Chapter 5
An jenem Fluß, zu dem wir alle müssen, Es mag uns noch so sehr verdrüßen, An jenem Fluß kam einst ein hochgelehrter Mann, Bestäubt von seinen Büchern, an, Und eilte zu des Charons Kahn. "Willkommen!" fing der Fährmann an, Indem er sich aufs Ruder lehnte, Und bei dem Wort Willkommen herzlich gähnte, "Wer seid Ihr denn, mein lieber Mann?" "Ein Polyhistor", sprach der Schatten, "Für den die Schulen Ehrfurcht hatten--" Indem er noch vor Charons Kahn Von seinen Sprachen sprach, von nichts als Stümpern redte, Und von Quartanten schrie, die er geschrieben hätte, Kam noch ein andrer Schatten an, Mit einer demutsvollen Miene. "Und wer seid Ihr, auch ein gelehrter Mann?" "Ich zweifle sehr", sprach er, "ob ich den Ruhm verdiene. Ich habe nichts als mich studiert. Nichts als mein Herz, das mich so oft verführt, Des Tiefe sucht ich zu ergründen, Um meine Ruh und andrer Ruh zu finden; Allein soviel ich immer nachgedacht, Und so bekannt ich mich mit der Vernunft gemacht: So hab ichs doch nicht weit gebracht, Wie mich viel Fehler überzeugen."
Der Polyhistor hörts und lacht, Und eilt, um in den Kahn zuallererst zu steigen. "Zurück!" rief Charon ziemlich hart, "Ich muß zuerst den Klugen überfahren, Kaum einer kömmt in hundert Jahren; Allein an Leuten Eurer Art, Die stolze Polyhistor waren, Hab ich mich schon bald lahm gefahren."
Der Prozeß
Ja, Prozesse müssen sein! Gesetzt, sie wären nicht auf Erden, Wie könnt alsdann das Mein und Dein Bestimmet und entschieden werden? Das Streiten lehrt uns die Natur. Drum, Bruder, recht' und streite nur. Du siehst, man will dich übertäuben; Doch gib nicht nach, setz alles auf, Und laß dem Handel seinen Lauf; Denn Recht muß doch Recht bleiben. "Was sprecht Ihr, Nachbar? Dieser Rain, Der sollte, meint Ihr, Euer sein? Nein, er gehört zu meinen Hufen."
"Nicht doch, Gevatter, nicht, Ihr irrt; Ich will Euch zwanzig Zeugen rufen, Von denen jeder sagen wird, Daß lange vor der Schwedenzeit--"
"Gevatter, Ihr seid nicht gescheit! Versteht Ihr mich? Ich will Euchs lehren, Daß Rain und Gras mir zugehören. Ich will nicht eher sanfte ruhn; Das Recht, das soll den Ausspruch tun."
So saget Kunz, schlägt in die Hand, Und rückt den spitzen Hut die Quere. "Ja, eh ich diesen Rain entbehre, So meid ich lieber Gut und Land." Der Zorn bringt ihn zu schnellen Schritten, Er eilet nach der nahen Stadt. Allein, Herr Glimpf, sein Advokat, War kurz zuvor ins Amt geritten. Er läuft, und holt Herrn Glimpfen ein. Wie, sprecht ihr, kann das möglich sein? Kunz war zu Fuß, und Glimpf zu Pferde. So glaubt ihr, daß ich lügen werde? Ich bitt euch, stellt das Reden ein, Sonst werd ich, diesen Schimpf zu rächen, Gleich selber mit Herrn Glimpfen sprechen.
Ich sag es noch einmal, Kunz holt Herr Glimpfen ein, Greift in den Zaum, und grüßt Herr Glimpfen. "Herr!" fängt er ganz erbittert an, "Mein Nachbar, der infame Mann, Der Schelm, ich will ihn zwar nicht schimpfen; Der, denkt nur, spricht, der schmale Rain, Der zwischen unsern Feldern lieget, Der, spricht der Narr, der wäre sein. Allein den will ich sehn, der mich darum betrüget. Herr", fuhr er fort, "Herr, meine beste Kuh, Sechs Scheffel Haber noch dazu! (Hier wieherte das Pferd vor Freuden.) O dient mir wider ihn, und helft die Sach entscheiden."
"Kein Mensch", versetzt Herr Glimpf, "dient freudiger als ich. Der Nachbar hat nichts einzuwenden, Ihr habt das größte Recht in Händen; Aus Euren Reden zeigt es sich. Genug, verklagt den Ungestümen! Ich will mich zwar nicht selber rühmen, Dies tut kein ehrlicher Jurist; Doch dieses könnt Ihr leicht erfahren, Ob ein Prozeß, seit zwanzig Jahren, Von mir verloren worden ist? Ich will Euch Eure Sache führen, Ein Wort, ein Mann! Ihr sollt sie nicht verlieren." Glimpf reutet fort. "Herr", ruft ihm Kunz noch nach, "Ich halte, was ich Euch versprach."
Wie hitzig wird der Streit getrieben! Manch Ries Papier wird vollgeschrieben. Das halbe Dorf muß in das Amt; Man eilt, die Zeugen abzuhören, Und fünfundzwanzig müssen schwören, Und diese schwören insgesamt, Daß, wie die alte Nachricht lehrte, Der Rain ihm gar nicht zugehörte. Ei, Kunz, das Ding geht ziemlich schlecht! Ich weiß zwar wenig von dem Rechte; Doch im Vertraun geredt, ich dächte, Du hättest nicht das größte Recht.
Manch widrig Urteil kömmt; doch laßt es widrig klingen! Glimpf muntert den Klienten auf: "Laßt dem Prozesse seinen Lauf, Ich schwör Euch, endlich durchzudringen, Doch-- "Herr, ich hör es schon; ich will das Geld gleich bringen."
Kunz borgt manch Kapital. Fünf Jahre währt der Streit; Allein, warum so lange Zeit? Dies, Leser, kann ich dir nicht sagen, Du mußt die Rechtsgelehrten fragen.
Ein letztes Urteil kömmt. O seht doch, Kunz gewinnt! Er hat zwar viel dabei gelitten; Allein was tuts, daß Haus und Hof verstritten, Und Haus und Hof schon angeschlagen sind? Genug, daß er den Rain gewinnt. "O", ruft er, "lernt von mir, den Streit aufs höchste treiben, Ihr seht ja, Recht muß doch Recht bleiben!"
Der Reisende
Ein Wandrer bat den Gott der Götter, Den Zeus, bei ungestümem Wetter, Um stille Luft und Sonnenschein. Umsonst! Zeus läßt sich nicht bewegen; Der Himmel stürmt mit Wind und Regen, Denn stürmisch sollt es heute sein. Der Wandrer setzt mit bittrer Klage, Daß Zeus mit Fleiß die Menschen plage, Die saure Reise mühsam fort. Sooft ein neuer Sturmwind wütet, Und schnell ihm stillzustehn gebietet: Sooft ertönt ein Lästerwort.
Ein naher Wald soll ihn beschirmen; Er eilt, dem Regen und den Stürmen In diesem Holze zu entgehn; Doch eh der Wald ihn aufgenommen: So sieht er einen Räuber kommen, Und bleibt vor Furcht im Regen stehn.
Der Räuber greift nach seinem Bogen, Den schon die Nässe schlaff gezogen; Er zielt, und faßt den Pilger wohl; Doch Wind und Regen sind zuwider; Der Pfeil fällt matt vor dem danieder, Dem er das Herz durchbohren soll.
"O Tor!" läßt Zeus sich zornig hören, "Wird dich der nahe Pfeil nun lehren, Ob ich dem Sturm zu viel erlaubt? Hätt ich dir Sonnenschein gegeben, So hätte dir der Pfeil das Leben, Das dir der Sturm erhielt, geraubt."
Der Schatz
Ein kranker Vater rief den Sohn. "Sohn!" sprach er, "um dich zu versorgen, Hab ich vor langer Zeit einst einen Schatz verborgen; Er liegt--" Hier starb der Vater schon. Wer war bestürzter als der Sohn? "Ein Schatz! (So waren seine Worte.) Ein Schatz! Allein an welchem Orte? Wo find ich ihn?" Er schickt nach Leuten aus, Die Schätze sollen graben können, Durchbricht der Scheuern harte Tennen, Durchgräbt den Garten und das Haus, Und gräbt doch keinen Schatz heraus. Nach viel vergeblichem Bemühen Heißt er die Fremden wieder ziehen, Sucht selber in dem Hause nach, Durchsucht des Vaters Schlafgemach, Und findt mit leichter Müh (wie groß war sein Vergnügen!) Ihn unter einer Diele liegen.
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Vielleicht, daß mancher eh die Wahrheit finden sollte, Wenn er mit mindrer Müh die Wahrheit suchen wollte. Und mancher hätte sie wohl zeitiger entdeckt, Wofern er nicht geglaubt, sie wäre tief versteckt. Verborgen ist sie wohl; allein nicht so verborgen, Daß du der finstern Schriften Wust, Um sie zu sehn, mit tausend Sorgen, Bis auf den Grund durchwühlen mußt. Verlaß dich nicht auf fremde Müh, Such selbst, such aufmerksam, such oft: du findest sie. Die Wahrheit, lieber Freund, die alle nötig haben, Die uns, als Menschen, glücklich macht, Ward von der weisen Hand, die sie uns zugedacht, Nur leicht verdeckt; nicht tief vergraben.
Der Selbstmord
O Jüngling, lern aus der Geschichte, Die dich vielleicht zu Tränen zwingt, Was für bejammernswerte Früchte Die Liebe zu den Schönen bringt! Ein Beispiel wohlgezogner Jugend, Des alten Vaters Trost und Stab, Ein Jüngling, der durch frühe Tugend Zur größten Hoffnung Anlaß gab;
Den zwang die Macht der schönen Triebe, Climenen zärtlich nachzugehn. Er seufzt, er bat um Gegenliebe; Allein vergebens war sein Flehn.
Fußfällig klagt er ihr sein Leiden. Umsonst! Climene heißt ihn fliehn. Ja, schreit er, ja, ich will dich meiden, Ich will mich ewig dir entziehn.
Er reißt den Degen aus der Scheide, Und--o was kann verwegner sein! Kurz, er besieht die Spitz und Schneide, Und steckt ihn langsam wieder ein.
Der sterbende Vater
Ein Vater hinterließ zween Erben, Christophen, der war klug, und Görgen, der war dumm. Sein Ende kam, und kurz vor seinem Sterben Sah er sich ganz betrübt nach seinem Christoph um. "Sohn", fing er an, "mich quält ein trauriger Gedanke: Du hast Verstand, wie wird dirs künftig gehn? Hör an, ich hab in meinem Schranke Ein Kästchen mit Juwelen stehn, Die sollen dein. Nimm sie, mein Sohn, Und gib dem Bruder nichts davon." Der Sohn erschrak und stutzte lange. "Ach Vater", hub er an, "wenn ich so viel empfange, Wie kömmt alsdann mein Bruder fort?" "Er?" fiel der Vater ihm ins Wort, "Für Görgen ist mir gar nicht bange, Der kömmt gewiß durch seine Dummheit fort."
Der süße Traum
Mit Träumen, die uns schön betrügen, Erfreut den Timon einst die Nacht; Im Schlaf erlebt er das Vergnügen, An das er wachend kaum gedacht. Er sieht, aus seines Bettes Mitte Steigt schnell ein großer Schatz herauf. Und schnell baut er aus seiner Hütte Im Schlafe schon ein Lustschloß auf. Sein Vorsaal wimmelt von Klienten, Und, unbekleidet am Kamin, Läßt er, die ihn vordem kaum nennten, In Ehrfurcht itzt auf sich verziehn. Die Schöne, die ihn oft im Wachen Durch ihre Sprödigkeit betrübt, Muß Timons Glück vollkommen machen; Denn träumend sieht er sich geliebt. Er sieht von Doris sich umfangen, Und ruft, als dies ihm träumt, vergnügt; Er lallt: "O Doris, mein Verlangen! Hat Timon endlich dich besiegt?" Sein Schlafgeselle hört ihn lallen; Er hört, daß ihn ein Traum verführt, Und tut ihm liebreich den Gefallen, Und macht, daß sich sein Traum verliert. "Freund", ruft er, "laß dich nicht betrügen, Es ist ein Traum, ermuntre dich!" "O böser Freund, um welch Vergnügen", Klagt Timon ängstlich, "bringst du mich! Du machest, daß mein Traum verschwindet; Warum entziehst du mir die Lust? Genug, ich hielt sie für gegründet, Weil ich den Irrtum nicht gewußt."
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Oft quält ihr uns, ihr Wahrheitsfreunde, Mit eurer Dienstbeflissenheit; Oft seid ihr unsrer Ruhe Feinde, Indem ihr unsre Lehrer seid. Wer heißt euch uns den Irrtum rauben, Den unser Herz mit Lust besitzt? Und der, so heftig wir ihn glauben, Uns dennoch minder schadt, als nützt? Der wird die halbe Welt bekriegen, Wer allen Wahn der Welt entzieht. Die meisten Arten von Vergnügen Entstehen, weil man dunkel sieht. Was denkt der Held bei seinen Schlachten? Er denkt, er sei der größte Held. Gönnt ihm die Lust, sich hochzuachten, Damit ihm nicht der Mut entfällt. Geht, fragt: Was denkt wohl Adelheide? Sie denkt, mein Mann liebt mich getreu. Sie irrt; doch gönnt ihr ihre Freude, Und laßt das arme Weib dabei. Was glaubt der Ehemann von Lisetten? Er glaubt, daß sie die Keuschheit ist. Er irrt; ich wollte selber wetten; Doch schweigt, wenn ihr es besser wißt. Was denkt der Philosoph im Schreiben? Mich liest der Hof, mich ehrt die Stadt! Er irrt; doch laßt ihn irrig bleiben, Damit er Lust zum Denken hat. Durchsucht der Menschen ganzes Leben: Was treibt zu großen Taten an? Was pflegt uns Ruh und Trost zu geben? Sehr oft ein Traum, ein süßer Wahn. Genug, daß wir dabei empfinden! Es sei auch tausendmal ein Schein! Sollt aller Irrtum ganz verschwinden: So wär es schlimm, ein Mensch zu sein.
Der Tanzbär
Ein Bär, der lange Zeit sein Brot ertanzen müssen, Entrann, und wählte sich den ersten Aufenthalt. Die Bären grüßten ihn mit brüderlichen Küssen, Und brummten freudig durch den Wald. Und wo ein Bär den andern sah: So hieß es: Petz ist wieder da! Der Bär erzählte drauf, was er in fremden Landen Für Abenteuer ausgestanden, Was er gesehn, gehört, getan! Und fing, da er vom Tanzen redte, Als ging er noch an seiner Kette, Auf polnisch schön zu tanzen an. Die Brüder, die ihn tanzen sahn, Bewunderten die Wendung seiner Glieder, Und gleich versuchten es die Brüder; Allein anstatt, wie er, zu gehn: So konnten sie kaum aufrecht stehn, Und mancher fiel die Länge lang danieder. Um desto mehr ließ sich der Tänzer sehn; Doch seine Kunst verdroß den ganzen Haufen. Fort, schrien alle, fort mit dir! Du Narr willst klüger sein, als wir? Man zwang den Petz, davonzulaufen.
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Sei nicht geschickt, man wird dich wenig hassen, Weil dir dann jeder ähnlich ist; Doch je geschickter du vor vielen andern bist; Je mehr nimm dich in acht, dich prahlend sehn zu lassen. Wahr ists, man wird auf kurze Zeit Von deinen Künsten rühmlich sprechen; Doch traue nicht, bald folgt der Neid, Und macht aus der Geschicklichkeit Ein unvergebliches Verbrechen.
Der Tartarfürst
Ein Tartarfürst, von dem man in Geschichten preist, Daß er, als Prinz, Europa durchgereist, Befahl, weil er sein Volk galanter machen wollte, Daß kein vornehmes Weib ihr Kind selbst stillen sollte. Die wilden Damen lachten nur; Sie nährten nach wie vor ihr Kind mit ihren Brüsten, Und glaubten; daß sie der Natur Und ihren Müttern folgen müßten. Der Chan fing an, sich zu entrüsten, Gab ein sehr scharf Mandat, und schwur, Daß jede Frau vom Stande sterben sollte, Die für ihr Kind nicht Ammen halten wollte. Und weil sie sich gezwungen sahn: So nahmen sie denn Ammen an. Allein sie konnten sich des Triebs nicht lang erwehren, Ihr eigen Blut an ihrer Brust zu nähren. Die meisten fingen an, dem Chan den Tod zu schwören. Einst, als der Tartarfürst sich ganz allein befand, Kam, mit dem Degen in der Hand, Ein vornehm Weib auf ihn gerannt, Und sprach, von edlem Grimm entbrannt: "Hör auf, mein Kind mir abzudrängen, Sonst bin ich hier, dich umzubringen! Ich säug es selbst, und säug es mir zur Lust, Deswegen hab ich diese Brust. In dieser Pflicht, mein Kind daran zu nehmen, Soll mich, o Fürst, kein Tier beschämen."
Der gute Tartarfürst erschrak, Und unterließ, um nicht sein Leben zu verlieren, Den europäischen Geschmack In seinen Horden einzuführen.
Der Tod der Fliege und der Mücke
Der Tod der Fliege heißt mich dichten; Der Tod der Mücke heischt mein Lied. Und kläglich will ich dir berichten, Wie jene starb, und die verschied. Sie setzte sich, die junge Fliege, Voll Mut auf einen Becher Wein; Entschloß sich, tat drei gute Züge, Und sank vor Lust ins Glas hinein.
Die Mücke sah die Freundin liegen. "Dies Grabmal", sprach sie, "will ich scheun. Am Lichte will ich mich vergnügen, Und nicht an einem Becher Wein."
Allein, verblendet von dem Scheine, Ging sie der Lust zu eifrig nach; Verbrannte sich die kleinen Beine, Und starb nach einem kurzen Ach.
Ihr, die ihr euren Trieb zu nähren, In dem Vergnügen selbst verdarbt, Ruht wohl, und laßt zu euren Ehren Mich sagen, daß ihr menschlich starbt.
Der unsterbliche Autor
Ein Autor schrieb sehr viele Bände, Und ward das Wunder seiner Zeit; Der Journalisten gütge Hände Verehrten ihm die Ewigkeit. Er sah, vor seinem sanften Ende, Fast alle Werke seiner Hände Das sechste Mal schon aufgelegt, Und sich, mit tiefgelehrtem Blicke, In einer spanischen Perücke Vor jedes Titelblatt geprägt. Er blieb vor Widersprechern sicher, Und schrieb bis an den Tag, da ihn der Tod entseelt; Und das Verzeichnis seiner Bücher, Die kleinen Schriften mitgezählt, Nahm an dem Lebenslauf allein Drei Bogen und drei Seiten ein. Man las nach dieses Mannes Tode Die Schriften mit Bedachtsamkeit; Und seht, das Wunder seiner Zeit Kam in zehn Jahren aus der Mode, Und seine göttliche Methode Hieß eine bange Trockenheit. Der Mann war bloß berühmt gewesen, Weil Stümper ihn gelobt, eh Kenner ihn gelesen.
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Berühmt zu werden, ist nicht schwer, Man darf nur viel für kleine Geister schreiben; Doch bei der Nachwelt groß zu bleiben, Dazu gehört noch etwas mehr, Als, seicht am Geist, in strenger Lehrart schreiben.
Der Wuchrer
Ein Wuchrer kam in kurzer Zeit Zu einem gräflichen Vermögen, Nicht durch Betrug und Ungerechtigkeit, Nein, er beschwur es oft, allein durch Gottes Segen. Und um sein dankbar Herz Gott an den Tag zu legen, Und auch vielleicht aus heiligem Vertraun, Gott zur Vergeltung zu bewegen, Ließ er ein Hospital für arme Fromme baun. Indem er nun den Bau zustande brachte, Und vor dem Hause stund, und heimlich überdachte, Wie sehr verdient er sich um Gott und Arme machte, Ging ein verschmitzter Freund vorbei. Der Geizhals, der gern haben wollte, Daß dieser Freund das Haus bewundern sollte, Fragt ihn mit freudigem Geschrei, Obs groß genug für Arme sei? "Warum nicht?" sprach der Freund. "Hier können viel Personen Recht sehr bequem beisammen sein; Doch sollen alle die hier wohnen, Die Ihr habt arm gemacht: so ist es viel zu klein."
Der wunderbare Traum
Aus einem alten Fabelbuche (Der Titelbogen fehlt daran, Sonst führt ichs meinen Lesern an), Aus dem ich mich Rats zu erholen suche, Wenn ich selbst nichts erfinden kann; Ans diesem alten deutschen Buche, Das mir schon manchen Dienst getan, Will ich mir einen Traum erwählen. Als ich einmal, so fängt mein Autor an, Nach seiner Weise zu erzählen, In einer Kirche saß, so fiel mir jähling ein: Wer mag von so viel tausend Seelen, Die diesen Ort zu ihrer Andacht wählen, Doch wohl die frömmste Seele sein? In den Gedanken schlief ich ein, Und sah im Traum vor mir des Tempels Schutzgeist stehen, "Du", sprach er, "wünschest dir, das frömmste Herz zu sehen?" Und rührte mein Gesicht mit seiner Rechten an. Mir kam, sobald er dies getan, Ein sanfter kalter Schauer an. Und plötzlich sah ich mich in heilgem Glanze stehen. "Fang an", sprach er, "die Kirche durchzugehen. Der, den dein Glanz so rührt, daß er dich dreimal küßt, Der hat das frömmste Herz, das hier zu finden ist."
Ich ging, um es recht bald zu wissen, In dem empfangnen Glanz hart vor der Sakristei Einmal, und noch einmal, vorbei, Weil mir es schien, als wolle man mich küssen. Ich wartete noch eine gute Frist, Und ward einmal; allein ganz kalt, geküßt.
Ich ging darauf in die Kapellen, In denen ich die frömmsten Mienen fand, Und alles schien sich aufzuhellen, Man lächelte, man tat galant Und küßte mir zur Not die Hand.
Drauf ließ ich mich auf einer höhern Bühne Gesichtern, voll von Ernst und tiefer Weisheit, sehn. Ich blieb ein feines Weilchen stehn. Sie sahn mich an, und machten eine Miene, Als ob sie sich an mir schon satt gesehn. Und ungeküßt mußt ich von dannen gehn.
Ich stellte mich nun vor die niedern Stände. Hier warfen mir viel weiße Hände, Da einen Kuß, dort einen zu. Ich ließ mein Auge lange fragen: Ach, gutes Herz! wo wohnest du? Allein man wollt es nicht, mich zu umarmen, wagen, Und ich ging ganz betrübt auf meinen Schutzgeist zu. Mein traurig Schicksal ihm zu klagen. Indem, daß ich noch durch die Halle schlich, Sah mich, in einem schlechten Kleide, Ein liebes Mädchen an, und seht, sie küßte mich Mit einer plötzlichen und unschuldsvollen Freude. Und eh ich noch von ihr den dritten Kuß erhielt: So fühlt ich schon die selgen Triebe Der Redlichkeit und Menschenliebe So stark in mir, als ich sie nie gefühlt. Ein Mädchen, rief ich aus, an das die Welt kaum dachte, Besitzt das beste Herz! Ich rief es, und erwachte.
Der zärtliche Mann
Die ihr so eifersüchtig seid, Und nichts als Unbeständigkeit, Den Männern vorzurücken pfleget! O Weiber, überwindet euch, Lest dies Gedicht und seid zugleich Beschämt, und ewig widerleget. Wir Männer sind es ganz allein, Die einmal nur, doch ewig lieben; Uns ist die Treu ins Blut geschrieben. Beweist es! hör ich alle schrein. Recht gut! Es soll bewiesen sein.
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Ein liebes Weib ward krank, wovon? Von vieler Galle? Die alte Spötterei! Kein Kluger glaubt sie mehr. Nein, nein, die Weiber siechten alle, Wenn diese Übel schädlich wär. Genug, sie ward sehr krank. Der Mann wendt alles an, Was man von Männern fordern kann; Eilt, ihr zu rechter Zeit die Pulver einzuschütten; Er läßt für seine Frau in allen Kirchen bitten, Und gibt noch mehr dafür, als sonst gebräuchlich war: Und doch vermehrt sich die Gefahr. Er ächzt, er weint und schreit, er will mit ihr verderben. "Ach Engel", spricht die Frau, "stell deine Klagen ein! Ich werde mit Vergnügen sterben, Versprich mir nur, nicht noch einmal zu frein." Er schwört, sich keine mehr zu wählen. "Dein Schatten", ruft er, "soll mich quälen, Wenn mich ein zweites Weib besiegt." Er schwört. Nun stirbt sein Weib vergnügt. Wer kann den Kummer wohl beschreiben, Der unsern Witwer überfällt? Er weiß vor Jammer kaum zu bleiben; Zu eng ist ihm sein Haus, zu klein ist ihm die Welt. Er opfert seiner Frau die allertreusten Klagen, Bleibt ohne Speis und Trank, sucht keine Lagerstatt; Er klagt, und ist des Lebens satt. Indes befiehlt die Zeit, sie in das Grab zu tragen. Man legt der Seligen ihr schwarzes Brautkleid an; Der Witwer tritt betränt an ihren Sarg hinan. "Was?" fängt er plötzlich an zu fluchen, "Was, Henker, was soll dieses sein? Für eine tote Frau ein Brautkleid auszusuchen? Gesetzt, ich wollte wieder frein: So müßt ich ja ein neues machen lassen."
Ihr Leute kränkt ihn nicht, geht, holt ein ander Kleid, Und laßt dem armen Witwer Zeit; Er wird sich mit der Zeit schon fassen.
Der Zeisig
Ein Zeisig wars und eine Nachtigall, Die einst zu gleicher Zeit vor Damons Fenster hingen. Die Nachtigall fing an, ihr göttlich Lied zu singen, Und Damons kleinem Sohn gefiel der süße Schall. "Ach welcher singt von beiden doch so schön? Den Vogel möcht ich wirklich sehn!" Der Vater macht ihm diese Freude, Er nimmt die Vögel gleich herein. "Hier", spricht er, "sind sie alle beide; Doch welcher wird der schöne Sänger sein? Getraust du dich, mir das zu sagen?" Der Sohn läßt sich nicht zweimal fragen, Schnell weist er auf den Zeisig hin: "Der", spricht er, "muß es sein, so wahr ich ehrlich bin. Wie schön und gelb ist sein Gefieder! Drum singt er auch so schöne Lieder; Dem andern sieht mans gleich an seinen Federn an, Daß er nichts Kluges singen kann."
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Sagt, ob man im gemeinen Leben Nicht oft wie dieser Knabe schließt? Wem Farb und Kleid ein Ansehn geben, Der hat Verstand, so dumm er ist. Stax kömmt, und kaum ist Stax erschienen: So hält man ihn auch schon für klug. Warum? Seht nur auf seine Mienen, Wie vorteilhaft ist jeder Zug! Ein andrer hat zwar viel Geschicke; Doch weil die Miene nichts verspricht: So schließt man, bei dem ersten Blicke, Aus dem Gesicht, aus der Perücke, Daß ihm Verstand und Witz gebricht.
Die Bauern und der Amtmann
Ein sehr geschickter Kandidat, Der lange schon mit vielem Lobe Die Kanzeln in der Stadt betrat, Tat auf dem Dorfe seine Probe; Allein so gut er sie getan: So stund er doch den Bauern gar nicht an. Nein, der verstorbne Herr, das war ein andrer Mann, Der hatte recht auf seinen Text studieret, Und Gottes Wort, wie sichs gebühret, Bald griechisch, bald ebräisch angeführet, Die Kirchenväter oft zitieret, Die Ketzer stattlich ausschändieret, Und stets so fein schematisieret, Daß er der Bauern Herz gerühret. "Herr Amtmann, wie gesagt, erstatt Er nur Bericht, Wir mögen diesen Herrn nicht haben." "So sagt doch nur, warum denn nicht?" "Er hörts ja wohl, er hat nicht solche Gaben Wie der verstorbne Herr."
Der Amtmann widerspricht; Der Suprintend ermahnt. Umsonst, sie hören nicht. Man mag Amphion sein, und Fels und Wald bewegen, Deswegen kann man doch nicht Bauern widerlegen. Kurz, man erstattete Bericht, Weil alle steif auf ihrem Sinn beharrten.
Nunmehr kömmt ein Befehl. Ich kann es kaum erwarten, Bis ihn der Amtmann publiziert. Ich wette fast, ihr Bauern, ihr verliert!
Man öffnet den Befehl. Und seht, der Landsherr wollte, Daß man dem Kandidat das Priestertum vertraun, Den Bauern Gegenteils es hart verweisen sollte.
Der Suprintend fing an die Bauern zu erbaun, Und sprach, so schwierig sie noch schienen, Doch sehr gelind und fromm mit ihnen. "Herr Doktor!" fiel ihm drauf der Amtmann in das Wort, "Wozu soll diese Sanftmut dienen? Ihr Richter, Schöppen und so fort, Hört zu! Ich will mein Amt verwalten. Ihr Ochsen, die ihr alle seid! Euch Flegeln geb ich den Bescheid, Ihr sollt den Herrn zu eurem Pfarrn behalten. Sagts, wollt ihr oder nicht? denn itzt sind wir noch da."
Die Bauern lächelten: "Ach ja, Herr Amtmann, ja!"
Die beiden Hunde