Faust: Der Tragödie zweiter Teil
Part 4
MEPHISTOPHELES: Ich weiß nicht mehr, wohin ich hören soll. Müßt Euer Glück nicht auf die Jüngste setzen. Die Angejahrten wissen Euch zu schätzen.-- Schon wieder Neue! Welch ein harter Strauß! Ich helfe mir zuletzt mit Wahrheit aus; Der schlechteste Behelf! Die Not ist groß.-- O Mütter, Mütter! Laßt nur Fausten los! Die Lichter brennen trübe schon im Saal, Der ganze Hof bewegt sich auf einmal. Anständig seh' ich sie in Folge ziehn Durch lange Gänge, ferne Galerien. Nun! sie versammeln sich im weiten Raum Des alten Rittersaals, er faßt sie kaum. Auf breite Wände Teppiche spendiert, Mit Rüstung Eck' und Nischen ausgeziert. Hier braucht es, dächt' ich, keine Zauberworte; Die Geister finden sich von selbst zum Orte.
Rittersaal
HEROLD: Mein alt Geschäft, das Schauspiel anzukünden, Verkümmert mir der Geister heimlich Walten; Vergebens wagt man, aus verständigen Gründen Sich zu erklären das verworrene Schalten. Die Sessel sind, die Stühle schon zur Hand; Den Kaiser setzt man grade vor die Wand; Auf den Tapeten mag er da die Schlachten Der großen Zeit bequemlichstens betrachten. Hier sitzt nun alles, Herr und Hof im Runde, Die Bänke drängen sich im Hintergrunde; Auch Liebchen hat, in düstern Geisterstunden, Zur Seite Liebchens lieblich Raum gefunden. Und so, da alle schicklich Platz genommen, Sind wir bereit; die Geister mögen kommen!
ASTROLOG: Beginne gleich das Drama seinen Lauf, Der Herr befiehlt's, ihr Wände tut euch auf! Nichts hindert mehr, hier ist Magie zur Hand: Die Teppiche schwinden, wie gerollt vom Brand; Die Mauer spaltet sich, sie kehrt sich um, Ein tief Theater scheint sich aufzustellen, Geheimnisvoll ein Schein uns zu erhellen, Und ich besteige das Proszenium.
MEPHISTOPHELES: Von hier aus hoff' ich allgemeine Gunst, Einbläsereien sind des Teufels Redekunst. Du kennst den Takt, in dem die Sterne gehn, Und wirst mein Flüstern meisterlich verstehn.
ASTROLOG: Durch Wunderkraft erscheint allhier zur Schau, Massiv genug, ein alter Tempelbau. Dem Atlas gleich, der einst den Himmel trug, Stehn reihenweis der Säulen hier genug; Sie mögen wohl der Felsenlast genügen, Da zweie schon ein groß Gebäude trügen.
ARCHITEKT: Das wär' antik! Ich wüßt' es nicht zu preisen, Es sollte plump und überlästig heißen. Roh nennt man edel, unbehülflich groß. Schmalpfeiler lieb' ich, strebend, grenzenlos; Spitzbögiger Zenit erhebt den Geist; Solch ein Gebäu erbaut uns allermeist.
ASTROLOG: Empfangt mit Ehrfurcht sterngegönnte Stunden; Durch magisch Wort sei die Vernunft gebunden; Dagegen weit heran bewege frei Sich herrliche verwegne Phantasei. Mit Augen schaut nun, was ihr kühn begehrt, Unmöglich ist's, drum eben glaubenswert.
ASTROLOG: Im Priesterkleid, bekränzt, ein Wundermann, Der nun vollbringt, was er getrost begann. Ein Dreifuß steigt mit ihm aus hohler Gruft, Schon ahn' ich aus der Schale Weihrauchduft. Er rüstet sich, das hohe Werk zu segnen; Es kann fortan nur Glückliches begegnen.
FAUST: In eurem Namen, Mütter, die ihr thront Im Grenzenlosen, ewig einsam wohnt, Und doch gesellig. Euer Haupt umschweben Des Lebens Bilder, regsam, ohne Leben. Was einmal war, in allem Glanz und Schein, Es regt sich dort; denn es will ewig sein. Und ihr verteilt es, allgewaltige Mächte, Zum Zelt des Tages, zum Gewölb der Nächte. Die einen faßt des Lebens holder Lauf, Die andern sucht der kühne Magier auf; In reicher Spende läßt er, voll Vertrauen, Was jeder wünscht, das Wunderwürdige schauen.
ASTROLOG: Der glühnde Schlüssel rührt die Schale kaum, Ein dunstiger Nebel deckt sogleich den Raum; Er schleicht sich ein, er wogt nach Wolkenart, Gedehnt, geballt, verschränkt, geteilt, gepaart. Und nun erkennt ein Geister-Meisterstück! So wie sie wandeln, machen sie Musik. Aus luft'gen Tönen quillt ein Weißnichtwie, Indem sie ziehn, wird alles Melodie. Der Säulenschaft, auch die Triglyphe klingt, Ich glaube gar, der ganze Tempel singt. Das Dunstige senkt sich; aus dem leichten Flor Ein schöner Jüngling tritt im Takt hervor. Hier schweigt mein Amt, ich brauch' ihn nicht zu nennen, Wer sollte nicht den holden Paris kennen!
DAME: O! welch ein Glanz aufblühender Jugendkraft!
ZWEITE: Wie eine Pfirsche frisch und voller Saft!
DRITTE: Die fein gezognen, süß geschwollnen Lippen!
VIERTE: Du möchtest wohl an solchem Becher nippen?
FÜNFTE: Er ist gar hübsch, wenn auch nicht eben fein.
SECHSTE: Ein bißchen könnt' er doch gewandter sein.
RITTER: Den Schäferknecht glaub' ich allhier zu spüren, Vom Prinzen nichts und nichts von Hofmanieren.
ANDRER: Eh nun! halb nackt ist wohl der Junge schön, Doch müßten wir ihn erst im Harnisch sehn!
DAME: Er setzt sich nieder, weichlich, angenehm.
ritter Auf seinem Schoße wär' Euch wohl bequem?
ANDRE: Er lehnt den Arm so zierlich übers Haupt.
KÄMMERER: Die Flegelei! Das find' ich unerlaubt!
DAME: Ihr Herren wißt an allem was zu mäkeln.
DERSELBE: In Kaisers Gegenwart sich hinzuräkeln!
DAME: Er stellt's nur vor! Er glaubt sich ganz allein.
DERSELBE: Das Schauspiel selbst, hier sollt' es höflich sein.
DAME: Sanft hat der Schlaf den Holden übernommen.
DERSELBE: Er schnarcht nun gleich; natürlich ist's, vollkommen!
JUNGE DAME: Zum Weihrauchsdampf was duftet so gemischt, Das mir das Herz zum innigsten erfrischt?
ÄLTERE: Fürwahr! Es dringt ein Hauch tief ins Gemüte, Er kommt von ihm! +
ÄLTESTE: Es ist des Wachstums Blüte, Im Jüngling als Ambrosia bereitet Und atmosphärisch ringsumher verbreitet.
MEPHISTOPHELES: Das wär' sie denn! Vor dieser hätt' ich Ruh'; Hübsch ist sie wohl, doch sagt sie mir nicht zu.
ASTROLOG: Für mich ist diesmal weiter nichts zu tun, Als Ehrenmann gesteh', bekenn' ich's nun. Die Schöne kommt, und hätt' ich Feuerzungen!-- Von Schönheit ward von jeher viel gesungen-- Wem sie erscheint, wird aus sich selbst entrückt, Wem sie gehörte, ward zu hoch beglückt.
FAUST: Hab' ich noch Augen? Zeigt sich tief im Sinn Der Schönheit Quelle reichlichstens ergossen? Mein Schreckensgang bringt seligsten Gewinn. Wie war die Welt mir nichtig, unerschlossen! Was ist sie nun seit meiner Priesterschaft? Erst wünschenswert, gegründet, dauerhaft! Verschwinde mir des Lebens Atemkraft, Wenn ich mich je von dir zurückgewöhne!-- Die Wohlgestalt, die mich voreinst entzückte, In Zauberspiegelung beglückte, War nur ein Schaumbild solcher Schöne!-- Du bist's, der ich die Regung aller Kraft, Den Inbegriff der Leidenschaft, Dir Neigung, Lieb', Anbetung, Wahnsinn zolle.
MEPHISTOPHELES: So faßt Euch doch und fallt nicht aus der Rolle!
ÄLTERE DAME: Groß, wohlgestaltet, nur der Kopf zu klein.
JÜNGERE: Seht nur den Fuß! Wie könnt' er plumper sein!
DIPLOMAT: Fürstinnen hab' ich dieser Art gesehn, Mich deucht, sie ist vom Kopf zum Fuße schön.
HOFMANN: Sie nähert sich dem Schläfer listig mild.
DAME: Wie häßlich neben jugendreinem Bild!
POET: Von ihrer Schönheit ist er angestrahlt.
DAME: Endymion und Luna! wie gemalt!
DERSELBE: Ganz recht! Die Göttin scheint herabzusinken, Sie neigt sich über, seinen Hauch zu trinken; Beneidenswert!--Ein Kuß!--Das Maß ist voll.
DUENNA: Vor allen Leuten! Das ist doch zu toll!
FAUST: Furchtbare Gunst dem Knaben!--+
MEPHISTOPHELES: Ruhig! still! Laß das Gespenst doch machen was es will.
HOFMANN: Sie schleicht sich weg, leichtfüßig; er erwacht.
DAME: Sie sieht sich um! Das hab' ich wohl gedacht.
HOFMANN: Er staunt! Ein Wunder ist's, was ihm geschieht.
DAME: Ihr ist kein Wunder, was sie vor sich sieht.
HOFMANN: Mit Anstand kehrt sie sich zu ihm herum.
DAME: Ich merke schon, sie nimmt ihn in die Lehre; In solchem Fall sind alle Männer dumm, Er glaubt wohl auch, daß er der erste wäre.
RITTER: Laßt mir sie gelten! Majestätisch fein!--
DAME: Die Buhlerin! Das nenn' ich doch gemein!
PAGE: Ich möchte wohl an seiner Stelle sein!
HOFMANN: Wer würde nicht in solchem Netz gefangen?
DAME: Das Kleinod ist durch manche Hand gegangen, Auch die Verguldung ziemlich abgebraucht.
ANDRE: Vom zehnten Jahr an hat sie nichts getaugt.
RITTER: Gelegentlich nimmt jeder sich das Beste; Ich hielte mich an diese schönen Reste.
GELAHRTER: Ich seh' sie deutlich, doch gesteh' ich frei: Zu zweiflen ist, ob sie die rechte sei. Die Gegenwart verführt ins übertriebne, Ich halte mich vor allem ans Geschriebne. Da les' ich denn, sie habe wirklich allen Graubärten Trojas sonderlich gefallen; Und wie mich dünkt, vollkommen paßt das hier: Ich bin nicht jung, und doch gefällt sie mir.
ASTROLOG: Nicht Knabe mehr! Ein kühner Heldenmann, Umfaßt er sie, die kaum sich wehren kann. Gestärkten Arms hebt er sie hoch empor, Entführt er sie wohl gar? +
FAUST: Verwegner Tor! Du wagst! Du hörst nicht! halt! das ist zu viel!
EMPHISTOPHELES: Machst du's doch selbst, das Fratzengeisterspiel!
ASTROLOG: Nur noch ein Wort! Nach allem, was geschah, Nenn' ich das Stück den Raub der Helena.
FAUST: Was Raub! Bin ich für nichts an dieser Stelle! Ist dieser Schlüssel nicht in meiner Hand! Er führte mich, durch Graus und Wog' und Welle Der Einsamkeiten, her zum festen Strand. Hier fass' ich Fuß! Hier sind es Wirklichkeiten, Von hier aus darf der Geist mit Geistern streiten, Das Doppelreich, das große, sich bereiten. So fern sie war, wie kann sie näher sein! Ich rette sie, und sie ist doppelt mein. Gewagt! Ihr Mütter! Mütter! müßt's gewähren! Wer sie erkannt, der darf sie nicht entbehren.
ASTROLOG: Was tust du, Fauste! Fauste!--Mit Gewalt Faßt er sie an, schon trübt sich die Gestalt. Den Schlüssel kehrt er nach dem Jüngling zu, Berührt ihn!--Weh uns, Wehe! Nu! im Nu!
MEPHISTOPHELES: Da habt ihr's nun! mit Narren sich beladen, Das kommt zuletzt dem Teufel selbst zu Schaden.
2. Akt--Hochgewölbtes enges gotisches Zimmer
MEPHISTOPHELES: Hier lieg, Unseliger! verführt Zu schwergelöstem Liebesbande! Wen Helena paralysiert, Der kommt so leicht nicht zu Verstande. Blick' ich hinauf, hierher, hinüber, Allunverändert ist es, unversehrt; Die bunten Scheiben sind, so dünkt mich, trüber, Die Spinneweben haben sich vermehrt; Die Tinte starrt, vergilbt ist das Papier; Doch alles ist am Platz geblieben; Sogar die Feder liegt noch hier, Mit welcher Faust dem Teufel sich verschrieben. Ja! tiefer in dem Rohre stockt Ein Tröpflein Blut, wie ich's ihm abgelockt. Zu einem solchen einzigen Stück Wünscht' ich dem größten Sammler Glück. Auch hängt der alte Pelz am alten Haken, Erinnert mich an jene Schnaken, Wie ich den Knaben einst belehrt, Woran er noch vielleicht als Jüngling zehrt. Es kommt mir wahrlich das Gelüsten, Rauchwarme Hülle, dir vereint Mich als Dozent noch einmal zu erbrüsten, Wie man so völlig recht zu haben meint. Gelehrte wissen's zu erlangen, Dem Teufel ist es längst vergangen.
CHOR DER INSEKTEN: Willkommen! willkommen, Du alter Patron! Wir schweben und summen Und kennen dich schon. Nur einzeln im stillen Du hast uns gepflanzt; Zu Tausenden kommen wir, Vater, getanzt. Der Schalk in dem Busen Verbirgt sich so sehr, Vom Pelze die Läuschen Enthüllen sich eh'r.
MEPHISTOPHELES: Wie überraschend mich die junge Schöpfung freut! Man säe nur, man erntet mit der Zeit. Ich schüttle noch einmal den alten Flaus, Noch eines flattert hier und dort hinaus.-- Hinauf! umher! in hunderttausend Ecken Eilt euch, ihr Liebchen, zu verstecken. Dort, wo die alten Schachteln stehn, Hier im bebräunten Pergamen, In staubigen Scherben alter Töpfe, Dem Hohlaug' jener Totenköpfe. In solchem Wust und Moderleben Muß es für ewig Grillen geben. Komm, decke mir die Schultern noch einmal! Heut bin ich wieder Prinzipal. Doch hilft es nichts, mich so zu nennen; Wo sind die Leute, die mich anerkennen?
FAMULUS: Welch ein Tönen! welch ein Schauer! Treppe schwankt, es bebt die Mauer; Durch der Fenster buntes Zittern Seh' ich wetterleuchtend Wittern. Springt das Estrich, und von oben Rieselt Kalk und Schutt verschoben. Und die Türe, fest verriegelt, Ist durch Wunderkraft entsiegelt.-- Dort! Wie fürchterlich! Ein Riese Steht in Faustens altem Vliese! Seinen Blicken, seinem Winken Möcht' ich in die Kniee sinken. Soll ich fliehen? Soll ich stehn? Ach, wie wird es mir ergehn!
MEPHISTOPHELES: Heran, mein Freund!--Ihr heißet Nikodemus.
FAMULUS: Hochwürdiger Herr! so ist mein Nam'--Oremus.
MEPHISTOPHELES: Das lassen wir! +
FAMULUS: Wie froh, daß Ihr mich kennt!
MEPHISTOPHELES: Ich weiß es wohl, bejahrt und noch Student, Bemooster Herr! Auch ein gelehrter Mann Studiert so fort, weil er nicht anders kann. So baut man sich ein mäßig Kartenhaus, Der größte Geist baut's doch nicht völlig aus. Doch Euer Meister, das ist ein Beschlagner: Wer kennt ihn nicht, den edlen Doktor Wagner, Den Ersten jetzt in der gelehrten Welt! Er ist's allein, der sie zusammenhält, Der Weisheit täglicher Vermehrer. Allwißbegierige Horcher, Hörer Versammeln sich um ihn zuhauf. Er leuchtet einzig vom Katheder; Die Schlüssel übt er wie Sankt Peter, Das Untre so das Obre schließt er auf. Wie er vor allen glüht und funkelt, Kein Ruf, kein Ruhm hält weiter stand; Selbst Faustus' Name wird verdunkelt, Er ist es, der allein erfand.
FAMULUS: Verzeiht, hochwürdiger Herr! wenn ich Euch sage, Wenn ich zu widersprechen wage: Von allem dem ist nicht die Frage; Bescheidenheit ist sein beschieden Teil. Ins unbegreifliche Verschwinden Des hohen Manns weiß er sich nicht zu finden; Von dessen Wiederkunft erfleht er Trost und Heil. Das Zimmer, wie zu Doktor Faustus' Tagen, Noch unberührt seitdem er fern, Erwartet seinen alten Herrn. Kaum wag' ich's, mich hereinzuwagen. Was muß die Sternenstunde sein?-- Gemäuer scheint mir zu erbangen; Türpfosten bebten, Riegel sprangen, Sonst kamt Ihr selber nicht herein.
MEPHISTOPHELES: Wo hat der Mann sich hingetan? Führt mich zu ihm, bringt ihn heran!
FAMULUS: Ach! sein Verbot ist gar zu scharf, Ich weiß nicht, ob ich's wagen darf. Monatelang, des großen Werkes willen, Lebt' er im allerstillsten Stillen. Der zarteste gelehrter Männer, Er sieht aus wie ein Kohlenbrenner, Geschwärzt vom Ohre bis zur Nasen, Die Augen rot vom Feuerblasen, So lechzt er jedem Augenblick; Geklirr der Zange gibt Musik.
MEPHISTOPHELES: Sollt' er den Zutritt mir verneinen? Ich bin der Mann, das Glück ihm zu beschleunen. Kaum hab' ich Posto hier gefaßt, Regt sich dort hinten, mir bekannt, ein Gast. Doch diesmal ist er von den Neusten, Er wird sich grenzenlos erdreusten.
BACCALAUREUS: Tor und Türe find' ich offen! Nun, da läßt sich endlich hoffen, Daß nicht, wie bisher, im Moder Der Lebendige wie ein Toter Sich verkümmere, sich verderbe Und am Leben selber sterbe. Diese Mauern, diese Wände Neigen, senken sich zum Ende, Und wenn wir nicht bald entweichen, Wird uns Fall und Sturz erreichen. Bin verwegen, wie nicht einer, Aber weiter bringt mich keiner. Doch was soll ich heut erfahren! War's nicht hier, vor so viel Jahren, Wo ich, ängstlich und beklommen, War als guter Fuchs gekommen? Wo ich diesen Bärtigen traute, Mich an ihrem Schnack erbaute? Aus den alten Bücherkrusten Logen sie mir, was sie wußten, Was sie wußten, selbst nicht glaubten, Sich und mir das Leben raubten. Wie?--Dort hinten in der Zelle Sitzt noch einer dunkel-helle! Nahend seh' ich's mit Erstaunen, Sitzt er noch im Pelz, dem braunen, Wahrlich, wie ich ihn verließ, Noch gehüllt im rauhen Vlies! Damals schien er zwar gewandt, Als ich ihn noch nicht verstand. Heute wird es nichts verfangen, Frisch an ihn herangegangen! Wenn, alter Herr, nicht Lethes trübe Fluten Das schiefgesenkte, kahle Haupt durchschwommen, Seht anerkennend hier den Schüler kommen, Entwachsen akademischen Ruten. Ich find' Euch noch, wie ich Euch sah; Ein anderer bin ich wieder da.
MEPHISTOPHELES: Mich freut, daß ich Euch hergeläutet. Ich schätzt' Euch damals nicht gering; Die Raupe schon, die Chrysalide deutet Den künftigen bunten Schmetterling. Am Lockenkopf und Spitzenkragen Empfandet Ihr ein kindliches Behagen.-- Ihr trugt wohl niemals einen Zopf?-- Heut schau' ich Euch im Schwedenkopf. Ganz resolut und wacker seht Ihr aus; Kommt nur nicht absolut nach Haus.
BACCALAUREUS: Mein alter Herr! Wir sind am alten Orte; Bedenkt jedoch erneuter Zeiten Lauf Und sparet doppelsinnige Worte; Wir passen nun ganz anders auf. Ihr hänseltet den guten treuen Jungen; Das ist Euch ohne Kunst gelungen, Was heutzutage niemand wagt.
MEPHISTOPHELES: Wenn man der Jugend reine Wahrheit sagt, Die gelben Schnäbeln keineswegs behagt, Sie aber hinterdrein nach Jahren Das alles derb an eigner Haut erfahren, Dann dünkeln sie, es käm' aus eignem Schopf; Da heißt es denn: der Meister war ein Tropf.
BACCALAUREUS: Ein Schelm vielleicht!--denn welcher Lehrer spricht Die Wahrheit uns direkt ins Angesicht? Ein jeder weiß zu mehren wie zu mindern, Bald ernst, bald heiter klug zu frommen Kindern.
MEPHISTOPHELES: Zum Lernen gibt es freilich eine Zeit; Zum Lehren seid Ihr, merk' ich, selbst bereit. Seit manchen Monden, einigen Sonnen Erfahrungsfülle habt Ihr wohl gewonnen.
BACCALAUREUS: Erfahrungswesen! Schaum und Dust! Und mit dem Geist nicht ebenbürtig. Gesteht! was man von je gewußt, Es ist durchaus nicht wissenswürdig.
MEPHISTOPHELES: Mich deucht es längst. Ich war ein Tor, Nun komm' ich mir recht schal und albern vor.
BACC: Das freut mich sehr! Da hör' ich doch Verstand; Der erste Greis, den ich vernünftig fand!
MEPHISTOPHELES: Ich suchte nach verborgen-goldnem Schatze, Und schauerliche Kohlen trug ich fort.
BACCALAUREUS: Gesteht nur, Euer Schädel, Eure Glatze Ist nicht mehr wert als jene hohlen dort?
MEPHISTOPHELES: Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?
BACCALAUREUS: Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.
MEPHISTOPHELES: Hier oben wird mir Licht und Luft benommen; Ich finde wohl bei euch ein Unterkommen?
BACCALAUREUS: Anmaßlich find' ich, daß zur schlechtsten Frist Man etwas sein will, wo man nichts mehr ist. Des Menschen Leben lebt im Blut, und wo Bewegt das Blut sich wie im Jüngling so? Das ist lebendig Blut in frischer Kraft, Das neues Leben sich aus Leben schafft. Da regt sich alles, da wird was getan, Das Schwache fällt, das Tüchtige tritt heran. Indessen wir die halbe Welt gewonnen, Was habt Ihr denn getan? genickt, gesonnen, Geträumt, erwogen, Plan und immer Plan. Gewiß! das Alter ist ein kaltes Fieber Im Frost von grillenhafter Not. Hat einer dreißig Jahr vorüber, So ist er schon so gut wie tot. Am besten wär's, euch zeitig totzuschlagen.
MEPHISTOPHELES: Der Teufel hat hier weiter nichts zu sagen.
BACC: Wenn ich nicht will, so darf kein Teufel sein.
MEPHISTOPHELES: Der Teufel stellt dir nächstens doch ein Bein.
BACCALAUREUS: Dies ist der Jugend edelster Beruf! Die Welt, sie war nicht, eh' ich sie erschuf; Die Sonne führt' ich aus dem Meer herauf; Mit mir begann der Mond des Wechsels Lauf; Da schmückte sich der Tag auf meinen Wegen, Die Erde grünte, blühte mir entgegen. Auf meinen Wink, in jener ersten Nacht, Entfaltete sich aller Sterne Pracht. Wer, außer mir, entband euch aller Schranken Philisterhaft einklemmender Gedanken? Ich aber frei, wie mir's im Geiste spricht, Verfolge froh mein innerliches Licht, Und wandle rasch, im eigensten Entzücken, Das Helle vor mir, Finsternis im Rücken.
MEPHISTOPHELES: Original, fahr hin in deiner Pracht!-- Wie würde dich die Einsicht kränken: Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken, Das nicht die Vorwelt schon gedacht?-- Doch sind wir auch mit diesem nicht gefährdet, In wenig Jahren wird es anders sein: Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet, Es gibt zuletzt doch noch e' Wein. [Ihr bleibt bei meinem Worte kalt, [Euch guten Kindern laß ich's gehen; Bedenkt: der Teufel, der ist alt, So werdet alt, ihn zu verstehen!
Laboratorium
WAGNER: Die Glocke tönt, die fürchterliche, Durchschauert die berußten Mauern. Nicht länger kann das Ungewisse Der ernstesten Erwartung dauern. Schon hellen sich die Finsternisse; Schon in der innersten Phiole Erglüht es wie lebendige Kohle, Ja wie der herrlichste Karfunkel, Verstrahlend Blitze durch das Dunkel. Ein helles weißes Licht erscheint! O daß ich's diesmal nicht verliere!-- Ach Gott! was rasselt an der Türe?
MEPHISTOPHELES: Willkommen! es ist gut gemeint.
WAGNER: Willkommen zu dem Stern der Stunde! Doch haltet Wort und Atem fest im Munde, Ein herrlich Werk ist gleich zustand gebracht.
MEPHISTOPHELES: Was gibt es denn? +
WAGNER: Es wird ein Mensch gemacht.
MEPHISTOPHELES: Ein Mensch? Und welch verliebtes Paar Habt ihr ins Rauchloch eingeschlossen?
WAGNER: Behüte Gott! wie sonst das Zeugen Mode war, Erklären wir für eitel Possen. Der zarte Punkt, aus dem das Leben sprang, Die holde Kraft, die aus dem Innern drang Und nahm und gab, bestimmt sich selbst zu zeichnen, Erst Nächstes, dann sich Fremdes anzueignen, Die ist von ihrer Würde nun entsetzt; Wenn sich das Tier noch weiter dran ergetzt, So muß der Mensch mit seinen großen Gaben Doch künftig höhern, höhern Ursprung haben. Es leuchtet! seht!--Nun läßt sich wirklich hoffen, Daß, wenn wir aus viel hundert Stoffen Durch Mischung--denn auf Mischung kommt es an-- Den Menschenstoff gemächlich komponieren, In einen Kolben verlutieren Und ihn gehörig kohobieren, So ist das Werk im stillen abgetan. Es wird! die Masse regt sich klarer! Die überzeugung wahrer, wahrer: Was man an der Natur Geheimnisvolles pries, Das wagen wir verständig zu probieren, Und was sie sonst organisieren ließ, Das lassen wir kristallisieren.
MEPHISTOPHELES: Wer lange lebt, hat viel erfahren, [Nichts Neues kann für ihn auf dieser Welt geschehn. Ich habe schon in meinen Wanderjahren Kristallisiertes Menschenvolk gesehn.
WAGNER: Es steigt, es blitzt, es häuft sich an, Im Augenblick ist es getan. Ein großer Vorsatz scheint im Anfang toll; Doch wollen wir des Zufalls künftig lachen, Und so ein Hirn, das trefflich denken soll, Wird künftig auch ein Denker machen. Das Glas erklingt von lieblicher Gewalt, Es trübt, es klärt sich; also muß es werden! Ich seh' in zierlicher Gestalt Ein artig Männlein sich gebärden. Was wollen wir, was will die Welt nun mehr? Denn das Geheimnis liegt am Tage. Gebt diesem Laute nur Gehör, Er wird zur Stimme, wird zur Sprache.
HOMUNCULUS: Nun Väterchen! wie steht's? es war kein Scherz. Komm, drücke mich recht zärtlich an dein Herz! Doch nicht zu fest, damit das Glas nicht springe. Das ist die Eigenschaft der Dinge: Natürlichem genügt das Weltall kaum, Was künstlich ist, verlangt geschloßnen Raum. Du aber, Schalk, Herr Vetter, bist du hier Im rechten Augenblick? ich danke dir. Ein gut Geschick führt dich zu uns herein; Dieweil ich bin, muß ich auch tätig sein. Ich möchte mich sogleich zur Arbeit schürzen. Du bist gewandt, die Wege mir zu kürzen.
WAGNER: Nur noch ein Wort! Bisher mußt' ich mich schämen, Denn alt und jung bestürmt mich mit Problemen. Zum Beispiel nur: noch niemand konnt' es fassen, Wie Seel' und Leib so schön zusammenpassen, So fest sich halten, als um nie zu scheiden, Und doch den Tag sich immerfort verleiden. Sodann--+
MEPHISTOPHELES: Halt ein! ich wollte lieber fragen: Warum sich Mann und Frau so schlecht vertragen? Du kommst, mein Freund, hierüber nie ins reine. Hier gibt's zu tun, das eben will der Kleine.