Chapter 6
Daß oft die allerbesten Gaben Die wenigsten Bewundrer haben, Und daß der größte Teil der Welt Das Schlechte für das Gute hält; Dies Übel sieht man alle Tage; Allein wie wehrt man dieser Pest? Ich zweifle, daß sich diese Plage Aus unsrer Welt verdringen läßt. Ein einzig Mittel ist auf Erden; Allein es ist unendlich schwer. Die Narren müßten weise werden, Und seht, sie werdens nimmermehr. Nie kennen sie den Wert der Dinge. Ihr Auge schließt, nicht ihr Verstand; Sie loben ewig das Geringe, Weil sie das Gute nie gekannt.
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Zween Hunde dienten einem Herrn, Der eine von den beiden Tieren, Joli, verstund die Kunst, sich lustig aufzuführen, Und wer ihn sah, vertrug ihn gern. Er holte die verlornen Dinge, Und spielte voller Ungestüm. Man lobte seinen Scherz, belachte seine Sprünge; Seht, hieß es, alles lebt an ihm! Oft biß er mitten in dem Streicheln: So falsch und boshaft war sein Herz; Gleich fing er wieder an zu schmeicheln: Dann hieß sein Biß ein feiner Scherz. Er war verzagt und ungezogen; Doch ob er gleich zur Unzeit bellt und schrie: So blieb ihm doch das ganze Haus gewogen: Er hieß der lustige Joli. Mit ihm vergnügte sich Lisette, Er sprang mit ihr zu Tisch und Bette; Und beide teilten ihre Zeit In Schlaf, in Scherz und Lustbarkeit; Sie aber übertraf ihn weit. Fidel, der andre Hund, war von ganz anderm Wesen. Zum Witze nicht ersehn, zum Scherze nicht erlesen, Sehr ernsthaft von Natur; doch wachsam um das Haus, Ging öfters auf die Jagd mit aus; War treu und herzhaft in Gefahr, Und bellte nicht, als wenn es nötig war. Er stirbt. Man hört ihn kaum erwähnen, Man trägt ihn ungerühmt hinaus. Joli stirbt auch. Da fließen Tränen! Seht, ihn beklagt das ganze Haus. Die ganze Nachbarschaft bezeiget ihren Schmerz.
So gilt ein bißchen Witz mehr, als ein gutes Herz!
Die beiden Knaben
Ein jüngrer und ein ältrer Bube, Die der noch frühe Lenz aus der betrübten Stube Vom Buche zu dem Garten rief, Vielleicht, weil gleich ihr Informator schlief, Gerieten beid an eine Grube, In der der Schnee noch nicht zerlief. "Ach Bruder", sprach der kleine Bube, "Was meinst du, ist das Loch wohl tief? Ich hätte Lust"--"Was? Lust, hineinzuspringen? Du mußt doch ausgelassen sein. Versuch es nicht und spring hinein, Du könntest dich ums Leben bringen. Wir können uns ja sonst noch wohl erfreun, Als daß wir uns und unsern Kleidern schaden, Und kindisch Schnee und Eis durchwaden. Und kömmst du drauf zum Vater naß hinein: So hast dus da erst auszubaden." Doch keine Redekunst nahm unsern Knaben ein. "Wer wird im Schnee denn gleich ersaufen?" Und kurz und gut, er sprang hinein, Und ließ sichs wohl in seiner Grube sein; Doch kaum war er vor Kälte fortgelaufen: So sprang der Philosoph so gut wie er hinein.
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Dies ist die Kunst der strengen Moralisten. Bekannt mit dem System, und von Grundsätzen voll, Beweisen sie das, was man lassen soll, So froh, als ob sie nichts von den Begierden wüßten. Sie sind von besserm Ton als wir. Sie bändigen ihr Herz durch die Gewalt der Schlüsse. Uns Armen ist die Torheit süße; Doch ihnen ekelt nur dafür. Wir lassen sie, wenn wir sie unternehmen, Aus gutem Herzen andern sehn, Und denken nicht daran, daß wir uns so vergehn. Sie aber, die gelehrt sich aller Torheit schämen, Begehn die Tat, die sie uns übelnehmen, Aus Tugend eher nicht, als bis wir es nicht sehn.
Die beiden Mädchen
Zwo junge Mädchen hofften beide, Worauf? Gewiß auf einen Mann; Denn dies ist doch die größte Freude, Auf die ein Mädchen hoffen kann. Die jüngste Schwester, Philippine, War nicht unordentlich gebaut; Sie hatt ein rund Gesicht, und eine zarte Haut; Doch eine sehr gezwungne Miene. So fest geschnürt sie immer ging, So viel sie Schmuck ins Ohr, und vor den Busen hing, So schön sie auch ihr Haar zusammenrollte; So ward sie doch bei alledem, Je mehr man sah, daß sie gefallen wollte, Um desto minder angenehm. Die andre Schwester, Caroline, War im Gesichte nicht so zart; Doch frei und reizend in der Miene, Und liebreich mit gelaßner Art. Und wenn man auf den heitern Wangen Gleich kleine Sommerflecken fand: Ward ihrem Reiz doch nichts dadurch entwandt, Und selbst ihr Reiz schien solche zu verlangen. Sie putzte sich nicht mühsam aus, Sie prahlte nicht mit teuren Kostbarkeiten. Ein artig Band, ein frischer Strauß, Die über ihren Ort, den sie erlangt, sich freuten, Und eine nach dem Leib wohl abgemeßne Tracht War Carolinens ganze Pracht.
Ein Freier kam; man wies ihm Philippinen; Er sah sie an, erstaunt, und hieß sie schön; Allein sein Herz blieb frei, er wollte wieder gehn. Kaum aber sah er Carolinen: So blieb er vor Entzückung stehn.
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Im Bilde dieser Frauenzimmer Zeigt sich die Kunst und die Natur; Die erste prahlt mit weit gesuchtem Schimmer, Sie fesselt nicht; sie blendet nur. Die andre sucht durch Einfalt zu gefallen, Läßt sich bescheiden sehn; und so gefällt sie allen.
Die beiden Schwalben
Zwo Schwalben sangen um die Wette, Und sangen mit dem größten Fleiß; Doch wenn die eine schrie, daß sie den Vorzug hätte, Gab doch die andre sich den Preis. Die Lerche kömmt. Sie soll den Streit entscheiden; Und beide stimmen herzhaft an. "Nun", hieß es: "sprich, wer von uns beiden Am meisterlichsten singen kann?" "Das weiß ich nicht", sprach sie bescheiden, Und sah sie ganz mitleidig an, Und wollte sich nach ihrer Höhe schwingen. Doch nein, sie suchten ihr den Ausspruch abzuzwingen. "So", sprach sie, "will ichs denn gestehn: Die kann so gut wie jene singen; Doch singt, solang ihr wollt, es singt doch keine schön. Hört man das Lied geistreicher Nachtigallen: So kann uns eures nicht gefallen."
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Ihr mittelmäßigen Skribenten, O wenn wir euch doch friedsam machen könnten! Ihr zankt, wer besser denkt? Laßt keinen Streit entstehn. Wir wollen keinen von euch kränken; Der eine kann so gut wie jener denken; Doch keiner von euch denket schön. Ihr Schwätzer! Zankt nicht um die Gaben Der geistlichen Beredsamkeit. Solange wir Mosheime haben: So sehn wir ohne Schwierigkeit, Daß ihr beredte Kinder seid. Zankt nicht um eure hohen Gaben, Ihr Gründlichen! o bleibt in Ruh. Du demonstrierst wie er, und er so fein wie du; Allein solange wir Leibnize vor uns haben: So hört euch keine Seele zu. O zankt nicht um des Phöbus Gaben, Reimreiche Sänger unsrer Zeit! Ihr alle reimt mit gleicher Fertigkeit; Allein solange wir noch Hagedorne haben: So denkt man nicht daran, daß ihr zugegen seid.
Die beiden Wächter
Zween Wächter, die schon manche Nacht Die liebe Stadt getreu bewacht, Verfolgten sich, aus aller Macht, Auf allen Bier- und Branntweinbänken, Und ruhten nicht, mit pöbelhaften Ränken, Einander bis aufs Blut zu kränken; Denn keiner brannte von dem Span, Woran der andre sich den Tabak angezündet, Aus Haß den seinen jemals an. Kurz, jeden Schimpf, den nur die Rach erfindet, Den Feinde noch den Feinden angetan, Den taten sie einander an. Und jeder wollte bloß den andern überleben, Um noch im Sarg ihm einen Stoß zu geben. Man riet und wußte lange nicht, Warum sie solche Feinde waren; Doch endlich kam die Sache vor Gericht, Da mußte sichs denn offenbaren, Warum sie, seit so vielen Jahren, So heidnisch unversöhnlich waren. Was war der Grund? Der Brotneid? War ers nicht? Nein. Dieser sang: Verwahrt das Feuer und das Licht! Allein so sang der andre nicht. Er sang: Bewahrt das Feuer und das Licht! Aus dieser so verschiednen Art, An die sich beid im Singen zänkisch banden; Aus dem verwahrt und dem bewahrt War Spott, Verachtung, Haß, und Rach, und Wut entstanden.
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Die Wächter, hör ich viele schrein, Verfolgten sich um solche Kleinigkeiten? Das mußten große Narren sein. Ihr Herren! stellt die Reden ein, Ihr könntet sonst unglücklich sein. Wißt ihr denn nichts von so viel großen Leuten, Die in gelehrten Streitigkeiten Um Silben, die gleich viel bedeuten, Sich mit der größten Wut entzweiten?
Die Betschwester
Die frömmste Frau in unsrer Stadt, In Kleidern fromm, und fromm in Mienen, Die stets den Mund voll Andacht hat, Wird diese nicht ein Lied verdienen? Wie lehrreich ist ihr Lebenslauf! Kaum steht die fromme Frau von ihrem Lager auf; Kaum tönt der Klang vom achten Stundenschlage: So sucht sie das Gebet zu dem vorhandnen Tage. Und ob sie gleich den Schritt in sechzig schon getan: So ruft sie doch den Herrn noch heut um Keuschheit an. Und ob sie gleich noch nie sich satt gegessen: So fleht sie doch um Mäßigkeit im Essen. Und ob sie gleich auf alle Pfänder leiht: So seufzt sie doch um Trost bei ihrer Dürftigkeit.
Welch redlich Herz! Welch heiliges Vertrauen! Sie liest das Jahr hindurch die Bibel zweimal aus, Und reißt dadurch ihr ganzes Haus Auf ewig aus des Teufels Klauen.
Zwölf Lieder stimmt sie täglich an. Wer kömmt? Ists nicht ein armer Mann? Geh, Frecher! willst du sie vielleicht im Singen stören? Nein, wenn sie singt, kann sie nicht hören. Geh nur, und hungre, wie zuvor. Sie hebt ihr Herz zu Gott empor; Soll sie dies Herz vom Himmel lenken, Und itzt an einen Armen denken?
Sie singt, und trägt das Essen singend auf. Sie ißt, und schmält auf böser Zeiten Lauf; Allein wer klopft schon wieder an die Türe? Ein armes Weib, die keinen Bissen Brot-- "Geht, quält mich nicht mit Eurer Not, Wenn ich die Hand zum Munde führe. Nicht wahr, Ihr singt und betet nicht? Seid fromm, und denkt an Eure Pflicht: Der Herr vergißt die Seinen nicht. Wenn seht Ihr mich denn betteln gehen? Allein man muß zu Gott auch brünstig schrein und flehen."
Doch ist die liebe fromme Frau Nicht gar zu hart, nicht zu genau? Wohnt nicht in ihr mehr Kaltsinn als Erbarmen? Nein, nein! Sie dient und hilft den Armen; Sie bessert sie durch Vorwurf und Verweis, Und weist sie zu Gebet und Fleiß; Ist dieses nicht der Schrift Geheiß? Sie dient ja gern mit ihren Gütern, Allein nur redlichen Gemütern. Ist wohl ein frommes Weib in unsrer ganzen Stadt, Das, in der Not, bei ihr nicht Zuflucht hat? Sie mag ihr auch die kleinste Zeitung bringen: So eilt sie doch, dem Weibe beizuspringen.
Ach ja! Beatens Herz ist willig und bereit, Die Welt mag noch soviel an ihr zu tadeln finden. Nicht nur den Lebenden nützt ihre Mildigkeit; O nein! Sie weiß sich auch die Toten zu verbinden. Wenn wird ein Kind zur Gruft gebracht, Um dessen Sarg ihr Kranz sich nicht verdient gemacht? Wenn sprechen nicht die Leichengäste: Beatens Kranz war doch der beste! Welch schönes Kruzifix! Von wem wird dieses sein? Beate schickts und wills dem Leichnam weihn. Das fromme Weib! Erlebt sie mein Erblassen: So wird sie meinen Sarg gewiß versilbern lassen.
Sie kleidet Kanzel und Altar, Und wird sie künftigs neue Jahr, So sehr die andern sie beneiden, Zum dritten Male doch bekleiden. Man wirft ihr vor, sie solls aus Ehrsucht tun; Noch kann ihr mildes Herz nicht ruhn. Wer wars, der itzt in die Kollekte Mit langsam schlauer Hand ein volles Briefchen steckte? Beate wars, sie leiht dem Herrn, Und was sie gibt, das gibt sie gern. Was kann denn sie dafür, daß es die Leute sehen?
Beate! laß die Lästrer schmähen, Und laß sie aus Verleumdung sprechen, Du sollst die Allmacht nur bestechen, Daß für den Wucher, den du treibst, Du einstens ungestrafet bleibst. Laß dich von andern spöttisch richten, Als pflegtest du der Welt gern Laster anzudichten; Als wäre dies für dich die liebste Neuigkeit, Wenn andern Not und Unglück dräut; Als hättest du nichts als der Tugend Schein. Schweigt, Spötter, schweigt! Dies kann nicht sein; Denn betend steht sie auf, und singend schläft sie ein.
Die Biene und die Henne
"Nun Biene", sprach die träge Henne, "Dies muß ich in der Tat gestehn, So lange Zeit, als ich dich kenne: So seh ich dich auch müßiggehn. Du sinnst auf nichts, als dein Vergnügen; Im Garten auf die Blumen fliegen, Und ihren Blüten Saft entziehn, Mag eben nicht so sehr bemühn. Bleib immer auf der Nelke sitzen, Dann fliege zu dem Rosenstrauch, Wär ich wie du, ich tät es auch. Was brauchst du andern viel zu nützen? Genug, daß wir so manchen Morgen Mit Eiern unser Haus versorgen." "O!" rief die Biene, "spotte nicht! Du denkst, weil ich bei meiner Pflicht Nicht so, wie du bei einem Eie, Aus vollem Halse zehnmal schreie: So, denkst du, wär ich ohne Fleiß. Der Bienenstock sei mein Beweis, Wer Kunst und Arbeit besser kenne, Ich, oder eine träge Henne? Denn wenn wir auf den Blumen liegen: So sind wir nicht auf uns bedacht; Wir sammeln Saft, der Honig macht, Um fremde Zungen zu vergnügen. Macht unser Fleiß kein groß Geräusch, Und schreien wir bei warmen Tagen, Wenn wir den Saft in Zellen tragen, Uns nicht, wie du im Neste, heisch: So präge dir es itzund ein: Wir hassen allen stolzen Schein; Und wer uns kennen will, der muß in Rost und Kuchen Fleiß, Kunst und Ordnung untersuchen.
Auch hat uns die Natur beschenkt, Und einen Stachel eingesenkt, Damit wir die bestrafen sollen, Die, was sie selber nicht verstehn, Doch meistern, und verachten wollen: Drum, Henne! rat ich dir, zu gehn."
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O Spötter, der mit stolzer Miene, In sich verliebt, die Dichtkunst schilt; Dich unterrichtet dieses Bild. Die Dichtkunst ist die stille Biene; Und willst du selbst die Henne sein: So trifft die Fabel völlig ein. Du fragst, was nützt die Poesie? Sie lehrt und unterrichtet nie. Allein wie kannst du doch so fragen? Du siehst an dir, wozu sie nützt: Dem, der nicht viel Verstand besitzt, Die Wahrheit, durch ein Bild, zu sagen.
Die Ente
Die Ente schwamm auf einer Pfütze, Und sah am Rande Gänse gehn, Und konnt aus angebornem Witze Der Spötterei unmöglich widerstehn. Sie hob den Hals empor, und lachte dreimal laut, Und sah um sich, so wie ein Witzling um sich schaut, Der einen Einfall hat, und mit Geschrei und Lachen So glücklich ist, ihm Luft zu machen. Die Ente lachte noch, und eine Gans blieb stehn. "Was", sprach sie, "hast du uns zu sagen?" "Ach nichts! Ich hab euch zugesehn, Ihr könnt vortrefflich auswärts gehn. Wie lange tanzt ihr schon? Das wollt ich euch nur fragen." "Das", sprach die Gans, "will ich dir gerne sagen; Allein du mußt mit mir spazierengehn."
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Ihr Kleinen, die ihr stets so gern auf Größre schmähet, An ihnen tausend Fehler sehet, Die ihr an euch doch nie entdeckt; Glaubt, daß an euch der Sumpf, in dem ihr euch so blähet, Dieselben Fehler auch versteckt. Und sollen sie der Welt, wie euch, unsichtbar bleiben: So laßt euch nicht daraus vertreiben!
Die Fliege
Daß alle Tiere denken können, Dies scheint mir ausgemacht zu sein. Ein Mann, den auch die Kinder witzig nennen, Aesopus hats gesagt, Fontaine stimmt mit ein. Wer wird auch so mißgünstig sein, Und Tieren nicht dies kleine Glücke gönnen, Aus dem die Welt so wenig macht? Denk oder denke nicht, darauf gibt niemand acht.
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In einem Tempel voller Pracht, Aus dem die Kunst mit ewgem Stolze blickte, Dich schnell zum Beifall zwang, und gleich dafür entzückte, Und wenn sie dich durch Schmuck bestürzt gemacht, Mit edler Einfalt schon dich wieder zu dir brachte; In diesem Bau voll Ordnung und voll Pracht Saß eine finstre Flieg auf einem Stein und dachte. Denn daß die Fliegen stets aus finstern Augen sehn, Und oft den Kopf mit einem Beine halten, Und oft die flache Stirne falten, Kömmt bloß daher, weil sie soviel verstehn, Und auf den Grund der Sachen gehn. So saß auch hier die weise Fliege. Ein halbes Dutzend ernste Züge Verfinsterten ihr Angesicht. Sie denkt tiefsinnig nach und spricht: "Woher ist dies Gebäud entstanden? Ist außer ihm wohl jemand noch vorhanden, Der es gemacht? Ich sehs nicht ein. Wer sollte dieser Jemand sein?" "Die Kunst", sprach die bejahrte Spinne, "Hat diesen Tempel aufgebaut. Wohin auch nur dein blödes Auge schaut, Wird es Gesetz und Ordnung inne, Und dies beweist, daß ihn die Kunst gebaut." Hier lachte meine Fliege laut. "Die Kunst?" sprach sie ganz höhnisch zu der Spinne. "Was ist die Kunst? Ich sinn und sinne, Und sehe nichts, als ein Gedicht. Was ist sie denn? Durch wen ist sie vorhanden? Nein, dieses Märchen glaub ich nicht. Lern es von mir, wie dieser Bau entstanden: Es kamen einst von ungefähr Viel Steinchen einer Art hieher, Und fingen an, zusammen sich zu schicken. Daraus entstand der große hohle Stein, In welchem wir uns beid erblicken. Kann was begreiflicher als diese Meinung sein?"
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Der Fliege können wir ein solch System vergeben; Allein daß große Geister leben, Die einer ordnungsvollen Welt Ein Ungefähr zum Ursprung geben, Und lieber zufallsweise leben, Als einen Gott zum Thron erheben, Das kann man ihnen nicht vergeben, Wenn man sie nicht für Narren hält.
Die Frau und der Geist
Vordem, da noch um Mitternacht, Den armen Sterblichen zu dienen, Die Geister dann und wann erschienen, Ließ sich ein Geist, in einer weißen Tracht, Vor einer Frau im Bette sehen, Und hieß sie freundlich mit sich gehen, Und ging mit ihr auf einen wüsten Platz. "Frau", sprach der Geist, "hier liegt ein großer Schatz; Nimm gleich dein Halstuch ab, und wirf es auf den Platz, Und morgen, um die zwölfte Stunde, Komm her, dann findest du ein Licht, Dem grabe nach, doch rede nicht; Denn geht ein Wort aus deinem Munde: So wird der Schatz verschwunden sein!" Die Frau fand, zur gesetzten Stunde, Die Nacht darauf sich mit dem Grabscheit ein. Nun, die muß recht beherzt gewesen ein! Ich fände mich gewiß nicht ein, Und sollt ich zwanzig Schätze heben. Wer stünde mir denn für mein Leben? Die Nacht ist keines Menschen Freund. Und wenns der Geist recht ehrlich mit mir meint: So kann er mir den Schatz ja auf der Stube geben.
Die Frau verschlug das nichts. Sie eilt, den Schatz zu heben. Frau, spricht sie bei sich selbst, beileibe sprich kein Wort, Sonst rückt der Schatz auf ewig fort. Sie hält, was sie sich vorgenommen. Sie schweigt und gräbt getrost.--Ha, ha, nun klingt es hohl, Nun wird der rechte Fleck bald kommen. Hier liegt der Schatz, das dacht ich wohl. O seht, ein großer Topf von lauter Golde voll! O wenn sie doch dasmal nicht redte, Und zu dem schweren Topf gleich einen Träger hätte! Ist denn ihr Geist nicht etwan auf dem Platz? Er kömmt und hilft den Topf ihr aus der Erde nehmen. "Ach", rief sie schnell, "ich muß mich schämen, Sie zu bemühn"--Weg war der Schatz!
Die Geschichte von dem Hute Das erste Buch
Der erste, der mit kluger Hand, Der Männer Schmuck, den Hut, erfand, Trug seinen Hut unaufgeschlagen; Die Krempen hingen flach herab, Und dennoch wußt er ihn zu tragen, Daß ihm der Hut ein Ansehn gab. Er starb, und ließ bei seinem Sterben Den runden Hut dem nächsten Erben.
Der Erbe weiß den runden Hut Nicht recht gemächlich anzugreifen; Er sinnt, und wagt es kurz und gut, Er wagts, zwo Krempen aufzusteifen. Drauf läßt er sich dem Volke sehn; Das Volk bleibt vor Verwundrung stehn, Und schreit: Nun läßt der Hut erst schön!
Er starb, und ließ bei seinem Sterben Den aufgesteiften Hut dem Erben.
Der Erbe nimmt den Hut und schmält. Ich, spricht er, sehe wohl, was fehlt. Er setzt darauf mit weisem Mute Die dritte Krempe zu dem Hute. O, rief das Volk, der hat Verstand! Seht, was ein Sterblicher erfand! Er, er erhöht sein Vaterland.
Er starb, und ließ bei seinem Sterben Den dreifach spitzen Hut dem Erben.
Der Hut war freilich nicht mehr rein; Doch sagt, wie konnt es anders sein? Er ging schon durch die vierten Hände. Der Erbe färbt ihn schwarz, damit er was erfände. Beglückter Einfall! rief die Stadt, So weit sah keiner noch, als der gesehen hat. Ein weißer Hut ließ lächerlich. Schwarz, Brüder, schwarz! so schickt es sich.
Er starb, und ließ bei seinem Sterben Den schwarzen Hut dem nächsten Erben.
Der Erbe trägt ihn in sein Haus, Und sieht, er ist sehr abgetragen; Er sinnt, und sinnt das Kunststück aus, Ihn über einen Stock zu schlagen. Durch heiße Bürsten wird er rein; Er faßt ihn gar mit Schnüren ein. Nun geht er aus, und alle schreien: Was sehn wir? Sind es Zaubereien? Ein neuer Hut! O glücklich Land, Wo Wahn und Finsternis verschwinden! Mehr kann kein Sterblicher erfinden, Als dieser große Geist erfand.
Er starb, und ließ bei seinem Sterben Den umgewandten Hut dem Erben. Erfindung macht die Künstler groß, Und bei der Nachwelt unvergessen; Der Erbe reißt die Schnüre los, Umzieht den Hut mit goldnen Dressen, Verherrlicht ihn durch einen Knopf, Und drückt ihn seitwärts auf den Kopf. Ihn sieht das Volk, und taumelt vor Vergnügen. Nun ist die Kunst erst hoch gestiegen! Ihm, schrie es, ihm allein ist Witz und Geist verliehn! Nichts sind die andern gegen ihn!
Er starb, und ließ bei seinem Sterben Den eingefaßten Hut dem Erben. Und jedesmal ward die erfundne Tracht Im ganzen Lande nachgemacht.
Ende des ersten Buchs.
Was mit dem Hute sich noch ferner zugetragen, Will ich im zweiten Buche sagen. Der Erbe ließ ihm nie die vorige Gestalt. Das Außenwerk ward neu, er selbst, der Hut, blieb alt. Und, daß ichs kurz zusammenzieh, Es ging dem Hute fast, wie der Philosophie.
Die glückliche Ehe
Gedankt sei es dem Gott der Ehen! Was ich gewünscht, hab ich gesehen: Ich sah ein recht zufriednes Paar; Ein Paar, das ohne Gram und Reue, Bei gleicher Lieb und gleicher Treue, In kluger Ehe glücklich war. Ein Wille lenkte hier zwo Seelen. Was sie gewählt, pflegt er zu wählen, Was er verwarf, verwarf auch sie. Ein Fall, wo andre sich betrübten, Stört ihre Ruhe nie. Sie liebten, Und fühlten nicht des Lebens Müh.
Da ihn kein Eigensinn verführte, Und sie kein eitler Stolz regierte: So herrschte weder sie noch er, Sie herrschten; aber bloß mit Bitten. Sie stritten; aber wenn sie stritten, Kam bloß ihr Streit aus Eintracht her.
So wie wir, eh wir uns vermählen, Uns unsre Fehler klug verhehlen, Uns falsch aus Liebe hintergehn: So ließen sie auch in den Zeiten Der zärtlichsten Vertraulichkeiten Sich nie die kleinsten Fehler sehn.
Der letzte Tag in ihrem Bunde, Der letzte Kuß von ihrem Munde Nahm, wie der erste, sie noch ein. Sie starben. Wenn?--Wie kannst du fragen? Acht Tage nach den Hochzeitstagen; Sonst würden dies nur Fabeln sein.
Die Guttat
Wie rühmlich ists, von seinen Schätzen Ein Pfleger der Bedrängten sein! Und lieber minder sich ergetzen, Als arme Brüder nicht erfreun. Beaten fiel heut ein Vermögen. Von Tonnen Golds durch Erbschaft zu. "Nun", sprach sie, "hab ich einen Segen, Von dem ich Armen Gutes tu."
Sie sprachs. Gleich schlich zu seinem Glücke Ein siecher Alter vor ihr Haus, Und bat, gekrümmt auf seiner Krücke, Sich eine kleine Wohltat aus.
Sie ward durchdrungen von Erbarmen, Und fühlte recht des Armen Not. Sie weinte, ging und gab dem Armen Ein großes Stück verschimmelt Brot.
Die junge Ente
Die Henne führt der Jungen Schar, Worunter auch ein Entchen war, Das sie zugleich mit ausgebrütet. Der Zug soll in den Garten gehn; Die Alte gibts der Brut durch Locken zu verstehn; Und jedes folgt, sobald sie nur gebietet, Denn sie gebot mit Zärtlichkeit. Die Ente wackelt mit; allein nicht gar zu weit. Sie sieht den Teich, den sie noch nicht gesehen, Sie läuft hinein, sie badet sich. Wie, kleines Tier! Du schwimmst? Wer lehrt es dich? Wer hieß dich in das Wasser gehen? Wirst du so jung das Schwimmen schon verstehen?
Die Henne läuft mit strupfichtem Gefieder Das Ufer zehnmal auf und nieder, Und will ihr Kind aus der Gefahr befrein; Setzt zehnmal an, und fliegt doch nicht hinein; Denn die Natur heißt sie das Wasser scheun. Doch nichts erschreckt den Mut der Ente; Sie schwimmt beherzt in ihrem Elemente, Und fragt die Henne ganz erfreut, Warum sie denn so ängstlich schreit?
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Was dir Entsetzen bringt, bringt jenem oft Vergnügen; Der kann mit Lust zu Felde liegen, Und dich erschreckt der bloße Name, Held. Der schwimmt beherzt auf offnen Meeren; Du zitterst schon auf angebundnen Fähren, Und siehst den Untergang der Welt. Befürchte nichts vor dessen Leben, Der kühne Taten unternimmt. Wen die Natur zu der Gefahr bestimmt, Dem hat sie auch den Mut zu der Gefahr gegeben.
Die kranke Frau
Wer kennt die Zahl von so viel bösen Dingen, Die uns um die Gesundheit bringen! Doch nötig ists, daß man sie kennenlernt. Je mehr wir solcher Quellen wissen, Woraus Gefahr und Unheil fließen; Um desto leichter wird das Übel selbst entfernt
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