Fabeln und Erzählungen

Chapter 7

Chapter 73,975 wordsPublic domain

Des Mannes teurer Zeitvertreib, Sulpitia, ein junges schönes Weib, Ging munter zum Besuch, krank aber kam sie wieder, Und fiel halbtot aufs Ruhebette nieder. Sie röchelt. Wie? Vergißt ihr Blut den Lauf? Geschwind löst ihr die Schnürbrust auf! Geschwind! Doch läßt sich dies erzwingen? Sechs Hände waren zwar bereit; Doch eine Frau aus ihrem Staat zu bringen, Wieviel erfordert dies nicht Zeit! Der arme Mann schwimmt ganz in Tränen; Mit Recht bestürzt ihn diese Not. Zu früh ists, nach der Gattin Tod Im ersten Jahre sich zu sehnen. Er schickt nach einem Arzt. Ein junger Äskulap Erscheint sogleich in vollem Trab, Und setzt sich vor das Krankenbette, Vor dem er sich so eine Miene gab, Als ob er für den Tod ein sichres Mittel hätte. Er fragt den Puls, und da er ihn gefragt, Schlägt er im Geiste nach, was sein Rezeptbuch sagt, Und läßt, die Krankheit zu verdrängen, Sich eilends Dint und Feder bringen.

Er schreibt. Der Diener läuft. Indessen ruft der Mann Den so erfahrnen Arzt beiseite, Und fragt, was doch der Zufall wohl bedeute? Der Doktor sieht ihn lächelnd an: "Sie fragen mich, was es bedeuten kann? Das brauch ich Ihnen nicht zu sagen; Sie wissen schon, es zeigt viel Gutes an, Wenn sich die jungen Weiber klagen."

Den Mann erfreut ein solcher Unterricht. Die Nacht verstreicht, der Trank ist eingenommen; Allein der teure Trank hilft nicht. Drum muß der zweite Doktor kommen.

Er kömmt! Geduld! Nun werden wirs erfahren. Was ists? Was fehlt der schönen Frau? Der Doktor sieht es ganz genau, Daß sich die Blattern offenbaren.

Sulpitia! Erst sollst du schwanger sein? Nun sollst du gar die Blattern kriegen? Ihr Ärzte schweigt, und gebt ihr gar nichts ein, Denn einer muß sich doch betrügen. Nein, überlaßt sie der Natur, Und dem ihr so getreuen Bette; Gesetzt, daß sie die schlimmste Krankheit hätte: So ist sie nicht so schlimm, als eure Kur.

Geduld! Vielleicht genest sie heute. Der Mann kömmt nicht von ihrer Seite, Und eh die Stunde halb verfließt, Fragt er sie hundertmal, obs noch nicht besser ist? Ach ungestümer Mann, du nötigst sie zum Sprechen. Wie? Wird sie nicht das Reden schwächen? Sie spricht ja mit gebrochnem Ton, Und an der Sprache hörst du schon, Daß sich die Schmerzen stets vergrößern. Bald wird es sich mit deiner Gattin bessern! Der Tod, der Tod dringt schon herein, Sie von der Marter zu befrein.

Wer pocht? Es wird der Doktor sein; Doch nein, der Schneider kömmt, und bringt ein Kleid getragen. Sulpitia fängt an, die Augen aufzuschlagen. "Er kömmt", so stammelt sie. "Er kömmt zu rechter Zeit; Ist dies vielleicht mein Sterbekleid? Ja, wie Er sieht, so werd ich bald erblassen; Doch hätte mich der Himmel leben lassen: So hätt ich mir ein solches Kleid bestellt, Von solchem Stoff, als Er, Er wirds schon wissen, Für meine Freundin machen müssen; Es ist nichts Schöners auf der Welt. Als ich zuletzt Besuch gegeben: So trug sie dieses neue Kleid; Doch geh Er nur. O kurzes Leben! Es ist doch alles Eitelkeit!"

O fasse dich, betrübter Mann! Du hörst ja, daß dein Weib noch ziemlich reden kann. O laß die Hoffnung nicht verschwinden! Der Atem wird sich wieder finden.

Der Schneider geht, der Mann begleitet ihn, Sie reden heimlich vor der Türe. Der Schneider tut die größten Schwüre, Und eilt, die Sache zu vollziehn.

Noch vor dem Abend kömmt er wieder. Sulpitia liegt noch danieder, Und dankt ihm seufzend für den Gruß. Allein wer sagt, was doch der Schneider bringen muß? Er hat es in ein Tuch geschlagen, Er wickelts aus. O welche Seltenheit! Dies ist der Stoff, dies ist das reiche Kleid. Allein was soll es ihr? Sie kann es ja nicht tragen.

"Ach Engel", spricht der Mann bei sanftem Händedrücken, "Mein ganz Vermögen gäb ich hin, Könnt ich dich nur gesund in diesem Schmuck erblicken!" "O", fängt sie an, "so krank ich bin: So kann ich Ihnen doch, mein Liebster, nichts versagen. Ich will mich aus dem Bette wagen; So können Sie noch heute sehn, Wie mir das neue Kleid wird stehn."

Man bringt den Schirm, und sie verläßt das Bette, So schwach, als ob sie schon ein Jahr gelegen hätte. Man putzt sie an, geputzt trinkt sie Kaffee. Kein Finger tut ihr weiter weh. Der Krankheit Grund war bloß ein Kleid gewesen, Und durch das Kleid muß sie genesen. So heilt des Schneiders kluge Hand Ein Übel, das kein Arzt gekannt.

Die Mißgeburt

"Frau Orgon!" rief die Frau Gevatterin, "Ach wüßten Sie, wo ich gewesen bin! Ich will es Ihnen wohl entdecken; Allein Sie müssen nicht erschrecken. Ich komme gleich von einer Wöchnerin. Lucinde, daß ichs kurz erzähle, Lucinde, die so stolze Seele, Die uns durch ihren Staat so oft beschämt gemacht Erschrecken Sie nur nicht, hat in vergangner Nacht Ein Kind (verzeih mirs Gott!) mit langen Hasenohren, Ein recht abscheulich Kind geboren. Die stolze Frau! Ich richte nicht; Allein ich weiß, daß nichts umsonst geschieht. Lucinde wünscht, daß es verschwiegen bliebe; Ich wünsch es selbst aus Menschenliebe; Allein die Stadt erfährts, gedenken Sie an mich. Indes behalten Sie die Heimlichkeit für sich." Frau Orgon eilt von ihr erschrocken zu Dorinden. Sie fragt nach ihrem Wohlbefinden, Und schmäht mit ihr die Weiber, die gern schmähn. Wie? Sollte sie Dorinden nichts erzählen? Nein, denn sie fängt schon an sich bestens zu empfehlen. Warum muß der Besuch so bald zu Ende gehn? Vielleicht, weil beide sich von nichts zu reden schämen. Deswegen? Nein, das glaub ich nicht. Wie sollten dies sich Weiber übelnehmen? Da mancher große Mann, gelehrt von Angesicht, Oft tagelang von nichts mit großen Männern spricht.

So ist Frau Orgon schon gegangen? Noch nicht. Nun aber geht sie fort. Doch seht, sie kehrt sich um: "Frau Schwester, noch ein Wort, Ein Wort! Es soll mich sehr verlangen, Ob Sie--? Lucinde--Wie? Sie hätten nichts gehört? Nichts, Gott vergib mir meine Sünde! Nichts von der Mißgeburt der kostbaren Lucinde, Mit welcher sie die Welt beschwert? Hier sieht man recht die göttlichen Gerichte. Ein Kind mit härichtem Gesichte, Das einem Hasen gleicht, und einem Pferdefuß, Bedenken Sie, wie das erschrecklich lassen muß! Allein Lucinde wills verhehlen; Drum sagen Sie nur weiter nichts davon. Das arme Kind! Es ist ein Sohn."

Dorinde sagts ihr zu. Und doch soll mirs nicht fehlen, Sie wird die Neuigkeit, sobald sie kann, erzählen, Weil jene sie, zu schweigen, bat. Sie tut es so getreu, als es Frau Orgon tat. Erst hat das Kind nur Hasenohren, Frau Orgon schenkt ihm drauf noch einen Pferdefuß; Allein Dorinden ists noch viel zu schön geboren. Und weil sie was verbessern muß, Tut sie dem Kinde den Gefallen Und macht ihm noch an beide Hände Krallen.

Eh noch der Nachmittag verstrich, Ließ das Geheimnis sich auf allen Gassen hören. Die alten Mütter kreuzten sich, Und suchten schon recht mütterlich Durch dieses Zorngericht die Töchter zu bekehren. Da war kein Mensch, der nicht mit einem Ach Von diesem Wechselbalge sprach. Die Knaben stritten selbst mit blutigem Gesichte Schon für die Wahrheit der Geschichte.

Sobald als dies der Magistrat erfuhr, Schickt er den Physikus nach dieser Kreatur. Er kam neugierig zu Lucinden; Allein anstatt den Wechselbalg zu finden, Fand er ein wohlgestaltes Kind, An dem die Ohren größer waren, Als sie bei andern Kindern sind. Das war die Mißgeburt, der man so mitgefahren!

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Der Dörfer und der Städte Plage, Verwünscht seist du, gemeine Sage! Die schnell mit dem, was sie zu wissen kriegt, Geheimnisvoll in alle Häuser fliegt, Und, wenn sies dreimal sagt, vom neuen dreimal lügt. Ein giftig Weib, was kann die nicht erzählen? Zumal, wenn es der armen Freundin gilt. Ein giftig Weib--Doch nein, ich mag nicht schmälen; Mich schreckt die Redekunst, mit der sie andre schilt.

Die Nachtigall und der Kuckuck

Die Nachtigall sang einst ihr göttliches Gedicht, Zu sehn, ob es die Menschen fühlten. Die Knaben, die im Tale spielten, Die spielten fort und hörten nicht. Indem ließ sich der Kuckuck lustig hören, Und er erhielt ein freudig Ach. Die Knaben lachten laut, und machten ihm zu Ehren Das schöne Kuckuck zehnmal nach. "Hörst du?" sprach er zu Philomelen, "Den Herren fall ich recht ins Ohr. Ich denk, es wird mir nicht viel fehlen, Sie ziehn mein Lied dem deinen vor." Drauf kam Damöt mit seiner Schöne. Der Kuckuck schrie sein Lied. Sie gingen stolz vorbei. Nun sang die Meisterin der zauberischen Töne Vor dem Damöt und seiner Schöne, In einer sanften Melodei. Sie fühlten die Gewalt der Lieder. Damöt steht still, und Phyllis setzt sich nieder, Und hört ihr ehrerbietig zu. Ihr zärtlich Blut fängt an zu wallen; Ihr Auge läßt vergnügte Zähren fallen. "O", rief die Nachtigall, "da, Schwätzer, lerne du, Was man erhält, wenn man den Klugen singt. Der Ausbruch einer stummen Zähre Bringt Nachtigallen weit mehr Ehre, Als dir der laute Beifall bringt."

Die Nachtigall und die Lerche

Die Nachtigall sang einst mit vieler Kunst; Ihr Lied erwarb der ganzen Gegend Gunst, Die Blätter in den Gipfeln schwiegen, Und fühlten ein geheim Vergnügen. Der Vögel Chor vergaß der Ruh, Und hörte Philomelen zu. Aurora selbst verzog am Horizonte, Weil sie die Sängerin nicht gnug bewundern konnte. Denn auch die Götter rührt der Schall Der angenehmen Nachtigall; Und ihr, der Göttin, ihr zu Ehren, Ließ Philomele sich noch zweimal schöner hören. Sie schweigt darauf. Die Lerche naht sich ihr, Und spricht: "Du singst viel reizender als wir; Dir wird mit Recht der Vorzug zugesprochen: Doch eins gefällt uns nicht an dir, Du singst das ganze Jahr nicht mehr als wenig Wochen." Doch Philomele lacht und spricht: "Dein bittrer Vorwurf kränkt mich nicht, Und wird mir ewig Ehre bringen. Ich singe kurze Zeit. Warum? Um schön zu singen. Ich folg im Singen der Natur; Solange sie gebeut, solange sing ich nur; Sobald sie nicht gebeut, so hör ich auf zu singen; Denn die Natur läßt sich nicht zwingen."

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O Dichter, denkt an Philomelen, Singt nicht, solang ihr singen wollt. Natur und Geist, die euch beseelen, Sind euch nur wenig Jahre hold. Soll euer Witz die Welt entzücken: So singt, solang ihr feurig seid, Und öffnet euch mit Meisterstücken Den Eingang in die Ewigkeit. Singt geistreich der Natur zu Ehren, Und scheint euch die nicht mehr geneigt: So eilt, um rühmlich aufzuhören, Eh ihr zu spät mit Schande schweigt. Wer, sprecht ihr, will den Dichter zwingen? Er bindet sich an keine Zeit. So fahrt denn fort, noch alt zu singen, Und singt euch um die Ewigkeit.

Die Reise

Einst machte durch sein ganzes Land Ein König den Befehl bekannt, Daß jeder, der ein Amt erhalten wollte, Gewisse Zeit auf Reisen gehen sollte, Um sich in Künsten umzusehn. Er ließ genaue Karten stehen, Und gab dazu noch jedem das Versprechen, Ihm, würd er nur, soweit er könnte, gehn, Mit dem Vermögen seiner Schätze Alsdann auf Reisen beizustehn. Es war das deutlichste Gesetze, Das jemals noch die Welt gesehn; Doch weil die meisten sich vor dieser Reise scheuten: So sah man viele Dunkelheit. Die Liebe zu sich selbst, und zur Bequemlichkeit, Half das Gesetz sehr sinnreich deuten; Und jeder gab ihm den Verstand, Den er bequem für seine Neigung fand; Doch alle waren eins, daß man gehorchen müßte. Man machte sich die Karten bald bekannt, Damit man doch der Länder Gegend wüßte. Sehr viele reisten nur im Geist, Und überredten sich, als hätten sie gereist. Noch andre schafften das Geräte Zu ihrer Reise fleißig an, Und glaubten, wenn man nur stets reisefertig täte: So hätte man die Reise schon getan. Sehr viele fingen an zu eilen, Als wollten sie die ganze Welt durchgehn; Sie reisten; aber wenig Meilen, Und meinten, dem Befehl sei nun genug geschehn. Noch andre suchten auf den Reisen Noch mehr Gehorsam zu beweisen, Als den, den das Gesetz befahl; Sie reisten nicht durch grüne Felder, O nein, sie suchten finstre Wälder, Und reisten unter Furcht und Qual; Behängten sich mit schweren Bürden, Und glaubten, wenn sie ausgezehrt, Und siech und krank zurückekommen würden: So wären sie des besten Amtes wert; Sie reisten nie auf Kosten des Regenten; Doch jene, die zur Zeit noch keinen Schritt getan, Die hielten Tag für Tag um Reisekosten an, Damit sie weiterkommen könnten.

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Wie elend, hör ich manchen klagen, Ist nicht dies Märchen ausgedacht! Schämt sich der Dichter nicht, uns Dinge vorzusagen, Die man kaum Kindern glaublich macht? Wo gibt es wohl so stumpfe Köpfe, Als uns der Dichter vorgestellt? Dies sind unsinnige Geschöpfe, Und nicht Bewohner unsrer Welt. O Freund! was zankst du mit dem Dichter? Sieh doch die meisten Christen an; Betrachte sie, und dann sei Richter, Ob dieses Bild unglaublich heißen kann?

Die schlauen Mädchen

Zwei Mädchen brachten ihre Tage Bei einer alten Base zu. Die Alte hielt zu ihrer Muhmen Plage Sehr wenig von der Morgenruh. Kaum krähte noch der Hahn bei frühem Tage: So rief sie schon: "Steht auf, ihr Mädchen, es ist spät, Der Hahn hat schon zweimal gekräht." Die Mädchen, die so gern noch mehr geschlafen hätten, Denn überhaupt sagt man, daß es kein Mädchen gibt, Die nicht den Schlaf und ihr Gesichte liebt, Die wunden sich in ihren weichen Betten, Und schwuren dem verdammten Hahn Den Tod, und taten ihm, da sie die Zeit ersahn, Den ärgsten Tod rachsüchtig an.

Ich habs gedacht, du guter Hahn! Erzürnter Schönen ihrer Rache Kann kein Geschöpf so leicht entfliehn. Und ihren Zorn sich zuzuziehn, Ist leider ein leichte Sache.

Der arme Hahn war also aus der Welt. Vergebens nur ward von der Alten Ein scharf Examen angestellt. Die Mädchen taten fremd, und schalten Auf den, der diesen Mord getan, Und weinten endlich mit der Alten Recht bitterlich um ihren Hahn.

Allein was halfs den schlauen Kindern? Der Tod des Hahns sollt ihre Plage mindern, Und er vermehrte sie noch mehr. Die Base, die sie sonst nicht eh im Schlafe störte, Als bis sie ihren Haushahn hörte, Wußt in der Nacht itzt nicht, um welche Zeit es wär; Allein weil es ihr Alter mit sich brachte, Daß sie um Mitternacht erwachte: So rief sie die auch schon um Mitternacht, Die, später aufzustehn, den Haushahn umgebracht.

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Wärst du so klug, die kleinen Plagen Des Lebens willig auszustehn: So würdest du dich nicht so oft genötigt sehn, Die größern Übel zu ertragen.

Die Spinne

Hochmütig über ihre Künste, Warf vom durchsichtigen Gespinste Die Spinne manchen finstern Blick Auf einen Seidenwurm zurück; So aufgebläht, wie ein Pedant, Der itzt, von seinem Wert erhitzet, In Werken seiner eignen Hand Bis an den Bart vergraben sitzet, Und auf den Schüler, der ihn grüßt, Den Blick mit halben Augen schießt. Der Seidenwurm, den erst vor wenig Tagen Der Herr zur Lust mit sich ins Haus getragen, Sieht dieser Spinne lange zu, Und fragt zuletzt: "Was webst denn du?" "Unwissender!" läßt sich die Spinn erbittert hören, "Du kannst mich noch durch solche Fragen stören? Ich webe für die Ewigkeit!"

Doch kaum erteilet sie den trotzigen Bescheid: So reißt die Magd, mit Borsten in den Händen, Von den noch nicht geputzten Wänden Die Spinne nebst der Ewigkeit.

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Die Kunst sei noch so groß, die dein Verstand besitzet, Sie bleibt doch lächerlich, wenn sie der Welt nicht nützet. Verdient, ruft ein Pedant, mein Fleiß denn keinen Dank? Nein! Denn er hilft nichts mehr, als andrer Müßiggang.

Die Verschwiegenheit

"O Doris, wärst du nur verschwiegen: So wollt ich dir etwas gestehn; Ein Glück, ein ungemein Vergnügen-- Doch nein, ich schweige", sprach Tiren. "Wie?" rief die schöne Schäferin, "Du zweifelst noch, ob ich verschwiegen bin? Du kannst mirs sicher offenbaren; Ich schwör, es solls kein Mensch erfahren." "Du kennst", versetzt Tiren, "die spröde Sylvia, Die schüchtern vor mir floh, sooft sie mich sonst sah. Ich komme gleich von dieser kleinen Spröden; Doch, ach, ich darf nicht weiterreden. Nein, Doris, nein, es geht nicht an; Es wär um ihre Gunst, und um mein Glück getan, Wenn Sylvia dereinst erführe, Daß--Dringe nicht in mich, ich halte meine Schwüre."

"So liebt sie dich?" fuhr Doris fort. "Jawohl! Doch sage ich kein Wort. Ich hab ihr Herz nun völlig eingenommen, Und itzt von ihr den ersten Kuß bekommen. ›Tiren‹, sprach sie zu mir, ›mein Herz sei ewig dein; Doch eines bitt ich dich, du mußt verschwiegen sein. Daß wir uns günstig sind, uns treu und zärtlich küssen, Braucht niemand auf der Flur als ich und du zu wissen.‹ Drum bitt ich, Doris, schweige ja, Sonst flieht und haßt mich Sylvia."

Die kleine Doris geht. Doch wird auch Doris schweigen? Ja, die Verschwiegenheit ist allen Schönen eigen. Gesetzt, daß Doris auch es dem Damöt vertraut; Was ist es denn nun mehr? Sie sagt es ja nicht laut.

Ihr Schäfer, ihr Damöt, kömmt ihr verliebt entgegen, Drückt ihre weiche Hand, und fragt, Was ihr sein Freund Tiren gesagt?

"Damöt, du weißt ja wohl, was wir zu reden pflegen, Du kennst den ehrlichen Tiren; Es war nichts Wichtiges, sonst würd ich dirs gestehn. Er sagte mir--Verlang es nicht zu wissen; Ich hab es ihm versprechen müssen, Daß ich zeitlebens schweigen will."

Damöt wird traurig, schweiget still, Umarmt sein Kind, doch nur mit halbem Feuer. Die Schäferin erschrickt, daß sie Damötens Kuß So unvollkommen schmecken muß. "Du zürnest", ruft sie, "mein Getreuer? O zürne nicht, ich will es dir gestehn: Die spröde Sylvia ergibt sich dem Tiren, Und hat ihm itzt in ihrem Leben Den allerersten Kuß gegeben; Allein du mußt verschwiegen sein."

Damöt versprichts. Kaum ist Damöt allein: So fühlt er schon die größte Pein, Sein neu Geheimnis zu bewahren. "Ja!" fängt Damöt zu singen an: "Ich will es keinem offenbaren, Daß Sylvia Tirenen liebt, Ihm Küsse nimmt, und Küsse gibt; Du, stummer Busch, nur sollsts erfahren, Wen Sylvia verstohlen liebt."

Doch ach! In diesem Busch war unsre Sylvia, Die sich durch dieses Lied beschämt verraten sah; Und eine Heimlichkeit so laut erfahren mußte, Die, ihrer Meinung nach, nur ihr Geliebter wußte. Sie läuft, und sucht den Schwätzer, den Tiren. Ach, Schäfer, ach, wie wird dirs gehn! "Mich", fängt sie an, "so zu betrügen! Dich, Plaudrer, sollt ich länger lieben?"

Und kurz: Tiren verliert die schöne Schäferin, Und kömmt, Damöten anzuklagen. "Ja", spricht Damöt, "ich muß es selber sagen, Daß ich nicht wenig strafbar bin; Allein wie kannst du mich den größten Schwätzer nennen? Du hast ja selbst nicht schweigen können!"

Die Widersprecherin

Lene hatte noch, bei vielen andern Gaben, Auch diese, daß sie widersprach. Man sagt es überhaupt den guten Weibern nach, Daß alle diese Tugend haben; Doch wenns auch tausendmal der ganze Weltkreis spricht: So halt ichs doch für ein Gedicht, Und sag es öffentlich, ich glaub es ewig nicht. Ich bin ja auch mit mancher Frau bekannt, Ich hab es oft versucht, und manche schön genannt, So häßlich sie auch war, bloß, weil ich haben wollte, Daß sie mir widersprechen sollte; Allein sie widersprach mir nicht. Und also ist es falsch, daß jede widerspricht. So kränkt man euch, ihr guten Schönen! Itzt komm ich wieder zu Ismenen. Ismenen sagte mans nicht aus Verleumdung nach, Es war gewiß, sie widersprach:

Einst saß sie mit dem Mann bei Tische, Sie äßen unter andern Fische, Mich deucht, es war ein grüner Hecht. "Mein Engel", sprach der Mann, "mein Engel, ist mir recht: So ist der Fisch nicht gar zu blau gesotten." "Das", rief sie, "habe ich wohl gedacht, So gut man auch die Anstalt macht: So finden Sie doch Grund, der armen Frau zu spotten. Ich sag es Ihnen kurz, der Hecht ist gar zu blau." "Gut", sprach er, "meine liebe Frau, Wir wollen nicht darüber streiten, Was hat die Sache zu bedeuten?"

So wie dem welschen Hahn, dem man was Rotes zeigt, Der Zorn den Augenblick in Nas und Lefzen steigt, Sie rot und blau durchströmt, lang auseinandertreibet, In beiden Augen blitzt, sich in den Flügeln streibet, In alle Federn dringt, und sie gen Himmel kehrt, Und zitternd, mit Geschrei und Poltern, aus ihm fährt: So schießt Ismenen auch, da dies ihr Liebster spricht, Das Blut den Augenblick in ihr sonst blaß Gesicht; Die Adern liefen auf, die Augen wurden enger, Die Lippen dick und blau, und Kinn und Nase länger, Ihr Haar bewegte sich, stieg voller Zorn empor, Und stieß, indem es stieg, das Nachtzeug von dem Ohr. Drauf fing sie zitternd an: "Ich, Mann! ich, deine Frau, Ich sag es noch einmal, der Hecht war gar zu blau." Sie nimmt das Glas und trinkt. O laßt sie doch nicht trinken!

Ihr Liebster geht, und sagt kein Wort, Kaum aber ist ihr Liebster fort: So sieht man sie in Ohnmacht sinken. Wie konnt es anders sein. Gleich auf den Zorn zu trinken! Ein plötzliches Geschrei bewegt das ganze Haus, Man bricht der Frau die Daumen aus; Man streicht sie kräftig an; kein Balsam will sie stärken. Man reibt ihr Schlaf und Puls; kein Leben ist zu merken. Man nimmt vermengtes Haar und hälts ihr vors Gesicht. Umsonst! Umsonst! Sie riecht es nicht; Nichts kann den Geist ihr wiedergeben. Man ruft den Mann, er kömmt, und schreit: "Du stirbst, mein Leben! Du stirbst? Ich armer Mann! Ach, meine liebe Frau, Wer hieß mich dir doch widerstreben! Ach, der verdammte Fisch! Gott weiß, er war nicht blau." Den Augenblick bekam sie wieder Leben. "Blau war er", rief sie aus, "willst du dich noch nicht geben?"

So tat der Geist des Widerspruchs Mehr Würkung, als die Kraft des heftigsten Geruchs.

Die zärtliche Frau

Wie alt ist nicht der Wahn, wie alt und ungerecht, Als ob dir, weibliches Geschlecht! Die Liebe nicht von Herzen ginge? Das Alter sang in diesem Ton, Von seinem Vater hörts der Sohn, Und glaubt die ungereimten Dinge. Verlaßt, o Männer, diesen Wahn, Und daß ihr ihn verlaßt, so hört ein Beispiel an, Das ich für alle Männer singe. Du aber, die mich dichten heißt, Du, Liebe, stärke mich, daß mir ein Lied voll Geist, Ein überzeugend Lied gelinge, Und gib mir, zu gesetzter Zeit, Ein Weib von so viel Zärtlichkeit, Als diese war, die ich besinge!

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Clarine liebt den treusten Mann, Den sie nicht besser wünschen kann, Sie liebt ihn recht von Herzensgrunde. Und wenn dir dies unglaublich scheint: So wisse nur, seit der beglückten Stunde, Die sie mit ihrem Mann vereint, War noch kein Jahr vorbei; nun glaubst dus doch, mein Freund? Clarine kannte keine Freude, Kein größer Glück, als ihren Mann; Sie liebte, was er liebgewann, Was eines wollte, wollten beide; Was ihm mißfiel, mißfiel auch ihr. O, sprichst du, so ein Weib, so eines wünscht ich mir! Jawohl! ich wünsch es auch mit dir. Sei nur recht zärtlich eingenommen; Ihr Mann wird krank; vielleicht kannst du sie noch bekommen. Krank, sag ich, wird ihr Mann, und recht gefährlich krank; Er quält sich viele Tage lang, Von ganzen Strömen Schweiß war sein Gesicht umflossen; Doch noch von Tränen mehr, die sie um, ihn vergossen. "Tod!" fängt sie ganz erbärmlich an, "Tod wenn ich dich erbitten kann, Nimm lieber mich, als meinen Mann." Wenns nun der Tod gehöret hätte? Jawohl! Er hört es auch; er hört Clarinens Not, Er kömmt, und fragt: "Wer rief?"--"Hier!" schreit sie, "lieber Tod, Hier liegt er, hier in diesem Bette!"

Elpin

Ein Großer in Athen, der kein Verdienst besaß, Als daß er vornehm trank und aß, Und sein Geschlecht zu rühmen nie vergaß, Verlangte doch den Ruhm zu haben, Als hätt er wirklich große Gaben. Denn mancher, der, wenn ihn nicht die Geburt erhöht, Da stünde, wo sein Christoph steht, Und kaum zum Diener tüchtig wäre, Hält desto mehr auf Ruhm und Ehre, Je dreister sich sein Herz, trotz seinem Stolz, erkühnt; Und ihm oft sagt, daß er sie nicht verdient. In eben dieser Stadt, in der der Große wohnte, War ein Poet, der die Verdienste pries, Die Tugend durch sein Lied belohnte, Und durch sein Lied unsterblich werden hieß; Den bat Elpin, ihn zu besingen. "Sie können", sprach der große Mann, "Durch meinen Namen sich zugleich in Ansehn bringen."

"Mein Herr,", rief der Poet, "es geht unmöglich an. Ich hab aus Eigensinn einst ein Gelübd getan, Nur das Verdienst und nie den Namen zu besingen."

Emil