Fabeln und Erzählungen

Chapter 4

Chapter 44,052 wordsPublic domain

Ja, dieses hat uns noch gefehlt! Wie freu ich mich, daß es bei Tieren Auch große Geister gibt, die alles demonstrieren! Mir hats der Fuchs für ganz gewiß erzählt. "Je minder sie verstehn", sprach dieses schlaue Vieh, "Um desto mehr beweisen sie."

Der glücklich gewordene Ehemann

Frontin liebt Hannchen bis zum Sterben; Denn Hannchen war ein schönes Kind. Allein je reizender die losen Mädchen sind, Um desto weniger kann man ihr Herz erwerben. Frontin erfuhr es wohl. Drei Jahre liebt er sie; Allein umsonst war alle Müh. Was tat er endlich? Er verreiste, Und ging (was kann wohl Ärgers sein?), Ging, sag ich, mit dem bösen Geiste Ein Bündnis an dem Blocksberg ein; Ein Bündnis, daß er ihm zwei Jahre dienen wollte, Wofern er Hannchen noch zur Frau bekommen sollte. Sie werden hurtig eins, und schließen ihren Kauf; Der böse Geist gibt ihm die Hand darauf. Und ob er gleich die Welt sehr oft belogen, Und Doktor Faustus selbst betrogen: So hielt er doch sein Wort genau. Frontin war Hannchens Mann, und sie ward seine Frau. Doch eh vier Wochen sich verlieren: So fängt Frontin schon an, den Schwarzen zu zitieren. "Ach", spricht er, da der Geist erscheint, "Ach, darf ich, lieber böser Feind, Noch einer Bitte mich erkühnen? Ich habe dir gelobt, für Hannchen, meine Frau, Zwei Jahre, wie du weißt, zu dienen, Und dies erfüllt ich auch genau; Doch willst du mir mein Hannchen wieder nehmen: So soll mein Dienst ein Jahr verlängert sein." Der Böse will sich nicht bequemen, Drauf geht Frontin die Frist noch zweimal ein; Denn, sprach er bei sich selbst, so arg du immer bist: So weiß ich doch, daß Hannchen ärger ist.

Der glückliche Dichter

Ein Dichter, der bei Hofe war-- Bei Hofe? Was? Bei Hofe gar? Wie kam er denn zu dieser Ehre? Ich wüßte nicht, was ein Poet, Ein Mensch, der nichts vom Recht und Staat versteht, Was der bei Hofe nötig wäre? Was ein Poet bei Hofe nötig ist? Ja, Freund, du hast wohl recht zu fragen. Mich ärgerts, daß August zween Dichter gern vertragen, Die man doch itzt kaum in den Schulen liest. Was ists denn nun mit zehn Racinen Und Molièren? Nichts! Gar nichts! Der eine macht, Daß man bei Hofe weint, der andre, daß man lacht. Das heißt dem Staate trefflich dienen, Dadurch wird ja kein Groschen eingebracht. Doch auf die Sache selbst zu kommen. Ein Dichter, den der Hof in seine Gunst genommen, Schlief einst bei Tag im Louvre ein.-- Wieso? War er berauscht? Das kann wohl möglich sein. Man hat in Frankreich guten Wein. Und Dichter sollen insgemein Von Wahrheit, Liebe, Witz und Wein Sehr gute Freund und Kenner sein. Ich mag die Welt nicht Lügen strafen, Drum sag ich weder ja noch nein.

Gnug, der Poet war eingeschlafen, Und war nicht schön, das man wohl merken muß; Doch gab die Königin, den Schlaf ihm zu versüßen, Ihm im Vorbeigehn einen Kuß. "Was", rief ein Prinz, "den blassen Mund zu küssen?" "Blaß", sprach die Königin, "blaß ist er, das ist wahr; Doch sagt der Mann mit seinem blassen Munde Mehr Schönes oft in einer Stunde Als Sie, mein Prinz, durchs ganze Jahr."

Der Greis

Von einem Greise will ich singen, Der neunzig Jahr die Welt gesehn. Und wird mir itzt kein Lied gelingen: So wird es ewig nicht geschehn. Von einem Greise will ich dichten, Und melden, was durch ihn geschah, Und singen, was ich in Geschichten, Von ihm, von diesem Greise, sah.

Singt, Dichter, mit entbranntem Triebe, Singt euch berühmt an Lieb und Wein! Ich laß euch allen Wein und Liebe, Der Greis nur soll mein Loblied sein.

Singt von Beschützern ganzer Staaten, Verewigt euch und ihre Müh! Ich singe nicht von Heldentaten, Der Greis sei meine Poesie.

O Ruhm, dring in der Nachwelt Ohren, Du Ruhm, den sich mein Greis erwarb! Hört, Zeiten, hörts! Er ward geboren, Er lebte, nahm ein Weib, und starb.

Der grüne Esel

Wie oft weiß nicht ein Narr durch töricht Unternehmen Viel tausend Toren zu beschämen! Neran, ein kluger Narr, färbt einen Esel grün, Am Leibe grün, rot an den Beinen, Fängt an, mit ihm die Gassen durchzuziehn; Er zieht, und jung und alt erscheinen. Welch Wunder! rief die ganze Stadt, Ein Esel, zeisiggrün! der rote Füße hat! Das muß die Chronik einst den Enkeln noch erzählen, Was es zu unsrer Zeit für Wunderdinge gab! Die Gassen wimmelten von Millionen Seelen; Man hebt die Fenster aus, man deckt die Dächer ab; Denn alles will den grünen Esel sehn, Und alle konnten doch nicht mit dem Esel gehn.

Man lief die beiden ersten Tage Dem Esel mit Bewundrung nach. Der Kranke selbst vergaß der Krankheit Plage, Wenn man vom grünen Esel sprach. Die Kinder in den Schlaf zu bringen, Sang keine Wärterin mehr von dem schwarzen Schaf; Vom grünen Esel hört man singen, Und so gerät das Kind in Schlaf.

Drei Tage waren kaum vergangen: So war es um den Wert des armen Tiers geschehn. Das Volk bezeigte kein Verlangen, Den grünen Esel mehr zu sehn. Und so bewundernswert er anfangs allen schien: So dacht itzt doch kein Mensch mit einer Silb an ihn.

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Ein Ding mag noch so närrisch sein, Es sei nur neu: so nimmts den Pöbel ein. Er sieht, und er erstaunt. Kein Kluger darf ihm wehren. Drauf kömmt die Zeit, und denkt an ihre Pflicht; Denn sie versteht die Kunst, die Narren zu bekehren, Sie mögen wollen oder nicht.

Der gute Rat

Ein junger Mensch, der sich vermählen wollte, Und dem man manchen Vorschlag tat, Bat einen Greis um einen guten Rat, Was für ein Weib er nehmen sollte? "Freund", sprach der Greis, "das weiß ich nicht. So gut man wählt, kann man sich doch betrügen. Sucht Ihr ein Weib bloß zum Vergnügen: So wählet Euch ein schön Gesicht; Doch liegt Euch mehr an Renten und am Staate, Als am verliebten Zeitvertreib: So dien ich Euch mit einem andere Rate, Bemüht Euch um ein reiches Weib; Doch strebt Ihr durch die Frau nach einem hohen Range, Nun so vergeßt, daß beßre Mädchen sind, Wählt eines großen Mannes Kind, Und untersucht die Wahl nicht lange; Doch wollt Ihr mehr für Eure Seele wählen, Als für die Sinnen und den Leib: So wagts, um Euch nach Wunsche zu vermählen, Und wählt Euch ein gelehrtes Weib." Hier schwieg der Alte lachend still.

"Ach", sprach der junge Mensch, "das will ich ja nicht wissen: Ich frage, welches Weib ich werde wählen müssen, Wenn ich zufrieden leben will? Und wenn ich, ohne mich zu grämen--"

"O", fiel der Greis ihm ein, "da müßt Ihr keine nehmen!"

Der gütige Besuch

Ein offner Kopf, ein muntrer Geist, Kurz, einer von den feinen Leuten, Die ihr Beruf zu Neuigkeiten Nie denken, ewig reden heißt; Die mit Gewalt es haben wollen, Daß Kluge närrisch werden sollen; Ein solcher Schwätzer trat herein, Dem Dichter den Besuch zu geben. "O", rief er, "welch ein traurig Leben! Wie? Schlafen Sie denn nicht bei Ihren Büchern ein? So sind Sie denn so ganz allein, Und müssen gar vor Langerweile lesen? Ich dacht es wohl, drum kam ich so geschwind." "Ich bin", sprach der Poet, "noch nie allein gewesen, Als seit der Zeit, da Sie zugegen sind."

Der Hund

Phylax, der so manche Nacht Haus und Hof getreu bewacht, Und oft ganzen Diebesbanden Durch sein Bellen widerstanden; Phylax, dem Lips Tullian, Der doch gut zu stehlen wußte, Selber zweimal weichen mußte; Diesen fiel ein Fieber an. Alle Nachbarn gaben Rat. Krummholzöl und Mithridat Mußte sich der Hund bequemen, Wider Willen einzunehmen. Selbst des Nachbar Gastwirts Müh, Der vordem in fremden Landen, Als ein Doktor, ausgestanden, War vergebens bei dem Vieh.

Kaum erscholl die schlimme Post, Als von ihrer Mittagskost, Alle Brüder und Bekannten, Phylax zu besuchen, rannten. Pantelon, sein bester Freund, Leckt ihm an dem heißen Munde. O, erseufzt er, bittre Stunde! O! wer hätte das gemeint?

"Ach!" rief Phylax, "Pantelon! Ists nicht wahr, ich sterbe schon? Hätt ich nur nichts eingenommen, Wär ich wohl davongekommen. Sterb ich Ärmster so geschwind: O! so kannst du sicher schreien, Daß die vielen Arzeneien Meines Todes Quelle sind.

Wie zufrieden schlief ich ein! Sollt ich nur so manches Bein, Das ich mir verscharren müssen, Vor dem Tode noch genießen. Dieses macht mich kummervoll, Daß ich diesen Schatz vergessen, Nicht vor meinem Ende fressen, Auch nicht mit mir nehmen soll.

Liebst du mich, und bist du treu: O! so hole sie herbei; Eines wirst du bei den Linden, An dem Gartentore finden; Eines, lieber Pantelon, Hab ich nur noch gestern morgen In dem Winterreis verborgen; Aber friß mir nichts davon."

Pantelon war fortgerannt, Brachte treulich, was er fand; Phylax roch, bei schwachem Mute, Noch den Dunst von seinem Gute. Endlich, da sein Auge bricht, Spricht er: "Laß mir alles liegen! Sterb ich, so sollst du es kriegen; Aber, Bruder, eher nicht.

Sollt ich nur so glücklich sein, Und das schöne Schinkenbein, Das ich--doch ich mags nicht sagen, Wo ich dieses hingetragen. Werd ich wiederum gesund: Will ich dir, bei meinem Leben, Auch die beste Hälfte geben; Ja du sollst--" Hier starb der Hund.

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Der Geizhals bleibt im Tode karg; Zween Blicke wirft er auf den Sarg, Und tausend wirft er mit Entsetzen Nach den mit Angst verwahrten Schätzen. O schwere Last der Eitelkeit! Um schlecht zu leben, schwer zu sterben, Sucht man sich Güter zu erwerben; Verdient ein solches Glück wohl Neid?

Der junge Drescher

Dem Drescher, der im weichen Gras Vor seinem Topf, mit Milch und schwarzem Brote, saß, Dem wollte seine Milch nicht schmecken. Er fing verdrießlich an, sich in das Gras zu strecken, Dacht ängstlich seinem Schicksal nach, Und dehnte sich dreimal, und sprach: Du bist ein schlechter Kerl, du hast kein eignes Dach, Und mußt dich Tag vor Tag mit deinem Flegel plagen. Du tätst ja gern mit deinem Schatze schön; Allein, du Narr, mußt in der Scheune stehn, Und kannst nach langen vierzehn Tagen Kaum einmal in die Schenke gehn, Und einen Krug mit Bier und deine Mieke sehn. Du bist noch jung, und kannst hübsch lesen und hübsch schreiben, Und wolltest stets ein Drescher bleiben? Des Schulzens Tochter ist dir gut, Ist reich und kann sich hübsch gebärden: So nimm sie doch. Du kannst, mein Blut! Wohl mit der Zeit noch Schulze werden. Alsdann ißt du dein Stücke Fleisch in Ruh, Und trinkst dein gutes Bier dazu, Und hast gleich nach dem Pfarr die Ehre-- O wenn ich doch schon Schulze wäre! Indem Hanns noch so sprach, kam seine Schöne her. Sie tat, als käme sie nur so von ungefähr; Allein sie kam mit Fleiß, weil sie ihn sprechen wollte, Und er verwegen sein, und sie recht herzen sollte. Denn Mädchen, wenn sie gleich das Dorf erzogen hat, Sind wie die Mädchen in der Stadt.

Hanns zieht die Schöne sanft zu sich ins Grüne nieder, Lobt ihren neuen Latz, schielt öfters auf ihr Mieder, Fast wie ein junger Herr. Nur mit dem Unterscheid, Er hatte mehr Schamhaftigkeit. Kurz, er fing an, sie recht verliebt zu küssen, Bat um ihr Herz, und trug ihr Herz davon, Und ward, wie viele noch auf diesem Dorfe wissen, Des reichen Schulzen Schwiegersohn. Kaum hatt er sie, so ward der Alte schon Durch schnellen Tod der Welt und seinem Dorf entrissen. Wen wird man nun Herr Schulze grüßen? Wen anders, als den Schwiegersohn?

Er eilt ins Amt, kömmt bald und freudig wieder, Und wirft sich auf die Bank, als Schulz im Dorfe, nieder.

So wie ein durch den Fleiß vollendeter Student, Nach einem glücklichen Examen, Sich selbst vor trunkner Lust nicht kennt, Wenn ihn die Magd in seiner Schöne Namen, Nach einem tiefen Kompliment, Das erstemal Herr Doktor nennt: So wußt auch Hanns vor großer Freude Nicht, wo er Händ und Füße ließ, Als ihn Schulmeisters Adelheide Das erstemal Herr Schulze hieß.

Wie glücklich pries er sich in seiner Ehrenstelle! Er aß sein Fleisch, und tat den Gästen oft Bescheid. Allein es kamen mit der Zeit Auch viel unangenehme Fälle. Denn welches Amt ist wohl davon befreit? Nach einer nicht gar langen Zeit Warf sich Herr Hanns verdrießlich auf die Stelle, Auf der er sich sein Glück erfreit, Und oft gewünscht: Wenn ich doch Schulze wäre! Ich, fing er zu sich selber an, Ich habe Haus, und Hof, und Ehre, Und bin mit alledem doch ein geplagter Mann. Bald soll ich von der Bauern Leben Im Amte Red und Antwort geben, Da fährt mich denn der Amtmann an, Und heißt mich einen dummen Mann. Bald quälen mich die teuflischen Soldaten, Und fluchen mir die Ohren voll. Bald weiß ich mir bei den Mandaten, Bald in Quatembern nicht zu raten, Die ich dem Landknecht schaffen soll.

Die Bauern brummen, wenn ich strafe, Und straf ich nicht: so lachen sie mich aus. Sonst störte mich kein Mensch im Schlafe, Itzt pocht mich jeder Narr heraus, Und, wenn es niemand tut, so hunzt die Frau mich aus. O wäre mirs nur keine Schande, Ich griffe nach dem ersten Stande, Und stürb als Drescher auf dem Lande.

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Wer weiß, ob mancher Große nicht Im Herzen wie der Schulze spricht? Wer weiß, wie viele sonst zu Fuße ruhig waren, Die itzund mißvergnügt in stolzen Kutschen fahren? Wer weiß, ob manches Herz nicht viel zufriedner schlug, Eh es der Fürsten Gunst an einem Bande trug? O lernt, ihr unzufriednen Kleinen, Daß ihr die Ruh nicht durch den Stand gewinnt! Lernt doch, daß die am mindsten glücklich sind, Die euch am meisten glücklich scheinen!

Der junge Gelehrte

Ein junger Mensch, der viel studierte, Und, wie die Eltern ganz wohl sahn, Was Großes schon im Schilde führte, Sprach einen Greis um solche Schriften an, Die stark und sinnreich denken lehrten, Mit einem Wort, die zum Geschmack gehörten. Der Alte ward von Herzen froh, Und lobt ihm den Homer, den Plato, Cicero, Und hundert mehr aus alt und neuer Zeit, Die mit den heilgen Lorbeerkränzen Der Dichtkunst und Wohlredenheit, Umleuchtet von der Ewigkeit, Den Jünglingen entgegenglänzen. "O", hub der junge Mensch mit stolzem Lächeln an: "Ich habe sie fast alle durchgelesen; Allein"--"Nun gut", sprach der gelehrte Mann, "Sind sie nach Seinem Sinn gewesen: So muß Er sie noch zweimal lesen; Doch sind sie Ihm nicht gut genug gewesen: So sag Ers ja den Klugen nicht, Denn sonst erraten sie, woran es Ihm gebricht, Und heißen Ihn die Zeitung lesen."

Der junge Prinz

Ein junger Prinz, der sich des Oheims Gunst empfohlen, Bekam von ihm zweihundert Stück Pistolen Mit der Ermunterung, damit wohl umzugehn. Er ließ nach einger Zeit sich wieder vor ihm sehn. Indem daß nun der Oheim mit ihm redte: So fragt er ihn zu gleicher Zeit, Ob er das letzte Geld wohl angewendet hätte? "Hier", sprach der junge Prinz erfreut, "Hier hab ich meine ganze Kasse; An den zweihunderten fehlt nicht ein einzig Stück."

Der Oheim nahm den Augenblick Das Geld, und warf es auf die Gasse. "Lernt, Prinz", fing drauf der Oheim an, "Die Kunst, das Geld nutzbarer anzuwenden; Ein Prinz hat darum viel in Händen, Damit er vielen dienen kann."

Der Jüngling

Ein Jüngling, welcher viel von einer Stadt gehört, In der der Segen wohnen sollte, Entschloß sich, daß er da sich niederlassen wollte. Dort, sprach er oft, sei dir dein Glück beschert. Er nahm die Reise vor, und sah schon mit Vergnügen Die liebe Stadt auf einem Berge liegen. Gottlob! fing unser Jüngling an, Daß ich die Stadt schon sehen kann; Allein der Berg ist steil. O, wär er schon erstiegen! Ein fruchtbar Tal stieß an des Berges Fuß. Die größte Menge schöner Früchte Fiel unserm Jüngling ins Gesichte. O, dacht er, weil ich doch sehr lange steigen muß: So will ich, meinen Durst zu stillen, Den Reisesack mit solchen Früchten fällen. Er aß, und fand die Frucht vortrefflich vom Geschmack, Und füllte seinen Reisesack.

Er stieg den Berg hinan, und fiel den Augenblick Beladen in das Tal zurück. "O Freund!" rief einer von den Höhen, "Der Weg zu uns ist nicht so leicht zu gehen. Der Berg ist steil, und mühsam jeder Schritt. Und du nimmst dir noch eine Bürde mit? Vergiß das Obst, das du zu dir genommen, Sonst wirst du nicht auf diesen Gipfel kommen. Steig leer, und steig beherzt, und gib dir alle Müh; Denn unser Glück verdienet sie."

Er stieg, und sah empor, wie weit er steigen müßte. Ach Himmel! ach, es war noch weit. Er ruht und aß zu gleicher Zeit Von seiner Frucht, damit er sich die Müh versüßte. Er sah bald in das Tal, und bald den Berg hinan; Hier traf er Schwierigkeit und dort Vergnügen an. Er sinnt. Ja ja, er mag es überlegen. Steig, sagt ihm sein Verstand, bemüh dich um dein Glück. Nein, sprach sein Herz, kehr in das Tal zurück; Du steigst sonst über dein Vermögen. Ruh etwas aus, und iß dich satt, Und warte, bis dein Fuß die rechten Kräfte hat. Dies tat er auch. Er pflegte sich im Tale, Entschloß sich oft zu gehn, und schien sich stets zu matt. Das erste Hindernis galt auch die andern Male. Kurz, er vergaß sein Glück, und kam nie in die Stadt.

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Dem Jüngling gleichen viele Christen. Sie wagen auf der Bahn der Tugend einen Schritt, Und sehn darauf nach ihren Lüsten, Und nehmen ihre Lüste mit. Beschwert mit diesen Hindernissen, Weicht bald ihr träger Geist zurück. Und, auf ein sinnlich Glück beflissen, Vergessen sie die Müh um ein unendlich Glück.

Der Kandidat

Ein Kandidat, der gern befördert werden wollte, Lag einem sehr berühmten Mann, Der viel vermocht, inständig an, Daß er sein Glück ihm machen sollte, Und reichte, weil ein Platz im Ratstuhl offen war, Dem Gönner eine Bittschrift dar. Der Gönner las sie durch, und las sie mit Vergnügen. "Es kränkt mich", fing er an, und nahm ihn bei der Hand, "Daß ich Sie eher nicht gekannt. Ich lieb und ehre den Verstand. Sie sollen dieses Amt vor allen andern kriegen." Er sprach darauf mit ihm, und was der Jüngling sprach, Verriet den besten Geist, geschaffen zum Studieren, Zum größten Amte nicht zu schwach, Und wert, die andern zu regieren.

"Ach!" sprach der Gönner ganz erfreut, "Nun kenn ich Sie; das Amt ist Ihre", Und in der größten Freundlichkeit Ging er mit ihm bis vor die Türe. Hier bot der Jüngling ihm ein großes Goldstück an, Um sichrer noch zu gehn. "Nein", sprach der wackre Mann, "Nunmehr soll dieses Amt nicht Ihre; Denn wer Geschenke gibt, nimmt sie auch wieder an; Ihr Herz ist schlecht." Hier griff er nach der Türe.

Der Knabe

Ein Knabe, der den fleißigen Papa, Oft nach den Sternen gucken sah, Wollt auch den Himmel kennenlernen. Er blieb steif vor dem Sehrohr stehn, Und sah begierig nach den Sternen; Allein er konnte nicht viel sehn. "Was heißt es denn", sprach drauf der Knabe, "Daß ich fast nichts erkennen kann? Ha, ha, nun fällt mirs ein, was ich vergessen habe; Mein Vater fängt es anders an, Er blinzt zuweilen zu, das hab ich nicht getan. O bin ich nicht ein dummer Knabe! Schon gut! Nun weiß ich, was ich tu." Und hurtig hielt er sich die Augen beide zu, Und sah durchs Sehrohr nach den Sternen. Der Narr! Was sah er denn? Das alles, was du siehst, Wenn du, um durch die Schrift Gott deutlich sehn zu lernen, Dir die Vernunft vorher entziehst.

Der Kranke

Ein Mann, den lange schon die Gliederkrankheit plagte, Tat alles, was man ihm nur sagte, Und konnte doch von seiner Pein Auf keine Weise sich befrein. Ein altes Weib, der er sein Elend klagte, Schlug ihm geheimnisvoll ein magisch Mittel vor. "Ihr müßt Euch", zischt sie ihm ins Ohr, "Auf eines Frommen Grab bei früher Sonne setzen, Und Euch mit dem gefallnen Tau Dreimal die Hand, dreimal den Schenkel netzen; Es hilft, gedenkt an eine Frau." Der Kranke tat, was ihm die Alte sagte; Denn sagt, was tut man nicht, ein Übel los zu sein? Er ging zum Kirchhof hin, und zwar, sobald es tagte, Und trat an einen Leichenstein, Und las: "Wer dieser Mann gewesen, Läßt, Wandrer, dich sein Grabmal lesen: Er war das Wunder seiner Zeit, Das Muster wahrer Frömmigkeit; Und, daß man viel mit wenig Worten sagt, Er ists, den Kirch und Schul, und Stadt und Land beklagt." Hier setzt sich der Geplagte nieder, Benetzt die halb gelähmten Glieder; Doch ohne Wirkung bleibt die Kur, Sein Gliederschmerz vermehrt sich nur. Er greift betrübt nach seinem Stabe, Schleicht von des frommen Mannes Grabe, Und setzt sich auf das nächste Grab, Dem keine Schrift ein Denkmal gab; Hier nahm sein Schmerz allmählich ab. Er braucht sogleich sein Mittel wieder; Schnell lebten die gelähmten Glieder, Und, ohne Schmerz und ohne Stab, Verließ er dieses fromme Grab. "Ach", rief er, "läßt kein Stein mich lesen, Wer dieser fromme Mann gewesen?" Der Küster kam von ungefähr herbei; Den fragt der Mann, wer hier begraben sei? Der Küster läßt sich lange fragen, Als könnt ers ohne Scheu nicht sagen. "Ach!" hub er endlich seufzend an: "Verzeih mirs Gott! es war ein Mann, Dem, weil er Ketzereien glaubte, Man kaum ein ehrlich Grab erlaubte; Ein Mann, der lose Künste trieb, Komödien und Verse schrieb; Er war, wie ich mit Recht behaupte, Ein Neuling und ein Bösewicht." "Nein!" sprach der Mann, "das war er nicht, So gottlos ihn die Leute schalten; Doch jener dort, den ihr für fromm gehalten, Von dem sein Grab so rühmlich spricht, Der war gewiß ein Bösewicht."

Der Kuckuck

Der Kuckuck sprach mit einem Star, Der aus der Stadt entflohen war. "Was spricht man", fing er an zu schreien, "Was spricht man in der Stadt von unsern Melodeien? Was spricht man von der Nachtigall?" "Die ganze Stadt lobt ihre Lieder." "Und von der Lerche?" rief er wieder. "Die halbe Stadt lobt ihrer Stimme Schall." "Und von der Amsel?" fuhr er fort. "Auch diese lobt man hier und dort." "Ich muß dich doch noch etwas fragen: Was", rief er, "spricht man denn von mir?" "Das", sprach der Star, "das weiß ich nicht zu sagen; Denn keine Seele redt von dir." "So will ich", fuhr er fort, "mich an dem Undank rächen, Und ewig von mir selber sprechen."

Der Lügner

Ihr Meister in der Kunst zu lügen, Rühmt euren Witz, schlau zu betrügen, Soviel ihr uns davon erzählt: So wett ich doch, daß euch die rechte List noch fehlt. Ein schlechter Mensch, ihr werdet lachen, Wird euch den Vorzug streitig machen.

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In London saß ein böser Bube Nebst einem andern auf den Tod. Ein Anatomikus trat in die Kerkerstube, Und tat auf seinen Leib dem einen ein Gebot.* Doch Niklas schwor, daß ihn der Teufel holen sollte, Eh er für diesen Preis dem Arzt sich lassen wollte. "Herr", schrie der andre Delinquent, "Sagt, wie Ihr um den Kerl so lange handeln könnt? Laßt seinen magern Leib den Raben. Seht, wie gesund ich bin, wie fett! Ihr sollt mich haben. Und wißt Ihr, was Ihr geben sollt? Ich will es billig mit Euch machen: Drei Gulden. Bin ich tot: so schneidet, wie Ihr wollt, Ich will von keinem Schnitt erwachen." Kaum hat er noch das Geld empfangen: So rief der witzge Delinquent: "Gelogen! Herr, seht zu, wie Ihr mich kriegen könnt! Ich werd in Ketten aufgehangen."

Der Maler

Ein kluger Maler in Athen, Der minder, weil man ihn bezahlte, Als, weil er Ehre suchte, malte, Ließ einen Kenner einst den Mars im Bilde sehn, Und bat sich seine Meinung aus. Der Kenner sagt ihm frei heraus, Daß ihm das Bild nicht ganz gefallen wollte, Und daß es, um recht schön zu sein, Weit minder Kunst verraten sollte. Der Maler wandte vieles ein: Der Kenner stritt mit ihm aus Gründen, Und konnt ihn doch nicht überwinden. Gleich trat ein junger Geck herein, Und nahm das Bild in Augenschein. "O", rief er, bei dem ersten Blicke, "Ihr Götter, welch ein Meisterstücke! Ach welcher Fuß! O wie geschickt Sind nicht die Nägel ausgedrückt! Mars lebt durchaus in diesem Bilde. Wie viele Kunst, wie viele Pracht, Ist in dem Helm, und in dem Schilde, Und in der Rüstung angebracht!"

Der Maler ward beschämt gerühret, Und sah den Kenner kläglich an. "Nun", sprach er, "bin ich überführet! Ihr habt mir nicht zuviel getan." Der junge Geck war kaum hinaus: So strich er seinen Kriegsgott aus.

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Wenn deine Schrift dem Kenner nicht gefällt; So ist es schon ein böses Zeichen; Doch wenn sie gar des Narren Lob erhält: So ist es Zeit, sie auszustreichen.

Der Polyhistor