung zitternd, matt und scheu: Als sie erlischt bis auf den rothen Funken, Der mälig schwindend allgemach verglimmt Und nun die Nacht, im Mondglanz schwärmend, trunken, Des düftern Schatten Bildung übernimmt. — ——— Da klopft es an die Thür, verstohlen leis’, Sie öffnet sich und einer blickt herein, Zu dem ein anderer sagt, “Du Naseweis, Laß dir doch Zeit, du gierig Höllenschwein! Mach zu! Mach zu! Man drückt die Thüre zu, Fort flüstert’s auf dem wirren, finstern Gange, “Zu diesem einen Traum laß ihm noch Ruh, Und er ist endlich reif für deine Zange!” Sei sie doch nicht so altklug liebe Tante, Ich bin wahrhaftig just kein Junge mehr! Wie lang’ nach dem mir schon der Gaumen brannte, Und lange wart’ ich nun und nimmermehr!”“ — Und Faust, von stillem Mondenschein umglüht, Am hohen Fenster stumm und einsam kniet. Die schwarze Locke schweift im kühlen Wind, Der, wo die Scheiben eingeknicket sind, Hineinweht zu dem blassen, ernsten Mann, Den einem Büßer man vergleichen kann. So in die Knieen beugt er sein Gebein, Sein Haupt ruht auf dem Fensterrand von Stein, Wie auf des Betgestühles dunkler Bank; So fliegt die Locke frei und frank, Als träfe sie die öde Kirchenluft; Als stünd’ sein Haar, wie es von oben ruft, Vom Orgelchor, wie’s von dem Alter schellt, Ihm starr zu Berg: steigt diese ird’sche Welt, Dem Menschenkind in wüster Nichtigkeit Zum innern Aug’ ob solcher Heiligkeit; Will es sein schlecht elendiglich Bemühn Auf Ewiges, Unendliches beziehn. So liegt er da, ein simpel Büßerkind, Doch murmelt er kein Sprüchlein süß und lind, Wie in dem Dom der unermüdlich thut, Daß nicht die Hand er leg’ ans eigene Blut: In starrem, ödem Schlafe, wie entseelt, Kniet Faustus da, und was sein Traum erzählt, Das hat noch keine Menschenbrust vermessen; Wie er erwacht, da ist es fast vergessen, Versunken in unendlich blaue Ferne, Zerronnen gleich dem schnell verglomm’nen Sterne. Schwarz ausgezackt flieht ein Gewölk am Mond, In dessen Schein sich still die Scheibe sonnt; Schwarz ausgezackt, erzählt die Chronika, Wie man am Mond die Wolke nimmer sah. — Wer mit geweihtem Auge hingeschaut, Erblickt ein Bild des Schreckens, drob ihm graut; Dem Drachen gleich, vergleichbar den Hyänen, Das trug ein dunkles Kreuz in seinen Zähnen Zerrollt, zerknickt wie morsches Fensterblei, So fliegt es an dem glimmen Mond vorbei. Wie knirscht es im Metalle mit dem Zahne, Wie drehet sich des Domes Wetterfahne! Der ist erwacht: sein Aug blickt stier und scheu, Rings auf das wüste, gothische Gebäu, Und einsam eine Thräne drinnen zittert — Nicht solche, wie gerühret und erschüttert Selbst starke Männer nicht verschmähn zu weinen; Es war das Naß, das demuthsvolle Greinen, Das eines Menschen blödes Aug’ durchbricht, Schaut’s in ein sengendes unsterblich Licht, Ein Nebelhauch, in den die Seel’ sich kleidet, Die winz’ge Göttin, wenn beschämt sie leidet: Und er beginnt: “den kürzsten Augenblick O laßt mich noch an diesem Wahn mich weiden! Es ist ein hohes, unerträglich Glück, Dann wie ihr wollt, murr’ ich mein altes Leiden! O dies Erwachen war so leer und gräßlich, Als wenn der Nonne, die im Burgverließ Fest eingesargt, an Gnaden unermeßlich Der Schlaf die Scherbe kühlen Tranks verhieß. Sie beugt sich nach dem Wonnetrank, Der, wie sie trinkt, in ödes Nichts zersank. Und wie sie öffnet nun das Augenlied Die blut’ge Geißel drohend niedersteht.” Wie er so murrend mit sich selber spricht, Sieht unten er im falben Mondenlicht, Zween närr’sche, menschliche Gestalten hüpfen, Die um die Eck’ am Dom Ambrosii schlüpfen. — Rasch sind sie fort: und nur ein rother Schein Flirrt ihm im Aug’ von einem Mäntelein. Das andre hat ihm einem Weib geglichen Im gelben Rock mit blutig rothen Strichen. Dürr wie die Spindel, dünner als die Mücke, Rasch wie der Wind, trägt sie doch eine Krücke. Ihm graute fast: er starret durch die Scheiben, Als ob sie noch vor seinen Blicken stünden; Dann wieder setzt er sich zu schreiben, Wo ihn am Tisch noch die Patienten finden. ——— Faust steht auf seinem Astrologium, Dem hochgemauerten, uralten Thurme, Die Nacht ist klar, und er schaut ernst und stumm Zur Stadt hinab, dem finstern Erdenwurme. — “So sah ich”, redet er nach langem Schweigen, “Auf dieser Welt das Mondlicht nimmer ruhn, Ich sah es nur in der Planeten Reigen: Nichts macht ich ihm mit dieser Welt zu thun. Ja! Ich begreif’s! Der durch den Aether weht, Der Strahl vom Hauch der Götter angefacht, So himmelsklar voll Majestät, Er kann begeistern in der ird’schen Nacht! Er, der des Raumes Unermeßlichkeit Durchflog, in diesem miserablen Herz, Zünd’t er Verlangen, banges, wildes Leid, Und tiefer Sehnsucht bodenlosen Schmerz. In diesem Auge malt er seinen Brand, Von dieser schwanken, menschlichen Gestalt Wirft er den Schatten auf der Erde Sand! So fesselt sich mit höhnender Gewalt Das irdische den Unermeßlichkeiten Und eben so stürzt uns der bleiche Tod In unbegriffene Unbändigkeiten! Nur hier verschmachten wir in enger Noth! Verflucht der Morgen, welcher angegraut Mir in das übernächt’ge Aug’ geblickt, Wenn ich den Kopf, als säß ich bei der Braut, Dem Leichnam auf die faule Brust gebückt! Verflucht der dumpfen Nacht Alleinsamkeit Da das Scalpell mir in der Hand geblitzt, Fluch meiner Brust mit ihrem wüsten Leid, Das noch um keinen Schritt mir hat genützt! Ich weiß nicht mehr als der elende Fant, Der Ader läßt mit prahlender Lanzette, Und wenn mir fast die Augen ausgebrannt, Bei seinem Weibe schmort im warmen Bette. — Du dumpfer, ernster Gott! Bist du noch wach? Und siehst mich hier im alten, öden Thurme, Mit bangem Herzen auf dem Trümmerdach, Umweht von meiner Leiden Flammensturme! Du kannst mich erhören, bin ich dein Sohn, O mir genügt das kleinste, was du giebst, Doch, ich erliege diesem kalten Hohn, Den du so stumm verachtend an mir übst! Ich trag’ es nicht, im abgetretnen Schmerz Der Menschenbrust verzehr’ auch ich mein Sein, Thorheit im Kopf und Sehnsucht in dem Herz, So geh ich fort, und so trat hier ich ein!” So redet er in stummer Mondesnacht, Stumm wandeln sich die schwärzlichen Gestalten, Hier wird was breit, dort etwas spitz gemacht, Und also fort in melanchol’schem Walten. Da gellt es schrill mit einem Mal Empor zu ihm: “salve mi Faustule!” Dem schwindelt auf des Thurmes Höh’, Er schaut entsetzt hinab ins dunkle Thal. Und bald gar klopft es an die Thür, Er ruft: “herein!” mit todtenbleichem Munde. Da tritt mit Anstand und mit Hofmanier Ein Mann aus der Fallthüre Grunde. Und grüßt noch einmal gar bescheidentlich: Ein blutroth Mänt’lein weht ihm um die Glieder, Den Sporn am Fuße trägt er ritterlich, Von gelber Mütze schwankt die Feder nieder; Sein aufgedunsen Angesicht Sieht zwar gar gelb und etwas abgelebt; Doch liest man d’rauf des Herren Alter nicht, Die Spur der Zeit sich nicht darin begräbt. Am Kinne prangt der rothe Bart, Und was vom Haupthaar ist zu sehen, Ist röthlich auch; und nach moderner Art Zween große Locken auf den Schläfen stehen. — Wie Faustus diesen Herrn erblickt, Und ihm in sein Gesichte sieht, Ins wilde Aug’, das fest auf ihn gezückt Seltsamen Glanzes, so begehrlich glüht: — Erräth er bald, wer der Besucher sei, Schlägt’s kreuz und rufet: “Satan heb dich weg!” “Ha!” hohnlacht der, “und nun bei meiner Treu, Die abgenutzte Phrase laßt doch weg; Die ward bereits von Millionen Zungen Gar laut und barsch entgegen mir gebrüllt; Und bald darauf hat man mich freundschaftlich umschlungen, Von meiner Dienste Nutzbarkeit erfüllt!” Faust Doch einer war’s, der warf damit dich nieder! Mephisto ‘Sist lange her, das hat nicht mehr Gewicht, Doch laß mich erst zu Athem wieder, Die Stieg’ ist jäh, und machte mich zu nicht. Wie sich der Teufel nun verschnaubt, Sich räuspert und sich in den Haaren klaubt, Stützt Faust den Kopf in seine heiße Hand, Und lehnt sich auf den Mauerrand. So starrt er nieder in die Mondesgluth, In finsterm, fieberhaftem Brüten: Sein herbes Leid ist wach in aller Wuth: “ murmelt er, “wer möchte mich behüten!” Mephisto beugt sich traulich zu ihm vor, Und um den Hals er seinen Arm ihm legt, Dann flüstert er gar leif’ ihm in das Ohr So rasch, so rasch, daß kaum den Mund er regt. Kein einzig Wort ist dem entgangen, Wie überflog der Wechsel der Gefühle Ihm seine Stirn, ihm seine kranken Wangen, In aufgeregtem, geisterhaften Spiele. Das dauert lang’, schon war der Mond verschwunden, Des Morgens düstrer Nebelflor flog auf, Noch immer hat kein Ende der gefunden, Da ächzet Faust: “ich bitte dich, hör’ auf! — Es ist genug für dreimal! Sei nun still!” “Und willst du, fragte der, auf Tod und Leben? “Nimm meine Hand, sprich ernsthaft Faust, ich will, “Und bin dir nun und immerdar ergeben!”

Die schönen Büßerinnen

Am Weidenbusch im stillen Dämmerthal Geht Faust am schwülen Abend ganz alleine Verfunken ernst in seiner Leiden Qual, Verdumpfet und erstarret wie zum Steine. Am Felsengipfel flammen stumme Blitze, Aus schwarzen, schweren Wolken angefacht, Der Gießbach fällt aus wild geborstner Ritze, Und murmelnd schwätzt die Weide in die Nacht. Im Grase drüben weiden dunkle Pferde, Ihr Hirte streicht den Hund beim Laubwerkfeur. “Ach wie!” spricht Faust und stampfet auf die Erde, “Wie graut mir vor dem Höllenungeheuer! Wie lockt er mich! Verflucht sei diese Gluth, Die er in meiner Brust zu zünden wußte, Der list’ge Bube kannte mich zu gut, Und war’s gewiß, daß ich ihm folgen mußte Wie war die Nacht so wild verführerisch Und reizend lag im Mondenschein die Welt, Ein Wollufthauch umfing mich köstlich frisch: Mein einsam Leben war mir gleich vergällt — Verflucht sei mir die ungeheure Nacht, Verflucht der träumerisch milde Mondenschein, Der Sünde Fluch, des Teufels Macht, Verflucht dies schwanke menschliche Gebein! Mir pocht das Herz, es wird mir dumpf zu Sinnen, Und meine thränenlosen Augen glühn, Ich muß der schauderhaften That entrinnen, Ich muß in dieser Nacht entfliehen! Er sprichts und deckt die Augen mit der Hand, Da flammt blitzhell ein Bündel Laub empor, Sein wüster Schatten färbt sich auf dem Land, Und rings der schwanken Bäume nächt’ger Chor. Sein wildes Denken treibt ihn ab und auf, Er athmet rasch, da scheint’s ihn wild zu fassen, Zur Wiese nimmt er seinen Lauf, Wo um den Hirten her die Pferde fraßen. Er schwingt sich auf ein Roß mit Sturmesschnell Ob sich’s auch bäumt, fest hält er in den Mähnen: Den großen Hund hetzt nun der Hirte schnell, Das schwarze Thier mit blendend weißen Zähnen, Der heult und hascht, das Pferd jagt wild davon, Der Hund ist auf dem Tritte hinterdran. Von ferne rauscht des Donners dumpfer Ton, Doch nichts erschrekt den Reitersmann. Die Mähne wirbelt, seine Haare fliegen Jetzt sprengt er wild den Fels hinan, Den kaum ein kund’ger Ziegenhirt erstiegen, Er spornet blutig, und es ist gethan. — Fort saust es auf dem steilen Felsenrücken, An dessen Fuß der Gießbach wild entbrennt, — Der Hund verschwand — da fühlt er ihn umdrücken Zween magre Arme, welche wohl er kennt. Er kennt die Finger, die ihn so umkrallen, “Weh mir!” ruft er: “er ist’s der grause Wicht, “Hinfort! Hinfort!” und seine Sporen fallen Dem Gaul ins Fleisch mit eisernem Gewicht, Die Wolke fliegt, die Mähre stürzt dahin. Allein Mephisto weiß so fest zu sitzen, Das rothe Mäntlein sieht man glühn, Es schwirrt die Feder auf der gelben Mützen; Da fehlt das Roß, geblendet von den Blitzen. Es fällt und stürzt hinab die Felsenwand, Es überschlägt sich und die Wellen sprützen Hoch über Faustus und den Höllenbrand. — Die Fluth reißt wild das Pferd von Fall zu Fall, Die beiden stehn geborgen auf dem Stein. “Ihr wilder Doktor, Teufel noch einmal, Wohin so toll? Kaum holt’ ich euch noch ein! Dankt mir’s, daß ich en croupe bin aufgestiegen, Sonst würd’t zerschmettert ihr im Trümmergrunde liegen.” Faust seufzet tief in Traurigkeit Und ringet aus das schwer durchnäßte Kleid. Der Sturm tos’t fort, die Blitze werden dichter, Vielfält’ger Donner tönt den Blitzen nach; “Schneid’ mir nur nicht so gräßliche Gesichter,” Spricht der: “und suchen wir ein heimlich Dach!”

Sie kam’n zu einer Hütte, die im Grunde Am einem dunklen Röhrichtteiche liegt; Im kleinen Fenster glänzt um diese Stunde Ein matter Strahl, der sich im Teiche wiegt, Mit grasser Blitze hohem Widerscheine — Der Donner brüllt, und wie sie näher treten, Gewahren sie bei einer Lampe Scheine Zwei junge Mädchen, welche innig beten. Das bunte Heiligenbild klebt an der Thür, Marias Bild mit goldner Gloria, Bestaubt, geschwärzt vom Rauch, ohn’ alle Zier, Die beiden liegen tiefer Andacht da. Und wenn die Blitze sengend niederglühen, Dann zucken sie entsetzlich zum Erbarmen, Und heben sich empor auf ihren Knieen, Als wollten sie das heilige Weib umarmen. — Wie eifrig murmelte ihr süßer Mund; Wie fieb’risch greift zum Küglein ihre Hand, Wie seufzen innig sie aus Herzens Grund, Daß im Gebet der Athem schier entschwand. — Zerrollet ist der Locken reiche Fluth, Zum holden Busen wallt sie frei hernieder, Ihr Aug’ blickt wirr in ihrer Andacht Gluth, Die jeder Donner neu erreget wieder. — “Sieh!” flüstert Faust, der unverwandt geblicket Ins Fensterlein, “das wäre meine Wahl! diese hier, wie hat sie mich berücket, Die hierher kniet, am Lid das dunkle Maal! Wie schwärmt der holde Blick in lichten Flammen, Und senkt sich dann so still bescheidentlich. Die Wimpern schließen friedlich sich zusammen, Sie übergiebt der milden Göttin sich! — Ja! Die ist schön! Ich fühl’s, daß ich sie ehre, O schau! Wie sie die weiße Hand zerringt; Nun komm! Nun komm! Daß ich nicht mehr begehre, Und mir der tolle Busen nicht zerspringt!” “Wollt ihr sie Doktor, ‘s ist zwar nicht Kleinigkeit, Ich scheue das Gepinsel an der Thür; Doch bin zu allem euch ich gern bereit, Sobald’s nur thunlich ist und mit Manier!” Faust schweigt; sein Herz pocht laut und ungestüm, Er schaut das Mädchen starren Blickes an, Und seufzet tief; nun lacht das Ungethüm, “Nur nicht so toll: sollt ja die Dirne ha’n! Da gehe drüben auf die Felsenplatte, Und warte bis ich komme mit dem Mädel; Doch daß dich nicht die Langweil’ ermatte, Nimm mit dir diesen schönen frischen Schädel! Er ist der mein’ nach aller forma juris, Ich schlepp, ihn eine Weile schon herum, Ihr präparirt den nervus facialis, Dazu meintwegen den Trigeminum! “Nein,” redet Faust, “heut laß den Schädel sein, “Im Herzen lebet mir das holde Bild Der schönen Betenden: von Lust und Pein Ist meiner Seele tiefster Grund erfüllt! O könnt’ ich wie das holde Mädchen büßen!” Er spricht’s und steigt zum Felsgeröll, Die Hütte liegt zu seinen Füßen, Und drum herum hinkt nun der Teufel schnell — Faust senkt den Kopf und spielt in seinen Träumen, Ihm hats die schöne Büß’rinn angethan, Er weilt mit ihr in lieblich klaren Räumen, Ihr Athem wehet seine Wangen an. Da tönt ein wüst Geräusch im Felsenthal, Er schaut hinab: die Hütte steht in Brand; Im finstern Teiche spiegelt sich der Strahl Der Flamme, die hoch auf gewandt. Dann beugt sie sich des Sturmes wilder Last, Der schwer und ungeheuer auf ihr wieget; Bald an der glüh’nden Wurzel sie erfaßt, Bald rechts und links von oben sie zerbieget — Die Ziegen blöken und ein bänglich Schrei’n Von Menschenstimmen hört er matt erklingen; Er schauert: angstvoll zittert sein Gebein; Nicht all das kann er niederringen; Unmächtig seiner Sinne sinkt er nieder, Wenn auch noch lohe Blitze schießen, Die Flammen fast bis an den Fuß ihm sprießen, Und wilder Donner hallt von jedem Berge wieder. —

Als Faust erwacht am Morgen trüb und kalt, Find’t er nicht mehr sich auf der Felsenplatte, Er ist in einem wilden Fichtenwald, Den er noch nie zuvor gesehen hatte. Mephisto kauert wachend dicht daneben, Noch häßlicher sieht er heut Morgen aus. — Er ist verdrüßlich: ungeheuer heben Die schwell’nden Lippen sich in Hohn und Graus. Der, ob vor Kälte schaudernd, spricht “Und nun, wo ist die schöne Magd? Was du versprachst, du hältst es nicht, Und warst doch gar so eifrig auf der Jagd!” “O frag mich nicht,” sagt jener mit Verdruß “Für diesmal ist das Wildpret mir entgangen, — Zum wenigsten ward mir doch der Genuß, Daß sie im Teich ersoffen, diese Rangen! — Doch laß nur das, laß die verfluchte Dirne, Mein Wort, daß ich dich reichlich schadlos halt’: Drauf trink den Becher hier von edler Firne S’ist diesen Morgen gar so höllisch kalt!”

Calvari

Aus finsterm Wald, am schwarzen dumpfen See, Erhebt’s sich nackt zu eines Berges Höh’: Dort oben bleichen alte Kloster-Ruinen: Es sind zerspaltne Marmorsteine; Zerfetzt Gebild von Himmelsköniginnen, Und halb verkohlte, schwarze Heiligenschreine. — Von Allem, blieben noch drei dunkle Säulen Auf hon’n basaltnen Fußgestellen, — Doch oben abgebrochen, dreien Pfeilen Vergleichbar, die das ferne Ziel verfehlen, Die mit den Spitzen in dem Boden stecken; Und von hier oben war zu überschau’n Der düstre See mit seinen Tannenhecken; — Als nun gradüber aus dem nächt’gen Graun Der Mond sich hob ob schwarzer Wolken Rand, Ein Todtenkopf auf düsterm Grabessand; Und über See und Wald sein Schimmer strich, Am Fuß des Bergs ein einsam Pärchen schlich, Faust und Mephisto: dieser unverdrossen Doch jener matt und unentschlossen Der Teufel geht vorauf, sein Mäntelein Fliegt in dem Wind, und stolpernd hinterdrein Gesenkten Hauptes mit getrübtem Blick, Kommt Doctor Faust: ihm brechen fast die Knie, Er flucht in seinem Barte dem Geschick, Gott und dem Teufel: “o Mephisto sieh Das schöne Moos,” spricht er, wohin wir gehen, Gelangen wir noch immer allzufrüh: Ich dächte besser blieben hier wir stehen; Und ruhten uns im Moos: Mephisto blickt Sich lachend um und spricht: “Du armer Gecke, Oft hast du unter deines Bettes Decke In heimlich stillen Räumen ganz entzückt Von solcher Nacht gesprochen, als wie diese, Hast Raum und Schlaf verfluchtet: Dich gesehnet, Daß rege Welt sich deinem Blick erschließe, Mit solcher Inbrunst, daß dein Aug’ gethränet!” Der hatte schon sich in das Gras gedehnet, Er war zu müd’, der arme wilde Knabe, Wie so er lag’: und in begier’gen Zügen Einsog des Schlafes Wunder: Labe! — — Der Teufel, ließ ihn dorten liegen, Auf zu dem Berge stieg er aus dem Hain, Und setzte sich auf einem Trümmerstein. — Weithin erstrahlt im Mondlicht die Mantille: Und wie er mit den scharfen, blanken Sporen Am Steine hämmert, schwirrt es durch die Stille; Ein Rauschen tönt zu seinen Ohren. — Ein dunkler Ring von flatternden Gestalten, Umweht von langem, wirren, schwarzen Haar, Wind’t sich empor aus der Ruine Spalten Zahlloser Menge, Paar auf Paar. — Schon ist der Teufel mitten unter ihnen, Er führet das gespenst’ge, wilde Heer; Sie rauschen nieder von den Bergruinen, Und jagen ob dem See wild umher. Wie sich nun da entspinnt ein seltsam Regen! Im schwarzen Spiegel des Gewässers flechten, Sie sich das wirre Haar, und zierlich legen Die reichen Zöpf’ sie an den magern Kopf. Wenn nun aus den unzähligen, Geflechten, Der müden Hand entrollte sich ein Zopf, Da ring’n sich in des Waldsee’s dumpfen Wellen, Zahllose Kreise die am Strand zerschellen. — Zurück zum Berge rauscht das wilde Heer, Zum Boden lassen sie vom Flug sich nieder, Ein ungestümer Tanz beginnt nunmehr, Wie er sich mag begeben nimmer wieder; So viele Paare, so unendlich viel; Als Flocken Schnee der Nordwind je getrieben: Und immer steigt das schaurige Gewühl, Von nah’ und fern, von hüben und von drüben Mephisto ist von ganzer Seel’ vergnügt: Die mittelste von den drei Trümmersäulen Steigt er hinan; wie er sich äffisch schmiegt Um das Gestein, gleich einem Jesus, eilen Flugs zu den beiden seitlichen Basalten Noch zween andre nächtige Gestalten. So stellt das grasse Teufelskleeblatt dar Die Schädelstätte von Calvar’, Und höhnt mit schauderhaftem Spott Den Menschensohn, den schmerzensreichen Gott. So raset rastlos fort das wilde Spiel, Wer es gesehn, dem wirbelten die Sinne. Noch immer wächst das schreckliche Gewühl, Im hellsten Mondlicht flimmt des Berges Zinne; Und Faust verträumet all’ den Saus und Braus, Er strecket sich, als läg er still zu Haus.

Dolores