Part 13
Die von älteren Psychologen oft ausgesprochene Meinung, Beziehungserkenntnisse (wir unterscheiden auch hier zwischen Erkenntnis+akt+ und Erkenntnis+inhalt+ und beschäftigen uns hier zunächst nur mit dem Inhalt) seien kein Plus gegenüber dem Bewußtsein der Termini: mit dem Bewußtsein von zwei Strecken sei auch das Bewußtsein ihrer Gleichheit oder Verschiedenheit unmittelbar gegeben, braucht nach den erwähnten experimentellen Befunden nicht mehr widerlegt zu werden. Man hat sodann hie und da geglaubt, solche Relationen seien nichts anderes als die Worte oder die symbolischen Zeichen, mit denen wir sie zum mündlichen oder schriftlichen Ausdruck bringen. Allein Worte wie Zeichen sind weder Bedeutungen noch wesentlich mit solchen verknüpft. Wir müssen ja die Bedeutung der Worte der Muttersprache wie der fremden Sprachen eigens lernen. Ganz dasselbe gilt für irgendwelche Körperbewegungen. Allerdings schütteln wir zuweilen den Kopf, um den Gegensatz unserer Ansicht zu einer soeben geäußerten kundzutun. Aber das Kopfschütteln als solches besagt doch nicht den Gegensatz. Das Kopfschütteln liefert unserm Bewußtsein nur eine Anzahl von Spannungs- und Bewegungsempfindungen, niemals aber die Bedeutung „nein!“, „falsch!“ oder Ähnliches. (Bei manchen Stämmen bedeutet Kopfschütteln „ja“, Kopfnicken „nein“.) Erfassen wir nicht zuvor selbständig diese Relation, so werden wir niemals das Bedürfnis verspüren, sie durch eine Ausdrucksbewegung kundzugeben.
Wir können nun versuchen, beliebige der uns bekannten Empfindungen oder Empfindungskomplexe in irgendwelcher Zusammensetzung oder Abänderung ins Bewußtsein einzuführen: niemals wird sich aus solchen Elementen ein Beziehungsinhalt ergeben. Allen Empfindungen -- und ebenso den später zu besprechenden Gefühlen -- versagt gewissermaßen die Sprache, wenn wir sie zum Ausdruck einer Beziehung nötigen wollen. Es ist darum die Beziehungserkenntnis nicht nur ein selbständiger, auf die bekannten Empfindungen nicht zurückführbarer Bewußtseinsinhalt, sondern auch ein Erlebnis, das sich überhaupt nicht mit Empfindungsmitteln wiedergeben läßt. Den Empfindungen ist nämlich, wie wir sahen, die Anschaulichkeit wesentlich: Farben, Gerüche, Töne usw. haben etwas Handgreifliches, während Gleichheit, Verschiedenheit, Gegensatz als Bewußtseinsinhalte abstrakt, schemenhaft sind. Empfindungen haben eine, wenn nicht gar mehrere Intensitätsstufen, von einer Intensität der Beziehungserkenntnisse zu reden, verliert jeden Sinn: Beziehungen werden erkannt oder nicht erkannt. Jeder Empfindungsinhalt ist etwas Konkretes, bestimmt Nuanciertes: Gleichheit, Ähnlichkeit, Lagebeziehung sind als Bewußtseinsinhalte stets etwas Allgemeines, auch wenn wir damit nur das Gleichsein usw. anschaulicher Dinge meinen. Aus all diesen Gründen lassen sich die Relationserkenntnisse mit den Empfindungen und Vorstellungen bzw. deren Komplexen nicht auf die gleiche Stufe stellen. Sie gehören einer von jenen Erlebnissen scharf getrennten Klasse an, und da sich kein Übergang zwischen diesen Klassen aufzeigen oder auch nur ausdenken läßt, ist die Verschiedenheit beider als eine +wesentliche+ zu bezeichnen. Wir behalten für die Erlebnisse der höheren Klasse den Ausdruck „denken“ vor, mit dem ja auch der vorwissenschaftliche Sprachgebrauch eine höhere Erkenntnisweise auszeichnet.
Es empfiehlt sich, schon hier zwei Erlebnisse auseinanderzuhalten: das Entdecken von Beziehungen und das Erkennen von Sachverhalten. Sind die Gegenstände A und B gegeben und ich erfasse zum ersten Mal eine Beziehung zwischen ihnen, und zwar eine Beziehung, die ich nie zuvor erlebt habe, so liegt eine ursprüngliche Beziehungserfassung oder die +Entdeckung+ einer Beziehung vor. Finde ich dieselbe Beziehung dann bei den Gegenständen C und D, so kann ein +Erkennen von Sachverhalten+ vorliegen: ich erlebe die Beziehung zwischen C und D +und+ erkenne sie als gleich mit der früher erfahrenen. Sachverhaltsfeststellungen setzen somit eine doppelte Beziehungserfassung voraus; sie sind uns Erwachsenen geläufiger als die Beziehungsentdeckungen, von denen hier zunächst die Rede ist.
2. Das aktive Beziehen
Sehr oft drängen sich uns die zwischen den Dingen herrschenden Beziehungen ganz von selbst auf. Die Verschiedenheit eines roten Papierstreifens von einem grünen kann kaum übersehen werden. Stellt man uns aber die Aufgabe, zu einer bestimmten Farbe aus einer Reihe von Farben und Farbenstufen die jener ersten gleichartige herauszufinden, dann werden wir vielleicht jede einzelne Vergleichsfarbe mit dem Muster in Beziehung bringen; sei es, daß wir beide nebeneinander legen, sei es, daß wir nur den Blick von der einen zur andern wandern lassen, sei es, daß wir mit ruhendem Blick unsere Beachtung bald dem einen, bald dem andern Vergleichsobjekte zuwenden. Dieses Aufeinanderbeziehen ist ein wirklicher Vorgang, ein reales Erlebnis, das z. B. in den Denkexperimenten eine hervorragende Rolle spielt. Es ist ferner etwas ganz anderes als die zuvor behandelte Beziehungserfassung. Denn diese kann aufleuchten, ohne daß wir die Termini zuvor aktiv in Beziehung bringen müßten, und umgekehrt kann das aktive Beziehen vorgenommen werden, ohne daß sich unserem Geiste ein Verhältnis zwischen den Beziehungsgegenständen offenbart. Am meisten Ähnlichkeit hat dieses Erlebnis mit der aktiven Blickwanderung, aber man kann auch bei ruhendem Blick, ja sogar ohne jede Beteiligung des Auges oder irgendeines anderen Sinnes aktiv beziehen, z. B. wenn man Begriffe wie Tapferkeit und Geduld miteinander vergleicht. Das Beziehen ist auch nicht identisch mit willkürlicher Aufmerksamkeit. Zwar wird man in der Regel den aufeinander bezogenen Dingen Aufmerksamkeit widmen, doch können wir selbst mehreren Gegenständen unsere Aufmerksamkeit zuwenden, ohne sie deshalb schon aufeinander zu beziehen. Man denke etwa an die Versuche über den Umfang der Aufmerksamkeit, bei denen mehrere Einzelobjekte bei raschester Darbietung von der Aufmerksamkeit umspannt werden müssen. Endlich ist das Beziehen nicht gleichbedeutend mit dem Wollen. Wir können freilich das aktive Beziehen wollen, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß das aktive Beziehen immer von dem Wollen abhängig ist, aber der Wille betätigt sich auch in andern Funktionen, z. B. in der Aufmerksamkeit auf ein einzelnes Objekt oder in einer Körperbewegung u. dgl.
Vielleicht eröffnet jedoch folgender Gedankengang ein Verständnis des aktiven Beziehens ohne Annahme einer neuen elementaren Denkfunktion. Haben wir dank der elementaren Fähigkeit der Beziehungserfassung mehrmals Beziehungen zwischen verschiedenen Gegenständen entdeckt, so kann eine solche Entdeckung ein Ziel unseres Wollens werden. Richten wir darum willkürlich mit dem Wunsche, eine etwa vorhandene Beziehung zu erfassen, unsere Aufmerksamkeit auf die Gegenstände -- wie dies möglich ist, hat die Willenslehre zu zeigen --, so üben wir das einfachste aktive Beziehen. Die weitere Erfahrung belehrt uns, daß ein Wandern der Aufmerksamkeit von einem Glied zum andern hier zweckdienlich sein kann, und wir lernen so eine höhere Art des aktiven Beziehens. Sind wir sodann mit den verschiedenen Arten der Beziehungsinhalte, wie Gleichheit, Ähnlichkeit, Verschiedenheit, vertraut geworden, so wird auch der allgemeine Wunsch, eine etwa vorhandene Beziehung aufzufinden, durch die besonderen Gesichtspunkte, ob Gleichheit, Verschiedenheit usf., ersetzt.
3. Die Abstraktion
Erfassen einer Beziehung und aktives Beziehen haben beide zur Voraussetzung, daß die Gesamtheit unserer Eindrücke nicht ein unauflösbares Ganzes sind, sondern daß sich aus dieser Gesamtheit Teileindrücke herausheben oder doch herauslösen lassen. Nur so erhalten wir eine Mehrheit von Erkenntnisdingen, die wir miteinander in Beziehung bringen können. Man könnte meinen, das sei durch die Verschiedenheit der Sinneseindrücke schon hinreichend sichergestellt; ein blauer Farbring, der um einen gelben gelegt ist, hebt sich von selbst von diesem ab. Ganz gewiß bedeutet die objektive Verschiedenheit der sinnlichen Eindrücke, der Sinnesdinge, eine namhafte Hilfe für das Herauslösen von Teileindrücken. Bedenkt man indes, daß wir auch aus einer ganz gleichmäßig gefärbten Fläche beliebige Partien allein durch die Beachtung herausgreifen können, so legt das nahe, daß wir es mit einer anderen Funktion als dem rein sinnlichen Erfassen zu tun haben; ganz abgesehen davon, daß sich dieses Herausgreifen nicht notwendig auf Sinnesdinge erstrecken muß.
Auch die Abstraktion können wir versuchsweise auf andere Funktionen zurückführen, so daß von den drei genannten nur die Beziehungserfassung als einzige elementare Denkfunktion übrigbleibt. Zu diesem Zwecke setzen wir voraus, die unwillkürliche Aufmerksamkeit sei eine psychische Verhaltungsweise, die auch willkürlich eingenommen werden kann. Bei der Lehre von der Aufmerksamkeit haben wir dies näher zu klären und zu beweisen. Ist uns nun zum erstenmal die Verschiedenheit eines blauen von einem gelben Farbenton aufgefallen, so mag die blaue und die gelbe Farbe die Aufmerksamkeit auf sich lenken, und zwar nur auf sich und ohne Zutun unseres zielsetzenden Wollens. Ist das mehrmals geschehen, so haben wir ein Verhalten kennen gelernt, das wir nun auf jeden Teilinhalt des Bewußtseins anwenden können: wir haben abstrahieren gelernt. Somit wäre die Abstraktion nichts anderes als die Zuwendung der Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Gegenstand. Neueste Untersuchungen (M. v. +Kuenburg+) über die Abstraktion des Kindes sind dieser Auffassung günstig.
Wir haben soeben die Abstraktion in ihren ersten Anfängen geschildert. Der Erwachsene abstrahiert in der Regel, indem er einen Gesichtspunkt an die Gegenstände heranbringt, z. B. in der Form einer Frage: wo ist der Eingang? Ein solcher Gesichtspunkt wirkt als antizipierendes Schema (siehe unten S. 173), er gibt der Aufmerksamkeit eine bestimmte Richtung und bereitet die Wahrnehmung der Relationsfundamente vor, indem er verwandte Vorstellungen in Bereitschaft setzt.
Über die +Leistung+ der Abstraktion haben die Experimente schon mancherlei ergeben. +Külpe+ bot seinen Vpn verschiedenfarbige in einer bestimmten Figur angeordnete Buchstaben. Die Vpn hatten bald auf die Gesamtanordnung, bald auf die Farbe der Buchstaben, bald auf deren Form zu achten. Es zeigte sich nun, daß die sogenannte +positive Abstraktion+, das Herausgreifen der zu beachtenden Teile, außerordentlich gut gelingt. Wenn die Beobachter auch gar nichts oder nur sehr wenig von der Form und der Farbe der Buchstaben zu berichten wußten, so konnten sie doch die Gesamtanordnung sehr genau angeben und umgekehrt. Das Absehen von den nicht zu beachtenden Momenten kann auch willkürlich geschehen und heißt dann +negative Abstraktion+. Sie scheint mehr zu sein als ein einfaches Nichtbeachten der Elemente, vermutlich handelt es sich dabei um eine Unterdrückung oder Hemmung. Die Abstraktion wird freilich um so schwerer, je enger zwei Elemente miteinander verbunden sind. So ist Form und Farbe der Buchstaben abstraktiv schwerer zu trennen als Form und Gesamtanordnung.
Literatur
J. +Lindworsky+, Das schlußfolgernde Denken. Freiburg 1916. II. Teil, 4. Abschnitt: Beiträge zur Psychologie der Beziehungserkenntnis.
F. +Seifert+, Zur Psychologie der Abstraktion und Gestaltauffassung. ZPs 78 (1918).
SECHSTER ABSCHNITT
Die Verbindung der Beziehungsfunktion mit den Empfindungskomplexen
1. Kap. Die Gestaltwahrnehmung
Die sensistische Richtung in der experimentellen Psychologie, die alle Erlebnisse nur aus den sinnlichen Elementen verständlich machen will, ging lange Zeit unachtsam an einer höchst geläufigen Erscheinung des Alltags vorüber, die übrigens jeder Psychologenschule schwere Rätsel aufgibt. Es ist das Verdienst Chr. v. +Ehrenfels+’, nachdrücklich die Aufmerksamkeit auf das Problem der Gestaltwahrnehmung gelenkt zu haben. Seit seinem Aufsatz „Über Gestaltqualitäten“ (1890) ist die Erörterung dieses Problems noch nicht zum Stillstand, aber auch noch nicht zu einer allseitig befriedigenden Lösung gekommen. Betrachtet man vier Punkte in dieser Anordnung ⁘, so kann man sie als Kreuz und als Quadrat auffassen. Die Sinnesdaten sind in beiden Fällen die nämlichen, die sich ergebenden Gestalten sind verschieden, und jede einzelne ist offenbar mehr als die Summe der vier punktförmigen Eindrücke. Noch deutlicher wird das bei der Melodie. Man kann ein Lied so transponieren, daß kein einziger Ton derselbe bleibt, und doch erkennt jedermann sofort die alte Melodie wieder. Die melodische Gestalt ist also offenbar etwas anderes als die Summe der Einzeltöne.
Der Versuch einer +Analyse des Gestalteindruckes+ wird heute wohl folgende Faktoren aufzählen können. Erste Voraussetzung ist eine Mehrheit sinnlicher Daten, die im Raum oder in der Zeit verteilt sind. Ihre Qualität und Intensität ist von untergeordneter Bedeutung, wie schon die Transposition einer Melodie zeigt; auch die vier Punkte in obiger Figur könnten eine beliebige Farbe haben, wenn auch zu beachten bleibt, daß Qualität und Intensität auf die normale Gestaltbildung von Einfluß ist: ist z. B. der letzte Ton eines Tonpaares höher, so werden die Töne in der Regel in jambischer Gestalt aufgefaßt. Zweitens: Bei unseren vier Punkten wäre es möglich, daß die (früher erworbene) +Vorstellung+ eines Rhombus, eines Kreuzes, zweier Parallelen je nach ihrer Bereitschaft auftauchte und die Auffassung der Punkte bestimmte. Allein damit ist das Problem nicht zu lösen. Wir können ja den Einzeleindrücken völlig neue Gestalten entnehmen, von denen wir noch keine Vorstellung haben.
Wichtiger als die Vorstellungen in Bereitschaft sind (drittens) die +aktiven Beziehungsakte+. Dieses aktive Beziehen oder Zusammenfassen ist nicht mit der Aufmerksamkeitsbeachtung zu verwechseln. Das Beachten eines jeden einzelnen Tones einer Tonfolge macht aus ihr keine Melodie, sondern kann eine solche eher in ihre Teile wieder zerfallen lassen. Aus dem aktiven Aufeinanderbeziehen ergibt sich (viertens) eine +Beziehungserfassung+. Zwar besagt eine derartige Beziehungserfassung nichts über das abstrakte Verhältnis der Längen zweier Geraden, der Schwingungszahlen zweier Töne usw., aber wir erleben, wie die anschaulichen Termini der Beziehung sich zueinander verhalten. Wäre der Ausdruck nicht mißverständlich, so möchte man von anschaulichen Beziehungen reden. Wir hören nicht bloß einen Ton und dann den anderen, wir erfassen es vielmehr, wie nah oder wie fern die Qualität des zweiten zu der des ersten steht. Zweifellos steigert solch bewußtes Erfassen der Aufeinanderfolge von sinnlichen Eindrücken die Gefühlswirkung, die sich ohnedies schon an eine Empfindungsfolge anschließt. Doch machen die Gefühle nicht die Gestaltqualität aus: ein Fünfeck unterscheidet sich von einem Sechseck nicht so sehr durch seine Gefühlswirkungen als eben durch seine Gestalt.
Wir haben bisher die Faktoren aufzuzählen gesucht, die beim Auffassen einer +neuen+ Gestalt wirksam sind. Man hat früher gestritten, ob Gestalten analytisch oder synthetisch aufgefaßt würden. Einzelne Autoren meinten, wir seien immer auf das synthetische Fortschreiten von den Teilen zum Ganzen angewiesen. Die Experimente ergaben, daß beide Auffassungsweisen möglich sind. Doch dürfte bei völlig neuen und zeitlich sich entwickelnden Gestalten, wie Rhythmus und Melodie, die Synthese vorherrschen. Es ist das ein ganz eigenartiges Erlebnis, wenn etwa eine Folge von vier Tönen, die anfangs ungeordnet und unübersehbar sind und darum wohl auch den Eindruck einer größeren Anzahl machen, Gestalt annimmt. Eine lustbetonte Klarheit und Einfachheit tritt ein, und man staunt über die geringe Zahl der Einheiten, die sich leicht beherrschen lassen: die vier Töne waren eben nur die zweimalige Wiederholung der nämlichen Terz.
Ist die Gestaltauffassung mehr als der rein sinnliche Eindruck, dann werden wohl auch die +Täuschungen+ über die objektiv gegebenen Gestalten nicht ausschließlich auf Inadäquatheiten der Sinnesfunktionen beruhen. Den sicher erweisbaren Anteil der Sinne an diesen Täuschungen haben wir oben besprochen (S. 81 f.). Was durch die Unvollkommenheiten der Organe nicht erklärt werden konnte -- und es ist dies der größere und bedeutsamere Teil --, hat man durch Assoziationstheorien, Augenbewegungstheorien, Aufmerksamkeits- und Urteilstheorien zu fassen gesucht, Theorien, die oft den Anspruch auf Alleinherrschaft machten. Ist unsere Analyse der Gestaltwahrnehmung auch nur einigermaßen richtig, dann sind nahezu ebensoviel Faktoren bei der Fälschung der Gestaltwahrnehmung, wie bei ihrer Entstehung am Werke. Die Wahrscheinlichkeit, mit einer einzigen der genannten Theorien auszukommen, ist darum nicht groß. Eine systematische Durchprüfung aller Wahrnehmungstäuschungen auf die einzelnen Faktoren mit dem Versuch einer Variation derselben wäre noch anzustellen. Auf Einzelnes hat man indessen schon aufmerksam gemacht, so auf die Verwechslung der Beziehungspunkte, namentlich beim Vergleich zweier Gestalten: ein auf der Spitze stehendes Quadrat erscheint größer als ein liegendes, weil man statt der Flächen die beiden von Punkten der Figuren begrenzten Senkrechten aufeinander bezieht (+Schumann+); >----< erscheint länger als <---->, weil man den von den Schrägen eingeschlossenen Raum mit einbezieht (+Müller-Lyer+).
Literatur
K. +Bühler+, Die Gestaltwahrnehmungen I (1913).
M. +Wertheimer+, Untersuchungen zur Lehre von der Gestalt. Psychol. Forschung (1922) I, S. 41 ff. (vgl. unten S. 131 ff.).
2. Kap. Die Zeitwahrnehmung
Wohl auf keinem anderen Gebiete der experimentellen Psychologie ist eine vorausgehende Besinnung und begriffliche Klärung über den Untersuchungsgegenstand so unerläßlich wie bei der Darstellung des „Zeitsinnes“. Auch hier beginnen wir mit dem, was uns unmittelbar in der Erfahrung gegeben ist. Da finden wir nun, daß die ganze, unserem Gegenstandsbewußtsein zugängliche Welt, wir selbst und unser Erleben nicht ausgenommen, einem zeitlichen Verlauf unterworfen ist. Diese +objektive Zeit+ erforscht die Psychologie nicht. Die Psychologie fragt nur: Wie erfassen und erleben wir die objektive Zeit?
Aus dem Gebiet des Zeitlichen erobert unser Bewußtsein nun mancherlei. Wir sprechen von der +Zeit im allgemeinen+ und von verschiedenen Zeitstrecken, geradeso wie wir von dem Raum im allgemeinen und von verschiedenen räumlichen Erstreckungen reden. Da haben wir es mit der letzten dem Bewußtsein möglichen Eroberung eines Erlebnisses zu tun: wir sind zur +begrifflichen+ Erfassung der Zeit vorgedrungen, eine Leistung, die wir erst bei Behandlung der Begriffe würdigen können. Wir beherrschen zweitens die +zeitlichen Beziehungen+: das Nacheinander, das Früher, Später, die Gleichzeitigkeit, das Jetzt. Sehen wir davon ab, daß namentlich bei der sprachlichen Verwertung dieser Dinge gleichfalls eine hohe begriffliche Verarbeitung der Zeiterlebnisse vorausgegangen sein muß, so braucht es doch keinen langen Nachweis, daß wir diese Verhältnisse auch vor aller Sprache und Begriffsbildung zu erkennen imstande sind. Das kleine Kind dürfte schon ohne Sprache und ohne weitläufige Begriffsbildung bemerken, daß das Heranbringen der Milchflasche vor dem Trinken und das Zubettgelegtwerden nach dem Trinken kommt. Es ist dies eine +Beziehungserfassung+, die ohne Denkfähigkeit nicht möglich ist. Und weil solche Beziehungserfassungen auch bei der Zeitwahrnehmung, wie sie die Experimente untersuchten, eine so große Rolle spielen, darum weisen wir der Zeitwahrnehmung entgegen dem bisherigen Gebrauch diese Stelle innerhalb der systematischen Darlegung an. Aus dem gleichen Grunde müssen wir auch dem Tier die Erfassung des Vorher, Nachher, des Jetzt und der Gleichzeitigkeit absprechen.
Drittens nehmen wir unmittelbar die +Dauer+ wahr: das, was die Sinne uns zeigen, wird uns als dauernd vorgestellt, und auch die Erlebnisse in uns, das Suchen und Forschen, das Lieben und Leiden, tritt immer nur als ein dauerndes Erleben auf. Das Dauern ist uns in +allen+ unseren Erlebnissen gegeben, wie das Ausgedehntsein in den Erlebnissen des Gesichts- und Tastsinnes gegeben ist. So verstanden, erlebt auch das Tier die Dauer. Sobald man jedoch nur diese eine Eigenschaft aller seelischen Geschehnisse für sich betrachtet, hat man eine Abstraktionsleistung vollzogen, deren wir das Tier nicht für fähig halten. Diese für sich allein genommene Seite individueller Bewußtseinsvorgänge ist es, die den eigentlichen Gegenstand der Zeitsinnuntersuchungen bildet. Man erkennt sofort, daß die Bezeichnung Zeitsinn eine sehr wenig glückliche war. Es geht nicht an, für die Erfassung eines unselbständigen Merkmals einen besonderen Sinn anzusetzen, man müßte sonst auch einen eigenen Raumsinn oder gar einen Intensitätssinn einführen. Dank dieser prinzipiellen Gleichstellung der Dauer mit den Sinneseindrücken, wie sie der sensistischen Psychologie geläufig war, stellte man dem Experiment +zwei Hauptaufgaben+: die Bestimmung der Zeitschwelle und die Vergleichung von Zeitstrecken. Für das Kernproblem, die Erfassung der Dauer, konnten diese Untersuchungen nicht sehr viel auswerfen; den reichsten Gewinn erzielt dabei die Psychologie des Urteils. Das Wichtigste sei kurz mitgeteilt.
Wenn man feststellt, daß das Auge schwache Lichtblitze als zwei erkennt, die sich in einem Zeitintervall von rund 45 σ (1 σ = ¹⁄₁₀₀₀ Sekunde), oder bei Einwirkung auf verschiedene Netzhautpunkte von 10 σ (+Pauli+) folgen, daß der Tastsinn zu derselben Leistung 27 σ, das Gehör nur 16 σ oder gar nur 2 σ benötigt, dann hat man im Grunde das zeitliche Auflösungsvermögen dieser Sinne gefunden. Man weiß nun, wieviel Zeit ein jeder braucht, um einen Reiz genügend abklingen zu lassen, damit ein folgender von jenem unterschieden werden kann -- an sich höchst bedeutsame Ergebnisse. Hinsichtlich der +Dauerschwelle+ erfahren wir hieraus indessen nur, daß sie unter 2 σ liegen muß.
Bei der Beurteilung von +Zeitstrecken+ empfiehlt es sich, +drei Hauptfälle+ auseinander zu halten: man beachtet die Dauer gleichzeitig während des Erlebens; man beurteilt sie erst beim Rückblick auf das Erlebte; man beurteilt sie vorausschauend und den Eintritt eines bestimmten Ereignisses abwartend.