Experimentelle Psychologie

Part 8

Chapter 83,144 wordsPublic domain

Man muß sich indes vor einer +unberechtigten Verallgemeinerung+ dieses Satzes hüten. Er besagt nicht, daß unsere Seele oder ihre Sinne völlig gleichgültig seien gegen die einwirkenden Reize, womit einem extremen Subjektivismus Tür und Tor geöffnet wäre. Es sind nämlich +nur+ die einem jeden Sinne entsprechenden, +die adäquaten Reize begünstigt+. Vor den inadäquaten Reizen sind die meisten Organe schon durch äußere Schutzvorrichtungen für gewöhnlich bewahrt (+Ettlinger+). Außerdem vermögen die inadäquaten Reize nur unabgestufte, unklare Eindrücke hervorzurufen. Bei den adäquaten Reizen hingegen zeigt sich eine streng gesetzmäßige Zuordnung von Reiz und Empfindung. Einen Beweis dafür boten die Qualitäten des Farbensinnes, die ganz eindeutig an bestimmte Wellenlängen gebunden sind. Andere Belege dafür wird uns die Psychophysik liefern.

Weitere Probleme, die der Müllersche Satz aufwirft, sind von einer endgültigen Antwort noch mehr oder weniger entfernt. So vor allem die Frage, was man sich unter der spezifischen Energie eines Sinnesnerven zu denken habe. Man wird da nicht an eine geheimnisvolle Kraft denken dürfen, die in dem Nerven wohnt, sondern eher an einen eigenartigen physiologischen Zustand, der bewirkt, daß der Nerv, wenn er überhaupt erregt wird, immer nur in eine bestimmte Art der Erregung versetzt werden kann; wie etwa eine Klaviersaite oder ein Resonanzboden, wenn sie durch irgendwelchen Druck oder Stoß überhaupt in eine selbständige Bewegung geraten, immer nur eine bestimmte Form der Erschütterung aufweisen. -- Allerdings steht es nicht fest, ob es der periphere Nerv ist, der, wie wir soeben voraussetzten, in eine spezifische Erregung gerät, oder ob diese nur im Gehirn ausgelöst wird, während der Nerv als indifferenter Leiter jeden Reiz zu übermitteln imstande ist. Für die letztere Ansicht werden die Halluzinationen, subjektive Erregungen, die sicher im Gehirn entstehen, geltend gemacht. Aber mit dem Bestand solcher zentraler Erregungen ist noch nichts für die Beschaffenheit der peripheren Nerven entschieden. Für die spezifisch verschiedene Erregbarkeit der Leitungsnerven hingegen bildet ihre mit Sicherheit festzustellende verschiedene Organisation ein beachtenswertes Argument. -- Endlich läßt sich die Frage, ob die spezifische Energie den Sinnen angeboren oder erst im Laufe des Lebens erworben sei, nicht lösen. Die Erwerbung der spezifischen Sinnesenergie im Verlauf des Lebens hat die Beobachtung für sich, daß bei Blinden oder Tauben, denen von Geburt an diese Empfindungen abgehen, eine inadäquate Reizung der Nervenstränge keine Licht- oder Schallempfindung bewirken. Es scheint somit, als müsse der adäquate Reiz, der durch das äußere Organ leicht in den Sinnesnerven eintritt, diesen erst in seiner Weise bearbeiten und disponieren, so daß er später auch auf inadäquate Reize nicht mehr anders als in dieser vorgebildeten Art ansprechen kann. Wäre dies der Fall, dann käme den äußeren Reizen eine noch größere Bedeutung zu, als wir ihnen soeben einräumten. Die Reize schüfen sich geradezu die Reaktion. Sodann wäre die von manchen Entwicklungstheoretikern vertretene Hypothese glaubhafter, daß sich nämlich die Vielheit der Sinne aus einem einzigen primitiven Sinne durch beständiges Einwirken der verschiedenen äußeren Reize herausdifferenziert habe. Allein die genannte Beobachtung an Blind- und Taubgeborenen ist kein durchschlagender Beweis, da ein Gehirnzentrum degenerieren kann, wenn es nicht geübt wird.

Literatur

R. +Weinmann+, Die Lehre von den spezifischen Sinnesenergien, 1895.

N. +Brühl+, Die spezifischen Sinnesenergien nach Joh. Müller im Lichte der Tatsachen, 1915.

5. Kap. Die Psychophysik

Zündet man in einem nur von +einer+ elektrischen Lampe dürftig erhellten Saal eine zweite gleichstarke Lampe an, so ist die Beleuchtungssteigerung ganz auffällig. Wird jedoch zu hundert Lampen eine weitere hinzugefügt, so wird niemand die größere Helligkeit zu bemerken imstande sein. Diese auf allen Empfindungsgebieten zu beobachtende Tatsache erlangte eine für die Entwicklung der gesamten Psychologie grundlegende Bedeutung, als der Physiologe E. H. +Weber+ (1846) bei Untersuchung des Hautsinnes fand, daß sie einer bestimmten Gesetzmäßigkeit folgt: Muß man zu einem Druck von der Stärke 100 einen solchen von der Stärke 1 hinzufügen, damit der Unterschied im Druck überhaupt gemerkt wird, so muß bei einem solchen von der Stärke 200 ein Druck von der Stärke 2 hinzukommen, soll nunmehr die Verstärkung des Druckes eben bemerkbar sein. Oder: das Verhältnis von Reizzuwachs, bei dem eben eine Empfindungszunahme eintritt, zum Anfangsreiz ist konstant (¹⁄₁₀₀ = ²⁄₂₀₀). Diese Entdeckung legte für G. Th. +Fechner+ den Gedanken nahe, von hier aus ein brauchbares Maß der Empfindung zu gewinnen. Und es war ein Lieblingstraum von ihm, von diesen vielversprechenden Anfängen aus das ganze psychische Leben mit der mathematischen Formel zu beherrschen. Es sollte in Zukunft nicht mehr von Psychologie, sondern von +Psychophysik+ die Rede sein. Dieser Wunsch hat sich nun freilich nicht erfüllt. Dagegen wurde er die gesegnete Quelle der meisten psychologischen Forschungsmethoden und die Anregung, auch auf andere Gebiete die quantitativen Arbeitsweisen zu übertragen. Diese Methoden verstehen wir jedoch im Folgenden nicht unter Psychophysik.

1. Aufgaben und Methoden der Psychophysik

Die unmittelbare Aufgabe der Psychophysik besteht in der Ermittlung bestimmter Reizgrößen. Nicht jeder physikalische Reiz löst schon eine Empfindung aus. Erst wenn ein Licht, eine Schallschwingung, ein Gewicht eine gewisse Größe erreicht, empfinden wir etwas. Man nennt diese von dem Reiz zu erreichende Größe die absolute +Schwelle+ der betreffenden Empfindung. Sie ist bei den verschiedenen Sinnen verschieden und innerhalb desselben Sinnes je nach dem Ort der Reizung bzw. nach den erregten Nervenfasern verschieden. Die absolute Schwelle kann als Maß der Empfindlichkeit dienen. Denn je niedriger für einen Sinn bzw. für ein bestimmtes Nervengebiet die Reizschwelle ist, um so größer ist seine Empfindlichkeit.

Eine zweite Aufgabe liegt in der Ermittlung der +Unterschiedsschwelle+. Wie groß muß der zu einem schon wahrgenommenen Reiz hinzutretende Reizzuwachs sein, damit ein Unterschied in der Empfindung erkennbar werde? Es wäre da zu untersuchen, ob jeder Unterschied der Reize bemerkt wird, ob stets der gleiche Reizzuwachs einen Empfindungsunterschied herbeiführt, wie sich die einzelnen Sinne in dieser Hinsicht verhalten usw. Drittens sind die +äquivalenten Reize+ zu bestimmen. Die zu beantwortende Frage lautet hier: Welche Reize lösen die gleiche Empfindung aus? Erscheint z. B. der Abstand zweier Zirkelspitzen gleich groß, wenn der Tastzirkel an verschiedenen Stellen aufgesetzt wird? Weiter sind die +äquivalenten Reizunterschiede+ zu finden: gegeben sind zwei Paare veränderlicher Reize und man soll erkunden, unter welchen Bedingungen die von je zwei Reizen gebildeten Empfindungsunterschiede einander gleich erscheinen. Endlich die Ermittlung gleichwertig erscheinender +Reizverhältnisse+: zu drei gegebenen Reizen A, B, a muß der vierte b gefunden werden, so daß A : B = a : b (+Bühler+).

Die +Methoden+ zur Lösung der vier Hauptaufgaben teilt man nach +Ebbinghaus+ ein in die Methoden der +Reizfindung+ und der +Urteilsfindung+, d. h. entweder ist die Empfindungsgröße schon bestimmt und es bleibt der Reiz zu suchen, der sie herbeiführt, z. B. gesucht ist der Reiz, der eine ebenmerkliche, übermerkliche, einer andern gleiche Empfindung bewirkt -- oder die Reize sind gegeben und das Urteil über sie wird erfragt, z. B. gegeben sind drei Gewichte a, b, c, und es ist zu beurteilen, ob der Schwereunterschied bei den Reizen a−b dem bei den Reizen b−c gleich sei oder nicht. Die allgemeine Methode der Reizfindung teilt sich in die zwei besonderen: +die Methode der Herstellung und die Grenzmethode+. Bei der ersteren hat der Beobachter den gewünschten Reiz selbst herzustellen. Er verschiebt z. B. auf einer Geraden eine Trennungsmarke, bis sie im Mittelpunkte zu stehen scheint. Bei der Grenzmethode hingegen bietet der Versuchsleiter (Vl) den zu vergleichenden bzw. zu beurteilenden Reiz dar, indem er sich allmählich jener Grenze nähert, bei welcher das festgesetzte Urteil abgegeben wird. Es wird also z. B. gefragt, bei welcher Spitzendistanz des Tastzirkels +zwei+ Punkte wahrgenommen werden. (Vgl. S. 96.) Der Vl berührt dann die Haut der Vp bei so engem Abstand der Spitzen, daß gewiß nur ein einziger Punkt wahrgenommen werden kann. Allmählich vergrößert er dann den Abstand, bis die Vp den Eindruck von zwei Berührungen hat. Den so gefundenen Abstand bezeichnet man als die untere Raumschwelle. Darauf wird der Tastzirkel von neuem aufgesetzt, und zwar diesmal mit einer Entfernung der Spitzen, die beträchtlich größer ist als die untere Raumschwelle, so daß die Vp notwendig den Zweiheitseindruck gewinnt. Nunmehr wird die Zirkelweite in gleichmäßigen Schritten immer mehr vermindert, bis die Vp wieder das Urteil abgibt: einfache Berührung. Der Abstand, bei welchem dies geschieht, gilt dann als obere Raumschwelle, und das arithmetische Mittel aus unterer und oberer Schwelle wird als die Raumschwelle schlechthin angesehen. -- Die Methode der Urteilsfindung ist nur in der sog. +Konstanzmethode+ vertreten. Der Vl bereitet eine größere Anzahl von Reizen vor und wendet sie in planvollem Wechsel an. Er legt sich etwa zehn Zirkelabstände zurecht und setzt in buntem Wechsel bald einen kleinen, bald einen großen Abstand auf und läßt die Vp jedesmal beurteilen, ob eine oder zwei Spitzen empfunden wurden. Dabei kommt jeder Abstand wiederholt vor.

Die Konstanzmethode ist die verlässigste, weil sie die Vp über den Sachverhalt völlig in Unwissenheit hält. Dagegen ist die Berechnung der verschiedenen Empfindungsgrößen bei ihr nicht sehr einfach. Auch verlangt sie eine sehr große Zahl von Einzelversuchen. Bei gewissen Versuchsanordnungen muß jeder Reiz etwa vierzigmal verwendet werden, somit sind bei zehn Reizstufen schon 400 Einzelversuche notwendig. Die beiden andern Methoden hingegen führen mit ungleich weniger Versuchen zum Ziel und erlauben die Berechnung der Empfindungsgrößen durch einfache Mittelziehung (arithmetisches Mittel oder Zentralwert). Dafür aber sind beide kein unwissentliches Verfahren. Die Herstellungsmethode ist naturnotwendig ganz wissentlich, und bei der Grenzmethode merkt die Vp sehr bald, ob die angewandten Reize steigen oder fallen. Zur sicheren Verwendung der psychophysischen Methoden sind nun noch eine Anzahl von Vorsichtsmaßregeln notwendig. Aus der räumlichen und zeitlichen Folge der Reize, sowie aus dem Verhalten der Vp entspringen Fehlerquellen, die unschädlich gemacht werden müssen. Dafür, so wie für die genauere mathematische Behandlung der Ergebnisse sei auf die einschlägige Fachliteratur verwiesen.

Literatur

G. Th. +Fechner+, Elemente der Psychophysik, 2 Bde., 1860.

G. E. +Müller+, Die Gesichtspunkte und Tatsachen der psychophysischen Methodik, 1903.

2. Das Webersche und das Fechnersche Gesetz

Nachdem die oben schon angeführte Entdeckung E. H. Webers von Fechner aufgegriffen wurde, der sie auch mit dem Namen +Webersches Gesetz+ versah, wurde ihre Gültigkeit auf allen Sinnesgebieten geprüft. Abgesehen von sehr starken und sehr schwachen Reizen, hat man nun das Webersche Gesetz auf allen Sinnesgebieten mit Ausnahme von Geschmack und Geruch annähernd bestätigt gefunden. Und zwar gilt es im großen und ganzen nicht allein für ebenmerkliche, sondern auch für übermerkliche Empfindungsunterschiede. Diese Gesetzmäßigkeit kommt uns zu statten, wenn die Beleuchtung der Gegenstände schwankt. Obwohl in solchen Fällen die Helligkeit der einzelnen Teile eine ganz andere wird, bleibt der Gegenstand für uns doch gleich gut erkennbar, da es für uns in erster Linie auf die Verhältnisse der Helligkeiten ankommt.

Für das Webersche Gesetz wurde eine +dreifache Erklärung+ versucht. Eine psychophysische von +Fechner+: das Gesetz beruht auf dem Übergang vom Physischen zum Psychischen. Eine psychologische von +Wundt+: die Empfindungen entsprechen immer genau den Reizen, aber bei der vergleichenden Beurteilung der Empfindungen tritt die Größenverschiebung ein. Die Fechnersche Theorie muß als unbegründet fallen. Die Wundtsche erklärt nicht, warum die Unterschiedsempfindlichkeit auf verschiedenen Sinnesgebieten verschieden groß ist. Es dürfte also nur die physiologische Deutung übrig bleiben, nach der die stärker beanspruchten Nerven einen höheren Reizzuwachs verlangen, um aufs neue zu reagieren, ähnlich wie eine stärker belastete Wage auch ein größeres Übergewicht braucht, um auszuschlagen. Für diese Auffassung sprechen auch mancherlei Analogien aus Physiologie und Chemie.

Ausgehend von dem Weberschen Gesetz und unter der Voraussetzung, daß die ebenmerklichen Empfindungszuwüchse, in denen eine Empfindung vom Nullpunkt bis zu einem beliebigen Intensitätsgrade ansteigt, einander gleich seien, hat Fechner eine „+Maßformel+“ abgeleitet, die in ihrer einfachsten Form lautet: s = log r; in Worten: wenn die Empfindungen arithmetisch zunehmen, so steigen die zugehörigen Reize in einer logarithmischen Kurve an. (+Fechnersches Gesetz.+) (Fig. 4.) Mit dieser Formel wäre die prinzipielle Möglichkeit geboten, die Empfindung zu messen. Man hat nun sowohl die Gültigkeit der erwähnten Fechnerschen Voraussetzung wie auch die Größennatur und die Meßbarkeit der Empfindungsintensität angezweifelt. Allein die Gleichheit der ebenmerklichen Empfindungszuwüchse ist zum wenigsten eine sehr naheliegende Annahme, und die Empfindungsintensitäten erscheinen dem Unvoreingenommenen als wahre Größen, zwar nicht extensiver, aber doch intensiver Natur. Der Schall des Donners erscheint uns wirklich stärker als der eines umfallenden Ofenschirmes. Ebenso können wir mit Sicherheit zwei Druckempfindungen als gleich oder ungleich beurteilen. Übrigens hat das Fechnersche Gesetz in der weiteren Entwicklung der Psychologie keine größere Bedeutung erlangt. Sein Wert liegt in dem energischen Versuch, Maß und Zahl in die Psychologie einzuführen, ein Ziel, das die Psychologie seither nicht aus dem Auge verloren hat und auch grundsätzlich festhalten muß, will sie eine wahrhaft empirische Wissenschaft bleiben.

Außer der Empfindungsintensität hat man keine andere psychische Größe mehr mit Erfolg zu messen versucht. Die Messung der Willenskraft durch +Ach+ muß als verfehlt gelten. (S. unten.). Dagegen liefert die Häufigkeit, die Dauer und die Güte eines seelischen Vorganges bzw. der von ihm vollbrachten Leistung Zahlenwerte, die sehr großen Aufschluß versprechen. Die Behandlungsweise solcher Zahlenwerte kann hier nicht dargestellt werden. Nur auf die Korrelationsrechnung sei noch kurz verwiesen. Auch wo sich geistige Leistungen nicht unmittelbar messen lassen, bleibt es doch zumeist möglich, sie nach ihrer Güte in Rangstufen anzuordnen, oder festzustellen, wie oft sich gewisse Merkmale mit anderen verbinden. Die Mathematik hat nun Formeln erarbeitet, mit denen der Grad der Beziehung berechnet werden kann, in der zwei Rangordnungen oder mehrere Merkmale zueinander stehen.

Literatur

R. +Pauli+, Über psychische Gesetzmäßigkeit. 1920.

W. +Betz+, Über Korrelation. 3. Beiheft zur ZAngPs. (1911).

ZWEITER ABSCHNITT

Empfindungskomplexe

Faßt man die Empfindungen als die elementaren Bausteine des anschaulichen Erkennens auf, so läßt sich die Frage aufwerfen, wie sich die Verbindung solcher Elemente gestalten werde: Wird sie eine reine Addition von Empfindungen sein, oder werden bei dem Zusammensein von Empfindungen neue Gesetzmäßigkeiten auftreten? Bei der Untersuchung dieser Frage könnte man wie bei der Empfindungslehre immer streng von dem psychisch Gegebenen ausgehen, Empfindungskomplexe aufsuchen und sie erforschen. Statt dieses analytischen Weges, der mancherlei Schwierigkeiten bietet, steht uns aber auch der bequemere synthetische offen. Wir kennen schon die Beziehungen zwischen Reiz und Empfindung und dürften auch durch die vorausgegangenen Betrachtungen gegen den „stimulus-error“ (+Titchener+), d. h. gegen die Verwechslung von physikalischem Reiz und psychischem Erlebnis geschützt sein. Man könnte also systematisch durch gleichzeitige Verwendung mehrerer Reize Empfindungskomplexe hervorzurufen bedacht sein. Dabei müßten zwei oder mehr Reize zunächst auf dasselbe Sinnesorgan und dann auf verschiedene Organe einwirken. In manchen Fällen, wo mehrere adäquate Reize nicht allein dasselbe Organ, sondern auch dieselben Nervenfasern erregen, wird wie bei dem Auge nur eine einzige Empfindung entstehen. Diese Fälle gehören nicht hierher und wurden auch schon bei der Empfindungslehre besprochen; alle anderen Fälle sind jedoch hier zu berücksichtigen. Allerdings liegt eine systematische Durchforschung des Gesamtgebietes noch nicht vor. Das wenige über die Verbindung der niederen Sinnesempfindungen, wie der Gerüche und Geschmäcke, wurde schon oben gelegentlich gestreift. Beide Empfindungsarten gehen miteinander auf jeden Fall eine sehr innige Verbindung ein, die der Unkundige nicht leicht zu analysieren vermag. Immerhin scheint es hier bei einer einfachen Addition der Empfindungen zu bleiben. Doch stehen genauere Untersuchungen noch aus. Bei den andern Sinnen hingegen werden durch das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer Sinnesreize seelische Gebilde bedingt, die schon immer die Aufmerksamkeit der Psychologen erregten und darum eingehender erforscht sind. Von diesen Empfindungskomplexen sind die aus Tönen bestehenden verhältnismäßig die einfachsten: fehlt doch bei ihnen das räumliche Moment. Mit ihnen soll darum bei der Besprechung der Empfindungskomplexe begonnen werden.

1. Kap. Die gleichzeitigen Tonverbindungen

1. Die Tatsache der Tonverschmelzung

Läßt man gleichzeitig zwei oder mehrere Töne erklingen, so verschmelzen gewisse Töne oder Tongruppen so innig miteinander, daß ein neues einheitliches Tongebilde aus ihnen entstanden zu sein scheint, ähnlich wie aus der Vereinigung mehrerer Farbenreize eine neue Empfindung, die Mischfarbe, entsteht. Diese neue Empfindung scheint eine eigene Qualität, Intensität, ja sogar eine eigene Tonhöhe zu haben. Indes sind doch nur musikalisch weniger begabte Psychologen, wie +Fechner+, für den Empfindungscharakter solcher Tonverbindungen eingetreten. Für Musiker und musikalisch hochbefähigte Forscher, wie +Helmholtz+ und +Stumpf+, steht es außer Frage, daß auch in diesen Verschmelzungen eine Mehrheit von Empfindungen vorliegt. Anders als bei der einheitlichen Mischfarbe lassen sich hier die Teilempfindungen herausanalysieren, und zwar nicht nur infolge der Bekanntschaft mit den Tonverbindungen; denn ein geübter Musiker vermag auch aus den fremdartigen Klängen eines ihm unbekannten Instrumentes die Teiltöne herauszuhören.

Allein trotz der inhaltlichen Mehrheit läßt sich eine gewisse Einheit und Bindung des Tonkomplexes nicht bestreiten, auch dann, wenn er sich nicht aus den am stärksten verschmelzenden Tönen zusammensetzt. Solange ein solcher Tonkomplex nicht analysiert wird, legt man ihm als Ganzem unwillkürlich bestimmte Eigenschaften bei. Schärferes Zusehen führt jedoch zu mehrfachen Berichtigungen. Nach den besten Beurteilern kommt der Tonverbindung keine eigene Intensität zu; auf jeden Fall ist der Mehrklang nicht stärker als der Teilton, wohl aber voller und reicher. Die Höhe, die das Tonganze zu haben scheint, richtet sich nach dem tiefsten Teiltone. Erklingen Grundton und Oktav zusammen und bleibt dann der Oktavton aus, so hat man nicht den Eindruck, als ob sich die Höhe des Zweiklanges verändert habe; umgekehrt erlebt man aber einen überraschenden Aufstieg, wenn der Grundton wegfällt. Folgen zwei Akkorde aufeinander, so wird der Höhenschritt der Akkorde nach dem Schritt jener Stimme beurteilt, die am meisten steigt. Diese Tatsachen, sowie der Umstand, daß man gewisse Eigenschaften hoher Obertöne, wie das Schrille, Dissonante u. ä. auf den ganzen Klang überträgt, beweisen, daß wir es hier nicht mit Eigenschaften zu tun haben, die dem Empfindungskomplex als solchem zukommen, sondern daß Auffassungs- und Beurteilungsphänomene vorliegen, deren Verständnis erst später erschlossen werden kann.

2. Gesetze der Tonverschmelzung

Nicht alle Tonpaare verschmelzen gleich innig, d. h. nicht alle nähern sich gleichviel dem Einklang. Unter +Verschmelzung+ verstehen wir nämlich mit +Stumpf+ die +Annäherung an den Einklang+. Gewisse Tonpaare unterscheidet auch ein musikalisch normales Ohr nicht ohne weiteres vom Einklang, während andere auch von Unmusikalischen sofort als Zweiklang gehört werden. Die genauere Untersuchung ergibt folgende Gesetze der Tonverschmelzung. Sie hängt zunächst von der +Höhe+ der beiden Töne ab. Nach der Innigkeit der Verschmelzung scheinen fünf Stufen zu bestehen: Oktav, Quint, Quart, Terzen und Sexten, endlich alle übrigen Intervalle, die untereinander keinen Unterschied des Verschmelzungsgrades aufweisen. Die Verschmelzungserscheinung ist sodann +in allen Tonlagen+ zu beobachten, extrem hohe und tiefe Lagen vielleicht ausgenommen. Drittens gilt das +Erweiterungsgesetz+: ein Intervall läßt sich um eine Oktav erweitern, ohne seinen Verschmelzungsgrad einzubüßen. Die Non hat darum die gleiche Verschmelzung wie die Sekund, C und c wie C und c¹. Viertens ist der Verschmelzungsgrad +unabhängig von der Stärke wie von der Zahl der Teiltöne+. Die Einheitlichkeit eines Zweiklanges vermindert sich also nicht, wenn beide Töne oder einer von ihnen stärker bzw. schwächer wird; sie leidet auch nicht darunter, daß ein dritter Ton hinzutritt.

+Konsonanz und Dissonanz.+ Unter Konsonanz versteht der Sprachgebrauch sowohl die innige Verbindung zweier Töne, wie auch die Annehmlichkeit, die einer solchen Verbindung eigen ist. Sieht man von letzterem als einem Gefühlsmoment ab, es wechselt nämlich je nach dem Beurteiler, so kann man die Konsonanz der Verschmelzung in unserem Sinne gleichsetzen. Die Stufenfolge in der Vollkommenheit der Konsonanz, welche die Musikwissenschaft aufgestellt hat, stimmt nämlich mit der Reihenfolge der Verschmelzungsgrade überein. Nach der Musiktheorie sind Oktav, Quint und Quart vollkommene Konsonanzen, Terzen und Sexten unvollkommene, alle andern Dissonanzen. Ein prinzipieller Gegensatz zwischen Konsonanzen und Dissonanzen ließ sich jedoch experimentell nicht nachweisen. Somit darf die Dissonanz als mangelnde Einheitlichkeit zweier oder mehrerer Töne gelten. Empfindungsmäßig erscheint die Konsonanz als das Klare, Einfache, während die Dissonanz als rauh, unklar, zwiespältig anspricht.

3. Die Erklärung der Konsonanz