Faust: Der Tragödie erster Teil

Part 6

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MEPHISTOPHELES. Ich stand an seinem Sterbebette, Es war was besser als von Mist, Von halbgefaultem Stroh; allein er starb als Christ Und fand, daß er weit mehr noch auf der Zeche hätte. “Wie”, rief er, “muß ich mich von Grund aus hassen, So mein Gewerb, mein Weib so zu verlassen! Ach, die Erinnrung tötet mich Vergäb sie mir nur noch in diesem Leben!”

MARTHE (weinend). Der gute Mann! ich hab ihm längst vergeben.

MEPHISTOPHELES. “Allein, weiß Gott! sie war mehr schuld als ich.”

MARTHE. Das lügt er! Was! am Rand des Grabs zu lügen!

MEPHISTOPHELES. Er fabelte gewiß in letzten Zügen, Wenn ich nur halb ein Kenner bin. “Ich hatte”, sprach er, “nicht zum Zeitvertreib zu gaffen Erst Kinder, und dann Brot für sie zu schaffen, Und Brot im allerweitsten Sinn, Und konnte nicht einmal mein Teil in Frieden essen.”

MARTHE. Hat er so aller Treu, so aller Lieb vergessen, Der Plackerei bei Tag und Nacht!

MEPHISTOPHELES. Nicht doch, er hat Euch herzlich dran gedacht. Er sprach: “Als ich nun weg von Malta ging Da betet ich für Frau und Kinder brünstig; Uns war denn auch der Himmel günstig, Daß unser Schiff ein türkisch Fahrzeug fing, Das einen Schatz des großen Sultans führte. Da ward der Tapferkeit ihr Lohn, Und ich empfing denn auch, wie sich’s gebührte, Mein wohlgemeßnes Teil davon.”

MARTHE. Ei wie? Ei wo? Hat er’s vielleicht vergraben?

MEPHISTOPHELES. Wer weiß, wo nun es die vier Winde haben. Ein schönes Fräulein nahm sich seiner an, Als er in Napel fremd umherspazierte; Sie hat an ihm viel Liebs und Treus getan, Daß er’s bis an sein selig Ende spürte.

MARTHE. Der Schelm! der Dieb an seinen Kindern! Auch alles Elend, alle Not Konnt nicht sein schändlich Leben hindern!

MEPHISTOPHELES. Ja seht! dafür ist er nun tot. Wär ich nun jetzt an Eurem Platze, Betraurt ich ihn ein züchtig Jahr, Visierte dann unterweil nach einem neuen Schatze.

MARTHE. Ach Gott! wie doch mein erster war, Find ich nicht leicht auf dieser Welt den andern! Es konnte kaum ein herziger Närrchen sein. Er liebte nur das allzuviele Wandern Und fremde Weiber und fremden Wein Und das verfluchte Würfelspiel.

MEPHISTOPHELES. Nun, nun, so konnt es gehn und stehen, Wenn er Euch ungefähr so viel Von seiner Seite nachgesehen. Ich schwör Euch zu, mit dem Beding Wechselt ich selbst mit Euch den Ring!

MARTHE. O es beliebt dem Herrn zu scherzen!

MEPHISTOPHELES (für sich). Nun mach ich mich beizeiten fort! Die hielte wohl den Teufel selbst beim Wort. (Zu Gretchen.) Wie steht es denn mit Ihrem Herzen?

MARGARETE. Was meint der Herr damit?

MEPHISTOPHELES (für sich). Du guts, unschuldigs Kind! (Laut.) Lebt wohl, ihr Frau’n!

MARGARETE. Lebt wohl!

MARTHE. O sagt mir doch geschwind! Ich möchte gern ein Zeugnis haben, Wo, wie und wann mein Schatz gestorben und begraben. Ich bin von je der Ordnung Freund gewesen, Möcht, ihn auch tot im Wochenblättchen lesen.

MEPHISTOPHELES. Ja, gute Frau, durch zweier Zeugen Mund Wird allerwegs die Wahrheit kund; Habe noch gar einen feinen Gesellen, Den will ich Euch vor den Richter stellen. Ich bring ihn her.

MARTHE. O tut das ja!

MEPHISTOPHELES. Und hier die Jungfrau ist auch da? Ein braver Knab! ist viel gereist, Fräuleins alle Höflichkeit erweist.

MARGARETE. Müßte vor dem Herren schamrot werden.

MEPHISTOPHELES. Vor keinem Könige der Erden.

MARTHE. Da hinterm Haus in meinem Garten Wollen wir der Herren heut abend warten.

Straße (II)

Faust. Mephistopheles.

FAUST. Wie ist’s? Will’s fördern? Will’s bald gehn?

MEPHISTOPHELES. Ah bravo! Find ich Euch in Feuer? In kurzer Zeit ist Gretchen Euer. Heut abend sollt Ihr sie bei Nachbar’ Marthen sehn. Das ist ein Weib wie auserlesen Zum Kuppler- und Zigeunerwesen!

FAUST. So recht!

MEPHISTOPHELES. Doch wird auch was von uns begehrt.

FAUST. Ein Dienst ist wohl des andern wert.

MEPHISTOPHELES. Wir legen nur ein gültig Zeugnis nieder, Daß ihres Ehherrn ausgereckte Glieder In Padua an heil’ger Stätte ruhn.

FAUST. Sehr klug! Wir werden erst die Reise machen müssen!

MEPHISTOPHELES. Sancta Simplicitas! darum ist’s nicht zu tun; Bezeugt nur, ohne viel zu wissen.

FAUST. Wenn Er nichts Bessers hat, so ist der Plan zerrissen.

MEPHISTOPHELES. O heil’ger Mann! Da wärt Ihr’s nun! Ist es das erstemal in eurem Leben, Daß Ihr falsch Zeugnis abgelegt? Habt Ihr von Gott, der Welt und was sich drin bewegt, Vom Menschen, was sich ihm in Kopf und Herzen regt, Definitionen nicht mit großer Kraft gegeben? Mit frecher Stirne, kühner Brust? Und wollt Ihr recht ins Innre gehen, Habt Ihr davon, Ihr müßt es grad gestehen, So viel als von Herrn Schwerdtleins Tod gewußt!

FAUST. Du bist und bleibst ein Lügner, ein Sophiste.

MEPHISTOPHELES. Ja, wenn man’s nicht ein bißchen tiefer wüßte. Denn morgen wirst, in allen Ehren, Das arme Gretchen nicht betören Und alle Seelenlieb ihr schwören?

FAUST. Und zwar von Herzen.

MEPHISTOPHELES. Gut und schön! Dann wird von ewiger Treu und Liebe, von einzig überallmächt’gem Triebe— Wird das auch so von Herzen gehn?

FAUST. Laß das! Es wird!—Wenn ich empfinde, Für das Gefühl, für das Gewühl Nach Namen suche, keinen finde, Dann durch die Welt mit allen Sinnen schweife, Nach allen höchsten Worten greife, Und diese Glut, von der ich brenne, Unendlich, ewig, ewig nenne, Ist das ein teuflisch Lügenspiel?

MEPHISTOPHELES. Ich hab doch recht!

FAUST. Hör! merk dir dies— Ich bitte dich, und schone meine Lunge— Wer recht behalten will und hat nur eine Zunge, Behält’s gewiß. Und komm, ich hab des Schwätzens Überdruß, Denn du hast recht, vorzüglich weil ich muß.

Garten

Margarete an Faustens Arm, Marthe mit Mephistopheles auf und ab spazierend.

MARGARETE. Ich fühl es wohl, daß mich der Herr nur schont, Herab sich läßt, mich zu beschämen. Ein Reisender ist so gewohnt, Aus Gütigkeit fürliebzunehmen; Ich weiß zu gut, daß solch erfahrnen Mann Mein arm Gespräch nicht unterhalten kann.

FAUST. Ein Blick von dir, ein Wort mehr unterhält Als alle Weisheit dieser Welt. (Er küßt ihre Hand.)

MARGARETE. Inkommodiert Euch nicht! Wie könnt Ihr sie nur küssen? Sie ist so garstig, ist so rauh! Was hab ich nicht schon alles schaffen müssen! Die Mutter ist gar zu genau. (Gehn vorüber.)

MARTHE. Und Ihr, mein Herr, Ihr reist so immer fort?

MEPHISTOPHELES. Ach, daß Gewerb und Pflicht uns dazu treiben! Mit wieviel Schmerz verläßt man manchen Ort Und darf doch nun einmal nicht bleiben!

MARTHE. In raschen Jahren geht’s wohl an So um und um frei durch die Welt zu streifen; Doch kömmt die böse Zeit heran, Und sich als Hagestolz allein zum Grab zu schleifen, Das hat noch keinem wohlgetan.

MEPHISTOPHELES. Mit Grausen seh ich das von weiten.

MARTHE. Drum, werter Herr, beratet Euch in Zeiten. (Gehn vorüber.)

MARGARETE. Ja, aus den Augen, aus dem Sinn! Die Höflichkeit ist Euch geläufig; Allein Ihr habt der Freunde häufig, Sie sind verständiger, als ich bin.

FAUST. O Beste! glaube, was man so verständig nennt, Ist oft mehr Eitelkeit und Kurzsinn.

MARGARETE. Wie?

FAUST. Ach, daß die Einfalt, daß die Unschuld nie Sich selbst und ihren heil’gen Wert erkennt! Daß Demut, Niedrigkeit, die höchsten Gaben Der liebevoll austeilenden Natur—

MARGARETE. Denkt Ihr an mich ein Augenblickchen nur, Ich werde Zeit genug an Euch zu denken haben.

FAUST. Ihr seid wohl viel allein?

MARGARETE. Ja, unsre Wirtschaft ist nur klein, Und doch will sie versehen sein. Wir haben keine Magd; muß kochen, fegen, stricken Und nähn und laufen früh und spat; Und meine Mutter ist in allen Stücken So akkurat! Nicht daß sie just so sehr sich einzuschränken hat; Wir könnten uns weit eh’r als andre regen. Mein Vater hinterließ ein hübsch Vermögen, Ein Häuschen und ein Gärtchen vor der Stadt. Doch hab ich jetzt so ziemlich stille Tage. Mein Bruder ist Soldat, Mein Schwesterchen ist tot. Ich hatte mit dem Kind wohl meine liebe Not; Doch übernähm ich gern noch einmal alle Plage, So lieb war mir das Kind.

FAUST. Ein Engel, wenn dir’s glich.

MARGARETE. Ich zog es auf, und herzlich liebt es mich. Es war nach meines Vaters Tod geboren. Die Mutter gaben wir verloren, So elend wie sie damals lag, Und sie erholte sich sehr langsam, nach und nach. Da konnte sie nun nicht dran denken, Das arme Würmchen selbst zu tränken, Und so erzog ich’s ganz allein, Mit Milch und Wasser, so ward’s mein Auf meinem Arm, in meinem Schoß War’s freundlich, zappelte, ward groß.

FAUST. Du hast gewiß das reinste Glück empfunden.

MARGARETE. Doch auch gewiß gar manche schwere Stunden. Des Kleinen Wiege stand zu Nacht An meinem Bett; es durfte kaum sich regen, War ich erwacht; Bald mußt ich’s tränken, bald es zu mir legen Bald, wenn’s nicht schwieg, vom Bett aufstehn Und tänzelnd in der Kammer auf und nieder gehn, Und früh am Tage schon am Waschtrog stehn; Dann auf dem Markt und an dem Herde sorgen, Und immer fort wie heut so morgen. Da geht’s, mein Herr, nicht immer mutig zu; Doch schmeckt dafür das Essen, schmeckt die Ruh. (Gehn vorüber.)

MARTHE. Die armen Weiber sind doch übel dran. Ein Hagestolz ist schwerlich zu bekehren.

MEPHISTOPHELES. Es käme nur auf Euresgleichen an, Mich eines Bessern zu belehren.

MARTHE. Sagt grad, mein Herr, habt Ihr noch nichts gefunden? Hat sich das Herz nicht irgendwo gebunden?

MEPHISTOPHELES. Das Sprichwort sagt: Ein eigner Herd, Ein braves Weib sind Gold und Perlen wert.

MARTHE. Ich meine: ob Ihr niemals Lust bekommen?

MEPHISTOPHELES. Man hat mich überall recht höflich aufgenommen.

MARTHE. Ich wollte sagen: ward’s nie Ernst in Eurem Herzen?

MEPHISTOPHELES. Mit Frauen soll man sich nie unterstehn zu scherzen.

MARTHE. Ach, Ihr versteht mich nicht!

MEPHISTOPHELES. Das tut mir herzlich leid! Doch ich versteh’—daß Ihr sehr gütig seid. (Gehn vorüber.)

FAUST. Du kanntest mich, o kleiner Engel, wieder, Gleich als ich in den Garten kam?

MARGARETE. Saht Ihr es nicht, ich schlug die Augen nieder.

FAUST. Und du verzeihst die Freiheit, die ich nahm? Was sich die Frechheit unterfangen, Als du jüngst aus dem Dom gegangen?

MARGARETE. Ich war bestürzt, mir war das nie geschehn; Es konnte niemand von mir Übels sagen. Ach, dacht ich, hat er in deinem Betragen Was Freches, Unanständiges gesehn? Es schien ihn gleich nur anzuwandeln, Mit dieser Dirne gradehin zu handeln. Gesteh ich’s doch! Ich wußte nicht, was sich Zu Eurem Vorteil hier zu regen gleich begonnte; Allein gewiß, ich war recht bös auf mich, Daß ich auf Euch nicht böser werden konnte.

FAUST. Süß Liebchen!

MARGARETE. Laßt einmal! (Sie pflückt eine Sternblume und zupft die Blätter ab, eins nach dem andern.)

FAUST. Was soll das? Einen Strauß?

MARGARETE. Nein, es soll nur ein Spiel.

FAUST. Wie?

MARGARETE. Geht! Ihr lacht mich aus. (Sie rupft und murmelt.)

FAUST. Was murmelst du?

MARGARETE (halblaut). Er liebt mich—liebt mich nicht. FAUST. Du holdes Himmelsangesicht!

MARGARETE (fährt fort). Liebt mich—nicht—liebt mich—nicht— (Das letzte Blatt ausrupfend, mit holder Freude.) Er liebt mich!

FAUST. Ja, mein Kind! Laß dieses Blumenwort Dir Götterausspruch sein. Er liebt dich! Verstehst du, was das heißt? Er liebt dich! (Er faßt ihre beiden Hände.)

MARGARETE. Mich überläuft’s!

FAUST. O schaudre nicht! Laß diesen Blick, Laß diesen Händedruck dir sagen Was unaussprechlich ist. Sich hinzugeben ganz und eine Wonne Zu fühlen, die ewig sein muß! Ewig!—Ihr Ende würde Verzweiflung sein Nein, kein Ende! Kein Ende! (Margarete drückt ihm die Hände, macht sich los und läuft weg. Er steht einen Augenblick in Gedanken, dann folgt er ihr.)

MARTHE (kommend). Die Nacht bricht an.

MEPHISTOPHELES. Ja, und wir wollen fort.

MARTHE. Ich bät Euch, länger hier zu bleiben, Allein es ist ein gar zu böser Ort. Es ist, als hätte niemand nichts zu treiben Und nichts zu schaffen, Als auf des Nachbarn Schritt und Tritt zu gaffen, Und man kommt ins Gered, wie man sich immer stellt. Und unser Pärchen?

MEPHISTOPHELES. Ist den Gang dort aufgeflogen. Mutwill’ge Sommervögel!

MARTHE. Er scheint ihr gewogen.

MEPHISTOPHELES. Und sie ihm auch. Das ist der Lauf der Welt.

Ein Gartenhäuschen

Margarete springt herein, steckt sich hinter die Tür, hält die Fingerspitze an die Lippen und guckt durch die Ritze.

MARGARETE. Er kommt!

FAUST (kommt). Ach, Schelm, so neckst du mich! Treff ich dich! (Er küßt sie.)

MARGARETE (ihn fassend und den Kuß zurückgebend). Bester Mann! von Herzen lieb ich dich! (Mephistopheles klopft an.)

FAUST (stampfend). Wer da?

MEPHISTOPHELES. Gut Freund!

FAUST. Ein Tier!

MEPHISTOPHELES. Es ist wohl Zeit zu scheiden.

MARTHE (kommt). Ja, es ist spät, mein Herr.

FAUST. Darf ich Euch nicht geleiten?

MARGARETE. Die Mutter würde mich—Lebt wohl!

FAUST. Muß ich denn gehn? Lebt wohl!

MARTHE. Ade!

MARGARETE. Auf baldig Wiedersehn! (Faust und Mephistopheles ab.)

MARGARETE. Du lieber Gott! was so ein Mann Nicht alles, alles denken kann! Beschämt nur steh ich vor ihm da Und sag zu allen Sachen ja. Bin doch ein arm unwissend Kind, Begreife nicht, was er an mir findt. (Ab.)

Wald und Höhle

Faust allein.

Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst Dein Angesicht im Feuer zugewendet. Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich, Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur, Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust Wie in den Busen eines Freunds zu schauen. Du führst die Reihe der Lebendigen Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen. Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt, Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste Und Nachbarstämme quetschend niederstreift Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert, Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust Geheime tiefe Wunder öffnen sich. Und steigt vor meinem Blick der reine Mond Besänftigend herüber, schweben mir Von Felsenwänden, aus dem feuchten Busch Der Vorwelt silberne Gestalten auf Und lindern der Betrachtung strenge Lust.

O daß dem Menschen nichts Vollkommnes wird, Empfind ich nun. Du gabst zu dieser Wonne, Die mich den Göttern nah und näher bringt, Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr Entbehren kann, wenn er gleich, kalt und frech, Mich vor mir selbst erniedrigt und zu Nichts, Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt. Er facht in meiner Brust ein wildes Feuer Nach jenem schönen Bild geschäftig an. So tauml ich von Begierde zu Genuß, Und im Genuß verschmacht ich nach Begierde. (Mephistopheles tritt auf.)

MEPHISTOPHELES. Habt Ihr nun bald das Leben gnug geführt? Wie kann’s Euch in die Länge freuen? Es ist wohl gut, daß man’s einmal probiert Dann aber wieder zu was Neuen!

FAUST. Ich wollt, du hättest mehr zu tun, Als mich am guten Tag zu plagen.

MEPHISTOPHELES. Nun, nun! ich laß dich gerne ruhn, Du darfst mir’s nicht im Ernste sagen. An dir Gesellen, unhold, barsch und toll, Ist wahrlich wenig zu verlieren. Den ganzen Tag hat man die Hände voll! Was ihm gefällt und was man lassen soll, Kann man dem Herrn nie an der Nase spüren.

FAUST. Das ist so just der rechte Ton! Er will noch Dank, daß er mich ennuyiert.

MEPHISTOPHELES. Wie hättst du, armer Erdensohn Dein Leben ohne mich geführt? Vom Kribskrabs der Imagination Hab ich dich doch auf Zeiten lang kuriert; Und wär ich nicht, so wärst du schon Von diesem Erdball abspaziert. Was hast du da in Höhlen, Felsenritzen Dich wie ein Schuhu zu versitzen? Was schlurfst aus dumpfem Moos und triefendem Gestein Wie eine Kröte Nahrung ein? Ein schöner, süßer Zeitvertreib! Dir steckt der Doktor noch im Leib.

FAUST. Verstehst du, was für neue Lebenskraft Mir dieser Wandel in der Öde schafft? Ja, würdest du es ahnen können, Du wärest Teufel gnug, mein Glück mir nicht zu gönnen.

MEPHISTOPHELES. Ein überirdisches Vergnügen. In Nacht und Tau auf den Gebirgen liegen Und Erd und Himmel wonniglich umfassen, Zu einer Gottheit sich aufschwellen lassen, Der Erde Mark mit Ahnungsdrang durchwühlen, Alle sechs Tagewerk im Busen fühlen, In stolzer Kraft ich weiß nicht was genießen, Bald liebewonniglich in alles überfließen, Verschwunden ganz der Erdensohn, Und dann die hohe Intuition— (mit einer Gebärde) Ich darf nicht sagen, wie—zu schließen.

FAUST. Pfui über dich!

MEPHISTOPHELES. Das will Euch nicht behagen; Ihr habt das Recht, gesittet pfui zu sagen. Man darf das nicht vor keuschen Ohren nennen, Was keusche Herzen nicht entbehren können. Und kurz und gut, ich gönn Ihm das Vergnügen, Gelegentlich sich etwas vorzulügen; Doch lange hält Er das nicht aus. Du bist schon wieder abgetrieben Und, währt es länger, aufgerieben In Tollheit oder Angst und Graus. Genug damit! Dein Liebchen sitzt dadrinne, Und alles wird ihr eng und trüb. Du kommst ihr gar nicht aus dem Sinne, Sie hat dich übermächtig lieb. Erst kam deine Liebeswut übergeflossen, Wie vom geschmolznen Schnee ein Bächlein übersteigt; Du hast sie ihr ins Herz gegossen, Nun ist dein Bächlein wieder seicht. Mich dünkt, anstatt in Wäldern zu thronen, Ließ’ es dem großen Herren gut, Das arme affenjunge Blut Für seine Liebe zu belohnen. Die Zeit wird ihr erbärmlich lang; Sie steht am Fenster, sieht die Wolken ziehn Über die alte Stadtmauer hin. “Wenn ich ein Vöglein wär!” so geht ihr Gesang Tage lang, halbe Nächte lang. Einmal ist sie munter, meist betrübt, Einmal recht ausgeweint, Dann wieder ruhig, wie’s scheint, Und immer verliebt.

FAUST. Schlange! Schlange!

MEPHISTOPHELES (für sich). Gelt! daß ich dich fange!

FAUST. Verruchter! hebe dich von hinnen, Und nenne nicht das schöne Weib! Bring die Begier zu ihrem süßen Leib Nicht wieder vor die halb verrückten Sinnen!

MEPHISTOPHELES. Was soll es denn? Sie meint, du seist entflohn, Und halb und halb bist du es schon.

FAUST. Ich bin ihr nah, und wär ich noch so fern, Ich kann sie nie vergessen, nie verlieren Ja, ich beneide schon den Leib des Herrn, Wenn ihre Lippen ihn indes berühren.

MEPHISTOPHELES. Gar wohl, mein Freund! Ich hab Euch oft beneidet Ums Zwillingspaar, das unter Rosen weidet.

FAUST. Entfliehe, Kuppler!

MEPHISTOPHELES. Schön! Ihr schimpft, und ich muß lachen. Der Gott, der Bub’ und Mädchen schuf, Erkannte gleich den edelsten Beruf, Auch selbst Gelegenheit zu machen. Nur fort, es ist ein großer Jammer! Ihr sollt in Eures Liebchens Kammer, Nicht etwa in den Tod.

FAUST. Was ist die Himmelsfreud in ihren Armen? Laß mich an ihrer Brust erwarmen! Fühl ich nicht immer ihre Not? Bin ich der Flüchtling nicht? der Unbehauste? Der Unmensch ohne Zweck und Ruh, Der wie ein Wassersturz von Fels zu Felsen brauste, Begierig wütend nach dem Abgrund zu? Und seitwärts sie, mit kindlich dumpfen Sinnen, Im Hüttchen auf dem kleinen Alpenfeld, Und all ihr häusliches Beginnen Umfangen in der kleinen Welt. Und ich, der Gottverhaßte, Hatte nicht genug, Daß ich die Felsen faßte Und sie zu Trümmern schlug! Sie, ihren Frieden mußt ich untergraben! Du, Hölle, mußtest dieses Opfer haben. Hilf, Teufel, mir die Zeit der Angst verkürzen. Was muß geschehn, mag’s gleich geschehn! Mag ihr Geschick auf mich zusammenstürzen Und sie mit mir zugrunde gehn!

MEPHISTOPHELES. Wie’s wieder siedet, wieder glüht! Geh ein und tröste sie, du Tor! Wo so ein Köpfchen keinen Ausgang sieht, Stellt er sich gleich das Ende vor. Es lebe, wer sich tapfer hält! Du bist doch sonst so ziemlich eingeteufelt. Nichts Abgeschmackters find ich auf der Welt Als einen Teufel, der verzweifelt.

Gretchens Stube

Gretchen (am Spinnrad, allein).

GRETCHEN. Meine Ruh ist hin, Mein Herz ist schwer; Ich finde sie nimmer und nimmermehr.

Wo ich ihn nicht hab, Ist mir das Grab, Die ganze Welt Ist mir vergällt.

Mein armer Kopf Ist mir verrückt, Meiner armer Sinn Ist mir zerstückt.

Meine Ruh ist hin, Mein Herz ist schwer, Ich finde sie nimmer und nimmermehr.

Nach ihm nur schau ich Zum Fenster hinaus, Nach ihm nur geh ich Aus dem Haus.

Sein hoher Gang, Sein edle Gestalt, Seines Mundes Lächeln, Seiner Augen Gewalt,

Und seiner Rede Zauberfluß, Sein Händedruck, Und ach! sein Kuß!

Meine Ruh ist hin, Mein Herz ist schwer, Ich finde sie nimmer und nimmermehr.

Mein Busen drängt Sich nach ihm hin, Ach dürft ich fassen Und halten ihn,

Und küssen ihn, So wie ich wollt, An seinen Küssen Vergehen sollt!

Marthens Garten

Margarete. Faust.

MARGARETE. Versprich mir, Heinrich!

FAUST. Was ich kann!

MARGARETE. Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.

FAUST. Laß das, mein Kind! Du fühlst, ich bin dir gut; Für meine Lieben ließ’ ich Leib und Blut, Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.

MARGARETE. Das ist nicht recht, man muß dran glauben.

FAUST. Muß man?

MARGARETE. Ach! wenn ich etwas auf dich konnte! Du ehrst auch nicht die heil’gen Sakramente.

FAUST. Ich ehre sie.

MARGARETE. Doch ohne Verlangen. Zur Messe, zur Beichte bist du lange nicht gegangen. Glaubst du an Gott?

FAUST. Mein Liebchen, wer darf sagen: Ich glaub an Gott? Magst Priester oder Weise fragen, Und ihre Antwort scheint nur Spott Über den Frager zu sein.

MARGARETE. So glaubst du nicht?

FAUST. Mißhör mich nicht, du holdes Angesicht! Wer darf ihn nennen? Und wer bekennen. “Ich glaub ihn!”? Wer empfinden, Und sich unterwinden Zu sagen: “Ich glaub ihn nicht!”? Der Allumfasser, Der Allerhalter, Faßt und erhält er nicht Dich, mich, sich selbst? Wölbt sich der Himmel nicht da droben? Liegt die Erde nicht hier unten fest? Und steigen freundlich blickend Ewige Sterne nicht herauf? Schau ich nicht Aug in Auge dir, Und drängt nicht alles Nach Haupt und Herzen dir, Und webt in ewigem Geheimnis Unsichtbar sichtbar neben dir? Erfüll davon dein Herz, so groß es ist, Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist, Nenn es dann, wie du willst, Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott Ich habe keinen Namen Dafür! Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch, Umnebelnd Himmelsglut.

MARGARETE. Das ist alles recht schön und gut; Ungefähr sagt das der Pfarrer auch, Nur mit ein bißchen andern Worten.

FAUST. Es sagen’s allerorten Alle Herzen unter dem himmlischen Tage, Jedes in seiner Sprache; Warum nicht ich in der meinen?

MARGARETE. Wenn man’s so hört, möcht’s leidlich scheinen, Steht aber doch immer schief darum; Denn du hast kein Christentum.

FAUST. Liebs Kind!

MARGARETE. Es tut mir lange schon weh, Daß ich dich in der Gesellschaft seh.

FAUST. Wieso?

MARGARETE. Der Mensch, den du da bei dir hast, Ist mir in tiefer innrer Seele verhaßt; Es hat mir in meinem Leben So nichts einen Stich ins Herz gegeben Als des Menschen widrig Gesicht.

FAUST. Liebe Puppe, fürcht ihn nicht!

MARGARETE. Seine Gegenwart bewegt mir das Blut. Ich bin sonst allen Menschen gut; Aber wie ich mich sehne, dich zu schauen, Hab ich vor dem Menschen ein heimlich Grauen, Und halt ihn für einen Schelm dazu! Gott verzeih mir’s, wenn ich ihm unrecht tu!

FAUST. Es muß auch solche Käuze geben.

MARGARETE. Wollte nicht mit seinesgleichen leben! Kommt er einmal zur Tür herein, Sieht er immer so spöttisch drein Und halb ergrimmt; Man sieht, daß er an nichts keinen Anteil nimmt; Es steht ihm an der Stirn geschrieben, Daß er nicht mag eine Seele lieben. Mir wird’s so wohl in deinem Arm, So frei, so hingegeben warm, Und seine Gegenwart schnürt mir das Innre zu.

FAUST. Du ahnungsvoller Engel du!

MARGARETE. Das übermannt mich so sehr, Daß, wo er nur mag zu uns treten, Mein ich sogar, ich liebte dich nicht mehr. Auch, wenn er da ist, könnt ich nimmer beten, Und das frißt mir ins Herz hinein; Dir, Heinrich, muß es auch so sein.

FAUST. Du hast nun die Antipathie!

MARGARETE. Ich muß nun fort.

FAUST. Ach kann ich nie Ein Stündchen ruhig dir am Busen hängen Und Brust an Brust und Seel in Seele drängen?

MARGARETE. Ach wenn ich nur alleine schlief! Ich ließ dir gern heut nacht den Riegel offen; Doch meine Mutter schläft nicht tief, Und würden wir von ihr betroffen, Ich wär gleich auf der Stelle tot!

FAUST. Du Engel, das hat keine Not. Hier ist ein Fläschchen, drei Tropfen nur In ihren Trank umhüllen Mit tiefem Schlaf gefällig die Natur.

MARGARETE. Was tu ich nicht um deinetwillen? Es wird ihr hoffentlich nicht schaden!

FAUST. Würd ich sonst, Liebchen, dir es raten?