Fabeln und Erzählungen

Chapter 2

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Ein durch die Jagd ergrimmter Bär Latscht hinter einen Wandrer her. Aus Rache will er ihn zerreißen. (Das mag dem Wandrer wohl ein unverdientes Unglück heißen.) Aus Rache, dummes Tier? wird mancher Leser sprechen, Kannst du dich nicht an deinen Jägern rächen? O schimpft mir nicht das gute Vieh: Es folgt den Trieben nur; Vernunft regiert es nie. Es hat ja unter uns--was sagt ich? nein--bei Hunden Gewiß nicht wenige von gleicher Art gefunden. Geschwinde! Wanderer, geschwind und rette dich. Er läuft, der Bär läuft nach. Er schreit, will sich verstecken, Der Bär nicht faul, sucht ihn, bricht brummend durch die Hecken, Und jagt ihn wieder vor. Der ändert oft den Lauf; Bald rechts, bald vor, bald links. Doch alle diese Ränke Sind hier umsonst. Warum? Der Bär hat auch Gelenke. Gewiß so eine Jagd wär mir nicht lächerlich! Jedoch zu was wird sich der Wandrer nun entschließen? Er springt den nächsten Baum hinauf. Oh! das wird niemand wohl das beste Mittel nennen. Er mußte doch in aller Angst nicht wissen, Daß Bäre gleichfalls klettern können. Das tolle Tier erblickt es kaum, So stutzt es, brummt und kratzt den Baum, Es bäumt den schweren Leib, es setzt die Vordertatzen An Rind und Ästen ein, so schnell, als scheue Katzen. So langsam Gegenteils hebt es des Körpers Wucht; Doch kömmt es schon so hoch, daß der den Gipfel sucht. Was gibt uns oft die Angst nicht ein? Der Wandrer sucht des Feindes los zu sein. Er stößt, und stößt den Fuß mit voller Leibesstärke Dem Bäre vor den Kopf. Doch große Wunderwerke Tat dieses Stößchen nicht. Wie kann es anders sein? Wer Bäre töten will, braucht der den Fuß allein? Er taumelt nur, anstatt zu fallen, Und fasset schnell mit seinen Krallen Des Wandrers Fuß, der nach ihm stieß. Er hält ihn, wie ein Bär. Durch Zerren und durch Beißen Sucht er den Raub herabzureißen. Jedoch je mehr er riß, je mehr hält jener sich An Ästen fest und ritterlich. Wenn Witz und Tapferkeit uns nicht erretten kann, Beut oft das blinde Glück uns seine Rettung an. Der wütend plumpe Bär Ist für den dünnen Ast zu schwer; Der bricht, und er fällt schütternd schnell zu Boden. Der Fall bringt ihn fast um den Oden, Und keuchend schleicht er zornig fort. Von Schrecken, Furcht und Schmerzen eingenommen, Sieht kaum der Wanderer, daß er der Not entkommen. Nun lobt er wohl, durch jedes Wort, Mit zärtlich dankbarem Gemüte Des Himmels unverhoffte Güte? O weit gefehlet! nein! mit zitternd schwacher Sprache Flucht, lästert, schreiet er selbst wider GOtt um Rache. Er kriecht vom Baum herab und läßt sich murrend nieder. Sein nasses Auge sieht das Blut der wunden Glieder. Der Schmerz verführet ihn, daß er den Tod begehrt, Den Tod, vor dem er sich mit Fliehn und Schrein gewehrt. Bald flucht er auf den Bär, der ihn nicht ganz zerrissen; Bald flucht er auf sich selbst, daß er sich retten müssen. "O näh're dich, erwünschter Tod! Benimm mir Leben Schmerz und Not! Entführ mir dieser Wunsch doch mit dem letzten Hauche!" St! St! was raschelt dort, dort hinter jenem Strauche? Beglückter Wanderer! dein Wunsch ist schon erhört. Es kömmt ein neuer Bär, der dich im Klagen stört. Ein Bär? Erschrick nur nicht! Ein Bär. Ohn Zweifel schickt der Tod ihn her. Der Tod? Ja! ja, der Tod den du gewünschet hast, Gewünschet und erfleht. "Das ist ein schlimmer Gast. Der Henker! weiß er denn gar nichts von Komplimenten? Wenn meine Beine doch mich nur erretten könnten!" Mit Mühe sucht er aufzustehn; Doch kann er nicht vom Flecke gehn. Hier kam ihm schnell ein ander Mittel ein, Das ihm vorher nicht eingekommen. Er hatt es einst (zehn Jahre mocht es sein) Von einem Reisenden vernommen; Und hatt es nie, nur in der Not, vergessen, Daß Bäre selten Tote fressen. Sein Einfall wirft ihn hurtig nieder; Die schon vor Schrecken kalten Glieder Streckt er starr von sich weg, so sehr er immer kann, Und hält den Oden mühsam an. Der Bär beschnopert ihn, findt keines Lebens Spur, Mag sich an Toten nicht begnügen, Kehrt sittsam um, und brummet nur, Und läßt den Schalk in Ruhe liegen. Was ist bei dir ein Wunsch? Mein Freund, laß michs verstehen. Du wünschst den Tod: er kömmt; du suchst ihm zu entgehen. Steh auf! der Bär ist fort. Was fluchst du ihm noch nach? Zum Danke, daß er dir nicht Hals und Beine brach? Was soll die Lästerung? Verringert sie die Schmerzen? Noch wünschest du den Tod? Das geht dir wohl von Herzen? Nur schade, daß er dich vorhin so spotten sah: Sonst wär er wahrlich längst auf dein Ersuchen da. Der schwüle Tag vergeht; der Abend bricht herein. O könnt er, in geborstnen Feldern, Wie durch die Hitze matten Wäldern, Mein Wandrer, ebenfalls dir zur Erquickung sein! Man sieht die Luft, sich abzukühlen, Mit stummen Blitzen häufig spielen. "Oh!" schreit der Wanderer, "zög sich ein Wetter auf! O hemmten Blitz und Schlag mir Pein und Lebenslauf!" Schnell zeigt der Donnergott dem Wunsche sich gewogen. Des ganzen Himmels weite Ferne Verdeckt viel Dunst; die hellsten Sterne Sind schwarz mit Wolken überzogen, Schnell fährt der Blitz heraus, kracht hier und dort ein Schlag. Auf, Wandrer, freue dich! das ist dein Sterbetag! Nun wird der Tod auf Donnerkeilen Zu dir verlaßnem Armen eilen. Was scherzst du noch voll Furcht?--Ihr Freunde, gebt doch acht; Doch bitt ich, zwänget euch, daß ihr nicht drüber lacht... "Ja! das ist Pein--o stürb ich doch!-- Komm Tod! komm doch--du zauderst noch? Jedoch hier mag ich wohl nicht allzusicher liegen? Ich habe ja einmal gehört, Wie die Erfahrung oft gelehrt, Daß Donner gern in Eichen schlügen. O machte mir ein Lorbeerbaum Doch unter seinen Ästen Raum. O weh! wie schmerzt das Bein! Erbarm dich doch o Tod! Jedoch dort schlug es ein--Nun ists die höchste Not, Soll mich das Wetter nicht verletzen, Mich schnell in Sicherheit zu setzen!" Geh! dummer Wandrer, geh! such einen sichern Ort; Und wünsche bald den Tod; bald wünsch ihn wieder fort. Mich soll dein Wankelmut der Menschen Zagheit lehren, Muß ich sie so, wie dich, verwegen wünschen hören. Glaubt, Freunde, glaubet mir! der ist ein weiser Mann, Der zwar das Leben liebt, doch mutig sterben kann!

L. a. C.

Die Bäre

Den Bären glückt' es, nun schon seit geraumer Zeit, Mit Brummen, plumpem Ernst und stolzer Frömmigkeit, Das Sittenrichteramt, bei allen schwächern Tieren, Aus angemaßter Macht, gleich Wütrichen, zu führen. Ein jedes furchte sich, und keines war so kühn, Sich um die saure Pflicht nebst ihnen zu bemühn; Bis endlich noch im Fuchs der Patriot erwachte, Und hier und da ein Fuchs auf Sittensprüche dachte. Nun sah man beide stets auf gleiche Zwecke sehn; Und beide sah man doch verschiedne Wege gehn. Die Bäre wollen nur durch Strenge heilig machen; Die Füchse strafen auch, doch strafen sie mit Lachen. Dort brauchet man nur Fluch; hier brauchet man nur Scherz; Dort bessert man den Schein; hier bessert man das Herz. Dort sieht man Düsternheit; hier sieht man Licht und Leben; Dort nach der Heuchelei; hier nach der Tugend streben. Du, der du weiter denkst, fragst du mich nicht geschwind: Ob beide Teile wohl auch gute Freunde sind? O wären sies! Welch Glück für Tugend, Witz und Sitten! Doch nein, der arme Fuchs wird von dem Bär bestritten, Und, trotz des guten Zwecks, von ihm in Bann getan. Warum? der Fuchs greift selbst die Bäre tadelnd an.

* Ich kann mich diesmal nicht bei der Moral verweilen; Die fünfte Stunde schlägt; ich muß zum Schauplatz eilen. Freund, leg die Predigt weg! Willst du nicht mit mir gehn? Was spielt man? Den Tartüff. Dies Schandstück sollt ich sehn?

Die Brille

Dem alten Freiherrn von Chrysant, Wagts Amor, einen Streich zu spielen. Für einen Hagestolz bekannt, Fing, um die Sechzig, er sich wieder an zu fühlen. Es flatterte, von Alt und Jung begafft, Mit Reizen ganz besondrer Kraft, Ein Bürgermädchen in der Nachbarschaft. Dies Bürgermädchen hieß Finette. Finette ward des Freiherrn Siegerin. Ihr Bild stand mit ihm auf, und ging mit ihm zu Bette. Da dacht in seinem Sinn Der Freiherr: "Und warum denn nur ihr Bild? Ihr Bild, das zwar den Kopf, doch nicht die Arme füllt? Sie selbst steh mit mir auf, und geh mit mir zu Bette. Sie werde meine Frau! Es schelte, wer da schilt; Genädge Tant und Nicht und Schwägerin! Finett ist meine Frau, und--ihre Dienerin."

Schon so gewiß? Man wird es hören. Der Freiherr kömmt, sich zu erklären, Er greift das Mädchen bei der Hand, Tut, wie ein Freiherr, ganz bekannt, Und spricht: "Ich, Freiherr von Chrysant, Ich habe Sie, mein Kind, zu meiner Frau ersehen. Sie wird sich hoffentlich nicht selbst im Lichte stehen. Ich habe Guts die Hüll und Fülle." Und hierauf las er ihr, durch eine große Brille, Von einem großen Zettel ab, Wie viel ihm Gott an Gütern gab; Wie reich er sie beschenken wolle; Welch großen Witwenschatz sie einmal haben solle. Dies alles las der reiche Mann Ihr von dem Zettel ab, und guckte durch die Brille Bei jedem Punkte sie begierig an.

"Nun, Kind, was ist Ihr Wille?" Mit diesen Worten schwieg der Freiherr stille, Und nahm mit diesen Worten seine Brille (Denn, dacht er, wird das Mädchen nun So wie ein kluges Mädchen tun; Wird mich und sie ihr schnelles Ja beglücken; Werd ich den ersten Kuß auf ihre Lippen drücken: So könnt ich, im Entzücken, Die teure Brille leicht zerknicken!) Die teure Brille wohlbedächtig ab.

Finette, der dies Zeit sich zu bedenken gab, Bedachte sich, und sprach nach reiflichem Bedenken: "Sie sprechen, gnädger Herr, vom Freien und vom Schenken: Ach! gnädger Herr, das alles wär sehr schön! Ich würd in Samt und Seide gehn-- Was gehn? Ich würde nicht mehr gehn; Ich würde stolz mit Sechsen fahren. Mir würden ganze Scharen Von Dienern zu Gebote stehn. Ach! wie gesagt, das alles wär sehr schön, Wenn ich--wenn ich--"

"Ein Wenn? Ich will doch sehn", (Hier sahe man den alten Herrn sich blähn,) "Was für ein Wenn mir kann im Wege stehn!"

"Wenn ich nur nicht verschworen hätte--" "Verschworen? was? Finette, Verschworen nicht zu frein?-- O Grille", rief der Freiherr, "Grille!" Und griff nach seiner Brille, Und nahm das Mädchen durch die Brille Nochmals in Augenschein, Und rief beständig: "Grille! Grille! Verschworen nicht zu frein!"

"Behüte!" sprach Finette, "Verschworen nur mir keinen Mann zu frein, Der so, wie Ihre Gnaden pflegt, Die Augen in der Tasche trägt!"

Die eheliche Liebe

Klorinde starb; sechs Wochen drauf Gab auch ihr Mann das Leben auf, Und seine Seele nahm aus diesem Weltgetümmel Den pfeilgeraden Weg zum Himmel. "Herr Petrus", rief er, "aufgemacht!" "Wer da?"--"Ein wackrer Christ."-- "Was für ein wackrer Christ?"-- "Der manche Nacht, Seitdem die Schwindsucht ihn aufs Krankenbette brachte, In Furcht, Gebet und Zittern wachte. Macht bald!"--Das Tor wird aufgetan. "Ha! ha! Klorindens Mann! Mein Freund", spricht Petrus, "nur herein; Noch wird bei Eurer Frau ein Plätzchen ledig sein." "Was? meine Frau im Himmel? wie? Klorinden habt Ihr eingenommen? Lebt wohl! habt Dank für Eure Müh! Ich will schon sonst wo unterkommen."

Die kranke Pulcheria Freie Übersetzung einer Erzählung aus dem Fontaine

Pulcheria ward krank... "Vielleicht die Lust zu büßen, Die..." Pfui, wer wird nun gleich so voller Argwohn sein? Schweigt, Neider! hört mir zu! ich lenke wieder ein. Pulcheria ward krank. Unruhig im Gewissen, Ließ ihr der Schmerz manchmal, die Schwermut niemals Ruh. "Wie? Was? Pulcheria wär melancholisch worden? Sprich, Lügner, lieber gar, sie trat in Nonnenorden." Schon wieder stört ihr mich? Schweigt doch, und hört mir zu! Als sie einst ihre Not zu lauten Seufzern trieb, Sprach Lady, ihre Magd: "Laßt doch den Priester holen; Legt dem die Beichte ab, so seid Ihr GOtt empfohlen; Und beichten müsset Ihr, ist Euch der Himmel lieb." "Ja dieser Rat ist gut", spricht unsre kranke Schöne. "Lauf, oder schicke gleich zum Pater Andres hin; Andres--merks wohl--weil ich auch sonst sein Beichtkind bin, So oft ich mich mit dir, o lieber GOtt! versöhne." Gleich läuft ein Diener hin, klopft an das Kloster an, Und so, als wenn das Tor davon zerspringen solle. "Nu, Nu! Gemach! Gemach!" Man fragt, zu wem er wolle? "Je, macht nur erstlich auf." Das Tor wird aufgetan. "Der Pater Andres wird zu meiner Frau begehret, Die gerne beichten will, weil sie bald sterben kann." "Wer?" fragt ein Bruder ihn; "Andres? der gute Mann! Zehn Jahr ists schon, daß der im Himmel Beichte höret."

L.

Die Nuß und die Katze Eine Fabel.

"Gewiß, Herr Wirt, dies Obst ist nicht für meinen Magen. Denn wenn ich mir, es frei zu sagen, Ja eine Baumfrucht loben muß, So lob ich mir die welsche Nuß. Die schmeckt doch noch!--Bei meiner Treu! Der zartste Apfel kömmt der Nuß, der Nuß nicht bei." Ein Kätzchen, das der Wirtin Liebe Nie mit Gewalt zum Mausen triebe, Und itzt in ihrem Schoße saß, War schlau, vernahm und merkte das. "Was?" dacht es, "eine Nuß soll so vortrefflich schmecken? Halt! diese Wahrheit soll mein Maul gleich selbst entdecken." Es sprang vom Schoße weg, und lief dem Garten zu. Nu, Katze, nu, wie dumm bist du! Der schönen Chloris Schoß um eine Nuß zu lassen? Wärst du ein junger Herr, wie würde sie dich hassen! Nein, Schönen, räumet mir nur diesen Ort erst ein; So wahr er mich ergetzt, ich will kein Kätzchen sein. Doch dieses sag ich nur so im Vorübergehen. Horcht! ich erzähle fort. Beim Garten blieb ich stehen? Nicht? Ja. Wohl gut. Hier fand der Katze Lüsternheit Beim nächsten Nußbaum nun, worauf sie sich gefreut. Wollt ihr etwan ein Bild zu meiner Fabel malen: So malt die Nüsse ja noch in den grünen Schalen, Die unsre Katze fand. Darauf kömmt alles an. Denn als sie kaum darein den ersten Biß getan, So schnaubt und sprudelt sie, als wenn sie Glas gefressen. "Dich", spricht sie, "lobt der Mensch: so mag er dich auch essen. Oh! pfui, was muß er nicht für eine Zunge haben! An solcher Säure sich zu laben!"

* O schweig nur dummes Tier! Du schmähst zur Ungebühr, Du hättest auf den Kern nur erstlich kommen sollen, Denn den, die Schale nicht, hat Lydas loben wollen!

L.

Die Sonne

Der Stern, durch den es bei uns tagt-- "Ach! Dichter, lern, wie unsereiner sprechen! Muß man, wenn du erzählst, Und uns mit albern Fabeln quälst, Sich denkend noch den Kopf zerbrechen?" Nun gut! die Sonne ward gefragt: Ob sie es nicht verdrösse, Daß ihre unermeßne Größe Die durch den Schein betrogne Welt Im Durchschnitt größer kaum, als eine Spanne, hält? "Mich", spricht sie, "sollte dieses kränken? Wer ist die Welt? wer sind sie, die so denken? Ein blind Gewürm! Genug, wenn jene Geister nur, Die auf der Wahrheit dunkeln Spur, Das Wesen von dem Scheine trennen, Wenn diese mich nur besser kennen!"

* Ihr Dichter, welche Feur und Geist Des Pöbels blödem Blick entreißt, Lernt, will euch mißgeschätzt des Lesers Kaltsinn kränken, Zufrieden mit euch selbst, stolz wie die Sonne denken!

Die Teilung

An seiner Braut, Fräulein Christinchens, Seite Saß Junker Bogislav Dietrich Karl Ferdinand Von--sein Geschlecht bleibt ungenannt-- Und tat, wie alle seine Landesleute, Die Pommern, ganz abscheulich witzig und galant. Was schwatzte nicht für zuckersüße Schmeicheleien Der Junker seinem Fräulein vor! Was raunte nicht für kühne Schelmereien Er ihr vertraut ins Ohr? Mund, Aug und Nas und Brust und Hände, Ein jedes Glied macht ihn entzückt, Bis er, entzückt auch über Hüft und Lende, Den plumpen Arm um Hüft und Lende drückt, Das Fräulein war geschnürt (vielleicht zum ersten Male) "Ha!" schrie der Junker; "wie geschlank! Ha, welch ein Leib! verdammt, daß ich nicht male! Als käm er von der Drechselbank! So dünn!--Was braucht es viel zu sprechen? Ich wette gleich--was wetten wir? wie viel? Ich will ihn voneinander brechen! Mit den zwei Fingern will ich ihn zerbrechen, Wie einen Pfeifenstiel!"

"Wie?" rief das Fräulein; "wie? zerbrechen? Zerbrechen" (rief sie nochmals) "mich? Sie könnten sich an meinem Latze stechen. Ich bitte, Sie verschonen sich."

"Beim Element! so will ichs wagen," Schrie Junker Bogislav, "wohlan!" Und hatte schon die Hände kreuzweis angeschlagen, Und packte schon heroisch an; Als schnell ein: "Bruder! Bruder, halt!" Vom Ofen her aus einem Winkel schallt.

In diesem Winkel saß, vergessen, nicht verloren, Des Bräutgams jüngster Bruder, Fritz. Fritz saß mit offnen Aug und Ohren, Ein Kind voll Mutterwitz.

"Halt!" schrie er, "Bruder! Auf ein Wort!" Und zog den Bruder mit sich fort. "Zerbrichst du sie, die schöne Docke, So nimm die Oberhälfte dir! Die Hälfte mit dem Unterrocke, Die, lieber Bruder, schenke mir!"

Faustin

Faustin, der ganze funfzehn Jahr Entfernt von Haus und Hof und Weib und Kindern war, Ward, von dem Wucher reich gemacht, Auf seinem Schiffe heimgebracht. "Gott", seufzt der redliche Faustin, Als ihm die Vaterstadt in dunkler Fern erschien, "Gott, strafe mich nicht meiner Sünden, Und gib mir nicht verdienten Lohn! Laß, weil du gnädig bist, mich Tochter, Weib und Sohn Gesund und fröhlich wieder finden." So seufzt Faustin, und Gott erhört den Sünder. Er kam, und fand sein Haus in Überfluß und Ruh. Er fand sein Weib und seine beiden Kinder, Und--Segen Gottes!--zwei dazu.

Morydan

Das Schiff, wo Morydan mit Weib und Kindern war Kam plötzlich in Gefahr. "Ach Götter, lasset euch bewegen! Befehlt", schrie Morydan, "daß See und Sturm sich legen. Nur diesmal lasset mich der nassen Gruft entfliehn; Nie, nie, gelob ich euch, mehr übers Meer zu ziehn! Neptun, erhöre mich! Sechs schwarze Rinder schenk ich dir Zum Opfer dankbar froh dafür!" "Sechs schwarze Rinder?" rief Mondar, Sein Nachbar der zugegen war. "Sechs schwarze Rinder? Bist du toll? Mir ist es ja, mir ist es schon bekannt, Daß solchen Reichtum dir das Glück nicht zugewandt, Und glaubst doch, daß es Gott Neptun nicht wissen soll?"

* Wie oft, o Sterblicher, wie ofte trauest du Der Gottheit weniger als deinem Nachbar zu!

Nix Bodenstrom

Nix Bodenstrom, ein Schiffer, nahm-- War es in Hamburg oder Amsterdam, Daran ist wenig oder nichts gelegen-- Ein junges Weib. "Das ist auch sehr verwegen, Freund!" sprach ein Kaufherr, den zum Hochzeitschmause Der Schiffer bat. "Du bist so lang und oft von Hause; Dein Weibchen bleibt indes allein: Und dennoch--willst du mit Gewalt denn Hahnrei sein? Indes, daß du zur See dein Leben wagst, Indes, daß du in Surinam, am Amazonenflusse, Dich bei den Hottentotten, Kannibalen plagst: Indes wird sie--"

"Mit Eurem schönen Schlusse!" Versetzte Nix. "Indes, indes! Ei nun! Das nämliche kann Euer Weibchen tun-- Denn, Herr, was brauchts dazu für Zeit? Indes Ihr auf der Börse seid."

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Fabeln und Erzählungen, von Gotthold Ephraim Lessing.