Fabeln und Erzählungen

Chapter 8

Chapter 84,015 wordsPublic domain

Emil, der seit geraumer Zeit, Den Klugen wohl bekannt, bei seinen Büchern lebte, Und mehr nach der Geschicklichkeit Zu einem Amt, als nach dem Amte strebte, Ward einst von einem Freund gefragt, Warum er denn kein Amt noch hätte, Da doch die ganze Stadt so rühmlich von ihm redte, Und mancher sich vor ihm schon in ein Amt gewagt, Der nicht den zehnten Teil von seinen Gaben hätte? "Ich", sprach Emil, "will lieber, daß man fragt, Warum man mich doch ohn ein Amt läßt leben, Als daß man fragt: warum man mir ein Amt gegeben?"

Epiktet

Verlangst du ein zufriednes Herz: So lern die Kunst, dich stoisch zu besiegen, Und glaube fest, daß deine Sinnen trügen. Der Schmerz ist in der Tat kein Schmerz, Und das Vergnügen kein Vergnügen. Sobald du dieses glaubst: so nimmt kein Glück dich ein, Und du wirst in der größten Pein Noch allemal zufrieden sein. Das, sprichst du, kann ich schwer verstehen. Ist auch die stolze Weisheit wahr? Du sollst es gleich bewiesen sehen; Denn Epiktet stellt dir ein Beispiel dar. Ihn, als er noch ein Sklave war, Schlug einst sein Herr mit einem starken Stabe Zweimal sehr heftig auf das Bein. "Herr", sprach der Philosoph, "ich bitt Ihn, laß Ers sein, Denn sonst zerschlägt Er mir das Bein." "Gut, weil ich dirs noch nicht zerschlagen habe: So soll es", rief der Herr, "denn gleich zerschlagen sein!" Und drauf zerschlug er ihm das Bein; Doch Epiktet, anstatt sich zu beklagen, Fing ruhig an: "Da sieht Ers nun! Hab ichs Ihm nicht gesagt, Er würde mirs zerschlagen?"

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Dies, Mensch, kann Zenons Weisheit tun! Besiege die Natur durch diese starken Gründe. Und willst du stets zufrieden sein: So bilde dir erhaben ein, Lust sei nicht Lust, und Pein nicht Pein. Allein, sprichst du, wenn ich das Gegenteil empfinde, Wie kann ich dieser Meinung sein? Das weiß ich selber nicht; indessen klingts doch fein, Trotz der Natur sich stets gelassen sein.

Erast

Dorant, ein reicher Mann, der weiter keinen Erben, Als einen Vetter hinterließ, Der reicher war als er, und keinem Guts erwies, Dorant beschloß bei seinem Sterben, An seines Vetters Statt Erasten zu erfreun, Und setzte diesen Freund, ders würdig war, zum Erben Von zwanzigtausend Talern ein. Der Vetter, der die Stadt recht giftig überredte, Als ob Erast, der so rechtschaffne Mann, Das Testament erschlichen hätte, Fing einen Streit um dies Vermögen an, Und lief, von Neid und Geiz gedrungen, Mit schrecklichen Beschuldigungen, Und mit Geschenken vor Gericht; Allein sooft auch die das Recht erzwungen: So siegten sie doch diesmal nicht.

Erast gewann. "Doch dich", spricht er, "zu überführen, Ob ich das Testament mit List an mich gebracht: So will ich das, was mir mein Freund vermacht, Nachdem ich es gewann, verlieren. Die Hälfte schenk ich dir, um dich zu widerlegen. Zweitausend Taler sollen mein; Und das noch übrige Vermögen Soll ein Geschenk für arme Waisen sein. Verdien ich noch den schrecklichen Verdacht, Daß ich das Testament mit List an mich gebracht?"

Herodes und Herodias

Freund, wer ein Laster liebt, der liebt die Laster alle. Wer ein Gesetz der Tugend übertritt, Entheiligt in dem einen Falle Im Herzen auch die andern mit. O sprichst du, welche Sittenlehre Gibt euch der Geist der Schwermut ein! Gesetzt, daß ich der Wollust dienstbar wäre, Werd ich deswegen wohl der Mordsucht eigen sein? Ich glaub es, lieber Freund, du wirst es mir verzeihn; Schrift und Vernunft behaupten diese Lehre. Der Witz, der dich die Wahrheit lehrt, Die Hurerei sie kein Verbrechen, Wird, wenns dein Vorteil nur begehrt, Das Wort zugleich der Mordsucht sprechen. Auf einmal wird man nie der größte Bösewicht; Allein den Grund dazu kann man auf einmal legen. Verletze nur mit Vorsatz eine Pflicht: So hast du schon das schreckliche Vermögen, Wodurch dein Herz die andern bricht. Warum gehorchst du den Gesetzen? Weil Gott, der Heilige, der deine Wohlfahrt liebt, Sie den Vernünftigen zu ihrer Wohlfahrt gibt. Doch darfst du ein Gebot verletzen: So schwächst du ja den Grund, auf dem sie alle stehn. Was kann sich dir denn widersetzen, Dich nicht an allen zu vergehn? O merk es doch, noch unschuldsvolle Jugend! Ich bitte dich, o merk es dir! Es gibt nicht mehr als eine Tugend, Und als ein Laster neben ihr. Hast du den Vorsatz nicht, nach allen heilgen Pflichten, Dich in und außer dir zu richten: So prange hier und da mit guter Eigenschaft, Dein Herz ist doch nicht tugendhaft. Sooft dus wagst, nur eins von den Gesetzen, Weil es dein Herz verlangt, mit Vorsatz zu verletzen: So schwächst du aller Tugend Kraft, Und bist bei hundert guten Taten, Die Hoffnung oder Furcht, Ruhm und Natur dir raten, Vor Gott und der Vernunft doch völlig lasterhaft.

O Jugend! faß doch diese Lehren, Itzt ist dein Herz geschickt dazu. Dem kleinsten Laster vorzuwehren, Die Tugend ewig zu verehren, Sei niemand eifriger als du. Durch sie steigst du zum göttlichen Geschlechte, Und ohne sie sind Könige nur Knechte. Sie macht dir erst des Lebens Anmut schön. Sie wird bei widrigem Geschicke Dich über dein Geschick erhöhn. Sie wird im letzten Augenblicke, Wenn alle traurig von dir gehn, In himmlischer Gestalt zu deiner Seite stehn, Und in die Welt der selgen Herrlichkeiten Den Geist, weil sie ihn liebt, begleiten. Sie wird dein Schmuck vor jenen Geistern sein, Die sich schon auf dein Glück und deinen Umgang freun. O Mensch! ist dir dies Glück zu klein, Um strenge gegen dich zu sein?

Nunmehr mag uns ein wahres Beispiel lehren, Wie alle Laster sich von einem Laster nähren.

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Herodias, wie uns die Schrift erzählt, Brach dem die Treu, mit dem sie sich vermählt, Und hing an seines Bruders Seite Der Neigung nach, die auch ein Heide scheute; Und die der Hof, der gern mit Worten spielt, Für Zärtlichkeit und nicht für Unzucht hielt. Doch laßt die Schmeichler knechtisch sprechen. Johannes kömmt an Hof. Kein Thron verblendet ihn, Von dem das Laster strahlt. Er sieht es, und spricht kühn: "Du hast des Bruders Weib; dies, Fürst, ist ein Verbrechen." So redt ein Mann, aus dem der Geist der Tugend spricht. Zur Niederträchtigkeit reizt ihn der Thron zu wenig. Er fürchtet Gott mehr als den König, Und hält den Mut für seine größte Pflicht, Wenn er zu dessen Ehre spricht, Von dem mit uns die Könige der Erden Aus gleichem Staub gebildet werden.

So dreist sprach Zachariä Sohn; Allein der Kerker ward sein Lohn. Ein Widerruf könnt ihn daraus erretten; Doch nein, ein Tugendfreund liegt lieber frei an Ketten, Als sklavisch um der Fürsten Thron. So frei indes Johannes auch gesprochen: So blieb er doch dem Fürsten wert. Denn selber der, der jede Pflicht gebrochen, Wird durch ein Herz gereizt, das Gott und Tugend ehrt; Ein heimliches Gefühl heißt ihn dies Herz noch lieben, Und sich, daß ers nicht hat, noch hassen kann, betrüben.

Und also scheint der Fürst noch tugendhaft zu sein, Sosehr ihn auch sein Laster eingenommen. Wenn er unzüchtig ist, ist er drum grausam? Nein; Doch laßt nur einen Umstand kommen: So wird ers doch aus Wollust sein. Kein Laster herrscht jemals allein. Und du begingst vielleicht, wie er, das größte, Wärst du zum größten nicht zu klein.

Der Fürstin Tochter tanzt an einem Freudenfeste. Der Hof bewundert sie. Herodes wird entzückt, Und fühlt, indem er sie erblickt, Der Mutter Blick in ihrer Tochter Blicke. Er winkt der Salome: "Gebeut itzt deinem Glücke, Und bitte, was du willst! Für meine Lieb und dich Ist nichts zu groß, und nichts zu königlich."

Die Tochter eilt mit frohen Schritten Zu der Herodias, und fragt: "Was soll ich bitten?" "Bitt um des Täufers trotzig Haupt!" O Gott! wer hätte das geglaubt? Ist für ein weiches Herz, und für verbuhlte Blicke, Ein blutig Haupt ein reizungsvolles Glücke? Ein Weib, das sonst die kleinsten Schmerzen scheut, Findt, da die Wollust ihr gebeut, Selbst Wollust in der Grausamkeit? Und lehrt zugleich die Tochter ein Verbrechen?

Herodes hört den Wunsch, erschrickt und wird betrübt, Weil er den frommen Täufer liebt; Allein der Fürstenstolz weist ihn auf sein Versprechen. Hats nicht der Hof gehört? Bist du nicht Herr und Fürst? Wird sich Herodias nicht gleich durch Kaltsinn rächen, Wofern du nicht den Wunsch erfüllen wirst? Gebeut, sprach seine Brunst, und eilig willigt er In dieses grausame Vergnügen. Man bringt des Täufers Haupt auf einer Schüssel her.

Hier siehst du ja, wie bald nach leichter Gegenwehr In einem Laster alle siegen!

Inkle und Yariko

Die Liebe zum Gewinst, die uns zuerst gelehrt, Wie man auf leichtem Holz durch wilde Fluten fährt; Die uns beherzt gemacht, das liebste Gut, das Leben, Der ungewissen See auf Brettern preiszugeben; Die Liebe zum Gewinst, der deutliche Begriff Von Vorteil und Verlust, trieb Inklen auf ein Schiff. Er opferte der See die Kräfte seiner Jugend; Denn Handeln war sein Witz, und Rechnen seine Tugend. Ihn lockt das reiche Land, das wir durchs Schwert bekehrt, Das wir das Christentum und unsern Geiz gelehrt. Er sieht Amerika; doch nah an diesem Lande Zerreißt der Sturm sein Schiff. Zwar glückt es ihm, am Strande Dem Tode zu entgehn; allein der Wilden Schar Fiel auf die Briten los; und wer entkommen war, Den fraß ihr hungrig Schwert. Nur Inkle soll noch leben; Die Flucht in einen Wald muß ihm Beschirmung geben. Vom Laufen atemlos, wirft, mit verwirrtem Sinn, Der Brite sich zuletzt bei einem Baume hin; Umringt mit naher Furcht und ungewissem Grämen, Ob Hunger oder Schwert ihm wird das Leben nehmen?

Ein plötzliches Geräusch erschreckt sein schüchtern Ohr. Ein wildes Mädchen springt aus dem Gebüsch hervor, Und sieht mit schnellem Blick den Europäer liegen. Sie stutzt. Was wird sie tun? Bestürzt zurücke fliegen? O nein! so streng und deutsch sind wilde Schönen nicht. Sie sieht den Fremdling an; sein rund und weiß Gesicht, Sein Kleid, sein lockicht Haar, die Anmut seiner Blicke Gefällt der Schönen wohl, hält sie mit Lust zurücke.

Auch Inklen nimmt dies Kind bei wilder Anmut ein. Unwissend in der Kunst, durch Zwang verstellt zu sein, Verrät sie durch den Blick die Regung ihrer Triebe; Ihr Auge sprach von Gunst und bat um Gegenliebe. Die Indianerin war liebenswert gebaut. Durch Mienen redt dies Paar, durch Mienen wirds vertraut. Sie winkt ihm mit der Hand, er folget ihrem Schritte. Mit Früchten speist sie ihn in einer kleinen Hütte, Und zeigt ihm einen Quell, vom Durst sich zu befrein. Durch Lächeln rät sie ihm, getrost und froh zu sein. Sie sah ihn zehnmal an, und spielt an seinen Haaren, Und schien verwundrungsvoll, daß sie so lockicht waren.

Sooft der Morgen kömmt: so machte Yariko Durch neuen Unterhalt den lieben Fremdling froh, Und zeigt durch Zärtlichkeit, mit jedem neuen Tage, Was für ein treues Herz in einer Wilden schlage! Sie bringt ihm manch Geschenk, und schmückt sein kleines Haus Mit mancher bunten Haut, mit bunten Federn aus; Und eine neue Tracht von schönen Muschelschalen Muß, wenn sie ihn besucht, um ihre Schultern prahlen. Zur Nachtzeit führt sie ihn zu einem Wasserfall, Und unter dem Geräusch und Philomelens Schall Schläft unser Fremdling ein. Aus zärtlichem Erbarmen Bewacht sie jede Nacht den Freund in ihren Armen. Wird in Europa wohl ein Herz so edel sein?

Die Liebe flößt dem Paar bald eine Mundart ein. Sie unterreden sich durch selbst erfundne Töne. Kurz, er versteht sein Kind, und ihn versteht die Schöne. Oft sagt ihr Inkle vor, was seine Vaterstadt Für süße Lebensart, für Kostbarkeiten hat. Er wünscht, sie neben sich in London einst zu sehen; Sie hörts, und zürnet schon, daß es noch nicht geschehen. Dort, spricht er, kleid ich dich; und zeiget auf sein Kleid; In lauter bunten Zeug, von größrer Kostbarkeit; In Häusern, halb von Glas, bespannt mit raschen Pferden, Sollst du in dieser Stadt bequem getragen werden.

Vor Freuden weint dies Kind, und sieht, indem sie weint, Schon nach der offnen See, ob noch kein Schiff erscheint. Es glückt ihr, was sie wünscht, in kurzem zu entdecken. Sie sieht ein Schiff am Strand, und läuft mit frohem Schrecken, Sucht ihren Fremdling auf, vergißt ihr Vaterland Aus Treue gegen ihn, und eilt, an seiner Hand, So freudig in die See, als ob das Schiff im Meere, In das sie steigen will, ein Haus in London wäre.

Das Schiff setzt seinen Lauf mit gutem Winde fort, Und fliegt nach Barbados*; doch dieses war der Ort, Wo Inkle ganz bestürzt sein Schicksal überdachte, Als schnell in seiner Brust der Kaufmannsgeist erwachte. Er kam mit leerer Hand aus Indien zurück; Dies war für seinen Geiz ein trauriges Geschick. So hab ich, fing er an, um arm zurückzukommen, Die fürchterliche See, mit Müh und Angst, durchschwommen? Er stillt in kurzer Zeit den Hunger nach Gewinn, Und führt Yariko zum Sklavenhändler hin. Hier wird die Dankbarkeit in Tyrannei verwandelt, Und die, die ihn erhielt, zur Sklaverei verhandelt.

Sie fällt ihm um den Hals, sie fällt vor ihm aufs Knie, Sie fleht, sie weint, sie schreit. Nichts! Er verkaufet sie. Mich, die ich schwanger bin, mich! fährt sie fort zu klagen. Bewegt ihn dies? Ach ja! Sie höher anzuschlagen. Noch drei Pfund Sterling mehr! Hier, spricht der Brite froh, Hier, Kaufmann, ist das Weib, sie heißt Yariko!

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O Inkle! du Barbar, dem keiner gleich gewesen; O möchte deinen Schimpf ein jeder Weltteil lesen! Die größte Redlichkeit, die allergrößte Treu Belohnst du, Bösewicht! noch gar mit Sklaverei? Ein Mädchen, das für dich ihre eigen Leben wagte, Das dich dem Tod entriß, und ihrem Volk entsagte, Mit dir das Meer durchstrich, und, bei der Glieder Reiz, Das beste Herz besaß, verhandelst du aus Geiz? Sei stolz! Kein Bösewicht bringt dich um deinen Namen. Nie wird es möglich sein, dein Laster nachzuahmen.

* Barbados ist eine von den caribischen Inseln, welche den Engländern zugehöret. Es wird ein großer Sklavenhandel daselbst getrieben.

Lisette

Ein junges Weib, sie hieß Lisette, Dies Weibchen lag an Blattern blind. Nun weiß man wohl, wie junge Weiber sind; Drum durft ihr Mann nicht von dem Bette, So gern er sie verlassen hätte: Denn laßt ein Weib schön wie Cytheren sein, Wenn sie die Blattern hat: so nimmt sie nicht mehr ein. Hier sitzt der gute Mann, zu seiner größten Pein, Und muß des kranken Weibes pflegen, Ihr Küssen oft zurechtelegen, Und oft durch ein Gebet um ihre Beßrung flehn; Und gleichwohl war sie nicht mehr schön. Ich hätt ihn mögen beten sehn. Der arme Mann! Ich weiß ihm nicht zu raten. Vielleicht besinnt er sich, und tut, was andre taten.

Ein krankes Weib braucht eine Wärterin; Und Lorchen ward dazu erlesen, Weil ihr Lisettens Eigensinn Vor andern längst bekannt gewesen. Sie trat ihr Amt dienstfertig an, Und wußte sich in allen Stücken Gut in, die kranke Frau zu schicken, Und auch in den gesunden Mann. Sie war besorgt, gefällig, jung und schön, Und also ganz geschickt, mit beiden umzugehn.

Was tut man nicht, um sich von Gram und Pein, Von Langerweile zu befrein? Der Mann sieht Lorchen an, und redt mit ihr durch Blicke, Weil er nicht anders reden darf; Und jeder Blick, den er auf Lorchen warf, Kam, wo nicht ganz, doch halb erhört zurücke. Ach, arme kranke Frau! Es ist dein großes Glücke, Daß du nicht sehen kannst, dein Mann tut recht galant; Dein Mann, ich wollte viel drauf wetten, Hat Lorchen schon vorher gekannt, Und sie mit Fleiß zur Wärterin ernannt. Ja, wenn sie bloß durch Blicke redten: So möcht es endlich wohl noch gehn; Allein bald wird man sie einander küssen sehn. Er kömmt, und klopft sie in den Nacken, Und kneipt sie in die vollen Backen; Sie wehrt sich ganz bequem, bequem wie eine Braut, Und findet bald für gut, sich weiter nicht zu wehren. Sie küssen sich recht zärtlich und vertraut; Allein sie küßten gar zu laut. Wie konnt es anders sein? Lisette mußt es hören. Sie hörts, und fragt: "Was schallt so hell?" "Madam, Madam!" ruft Lorchen schnell, "Es ist Ihr Herr, er ächzt vor großem Schmerz, Und will sich nicht zufriedengeben." "Ach", spricht sie, "lieber Mann, wie redlich meints dein Herz! O gräme dich doch nicht! Ich bin ja noch am Leben."

Monime

Durch schöner Glieder Reiz, durch Schönheit des Verstands Erwarb Monime sich den Beifall Griechenlands; So manches Buhlers Herz besiegten ihre Blicke; Mit Wollust sah er sie, beschämt wich er zurücke, Denn war Monime schön: so war ihr Herz zugleich An Unschuld, wie ihr Blick an Geist und Feuer, reich. Die Tugend, die dem Wunsch erhitzter Buhler wehrte, Trieb selbst den Buhler an, daß er sie mehr verehrte. Arm war sie von Geburt, und zart von Leidenschaft, Mit Schmeichlern stets umringt; und blieb doch tugendhaft? Doch bringt Geschenke her! Der Diamanten Flehen, Des Golds Beredsamkeit wird sie nicht widerstehen. Ein Prinz aus Pontus ists, der großer Mithridat, Der mit entbrannter Brust sich zu Monimen naht; Ein König seufzt und fleht. Zu schmeichelnde Gedanken! Wird nicht bei diesem Glück Monimens Tugend wanken?

"Prinz", fing sie herzhaft an, "du scheinst durch mich gerührt, Und rühmst den kleinen Reiz, der meine Bildung ziert; Ich danke der Natur für diesen Schmuck der Jugend; Die Schönheit gab sie mir, und ich gab mir die Tugend. Nicht jene macht mich stolz, nein, diese macht mich kühn; Sei tausendmal ein Prinz: umsonst ist dein Bemühn! Ich mehre nie die Zahl erkaufter Buhlerinnen, Nur als Gemahl wirst du Monimens Herz gewinnen."

So unbeweglich blieb ihr tugendhafter Sinn. Der Prinz, des Prinzen Flehn, der prächtigste Gewinn, Des Hofes Kunst und List, nichts konnte sie bezwingen. Der Prinz muß für ihr Herz ihr selbst die Krone bringen.

O welch ein seltnes Glück, von niederm Blut entstehn, Und aus dem Staube sich bis zu dem Thron erhöhn! Wie lange, großes Glück! wirst du ihr Herz vergnügen? Wie lange?

Mithridat hofft Rom noch zu besiegen; Verläßt Monimens Arm, um in den Krieg zu ziehn. Doch der, der siegen will, fängt an, besiegt zu fliehn; Rom setzt ihm siegreich nach, sein Land wird eingenommen. Doch soll das stolze Rom Monimen nicht bekommen, Eh dies der Prinz erlaubt, befielt er ihren Tod. Ein Sklav eröffnet ihr, was Mithridat gebot.

"So", ruft sie, "raubt mir auch die Hoheit noch das Leben? Die für entrißne Ruh mir einen Thron gegeben, Auf dem ich ungeliebt, durch Reue mich gequält, Daß ich den Niedrigsten mir nicht zum Mann erwählt?" Sie reißt den Hauptschmuck ab, um stolz sich umzubringen, Und eilt, ihr Diadem sich um den Hals zu schlingen; Allein das schwache Band erfüllt ihr Wünschen nicht, Es reißt, und weigert sich der so betrübten Pflicht. "O", ruft sie, "Schmuck! den ich zu meiner Pein getragen, Sogar den schlimmsten Dienst will du mir noch versagen?" Sie wirft ihn vor sich hin, tritt voller Wut darauf, Und gibt durch einen Dolch alsbald ihr Leben auf.

Philinde

Philinde blieb oft vor dem Spiegel stehn; Denn alles kann man fast den Schönen, Nur nicht den Trieb, sich selber gern zu sehn, Und zu bewundern, abgewöhnen. Dies ist der Ton, aus dem die Männer schmähn; Doch, Mädchen, bleibet nur vor euren Spiegeln stehn. Ich laß es herzlich gern geschehn. Was wolltet ihr auch sonst wohl machen? Beständig tändeln, ewig lachen? Und stets nach den Verehrern sehn? Dies wäre ja nicht auszustehn. Genug, das schöne Kind, von der ich erst erzählte, Bespiegelte sich oft, und musterte das Haar, Und besserte, wo nicht das mindste fehlte. Ihr Bruder, der ein Autor war, Sah sie am Spiegel stehn und schmälte. "Habt Ihr Euch noch nicht satt gesehn? Ich geh es zu, Ihr seid sehr schön; Doch sein Gesicht die ganze Zeit besehn, Verrät ein gar zu eitles Wesen." "Herr Autor", sprach sie, "der Ihr seid, Hebt mit mir auf; denn sich gern selber lesen, Und gern im Spiegel sehn, ist beides Eitelkeit."

Selinde

Das schönste Kind zu ihren Zeiten, Selinde, reich an Lieblichkeiten, Schön, wenn ich also sagen mag, Schön, wie das Morgenrot, und heiter, wie der Tag; Selinde soll sich malen lassen. Sie weigert sich; der Maler ließ nicht nach; Er bat, bis sie es ihm versprach, Und schwur, sie recht getreu zu fassen. Sie fragt, wieviel man ihm bezahlt? Ich hätte sie umsonst gemalt, Und hätt ich ja was fordern sollen: So hätt ich Küsse fordern wollen. So schön Selinde wirklich war, So schön, und schöner nicht, stellt sie der Maler dar; Die kleinste Miene muß ihm glücken, Das Bild war treu, und schön bis zum Entzücken; So reizend, daß es selbst der Maler hurtig küßt, Sobald sein Weib nicht um ihn ist.

Der Maler bringt sein göttliches Gesicht. Selinde sieht es an, erschrickt, und legt es nieder. "Hier nehm er sein Gemälde wieder, Er irrt, mein Freund, das bin ich nicht. Wer hieß ihn so viel Schmeicheleien, Uns so viel Reiz auf meine Bildung streuen? Erdichtet ist der Mund, verschönert ist das Kinn. Kurz, nehm er nur sein Bildnis hin; Ich mag nicht schöner sein, als ich in Wahrheit bin. Vielleicht wollt er die Venus malen: Von dieser laß er sich bezahlen."

So ist sie denn allein das Kind, Das schön ist, ohn es sein zu wollen? Wie viele kenn ich nicht, die wirklich häßlich sind, Und die wir mit Gewalt für englisch halten sollen.

Der Maler nimmt sein Bild, und sagt kein einzig Wort, Geht trotzig, wie ein Künstler, fort. Was wird er tun? Er wird es doch nicht wagen, Und so ein schönes Kind verklagen?

Er klagt. Selinde muß sich stellen. Die Väter werden doch ein gütig Urteil fällen! O fahrt sie nicht gebietrisch an; So sehr sie unrecht hat, so edel ist ihr Wahn.

Hier kömmt sie schon, hier kömmt Selinde! Wer hat mehr Anmut noch gesehen? Der ganze Rat erstaunt vor diesem schönen Kinde, Und sein Erstaunen preist sie schön. Und jeder Greis in dem Gerichte Verliert die Runzeln vom Gesichte; Man sah aufs Bild; doch jedesmal Noch längre Zeit auf das Original; Und jeder rief: "Sie ist getroffen!" "O", sprach sie ganz beschämt, "wie könnt ich dieses hoffen! Er hat mich viel zu schön gemalt, Und Schmeichler werden nicht bezahlt."

"Selinde", hub der Richter an, "Kein Maler konnt Euch treuer malen. Er hat nach seiner Pflicht getan, Abbittend sollt Ihr ihn bezahlen; Doch weil Ihr von Euch selbst nicht eingenommen seid: So geht nicht unbelohnt von diesem Richterplatze; Empfangt ein Heiratsgut aus dem gemeinen Schatze, Zum Lohne der Bescheidenheit."

O weiser Mann, der dieses spricht! Gerechter ist kein Spruch zu finden. Du, du verdienst ein ewig Lobgedicht, Und wärst du jung, verdientest du Selinden. Selinde geht. Der Beifall folgt ihr nach; Man sprach von ihr gewiß, wenn man von Schönen sprach; Je mehr sie zweifelte, ob sie so reizend wäre, Um desto mehr erhielt sie Ehre.

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Je minder sich der Kluge selbst gefällt: Um desto mehr schätzt ihn die Welt.

Semnon und das Orakel

Sein künftig Schicksal zu erfahren, Eilt Semnon voll Begier zum delphischen Altar. Die Gottheit weigert sich, ihm das zu offenbaren, Was über ihn verhänget war. Sie spricht: "Du wirst ein großes Glück genießen; Doch wirds dein Unglück sein, sobald du es wirst wissen." Ist Semnons Neugier nun vergnügt? Nichts weniger! Nur mehr wächst sein Verlangen. "O Gottheit", fährt er fort, "wenn Bitten dich besiegt: So laß mich größres Licht von meinem Glück empfangen!" So traut der Mensch, und traut zugleich auch nicht. Ein Semnon glaubt sein Glück, nicht, weils die Gottheit saget, Nein, weil ers schon gewünscht, eh er sie noch gefraget. Doch glaubt er auch, wenn sie vom Unglück spricht? O nein! Denn dieses wünscht er nicht. Durch Klugheit denkt er schon das Unglück abzuwehren. Kurz, Semnon läßt nicht nach, er will sein Schicksal hören.

"Du wirst", hub das Orakel an, "Durch deines Weibes Gunst den Zepter künftig führen, Und Völker, die dich dienen sahn, Dereinst durch einen Wink regieren."

Gestärkt durch dieses Götterwort, Eilt, der als Pilgrim kam, als Prinz in Hoffnung fort; Mißt, ohne Land, im Geist schon seines Reiches Größen; Und läßt schon, ohne Volk, sein Heer das Schwert entblößen.

Allein so froh er war: so war ers nicht genug; Er weiß noch nicht, was er doch wissen wollte, Die Zeit, in der sein Fuß den Thron besteigen sollte; Die Ungewißheit wars, die ihn noch niederschlug. "Und", sprach er, "wenn ich auch nun bald den Thron bestiegen, Wie lange währt alsdann mein königlich Vergnügen?" Der kühne Zweifel treibt ihn an. Zum delphischen Apoll sich noch einmal zu nahn.