Fabeln und Erzählungen

Chapter 3

Chapter 34,048 wordsPublic domain

Um das Rhinozeros zu sehn (Erzählte mir mein Freund), beschloß ich auszugehn. Ich ging vors Tor mit meinem halben Gulden, Und vor mir ging ein reicher, reicher Mann, Der, seiner Miene nach, die eingelaufnen Schulden, Nebst dem, was er damit die Messe durch gewann, Und was er, wenns ihm glücken sollte, Durch den Gewinst nun noch gewinnen wollte, In schweren Ziffern übersann. Herr Orgon ging vor mir. Ich geb ihm diesen Namen, Weil ich den seinen noch nicht weiß. Er ging; doch eh wir noch zu unserm Tiere kamen: Begegnet uns ein alter schwacher Greis, Für den, auch wenn er uns um nichts gebeten hätte, Sein zitternd Haupt, das nur halb seine war, Sein ehrlich fromm Gesicht, sein heilig graues Haar Mit mehr als Rednerkünsten redte. "Ach", sprach er, "ach, erbarmt Euch mein! Ich habe nichts, um meinen Durst zu stillen. Ich will Euch künftig gern nicht mehr beschwerlich sein; Denn Gott wird wohl bald meinen Wunsch erfüllen, Und mich durch meinen Tod erfreun. O lieber Gott! laß ihn nicht ferne sein." So sprach der Greis; allein was sprach der Reiche? "Ihr seid ein so bejahrter Mann, Ihr seid schon eine halbe Leiche, Und sprecht mich noch um Geld zum Trinken an? Ihr unverschämter alter Mann! Müßt Ihr denn noch erst Branntwein trinken, Um taumelnd in das Grab zu sinken? Wer in der Jugend spart, der darbt im Alter nicht."-- Drauf ging der Geizhals fort. Ein Strom schamhafter Zähren Floß von des Alten Angesicht. "O Gott! du weißts." Mehr sprach er nicht. Ich konnte mich der Wehmut kaum erwehren, Weil ich etwas mitleidig bin. Ich gab ihm in der Angst den halben Gulden hin, Für welchen ich die Neugier stillen wollte, Und ging, damit er mich nicht weinen sehen sollte. Allein er rufte mich zurück. "Ach!" sprach er mit noch nassem Blick, "Ihr werdet Euch vergriffen haben, Es ist ein gar zu großes Stück. Ich bring Euch nicht darum, gebt mir so viel zurück, Als ich bedarf, um mich durch etwas Bier zu laben!" "Ihr", sprach ich, "sollt es alles haben, Ich seh, daß Ihrs verdient; trinkt etwas Wein dafür. Doch, armer Greis, wo wohnet Ihr?" Er sagte mir das Haus.--Ich ging am andern Tage Nach diesem Greis, der mir so redlich schien, Und tat im Gehn schon manche Frag an ihn. Allein, indem ich nach ihm frage, War er seit einer Stunde tot. Die Mien auf seinem Sterbebette War noch die redliche, mit der er gestern redte. Ein Psalmbuch und ein wenig Brot Lag neben ihm auf seinem harten Bette. O, wenn der Geizhals doch den Greis gesehen hätte, Mit dem er so unchristlich redte! Und der vielleicht ihn itzt bei Gott verklagt, Daß er vor seinem Tod ihm einen Trunk versagt.

So sprach mein Freund und bat, die Müh auf mich zu nehmen, Und öffentlich den Geizhals zu beschämen. Wiewohl ein Mann, der sich zu keiner Pflicht Als für das Geld versteht, der schämt sich ewig nicht.

Der arme Schiffer

Ein armer Schiffer stak in Schulden, Und klagte dem Philet sein Leid. "Herr", sprach er, "leiht mir hundert Gulden; Allein zu Eurer Sicherheit Hab ich kein ander Pfand als meine Redlichkeit. Indessen leiht mir aus Erbarmen Die hundert Gulden auf ein Jahr." Philet, ein Retter in Gefahr, Ein Vater vieler hundert Armen, Zählt ihm das Geld mit Freuden dar. "Hier", spricht er, "nimm es hin und brauch es ohne Sorgen; Ich freue mich, daß ich dir dienen kann; Du bist ein ordentlicher Mann, Dem muß man ohne Handschrift borgen."

Ein Jahr, und noch ein Jahr verstreicht; Kein Schiffer läßt sich wieder sehen. Wie? Sollt er auch Phileten hintergehen; Und ein Betrüger sein? Vielleicht.

Doch nein! Hier kömmt der Schiffer gleich. "Herr!" fängt er an, "erfreuet Euch, Ich bin aus allen meinen Schulden; Und seht, hier sind zweihundert Gulden, Die ich durch Euer Geld gewann. Ich bitt Euch herzlich, nehmt sie an; Ihr seid ein gar zu wackrer Mann."

"O", spricht Philet, "ich kann mich nicht besinnen, Daß ich dir jemals Geld geliehn. Hier ist mein Rechnungsbuch, ich wills zu Rate ziehn; Allein ich weiß es schon, du stehest nicht darinnen."

Der Schiffer sieht ihn an, und schweigt betroffen still, Und kränkt sich, daß Philet das Geld nicht nehmen will. Er läuft, und kömmt mit voller Hand zurücke. "Hier", spricht er, "ist der Rest von meinem ganzen Glücke, Noch hundert Gulden! Nehmt sie hin, Und laßt mir nur das Lob, daß ich erkenntlich bin. Ich bin vergnügt, ich habe keine Schulden; Dies Glücke dank ich Euch allein; Und wollt Ihr ja recht gütig sein. So leiht mir wieder funfzig Gulden."

"Hier", spricht Philet, "hier ist dein Geld, Behalte deinen ganzen Segen: Ein Mann, der Treu und Glauben hält, Verdient ihn seiner Treue wegen. Sei du mein Freund. Das Geld ist dein; Es sind nicht mehr als hundert Gulden mein, Die sollen deinen Kindern sein."

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Mensch! mache dich verdient um andrer Wohlergehen; Denn was ist göttlicher, als wenn du liebreich bist! Und mit Vergnügen eilst, dem Nächsten beizustehen, Der, wenn er Großmut sieht, großmütig dankbar ist!

Der Arme und der Reiche

Aret, ein tugendhafter Mann, Dem nichts, als Geld und Güter fehlten, Rief, als ihn einst die Schulden quälten, Das Glück um seinen Beistand an. Das Glück, das seine liebsten Gaben Sonst immer für die Leute spart, Die von den Gütern beßrer Art Nicht gar zuviel bekommen haben, Entschloß sich dennoch auf sein Flehn, Dem wackern Manne beizustehn, Und ließ ihn in verborgnen Gründen Aus Geiz verscharrte Schätze finden. Er sieht darauf in kurzer Zeit Von seinen Schuldnern sich befreit; Doch ist ihm wohl die Not benommen, Da, statt der Schuldner, Schmeichler kommen? Sooft er trinkt, sooft er ißt, Kömmt einer, der ihn durstig küßt, Nach seinem Wohlsein ängstlich fraget, Und ihn mit Höflichkeit und List, Mit Loben und Bewundern plaget, Und doch durch alles nichts, als daß ihn hungert, saget. "O Glücke!" rief Aret, "soll eins von beiden sein; Kann alle Klugheit nicht von Schmeichlern mich befrein: So will ich mich von Schuldnern lieber hassen, Als mich von Schmeichlern lieben lassen. Vor jenen kann man doch zuweilen sicher sein; Doch diese Brut schleicht sich zu allen Zeiten ein."

Der baronisierte Bürger

Des kargen Vaters stolzer Sohn Ward, nach des Vaters Tod, Herr einer Million, Und für sein Geld in kurzer Zeit Baron. Er nahm sich vor, ein großer Mann zu werden, Und ahmte, wenn ihm gleich der innre Wert gebrach, Doch die gebietrischen Gebärden Der Großen zuversichtlich nach. Bald wünscht er sich des Staatsmanns Ehre, Vertraut mit Fürsten umzugehn; Bald wünscht er sich das Glück, dereinst vor einem Heere Mit Lorbeern des Eugens zu stehn. Kurz, er blieb ungewiß, wo er mehr Ansehn hätte, Ob in dem Feld, ob in dem Kabinette. Indessen war er doch Baron; Und sein Verdienst, die Million, Ließ sich zu alles Volks Entzücken, In Läufern und Heiducken blicken. Er nahm die halbe Stadt in Sold, Bedeckte sich und sein Gefolg mit Gold, Und brüstete sich mehr in seiner Staatskarosse, Als die daran gespannten Rosse. Er war der Schmeichler Mäzenat. Ein Geck, der ihm gebückt um seine Gnade bat, Und alles, was sein Stolz begonnte, Recht unverschämt bewundern konnte, Der kam sogleich in jener Freunde Zahl, In der man mit ihm aß, ihn lobt, und ihn bestahl, Und, wenn man ihn betrog, zugleich in überredte, Daß er des Argus Augen hätte.

Was braucht es mehr als Stolz und Unverstand, Um Millionen durchzubringen? Unsichrer ist kein Schatz als in des Jünglings Hand, Den Wollust, Pracht und Stolz zu ihren Diensten zwingen. Der Herr Baron vergaß bei seinem großen Schatz Den Staatsmann und den Held, ward sinnreich im Verschwenden, Und sah in kurzer Zeit sein Gut in fremden Händen; Starb arm und unberühmt. Kurz, er bewies den Satz, Daß Eltern ihre Kinder hassen, Wofern sie ihnen nichts als Reichtum hinterlassen.

Der Bauer und sein Sohn

Ein guter dummer Bauerknabe, Den Junker Hans einst mit auf Reisen nahm, Und der, trotz seinem Herrn, mit einer guten Gabe, Recht dreist zu lügen, wiederkam, Ging, kurz nach der vollbrachten Reise, Mit seinem Vater über Land. Fritz, der im Gehn recht Zeit zum Lügen fand, Log auf die unverschämtste Weise. Zu seinem Unglück kam ein großer Hund gerannt. "Ja, Vater", rief der unverschämte Knabe, "Ihr mögt mirs glauben oder nicht: So sag ich Euchs, und jedem ins Gesicht, Daß ich einst einen Hund bei--Haag gesehen habe, Hart an dem Weg, wo man nach Frankreich fährt, Der--ja, ich bin nicht ehrenwert, Wenn er nicht größer war als Euer größtes Pferd." "Das", sprach der Vater, "nimmt mich wunder; Wiewohl ein jeder Ort läßt Wunderdinge sehn. Wir, zum Exempel, gehn itzunder, Und werden keine Stunde gehn: So wirst du eine Brücke sehn (Wir müssen selbst darüber gehn), Die hat dir manchen schon betrogen (Denn überhaupt solls dort nicht gar zu richtig sein); Auf dieser Brücke liegt ein Stein, An den stößt man, wenn man denselben Tag gelogen, Und fällt, und bricht sogleich das Bein."

Der Bub erschrak, sobald er dies vernommen. "Ach", sprach er, "lauft doch nicht so sehr. Doch wieder auf den Hund zu kommen, Wie groß sagt ich, daß er gewesen wär? Wie Euer großes Pferd? Dazu will viel gehören. Der Hund, itzt fällt mirs ein, war erst ein halbes Jahr; Allein das wollt ich wohl beschwören, Daß er so groß, als mancher Ochse, war."

Sie gingen noch ein gutes Stücke; Doch Fritzen schlug das Herz. Wie konnt es anders sein? Denn niemand bricht doch gern ein Bein. Er sah nunmehr die richterische Brücke, Und fühlte schon den Beinbruch halb. "Ja, Vater", fing er an, "der Hund, von dem ich redte, War groß, und wenn ich ihn auch was vergrößert hätte: So war er doch viel größer als ein Kalb."

Die Brücke kömmt. Fritz! Fritz! wie wird dirs gehen! Der Vater geht voran; doch Fritz hält ihn geschwind. "Ach Vater!", spricht er, "seid kein Kind, Und glaubt, daß ich dergleichen Hund gesehen. Denn kurz und gut, eh wir darüber gehen, Der Hund war nur so groß, wie alle Hunde sind."

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Du mußt es nicht gleich übelnehmen, Wenn hie und da ein Geck zu lügen sich erkühnt. Lüg auch, und mehr als er, und such ihn zu beschämen: So machst du dich um ihn und um die Welt verdient.

Der beherzte Entschluß

Ein guter ehrlicher Soldat, Der (denn was tut man nicht, wenn man getrunken hat?) Im Trunke seinen Wirt erschlagen, Ward itzt hinausgeführt, für seine Missetat Den Lohn durchs Schwert davonzutragen. Er sah wohl aus, und wer ihn sah, Bedauerte sein schmählich Ende, Und wünschte, daß er noch beim König Gnade fände. Besonders ging sein schweres Ende Auch einer alten Jungfer nah. Auf einmal fühlte sie die Triebe Des Mitleids und der Menschenliebe, Und fühlte sie nur mehr, je mehr sie auf ihn sah. "Ach Himmel! ists nicht ewig schade? Der schöne lange Mensch! Was für ein fein Gesicht, Und was für Augen hat er nicht! Seht doch den Bart! Ist das nicht eine Wade! Die Straf ist in der Tat zu groß. Wer kann sich denn im Trunke zähmen? Ich bitt ihn frei; ich will ihn nehmen." Sie lief, und schrie, und bat ihn los, Indem Johann schon niederkniete. "Johann", fing drauf der Richter an, "Es findet sich ein redliches Gemüte, Dies Weibsbild hier verlangst dich zum Mann, Und wenn du sie verlangst: so schenk ich dir das Leben."

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Johann erschrak und sah die Jungfer an; Sie trat hinzu, ihn aufzuheben. "Ja", sprach er, "Euer Dienst ist groß; Allein es wird mir nicht viel fehlen, Ihr werdet mich dafür zeitlebens quälen. Ich seh Euchs an; was will ich lange wählen? Haut zu! So komm ich doch der Qual auf einmal los."

Der betrübte Witwer

In Poitou (ich will mit Fleiß die Gegend nennen, Damit sich die befragen können, Die, wenn ein kleiner Umstand fehlt, Schon zweifeln, ob man wahr erzählt), In Poitou ließ einst ein Mann sein Weib begraben; Allein man merk es wohl, man ist in Poitou; Da geht es, wenn sie Leichen haben, So prächtig wie bei uns nicht zu. Man kleidet sie geschwind mit leinen Sterberöcken, Und trägt den Sarg, ohn ihn erst zuzudecken, An den für ihn bestimmten Ort. So trug man auch den offnen Sarg itzt fort; Doch was geschieht, indem sie ihn so tragen? Der Leichenweg ging dicht an einer Hecke hin; Hier ritzt ein Dorn die tote Frau ins Kinn. Auf einmal fängt sie an, die Augen aufzuschlagen, Und ruft: "Wohin wollt ihr mich tragen?" Hier, deucht mich, hör ich viele fragen, Wie kam die gute Frau zurück? Hielt es der Mann auch für ein Glück, Die Hälfte wiederzubekommen, Die ihm der Tod zuvor genommen? Wie mag ihm wohl gewesen sein? Das letzte wird man gleich erfahren. Nach weniger als sieben Jahren Büßt sie das zweite Mal ihr junges Leben ein. Der Mann gab ihr vom neuen das Geleite, Und ging gesetzt an seiner Gattin Seite, Wie alle harte Bauersleute. Allein sobald er nur die Hecke wieder sah: So wies er erst, wieviel sein Herz empfände. Er rung mit Tränen beide Hände. "Ach", rief er aus, "da war es, da! Kommt ja der Hecke nicht zu nah!"

Der Bettler

Ein Bettler kam mit bloßem Degen In eines reichen Mannes Haus, Und bat sich, wie die Bettler pflegen, Nur eine kleine Wohltat aus. "Ich", sprach er, "kenn Ihr christlich Herze; Sie sorgen gern für andrer Heil, Und nehmen mit gerechtem Schmerze An Ihres Nächsten Elend teil. Ich weiß, mein Flehn wird Sie bewegen! Sie sehn, ich fordre nichts mit Unbescheidenheit; Nein, ich verlasse mich (hier wies er ihm den Degen) Allein auf Ihre Gütigkeit."

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Dies ist die Art lobgieriger Skribenten, Wenn sie um unsern Beifall flehn; Sie geben uns mit vielen Komplimenten Die harte Fordrung zu verstehn. Der Autor will den Beifall nicht erpressen; Nein, er verläßt sich bloß auf unsre Billigkeit; Doch, daß wir diese nicht vergessen: So zeigt er uns zu gleicher Zeit In beiden Händen Krieg und Streit.

Der Blinde und der Lahme

Von ungefähr muß einen Blinden, Ein Lahmer auf der Straße finden, Und jener hofft schon freudenvoll, Daß ihn der andre leiten soll. "Dir", spricht der Lahme, "beizustehen? Ich armer Mann kann selbst nicht gehen; Doch scheints, daß du zu einer Last Noch sehr gesunde Schultern hast.

Entschließe dich, mich fortzutragen: So will ich dir die Stege sagen: So wird dein starker Fuß mein Bein, Mein helles Auge deines sein."

Der Lahme hängt, mit seinen Krücken, Sich auf des Blinden breiten Rücken. Vereint wirkt also dieses Paar, Was einzeln keinem möglich war.

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Du hast das nicht, was andre haben, Und andern mangeln deine Gaben; Aus dieser Unvollkommenheit Entspringet die Geselligkeit. Wenn jenem nicht die Gabe fehlte, Die die Natur für mich erwählte: So würd er nur für sich allein, Und nicht für mich bekümmert sein.

Beschwer die Götter nicht mit Klagen! Der Vorteil, den sie dir versagen, Und jenem schenken, wird gemein, Wir dürfen nur gesellig sein.

Der erhörte Liebhaber

Der größte Fehler in der Liebe, O Jüngling, ist die Furchtsamkeit. Was helfen dir die süßen Triebe Bei einer stummen Schüchternheit? Du liebst, und willst es doch nicht wagen. Es deiner Schönen zu gestehn; Was deine Lippen ihr nicht sagen, Soll sie in deinen Augen sehn. Im stillen trägst du deinem Kinde Das Herz mit Ehrerbietung an, Und wünschest, daß sie das empfinde, Was doch dein Mund nicht sagen kann. Du hörst nicht auf, sie hochzuachten, Und ehrst sie durch Bescheidenheit; Sie fühlt, und läßt dich dennoch schmachten. Und wartet auf Beständigkeit. Sie läßt dich in den Augen lesen, Wieviel dir dieser Vorzug nützt; Erst liebt sie dein bescheidnes Wesen, Und endlich den, der es besitzt. Ein Jahr verfliegt; o lacht des Blöden, Was hat er denn für seine Müh? Er darf mit ihr von Liebe reden, Und wagt den ersten Kuß auf sie. Ein Jahr! Und noch kein größres Glücke? In Wahrheit! das ist lächerlich. Warum rief er, beim ersten Blicke, Nicht gleich! "Mein Kind, ich liebe dich!" Da lob ich euch, ihr jungen Helden, Ihr wißt von keiner langen Pein; Ihr laßt euch bei der Schönen melden, Ihr kommt, und seht, und nehmt sie ein. Und euren Mut recht zu beseelen, Den ihr bei eurer Liebe fühlt: So will ich euch den Sieg erzählen, Den einst Jesmin sehr schnell erhielt.

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Ein junger Mensch, der gütigst wollte, Daß jedes schöne Kind die Ehre haben sollte, Von ihm geliebt, von ihm geküßt zu sein; Jesmin, sah Sylvien, das heißt, sie nahm ihn ein. Er sah sie in dem Fenster liegen, Ward schnell besiegt, und schwor, sie wieder zu besiegen. Die halbe Nacht verstrich, daß mein Jesmin nicht schlief; Er sann auf einen Liebesbrief, Schlug die Romane nach, und trug die hellsten Flammen In einen Brief aus zwanzigen zusammen. Der Brief ward fortgeschickt, und für sein bares Geld Ward auch der Brief getreu bestellt. Allein die Antwort will nicht kommen. Jesmin, vom Kummer eingenommen, Ergreift das Briefpapier, und schreibet noch einmal. Er klagt der Schönen seine Qual, Er redt von strengen Liebeskerzen, Von Augensonnen, heiß an Pein, Von Tigermilch, von diamantnen Herzen, Und von der Hoffnung Nordlichtschein, Und schwört, weil Sylvia durch nichts erweicht geworden, Sich, bei Gelegenheit, aus Liebe zu ermorden. Getrost, Jesmin! versiegle deinen Brief. So wie das Siegelwachs am Lichte niederlief: So wird der Schönen Herz, eh Nacht und Tag verfließen, Von deines Briefes Glut erweicht, zerschmelzen müssen. Der Brief wird fortgeschickt, und richtig überbracht. Jesmin tut manch Gebet an Venus' kleinen Knaben; Doch folgt die Antwort nicht. Wer hätte das gedacht! Das Mädchen muß ein Herz von Stahl und Eisen haben; Doch welcher Baum fällt auf den ersten Hieb? Ich zweifle nicht, die Schöne hat ihn lieb, Und ihre Sprödigkeit ist ein verstelltes Wesen, Um nur von ihm mehr Briefe noch zu lesen. Wie könnte sie dem heißen Flehn Und, da sie ihn unlängst geputzt gesehn, Der reichen Weste widerstehn?

Ich weiß noch einen Rat, und dieser Rat wird glücken. Durch Verse kann man sehr entzücken, In Versen, mein Jesmin, in Versen schreib an sie; Siegst du durch Verse nicht, Jesmin! so siegst du nie. Er folgt. O wünscht mit mir, daß ihm die Reime fließen! Seht, welch ein feurig Lied Jesmin zur Welt gebar! Was konnte man auch anders schließen. Da seine Prosa schon so hoch und feurig war?

Kaum hatte Sylvia das Heldenlied gelesen: So kam auch schon ein Gegenbrief. Man stellte sich vor, wie froh Jesmin gewesen, Wie froh Jesmin der Magd entgegenlief! Die schlaue Magd grüßt ihn galant. Er steht und hält den Brief entzückt in seiner Hand, Und brennet vor Begier, den Inhalt bald zu wissen, Und kann vor Zärtlichkeit sich dennoch nicht entschließen, Das kleine Siegel abzuziehn; Er drückt den Brief an sich, er drückt und küsset ihn. Die Magd kriegt ein Pistol, und schwört, ihm treu zu bleiben. Allein was stund in diesem Schreiben, Als es Jesmin froh auseinanderschlug? Kein Wörtchen mehr als dies: "Mein Herr, Sie sind nicht klug!"

Der Freier

Ein Freier bat einst einen Freund, Ihm doch ein Mädchen vorzuschlagen. "Ich will dir zwei", versetzte jener, "sagen, Dann wähle die, die sich für dich zu schicken scheint. Die erste hat, nebst einem Rittersitze, Ein recht bezauberndes Gesicht, Liebt den Geschmack, spricht mit dem feinsten Witze, Und schreibt die Sprachen, die sie spricht. Sie spielt den Flügel schön, und kann vortrefflich singen Und malet so geschickt, als es die Kunst begehrt. Und in der Wirtschaft selbst gibt sie gemeinen Dingen Durch ihre Sorgfalt einen Wert. Allein bei aller Kunst und allen ihren Gaben Hat sie kein gutes Herz.

Die andre sieht nicht schön, Wird wenig im Vermögen haben, Und von den Künsten nichts, die jene kann, verstehn; Doch bei Verstand und einem stillen Reize, Der, ohne daß sies sieht, gefällt, Besitzt sie, frei von Stolz und Geize, Das beste Herze von der Welt. Was tätst du wohl, wenn dich die erste haben wollte?"

"Ach", fing der Freier an, "wenn dies geschehen sollte: So spräch ich zu der ersten nein, Um dadurch bald der andern wert zu sein."

Der Freigeist

Ihr, die ihr nach der Tugend strebet; Ihr, die ihr dem gehorsam seid, Was die Vernunft und was die Schrift gebeut, Ein Freigeist lacht euch aus, daß ihr so sklavisch lebet. Was sucht ihr? fragt er euch; nicht die Zufriedenheit? Ists möglich, sich so zu betrügen? Um euch vergnügt zu sehn, raubt ihr euch das Vergnügen? Ihr sucht die Ruh, und findt sie in der Last, Haßt, was ihr liebt, und liebet, war ihr haßt. Habt ihr Vernunft? Ich zweifle fast. Die Freiheit in der Tugend finden, Das heißt, um frei zu sein, sich erst an Ketten binden. Dringt durch des Aberglaubens Nacht, Die euch zu finstern Köpfen macht; Folgt der Natur, genießt, was sie euch schenket; Sucht nichts, als was ihr wünscht; flieht nichts, als was euch kränket; Denkt frei, und lebet, wie ihr denket, Und gebt nicht auf die Toren acht. Der Pöbel ist der größte Hauf auf Erden, Von diesem reißt euch los. Er weiß nicht, was er glaubt, Hält seinen Trieb für unerlaubt, Und sieht nicht, daß er sich sein Glück aus Milzsucht raubt; Sonst würd er nicht so abergläubisch werden.

Drum faßt den kurzen Unterricht: Was viele glauben, glaubet nicht. Sie glauben es aus Trägheit, nichts zu prüfen; Doch ein Vernünftiger dringt in der Wahrheit Tiefen. Was ist die Schrift? Was lehret sie? Ein traurig Leben, reich an Müh, Und Rätsel, die wir aufzuschließen, Erst der Vernunft entsagen müssen. Was ist das mächtige Gewissen? Ein Ding, das die Erziehung schafft, Ein heilig Erbteil aller Blöden; Doch die, die wissen, was sie reden, Empfinden nichts von seiner Kraft.

Folgt der Natur! Sie ruft; was kann sie anders wollen, Als daß wir ihr gehorchen sollen? Die Furcht erdachte Recht und Pflicht, Und schuf den Himmel und die Hölle. Setzt die Vernunft an ihre Stelle, Was seht ihr da? Den Himmel und die Hölle? O nein, ein weibisches Gedicht. Laßt doch der Welt ihr kindisches Geschwätze. Was jeden ruhig macht, ist jedes sein Gesetze. Mehr glaubt und braucht ein Kluger nicht.

Dies war der Witz, mit dem in seinem Leben Ein Freigeist sein System erwies; Die Tugend von dem Throne stieß, Um nur sein Laster drauf zu heben. Sein böses Herz war ihm Vernunft und Gott, Und der am Kreuze starb, war oft des Frechen Spott.

Sein Ende kam. Und der, der nie gezittert, Ward plötzlich durch den Tod erschüttert. Das Schrecken einer Ewigkeit, Ein Richter, der als Gott ihm fluchte, Ein Abgrund, welcher ihn schon zu verschlingen suchte, Zerstörte das System tollkühner Sicherheit. Und der, der sonst mit seinen hohen Lehren Der ganzen Welt zu widerstehn gewagt, Fing an, der Magd geduldig zuzuhören, Und ließ von seiner frommen Magd, Zu der er tausendmal "du christlich Tier" gesagt, Sich widerlegen und bekehren.

So stark sind eines Freigeists Lehren!

Der Fuchs und die Elster

Zur Elster sprach der Fuchs: "O, wenn ich fragen mag, Was sprichst du doch den ganzen Tag? Du sprichst wohl von besondern Dingen?" "Die Wahrheit", rief sie, "breit ich aus. Was keines weiß herauszubringen, Bring ich durch meinen Fleiß heraus, Vorn Adler bis zur Fledermaus." "Dürft ich", versetzt der Fuchs, "mit Bitten dich beschweren: So wünscht ich mir, etwas von deiner Kunst zu hören."

So wie ein weiser Arzt, der auf der Bühne steht, Und seine Künste rühmt, bald vor, bald rückwärts geht, Ein seidnes Schnupftuch nimmt, sich räuspert, und dann spricht: So lief die Elster auch den Ast bald auf, bald nieder, Und strich an einem Zweig den Schnabel hin und wider, Und macht ein sehr gelehrt Gesicht. Drauf fängt sie ernsthaft an, und spricht: "Ich diene gern mit meinen Gaben, Denn ich behalte nichts für mich. Nicht wahr, Sie denken doch, daß Sie vier Füße haben? Allein, Herr Fuchs, Sie irren sich. Nur zugehört! Sie werdens finden, Denn ich beweis es gleich mit Gründen.

Ihr Fuß bewegt sich, wenn er geht, Und er bewegt sich nicht, solang er stillesteht; Doch merken Sie, was ich itzt sagen werde, Denn dieses ist es noch nicht ganz. Sooft Ihr Fuß nur geht, so geht er auf der Erde. Betrachten Sie nun Ihren Schwanz. Sie sehen, wenn Ihr Fuß sich reget, Daß auch Ihr Schwanz sich mit beweget; Itzt ist Ihr Fuß bald hier, bald dort, Und so geht auch Ihr Schwanz mit auf der Erde fort, Sooft Sie nach den Hühnern reisen. Daraus zieh ich nunmehr den Schluß: Ihr Schwanz, das sei Ihr fünfter Fuß; Und dies, Herr Fuchs, war zu beweisen."

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