Experimentelle Psychologie

Part 1

Chapter 12,274 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1923 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.

Der Übersichtlichkeit halber wurden die Fußnoten an das Ende der jeweiligen Kapitel, das Inhaltsverzeichnis dagegen an den Anfang des Texts verschoben.

Die Druckfehlerberichtigung wurde bereits in den laufenden Text eingearbeitet.

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Philosophische Handbibliothek

Band V

PHILOSOPHISCHE HANDBIBLIOTHEK

_Herausgegeben von_

Clemens Baeumker Ludwig Baur Max Ettlinger

unter Mitarbeit von

Matthias Baumgartner / Adolf Dyroff Godehard Jos. Ebers / Josef Ant. Endres / Josef Geyser Martin Grabmann / Johannes Lindworsky / Hans Meyer Franz Sawicki / Josef Schwertschlager Johann Peter Steffes / Michael Wittmann

1923

Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet K.-G. München

Verlagsabteilung Kempten

EXPERIMENTELLE PSYCHOLOGIE

von

_Johannes Lindworsky S. J._

Dritte, durchgesehene Auflage

Band V der Philosophischen Handbibliothek

1923

Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet K.-G. München

Verlagsabteilung Kempten

Alle Rechte vorbehalten

Nachdruck verboten

Made in Germany

*

Copyright 1923 by Josef Kösel & Friedrich Pustet, K.-G. München

Buchdruckerei des Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet, Kommandit-Ges. Zweigniederlassung Kaufbeuren

Vorwort zur dritten Auflage

Ein doppeltes Ziel hatte sich diese Arbeit gesteckt: kurz und verlässig zu berichten, was bisher über das Seelenleben des Erwachsenen erforscht war, und die in diesem Bilde noch klaffenden Lücken sei es durch eigene Untersuchungen, sei es durch Hypothesenbildung auszufüllen. Die günstige Aufnahme, die das Buch gefunden -- auch die zweite Auflage war vor Ablauf eines Jahres vergriffen --, dürfte beweisen, daß jenes Doppelziel im wesentlichen erreicht wurde.

In der dritten Auflage wurden die inzwischen gezeitigten Forschungsergebnisse verwertet, insoweit sie dem Plane des Buches entsprechen und eine gewisse Abgeschlossenheit erlangt haben.

Zwei Wünsche, die mir von geschätzter Seite vorgetragen wurden, konnte ich nicht erfüllen. Zunächst durfte ich ob des beschränkten Raumes nicht mit solcher Breite schreiben, daß das Buch +mühelos+ von jedem Gebildeten gelesen werden könnte. Wer es als Leitfaden neben den Vorlesungen benützt -- und für Hochschüler ist die „Philosophische Handbibliothek“ in erster Linie gedacht -- wird keine Schwierigkeiten beim Studium finden. Andere Leser dürften bei etwas besinnlicher Lektüre den Inhalt gleichfalls bewältigen und dann um so größeren Gewinn davontragen. Zweitens wurde ein Abriß der Methoden, etwa als Anhang gewünscht. Allein, was an Methodik für das Verständnis der Tatsachen notwendig ist, wird stets an seinem Ort mitgeteilt. Im übrigen möchte ich nicht der Täuschung Vorschub leisten, die Befähigung zu psychologischer Forschungsarbeit lasse sich leichthin erwerben. Wer eine genauere Einführung in die Anfangsgründe der Methodik wünscht, sei auf das gediegene Werk von R. +Pauli+, „Psychologisches Praktikum“ 3. Aufl. 1923, verwiesen, das sich u. a. auch durch ausgedehnte Literaturnachweise auszeichnet. Noch weiter führende Literaturangaben finden sich bei J. +Fröbes+, „Lehrbuch der experimentellen Psychologie“ 2. Aufl. 1922/23. -- Der S. 90 zitierte Aufsatz ist zwar schon seit geraumer Zeit gedruckt, wird aber vielleicht erst im nächsten Jahr erscheinen.

+Köln+, im September 1923.

+Johannes Lindworsky+ S. J.

Druckfehlerberichtigung:

S. 104 Zeile 2 von unten lies: „objektiven“ statt „subjektiven“.

INHALTSVERZEICHNIS

Seite

Vorwort V

Inhalt VII

Abkürzungen XII

+Einleitung+

1. Die Eigenart der experimentellen Psychologie 1

2. Die geschichtliche Entwicklung der experimentellen Psychologie 2

3. Gegenstand und Aufgabe der experimentellen Psychologie 6

4. Quellen und Methoden der experimentellen Psychologie 10

5. Überblick über die verschiedenen Zweige der experimentellen Psychologie 15

I. Buch.

Psychische Elemente und elementare Verbindungen

Erster Abschnitt: Die Empfindungen

1. Kap. Die Empfindung im allgemeinen 16

2. Kap. Die höheren Empfindungen

A. Die Gesichtsempfindungen

1. Qualitative Betrachtung der Gesichtsempfindungen 20 2. Die Beziehung der Farbenempfindung zu den äußeren Reizen 23 3. Die Gesetze der Farbenmischung 25 4. Der Simultankontrast 27 5. Die Umstimmung der Netzhaut 29 6. Die zeitlichen Verhältnisse der Lichtwirkung 30 7. Die örtlichen Verhältnisse der Lichtwirkung 31 8. Die Farbenblindheiten 32 9. Die Theorie des Hell- und Dunkelsehens. Duplizitätstheorie 33 10. Die Theorien des Farbensehens 35

B. Die Gehörempfindungen

1. Qualitative Betrachtung der Gehörempfindungen 38 2. Die Beziehung der Tonempfindungen zu den äußeren Reizen 42 3. Die Theorie der Gehörempfindung 45

3. Kap. Die niederen Empfindungen

A. Die Geschmacksempfindungen

1. Qualitative Betrachtung der Geschmacksempfindungen 48 2. Reize und Organe des Geschmacksinnes 50

B. Die Geruchsempfindungen 51 C. Die Temperaturempfindungen 53 D. Die Druckempfindung 56 E. Die Schmerzempfindung 57 F. Die Organempfindungen 59 G. Die statischen Empfindungen 60 H. Die kinästhetischen Empfindungen 63

4. Kap. Das Gesetz der spezifischen Sinnesenergie 66

5. Kap. Die Psychophysik 68

1. Aufgaben und Methoden der Psychophysik 69 2. Das Webersche und das Fechnersche Gesetz 72

Zweiter Abschnitt: Empfindungskomplexe 75

1. Kap. Die gleichzeitigen Tonverbindungen

1. Die Tatsache der Tonverschmelzung 76 2. Gesetze der Tonverschmelzung 77 3. Die Erklärung der Konsonanz 78

2. Kap. Die optischen Raumeindrücke 79

A. Der optische Eindruck der Fläche

1. Das Flächenelement. Nativismus und Empirismus 80 2. Der blinde Fleck 83 3. Die kleinsten unterscheidbaren Raumgrößen in der Fläche 83 4. Unvollkommenheiten des Einauges 84

B. Die Erfassung der drei Dimensionen durch das Einauge

1. Das Aufrechtsehen und die horizontale Ordnung 85 2. Das Tiefensehen 87

C. Das Sehen mit beiden Augen

1. Doppeltsehen und Einfachsehen 89 2. Die Sehrichtung des Doppelauges 91 3. Das Tiefensehen mit zwei Augen 92 4. Der Ursprung der binokularen Tiefenwahrnehmung 94

3. Kap. Empfindungskomplexe des Tastsinnes

1. Der Raumsinn der Haut 96 2. Der Tastraum der Blinden 97 3. Theorie des Tastraumes 99

Dritter Abschnitt: Die absoluten Vorstellungen 102

Vierter Abschnitt: Verbindung der Vorstellungen mit Empfindungen und Empfindungskomplexen 107

1. Die Synästhesien 107 2. Erscheinungsweisen der Farben 108 3. Die Sehgröße 110 4. Die nicht-optische Raumanschauung des Sehenden

a) Ortssinn und Lagewahrnehmung 112 b) Die Raumlokalisation im allgemeinen 115

Fünfter Abschnitt: Elementare Denkfunktionen

1. Die Beziehungserkenntnis 117 2. Das aktive Beziehen 119 3. Die Abstraktion 121

Sechster Abschnitt: Die Verbindung der Beziehungsfunktion mit den Empfindungskomplexen

1. Kap. Die Gestaltwahrnehmung 123 2. Kap. Die Zeitwahrnehmung 125 3. Kap. Die Bewegungswahrnehmung 131

Siebter Abschnitt: Elementare Gefühle

1. Abgrenzung der elementaren oder sinnlichen Gefühle 137 2. Die Eigenart der sinnlichen Gefühle 138 3. Die Gefühlsdimensionen und -qualitäten 139 4. Die Beziehungen zwischen Empfindung und Gefühl 141 5. Verbindung und Lösung der Gefühle 142 6. Die physiologischen Begleiterscheinungen der Gefühle 144 7. Theorie der sinnlichen Gefühle 145

Achter Abschnitt: Das elementare Wollen 147

1. Überblick über die verschiedenen Willenstheorien 147 2. Die experimentelle Untersuchung des Willens 148 3. Das elementare Wollen nach den experimentellen Ergebnissen 149

II. Buch.

Die Vorstellungserneuerung als Grundlage der höheren psychischen Leistungen

Erster Abschnitt: Die allgemeinen Gesetze der Vorstellungserneuerung 152

Zweiter Abschnitt: Die Assoziation als Grundlage der Reproduktion 158

1. Kap. Gehirn und Bewußtsein

1. Das Nervensystem 159 2. Die Zuordnung einzelner Gehirnteile zu psychischen Funktionen 160

2. Kap. Die Untersuchung besonderer Assoziationsgesetze

1. Die Methodik der Assoziationsforschung 163 2. Hauptergebnisse der Assoziationsforschung 165

a) Die Beziehungen zwischen der Zahl der Wiederholungen und der Assoziationsstärke 165 b) Einfluß des Lernstoffes 167 c) Die Gesetzmäßigkeiten des Vergessens 168 d) Die Bedeutung des allgemeinen psychischen Verhaltens 169 e) Nebenassoziationen 169

3. Kap. Ausdehnung der Betrachtung auf das Gesamtbewußtsein

1. Die Konstellation 170

a) Die Hilfen 171 b) Die Hemmungen 171

2. Die Komplexbildung 172

III. Buch.

Die höheren seelischen Leistungen des Einzelnen

Erster Abschnitt: Die höheren Erkenntnisleistungen

1. Kap. Die Vergleichung 176

2. Kap. Die Dingerfassung 179

3. Kap. Wahrnehmung und Vorstellung 180

4. Kap. Begriffe und Kategorien 183

5. Kap. Die Gewißheit 187

6. Kap. Das schlußfolgernde Denken 189

7. Kap. Das produktive Denken 193

8. Kap. Urteil, Annahme und Frage

1. Das Urteil 196 2. Die Annahme 199 3. Die Frage 200

9. Kap. Die höheren Gedächtnisleistungen

1. Erinnerung und Wiedererkennen 201 2. Erinnerungstäuschungen 204 3. Die Aussage 207

10. Kap. Das Ichbewußtsein 208

Zweiter Abschnitt: Die höheren Gefühle

1. Eigenart der höheren Gefühle 214 2. Theorie und Einteilung der höheren Gefühle 215 3. Bemerkenswerte Arten der Gefühle 218 4. Gesetzmäßigkeiten des Gefühlslebens 222 5. Die Beziehungen des Gefühls zu anderen Funktionen 224

Dritter Abschnitt: Das Willensleben

1. Kap. Die Vorbereitung des Willensaktes 226

1. Das Wesen des Motives 226 2. Einteilung der Motive 227 3. Vorbedingungen für die Wirksamkeit von Motiven 228

2. Kap. Die unmittelbaren Wirkungen des Willensaktes

1. Die determinierenden Tendenzen 229 2. Das Gesetz der speziellen Determination 232 3. Die Messung der Willenskraft. Das assoziative Äquivalent 233

3. Kap. Die Willenshandlung als Folge des Willensaktes

1. Die äußere Willenshandlung 236

2. Die innere Willenshandlung

a) Die Aufmerksamkeitsbewegung 241

1. Begriff und Arten der Aufmerksamkeit 242 2. Eigenschaften der Aufmerksamkeit 243 3. Die Bedingungen der Aufmerksamkeit 246 4. Die Wirkungen der Aufmerksamkeit 247 5. Die Theorie der Aufmerksamkeit 248 a) Die bisherigen Theorien 248 b) Die genetische Aufmerksamkeitstheorie 249 6. Störungen der Aufmerksamkeit 252

b) Die Vorstellungsbewegung 253

1. Die gebundene Vorstellungsbewegung 254 2. Die freie Vorstellungsbewegung. Die Phantasie

a) Die Gestaltung der freien Vorstellungsbewegung 255 b) Freie Vorstellungsbewegung und Phantasie 256

IV. Buch.

Die von der Gemeinschaft beeinflußten seelischen Leistungen 261

Erster Abschnitt: Die Sprache

1. Die Leistungen der Sprache 261 2. Die Entstehung der Sprache 262 3. Die Sprachentwicklung 264

Zweiter Abschnitt: Die Sitte

1. Gebräuche 267 2. Die Konstanz der Kultur 268 3. Recht und Sittlichkeit 269

Dritter Abschnitt: Die Kunst 272

1. Das Schöne 272 2. Der ästhetische Eindruck 272 3. Die Entstehung und Entwicklung der Kunst 275

Vierter Abschnitt: Die Religion 277

1. Der Gottesglaube 277 2. Das Gebet 279 3. Religiöse Entwicklungen 280

V. Buch.

Ausnahmezustände der Seele

Erster Abschnitt: Der Schlaf 282 Zweiter Abschnitt: Der Traum 287 Dritter Abschnitt: Die Hypnose 294

Namenregister 299

Sachregister 300

ABKÜRZUNGEN

APs: Archiv für die gesamte Psychologie. CgEPs: Bericht über den ... Kongreß für experimentelle Psychologie. FPs: Fortschritte der Psychologie ZaPs: Zeitschrift für angewandte Psychologie. ZPaPs: Zeitschrift für Pathopsychologie. ZPs: Zeitschrift für Psychologie.

Einleitung

1. Die Eigenart der experimentellen Psychologie

In diesem Buche wird von seelischen Vorkommnissen die Rede sein: wie wir die Farben sehen und die Töne hören; wie unsere Phantasie arbeitet; wie das Gedächtnis seine Schätze gewinnt und verliert; wie sich unser Gemüt regt; wie das menschliche Denken von Erkenntnis zu Erkenntnis vordringt und unser Wille seine Ziele verfolgt. Solche und ähnliche Vorgänge zu beobachten, sie im +einzelnen+ kennen zu lernen und ihre Gesetzmäßigkeiten zu entdecken, das ist, allgemein gesprochen, die Forscheraufgabe des Experimentalpsychologen. Anders lauten die Fragen, die sich der Philosoph über das Seelische stellt: Woher stammen die seelischen Vorkommnisse? Was ist die Seele? Ist die Seele geistig, unsterblich, mit Freiheit begabt? Wie verhalten sich Leib und Seele? Der charakteristische Unterschied zwischen den Interessen des Philosophen und des Experimentalpsychologen springt in die Augen. Dieser schaut auf die seelischen Einzeltatsachen, auf das Wie der psychischen Erscheinungen. Der Philosoph hingegen bemüht sich um ihre letzten Gründe: die Seele als Urgrund der Bewußtseinserscheinungen ist sein eigentlicher Forschungsgegenstand.

Der verschiedene Gesichtspunkt, von dem aus beide das nämliche Seelenleben betrachten, bedingt die Entstehung zweier verschiedener Wissenschaften. Weil aber der Experimentalpsychologe sich um Einzeltatsachen kümmert, weil er nicht nach letzten Gründen und allgemeinsten Gesetzen fragt, darum kann seine Wissenschaft nicht als Philosophie gelten. Sie steht aber im engsten Zusammenhang mit der philosophischen Psychologie. Der Experimentalpsychologe muß wenigstens einen Teil seiner Aufgabe gelöst haben, ehe der Philosoph die seinige auch nur beginnen kann; wenigstens einige Einzeltatsachen des Seelenlebens müssen festgestellt, beobachtet und beschrieben sein, ehe sich Schlüsse auf die letzten Ursachen solcher Tatsachen ziehen lassen. Und noch vor jeder genaueren Kenntnis beider Wissenschaften darf man vermuten, daß die Schlußfolgerungen des Philosophen um so mannigfacher und sicherer sein werden, je mehr Tatsachenmaterial der Experimentalpsychologe zutage gefördert hat. Die experimentelle Psychologie ist somit eine unentbehrliche Hilfswissenschaft der Philosophie.

Mit dieser vorläufigen Bestimmung ist auch schon die Eigenart der Experimentalpsychologie kundgetan: sie muß ihrer ganzen Natur nach darauf ausgehen, mit möglichst großer Sicherheit und in reichster Fülle seelische Tatsachen festzustellen. Es stehen ihr zu dieser Aufgabe, wie wir später noch im einzelnen sehen werden, mancherlei Methoden zu Gebote. Von der idealsten dieser Methoden, dem Experiment, hat sie ihren Namen erhalten. Diese Bezeichnung ist freilich ein Notbehelf; denn nicht alle Probleme unserer Wissenschaft können durch das Experiment gelöst werden. Gleichwohl sagt man besser experimentelle als empirische Psychologie, da auch die philosophische Psychologie empirisch sein muß; auch sie hat von Tatsachen auszugehen, wenn anders sie eine wissenschaftliche Psychologie sein will.

2. Die geschichtliche Entwicklung der experimentellen Psychologie

Die experimentelle Psychologie, wie sie soeben von uns aufgefaßt wurde, hat noch keine Geschichte, ja genau genommen, liegt sie selbst noch in der Zukunft. Die experimentelle Psychologie ist nämlich zurzeit in dem Prozeß der Loslösung von der Philosophie begriffen, den die Physik schon lange hinter sich hat. Gegenwärtig will ein Teil der Autoren nur die experimentelle Psychologie allein gelten lassen, während die Mehrheit die reinen Tatsachenfragen zusammen mit den philosophischen behandelt, freilich zum Schaden beider. Nur wenige entschließen sich zur klaren Sonderung beider Wissenschaften. Läßt sich sonach eine Geschichte der experimentellen Psychologie noch nicht schreiben, so kann man doch die Entwicklung kenntlich machen, die bis zu dem gegenwärtigen Stadium der allmählichen Verselbständigung geführt hat.

Die Psychologie hat niemals völlig der empirischen Grundlage entbehrt. Erfahrungen wie Träume, Erinnerungen u. ä. bildeten häufig den Ausgangspunkt und die Anregung zu den psychologischen Erwägungen der alten griechischen Philosophen. Man wird aber kaum sagen können, daß selbst ein Aristoteles, dem doch schon eine Formulierung der Assoziationsgesetze gelang, in ähnlicher Weise darauf ausgegangen wäre, psychische Tatsachen zu sammeln, wie er biologische und zoologische Beobachtungen beigebracht oder überliefert hat. Und so blieb es auch in der Hauptsache im Mittelalter. Einige wenige leicht zugängliche Selbstbeobachtungen waren der Unterbau, auf dem sich alsbald das spekulativ erarbeitete System der lebenswichtigen philosophisch-psychologischen Fragen erhob. Das braucht nicht zu befremden. Denn dies sind Fragen, zu denen jeder Mensch irgendwie Stellung nimmt, während die psychischen Einzelerscheinungen eine solche Bedeutung zumeist nicht beanspruchen und infolge ihrer Alltäglichkeit und engsten Zugehörigkeit zu unserem Ich nicht einmal unsere Verwunderung erregen -- die doch nach Aristoteles allein den Anstoß zur Forschung gibt.