Chapter 1
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Fabeln und Erzählungen
Gotthold Ephraim Lessing
Inhalt:
Das Geheimnis Das Kruzifix Das Muster der Ehen Der über uns Der Adler und die Eule Der Eremit Der Hirsch und der Fuchs Der Löwe und die Mücke Der Sperling und die Feldmaus Der Tanzbär Der Wunsch zu sterben Die Bäre Die Brille Die Nuß und die Katze Die Sonne Die Teilung Die eheliche Liebe Die kranke Pulcheria Faustin Morydan Nix Bodenstrom
Das Geheimnis
Hans war zum Pater hingetreten, Ihm seine Sünden vorzubeten. Hans war noch jung, doch ohne Ruhm, So jung er war, von Herzen dumm. Der Pater hört ihn an. Hans beichtete nicht viel. Was sollte Hans auch beichten? Von Sünden wußt er nichts, und destomehr vom Spiel. Spiel ist ein Mittelding, das braucht er nicht zu beichten. "Nun, soll das alles sein? Fällt", sprach der Pater, "dir sonst nichts zu beichten ein?" "Ehrwürdger Herr, sonst nichts--"Sonst weißt du gar nichts mehr?" "Gar nichts, bei meiner Ehr!" "Sonst weißt du nichts? das wäre schlecht! So wenig Sünden? Hans besinn dich recht." "Ach Herr, mit Seinem scharfen Fragen-- Ich wüßte wohl noch was." "Nu? Nur heraus!--"Ja das, Herr Pater, kann ich Ihm bei meiner Treu nicht sagen." "So? weißt du etwa schon, worüber junge Dirnen, Wenn man es ihnen tut, und ihnen nicht tut, zürnen?" "Herr, ich versteh Euch nicht"--"Und desto besser; gut. Du weißt doch nichts von Dieberei, von Blut? Dein Vater hurt doch nicht?"--"O meine Mutter sprichts; Doch das ist alles nichts." "Nichts? Nu, was weißt du denn? Gesteh! du mußt es sagen! Und ich versprech es dir, Was du gestehest bleibt bei mir." "Auf Sein Versprechen, Herr, mag es ein andrer wagen; Daß ich kein Narre bin! Er darfs, Ehrwürdger Herr, nur einem Jungen sagen, So ist mein Glücke hin." "Verstockter Bösewicht", fuhr ihn der Pater an, "Weißt du, vor wem du stehst?--daß ich dich zwingen kann? Geh! dein Gewissen soll dich brennen! Kein Heiliger dich kennen! Dich kenn Maria nicht, auch nicht Mariens Sohn!" Hier wär dem armen Bauerjungen Vor Angst beinah das Herz zersprungen. Er weint und sprach voll Reu: "Ich weiß"--"Das weiß ich schon, Daß du was weißt; doch was?"--"Was sich nicht sagen läßt"-- "Noch zauderst du?"--"Ich weiß"--"Was denn?" "Ein Vogelnest. Doch wo es ist, fragt nicht; ich fürchte drum zu kommen. Vorm Jahre hat mir Matz wohl zehne weggenommen." "Geh Narr, ein Vogelnest war nicht der Mühe wert, Daß du es mir gesagt, und ichs von dir begehrt."
Ich kenn ein drolligt Volk,* mit mir kennt es die Welt, Das schon seit manchen Jahren Die Neugier auf der Folter hält, Und dennoch kann sie nichts erfahren. Hör auf, leichtgläubge Schar, sie forschend zu umschlingen! Hör auf, mit Ernst in sie zu dringen! Wer kein Geheimnis hat, kann leicht den Mund verschließen. Das Gift der Plauderei ist, nichts zu plaudern wissen. Und wissen sie auch was, so kann mein Märchen lehren, Daß oft Geheimnisse uns nichts Geheimes lehren, Und man zuletzt wohl spricht: War das der Mühe wert, Daß ihr es mir gesagt, und ichs von euch begehrt?
* Die Freimäurer.
Das Kruzifix
"Hans", spricht der Pater, "du mußt laufen, Uns in der nächsten Stadt ein Kruzifix zu kaufen. Nimm Matzen mit, hier hast du Geld. Du wirst wohl sehn, wie teuer man es hält." Hans kömmt mit Matzen nach der Stadt. Der erste Künstler war der beste. "Herr, wenn Er Kruzifixe hat, So laß Er uns doch eins zum heilgen Osterfeste."
Der Künstler war ein schalkscher Mann, Der gern der Einfalt lachte, Und Dumme gern noch dümmer machte, Und fing im Scherz zu fragen an: "Was wollt ihr denn für eines?"
"Je nun", spricht Matz, "ein wacker feines. Wir werden sehn, was ihr uns gebt."
"Das glaub ich wohl, allein das frag ich nicht. Ein totes, oder eins das lebt?"
Hans guckte Matzen und Matz Hansen ins Gesicht. Sie öffneten das Maul, allein es redte nicht. "Nun gebt mir doch Bericht. Habt ihr den Pater nicht gefragt?" "Mein Blut!" spricht endlich Hans, der aus dem Traum erwachte, "Mein Blut! er hat uns nichts gesagt. Weißt du es, Matz?"--"Ich dachte; Wenn dus nicht weißt; wie soll ichs wissen?" "So werdet ihr den Weg noch einmal gehen müssen. "Das wollen wir wohl bleiben lassen. Ja, wenn es nicht zur Frone wär."
Sie denken lange hin und her, Und wissen keinen Rat zu fassen. Doch endlich fällt es Matzen ein: "Je! Hans, sollts nicht am besten sein, Wir kauften eins das lebt?--Denn sieh, Ists ihm nicht recht, so machts ja wenig Müh, Wärs auch ein Ochs, es tot zu schlagen." "Nun ja", spricht Hans, "das wollt ich eben sagen: So haben wir nicht viel zu wagen."
Das war ein Argument, ihr Herren Theologen, Das Hans und Matz ex tuto zogen.
Das Muster der Ehen
Ein rares Beispiel will ich singen, Wobei die Welt erstaunen wird. Daß alle Ehen Zwietracht bringen, Glaubt jeder, aber jeder irrt. Ich sah das Muster aller Ehen, Still, wie die stillste Sommernacht. Oh! daß sie keiner möge sehen, Der mich zum frechen Lügner macht!
Und gleichwohl war die Frau kein Engel, Und der Gemahl kein Heiliger; Es hatte jedes seine Mängel. Denn niemand ist von allen leer.
Doch sollte mich ein Spötter fragen, Wie diese Wunder möglich sind? Der lasse sich zur Antwort sagen: Der Mann war taub, die Frau war blind.
Der Adler und die Eule
Der Adler Jupiters und Pallas Eule stritten. "Abscheulich Nachtgespenst!"--"Bescheidner, darf ich bitten. Der Himmel heget mich und dich; Was bist du also mehr, als ich?" Der Adler sprach: Wahr ists, im Himmel sind wir beide; Doch mit dem Unterscheide: Ich kam durch eignen Flug, Wohin dich deine Göttin trug.
Der Eremit
Im Walde nah bei einer Stadt, Die man mir nicht genennet hat, Ließ einst ein seltenes Gefieder, Ein junger Eremit sich nieder. "In einer Stadt", denkt Applikant, "Die man ihm nicht genannt? Was muß er wohl für eine meinen? Beinahe sollte mir es scheinen, Daß die,--nein die--gemeinet wär." Kurz Applikant denkt hin und her, Und schließt, noch eh er mich gelesen, Es sei gewiß Berlin gewesen.
"Berlin? Ja, ja, das sieht man bald; Denn bei Berlin ist ja ein Wald.--
Der Schluß ist stark, bei meiner Ehre: Ich dachte nicht, daß es so deutlich wäre. Der Wald paßt herrlich auf Berlin, Ohn ihn beim Haar herbeizuziehn. Und ob das Übrige wird passen, Will ich dem Leser überlassen. Auf Griechisch weiß ich, wie sie hieß; Doch wer verstehts? Kerapolis.
Hier, nahe bei Kerapolis, Wars, wo ein junger Eremite, In einer kleinen leeren Hütte, Im dicksten Wald sich niederließ. Was je ein Eremit getan, Fing er mit größtem Eifer an. Er betete, er sang, er schrie, Des Tags, des Nachts, und spät und früh. Er aß kein Fleisch, er trank nicht Wein, Ließ Wurzeln seine Nahrung sein, Und seinen Trank das helle Wasser; Bei allem Appetit kein Prasser. Er geißelte sich bis aufs Blut, Und wußte wie das Wachen tut. Er fastete wohl ganze Tage, Und blieb auf einem Fuße stehn; Und machte sich rechtschaffne Plage, In Himmel mühsam einzugehn. Was Wunder also, daß gar bald Vom jungen Heiligen im Wald Der Ruf bis in die Stadt erschallt?
Die erste, die aus dieser Stadt Zu ihm die heilge Wallfahrt tat, War ein betagtes Weib. Auf Krücken, zitternd, kam sie an, Und fand den wilden Gottesmann, Der sie von weitem kommen sahe, Dem hölzern Kreuze knieend nahe. Je näher sie ihm kömmt, je mehr Schlägt er die Brust, und weint, und winselt er, Und wie es sich für einen Heilgen schicket, Erblickt sie nicht, ob er sie gleich erblicket. Bis er zuletzt vom Knieen matt, Und heiliger Verstellung satt, Vom Fasten, Kreuzgen, Klosterleben, Marienbildern, Opfergeben, Von Beichte, Salbung, Seelenmessen, Ohn das Vermächtnis zu vergessen, Von Rosenkränzen mit ihr redte, Und das so oratorisch sagt, Daß sie erbärmlich weint und klagt, Als ob er sie geprügelt hätte. Zum Schluß bricht sie von seiner Hütte, Wozu der saure Eremite Mit Not ihr die Erlaubnis gab, Sich einen heilgen Splitter ab, Den sie beküsset und belecket, Und in den welken Busen stecket. Mit diesem Schatz von Heiligkeit Kehrt sie zurück begnadigt und erfreut, Und läßt daheim die frömmsten Frauen Ihn küssen, andre nur beschauen. Sie ging zugleich von Haus zu Haus, Und rief auf allen Gassen aus: "Der ist verloren und verflucht, Der unsern Eremiten nicht besucht!" Und brachte hundert Gründe bei, Warum es sonderlich den Weibern nützlich sei.
Ein altes Weib kann Eindruck machen; Zum Weinen bei der Frau, und bei dem Mann zum Lachen. Zwar ist der Satz nicht allgemein; Auch Männer können Weiber sein. Doch diesmal waren sie es nicht. Die Weiber schienen nur erpicht, Den teuern Waldseraph zu sehen. Die Männer aber?--wehrtens nicht, Und ließen ihre Weiber gehen. Die Häßlichen und Schönen, Die ältesten und jüngsten Frauen, Das arme wie das reiche Weib,-- Kurz jede ging, sich zu erbauen, Und jede fand erwünschten Zeitvertreib.
"Was? Zeitvertreib, wo man erbauen will? Was soll der Widerspruch bedeuten?" Ein Widerspruch? Das wäre viel! "Er sprach ja sonst von lauter Seligkeiten!"-- Oh! davon sprach er noch, nur mit dem Unterscheide: Mit Alten sprach er stets von Tod und Eitelkeit, Mit Armen von des Himmels Freude, Mit Häßlichen von Ehrbarkeit, Nur mit den Schönen allezeit Vom ersten jeder Christentriebe. Was ist das? Wer mich fragt, kann der ein Christ wohl sein? Denn jeder Christ kömmt damit überein, Es sei die liebe Liebe.
Der Eremit war jung; das hab ich schon gesagt. Doch schön? Wer nach der Schönheit fragt, Der mag ihn hier besehn. Genug, den Weibern war er schön. Ein starker, frischer, junger Kerl, Nicht dicke wie ein Faß, nicht hager wie ein Querl-- "Nun, nun, aus seiner Kost ist jenes leicht zu schließen." Doch sollte man auch wissen, Daß Gott dem, den er liebt, Zu Steinen wohl Gedeihen gibt; Und das ist doch kein fett Gerichte! Ein bräunlich männliches Gesichte, Nicht allzu klein, nicht allzu groß, Das sich im dichten Barte schloß; Die Blicke wild, doch sonder Anmut nicht; Die Nase lang, wie man die Kaisernasen dichtt. Das ungebundne Haar floß straubicht um das Haupt; Und wesentlichre Schönheitsstücke Hat der zerrißne Rock dem Blicke Nicht ganz entdeckt, nicht ganz geraubt. Der Waden nur noch zu gedenken: Sie waren groß, und hart wie Stein. Das sollen, wie man sagt, nicht schlimme Zeichen sein; Allein den Grund wird man mir schenken.
Nun wahrlich, so ein Kerl kann Weiber lüstern machen. Ich sag es nicht für mich; es sind geschehne Sachen. "Geschehne Sachen? was? So ist man gar zur Tat gekommen?" Mein lieber Simplex, fragt sich das? Weswegen hätt er denn die Predigt unternommen? Die süße Lehre süßer Triebe? Die Liebe heischet Gegenliebe, Und wer ihr Priester ist, verdienet keinen Haß.
O Andacht, mußt du doch so manche Sünde decken! Zwar die Moral ist hier zu scharf, Weil mancher Mensch sich nicht bespiegeln darf, Aus Furcht, er möchte vor sich selbst erschrecken. Drum will ich nur mit meinen Lehren Ganz still nach Hause wieder kehren. Kömmt mir einmal der Einfall ein, Und ein Verleger will für mich so gnädig sein, Mich in groß Quart in Druck zu nehmen; So könnt ich mich vielleicht bequemen, Mit hundert englischen Moralen, Die ich im Laden sah, zu prahlen, Exempelschätze, Sittenrichter, Die alten und die neuen Dichter Mit witzgen Fingern nachzuschlagen, Und was die sagen, und nicht sagen, In einer Note abzuschreiben. Bringt, sag ich noch einmal, man mich gedruckt an Tag; Denn in der Handschrift laß ichs bleiben, Weil ich mich nicht belügen mag.
Ich fahr in der Erzählung fort-- Doch möcht ich in der Tat gestehn, Ich hätte manchmal mögen sehn, Was die und die, die an den Wallfahrtsort Mit heiligen Gedanken kam, Für fremde Mienen an sich nahm, Wenn der verwegne Eremit, Fein listig, Schritt vor Schritt, Vom Geist aufs Fleisch zu reden kam. Ich zweifle nicht, daß die verletzte Scham Den Zorn nicht ins Gesicht getrieben, Daß Mund und Hand nicht in Bewegung kam, Weil beide die Bewegung lieben; Allein, daß die Versöhnung ausgeblieben, Glaub ich, und wer die Weiber kennt, Nicht eher, als kein Stroh mehr brennt. Denn wird doch wohl ein Löwe zahm. Und eine Frau ist ohnedem ein Lamm. "Ein Lamm? du magst die Weiber kennen." Je nun, man kann sie doch insoweit Lämmer nennen, Als sie von selbst ins Feuer rennen.
"Fährst du in der Erzählung fort? Und bleibst mit deinem Kritisieren Doch ewig an demselben Ort?" So kann das Nützliche den Dichter auch verführen. Nun gut, ich fahre fort, Und sag, um wirklich fortzufahren, Daß nach fünf Vierteljahren Die Schelmereien ruchbar waren. "Erst nach fünf Vierteljahren? Nu; Der Eremit hat wacker ausgehalten. So viel trau ich mir doch nicht zu; Ich möchte nicht sein Amt ein Vierteljahr verwalten. Allein, wie ward es ewig kund? Hat es ein schlauer Mann erfahren? Verriet es einer Frau waschhafter Mund? Wie? oder daß den Hochverrat Ein alt neugierig Weib, aus Neid, begangen hat?" O nein; hier muß man besser raten, Zwei muntre Mädchen hatten schuld, Die voller frommen Ungeduld Das taten, was die Mütter taten; Und dennoch wollten sich die Mütter nicht bequemen, Die guten Kinder mitzunehmen. "Sie merkten also wohl den Braten?"-- Und haben ihn gar dem Papa verraten. "Die Töchter sagtens dem Papa? Wo blieb die Liebe zur Mama?" Oh! die kann nichts darunter leiden; Denn wenn ein Mädchen auch die Mutter liebt, Daß es der Mutter in der Not Den letzten Bissen Brot Aus seinem Munde gibt; So kann das Mädchen doch die Mutter hier beneiden, Hier, wo so Lieb als Klugheit spricht: Ihr Schönen, trotz der Kinderpflicht, Vergeßt euch selber nicht! Kurz, durch die Mädchen kams ans Licht, Daß er, der Eremit, beinah die ganze Stadt Zu Schwägern oder Kindern hat.
Oh! der verfluchte Schelm! Wer hätte das gedacht! Die ganze Stadt ward aufgebracht, Und jeder Ehmann schwur, daß in der ersten Nacht, Er und sein Mitgenoß der Hain, Des Feuers Beute müsse sein. Schon rotteten sich ganze Scharen, Die zu der Rache fertig waren. Doch ein hochweiser Magistrat Besetzt das Tor, und sperrt die Stadt, Der Eigenrache vorzukommen, Und schicket alsobald Die Schergen in den Wald, Die ihn vom Kreuze weg, und in Verhaft genommen. Man redte schon von Galgen und von Rad, So sehr schien sein Verbrechen häßlich; Und keine Strafe war so gräßlich, Die, wie man sagt, er nicht verdienet hat. Und nur ein Hagestolz, ein schlauer Advokat, Sprach: "Oh! dem kömmt man nicht ans Leben, Der es Unzähligen zu geben, So rühmlich sich beflissen hat."
Der Eremite, der die Nacht Im Kerker ungewiß und sorgend durchgemacht, Ward morgen ins Verhör gebracht. Der Richter war ein schalkscher Mann, Der jeden mit Vergnügen schraubte, Und doch--(wie man sich irren kann!) Von seiner Frau das beste glaubte. "Sie ist ein Ausbund aller Frommen, Und nur einmal in Wald gekommen, Den Pater Eremit zu sehn. Einmal! Was kann da viel geschehn?" So denkt der gütige Herr Richter. Denk immer so, zu deiner Ruh, Lacht gleich die Wahrheit und der Dichter, Und deine fromme Frau dazu.
Nun tritt der Eremit vor ihn. "Mein Freund, wollt Ihr von selbst die nennen, Die--die Ihr kennt, und die Euch kennen: So könnt Ihr der Tortur entfliehn. Doch"--"Darum laß ich mich nicht plagen. Ich will sie alle sagen. Herr Richter, schreib Er nur!" Und wie? Der Eremit entdecket sie? Ein Eremite kann nicht schweigen? Sonst ist das Plaudern nur den Stutzern eigen. Der Richter schrieb. "Die erste war Kamilla"--"Wer? Kamilla?" "Ja fürwahr! Die andern sind: Sophia, Laura, Doris, Angelika, Korinna, Chloris"-- "Der Henker mag sie alle fassen, Gemach! und eine nach der andern fein! Denn eine nur vorbei zu lassen"-- "Wird wohl kein großer Schade sein", Fiel jeder Ratsherr ihm ins Wort. "Hört", schrieen sie, "erzählt nur fort!" Weil jeder Ratsherr in Gefahr, Sein eigen Weib zu hören war. "Ihr Herren", schrie der Richter, "nein! Die Wahrheit muß am Tage sein; Was können wir sonst für ein Urteil fassen?" "Ihn", schrieen alle, "gehn zu lassen." "Nein, die Gerechtigkeit"--und kurz der Delinquent Hat jede noch einmal genennt, Und jeder hing der Richter dann Ein loses Wort für ihren Hahnrei an. Das Hundert war schon mehr als voll; Der Eremit, der mehr gestehen soll, Stockt, weigert sich, scheut sich zu sprechen-- "Nu, nu, nur fort! was zwingt Euch wohl, So unvermutet abzubrechen?" "Das sind sie alle!" "Seid Ihr toll? Ein Held wie Ihr! Gestehet nur, gesteht! Die letzten waren, wie Ihr seht: Klara, Pulcheria, Susanne, Charlotte, Mariane, Hanne. Denkt nach! ich laß Euch Zeit dazu!" "Das sind sie wirklich alle!" "Nu-- Macht, eh wir schärfer in Euch dringen!" "Nein keine mehr; ich weiß genau_-- "Ha! ha! ich seh, man soll Euch zwingen"-- "Nun gut, Herr Richter,--Seine Frau"--
* Daß man von der Erzählung nicht Als einem Weibermärchen spricht, So mach ich sie zum Lehrgedicht, Durch beigefügten Unterricht: Wer seines Nächsten Schande sucht, Wird selber seine Schande finden! Nicht wahr, so liest man mich mit Frucht? Und ich erzähle sonder Sünden?
Der Hirsch und der Fuchs
"Hirsch, wahrlich, das begreif ich nicht", Hört ich den Fuchs zum Hirsche sagen, "Wie dir der Mut so sehr gebricht? Der kleinste Windhund kann dich jagen. Besieh dich doch, wie groß du bist! Und sollt es dir an Stärke fehlen? Den größten Hund, so stark er ist, Kann dein Geweih mit einem Stoß entseelen. Uns Füchsen muß man wohl die Schwachheit übersehn; Wir sind zu schwach zum widerstehn. Doch daß ein Hirsch nicht weichen muß, Ist sonnenklar. Hör meinen Schluß. Ist jemand stärker, als sein Feind, Der braucht sich nicht vor ihm zurückzuziehen; Du bist den Hunden nun weit überlegen, Freund: Und folglich darfst du niemals fliehen." "Gewiß, ich hab es nie so reiflich überlegt. Von nun an", sprach der Hirsch, "sieht man mich unbewegt, Wenn Hund' und Jäger auf mich fallen; Nun widersteh ich allen."
Zum Unglück, daß Dianens Schar So nah mit ihren Hunden war. Sie bellen, und sobald der Wald Von ihrem Bellen widerschallt, Fliehn schnell der schwache Fuchs und starke Hirsch davon.
* Natur tut allzeit mehr, als Demonstration.
Der Löwe und die Mücke
Ein junger Held vom muntern Heere, Das nur der Sonnenschein belebt, Und das mit saugendem Gewehre Nach Ruhm gestochner Beulen strebt, Doch die man noch zum großen Glücke Durch zwei Paar Strümpfe hindern kann, Der junge Held war eine Mücke. Hört meines Helden Taten an! Auf ihren Kreuz- und Ritterzügen Fand sie, entfernt von ihrer Schar, Im Schlummer einen Löwen liegen, Der von der Jagd entkräftet war. Seht, Schwestern, dort den Löwen schlafen, Schrie sie die Schwestern gaukelnd an. Jetzt will ich hin, und will ihn strafen. Er soll mir bluten, der Tyrann!
Sie eilt, und mit verwegnem Sprunge Setzt sie sich auf des Königs Schwanz. Sie sticht, und flieht mit schnellem Schwunge, Stolz auf den sauern Lorbeerkranz. Der Löwe will sich nicht bewegen? Wie? ist er tot? Das heiß ich Wut! Zu mördrisch war der Mücke Degen: Doch sagt, ob er nicht Wunder tut?
"Ich bin es, die den Wald befreiet, Wo seine Mordsucht sonst getobt. Seht, Schwestern, den der Tiger scheuet, Der stirbt! Mein Stachel sei gelobt!" Die Schwestern jauchzen, voll Vergnügen, Um ihre laute Siegerin. Wie? Löwen, Löwen zu besiegen! Wie, Schwester, kam dir das in Sinn?
"Ja, Schwestern, wagen muß man! wagen! Ich hätt es selber nicht gedacht. Auf! lasset uns mehr Feinde schlagen. Der Anfang ist zu schön gemacht." Doch unter diesen Siegesliedern, Da jede von Triumphen sprach, Erwacht der matte Löwe wieder, Und eilt erquickt dem Raube nach.
Der Sperling und die Feldmaus
Zur Feldmaus sprach ein Spatz: Sieh dort den Adler sitzen! Sieh, weil du ihn noch siehst! er wiegt den Körper schon; Bereit zum kühnen Flug, bekannt mit Sonn und Blitzen, Zielt er nach Jovis Thron. Doch wette,--seh ich schon nicht adlermäßig aus-- Ich flieg ihm gleich.--Fleug, Prahler, rief die Maus. Indes flog jener auf, kühn auf geprüfte Schwingen; Und dieser wagts, ihm nachzudringen. Doch kaum, daß ihr ungleicher Flug Sie beide bis zur Höh gemeiner Bäume trug, Als beide sich dem Blick der blöden Maus entzogen, Und beide, wie sie schloß, gleich unermeßlich flogen.
* Ein unbiegsamer F* will kühn wie Milton singen. Nach dem er Richter wählt, nach dem wirds ihm gelingen.
Der Tanzbär
Ein Tanzbär war der Kett entrissen, Kam wieder in den Wald zurück, Und tanzte seiner Schar ein Meisterstück Auf den gewohnten Hinterfüßen. "Seht", schrie er, "das ist Kunst; das lernt man in der Welt. Tut mir es nach, wenns euch gefällt, Und wenn ihr könnt!" "Geh", brummt ein alter Bär, "Dergleichen Kunst, sie sei so schwer, Sie sei so rar sie sei! Zeigt deinen niedern Geist und deine Sklaverei."
* Ein großer Hofmann sein, Ein Mann, dem Schmeichelei und List Statt Witz und Tugend ist; Der durch Kabalen steigt, des Fürsten Gunst erstiehlt, Mit Wort und Schwur als Komplimenten spielt, Ein solcher Mann, ein großer Hofmann sein, Schließt das Lob oder Tadel ein?
Der über uns
Hans Steffen stieg bei Dämmerung (und kaum Konnt er vor Näschigkeit die Dämmerung erwarten) In seines Edelmannes Garten Und plünderte den besten Äpfelbaum. Johann und Hanne konnten kaum Vor Liebesglut die Dämmerung erwarten, Und schlichen sich in eben diesen Garten, Von ungefähr an eben diesen Äpfelbaum.
Hans Steffen, der im Winkel oben saß Und fleißig brach und aß, Ward mäuschenstill, vor Wartung böser Dinge, Daß seine Näscherei ihm diesmal schlecht gelinge. Doch bald vernahm er unten Dinge, Worüber er der Furcht vergaß Und immer sachte weiter aß.
Johann warf Hannen in das Gras. "O pfui," rief Hanne; "welcher Spaß! Nicht doch, Johann!--Ei was? Oh, schäme dich!--Ein andermal--o laß-- Oh, schäme dich!--Hier ist es naß."-- "Naß, oder nicht; was schadet das? Es ist ja reines Gras."--
Wie dies Gespräche weiter lief, Das weiß ich nicht. Wer brauchts zu wissen? Sie stunden wieder auf und Hanne seufzte tief: "So, schöner Herr! heißt das bloß küssen? Das Männerherz! Kein einzger hat Gewissen! Sie könnten es uns so versüßen! Wie grausam aber müssen Wir armen Mädchen öfters dafür büßen! Wenn nun auch mir ein Unglück widerfährt-- Ein Kind--ich zittre--wer ernährt Mir dann das Kind? Kannst du es mir ernähren?" "Ich?" sprach Johann; "die Zeit mags lehren. Doch wirds auch nicht von mir ernährt, Der über uns wirds schon ernähren, Dem über uns vertrau!"
Dem über uns! Dies hörte Steffen. Was, dacht er, will das Pack mich äffen? Der über ihnen? Ei, wie schlau! "Nein!" schrie er: "laßt euch andre Hoffnung laben! Der über euch ist nicht so toll! Wenn ich ein Bankbein nähren soll: So will ich es auch selbst gedrechselt haben!"
Wer hier erschrak und aus dem Garten rann, Das waren Hanne und Johann. Doch gaben bei dem Edelmann Sie auch den Äpfeldieb wohl an? Ich glaube nicht, daß sies getan.
Der Wunsch zu sterben Eine Erzählung.