Faust: Der Tragödie erster Teil

Part 8

Chapter 8 3,409 words Public domain Markdown

PROKTOPHANTASMIST. Verfluchtes Volk! was untersteht ihr euch? Hat man euch lange nicht bewiesen. Ein Geist steht nie auf ordentlichen Füßen? Nun tanzt ihr gar, uns andern Menschen gleich!

DIE SCHÖNE (tanzend). Was will denn der auf unserm Ball?

FAUST (tanzend). Ei! der ist eben überall. Was andre tanzen, muß er schätzen. Kann er nicht jeden Schritt beschwätzen, So ist der Schritt so gut als nicht geschehn. Am meisten ärgert ihn, sobald wir vorwärts gehn. Wenn ihr euch so im Kreise drehen wolltet, Wie er’s in seiner alten Mühle tut Das hieß’ er allenfalls noch gut Besonders wenn ihr ihn darum begrüßen solltet.

PROKTOPHANTASMIST. Ihr seid noch immer da! nein, das ist unerhört. Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklärt! Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel Wir sind so klug, und dennoch spukt’s in Tegel. Wie lange hab ich nicht am Wahn hinausgekehrt, Und nie wird’s rein; das ist doch unerhört!

DIE SCHÖNE. So hört doch auf, uns hier zu ennuyieren!

PROKTOPHANTASMIST. Ich sag’s euch Geistern ins Gesicht. Den Geistesdespotismus leid ich nicht; Mein Geist kann ihn nicht exerzieren. (Es wird fortgetanzt.) Heut, seh ich, will mir nichts gelingen; Doch eine Reise nehm ich immer mit Und hoffe noch vor meinem letzten Schritt Die Teufel und die Dichter zu bezwingen.

MEPHISTOPHELES. Er wird sich gleich in eine Pfütze setzen, Das ist die Art, wie er sich soulagiert, Und wenn Blutegel sich an seinem Steiß ergetzen, Ist er von Geistern und von Geist kuriert. (Zu Faust, der aus dem Tanz getreten ist.) Was lässest du das schöne Mädchen fahren, Das dir zum Tanz so lieblich sang?

FAUST. Ach! mitten im Gesange sprang Ein rotes Mäuschen ihr aus dem Munde.

MEPHISTOPHELES. Das ist was Rechts! das nimmt man nicht genau; Genug, die Maus war doch nicht grau. Wer fragt darnach in einer Schäferstunde?

FAUST. Dann sah ich—

MEPHISTOPHELES. Was?

FAUST. Mephisto, siehst du dort Ein blasses, schönes Kind allein und ferne stehen? Sie schiebt sich langsam nur vom Ort, Sie scheint mit geschloßnen Füßen zu gehen. Ich muß bekennen, daß mir deucht, Daß sie dem guten Gretchen gleicht.

MEPHISTOPHELES. Laß das nur stehn! dabei wird’s niemand wohl. Es ist ein Zauberbild, ist leblos, ein Idol. Ihm zu begegnen, ist nicht gut. Vom starren Blick erstarrt des Menschen Blut, Und er wird fast in Stein verkehrt; Von der Meduse hast du ja gehört.

FAUST. Fürwahr, es sind die Augen einer Toten, Die eine liebende Hand nicht schloß. Das ist die Brust, die Gretchen mir geboten, Das ist der süße Leib, den ich genoß.

MEPHISTOPHELES. Das ist die Zauberei, du leicht verführter Tor! Denn jedem kommt sie wie sein Liebchen vor.

FAUST. Welch eine Wonne! welch ein Leiden! Ich kann von diesem Blick nicht scheiden. Wie sonderbar muß diesen schönen Hals Ein einzig rotes Schnürchen schmücken, Nicht breiter als ein Messerrücken!

MEPHISTOPHELES. Ganz recht! ich seh es ebenfalls. Sie kann das Haupt auch unterm Arme tragen, Denn Perseus hat’s ihr abgeschlagen. Nur immer diese Lust zum Wahn! Komm doch das Hügelchen heran, Hier ist’s so lustig wie im Prater Und hat man mir’s nicht angetan, So seh ich wahrlich ein Theater. Was gibt’s denn da?

SERVIBILIS. Gleich fängt man wieder an. Ein neues Stück, das letzte Stück von sieben. So viel zu geben ist allhier der Brauch, Ein Dilettant hat es geschrieben Und Dilettanten spielen’s auch. Verzeiht, ihr Herrn, wenn ich verschwinde Mich dilettiert’s, den Vorhang aufzuziehn.

MEPHISTOPHELES. Wenn ich euch auf dem Blocksberg finde, Das find ich gut; denn da gehört ihr hin.

Walpurgisnachtstraum

oder Oberons und Titanias goldne Hochzeit Intermezzo

THEATERMEISTER. Heute ruhen wir einmal, Miedings wackre Söhne. Alter Berg und feuchtes Tal, Das ist die ganze Szene!

HEROLD. Daß die Hochzeit golden sei, Solln funfzig Jahr sein vorüber; Aber ist der Streit vorbei, Das golden ist mir lieber.

OBERON. Seid ihr Geister, wo ich bin, So zeigt’s in diesen Stunden; König und die Königin, Sie sind aufs neu verbunden.

PUCK. Kommt der Puck und dreht sich quer Und schleift den Fuß im Reihen; Hundert kommen hinterher, Sich auch mit ihm zu freuen.

ARIEL. Ariel bewegt den Sang In himmlisch reinen Tönen; Viele Fratzen lockt sein Klang, Doch lockt er auch die Schönen.

OBERON. Gatten, die sich vertragen wollen, Lernen’s von uns beiden! Wenn sich zweie lieben sollen, Braucht man sie nur zu scheiden.

TITANIA. Schmollt der Mann und grillt die Frau, So faßt sie nur behende, Führt mir nach dem Mittag sie, Und ihn an Nordens Ende.

ORCHESTER TUTTI (Fortissimo). Fliegenschnauz und Mückennas Mit ihren Anverwandten, Frosch im Laub und Grill im Gras, Das sind die Musikanten!

SOLO. Seht, da kommt der Dudelsack! Es ist die Seifenblase. Hört den Schneckeschnickeschnack Durch seine stumpfe Nase

GEIST, DER SICH ERST BILDET. Spinnenfuß und Krötenbauch Und Flügelchen dem Wichtchen! Zwar ein Tierchen gibt es nicht, Doch gibt es ein Gedichtchen.

EIN PÄRCHEN. Kleiner Schritt und hoher Sprung Durch Honigtau und Düfte Zwar du trippelst mir genung, Doch geht’s nicht in die Lüfte.

NEUGIERIGER REISENDER. Ist das nicht Maskeradenspott? Soll ich den Augen trauen, Oberon, den schönen Gott, Auch heute hier zu schauen?

ORTHODOX. Keine Klauen, keinen Schwanz! Doch bleibt es außer Zweifel. So wie die Götter Griechenlands, So ist auch er ein Teufel.

NORDISCHER KÜNSTLER. Was ich ergreife, das ist heut Fürwahr nur skizzenweise; Doch ich bereite mich beizeit Zur italien’schen Reise.

PURIST. Ach! mein Unglück führt mich her. Wie wird nicht hier geludert! Und von dem ganzen Hexenheer Sind zweie nur gepudert.

JUNGE HEXE Der Puder ist so wie der Rock Für alt’ und graue Weibchen, Drum sitz ich nackt auf meinem Bock Und zeig ein derbes Leibchen.

MATRONE. Wir haben zu viel Lebensart Um hier mit euch zu maulen! Doch hoff ich, sollt ihr jung und zart So wie ihr seid, verfaulen.

KAPELLMEISTER. Fliegenschnauz und Mückennas Umschwärmt mir nicht die Nackte! Frosch im Laub und Grill im Gras, So bleibt doch auch im Takte!

WINDFAHNE (nach der einen Seite). Gesellschaft, wie man wünschen kann. Wahrhaftig lauter Bräute! Und Junggesellen, Mann für Mann, Die hoffnungsvollsten Leute!

WINDFAHNE (nach der andern Seite). Und tut sich nicht der Boden auf, Sie alle zu verschlingen, So will ich mit behendem Lauf Gleich in die Hölle springen.

XENIEN. Als Insekten sind wir da, Mit kleinen scharfen Scheren, Satan, unsern Herrn Papa, Nach Würden zu verehren.

HENNINGS. Seht, wie sie in gedrängter Schar Naiv zusammen scherzen! Am Ende sagen sie noch gar, Sie hätten gute Herzen.

MUSAGET. Ich mag in diesem Hexenheer Mich gar zu gern verlieren; Denn freilich diese wüßt ich eh’r Als Musen anzuführen.

CI-DEVANT GENIUS DER ZEIT. Mit rechten Leuten wird man was. Komm, fasse meinen Zipfel! Der Blocksberg, wie der deutsche Parnaß, Hat gar einen breiten Gipfel.

NEUGIERIGER REISENDER. Sagt, wie heißt der steife Mann? Er geht mit stolzen Schritten. Er schnopert, was er schnopern kann. “Er spürt nach Jesuiten.”

KRANICH. In dem klaren mag ich gern Und auch im trüben fischen; Darum seht ihr den frommen Herrn Sich auch mit Teufeln mischen.

WELTKIND. Ja, für die Frommen, glaubet mir, Ist alles ein Vehikel, Sie bilden auf dem Blocksberg hier Gar manches Konventikel.

TÄNZER. Da kommt ja wohl ein neues Chor? Ich höre ferne Trommeln. “Nur ungestört! es sind im Rohr Die unisonen Dommeln.”

TANZMEISTER. Wie jeder doch die Beine lupft! Sich, wie er kann, herauszieht! Der Krumme springt, der Plumpe hupft Und fragt nicht, wie es aussieht.

FIEDLER. Das haßt sich schwer, das Lumpenpack, Und gäb sich gern das Restchen; Es eint sie hier der Dudelsack, Wie Orpheus’ Leier die Bestjen.

DOGMATIKER. Ich lasse mich nicht irre schrein, Nicht durch Kritik noch Zweifel. Der Teufel muß doch etwas sein; Wie gäb’s denn sonst auch Teufel?

IDEALIST. Die Phantasie in meinem Sinn Ist diesmal gar zu herrisch. Fürwahr, wenn ich das alles bin, So bin ich heute närrisch.

REALIST. Das Wesen ist mir recht zur Qual Und muß mich baß verdrießen; Ich stehe hier zum erstenmal Nicht fest auf meinen Füßen.

SUPERNATURALIST. Mit viel Vergnügen bin ich da Und freue mich mit diesen; Denn von den Teufeln kann ich ja Auf gute Geister schließen.

SKEPTIKER. Sie gehn den Flämmchen auf der Spur Und glaubn sich nah dem Schatze. Auf Teufel reimt der Zweifel nur; Da bin ich recht am Platze.

KAPELLMEISTER. Frosch im Laub und Grill im Gras, Verfluchte Dilettanten! Fliegenschnauz und Mückennas, Ihr seid doch Musikanten!

DIE GEWANDTEN. Sanssouci, so heißt das Heer Von lustigen Geschöpfen; Auf den Füßen geht’s nicht mehr, Drum gehn wir auf den Köpfen.

DIE UNBEHILFLICHEN. Sonst haben wir manchen Bissen erschranzt, Nun aber Gott befohlen! Unsere Schuhe sind durchgetanzt, Wir laufen auf nackten Sohlen.

IRRLICHTER. Von dem Sumpfe kommen wir, Woraus wir erst entstanden; Doch sind wir gleich im Reihen hier Die glänzenden Galanten.

STERNSCHNUPPE. Aus der Höhe schoß ich her Im Stern- und Feuerscheine, Liege nun im Grase quer; Wer hilft mir auf die Beine?

DIE MASSIVEN. Platz und Platz! und ringsherum! So gehn die Gräschen nieder. Geister kommen, Geister auch, Sie haben plumpe Glieder.

PUCK. Tretet nicht so mastig auf Wie Elefantenkälber, Und der plumpst’ an diesem Tag Sei Puck, der derbe, selber.

ARIEL. Gab die liebende Natur, Gab der Geist euch Flügel, Folget meiner leichten Spur, Auf zum Rosenhügel!

ORCHESTER (Pianissimo). Wolkenzug und Nebelflor Erhellen sich von oben. Luft im Laub und Wind im Rohr, Und alles ist zerstoben.

Trüber Tag. Feld

Faust. Mephistopheles.

FAUST. Im Elend! Verzweifelnd! Erbärmlich auf der Erde lange verirrt und nun gefangen! Als Missetäterin Im Kerker zu entsetzlichen Qualen eingesperrt, das holde unselige Geschöpf! Bis dahin! dahin!—Verräterischer, nichtswürdiger Geist, und das hast du mir verheimlicht!—Steh nur, steh! wälze die teuflischen Augen ingrimmend im Kopf herum! Steh und trutze mir durch deine unerträgliche Gegenwart! Gefangen! Im unwiederbringlichen Elend! Bösen Geistern übergeben und der richtenden gefühllosen Menschheit! Und mich wiegst du indes in abgeschmackten Zerstreuungen, verbirgst mir ihren wachsenden Jammer und lässest sie hilflos verderben!

MEPHISTOPHELES. Sie ist die erste nicht.

FAUST. Hund! abscheuliches Untier!—Wandle ihn, du unendlicher Geist! wandle den Wurm wieder in seine Hundsgestalt, wie er sich oft nächtlicherweile gefiel, vor mir herzutrotten, dem harmlosen Wandrer vor die Füße zu kollern und sich dem niederstürzenden auf die Schultern zu hängen. Wandl’ ihn wieder in seine Lieblingsbildung, daß er vor mir im Sand auf dem Bauch krieche, ich ihn mit Füßen trete, den Verworfnen!—“Die erste nicht!”—Jammer! Jammer! von keiner Menschenseele zu fassen, daß mehr als ein Geschöpf in die Tiefe dieses Elendes versank, daß nicht das erste genugtat für die Schuld aller übrigen in seiner windenden Todesnot vor den Augen des ewig Verzeihenden! Mir wühlt es Mark und Leben durch, das Elend dieser einzigen; du grinsest gelassen über das Schicksal von Tausenden hin!

MEPHISTOPHELES. Nun sind wir schon wieder an der Grenze unsres Witzes, da, wo euch Menschen der Sinn überschnappt. Warum machst du Gemeinschaft mit uns wenn du sie nicht durchführen kannst? Willst fliegen und bist vorm Schwindel nicht sicher? Drangen wir uns dir auf, oder du dich uns?

FAUST. Fletsche deine gefräßigen Zähne mir nicht so entgegen! Mir ekelt’s!—Großer, herrlicher Geist, der du mir zu erscheinen würdigtest, der du mein Herz kennest und meine Seele, warum an den Schandgesellen mich schmieden, der sich am Schaden weidet und am Verderben sich letzt?

MEPHISTOPHELES. Endigst du?

FAUST. Rette sie! oder weh dir! Den gräßlichsten Fluch über dich auf Jahrtausende!

MEPHISTOPHELES. Ich kann die Bande des Rächers nicht lösen, seine Riegel nicht öffnen.—“Rette sie!”—Wer war’s, der sie ins Verderben stürzte? Ich oder du? (Faust blickt wild umher.) Greifst du nach dem Donner? Wohl, daß er euch elenden Sterblichen nicht gegeben ward! Den unschuldig Entgegnenden zu zerschmettern, das ist so Tyrannenart, sich in Verlegenheiten Luft zu machen.

FAUST. Bringe mich hin! Sie soll frei sein!

MEPHISTOPHELES. Und die Gefahr, der du dich aussetzest? Wisse, noch liegt auf der Stadt Blutschuld von deiner Hand. Über des Erschlagenen Stätte schweben rächende Geister und lauern auf den wiederkehrenden Mörder.

FAUST. Noch das von dir? Mord und Tod einer Welt über dich Ungeheuer! Führe mich hin, sag ich, und befrei sie.

MEPHISTOPHELES. Ich führe dich, und was ich tun kann, höre! Habe ich alle Macht im Himmel und auf Erden? Des Türners Sinne will ich umnebeln, bemächtige dich der Schlüssel und führe sie heraus mit Menschenhand! Ich wache, die Zauberpferde sind bereit, ich entführe euch. Das vermag ich.

FAUST. Auf und davon!

Nacht, offen Feld

Faust, Mephistopheles, auf schwarzen Pferden daherbrausend.

FAUST. Was weben die dort um den Rabenstein?

MEPHISTOPHELES. Weiß nicht, was sie kochen und schaffen.

FAUST. Schweben auf, schweben ab, neigen sich, beugen sich.

MEPHISTOPHELES. Eine Hexenzunft.

FAUST. Sie streuen und weihen.

MEPHISTOPHELES. Vorbei! Vorbei!

Kerker

Faust mit einem Bund Schlüssel und einer Lampe, vor einem eisernen Türchen.

Mich faßt ein längst entwohnter Schauer, Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an Hier wohnt sie hinter dieser feuchten Mauer Und ihr Verbrechen war ein guter Wahn Du zauderst, zu ihr zu gehen! Du fürchtest, sie wiederzusehen! Fort! dein Zagen zögert den Tod heran. (Er ergreift das Schloß. Es singt inwendig.) Meine Mutter, die Hur Die mich umgebracht hat! Mein Vater, der Schelm Der mich gessen hat! Mein Schwesterlein klein Hub auf die Bein An einem kühlen Ort; Da ward ich ein schönes Waldvögelein; Fliege fort, fliege fort! FAUST (aufschließend). Sie ahnet nicht, daß der Geliebte lauscht, Die Ketten klirren hört, das Stroh, das rauscht. (Er tritt ein.)

MARGARETE (sich auf dem Lager verbergend). Weh! Weh! Sie kommen. Bittrer Tod!

FAUST (leise). Still! Still! ich komme, dich zu befreien.

MARGARETE (sich vor ihn hinwälzend). Bist du ein Mensch, so fühle meine Not.

FAUST. Du wirst die Wächter aus dem Schlafe schreien! (Er faßt die Ketten, sie aufzuschließen.)

MARGARETE (auf den Knien). Wer hat dir Henker diese Macht Über mich gegeben! Du holst mich schon um Mitternacht. Erbarme dich und laß mich leben! Ist’s morgen früh nicht zeitig genung? (Sie steht auf.) Bin ich doch noch so jung, so jung! Und soll schon sterben! Schön war ich auch, und das war mein Verderben. Nah war der Freund, nun ist er weit; Zerrissen liegt der Kranz, die Blumen zerstreut. Fasse mich nicht so gewaltsam an! Schone mich! Was hab ich dir getan? Laß mich nicht vergebens flehen, Hab ich dich doch mein Tage nicht gesehen!

FAUST. Werd ich den Jammer überstehen!

MARGARETE. Ich bin nun ganz in deiner Macht. Laß mich nur erst das Kind noch tränken. Ich herzt es diese ganze Nacht; Sie nahmen mir’s, um mich zu kränken, Und sagen nun, ich hätt es umgebracht. Und niemals werd ich wieder froh.. Sie singen Lieder auf mich! Es ist bös von den Leuten! Ein altes Märchen endigt so, Wer heißt sie’s deuten?

FAUST (wirft sich nieder). Ein Liebender liegt dir zu Füßen, Die Jammerknechtschaft aufzuschließen.

MARGARETE (wirft sich zu ihm). O laß uns knien, die Heil’gen anzurufen! Sieh! unter diesen Stufen, Unter der Schwelle Siedet die Hölle! Der Böse, Mit furchtbarem Grimme, Macht ein Getöse!

FAUST (laut). Gretchen! Gretchen!

MARGARETE (aufmerksam). Das war des Freundes Stimme! (Sie springt auf. Die Ketten fallen ab.) Wo ist er? ich hab ihn rufen hören. Ich bin frei! mir soll niemand wehren. An seinen Hals will ich fliegen, An seinem Busen liegen! Er rief Gretchen! Er stand auf der Schwelle. Mitten durchs Heulen und Klappen der Hölle, Durch den grimmigen, teuflischen Hohn Erkannt ich den süßen, den liebenden Ton.

FAUST. Ich bin’s!

MARGARETE. Du bist’s! O sag es noch einmal! (Ihn fassend.) Er ist’s! Er ist’s! Wohin ist alle Qual? Wohin die Angst des Kerkers? der Ketten? Du bist’s! Kommst, mich zu retten. Ich bin gerettet! Schon ist die Straße wieder da Auf der ich dich zum ersten Male sah Und der heitere Garten’ Wo ich und Marthe deiner warten.

FAUST (fortstrebend). Komm mit! Komm mit!

MARGARETE. O weile Weil’ ich doch so gern, wo du weilest. (Liebkosend.)

FAUST. Eile! Wenn du nicht eilest Werden wir’s teuer büßen müssen.

MARGARETE. Wie? du kannst nicht mehr küssen? Mein Freund, so kurz von mir entfernt Und hast’s Küssen verlernt? Warum wird mir an deinem Halse so bang? Wenn sonst von deinen Worten, deinen Blicken Ein ganzer Himmel mich überdrang Und du mich küßtest, als wolltest du mich ersticken. Küsse mich! Sonst küß ich dich! (Sie umfaßt ihn.) O weh! deine Lippen sind kalt, Sind stumm. Wo ist dein Lieben Geblieben? Wer brachte mich drum? (Sie wendet sich von ihm.)

FAUST. Komm! Folge mir! Liebchen, fasse Mut! Ich herze dich mit tausendfacher Glut Nur folge mir! Ich bitte dich nur dies!

MARGARETE (zu ihm gewendet). Und bist du’s denn? Und bist du’s auch gewiß?

FAUST. Ich bin’s! Komm mit!

MARGARETE. Du machst die Fesseln los, Nimmst wieder mich in deinen Schoß. Wie kommt es, daß du dich vor mir nicht scheust? Und weißt du denn, mein Freund, wen du befreist?

FAUST. Komm! komm! schon weicht die tiefe Nacht.

MARGARETE. Meine Mutter hab ich umgebracht, Mein Kind hab ich ertränkt. War es nicht dir und mir geschenkt? Dir auch.—Du bist’s! ich glaub es kaum. Gib deine Hand! Es ist kein Traum! Deine liebe Hand!—Ach, aber sie ist feucht! Wische sie ab! Wie mich deucht, Ist Blut dran. Ach Gott! was hast du getan! Stecke den Degen ein, Ich bitte dich drum! FAUST. Laß das Vergangne vergangen sein, Du bringst mich um.

MARGARETE. Nein, du mußt übrigbleiben! Ich will dir die Gräber beschreiben, Für die mußt du sorgen Gleich morgen; Der Mutter den besten Platz geben, Meinen Bruder sogleich darneben, Mich ein wenig beiseit’, Nur nicht gar zu weit! Und das Kleine mir an die rechte Brust. Niemand wird sonst bei mir liegen!— Mich an deine Seite zu schmiegen, Das war ein süßes, ein holdes Glück! Aber es will mir nicht mehr gelingen; Mir ist’s, als müßt ich mich zu dir zwingen, Als stießest du mich von dir zurück; Und doch bist du’s und blickst so gut, so fromm.

FAUST. Fühlst du, daß ich es bin, so komm!

MARGARETE. Dahinaus?

FAUST. Ins Freie.

MARGARETE. Ist das Grab drauß, Lauert der Tod, so komm! Von hier ins ewige Ruhebett Und weiter keinen Schritt— Du gehst nun fort? O Heinrich, könnt ich mit!

FAUST. Du kannst! So wolle nur! Die Tür steht offen!

MARGARETE. Ich darf nicht fort; für mich ist nichts zu hoffen. Was hilft es, fliehn? Sie lauern doch mir auf. Es ist so elend, betteln zu müssen Und noch dazu mit bösem Gewissen! Es ist so elend, in der Fremde schweifen Und sie werden mich doch ergreifen!

FAUST. Ich bleibe bei dir

MARGARETE. Geschwind! Geschwind! Rette dein armes Kind! Fort! immer den Weg Am Bach hinauf, Über den Steg, In den Wald hinein, Links, wo die Planke steht, Im Teich. Faß es nur gleich! Es will sich heben, Es zappelt noch! Rette! rette!

FAUST. Besinne dich doch! Nur einen Schritt, so bist du frei!

MARGARETE. Wären wir nur den Berg vorbei! Da sitzt meine Mutter auf einem Stein, Es faßt mich kalt beim Schopfe! Da sitzt meine Mutter auf einem Stein Und wackelt mit dem Kopfe Sie winkt nicht, sie nickt nicht, der Kopf ist ihr schwer, Sie schlief so lange, sie wacht nicht mehr. Sie schlief, damit wir uns freuten. Es waren glückliche Zeiten!

FAUST. Hilft hier kein Flehen, hilft kein Sagen, So wag ich’s, dich hinwegzutragen.

MARGARETE. Laß mich! Nein, ich leide keine Gewalt! Fasse mich nicht so mörderisch an! Sonst hab ich dir ja alles zulieb getan.

FAUST. Der Tag graut! Liebchen! Liebchen!

MARGARETE. Tag! Ja, es wird Tag! der letzte Tag dringt herein; Mein Hochzeittag sollt es sein! Sag niemand, daß du schon bei Gretchen warst. Weh meinem Kranze! Es ist eben geschehn! Wir werden uns wiedersehn; Aber nicht beim Tanze. Die Menge drängt sich, man hört sie nicht. Der Platz, die Gassen Können sie nicht fassen. Die Glocke ruft, das Stäbchen bricht. Wie sie mich binden und packen! Zum Blutstuhl bin ich schon entrückt. Schon zuckt nach jedem Nacken Die Schärfe, die nach meinem zückt. Stumm liegt die Welt wie das Grab!

FAUST. O wär ich nie geboren!

MEPHISTOPHELES (erscheint draußen). Auf! oder ihr seid verloren. Unnützes Zagen! Zaudern und Plaudern! Mein Pferde schaudern, Der Morgen dämmert auf.

MARGARETE. Was steigt aus dem Boden herauf? Der! der! Schick ihn fort! Was will der an dem heiligen Ort? Er will mich!

FAUST. Du sollst leben!

MARGARETE. Gericht Gottes! dir hab ich mich übergeben!

MEPHISTOPHELES (zu Faust). Komm! komm! Ich lasse dich mit ihr im Stich.

MARGARETE. Dein bin ich, Vater! Rette mich! Ihr Engel! Ihr heiligen Scharen, Lagert euch umher, mich zu bewahren! Heinrich! Mir graut’s vor dir.

MEPHISTOPHELES. Sie ist gerichtet!

STIMME (von oben). Ist gerettet!

MEPHISTOPHELES (zu Faust). Her zu mir! (Verschwindet mit Faust.)

STIMME (von innen, verhallend). Heinrich! Heinrich!