Experimentelle Untersuchungen Uber Die Frage Ist Die Furcht Vor

Chapter 2

Chapter 23,097 wordsPublic domain

Die Tabelle zeigt uns, daß durchschnittlich die Kulturplatten, die mit dem Material des Hörers besät sind, rund 71 Kolonieen aufweisen, während auf den Kulturplatten, die mit dem Material des Schallbechers besät sind, nur rund 14 Kolonieen gewachsen sind. Die Platten, die dem Material des Hörers entstammen, enthielten demnach etwa 5 mal so viel Keime, als die des Schallbechers. Dieses Verhältnis 5 : 1 scheint mir etwas zu hoch gegriffen und ist lediglich auf die außerordentlich zahlreiche Bewachsung der Kulturplatten von den Telephonen Nr. 8, 31, 36 zurückzuführen. Indessen ist als erwiesen anzusehen, daß dem Hörer eine weit größere Menge Mikroorganismen anhaften als dem Schallbecher. Den Grund für dieses zunächst nicht zu erwartende Resultat möchte ich vornehmlich darin suchen, daß durch den direkten Kontakt der ganz ansehnlichen Fläche, die der Hörer bildet, mit der Haut und besonders auch den Haaren der das Telephon benutzenden Person das Haftenbleiben von Keimen stark begünstigt wird. Ferner ist in Erwägung zu ziehen, daß der Hörer der Ansiedelung von Keimen, die mit dem Staube verschleppt werden, eine größere Oberfläche darbietet und auch weit mehr der Staubablagerung exponiert ist als der trichterförmig abgeschlossene Schallbecher.

Abgesehen von der Zahl der Keime interessierte nun besonders lebhaft die Frage nach der _Art_ derselben, unter besonderer Berücksichtigung des Umstandes, ob unter den aufgefundenen Arten pathogene Keime vorhanden seien.

Zur Identifizierung der einzelnen Arten verwandte ich Züchtung in Bouillon, auf Agar-Agar-, Serum-, Gelatineplatten, ferner mikroskopische Untersuchung aller gewachsenen Kolonieen sowohl im hängenden Tropfen wie nach vorangegangener Färbung mit Methylenblau, Karbolfuchsin, Malachitgrün, oder Gramfärbung und zur besseren Darstellung der Sporen die Sporenfärbung nach _Möller_, bei Diphtherie ähnlichen Keimen die von _Loeffler_ modifizierte Neissersche Polkörnchenfärbung, an die sich eventuell weiter notwendige Maßnahmen wie Verimpfung auf Trauben- und Milchzuckerhaltige Nährböden, spezifische Typhusnährböden usw. anschlossen. Zur Entscheidung über die Pathogenität diente in jedem Falle der Tierversuch.

Hiernach kam ich zu folgendem Resultat:

Die Arten der durch die Plattenkulturen an den Fernsprechern nachgewiesenen Mikroorganismen sind fast in jedem Falle die gleichen. Die Bakterienflora des Hörers unterschied sich qualitativ in nichts von der des Schallbechers, weshalb nach einer Reihe von Untersuchungen das gesonderte Verfahren aufgegeben wurde.

Weitaus am häufigsten, auf jeder Platte mehrmals, anzutreffen sind Kolonieen runder, Gram positiver Mikrokokken (Staphylokokken). Die Kolonieen sind in den meisten Fällen schon makroskopisch als Staphylokokkenkolonieen zu erkennen. Sie sind zumeist rund, glattrandig, starkglänzend und bilden ziemlich dicke Auflagerungen. Häufig zu beobachten ist nach längerer Zeit die Bildung von concentrischen Ringen und Dellen im Centrum der Kolonieen, sodaß die Randzone wallartig aufgeworfen erscheint. In der Farbe geben sie alle Nüancierungen wieder von einem dunklen Orange zum hellen Citronengelb, von einem leuchtenden Weiß über rosa Farbentöne zum Rot. Auch Farbenwechsel nach längerer Zeit ist beobachtet: Kolonieen, die anfänglich als weiße Auflagerungen protokolliert sind, nehmen später z. B. einen gelblichorangen Farbenton an. Andrerseits findet sich bei ein und derselben Kolonie stärker ausgesprochene Färbung des Centrums oder entsprechend den concentrischen Ringen, während häufig die Randzone blassere Farbentöne aufweist. Nicht immer ist der Grund darin zu suchen, daß die Kolonie stumpf kegelförmig vom Rande her nach dem Centrum ansteigt, also an der Peripherie dünner geschichtet ist.

Die Größenverhältnisse der Kolonieen sind auch bei gleichem Alter verschieden: es finden sich Kolonieen im Durchmesser von 1-20 mm.

Die Konsistenz der Kolonieen ist durchweg weich, das Material für die Untersuchungen ist mit der Platinöse stets leicht zu entnehmen.

Die Form der Kokken ist in der Mehrzahl der Fälle rund und im allgemeinen treffen wir bei der gleichen Kolonie Kokken von gleicher Größe. Sie liegen haufenweise zusammen, ausgesprochene Traubenform ist nicht selten. Häufig liegen sie vereinzelt und imponieren dann oft als Diplokokken. Was die Größe der einzelnen Kokkenarten anbelangt, so finden wir alle Übergänge von winzigen zu recht ansehnlichen Kokken.

Die Agarstrichkulturen zeigen die gleichen Eigenschaften bezüglich der Farbe und Beschaffenheit wie die Plattenkulturen. Sie bilden dicke, saftig erscheinende Auflagerungen längs des Striches, meist über ihn hinauswachsend. Das Kondenswasser ist diffus getrübt.

Die Gelatine wird von den einzelnen Arten verschieden spät verflüssigt. Einige Kokkenarten verflüssigen rapide, bei anderen zeigt sich erst nach Ablauf von einigen Tagen eine schwache Verflüssigungszone um die Kolonie, wieder andere verflüssigen garnicht.

Nach ihren genannten Merkmalen trage ich keine Bedenken, die meisten der gefundenen Arten je nach ihrer Farbstoffbildung als _Staphylococcus albus_, _aureus_, _citreus_, _rosaceus etc._ zu identifizieren. Der Staphylococcus albus, aureus, citreus wird ja vielfach als der verbreiteteste Eitererreger angesehen, und es liegt der Gedanke nahe, daß wir es bei den aufgefundenen Arten mit Vertretern pathogener Keime zu tun haben. Indessen kann man nicht lediglich aus der Form und der Art des Wachstums der Mikroorganismen Rückschlüsse auf deren Virulenz machen. Ich habe daher in all diesen Fällen den Tierversuch entscheiden lassen. Von Reinkulturen wurden 2 bis 4 Platinösen Meerschweinchen unter die Haut appliziert: trotz der reichlichen Menge zeigten die Tiere keinerlei Herd- oder Allgemeinerscheinungen, die auf krankhafte Prozesse schließen ließen.

Ziemlich selten wurden Gram negative Kokken gefunden.

Während von den Gram positiven Kokken jede einzelne Art häufiger anzutreffen war, ist von den Gram negativen Kokkenkolonieen fast keine der anderen gleich:

Sind sie auch äußerlich nach Farbe und Beschaffenheit der Kolonieen nicht zu unterscheiden so finden sich Abweichungen in der Größe der einzelnen Kokken, der Fähigkeit, Gelatine zu verflüssigen, oder der Form, indem sie dann und wann als Diplokokken in Erscheinung treten.

Relativ oft sind es blaßgraue bis bräunliche, stark saftig erscheinende Kolonieen, deren mehr oder weniger breite Randzone einen gezackten Rand aufweist und transparent ist. Ihre Oberfläche ist glatt, oft mit radiärer Streifung versehen. Treten dazu concentrische Ringe, so erhalten die Kolonieen, wie einige Mal beobachtet, ein kokardenähnliches Aussehen.

Auch grünlichgelbe, citronen- bis schwefelgelbe Kolonieen kommen häufiger vor; auch diese Kolonieen bilden nach einiger Zeit concentrische Ringe, in noch älteren Stadien Schichtung im Centrum. Diese gelben Kolonieen zeigen die Eigentümlichkeit, daß die Größe der Kokken aus der gleichen Kolonie ziemlich variiert.

Auch mit diesen Gram negativen Kokkenarten sind Tierexperimente angestellt worden. Es zeigte sich, daß auch sie nicht tierpathogen sind.

Sehr häufig sind Sarcine auf den Kulturplatten anzutreffen. Fast ausschließlich sind es matt oder glänzend gelbe, glattrandige, die Gelatine mehr oder weniger zeitig verflüssigende Kolonieen. Auf Gelatineplatten wachsen sie langsam, schneller auf Agarplatten, wo Auflagerungen von 1 cm Durchmesser beobachtet wurden. Mikroskopisch finden wir neben ausgesprochener Warenballenform Anordnung der Sarcinekokken in Tetraden.

Zweimal sind kleine, grauweiße, runde, matte Sarcinekolonieen angetroffen worden, die die Gelatine spät verflüssigten. Mikroskopisch erwiesen sie sich als kleine rundliche Kokken, die zu vieren zusammenlagen.

Einige der oben angeführten gelb wachsenden Arten halte ich für identisch mit der _Sarcina flava_ und _lutea_.

Auch mit den Sarcinearten sind Tierversuche angestellt worden. Injektionen von Reinkulturen unter die Haut von Meerschweinchen riefen keinerlei Veränderungen am Tierkörper hervor.

Zu den allergewöhnlichsten Befunden auf den Kulturplatten gehören Stäbchen. Weitaus in der Mehrzahl sind es Vertreter aus der großen Gruppe der Heubazillen. Ihre Kolonieen finden sich auf jeder Platte als weißlichgraue, glänzende, auf Agar-Agar häufiger matte, glattrandige Auflagerungen. Ihre Oberfläche ist oft radiär oder concentrisch gefaltet und einem Häutchen vergleichbar.

Mikroskopisch finden sich große und mittelgroße, oft zu langen Fäden vereinigte sporentragende Stäbchen, die sich nach Gram färben. Im hängenden Tropfen zeigen die Bazillen lebhafte Eigenbewegung. Die Gelatine wird schnell unter Bildung eines zarten Häutchens verflüssigt.

Als sicher konnten diagnostiziert werden der _Bazillus subtilis_, der _Bazillus mesentericus vulgatus_, charakterisiert durch das typische Wachstum auf Kartoffeln, ferner der _Bazillus mycoides_, dessen Kolonieen wie die Ausläufer von Wurzeln sich verzweigen und schon makroskopisch nicht zu verkennen sind. Alle diese Mikroorganismen sind in Luft und Staub weit verbreitet und absolut unschädlich. Die pathogenen Arten der sporenbildenden Stäbchen, die Erreger des Milzbrandes, Rauschbrandes, des malignen Oedems sind nicht gefunden worden.

Nicht sporentragende Stäbchen gehören ebenfalls zu den allergewöhnlichsten Befunden.

Kurze, plumpe Gram positive Stäbchen sind von den verschiedensten Kolonieen zu gewinnen. Beobachtet wurden auf Agarplatten orangegelbe Kolonieen, die eine stark glänzende Oberfläche haben und nach dem Rande hin sich aufhellen. Die Kolonie ist stark prominent, ihr Rand glatt, bei älteren Kolonieen treffen wir im Centrum dellenförmige Einsenkungen an.

Ein andermal entstammen nach ihrer Form mikroskopisch von den eben genannten nicht zu unterscheidende plumpe Kurzstäbchen weißlich runden, weniger intensiv glänzenden, durch concentrische Ringe und gezackten Rand sich auszeichnenden Auflagerungen.

Mit einiger Regelmäßigkeit treffen wir ferner plumpe Kurzstäbchen an in Kolonieen, die blaßgraugelblich glänzend, transparent sind und eine unregelmäßige Form haben. Die Randzone ist stärker prominent, wallartig und intensiver gelblich gefärbt.

Weiterhin sind plumpe Gram positive Kurzstäbchen nachzuweisen in großen, gelblichgrauen, glänzenden, glattrandigen, runden Kolonieen mit concentrischen Ringen. Die Stäbchen aus diesen Kolonieen liegen meist paarweise aneinander.

Auch auf blaßrosa, runden, im Centrum intensiver rosa gefärbten Kolonieen wuchsen plumpe Gram positive Kurzstäbchen.

Winzige, zarte, schlanke Gram positive Stäbchen bildeten oft Kolonieen, die eine saftig glänzende Oberfläche aufweisen, gelb bis gelblichbraun gefärbt sind und nach dem Rand hin durchsichtig werden. Die Auflagerungen sind zart und erreichen selten eine auffallende Größe.

Längere, zarte, sich nach Gram entfärbende Stäbchen begegnen uns häufiger aus blaßgrau glänzenden, wie ein zarter Schleier auf Agarplatten wachsenden, durchsichtigen Kolonieen mit gezacktem Rand. In älteren Kolonieen nimmt das Centrum weißliche Verfärbung an und ist oft durch einen concentrischen transparenten Ring von der ebenfalls sich weißlich verfärbenden und dadurch undurchsichtig gewordenen Randzone getrennt.

Auch zarte, kleine, Influenzabazillen ähnliche Mikroorganismen sind gefunden worden. Sie teilen mit dem Erreger der Influenza die Form und die Eigenschaft, nach Gram sich zu entfärben. Ihre Kolonieen bilden kleine, runde, saftig gelbe Auflagerungen bis zu einem Durchmesser von 1 mm, deren Rand glatt und gezackt ist. Die Tatsache, daß diese Bazillen sich auf Agarnährböden ohne Blutzusatz schon in erster Generation gewinnen und ohne Schwierigkeit fortzüchten ließen, spricht allein schon gegen die Vermutung, daß wir es mit Influenzabazillen zu tun haben könnten. Influenzabazillen sind auch dem Eintrocknen gegenüber wenig resistent. Rasches Eintrocknen soll sie nach _Lehmann-Neumann_ schon nach 2 Stunden zum Absterben bringen. Das Telephon wäre also an sich schon ein wenig geeigneter Fundort für diese Bazillen. Wahrscheinlich haben wir einen aus der Luft häufiger gewonnenen Bazillus vor uns, ähnlich dem _Bazillus aëris minutissimus_.

Gram negative, bewegliche Bakterien, deren Kolonieen denen der Kolibakterien glichen und auch im mikroskopischen Bilde von ihnen nicht zu unterscheiden waren, konnten nicht als Kolibakterien angesprochen werden, da in den _Loeffler_'schen Grünlösungen Milch- und Traubenzucker von ihnen nicht vergärt wurden.

Die Untersuchung typhusähnlicher Mikroorganismen auf spezifischen Nährböden blieb gleichfalls resultatlos.

Besondere Aufmerksamkeit wurde dem Telephon der Typhusbaracke gewidmet. Typhusbazillen sind im Staub und auf den Fußböden von Wohnungen, in denen Typhuskranke gelegen haben, oftmals gefunden worden und wie _Rullmann_ nachgewiesen hat, bleiben diese Keime in sterilisierten Fußböden über ein Jahr am Leben. Mit dem aus dem Telephon der Typhusbaracke gewonnenen Material wurden abgesehen von den üblichen Verfahren Versuche angestellt, die besonders dem Nachweis von Typhusbazillen dienen sollten. Es wurde Material in Röhrchen mit Ochsengalle gebracht, um eine Anreicherung etwa vorhandener Typhusbazillen zu erzielen, und nun weiter auf Lakmusnutroseagar und Safranin-Reinblau-Malachitgrün-Nährböden nach _Loeffler_ verimpft. Die Versuche blieben negativ.

Ebenfalls genaueren Untersuchungen wurde das Telephon der Diphtheriebaracke unterzogen. Nach den von _Weichardt_, _Kolle_, _Tjaden_, _Park_, _Wright_, _Emerson_, _Jäger_ und _Forbes_ angestellten Untersuchungen sind Diphtheriebazillen an den verschiedensten Gegenständen aus der Umgebung des Kranken, an Betteppichen, Halstüchern, Möbeln, Türklinken, den Kleidern und Schuhen des Pflegepersonals und, was für die vorliegenden Untersuchungen von besonderer Wichtigkeit sein dürfte, an den Haaren der Wärterinnen nachgewiesen worden. Der Gedanke, am Telephon der Diphtheriebaracke die _Loeffler_'schen Bazillen zu finden, hat jedenfalls viel Wahrscheinlichkeit für sich. Von vornherein wurde also Material auf _Loeffler_'sches Hammelblutserum ausgesät. Unter den gewachsenen Kolonieen war keine typisch für Diphtherie und auch mikroskopisch sind auf den der Diphtheriebaracke entstammenden Kulturen weder Diphtherie- noch Pseudodiphtheriebazillen aufgefunden worden.

Dagegen fanden sich ein einziges Mal -- dem Telephon einer Privatklinik entstammend -- Bazillen, die Gram positiv waren und in ihrer Form und Struktur, auch in der Art, wie die einzelnen Bazillen zu einander lagen, echten Diphtheriebazillen glichen. Die Bazillen waren an den Enden hantelförmig verdickt. Auf den Originalagarplatten wuchsen sie in kleinen runden grauen Kolonieen mit matter Oberfläche. Die Fortzüchtung auf Agarschrägröhrchen gelang mühelos: es bildete sich ein grauer, matt glänzender, wie granuliert erscheinender Überzug.

Die _Neisser_'sche Polkörnchenfärbung nach dem von _Loeffler_ angegebenen Verfahren ließ an der Vermutung, es könne sich um Diphtheriebazillen handeln, große Zweifel aufkommen. Die Färbung fiel wenig charakteristisch aus. Um eine sichere Unterscheidung zwischen diesen Bazillen und den echten Diphtheriebazillen durchzuführen, wurden frische Reinkulturen auf Hammelblutserum angelegt -- sie wuchsen dort wie Diphtheriekulturen --, und von diesen 24 Stunden alten Kolonieen zwei Platinösen subkutan auf Meerschweinchen verimpft. Die Tiere blieben am Leben, von einem Infiltrat an der Impfstelle war nichts zu sehen. Es handelt sich also um irgend eine Art Pseudodiphtheriebazillen.

So zahlreich die gefundenen Arten sein mögen, und so schwer es ist, jede von ihnen zu diagnostizieren, die Frage nach der Pathogenität der aufgefundenen Keime, worauf es bei den vorliegenden Untersuchungen in erster Linie ankam, ist jedenfalls zu verneinen. Der Tierversuch ergab, daß kein Tier irgendwelche Krankheitserscheinungen aufwies, wobei zu bedenken ist, daß von allen genannten Keimen reichliches Material zur Verimpfung in Anwendung kam.

Wiederholt sind derbe, graue bis weißliche, trockene gerunzelte Kolonieen auf den Kulturplatten angetroffen worden, die einem pergamentartigen Überzug gleichen, auf dem Agarnährboden fest haften und nach längerer Zeit wie mit einem weißen Flaum besetzt sind. Die Kulturplatten, auf denen sie zu finden sind, lassen beim Öffnen einen stark schimmelartigen Geruch entströmen. Im mikroskopischen Bilde sind dichotomisch verzweigte Fäden zu sehen. Wir haben hier _Streptothrixarten_ vor uns, die häufig als Luftverunreinigungen angetroffen werden und als Krankheitserreger nicht in Betracht kommen.

Auf einigen Platten treffen wir kleine, rosafarbene Kolonieen mit granulierter Oberfläche an, deren Randzone kugelige Gebilde aufweist. Unter dem Mikroskop sehen wir große, eiförmige Gebilde mit ausgesprochener Sprossung. Zweifellos handelt es sich um die in der Luft häufig nachzuweisende, _nicht pathogene rosa Hefe_.

Auf jeder Platte wachsen ferner im Durchschnitt 2 bis 3 Kolonieen von Schimmelpilzen. Sie waren leicht mit schwacher Vergrößerung an ihren Hyphen als _Mukor, Aspergillus, Penizillium und Oidiumarten zu differenzieren_.

_Das Ergebnis der Untersuchungen, die angestellt wurden mit den auf den Kulturplatten aufgefundenen Mikroorganismen, ist also in dem Sinne zu bewerten, daß es nicht gelungen ist, krankheitserregende Keime unter ihnen nachzuweisen._

Bei der geringen Menge des zur Aussaat auf Kulturplatten gelangten Materials ist die Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen, daß Keime, die am Telephon vorkommen, garnicht auf die Kulturplatten gelangt sind, andrerseits Keime für ihre Weiterentwickelung ungünstige Bedingungen angetroffen haben könnten, wie dies z. B. für ausschließlich anaerob wachsende Arten und auch für Tuberkelbazillen zutreffen würde, die an sich schon ein sehr langsames Wachstum selbst auf den ihnen zusagenden Nährböden haben und auf den zur Verwendung gelangten Nährböden so gut wie garnicht wachsen. Um deren Vorkommen festzustellen, dienten in erster Linie die oben angeführten Tierversuche, die darin bestanden, daß Meerschweinchen die ganze Bouillon, mit der die Telephone abgerieben waren, subkutan respektive intraperitoneal injiziert wurde.

Diese Versuche reihen sich zwanglos an die oben erwähnten Untersuchungen von Dr. _Spitta_-London bezüglich des Vorkommens von Tuberkelbazillen an den Fernsprechern an.

Wegen der ungeheueren Menge von Keimen, die diese Bouillon enthielt, habe ich irgend eine stärkere Reaktion des Tierkörpers erwartet. Es überraschte mich also, daß bei sämtlichen Impfungen die Tiere am Leben blieben und abgesehen von einem Falle, keinerlei Krankheitserscheinungen zeigten. Die Injektionsflüssigkeit wurde alsbald resorbiert, von irgend welchen Symptomen einer Entzündung an der Injektionsstelle war nichts zu konstatieren. Bei den meisten Tieren zeigte sich jedoch nach 5 bis 7 Tagen eine Schwellung der der Injektionsstelle entsprechenden Achsel- und Leistendrüsen. Zu einer ausgesprochenen Verhärtung der Drüsen, die den Verdacht auf tuberkulöse Prozesse hätte wachrufen können, kam es jedoch nicht. Durchschnittlich nach weiteren 6 bis 8 Tagen ging die Anschwellung zurück; 14 Tage nach der Injektion, bei einzelnen Tieren erst nach 4 Wochen, war eine Vergrößerung oder Schwellung der Drüsen nicht mehr wahrzunehmen. Sämtliche Tiere wurden 8 Wochen lang beobachtet, sie blieben vollkommen gesund. Diese vorübergehenden Drüsenanschwellungen sind m. E. aufzufassen als die Antwort auf den durch die zugeführten Bakterien, den Staub und Schmutz ausgelösten Reiz.

Nur bei einem Tiere kam es lokal zu einer Absceßbildung. Nach 3 Tagen bestand hochgradige Schwellung an der Injektionsstelle, das Tier machte äußerlich einen schwerkranken Eindruck. Am 5. Tage nach der Injektion erfolgte spontan der Aufbruch des Abscesses. Nach 10 Tagen vollkommene Ausheilung mit Hinterlassung einer 1 ½ cm langen Narbe. Als Ursache der Absceßbildung konstatierte ich unter dem Mikroskop runde Kokken.

Das Material entstammte einem Telephon, das in dunkler, nicht ventilierbarer Zelle untergebracht war. Die Bouillon verfärbte sich nach der Auswaschung des Wattebausches tiefschwarz.

Eine Bedeutung für die Frage, ob das Telephon eine Gefahr in gesundheitlicher Beziehung für die es benutzenden Personen darstellt, kommt indessen diesem Ausnahmefall nicht zu. Es ist doch ein gewaltiger Unterschied, ob, wie in diesem Falle, Millionen von Mikroorganismen einem Meerschweinchen unter die Haut geimpft werden oder zufällig Keime in die Mundhöhle und den Rachen eines Menschen gelangen. Sollte dieser Fall wirklich einmal eintreten, so ist selbst dann noch nicht eine Gefahr darin zu erblicken: einmal kann es sich nur um eine verschwindend geringe Anzahl von Keimen handeln, die während der Benutzung des Fernsprechers auf den Menschen übertragen werden können; dann sind die am Hörer und Schalltrichter nachgewiesenen Mikroorganismen durch das Ergebnis der Tierversuche als harmlose Saprophyten zu betrachten, denen krankheitserregende Eigenschaften nicht anhaften. Speziell ist zusammen mit den Untersuchungen von _Spitta_-London hinsichtlich der Tuberkuloseübertragung auf Grund der zahlreich unternommenen Tierversuche ausdrücklich zu konstatieren, daß Tuberkelbazillen nicht nachgewiesen werden konnten. Endlich stehen für den Fall, daß Mikroorganismen tatsächlich in die Mund-, Nasen- und Rachenhöhle gelangen sollten, dem Organismus eine Reihe von Schutzmaßregeln zur Verfügung, die zum mindesten eine Abschwächung der ohnehin schon recht minimalen Virulenz der Keime, wenn nicht gar deren vollständige Vernichtung bewirken. Die Sekrete der Schleim- und Speicheldrüsen in der Mundhöhle, dem Nasen- und Rachenraum und der tieferen Luftwege haben antibakterielle Eigenschaften und es ist somit in der normalen Schleim- und Speichelproduktion ein natürlicher Schutz des Organismus gegen schädliche Keime zu sehen. Weiterhin sucht sich der Körper rein mechanisch durch die Flimmerbewegungen der Epithelien der in die Luftröhre eingedrungenen Keime zu entledigen.

Die Ergebnisse der bevorstehenden Arbeit geben in vollkommen objektiver Weise die Verhältnisse an zahlreichen im alltäglichen Gebrauch befindlichen Telephonen wieder. Pathogene Keime sind nicht gefunden worden. Die Befürchtungen, die im Publikum wiederholt betreffs der Tuberkuloseübertragung durch das Telephon laut geworden sind, entbehren jeder Begründung. _Allan_s Publikationen sind lediglich als Zufallsbeobachtungen zu bewerten. Die im Publikum weitverbreitete Angst vor einer Ansteckungsmöglichkeit durch die Benutzung des Fernsprechers ist demnach als vollkommen unbegründet zurückzuweisen. Die Frage nach einem Bedürfnis, das Telephon zu desinfizieren, möchte ich mit Dr. _Müller_-München verneinen. Den Geboten der Hygiene und der Ästhetik folgend soll indessen ausdrücklich an einer weitgehenden Sauberhaltung des Telephons festgehalten werden. In dem Bestreben, diesen hygienischen und ästhetischen Forderungen in weitgehendster Weise zu entsprechen, ist von jeher nichts unversucht gelassen worden. Das beweist die Unmenge von Apparaten, die mehr oder weniger kompliziert, alle das Ziel verfolgen, der Übertragung ansteckender Krankheiten durch den Gebrauch des Fernsprechers vorzubeugen; das beweisen ferner die zahlreichen Anpreisungen desinfizierender Stoffe, die eigens für das Telephon erdacht sind. Wo indessen Untersuchungen vorgenommen sind, um die desinfizierende Wirkung dieser Stoffe zu erproben, da ist man bald von der Wertlosigkeit dieser Mittel als Desinfizientien überzeugt worden.